Josephine Siebe


Neue Kindergeschichten aus Oberheudorf

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Klassiker als ebook herausgegeben bei RUTHeBooks, 2016


ISBN: 978-3-95923-178-7


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Traumfriedes Glück



Eines schönen Tages, als sich der Sommer gerade wieder in vollem Behagen in seinem Reich umsah, erblickte er plötzlich den Herbst, der in seinem rotgoldenen Prachtkleid einhergewandert kam. Schnell küßte da der Sommer noch einmal seine Lieblinge, die Rosen, daß sie wieder aufblühten wie im Juni, und dann zog er, große Rosensträuße in den Händen tragend, von den Höhen herab, aus den Tälern heraus, dem heißen Süden zu.

Der Herbst trat seine Herrschaft an. Zu seinem Empfang blühten in den Gärten Astern und dicke Georginen auf, die Herbstzeitlosen standen blaß und zart auf den Wiesen, und Äpfel, Birnen und Pflaumen bekamen große Lust, von den Bäumen herab ins Gras zu fallen.

Für die Oberheudorfer Kinder war das eine vergnügliche Zeit. Jedes Haus hatte sein Gärtchen, jedes Gärtchen hatte seine Obstbäume, und auf der Landstraße nach Niederheudorf standen die Pflaumenbäume wie Soldaten. Sie hingen so voll, daß niemand schalt, wenn sich die Buben und Mädel die herabgefallenen Früchte auflasen. Am Buchberg waren die Haselnüsse reif; die Kinder zogen miteinander zur Nußernte hinaus, was freilich die Eichkätzchen im Walde höchst überflüssig fanden. So ein alter Eichkatzenonkel sagte einmal ingrimmig: "Was die Oberheudorfer Buben und Mädel futtern können, das ist unglaublich. Ob andere Kinder wohl auch so gern etwas Gutes essen?"

An einem dieser reichen, schönen Herbsttage, an dem der Himmel so klar und blau war wie ein einziger großer Saphir, gingen Muhme Lenelies und Traumfriede nach Schloß Friedheim. Die Frau Gräfin hatte sagen lassen, sie möchten beide an diesem Nachmittag zu ihr kommen. Sie wußten beide nicht, warum, und sie waren beide ein wenig unruhig. "Vielleicht hat sie Friedes Arbeit gelesen und will ihm etwas sagen," dachte die Muhme, und der Bube hatte den gleichen Gedanken, nur meinte er, loben würde ihn die Frau Gräfin sicher nicht. Ziemlich bedrückt ging er hinter der Muhme her, als ein Diener beide in ein großes Zimmer ließ. "Gib mir ein Küßchen, gib mir ein Küßchen!" tönte ihnen gleich eine schrille Stimme entgegen, und Muhme Lenelies sagte lachend: "Nä, das ist richtig wieder der verrückte Vogel!"

"Der Papagei!" jubelte Friede, der alle Scheu vergaß. Bewundernd schaute er den bunten Vogel an. "Wie schön er ist!"

"Meine Mimi ist mir lieber," sagte Muhme Lenelies, an ihre lustige kleine Amsel denkend. "Das möchte ich nicht, so 'n Vogel, der mich jeden Tag um einen Kuß bittet."

"Schafskopp, Schafskopp," schnarrte der Papagei so laut, daß die Muhme ordentlich erschrak.

"Mal schimpft er, mal will er 'n Kuß, das wäre mir zu unruhig," sagte die Muhme. "Aber nun pass' auf, Friede, dort durch die Türe kommt die Frau Gräfin."

"Diesmal kommt sie durch eine andere Türe," sagte die Gräfin lachend, die von einer großen Veranda aus das Zimmer betrat. Sie reichte der alten Frau und Friede freundlich die Hand und führte beide hinaus auf die Veranda. Dort saßen der Graf, der Pfarrer von Oberheudorf und Friedes geliebter Herr Lehrer. Dem Buben wurde es ganz seltsam feierlich zumute, denn die drei Herren sahen ihn so ernsthaft prüfend an, und geschwind überlegte er, was er alles in der letzten Zeit getan hatte, und atmete erleichtert auf, als ihm kein sonderliches Unrecht einfiel; in der Schule hatte er nur gute Nummern gehabt, das war ihm ein Trost.

