Revolver-Duelle: Vier Western

Alfred Bekker

Published by BEKKERpublishing, 2015.

Inhaltsverzeichnis

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Revolver-Duelle: Vier Western

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Die Rückkehr des Leslie Morgan

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SONORA-GEIER

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Das harte Dutzend

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FARLEY UND DIE RANCHERIN

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Revolver-Duelle: Vier Western

von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 365 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält vier Western:

Die Rückkehr des Leslie Morgan

Sonora-Geier

Das harte Dutzend

Farley und die Rancherin

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author; Cover: Steve Mayer

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Die Rückkehr des Leslie Morgan

Dieser Roman erzählt die Geschichte des einsamen Kampfes eines aufrechten Mannes. 

1

„Sie kommen!“, knirschte Leslie Morgan grimmig zwischen den Zähnen hindurch.

Instinktiv war ihm klar, dass es nichts anderes als der Tod war, der da über den Horizont kroch. Und es gab kein Entrinnen... Leslie kniff die Augen zusammen und sah in der Ferne eine Reiterschar über die Hügelkette herannahen.

Fast zwei Dutzend Männer waren es, alle bis auf die Zähne bewaffnet. Einige von ihnen hatten die Gewehre bereits aus den ledernen Futteralen geholt, die sie an den Sätteln befestigt hatten.

Sie können es nicht erwarten, uns über den Haufen zu schießen, ging es Leslie Morgan bitter durch den Kopf. Seine Hand ging unwillkürlich in Richtung des Revolvers, der in dem tiefgeschnallten Holster an seiner Seite hing.

„Wenn ich das richtig sehe, dann ist das da vorne Dan Garth persönlich!“, hörte Leslie die Stimme seines jüngeren Bruders Ray, der sein Gewehr fest umklammert hielt.

Leslie Morgan nickte.

„Ja, du hast recht. Und Jesse Shaws feistes Gesicht sehe ich auch.“

„Ich sage Mum und Dad Bescheid“, meinte Ray.

Leslie nickte.

„Mach das.“

Ray zögerte noch und Leslie Morgan wandte leicht den Kopf.

„Was ist noch?“

„Glaubst du, es kommt diesmal zum Kampf, Les?“

„Es sieht ganz so aus.“

Von Anfang an hatten Garth und Shaw versucht, die Morgans aus der Gegend um Amarillo zu vertreiben, aber die waren zäh und hatten bislang allem widerstanden, womit man sie schikaniert hatte.

Die Leute von Garth und Shaw hatten das Vieh der Morgan-Ranch zerstreut, sie hatten die Männer der Umgebung so eingeschüchtert, sodass es keiner von ihnen gewagt hätte, bei den Morgans als Cowboy anzufangen und sie hatten die Geschäftsleute von Amarillo angewiesen, den Morgans kein Werkzeug zu verkaufen. Aber Caleb Morgan, seine Frau Betsy und die Söhne Leslie und Ray waren geblieben.

„Sie wollen uns aus dem Weg räumen wollen, Ray. Endgültig“, murmelte Leslie.

„Diese Schweine!“

„Wir werden es Ihnen nicht leichter machen, als unbedingt nötig!“

„Glaubst du, wir haben eine Chance, wenn es wirklich hart auf hart kommt, Les?“

Leslie Morgan schwieg und sah der herannahenden Meute mit schmalen Augen entgegen

2

Die Morgans verschanzten sich im Wohnhaus der Ranch. Leslie postierte sich am Fenster und beobachtete, wie die Reiter herannahten.

Seine Mutter lud eifrig Gewehre, während Caleb Morgan sich gerade den Revolvergurt umschnallte.

Ray hatte sich neben der Tür verschanzt, das Gewehr im Anschlag und den Blick starr hinaus gerichtet.

„Wir sollten gleich losballern!“, meinte Ray.

Aber sein Vater war anderer Ansicht.

„Nein“, bestimmte er. „Ich werde mit Dan Garth reden. Wir schießen erst, wenn es nicht anders geht!“

„Dad! Glaubst du, die sind hier mit einer solchen Streitmacht herausgeritten, um sich zu unterhalten?“

„Du tust, was ich sage, Ray!“, versetzte Caleb unmissverständlich.

Indessen hatte sich auch die Mutter der Morgan-Söhne ein Gewehr genommen und sich bei einem der Fenster postiert. Betsy Morgan war eine gute Schützin, die es mit den meisten Männern der Umgebung in dieser Hinsicht ohne weiteres aufnehmen konnte.

Dann waren die Reiter heran.

Grimmige Gestalten, bis auf die Zähne bewaffnet und zu allem entschlossen.

Staub wurde durch die Hufe von fast zwei Dutzend Pferden aufgewirbelt. Einige der Kerle sprangen aus den Sätteln und verschanzten sich in der Umgebung. Einen sah Leslie hinter der Scheune lauern, ein anderer versteckte sich hinter hinter einem Wagen.

Aber Dan Garth blieb im Sattel und kam etwas näher, umringt von seinen Leuten.

Garth hatte schon deutlich angegrautes Haar und ein hageres, lederhäutiges Gesicht. Seine Züge waren hart und in den tiefen Höhlen blitzten zwei eisgraue Augen.

Garth war der größte Rancher in der Gegend um Amarillo. Keiner konnte ihm im ganzen County auch nur entfernt das Wasser reichen.

Dan Garth war so etwas wie der ungekrönte König im County und wer immer es wagte, ihm in die Quere zu kommen, musste mit dem Schlimmsten rechnen...

Neben ihm ritt Jesse Shaw, ein Mann, der ein wenig aufgedunsen wirkte.

Seine Ranch war ein paar Nummern bescheidener, als die von Garth, aber immer noch um einiges größer als das, was die Morgans in den letzten, harten Jahren hier aus dem Nichts aufgebaut hatten.

Jedenfalls war Shaw immer noch mächtig genug, sodass ein Mann wie Dan Garth es sich nicht erlauben konnte, ihn einfach davonzujagen. Zwischen den beiden herrschte ein gespannter Frieden. Um im Moment waren sie sogar Verbündete. Beide Garth und Shaw - waren nämlich der Meinung, dass für einen dritten in diesem Land kein Platz war. In diesem Punkt waren sie einer Meinung

„Caleb Morgan! Bist du zu Hause?“, brüllte Dan Garth' heisere Stimme. Als er dann fortfuhr, klang Hohn in seinen Worten mit.

„Komm raus! Oder willst du lieber deine Frau vorschicken?“

„Ich knall ihn über den Haufen!“, knirschte Ray unterdessen.

„So darf er mit dir nicht reden, Dad!“

„Nein!“, bestimmte Caleb Morgan. In seiner Stimme lag eine Art von Autorität, die keinen Widerspruch duldete. „Ich werde mit Garth reden!“

„Trau diesem Hundesohn nicht“, mischte sich Leslie ein.

„Dieser Mann denkt, dass er sich hier alles erlauben kann. Außerdem hat er keine Skrupel... Und er hat die Wölfe dort sicher nicht mit hier hergebracht, um mit dir einen Plausch zu halten!“

Caleb schüttelte energisch den Kopf.

Er schien sich seiner Sache ganz sicher zu sein.

