Über den Autor

Christof Kessler, Jahrgang 1950, ist Spezialist für Hirnerkrankungen. Sein beruflicher Weg führte ihn nach Gießen, Berlin, Heidelberg, Köln und Lübeck. Seit 1992 ist er Professor für Neurologie und seit 1994 Direktor der Klinik für Neurologie der Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald. Sein Interesse gilt einer praktisch ausgerichteten, patientenorientierten Neurologie. Er organisierte Veranstaltungen zum Thema Neurologie und Literatur und war wissenschaftlicher Berater bei der szenischen Umsetzung der Opernadaption von Oliver Sacks’ »Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte«.

CHRISTOF
KESSLER

WAHN

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Stundenlang hatte er in dem Gebüsch auf der kleinen Anhöhe mit Blick auf die Werkstatt gelauert, um das Gebäude und die Menschen, die dort ein und aus gingen, zu beobachten. Ein Fahrzeug nach dem anderen wurde vorgefahren und in eine der Boxen mit Hebebühne gewunken. Die Automechaniker im blauen Overall kontrollierten die Fahrzeuge, wechselten das Motoröl oder die Ölfilter und stellten die Bremsen ein. So ein Automechaniker war er mehr als zwanzig Jahre lang auch gewesen. Alles war in Ordnung gewesen, bevor die Intrigen begannen. Er hatte einfach zu viel gewusst, er wusste von den Fahrzeugen der Mafia, die hier durchgeschleust worden waren, von den geheimen Transporten nach Russland mit Kisten voller Rauschgift und gefälschter Dollars. Er war ein unbequemer Mitwisser und sollte mundtot gemacht werden.

Der Werkstattleiter saß jetzt alleine in seinem Büro. Nachdem nach und nach alle Angestellten das Gelände des Autohauses verlassen hatten, schrieb er sicher noch an seinen geheimen Berichten für die Oberbosse, denn er war das Bindeglied zwischen der russischen und italienischen Mafia und dirigierte die hiesige Schaltzentrale der Kartelle.

Stundenlang hatte Eberhard Sommerfeld im Gebüsch gelauert, aber jetzt war der große Moment gekommen und er stürmte den Abhang hinunter. Er war froh, dass er nicht alleine war. Seine Helfer standen ihm zur Seite. Begleitet von den Heerscharen fühlte er sich stark. Die durch die Lüfte schwirrenden Gnome, die pfeilschnellen Vogelwesen mit den spitzen Schnäbeln und die schwarzen Hunde mit scharfen Krallen und gebleckten Zähnen, sie alle waren bei ihm. Besonders freute er sich über die grünlichen Fratzengestalten, die zwar ihre riesigen Streitbeile schleppen mussten, aber trotzdem leichtfüßig Schulter an Schulter mit ihm den Hügel hinabstürmten. Diesen entscheidenden Kampf würden sie gemeinsam gewinnen. Er würde den elenden Quälern die schrecklichen Demütigungen heimzahlen, die sie ihm zugefügt hatten. »Die Rache ist mein, spricht der Herr«, stieß er immer wieder, im Rhythmus seiner Schritte, hervor.

In seinem Rucksack transportierte er ein Klebeband, Schnüre, mehrere Chinaböller vom letzten Silvester und das ausziehbare Stativ seiner Fotoausrüstung. Zuvor hatte er sich noch einige Tabletten eingeworfen. Er musste beweglich sein, durfte nicht einfrieren, nicht festkleben, nicht freezen, wie die Ärzte diesen fürchterlichen Zustand der Wehrlosigkeit nannten. Der Schlag musste geschmeidig und schnell ausgeführt werden. Seine Kombattanten liefen keuchend neben ihm her. Ab und an hörte er ihre grellen Stimmen: »Richtig machst du das! Die Kanaille muss ausgelöscht werden! Gib dein Bestes!«

Als er die Baracke erreicht hatte, schlug er mit seinem Handbeil die Tür zum Büro ein und stand direkt vor dem dicken Mafioso mit grauem Haar und blauem Kittel. Lächerlicherweise trug er unter dem Kittel ein weißes Oberhemd mit braunem Strickschlips. Unter dem Adamsapfel, da wo jeden Morgen der Knoten geknüpft wurde, war der braune Binder schon abgeschabt und glänzte fettig. Unterstützt von seinen Helfern stürzte er sich mit einem lauten Aufheulen auf den völlig überraschten Mann.