Dann sprach der Herr Graf zu ihm. Friede hörte es, aber doch meinte er, der Graf sagte das alles zu einem andern Buben, ihn konnte er doch nicht meinen. Ihm konnte er doch nicht sagen, daß er in die Stadt kommen sollte auf eine Schule, auf der er viel, viel mehr lernen müßte, und daß er dann später einmal auch ein Pfarrer, ein Lehrer oder sonst ein gelehrter Mann werden könnte. Nein, sicher, das galt nicht ihm, dem armen Waisenjungen, der noch vor einem Jahr der jämmerlichste, schmutzigste Bube von Oberheudorf gewesen war.

Doch da rief Muhme Lenelies: "Lieber Gott, das Glück! So gut soll's mal mein Friede haben, mein Junge! Nä, wo soll ich nur da zu danken anfangen!"

Nun wagte Friede erst aufzusehen. Er sah, wie ihn alle freundlich anschauten, sah, wie der Herr Lehrer ihm ermunternd zunickte, und da wurde es ihm erst zur Gewißheit, daß er wirklich der Bube sein sollte, dem ein so großes Glück geboten wurde.

Lernen sollte er dürfen, soviel er mochte. Schon der Vater des Grafen hatte eine Stiftung für arme begabte Knaben gemacht. Seit vielen Jahren aber hatte kein Oberheudorfer Bube Lust gehabt, etwas anderes als ein tüchtiger Bauer zu werden. Einmal war einer zur See gegangen, und ein anderer war Tischler geworden, das bestimmte Geld aber hatte keiner verstudiert. Nun war so viel da, daß Friede in einer Stadt lernen und studieren konnte. "Bis Ostern sollst du noch bei Muhme Lenelies bleiben," sagte der Graf, "der Herr Lehrer will dich besonders unterrichten, zu Ostern sollst du dann in die Stadt kommen."

"In die Stadt!" Plötzlich durchfuhr es Friede: dann mußte er doch von Muhme Lenelies fort, mußte seine Pflegemutter verlassen. Erschrocken sah er zu der Muhme auf, sah in das gute, freundliche Gesicht, und die Stunde fiel ihm ein, in der die Muhme ihn in all ihrer Armut in ihr Haus genommen hatte, fort von dem harten, geizigen Kohlbauern, und an den Winter dachte er, an die Krankheit der Muhme, und wie oft sie da sagte: "Wie gut, mein Friede, daß ich dich habe!"

Traumfriede senkte den Kopf, und ganz leise sagte er: "Das geht nicht."

"Schafskopp, Schafskopp," kreischte drinnen im Zimmer der Papagei, und der Graf sah den Buben ärgerlich an. "Hör mal, unsere Lola scheint recht zu haben. Was ist denn das für eine dumme Rede: Es geht nicht?"

Es ging Friede wieder wie damals auf der Dorfstraße, als seine Kameraden ihn einen Abschreiber genannt hatten: er fand jetzt plötzlich den Mut zu sprechen. Er richtete sich auf und sah mit seinen klaren, blauen Augen den Grafen an und antwortete: "Ich kann doch Muhme Lenelies nicht verlassen! Nein, das geht nicht! Wenn sie wieder krank wird, sie hat niemand, nein ... nein, ich will immer bei ihr bleiben." Und rasch trat Friede neben die alte Frau und sah diese treuherzig an. Muhme Lenelies legte ihren Arm um den Buben und sagte, und in ihrer Stimme klang es wie heimliches Lachen und heimliches Weinen: "Nä, mein Friede, da sage ich nun, das geht nicht. Du mußt in die Stadt und lernen. Es ist ein großes, großes Glück für dich, daß der Herr Graf für dich sorgen will, dafür wollen wir beide von Herzen dankbar sein. Daß du hast bei mir bleiben wollen, das, Friede, werde ich nie vergessen, das ist akkrat so, als hättest du mir ein großes Schloß, ach, noch viel mehr geschenkt. Aber fort mußt du, da hilft nun nichts."