„Ich muss mit ihm reden, Les“, erwiderte er, während er seinem ältesten Sohn einen kurzen Blick zuwandte. „Du kannst dir selbst ausrechnen, wie unsere Chancen stehen, wenn Garth seine Meute wirklich loslässt!“ Caleb machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ich nehme an, er will uns nur einschüchtern. So war es bislang immer! Aber bei mir ist Garth da an den Falschen geraten!“

„Diesmal sieht anders aus, Dad“, knurrte Leslie Morgan düster. „Sie meinen es ernst. Ich hab's im Gefühl...“

Caleb lachte heiser.

„Du bist ein Schwarzseher, Les!“

„Geh nicht hinaus, Dad!“

„Ich weiß schon, was ich tue!“

„Dad!“

Aber Leslie wusste, dass er dem Willen seines Vaters in dieser Sekunde nichts Ebenbürtiges entgegensetzen konnte. Und so trat Caleb Morgan hinaus, der Schar von Garth' hungrigen Hyänen entgegen.

Aber Caleb schien das wenig zu beeindrucken.

„Was wollen Sie, Garth?“

„Ich will, dass Sie verschwinden, Morgan!“, bellte der Großrancher heiser. „Sie haben genügend Warnungen bekommen! Jetzt ist meine Geduld zu Ende!“

Calebs Stimme klang fest und entschlossen, als er antwortete: „Ich habe dasselbe Recht wie Sie, meine Rinder auf diesem Land weiden zu lassen. Dasselbe Recht, haben Sie gehört? Und es gibt nichts, was Sie dagegen tun können!“

Garth' Gesicht blieb regungslos.

„Ach, nein?“, fragte er mit einem Unterton, der vor Zynismus nur so troff. „Mir scheint, Sie übersehen, wie hier im County die Kräfteverhältnisse stehen...“

Caleb Morgan spuckte aus.

„Sie können sich aufblasen wie Sie wollen! Mich beeindrucken Ihre Mätzchen schon lange nicht mehr!“

In Garth' Gesichtszügen zeigte sich deutlich der Ärger, der in ihm aufstieg.

„Sie werden schon, was Sie davon haben!“, knurrte er wütend.

„Ich habe Ihnen die Chance gelassen, abzuziehen...“

Caleb Morgan ließ sich nicht so einfach einschüchtern.

„Es gilt das Gesetz der freien Weide, Garth!“

„Hier gilt nur mein Gesetz, Caleb Morgan! Und sonst gar nichts!“

„Hier ist kein Platz für einen Dritten!“, mischte sich jetzt der feiste Shaw ein. „Das sollten Sie endlich begreifen, Morgan!“

Sein schwammiges Gesicht verzog sich zu einem höhnischen Grinsen.

Die Tatsache, dass er mit fast zwei Dutzend Bewaffneten hier her gekommen war, verlieh ihm offenbar ein Gefühl von Überlegenheit, dass er jetzt genüsslich auskostete.

„Sie werden sich damit abfinden müssen, dass es einen dritten Rancher in der Gegend gibt“, erwiderte Caleb Morgan. „Die Weide ist frei!“

Dafür hatte Dan Garth nur ein zynisches Lachen. Dann beugte er sich im Sattel ein wenig vor und zischte: „Entweder, Sie nehmen Ihre Rinder und Ihren sonstigen Plunder und verschwinden so schnell Ihre Pferde Sie tragen, oder ich werde Ihnen Beine machen müssen! Und das wird nicht angenehm für Sie!“

„Sie können mit ihren Leuten ruhig wieder abziehen, Garth! Meine Meinung werden Sie nicht ändern!“

„Ist das Ihr letztes Wort, Morgan?“

„Ja.“

Garth zuckte die Achseln und ließ seinen gutdressierten Gaul ein paar Yards rückwärts gehen.

„Wie Sie wollen...“, murmelte er, wobei er die dünnen, aufgesprungenen Lippen kaum bewegte. „Alles, was jetzt geschieht, haben Sie sich selbst zuzuschreiben, Morgan! Ich habe Sie gewarnt!“

„Falls Sie jetzt Ihre Meute loslassen wollen, um hier alles in Schutt und Asche zu legen, kann ich nur sagen, dass Sie das bereuen würden!“, versprach Caleb.

Garth lachte.

„Ach, ja? Was sollte mich daran hindern?“

„Meine Söhne haben auf Ihren Kopf angelegt, Garth! Wenn Sie hier den wilden Mann spielen wollen, sind Sie der erste, der dran glauben wird!“

Einen Moment lang floh die Farbe aus Garth' Gesicht. Er blickte zu der Fensterfront des Ranchhauses hin und sah einen später Rays Winchesterlauf in seine Richtung deuten. Dan Garth schluckte.

Unterhalb seines linken Auges zuckte es nervös.

„Wir werden sehen!“, knurrte er düster. „Aber Sie sollten nicht denken, dass Sie so davonkommen, Morgan!“

Damit riss er seinen Gaul herum und stob davon. Seine Leute folgten ihm und auch diejenigen, die sich hinter der Scheune und beim Wagen versteckt hatten, sprangen in die Sättel und ritten davon.

Caleb atmete erleichtert auf, als er die Meute mit ihrer riesigen Staubwolke davonpreschen sah.

Leslie Morgan kam jetzt aus dem Haus und trat neben seinen Vater.

Caleb Morgan klopfte seinem Sohn auf die Schulter und meinte: „Siehst du, Les! Hab ich's doch gesagt! Ein aufgeblasener Gockel ist dieser Garth! Aber sobald man ihn von seinem Misthaufen herunterstürzt, ist ein Winzling!“

Aber der ältere der Morgan-Söhne blieb skeptisch.

„Die Sache ist noch nicht ausgestanden“, war Leslie sich sicher.

Sein Vater zuckte die Achseln.

„Mal den Teufel nicht an die Wand, mein Sohn!“

„Und wenn er Ernst macht?“

„Bislang hat er nur geblufft, Les!“, gab er zu bedenken. „So, wie ich vermutet hatte!“

Aber Leslie Morgan schüttelte leicht den Kopf. Dann deutete er auf die Reiterschar, die sich schon ganzes Stück entfernt hatte. Die Garth-Mannschaft sammelte sich. Dan Garth schien einige Anweisungen zu geben.

Einen Augenblick später teilte sich der Reiter-Pulk in kleine Gruppen auf, von denen einige eine Art Bogen ritten. Man brauchte nicht rätseln, um zu erkennen, was da vor sich ging!

Ein Angriff!

„Sie kommen zurück, Dad!“, stellte Leslie tonlos fest. „Jetzt wird es ernst!“

Er wechselte mit seinem Vater einen kurzen Blick. Caleb stand mit fassungslosem Gesicht da und konnte nichts sagen. Der Schrecken stand ihm in den Augen.

„Diese Bastarde“, flüsterte Caleb dann und riss den Revolver aus dem Holster.

Wenig später peitschten die ersten Schüsse.

3

Caleb und Leslie Morgan waren zurück ins Wohnhaus gelaufen, um sich dort zu verschanzen.

Die Angreifer preschten wild um sich schießend von allen Seiten heran. Ein wahrer Geschosshagel prasselte auf die Morgans hernieder, die sich in ihrem Haus verbarrikadiert hatten. Jetzt ging es ums Überleben.

Ein oder zwei der Reiter wurden aus den Sätteln geholt und lagen einen Augenblick später reglos im Staub. Der Angriff hatte kaum eine Minute gedauert, da gingen bereits die Scheune und der Pferdestall in Flammen auf.