Alles lief wie am Schnürchen, er folgte exakt seinem schon vor Wochen ausgearbeiteten Einsatzplan. Er verklebte zuerst den Mund des Mannes mit einem breiten Paketband, so dass dieser ihn nur noch mit großen und entsetzten Augen anstarren konnte. Dann schloss er dessen Arme hinter dem Rücken mit Handschellen zusammen, die er in einem Sex-Shop gekauft hatte. Er trat dem Feind einige Male in den Bauch und blickte triumphierend auf das röchelnde und keuchende Bündel vor sich.

Als er merkte, dass seine Kräfte nachließen und auch die Racheengel um ihn herum begannen, sich rar zu machen, griff er nach hinten zum geschulterten Rucksack, um erneut eine von den schnell wirksamen Tabletten einzunehmen. Er trat dem Gefangenen noch einmal kräftig in die Rippen. Aufgrund des Klebebandes war dieser nicht in der Lage zu schreien. Unablässig schüttelte er den Kopf, als wollte er etwas verneinen. Aber da gab es nichts zu verneinen, nichts zu leugnen, er war Kriegsgefangener und würde beizeiten der Justiz übergeben werden.

Schnaufend, mit zuckenden Armen und Beinen saß Sommerfeld im eroberten Büro hinter dem Schreibtisch. Unter seinen Füßen lag der gefesselte und geknebelte Werkstattleiter. Bis jetzt war alles nach Plan verlaufen. Jetzt war eine sorgfältige Durchsuchung der Aktenschränke und der Tresore notwendig, um die Beweismittel für die mafiösen Umtriebe zu sichern. Während der gesamten Aktion hatten seine Arme und Beine unwillkürliche, ausfahrende Bewegungen und Zuckungen vollführt. Vielleicht hatte er doch etwas zuviel von den Tabletten genommen? »Aber lieber so, als festgefroren zu sein«, sagte er sich.

Er öffnete die Aktenschränke und entnahm ihnen Ordner für Ordner. Er schlug sie auf, musterte ihren Inhalt und warf sie verärgert in den Raum. Verbissen arbeitete er sich durch die einzelnen Ablagen. Voller Verachtung schleuderte er die unnützen Dokumente mit Gutachten, Einsprüchen und Materialbeschreibungen auf einen immer größer werdenden Haufen. Er konnte nichts Auffälliges finden. »Mann, waren die geschickt.« Kein einziger Hinweis auf Mafia-Kontakte oder andere Verbrechen. Irgendwo musste ein Tresor sein oder ein verborgenes Versteck. Er nahm einen Schraubenschlüssel und einen Hammer aus einem der herumliegenden Werkzeugkästen und begann die Wand hinter dem Schreibtisch aufzuklopfen. Der Verputz spritzte und seine Hände färbten sich von dem sich ablösenden Kalk weiß. Über dem Schreibtisch hing ein Poster, das ein halbentkleidetes Mädchen mit nacktem Busen zeigte. Er riss es von der Wand und schlug an dieser Stelle ein großes Loch.

Aber er fand den Tresor nicht. Ebenso wenig fand er verdächtige Dokumente oder sonstige Unterlagen, die den engen Kontakt der Werkstatt zu diversen Verbrecherorganisationen hätten beweisen können. Seine Wut steigerte sich von Minute zu Minute, zwischendurch musste er noch ein bis zwei Tabletten nehmen, um Herr der Lage zu bleiben.

Die beiden Polizeibeamten, die von Passanten auf die Autowerkstatt aufmerksam gemacht worden waren, hörten das Klopfen, Schreien und Krakeelen schon von draußen. Sie fanden nicht nur eine zersplitterte Eingangstür vor, sondern auch ein komplett verwüstetes Büro mit einer großen Menge von Akten, die zerfleddert im Raum herumlagen. Ferner, inmitten der achtlos hingeworfenen Papiere, einen gefesselten und geknebelten Angestellten der Autowerkstatt, halb erstickt an seinem Erbrochenen, das rechts und links unter dem aufgeklebten Paketband hervorquoll, und mit deutlichen Spuren einer Harnentleerung im Schritt seiner Arbeitshose.