"Es gibt ja auch Ferien," sagte der Lehrer freundlich.

"Nu richtig!" rief die Muhme. "Nä, Friede, wird das schön, wenn du dann heimkommst! Du meine Güte, ich freu' mich jetzt schon auf die Ferien wie Faulpelze, die's auch immer nicht erwarten können. Ich mache dann auch Striche in meinem Kalender und zähle die Tage, bis Ferien sind."

Die Gräfin und die drei Herren lachten laut über die große Ferienfreude der Muhme. Der Graf gab Friede die Hand und sagte freundlich: "Also, mein Junge, es geht doch; was die Muhme sagt, muß geschehen. Da heißt es folgen. Wirst du nun auch fleißig sein?"

"Ja," rief Friede so fest und froh, daß seine Beschützer wußten, der Bube würde wirklich ein guter Schüler werden.

Nun mußten Muhme Lenelies und Friede noch Kaffee trinken und Kuchen essen, aber so gut alles war, die beiden konnten vor Freude kaum essen. Es kam ihnen beiden vor, als träumten sie einen schönen Traum, als wären sie ins Märchenland gekommen, und noch als sie schon heimwärts gingen, sagte die Muhme: "Friede, Friede, ich kann's noch gar nicht fassen, du sollst in die Stadt, sollst ein gelehrter Herr werden!"

"In den Ferien darf ich aber immer, immer zu dir kommen?" bat Friede, dem der Gedanke an den Abschied von seiner treuen Pflegemutter, trotz aller Freude, bitter schwer auf dem Herzen lag.

Muhme Lenelies nickte nur und blieb stehen. Sie waren jetzt beide auf der Höhe des Weges angekommen und sahen unten ein wenig im Tal Oberheudorf liegen. Wie Küchlein an die Henne, so kuschelten sich die Häuser behaglich an die kleine, weiße Kirche an, und die herbstlich gefärbten Bäume standen im goldenen Kranz um das Dorf herum. In der Luft aber war ein seltsames Schwirren und Tönen: große Scharen von Zugvögeln flogen über Dorf und Wald dem fernen Süden zu. "Sie fliegen fort und kommen wieder, denn hier ist ihre Heimat," sagte Muhme Lenelies nachdenklich. "Schau, Friede, so soll es dir auch gehen; du sollst wegziehen und wiederkommen, und was auch aus dir wird, Oberheudorf soll immer deine Heimat bleiben, trag sie immer im Herzen."

Friede nickte und sagte leise und andächtig, wie ein Gelöbnis klang es: "Immer."

"Da sind sie, da sind sie!" brüllte es in diesem Augenblick los. Vom Walde her kamen Buben und Mädel, alle mit Körben, Töpfen und Säckchen, sie hatten Waldernte gehalten und Beeren, Pilze und Tannenzapfen gesucht. Dabei hatten sie Leberecht Sperling getroffen, und der hatte sie erst angebrummt und ihnen dann erzählt, Muhme Lenelies und Friede wären von der Frau Gräfin zu Kaffee und Kuchen eingeladen worden. "Ist das wahr, ist das wahr?" schrien sie alle durcheinander. "Hat's viel Kuchen gegeben? War der Papagei da? Was hat er gesagt?"

Muhme Lenelies nickte: "Na ja, Kaffee und Kuchen gab's schon, aber noch was viel Besseres." Nun erzählte sie den Kindern von Friedes Glück, und die rissen Mund und Augen auf. In die Stadt sollte Friede und ein gelehrter Herr werden; so etwas war ja noch gar nicht dagewesen! Heine Peterle fuhr sich durch sein Strubbelhaar und murmelte: "Das möchte mir nicht gefallen, nä, na überhaupt die Stadt! Geh nicht hin, Friede, da ist's dumm!"

Schulzens Jakob aber sagte nachdenklich: "Nachher wirst du gar nichts mehr von uns wissen wollen."