Die Pferde wieherten markerschütternd. Einige der Tiere konnten sich befreien, rissen das Gatter nieder und stoben in heller Panik davon. Andere hatten weniger Glück und starben einen qualvollen Tod.

Leslie hatte sich inzwischen ein Winchester-Gewehr genommen und war zur Rückfront des Ranchhauses gestürmt. Durch den den engen Flur gelangte er in das Schlafzimmer seiner Eltern.

Ein Hagel von Blei ließ das Fensterglas zerspringen. Leslie Morgan pirschte sich bis zur Außenwand vor und postierte sich neben dem Fenster.

Dann tauchte er blitzartig aus seiner Deckung hervor und ließ kurz hintereinander mehrere Schüsse aus seiner Winchester krachen.

Einen der Reiter holte Leslie aus dem Sattel. Mit einem gellenden Schrei wurde er nach hinten gerissen, das Gewehr segelte im hohen Bogen davon und landete auf dem Boden. Der Mann war bereits tot, als er dumpf aufschlug. Sein Fuß verfing sich im Steigbügel, sodass die Leiche von dem durchgehenden Pferd noch ein ganzes Stück über den Boden geschleift wurde.

Einem anderen der Kerle holte Leslie den Gaul unter dem Hintern weg und einen Dritten traf er am Waffenarm. Der Mann fluchte lauthals, als ihm der Revolver entglitt. Als der nächste Bleihagel in seine Richtung ging, war Leslie Morgan bereits wieder in Deckung gegangen. Die Geschosse peitschten durch das Fenster und zerfetzten das Holz, aus dem der Kleiderschrank auf der gegenüberliegenden Seite des Schlafzimmers gemacht war.

Manche der Kugeln gingen sogar durch die Hauswand. Sie schlugen glatt durch das dünne Holz der Wände.

Leslie hatte ziemlich großes Glück, bislang ungeschoren davongekommen zu sein.

Er hörte das Geräusch eines galoppierenden Pferdes. Einer der Kerle schien sich ziemlich nahe heranzutrauen, aber Leslie konnte im Moment nichts dagegen tun. Zu stark stand er unter Beschuss.

Dann segelte irgendetwas Schweres, Langsames durch das Fenster...

Es war eine Fackel.

Sie landete direkt auf dem breiten Ehebett von Caleb und Betsy Morgan.

Leslie wollte aufspringen, um die Fackel zu ergreifen und wieder hinauszuwerfen.

Ein Schuss, der dicht an seinem Kopf vorbeistrich ließ ihn in der Bewegung innehalten.

Es dauerte nur Sekunden, und das Bett hatte Feuer gefangen. Es war zu spät.

In seinem Inneren wusste Leslie dies, aber er wusste auch, dass

dieser Kampf so gut wie verloren war, wenn sich das Feuer im Wohnhaus ausbreitete. Und so schnellte vor, warf die Winchester zur Seite und versuchte, die Decke zusammenzurollen und das Feuer zu ersticken.

Schüsse sirrten von draußen herein, aber darauf nahm Leslie in diesem Moment keine Rücksicht.

Er musste es versuchen.

Aber es war aussichtslos. Das Feuer kroch bereits die Wand empor. Wie ein hungriges Ungeheuer fraß es sich voran, unersättlich und rasend schnell.

Das Holz, aus dem dieses Haus erbaut war, war staubtrocken. Eine ideale Beute der Flammen. Seit Monaten hatte es keinen Regen gegeben.

Leslie sah aus den Augenwinkel heraus eine Gestalt vor dem Fenster.

Ein Reiter. Einer von Garth' Männern.

Leslie kannte ihn. Es war der blonde Bill Wheaton, seines Zeichens Vormann auf der Garth-Ranch.

Wheaton hatte seinen langen Peacemaker-Colt in der Rechten und zielte damit direkt auf Leslie, dessen Hand sofort zur Hüfte ging.

Leslie ließ sich instinktiv seitwärts fallen und riss den Colt aus dem Holster. Er tat dies, obwohl er wusste, dass es aussichtslos war, denn er hatte kaum eine Chance, seine eigene Waffe noch rechtzeitig in Anschlag zu bringen.

Jedenfalls nicht, bevor der Vormann der Garth-Ranch abgedrückt hatte.

Und Wheaton war in der Gegend ein gefürchteter Schütze. dass er auf diese Entfernung sein Ziel verfehlte war unwahrscheinlich.

Leslie hatte sein Eisen kaum zur Hälfte aus dem Holster gerissen, da krachte bereits Wheatons Schuss.

Aber annähernd gleichzeitig feuerte noch jemand anderes. Ray stand in der Schlafzimmertür und ließ sein Repetiergewehr sprechen. Sein erster Schuss ging Wheaton in die Schulter.

Der Coltarm des Vormanns zuckte unwillkürlich nach oben, sodass die Kugel, die eigentlich für Leslie bestimmt war, ins Nichts ging.

Aber Wheaton reagierte blitzartig.

Er feuerte sofort ein zweites Mal und dieser Schuss traf Ray Morgan mitten in der Stirn. Ray blieb wie erstarrt stehen. Seine Augen blickten ins Nichts, während sich auf seiner Stirn ein rotes Loch gebildet hatte.

Auch Leslie feuerte.

Dreimal kurz hintereinander.

Der Vormann schrie getroffen auf, der Revolver entfiel ihm.Er klammerte sich verzweifelt an seinem Gaul fest, der in vollem Galopp davonstob. Nach ein paar Dutzend Yards wurde das Pferd langsamer. Leslie sah, wie der getroffene Vormann aus dem Sattel rutschte und reglos im Präriegras liegenblieb. Er hat es nicht besser verdient, ging es Leslie grimmig durch den Kopf.

Leslie Morgan beugte sich kurz über seinen Bruder. Aber dem konnte er nicht mehr helfen.

„Verdammt!“

Tränen des Zorns stiegen Leslie Morgan in die Augen. Ray hatte ihm das Leben gerettet und jetzt lag er hier mit einer Kugel im Kopf.

Diese Hunde!, dachte er verzweifelt und ballte dabei unwillkürlich die Hände zu Fäusten. Ohnmächtige Wut hatte ihn erfasst. Dafür würden Garth und seine Meute bezahlen!, schwor sich Leslie.

Und wenn es das Letzte war, was er tat...

Ein bedrohliches Knistern drang an seine Ohren. Die Flammen fraßen sich voran. Und wahrscheinlich gab es im Moment nichts, das sie noch aufhalten konnte... Es wurde heiß, verdammt heiß.

Leslie Morgan erhob sich.

Er ging durch den engen Flur und erreichte schließlich die Vorderfront des Ranchhauses. Sein Vater und seine Mutter hatten sich dort verschanzt und feuerten Schuss um Schuss hinaus. Aber die Lage war verzweifelt.

Leslie schnellte in geduckter Haltung voran und ging bei einem Fenster in Deckung, in dem kaum noch ein Stück Glas war. Jemand von den Bluthunden da draußen schien die Bewegung gesehen zu haben und ließ ein paar Bleikugeln dicht über ihn hinwegpfeifen.

Dann verebbte der Beschuss ein wenig und Leslie nutzte die Gelegenheit dazu, seinen Revolver nachzuladen.

„Hier!“

Sein Vater warf ihm eine Winchester zu und Leslie fing sie sicher mit der Linken.