Daneben ein tobender und sichtlich verwirrter Mann, der von der Gefahr eines Mafia-Komplotts faselte und immer wieder geheimnisvoll in sich hineinhorchte, um mit seinen inneren Stimmen zu kommunizieren.

Sie führten den Tobenden ab, zunächst auf die Wache, dann ins Gefängnis. Als er aber dort unentwegt gegen Himmelsmächte kämpfte, Teufelsfratzen abwehrte und nachts vom Fenster aus seine Heerscharen auf ihre nächsten Schlachten vorbereitete, kam man zu dem Entschluss, den Gefangenen Eberhard Sommerfeld in die geschlossene Abteilung der Psychiatrie zu bringen, um ihn auf seinen Geisteszustand hin untersuchen zu lassen.

Einen Tag später wurde ich von der Klinik für Forensische Psychiatrie zu einer Konsultation gebeten. Es ging um die Frage, ob beim Patienten Sommerfeld eine Parkinsonsche Erkrankung vorlag und wie die weitere Behandlung des Patienten auszusehen hätte. In der Psychiatrie angekommen, bat ich zunächst, die Akte des Patienten einsehen zu können. Den Aufzeichnungen des aufnehmenden Arztes war zu entnehmen, dass Herr Sommerfeld seit mindestens fünf Jahren bei einem niedergelassenen Neurologen wegen einer Parkinsonschen Erkrankung in Behandlung war. Bei der Parkinsonschen Erkrankung gehen Nervenzellen in einem eng umgrenzten Teil des Gehirns, der »Substantia nigra«, zugrunde. Die Ursache hierfür ist bis heute unbekannt. Die Nervenzellen der Substantia nigra sind darauf spezialisiert, Dopamin zu produzieren. Bei dem Dopamin handelt es sich um einen Überträgerstoff des Gehirns, der unter anderem eine wichtige Rolle bei der Regulierung unserer Motorik spielt. Bei Patienten mit Dopaminmangel besteht eine eingeschränkte Beweglichkeit, das Gangbild wird trippelnd, die Körperhaltung gebeugt, das Gesicht ausdruckslos. Dieser Zustand wird gemeinhin als die Parkinsonsche Erkrankung bezeichnet. Die mangelhafte Dopaminproduktion wirkt sich jedoch nicht nur auf die Motorik aus, sondern hat auch Einfluss auf das seelische Wohlbefinden. Dopamin stimuliert das Gehirn positiv, die Empfindungen von Glück und Zufriedenheit sind eng mit der Ausschüttung von Dopamin in unserem Gehirn verbunden. Ein Mangel dieses Stoffes, wie er bei den Parkinsonpatienten auftritt, kann umgekehrt zu einer Lustarmut, Depression und Antriebslosigkeit führen.

Eine der Möglichkeiten, die Parkinsonsche Erkrankung zu behandeln, besteht darin, das fehlende Dopamin durch eine künstlich hergestellte Vorstufe, dem L-Dopa, zu ersetzen. Dieses L-Dopa wird dem Patienten in Tablettenform zugeführt. Durch diese Behandlung wird die Beweglichkeit ebenso wie das seelische Wohlbefinden des Patienten verbessert. Es kann allerdings, ähnlich wie bei einer Sucht, vorkommen, dass der Patient das Verlangen hat, die L-Dopa-Dosis stetig zu steigern, was zu unerwünschten Nebeneffekten führt, zu psychotischen Zuständen mit Halluzinationen und Wahnvorstellungen. Es werden Dinge gesehen, die in der Realität nicht vorhanden sind, und es können Situationen wahnhaft falsch gedeutet werden. Ferner wird das motorische System überstimuliert und statt der eingefrorenen Körperhaltung entsteht ein Zappeln und ein unnatürlicher Bewegungsdrang.