"Dafür hättest du nun was auf deinen Schnabel verdient," rief Muhme Lenelies ärgerlich. "So ein albernes Gerede! Seine Heimat und seine alten Freunde vergißt man nicht in der Fremde, merk dir das, Jakob. Wer das tut, der ist gar nicht wert, so eine schöne Heimat wie Oberheudorf zu haben!"

"Gibt's in der Stadt auch Ferien?" flüsterte Waldbauers Mariandel und ergriff Friedes Hand.

"Freilich gibt's Ferien," sagte Muhme Lenelies, die die Frage gehört hatte, "und dann besucht uns Friede allemal. Aber nun kommt heim, die Sonne geht unter!"

Die gute Sonne hatte wirklich schon die rosenroten Vorhänge ihres Wolkenbettes zugezogen; nur ein wenig, blinzelte sie noch hervor und grüßte mit einem letzten Scheinen und Glänzen die Heimkehrenden. Sie warf noch etwas strahlendes Licht über das Dorf, daß alle Fensterscheiben wie Diamanten blitzten und auf allen Dächern ein Rosenschimmer lag.

Die Kinder schwatzten und lachten, schmiedeten Zukunftspläne und bauten turmhohe Luftschlösser. Nur Friede und Mariandel schwiegen und schauten versonnen auf das Dorf, das so schön und friedlich im Abendschein vor ihnen lag. Das Bild grub sich Friede fest ins Herz und nahm es später mit in die Fremde. Er trug fortan seine Heimat im Herzen, wie Muhme Lenelies gesagt hatte.


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Inhalt




Einleitung - Warum noch ein Buch geschrieben wurde

Ein Fastnachtsscherz

Vorsicht, Gespenster!

Es hat in der Zeitung gestanden

Ein kleiner Held

Das Hünengrab

Nachtwächter sein ist manchmal schwer

Schauspieler sind da!

Die schöne Flickerin - ein Märchen

Das zornmütige Annchen

Wir wollen die Bahn!

Ein Wundervogel

Ferienarbeiten, und was manchmal daraus wird

Der unsichtbare Kaspar - ein Märchen

Traumfriedes Glück

 


1



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Muhme Lenelies und ihre Freunde

Einleitung - Warum noch ein Buch geschrieben wurde



An einem Wintertag, an dem es draußen schneite und wehte, als hätte der Winter Sehnsucht, ein paar erfrorene Nasen zu sehen, saß der Schullehrer von Oberheudorf in seinem Wohnzimmer und las seiner Frau aus einem Buche vor. Die Kälte und der Sturm draußen kümmerten sie alle beide nicht, sie lachten einmal laut, einmal leise, und die Frau Lehrerin rief manchmal: "Na, so etwas!" und ihr Mann nickte dann und sagte vergnügt zwischen Vorlesen und Lachen: "Es stimmt, es stimmt! Wirklich, so ist es gewesen, ganz genau so!"

Einmal sahen beide auch traurig drein, und die Frau wischte sich verstohlen ein paar Tränlein aus den Augen, und dann wurden sie alle beide wieder vergnügt und waren so eifrig zusammen, er beim Lesen und sie beim Zuhören und Strümpfestopfen, daß sie gar nicht hörten, als es draußen klopfte. Erst als das Klopfen stärker wurde, hörte der Lehrer auf zu lesen, und seine Frau ging und öffnete die Türe. Herein kam ein altes Weiblein, das hatte ein rotes Kopftuch um und ein so liebes, freundliches Gesicht, als wäre die Sonne seine allerbeste Freundin. Die Lehrersleute riefen ihr auch recht vergnügt entgegen: "Ei, guten Abend, Muhme Lenelies! Das ist recht, daß Sie sich mal sehen lassen. Sie kommen just auch gerade wie gerufen!"

Muhme Lenelies mußte sich an den Ofen setzen, und die Hausfrau brachte ihr geschwind eine Tasse heißen Kaffee und ein Stück Wecken, und als die Alte nun so recht vergnügt und behaglich dasaß, nahm der Herr Lehrer das Buch und las ihr etwas daraus vor.