„Danke, Dad!“

„Ist Ray noch da hinten?“ Caleb deutete mit der Hand in Richtung der Rückfront des Wohnhauses.

Leslie zögerte eine Sekunde.

Dann sagte er: „Ja.“

Es war besser, wenn sie die schlimme Nachricht erst später erfuhren, denn jetzt mussten sie alle Kräfte darauf konzentrieren, selbst zu überleben.

Leslie tauschte mit seinem Vater einen kurzen Blick. In Calebs Gesicht zuckte es kaum merklich.

„Im Schlafzimmer ist Feuer!“, sagte Leslie.

„Verdammt, was machst du dann hier!“

„Es ist zu spät, Dad! Eine Mannschaft von mindestens einem Dutzend Männern und ein freier Zugang zu unserem Brunnen da drüben - vielleicht wäre das Haus noch zu retten. Aber so wird es uns über den Köpfen wegbrennen, Dad! Ohne, dass wir etwas tun können.“

Und dann war plötzlich Hufschlag zu zu hören. Leslie tauchte aus seiner Deckung heraus und wurde sofort von einer Gewehrsalve empfangen.

Das Blei zischte ihm nur so um die Ohren, aber auch Leslie feuerte.

Zwei Schüsse aus seiner Winchester konnte er in Richtung des Reiters abgeben, der da mit einer brennenden Fackel in der Hand herangeprescht kam.

Dieser konnte noch die Fackel durch eines der Fenster schleudern, da holte Leslies Kugel ihn aus dem Sattel, während das Pferd sich wiehernd auf die Hinterhand stellte. Der Kerl fiel mit einem dumpfen Geräusch in den Staub. Die Fackel war indessen auf dem blanken Holzboden des Ranchhauses gelandet.

Caleb Morgan hatte das gesehen und verließ seine Deckung, um zu verhindern, dass es auch hier an zu brennen fing.

„Gebt mir Feuerschutz!“, rief er heiser seiner Frau und seinem Sohn zu, die verzweifelt versuchten, dem grausamen Kugelhagel, der von draußen hereinschlug, irgendetwas entgegenzusetzen.

„Nein!“, rief Leslie, der ahnte, dass das nicht gut gehen konnte. Sein Vater hechtete zu der Fackel, ergriff sie und wollte sie gerade zurückschleudern, als ihn kurz hintereinander drei Kugeln erwischten.

Die Wucht der Geschosse ließ Caleb Morgan der Länge nach auf den harten Holzboden schlagen. Vergeblich versuchte er noch, die Fackel durch das Fenster zu schleudern. Aber seine Arme gehorchten ihm schon nicht mehr.

Sein Blick war starr geworden und ging ins Nichts. Die Fackel kam die Tischdecke, die sofort Feuer fing. Leslie schluckte.

Einen Sekundenbruchteil war er wie gelähmt. Sein Vater war tot und es gab nichts, was er noch für ihn tun konnte. Wütend lud er das Winchester-Gewehr durch und feuerte ein paar Kugeln nach draußen. Vorn irgendwoher gellte ein unterdrückter Schrei - halb vor Schmerz, halb vor Wut. Offenbar hatte es einen der Schufte erwischt.

Leslie feuerte Schuss um Schuss.

Bezahlen sollen sie, diese Hunde!, ging es ihm grimmig durch den Kopf. Einen der Kerle erwischte er noch, dann fühlte Leslie plötzlich, wie er nach hinten gerissen wurde. Noch ein Schuss löste sich aus der Winchester, aber der ging ins Nichts. Noch in derselben Sekunde ahnte Leslie, was geschehen war. Es hatte ihn erwischt.

An der linken Schulter wurde es blutrot. Das Hemd war zerfetzt.

Die Wucht des Geschosses ließ Leslie Morgan rückwärts taumeln, sodass er für einen winzigen Augenblick ohne Deckung dastand. Eine zweite Kugel fraß sich in seinen Oberkörper und so sank Leslie kraftlos in sich zusammen.

Verzweifelt hielt er die Winchester umklammert. Er atmete heftig und versuchte, sich auf dem Gewehrlauf aufzustützen. Sein Blick ging dabei zur Seite. Er sah seine Mutter starr auf dem Boden neben dem Fenster sitzen, an dem sie ihren Posten bezogen hatte.

„Nein...“, flüsterte er.

Leslie Morgan starrte sie mit dem Ausdruck ungläubigen Entsetzens an. Auf den ersten Blick hätte man denken können, dass Betsy Morgan noch lebte.

Aber ihr Blick war starr.

Und ihr Kleid rot.

Ein dickes Kaliber war glatt durch die Außenwand des Ranchhauses geschlagen und hatte sie getötet. Verzweiflung und kalte Wut erfassten Leslie Morgan. Aber er spürte, wie die Kraft aus seinem Körper floh. Er versuchte, sich aufzurichten, aber vor seinen Augen begann sich alles zu drehen. Und dann war da dieser furchtbare, pulsierende Schmerz, der ihn ergriffen hatte.

Es ist zu Ende!, dachte er.

Und im Hintergrund hörte er es knistern. Das Feuer heulte sich seine Beute.

Nichts würde übrigbleiben von der Morgan-Ranch. Nichts, als ein paar verkohlte Balken und ein bisschen Asche, die der Wind zerstreuen würde...

Leslie Morgan sank auf den rohen Holzboden des Ranchhauses. Schweiß trat auf seine Stirn. Er fühlte die Hitze. Beißender Qualm stieg ihm in die Nase und ließ ihn husten. Es wurde kaum mehr als ein erbärmliches Röcheln. Nein, das durfte nicht das Ende sein!, schrie es in ihm. Aber es schien nichts zu geben, was er noch tun konnte. Ein letztes Mal versuchte er, die Muskeln und Sehnen seines Körpers anzuspannen. Vergebens.

Vor seinen Augen wurde es schwarz.

Tiefe Nacht umgab ihn dann und er rechnete nicht damit, dass diese Nacht je enden würde...

4

Dan Garth trat mit gezogenem Revolver in das Ranchhaus der Morgans. Die Gegenwehr war verebbt. Das konnte wohl nur bedeuten, dass es alle Morgans erwischt hatte.

„Passen Sie auf, Boss“, hörte Garth eine heisere Stimme in seinem Rücken.

Sie gehörte einem blassgesichtigen Mann namens Carter, der für Garth arbeitete. Carter hustete. Der Qualm biss in der Lunge. Garth lachte zynisch.

„Hast du etwa Angst?“

„Man kann nie wissen, Boss! Die Morgans haben sich zäh gewehrt. Ich traue ihnen alles zu...“

Ein Knarren ließ die beiden Männer herumfahren. Carter riss sein Gewehr hoch. Ein brennender Balken ging zu Boden und ließ ein Funkenmeer umhersprühen.

Dann entspannten sich Garth' harte Züge, als er Caleb Morgans Leiche sah.

„Da liegt er also“, murmelte er rau. „Er hat es nicht anders gewollt, dieser verdammte Bastard...“ Er deutete mit dem langen Lauf seines Peacemaker-Colts auf einen anderen Körper, der reglos dalag. „Das ist Leslie, nicht wahr?“

„Ja“, nickte Carter.

„Wo ist der andere Morgan-Sohn?“

„Es hat ihn bestimmt auch erwischt.“

Dan Garth atmete tief durch.