Da staunte aber die gute Muhme Lenelies. Sie schlug die Hände zusammen und rief: "Ih nä, die Geschichte ist doch hier in Oberheudorf passiert, nu ganz gewiß! Daß mir mein Friede, mein Herzensjunge, in den Suppentopf gefallen ist, das muß ich doch wissen!"

"Freilich, freilich," lachte der Lehrer und zeigte der alten Frau das hübsch eingebundene Buch. "Da lesen Sie nur einmal!" Ein bißchen mühsam und stotternd buchstabierte die Muhme, denn es war schon lange, lauge her, seit sie in der Schule lesen gelernt hatte: "Oberheudorfer Buben- und Mädelgeschichten."

"Was sagen Sie dazu, Muhme? Lauter Geschichten von unsern Buben und Mädeln stehen in dem Buch," rief die Lehrersfrau. "Von Heine Peterle, wie er zum ersten Male in die Stadt gegangen ist, und von Schulzens Jakob, von den drei Frieden, von Annchen Amsee, Röse und Mariandel, selbst von Schnipfelbauers Fritz, diesem unnützen Strick, wird darin geschrieben. Und auch Sie kommen darin vor, Sie und Ihr Häusel und mein Mann und ich und sogar, kaum zu glauben ist's, auch der Herr Schulrat."

"Jemine, jemine," rief die Muhme, "so etwas ist mir in meinem Leben noch nicht passiert. Ein Buch, ein richtiges Buch ist über Oberheudorf geschrieben worden? Potztausend noch mal, da wird ja unser Dorf bekannt werden wie ein bunter Hund oder wie die Schimmel von unserm Herrn Grafen, die auch jeder Mensch in der Gegend kennt." Plötzlich aber machte Muhme Lenelies ein ganz ängstliches Gesicht und fragte zaghaft: "Aber liebste, beste Frau Lehrer, sagen Sie mir nur, kommt mein Häusel auch sauber darin vor? 's wäre mir doch zu schrecklich, wenn jemand sagen möchte, ich hätte nicht reine gemacht."

"Na, wer sollte das wohl sagen?" meinte die Lehrersfrau. "Bei Ihnen sieht es doch immer blitzsauber aus, Muhme. Aber wissen Sie, die Geschichte, wie Ihre Ziege Friederike sich betrunken hat, steht auch im Buche."

"Du meine Güte!" schrie die Alte entsetzt. Sie stellte in ihrer Verwirrung die Kaffeetasse neben die Bank, plumps, lag die Tasse unten, und es gab eine kleine braune Überschwemmung, worüber die gute Muhme noch verlegener wurde. Sie stammelte tausend Entschuldigungen, und die Lehrersleute mußten sie richtig trösten. Dann aber wollte Muhme Lenelies wissen, was für Geschichten noch im Buch stünden, und der Herr Lehrer erzählte und las vor, und alle drei staunten, lachten, freuten sich, schauten die Bilder an, und es war ihnen, als kämen so nach und nach alle Oberheudorfer Kinder hereinspaziert. Auf einmal sagte die Frau Lehrerin: "Von dem Hünengrab steht doch nichts drin, und was die Mädel dabei für eine Dummheit gemacht haben!"

"Nein," erwiderte ihr Mann, "die Geschichte fehlt. Ach, es fehlen überhaupt noch viele, viele Geschichten. Vom Theaterspiel ist nichts geschrieben worden und nichts davon, wie Heine Peterle und Schulzens Jakob Gespenster gesehen haben."

"Und die Geschichte fehlt auch, wie es dem Kohlbauern und unsern Kindern zu Fastnacht ergangen ist," rief die Muhme, "und von dem Nachtwächter ist auch nichts erzählt worden."

"Ein paar von Muhme Lenelies' Märchen könnten auch noch drin stehen," meinte die Frau Lehrerin, "die gefallen mir gerade so gut."

Die Muhme wehrte bescheiden ab, aber der Herr Lehrer gab seiner Frau recht. Nachdenklich sagte er: "Es gäbe freilich ein sehr, sehr dickes Buch. Eigentlich könnte noch ein Buch geschrieben werden, Geschichten genug sind in den letzten Jahren in Oberheudorf passiert."

"Es passiert wirklich erstaunlich viel," rief Muhme Lenelies stolz. "Ich sag's ja immer, unser Oberheudorf ist ein ganz besonderes Dorf. Wenn jemand angefangen hat, etwas davon zu schreiben, dann soll er es auch ordentlich tun, und wenn ich der Herr Lehrer wäre, dann wüßte ich, was ich täte: Ich setzte mich hin, schrieb in die Stadt, dahin, wo das Buch gedruckt worden ist, es möchte geschwind jemand herkommen und noch alle die Geschichten aufschreiben, die hier nicht drin stehen."

"Muhme Lenelies hat recht," sagte die Lehrersfrau und goß der Alten schnell die dritte Tasse Kaffee ein. "Tu es doch, lieber Mann! Gefällt den kleinen Leuten draußen in der weiten Welt ein Buch von Oberheudorf, so gefällt ihnen wohl auch ein zweites."

Der Lehrer lachte herzlich; er nahm eine Feder, tauchte sie in sein Tintenfaß und schrieb eins, zwei, drei den verlangten Brief. "Er wird schon etwas nützen," sagte die Muhme, stand auf und wickelte sich wieder fest in ihr Umschlagtuch, denn es war Zeit zum Heimgehen. Mit vielen Dankesworten nahm die Muhme Abschied. Den Brief versprach sie beim Wirt Kaspar auf dem Berge abzugeben, der fuhr am nächsten Morgen zur Stadt und sollte ihn dort zur Post bringen.

Und Muhme Lenelies ging heim. An diesem Tage aber nahm der kurze Weg schier kein Ende, denn wen die alte Frau sah, wer nur seine Nase zur Haustür heraussteckte, der bekam geschwind die Geschichte von dem Buche zu hören. Alle staunten und freuten sich, waren stolz und sagten wie die Muhme: "Hoffentlich gibt es noch ein zweites Buch! Wenn schon, denn schon. Von unsern Oberheudorfer Buben und Mädeln kann man wirklich noch mehr Geschichten erzählen.

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Ein Fastnachtsscherz



Für die Kinder von Oberheudorf gibt es mancherlei Feste, die Stadtkinder gar nicht kennen; freilich haben diese dafür auch Vergnügungen und Freuden, von denen die Oberheudorfer kein Tipfelchen besehen. Denen nun war einer der liebsten Tage im Jahre der Fastnachtsdienstag. Potzwetter, ging es da lustig im Dorfe zu! Jeder Bube, jedes Mädel verkleidete sich, so nannten sie es wenigstens. Eins setzte sich einen Papierhelm auf, das andere eine aus bunten Flicken zusammengesetzte Narrenkappe oder zog gar ein Hanswurströcklein an. Heine Peterle, den sie den Städter nannten, weil er einmal hatte gern in die Stadt ziehen wollen, stolzierte immer als König auf der Dorfstraße herum. Er besaß einen roten Lappen mit ein bißchen Goldborte besetzt, das war der Königsmantel, dazu hatte ihm seine Muhme Rese einmal eine Krone aus Goldpapier geschenkt. Hei, wie trug der Bube an diesem Tage seine kleine Stupsnase hoch, wie klapperte er mit seinen Holzpantoffeln! Ungeheuer wichtig kam er sich vor.

"Was wahr ist, muß wahr bleiben," sagte Muhme Rese einmal zu Muhme Lenelies, dieser guten Freundin aller Oberheudorfer Kinder, die in einem windschiefen Häuschen am Dorfende wohnte, "unser Heine Peterle hat was Vornehmes an sich, wenn er so als König herumrennt."

"Ja," hatte Muhme Lenelies lachend erwidert, "nur daß er sein halbes Musbrot im Gesicht hat, will mir nicht gefallen."