Ja, das war wahrscheinlich.

Aus dem brennenden Haus hätte niemand unbemerkt hinausgelangen können...

„Ich hoffe, dass das allen eine Warnung ist, die in Zukunft sich einbilden, einem Dan Garth auf der Nase herumtanzen zu können!“

„So schnell wird das keiner mehr wagen, Boss“, murmelte Carter düster. Einen Augenblick später fuhr er dann fort: „Kommen Sie, Mister Garth! Es ist verdammt heiß hier! Und ich wette, es dauert nicht mehr allzu lange, bis hier alles wie ein Kartenhaus in sich zusammenstürzt...“

Einen Moment noch glitt Garth' Blick über das lodernde Chaos. Dann nickte er leicht und wandte sich zum Gehen. Draußen sah er Jesse Shaw, der hoch zu Ross geblieben war. Der feiste Mann verzog das Gesicht, als ihm der Rauch in die Nase stieg.

„Was ist?“, fragte er, obwohl es da eigentlich nur eine Antwort geben konnte.

„Sie werden uns nie wieder in die Quere kommen, die Morgans!“, meinte Garth und verzog dabei das Gesicht zu einem schiefen Grinsen.

Dabei entblößte er zwei Reihen blitzender Zähne, die ihm etwas Raubtierhaftes gaben.

Jesse Shaw schob sich den Hut ein wenig in den Nacken und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

Garth lachte indessen rau und meinte: „Dafür, dass du zu den Siegern gehörst, machst du ein ziemlich merkwürdiges Gesicht, Jesse!“

„Nun, ich überlege nur so...“, knurrte Shaw, der sich in einer Haut irgendwie nicht so recht wohl zu fühlen schien. Garth und Carter stiegen in die Sättel.

„Worüber denkst du nach, Jesse?“, fragte Garth dann, während er sein Pferd herumriss.

„Darüber, ob das hier nicht ein bisschen zu hart war“, erwiderte Shaw und deutete dabei auf das brennende Ranchhaus. „Hätte es nicht genügt, den Morgans einen Schrecken einzujagen?“

„Das haben wir doch mehrfach probiert. Dazu waren sie einfach zu zäh. Nein, wir hatten keine andere Wahl“, war Garth überzeugt.

„Trotzdem...“

„Mach dir nicht in die Hosen, Jesse!“

„Ich hoffe nur, dass das keinen Ärger gibt! Es sind schließlich ein paar Menschen draufgegangen!“

Jesse Shaw hatte bei seinen letzten Worten sehr leise gesprochen. Und er wandte sofort den Blick zur Seite, als ihn die eisgrauen Augen von Dan Garth zu fixieren begannen. Aus Garth Blick sprach eine Mischung aus unverhohlener Verachtung und Wut.

Der Rancher ballte grimmig die Faust.

„Hör zu, Jesse! Dies ist mein Land! Der ganze County! Die Stadt Amarillo! Nichts geschieht hier, wenn ich es nicht will! Ich dachte, dass du das inzwischen begriffen hättest!“

„Sicher...“

„Solange du auf meiner Seite bist, Jesse, kann dir nichts passieren!“

Damit gab Garth seinem Gaul die Sporen und ließ ihn voranpreschen.

Aus Jesse Shaws schwammigen Gesicht floh der letzte Rest von Farbe. Er schluckte.

Shaw hatte die Drohung, die in Garth' letzten Worten lag sofort gespürt. Und irgendwie war ihm auf einmal nicht nicht wohl dabei, an der Seite eines Mannes zu reiten, der seine Freunde kaum besser zu behandeln schien, als andere Leute ihre Feinde.

5

Das erste, was Leslie Morgan spürte war, dass irgendeine Kraft ihn in die Höhe riss. Er hörte ein Krachen, offenbar das Bersten eines Balkens. Und dazwischen - ganz leise - das Keuchen eines Menschen, der immer wieder leise vor sich hin fluchte...

Leslie Morgan versuchte die Augen zu öffnen. Alles schmerzte. Seine Seite, sein Oberkörper. Und als er die Augen öffnete schmerzte auch das. Es kam ihm grell und heiß entgegen und so kniff er die Augen sofort wieder zu.

Überall schienen Flammen zu sein. Die Hitze war schier unerträglich...

Leslie hustete und erschrak dabei. Es klang entsetzlich schwach.

Zwei kräftige Hände hatten ihn unter den Achseln gepackt und zogen Leslie mit sich.

Dann ging es nach draußen, wo die Luft besser war. Leslie rang nach Atem. Er wurde noch ein Stück mitgeschleift und dann auf dem Boden liegengelassen.

Leslie versuchte sich zu erheben, kam aber nicht weit. Dann sah er über sich ein Gesicht.

Es war ein schwarzes Gesicht. Schwarz, runzelig und alt. Das Haupthaar und der dünne Bart waren grau.

Leslie kannte den Mann.

Er hieß McGhee, war bis zum Sieg der Union Sklave gewesen und bewirtschaftete jetzt mit seiner Frau eine kleine Farm in der Nähe. Einmal hatte Leslie ihm aus der Klemme geholfen, als Garth sich einen Spaß daraus gemacht hatte, den alten Mann mit dicht neben die Füße gezielten Schüssen über sein Feld zu treiben.

„Hier!“, sagte der Schwarze, während er sich zu Leslie niederbeugte.

McGhee hielt Leslie seine Feldflasche an den Mund und dieser sog begierig das Wasser in sich hinein. Seine Kehle war wie ausgedörrt.

Unterdessen sagte McGhee: „Die Rauchfahne ist meilenweit zu sehen... Ich habe meinen Wagen mitgebracht!“

Leslie versuchte, etwas zu sagen, aber es kam nichts über seine Lippen.

„Das war Dan Garth, nicht wahr?“, erkundigte sich der Schwarze in Richtung des brennenden Hauses. Es war keine Frage.

Leslie Morgan nickte leicht.

„Ja“, flüsterte er. „Dieser Hund! Er hat sie alle umbringen lassen! Dad, Mum, Ray...“

„Ich hatte ihrem Vater gesagt, dass es besser ist, von hier zu verschwinden“, meinte der Schwarze. „Gegen Dan Garth kommt keiner an!“

„Garth wird für das bezahlen, was er getan hat“, krächzte Leslie und verzog dabei das Gesicht vor Schmerz.

„Ich werde mich um Ihre Wunde kümmern“, versprach der Schwarze. „Und dann bringe ich Sie hier weg!“

„Warum tun Sie das, McGhee?“, fragte Leslie. „Sie bringen sich damit nur in Gefahr! Schließlich hatten Sie bereits Ärger mit Garth!“

Auf McGhees Gesicht erschien ein dünnes, abgeklärtes Lächeln, das einer erst dann bekommt, wenn er schon viel gesehen hat.

„Ich werde es nie schaffen, einer von Garth Lieblingen zu werden“, meinte er. „Schon wegen meiner Hautfarbe nicht! Sein Sohn ist im Bürgerkrieg gefallen und dafür macht er die 'Nigger aus dem Norden' - so drückt er sich aus - verantwortlich!“, Er zuckte die Achseln. „Wenn ich jünger wäre, wäre ich schon längst verschwunden. Aber in meinem Alter überlegt man es sich dreimal, ob man seine sieben Sachen packt und ganz woanders noch einmal von vorne beginnt. Dazu muss man wohl ein paar Jahre weniger auf dem Buckel haben, schätze ich!“

„Vielleicht...“, murmelte Leslie halblaut.