"So 'ne Kleinigkeit!" hatte da Muhme Rese gebrummt. Sie war dann aber doch fix ins Haus gelaufen, hatte ein nasses Handtuch geholt, und als Heine Peterle wieder mit stolzer Königsmiene am Haus vorbeikam, da hatte sie ihn geschwind erwischt und ihm eins, zwei, drei mit dem nassen Lappen den Musbart aus dem Gesicht gewischt. Heine Peterle hatte mächtig gebrüllt, welcher König läßt sich aber auch so etwas gefallen!

Nun war wieder einmal die Fastenzeit herangerückt. Etliche Tage vor dem Fastnachtstag stand ein Häuflein Kinder auf der Dorfstraße zusammen, sie warteten alle auf Schulzens Jakob und seine Schwester Röse. Die Geschwister sollten von ihrem Vater eine Bestellung in Niederheudorf ausrichten, und die andern wollten sie begleiten. Nach Niederheudorf, das größer und stattlicher als Oberheudorf war, gingen die Buben und Mädel gern, obgleich sie eigentlich immer mit den Niederheudorfer Kindern Streit hatten. Einmal ging es um das Vogelschießen, das in Niederheudorf abgehalten wurde, und auf das alle Einwohner so stolz waren wie etwa die Berliner auf ihren Tiergarten; ein anderes Mal behaupteten die Oberheudorfer, ihre Schulweihnachtsfeier wäre schöner; dann wieder sagten die Niederheudorfer, bei ihnen könnte man alles einkaufen, denn es gab drei Krämer im Ort, Oberheudorf aber hatte nur einen. Trotz alledem liefen die Oberheudorfer Buben und Mädel gar geschwind, wenn sie in das Nachbardorf gehen durften. Sie gingen aber meist truppweise, denn man konnte nicht wissen, die Niederheudorfer verstanden das Balgen gar zu gut und teilten gern ein paar Püffe aus.

"Wo sie nur bleiben?" sagte Schnipfelbauers Fritz, von dem Muhme Lenelies immer behauptete, er wäre sehr naseweis.

Heine Peterle, Anton Friedlich, der blaue Friede, der nicht blau war, nur seine Hosen waren es, und der dicke Friede, der auch nicht dick war, erhoben ihre Stimmen und schrien: "Jakob, Röse, wo bleibt ihr denn?"

"Schreit doch nicht so!" sagte Annchen Amsee, und ihre nußbraunen Augen sahen wie lauter Vergnügen drein. Waldbauers Mariandel, Krämers Trude und Bäckermeisters Mariele, die natürlich auch dabei waren, quiekten: "Wie ihr auch seid! Buben müssen immer brüllen."

Ehe sich die Buben noch gründlich und nachdrücklich gegen diesen Vorwurf verteidigen konnten, kamen die Schulzenkinder aus dem Hause gelaufen, Jakob schwenkte einen großen Brief in der Hand und sagte wichtig: "Den muß ich abgeben!"

"Na, dann mal los!" schrie Anton Friedlich, und die Kinder marschierten vergnügt die Dorfstraße hinab. Muhme Lenelies saß an ihrem Fenster, sie sah die Schar kommen und rief geschwind ihrem Pflegesohn zu, den sie im Dorf den Traumfriede nannten: "Du, Friede, lauf schnell mit, die gehen nach Niederheudorf; kannst dort mal rumfragen, ob jemand etwas in der Stadt besorgt haben will."

Muhme Lenelies tat nämlich mitunter Botengänge, und die Bauernfrauen ließen sich gern allerlei von ihr einkaufen, denn sie meinten, so gut wie die Muhme verstünde dies niemand sonst. Die schwierigsten Sachen besorgte die alte Frau, die in der Stadt so gut Bescheid wußte wie in ihrem Häusel. Was für wichtige Dinge hatte sie aber da auch schon besorgen müssen! Sie war sogar mit der Niederheudorfer Schulzentochter das Brautkleid einkaufen gegangen, und die reiche Schnipfelbäuerin sagte, die Muhme wäre der reine Minister, so gut konnte sie Rat geben.

Friede ließ sich das Fortgehen nicht zweimal sagen, schwippdiwupp war er draußen. Dort wurde er mit großem Geschrei von den andern Kindern empfangen. Vor einem halben Jahr noch war Traumfriede immer einsam gewesen, da hatte er als Pflegesohn bei dem Kohlbauern ein gar jämmerliches Dasein geführt, seitdem er aber bei Muhme Lenelies sein durfte, war er ein lustiger Bube geworden, der nicht mehr scheu zur Seite stand, wenn die andern Kinder spielten.

Unterwegs sprachen sie alle von Fastnacht. Es herrschte in Oberheudorf die Sitte, daß die Kinder am Fastnachtstage von Haus zu Haus gingen, ein Sprüchlein sagten und dafür Pfannkuchen, Fastnachtswecken, auch wohl einen Kreisel, bunte Tonkugeln oder dergleichen erhielten. Auf diesen Umgang freuten sie sich immer alle sehr und konnten es an diesem Tage noch weniger als sonst erwarten, bis die Schule aus war, denn gleich nach dem Mittagessen begann der Umgang. Merkwürdigerweise wußten die Kinder immer schon genau vorher, welche Kuchensorte diese und welche jene Bäuerin gebacken hatte, und daß es da Zuckerstangen gab und dort getrocknete Pflaumen, dort viel zu holen sei, in jenem Hause weniger.

"Aber zum Kohlbauern gehe ich nicht wieder," sagte auf einmal Heine Peterle, "nä, da gibt's immer so wenig."

"Mir hat er voriges Jahr nur eine Backbirne gegeben, und die war madig," schalt der dicke Friede, noch jetzt darüber empört.

"Er ärgert sich immer über den Tag," sagte Traumfriede nachdenklich.

Voriges Jahr war er noch bei dem geizigen Bauern gewesen; er hatte wie alle Kinder seinen Bittgang tun dürfen, als er aber mit seinem gefüllten Säcklein heimgekommen war, da hatte es ihm der Bauer abgenommen, und er hatte nichts von all den Herrlichkeiten mehr gesehen. Wie jetzt die Kinder so miteinander sprachen, dachte er an jene bittere Enttäuschung und erzählte Waldbauers Mariandel, die neben ihm ging, die Geschichte. Annchen Amsee hatte auch zugehört, und sie war es, die plötzlich entrüstet rief: "Nein, pfui, der Kohlbauer ist aber doch zu abscheulich, hört nur!"

Trotzdem Friede bat, sie möchte schweigen, erzählte Annchen doch empört die Geschichte, und alle andern brachen in ein lautes Entrüstungsgeschrei aus. "Wir gehen nicht hin," riefen sie einmütig.

Nur Schnipfelbauers Fritz sagte lachend: "Ich gehe gerade hin. Wenn wir nicht kommen, freut sich doch der Kohlbauer nur."

Sehr erstaunt sahen die andern Fritz an. Ja, der hatte wohl recht. Sie blieben vor lauter Aufregung mitten auf der Landstraße stehen, schalten auf den Kohlbauern, stritten, ob sie hingehen sollten, und merkten darüber gar nicht, daß ein Wagen angefahren kam. Darauf saß Friede Hopserling, der Müllerknecht, der große Friede, wie ihn die Kinder nannten. Der Knecht war auf seinem Wagen ein bißchen eingenickt, sein Pferd kannte den Weg so gut wie er, und da es bergauf ging, hatte die brave schwarze Grete auch keine Lust, sehr schnell zu laufen. Daß man in eine schwätzende Kinderschar nicht mitten hineinfahren darf, wußte Grete anscheinend, sie blieb plötzlich stehen, und darüber wachte Friede Hopserling auf. "Na, was gibt's denn?" fragte er verdutzt.

"Friede, hör nur!"

"Pfui, der Kohlbauer!"

"So abscheulich ist er," schrien die Kinder durcheinander, und es hätte einer schon viel klüger sein müssen, als Friede Hopserling war, um zu wissen, was das Geschrei eigentlich bedeuten sollte. Nach und nach bekam er es doch heraus, und nun machte Friede seine Zwinkeraugen.