Währenddessen gab es beim Ranchhaus einen Riesenkrach. Wände stürzten um, Balken brachen.

„Ich werde Sie zu mir nach Hause bringen“, erklärte McGhee.

„Ich weiß nicht, ob Sie sich damit einen Gefallen tun, McGhee!“

„Ich bin es Ihnen schuldig, Morgan! Außerdem - wenn ich es nicht täte, dann hätte ich Sie gar nicht erst zu retten brauchen. Allein haben Sie nämlich keine Überlebenschance.“

Leslie atmete schwer.

Er wusste, dass McGhee recht hatte.

Der Schwarze ging davon, um seinen Wagen zu holen. Es war ein einfacher Zweispänner, hinten mit einer Ladefläche. Leslie Morgan versuchte vergeblich, sich aufzurichten. McGhee kam herbei und packte ihn unter den Armen. Schließlich gelang es dem alten Mann, Leslie auf den Wagen zu hieven.

„Nicht schlecht für einen, der nun wirklich nicht mehr der jüngste ist, was?“, rief er.

Vor Leslies Augen drehte sich alles.

Er konnte sich nicht erinnern, sich je dermaßen schwach gefühlt zu haben. Er presste die Hand gegen den Oberkörper und spürte, wie das Blut zwischen seinen Fingern hindurchsickerte... Es musste schnell gehen, war Leslie klar.

Sonst würde er sein Leben aushauchen, noch ehe McGhees Wagen irgendwo angekommen war. Anscheinend war diesem das aber ebenfalls klar, denn er schwang sich mit einem Satz auf den Bock und trieb dann die Pferde unbarmherzig voran.

„Heya! Vorwärts, ihr lahmen Gäule!“

McGhee fuhr wie der Teufel und nahm dabei auf nichts und niemanden Rücksicht. Nicht auf sich selbst oder den Wagen, noch auf die Pferde, die ihr Letztes geben mussten... Das Gefährt humpelte über den unebenen Boden. Jede Erschütterung bedeutete unsagbare Schmerzen für Leslie. Aber da war etwas, das den jungen Mann das alles durchstehen ließ, ohne dass ein Laut über seine Lippen kam. Es war der Gedanke an Rache, der in Leslie brannte!

Ein Feuer, das gelöscht werden musste.

Irgendwann!

6

Das Bett, in dem Leslie Morgan lag, war ein bisschen zu kurz für ihn, aber das war im Moment das geringste Problem. Mrs. McGhee hatte ihm einen provisorischen Verband angelegt, nachdem ihr Mann seinen Whiskey-Vorrat geopfert hatte, um die Wunde zu desinfizieren.

„Es ist nicht das erste Mal, dass ich so etwas mache“, sagte er.

„Allerdings sah es bei keinem schlimm aus wie bei Ihnen, Mister Morgan!“

Leslie war unfähig, etwas zu erwidern.

Er fühlte den kalten Schweiß auf seiner Stirn. Gut möglich, dass sich die Wunde trotz des Whiskeys entzündete und ihn hinwegraffte...

Aber er wollte leben!

„Er braucht einen Arzt“, hörte er Mrs. McGhee sagen. Sie glaubte wohl, dass er schlief oder ohnmächtig war. „Sonst schafft er es nicht, John!“

„Ich weiß“, erwiderte McGhee und seufzte. „Aber ich kann nicht nach Amarillo fahren und Doc Kelly holen!“

„Warum nicht, John?“

„Weil der Kerl seinen Mund nicht halten kann und sich wie ein Lauffeuer verbreiten würde, wo der letzte der Morgan-Familie sich aufhält. Was glaubst du, wie schnell wir hier Besuch bekämen.“

Mrs. McGhee atmete tief durch. „Das ist wahr. Aber ohne Doc ist er so gut wie tot...“

„Ich hole einen aus Lockwood!“

„Dann bist du zwei Tage unterwegs! Ob er es bis dahin schafft?“

McGhee zuckte die Achseln.

„Wenn Dan Garth oder einer seiner Spießgesellen ihm den Rest gibt, wird seine Chance dadurch auch nicht besser, oder?“

John McGhees Schritte, als er den Raum verließ - das war das letzte, was Leslie Morgan hörte. Dann umgab ihn tiefe Dunkelheit. Schwarze Bewusstlosigkeit senkte sich über ihn und erlöste ihn für eine Weile von seinen Qualen.

7

Die folgenden zwei Tage verbrachte Leslie Morgan in einem Dämmerzustand zwischen Fiebertraum und Bewusstlosigkeit. Ab und zu tauchte er aus diesem Zustand auf und sah in das Gesicht von Mrs. McGhee, die ihm kalte Tücher auf die Stirn gelegt hatte, um das Fieber zu dämpfen.

„Ist Ihr Mann noch nicht zurück?“, hauchte Leslie in einem einer wenigen Wachmomente.

Mrs. McGhee schüttelte den Kopf.

„Ich bete darum, dass er einen Doc gefunden hat!“

Es war gegen Mittag des dritten Tages, als John McGhee endlich zurückkehrte.

Und mit ihm kam ein hagerer, hoch aufgeschossener Mann in einem abgeschabten dunklen Anzug. Der Staub von der Fahrt durch das trockene Brassada-Land war unverkennbar.

„Das ist Doc Linklater aus Lockwood“, stellte McGhee ihn vor.

Linklater verzog keine Miene.

Der Doc wandte sich sofort seinem Patienten zu, stellte seine Tasche auf einen Stuhl und zog sich die Jacke aus.

„Er hat Fieber“, sagte Mrs. McGhee.

Aber das sah der Doc sicher auch selbst.

Er krempelte die Ärmel hoch. „Machen Sie heißes Wasser!“

„Ja.“

Der Doc untersuchte kurz die Wunde

„Ich muss operieren“, murmelte er dann.

Und in der nächsten Stunde holte er zwei Kugeln aus Leslie Morgans Körper.

Als er fertig war, packte er seine Sachen und wandte sich zum Gehen.

„Sie können sich nicht einfach davonmachen“, sagte McGhee.

„Jetzt nicht!“

„Ich kann nichts mehr tun“, sagte der Doc. „Alles, was getan werden konnte, habe ich getan. Vielleicht kommt er durch. Er sieht kräftig aus. Und er hat viel Lebenswillen. Das sind gute Voraussetzungen.“ Bevor Doc Linklater ging, wandte er sich noch einmal an McGhee. „Wer bezahlt übrigens meine Auslagen?“

„Warten Sie“, sagte McGhee. „Wie viel bekommen Sie?“

Der Doc nannte seinen Preis. Und McGhee ging an Leslies Tasche und nahm die letzten Dollars heraus, die sich darin befanden. Er musste selbst noch ein paar Cent dazulegen, damit es stimmte.

Dann ging der Doc wortlos hinaus, bestieg seinen Gaul und preschte davon.

8

Die Tage gingen dahin und Leslie Morgans Zustand besserte sich zusehends.

Das Fieber ging zurück, die Wunde begann zu heilen, aber Leslie war immer noch sehr schwach.

Stundenweise stand er auf, lief etwas herum und wirkte wie ein gefangenes Tier, das nur darauf brannte, in die Freiheit entlassen zu werden.

„Können Sie mir irgendwie ein Pferd überlassen, McGhee?“, fragte er den Schwarzen eines Tages.

„Sie sind noch nicht gut genug beieinander, um aufzubrechen zu können“, erwiderte der alte Mann.

Leslie lächelte dünn.

„Je eher, desto besser!“

„Damit Sie in der Brassada verrecken?“

„Ich bin ein harter Brocken, McGhee.“

„Das schon...“

„Also, was ist? Ich habe keine Lust zu Fuß zu laufen...“

„Und keinen Dollar mehr!“

„Sie werden es von mir zurückbekommen, McGhee! Alles, was Sie für mich getan haben! Sobald ich ein paar Dollar habe...“

McGhee legte ihm eine Hand auf die Schulter.

„Damit lassen Sie sich ruhig Zeit! Ich weiß, dass Sie nichts schuldig bleiben!“

„Ich werde zurückkehren. Eines Tages!“

„Sicher...“

Am nächsten Tag ritt Leslie Morgan los. McGhee überließ ihm zu dem Pferd einen alten Sattel und Leslie schaffte es mit einiger Mühe, in die Steigbügel zu steigen und oben zu bleiben.

„Das Hemd meines Mannes steht Ihnen nicht schlecht“, meinte McGhees Frau.

„Ich danke Ihnen für alles“, sagte Leslie.

„Gegen die Wölfe müssen die Schafe zusammenhalten“, sagte John McGhee. „Sonst haben sie überhaupt keine Chance!“

Leslie Morgan schwieg.

Nein, dachte er. Er gehörte keineswegs zu den Schafen. Und dieser Kampf war auch noch nicht zu Ende...

Leslie winkte den McGhees kurz zu und ließ den Gaul dann über das weite Grasland laufen.

Einmal drehte Leslie sich kurz im Sattel herum, kurz bevor er hinter dem Horizont verschwand.

„Ich frage mich, ob wir ihn je wiedersehen“, meinte Mrs.McGhee.

Drei Monate später ging auf der Bank von Amarillo eine Überweisung für John McGhee ein. Anonym, nur mit dem Vermerk versehen: Für den Gaul!

Das war für lange Zeit das letzte Lebenszeichen von Leslie Morgan.

9

Drei Jahre waren vergangen...

Dan Garth stand auf der Veranda seines Ranch-Hauses und blickte über das weiße Grasland, als dessen Herr er sich fühlte. Hinter den Hügeln lag irgendwo Amarillo, eine Stadt, die in den letzten Jahren stark gewachsen war

Und auch dort war sein Wort nach wie vor maßgebend. Mit seinem Geld waren die Kirche und das Rathaus gebaut worden. Zwei von drei Saloons gehörten ihm und beim Drugstore war er Teilhaber.

Und wenn das alles nicht genug war, um Einfluss zu nehmen und etwas so hinzubiegen, wie es Dan Garth in den Kram passte, dann blieb ihm immer noch seine knochenharte Ranchmannschaft. Viele der Männer, die Garth angeheuert hatte, waren keine gewöhnlichen Cowboys, sondern Männer mit dunkler Vergangenheit und einem lockeren Schießeisen. Männer, die bereit waren, für ein Trinkgeld zu töten... Dan Garth führte langsam die Blechtasse mit dem heißen Kaffee zum Mund und beobachtete einige seiner Leute dabei, wie sie Pferde einritten.

Dann ging sein Blick zum Horizont.

Einige Reiter kamen über die sanften Hügel. Ihre Gestalten wurden rasch größer und es dauerte nicht lange, da war Garth klar, dass das nicht seine eigenen Leute waren.

„Carter!“, rief er nach seinem neuen Vormann. Und schon einen Augenblick später kam dessen blasse Gestalt aus einem der Nebengebäude heraus, in dem die Mannschaft ihre Unterkünfte hatten.

Carter kam zur Veranda.

„Was gibt's, Boss?“

„Dahinten!“ Dan Garth deutete mit der Blechtasse auf die Reiter. „Das sind Jesse Shaw und seine Leute! Es wird Ärger geben!“

„Shaw ist ein Feigling, Mister Garth. Er wird es nicht wagen, sich gegen Sie zu erheben!“

„Nein, aber kann mir Schwierigkeiten machen“, knurrte Garth grimmig.

Carter überprüfte indessen den Sitz seines Revolvers. Sicher war sicher.

Auch die anderen Männer waren auf die Ankömmlinge aufmerksam geworden.

Als die Reiter bis zur Veranda des Ranchhauses herangekommen waren, hob Jesse Shaw die Hand. Der Trupp kam zum Stehen, während Garth Leute sich nicht weiter um die Mustangs hinter dem Gatter scherten, sondern näherkamen und die Neuankömmlinge interessiert musterten.

Dan Garth blieb sehr ruhig.

Er trug im Moment keinen Revolver an der Seite, aber das war nicht weiter schlimm.

Wenn es hart auf hart ging und ein Schießeisen benutzt werden musste, dann würde er sich auf seinen Vormann Carter verlassen können.

„Was ist los, Shaw?“, rief Garth. „Sie haben ja eine ganze Armee mitgebracht! Trauen Sie sich nicht mehr allein hier her!“

Jesse Shaws feistes Gesicht verzog sich ärgerlich.

„Ich muss mit Ihnen reden, Garth!“

„Kommen Sie ins Haus, Shaw!“

„Nein!“

Garth hob die Augenbrauen. Aber seine kantigen Züge zeigten keinerlei Regung. „Wie Sie wollen!“

„Die Sache lässt sich schnell regeln, wenn Sie vernünftig sind! Es geht um die Nordweide...“

„Was ist damit?“

„Tun Sie nicht so! Seit Jahren schon nutzen meine Cowboys sie...“

„Damit ist nun Schluss“, erwiderte Garth kalt und schnitt Shaw damit das Wort ab.

Shaw war außer sich.

„Ich konnte es erst kaum glauben! Sie haben Ihre Bastarde losgeschickt und meine Tiere zerstreut...“

„Schon möglich“, zischte Garth und dabei fixierte sein kalter Blick den anderen Rancher. „Ich brauche die Weide jetzt! Und die beiden Cowboys von Ihnen, die meine Leute auf der Nordweide antrafen, waren klug genug, um zu erkennen, wie hier die Kräfteverhältnisse sind. Ich hoffe, Sie sind es auch, Shaw!“

„Sie haben kein Recht dazu!“

„Ach, nein?“

„Ich brauche die Weide!“

„Sehen Sie zu, dass Ihre Tiere und Ihre Cowboys sich dort in Zukunft nicht mehr blicken lassen. Habe ich mich klar ausgedrückt?“

Shaws Nasenflügel bebten vor zorniger Erregung. Die Hand wurde unwillkürlich zur Faust.

„Damit kommen Sie nicht durch, Garth!“

Garth lachte rau.

„Was Sie nicht sagen...“

Der Rancher drehte sich halb herum und trank den Kaffee aus. Er schien keine Lust mehr zu haben, sich weiter mit Shaw zu streiten.

„Sehen Sie mich an, Garth!“

„Es ist alles gesagt!“

„Sie arroganter Kerl! Sie glauben wohl, Sie könnten sich alles erlauben, aber irgendwann werden Sie einen Schritt zu weit gehen! Irgendwann...“

Shaw war rot angelaufen. Er wirkte wie eine Dynamitstange kurz vor der Explosion.

„Seien Sie vernünftig, Shaw!“

„Sie meinen, ich soll den Schwanz vor Ihnen einziehen!

Aber...“

Garth hörte nicht weiter zu, sondern ging in Richtung Tür und ließ Shaw wie einen begossenen Pudel stehen.

Das brachte das Fass zum Überlaufen!

„Verdammt, sehen Sie mich an, Garth!“

Und dann ging Shaws Hand zur Hüfte. Er hatte den Griff seines 45er Colts kaum berührt, da hatte Carter, der neue Vormann der Garth-Ranch bereits sein Eisen herausgebracht und abgefeuert.

Shaw schrie auf, als ihm die Kugel in den Körtper vor. Die Wucht des Geschosses riss ihn nach hinten und streckte ihn zu Boden. Irgendwo im Bereich der Schulter musste es ihn erwischt haben, denn sein Hemd färbte sich dort blutrot. Sein Revolver steckte noch immer im Holster und im Moment war er auch gar nicht in der Lage, ihn noch zu erreichen. Sein rechter Arm schien ihm nämlich nicht mehr zu gehorchen. Einige aus der Shaw-Mannschaft waren zusammengezuckt und hatten die Hände zu den Revolvern gleiten lassen. Aber sie waren sofort zu Salzsäulen erstarrt, als sie in die offenen Revolvermündungen blickten, die von allen Seiten auf sie gerichtet waren.

Garth' Leute hatten eine Art Halbkreis um den Reitertrupp gebildet.

Shaws Leue waren klug genug, nichts zu unternehmen. Ihr Boss wand sich indessen im Staub und stöhnte vor Schmerz.

Dan Garth drehte sich langsam herum und knurrte dann: „Was ist? Wollt ihr euren Boss hier liegenlassen?“

Zwei der Reiter sprangen nach einigem Zögern aus dem Sattel. Die Angst steckte ihnen im Nacken, das war ihnen deutlich anzusehen. Sie beugten sich über Shaw, halfen ihm auf und hievten ih auf seinen Gaul.

„Ihr Tag wird auch noch kommen, Garth!“, krächzte Shaw. Garth konnte dafür nur ein müdes Lächeln erübrigen.„Das, was Sie heute versucht haben, sollten Sie nie wieder versuchen, Shaw! Ich habe Männer schon aus viel nichtigeren Anlässen ins Jenseits geschickt, wenn es nötig war...“

Jesse Shaw lenkte mühsam sein Pferd herum und gab ihm die Sporen. Seine Männer folgten ihm, verängstigt wie ein Schar Hasen.

Shaw und seine Leute schienen es eilig zu haben, diesen Ort zu verlassen.

Nicht lange und die Reitergruppe war hinter den nächsten Hügeln verschwunden.

Dan Garth wandte sich an seinen Vormann Carter.

„Danke, Roy!“

„Sie wissen doch, dass Sie sich auf mich verlassen können, Boss!“

Garth nickte. „Sicher.“

Auf Roy Carters bleichem Gesicht zeigte sich die Ahnung eines Lächelns. Es wirkte mehr wie eine Grimasse. Er strich sich den dünnen Oberlippenbart glatt und meinte dann: „Sie haben jetzt einen weiteren Feind, Garth!“

„Sprichst du von Shaw, diesem feigen Hund?“

„Er hasst Sie, Mister Garth! Und wenn sich eine Gelegenheit ergibt, wird er gegen Sie vorgehen!“

Garth lachte schallend und schüttelte energisch den Kopf.

„Er ist ein Feigling, Roy! Er wird es nicht wagen, die Hand gegen mich zu erheben, so sehr ihn das mit der Nordweide auch wurmt!“

„Ich hoffe, Sie haben recht, Mister Garth!“

Garth hob die Augenbrauen und musterte seinen Vormann eine Weile. Dann fragte der Rancher: „Was würdest du vorschlagen?“

Roy Carters Gesicht blieb völlig unbewegt.

Dann machte er eine eindeutige Geste, indem er seine Handkante am hervorstehenden Adamsapfel vorbeischnellen ließ.

„Wenn's nach mir ginge: Kurzer Prozess, Boss! Wie damals, bei diesem widerspenstigen Caleb Morgan und seinen nichtsnutzigen Söhnen!“

„Die hatten auch nicht ein Dutzend Cowboys auf ihrer Seite“, gab Dan Garth zu bedenken. Er hatte auch schon mit dem Gedanken gespielt, scheute aber das Risiko.

Ein hässliches schiefes Grinsen spielte um Roy Carters Mundwinkel.

„Zahlen Sie jedem der Männer einen Jahresverdienst. Was glauben Sie, wie schnell die über alle Berge sind!“

10

Es war bereits dunkel, als der einsame Reiter die Stadt Amarillo erreichte.

Er war tagelang geritten. Den dunklen Hut trug er tief ins Gesicht gezogen, den Kragen seiner Jacke hatte er hochgeschlagen. An der Seite blitzte der Revolver hervor, den er im tiefgeschnallten Holster stecken hatte.

Der Reiter hielt geradewegs auf den Dead Indian-Saloon zu, in dessen Räumen sich Hotelzimmer befanden.

Sein Pferd machte er an der Querstange neben den anderen Gäulen fest, dann hängte er sich die Satteltaschen über die linke Schulter und nahm die Winchester aus dem Sattelschuh. So ging er durch die Schwingtüren.

Drinnen herrschte ausgelassene Stimmung. Ein paar Männer standen an der Theke, an den Tischen wurde Karten gespielt. Der Fremde blieb einen Augenblick in der Tür stehen und ließ den Blick über die Männer schweifen. Dann ging er gerade durch den Raum und legte seine Sachen auf die Theke.

„Ich will ein Zimmer mit Blick zur Straße“, sagte er zu der der schönen Saloonerin mit den hellblonden Haaren, die zusammen mit einem langen, dürren Kerl hier den Laden zu schmeißen schien.

Sie war ziemlich jung und außerordentlich hübsch. Wahrscheinlich kam ein Teil der Männer nur ihretwegen hier her, denn der Whiskey war teurer als in den anderen drei Saloons von Amarillo.

Die Blonde schenkte dem Fremden ein reizendes Lächeln und meinte: „Kein Problem!“

Plötzlich kam einer der anderen Kerle herbei. Seiner Kleidung nach war ein Cowboy. Er trug die ledernen Chaps noch um die Beine.

Er packte den Fremden an der Schulter und riss ihn herum. Er blickte ihm direkt in die dunklen Augen. Ein Drei-Tage-Bart stand in dessen Gesicht.

Aber der Cowboy erkannte ihn dennoch und erbleichte.

„Leslie Morgan“, flüsterte er und schüttelte fassungslos den Kopf. Der Cowboy wich ein paar Schritte zurück und stierte den Fremden an, als hätte er ein Gespenst vor sich. „Das ist unmöglich...“

Mit einem Mal herrschte Totenstille im Schankraum. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können.

„Ich kenne dich“, sagte Leslie Morgan mit ruhiger, tiefer Stimme an den Cowboy gewandt. „Du bist Haines - einer von Dan Garth' Männern!“

Der Cowboy sagte gar nichts.

Er stand mit offenem Mund da und schüttelte nur stumm den Kopf. Leslie Morgans Gesicht blieb regungslos. Seine dunklen Augen musterten Haines abschätzig.