Wie ich später erfuhr, war Eberhard Sommerfeld vor Ausbruch seiner Erkrankung ein begeisterter Freizeitfußballer gewesen und hatte sich jeden Dienstag mit einer Hobbytruppe in der Turnhalle der Gesamtschule an wahren Fußballschlachten beteiligt. Mit der Zeit bemerkte er, dass seine Beine nicht mehr so flink waren und er nicht mehr so geschmeidig dribbeln konnte. »Sie sind wie Holz, wie zwei verdammte Stelzen!«, hatte er häufig gerufen. Später wurde seine Stimme monotoner, die Schrift kleiner und er konnte nur noch mit kleinen tapsenden Schritten gehen. Von seinem Hausarzt wurde er in eine Spezialklinik eingewiesen. Der alte Chefarzt erklärte ihm dann zum ersten Mal seine Krankheit und machte ihm Mut. »Wir können das Dopamin, das Ihnen fehlt, mit Medikamenten ersetzen«, hatte er damals gesagt. »Wenn Sie das regelmäßig nehmen, werden Sie wieder fit.«

Wie es dann weitergegangen war, konnte ich den Akten nicht mehr entnehmen. Ich vermutete, dass die nachfolgende Behandlung mit zu hohen Dosen von Anti-Parkinson-Medikamenten erfolgt war. Einerseits wurde dadurch zwar die Beweglichkeit wieder hergestellt, andererseits hatte die Behandlung jedoch eine zunehmende Euphorisierung zur Folge und machte den Patienten süchtig.

Um die positive Wirkung der Medikamente zu verstärken, steigerte Herr Sommerfeld selbstständig deren Dosis. Bei Versuchen, die Dosis zu reduzieren, fiel er jedes Mal psychisch in ein tiefes Loch.

Ich betrat das Zimmer, in dem Herr Sommerfeld untergebracht war, eine Kombination aus Krankenhauszimmer und Gefängniszelle. Der Raum war durch eine schwere Metalltür gesichert. Er war möbliert mit einem konventionellen Krankenbett und einem weißen Nachttisch, wie er in Krankenhäusern üblich war. Durch das vergitterte Fenster schaute man in die Krone einer großen Platane.

Der Patient blickte in nervösem Rhythmus von einer Ecke zur anderen. Sein Gesicht zuckte und verkrampfte sich fortwährend, während beide Arme teils ausfahrende, teils schraubende Bewegungen vollführten. Dabei redete er ständig leise und monoton vor sich hin. Zu verstehen war lediglich der immerfort wiederholte Satz: »Ihr werdet schon sehen, jetzt ist Schluss.«

»Sind Sie der Neurologe?«, fragte er plötzlich und schaute mich mit wachen Augen an. »Die wollen mir meine Medikamente wegnehmen. Das sind brutale Amateure. Sie müssen mir helfen.«

Wir setzten uns an den kleinen Tisch neben dem Bett.

»Sie wissen, warum Sie hier sind?«, fragte ich.

»Natürlich. Ich habe die Zentrale der Mafia gestürmt und deren Boss festgesetzt. Das ist nicht besonders beliebt bei unseren sogenannten Staatsanwälten und Richtern.« Er schaute mich verschwörerisch an. »Das ist doch bekannt, die stecken alle unter einer Decke. Ein Anruf aus Moskau oder Palermo: ›Passt auf, Jungs, der Eberhard Sommerfeld ist eine Gefahr für unsere Organisationen. Er zerstört die Organisationen, weil er Insider ist. Insider, das wissen alle, machen unser System kaputt.‹« Er lachte hämisch auf. »Dann habe ich ein Problem, und zwar ziemlich bald. Ich will von Ihnen nur eines.« Er sah mich eindringlich an. »Sie setzen einfach meine Behandlung fort wie vor meiner Gefangennahme und geben mir ein Rezept, damit ich weiter wie ein normaler Mensch funktionieren kann.«

Sein Gesicht kam mir immer näher: »Seelenklempner, soll Ihr Schaden nicht sein. Wir teilen uns dann das Vermögen der russischen Mafia, ich bin nämlich der Einzige, der weiß, wo es versteckt ist.«

Ich untersuchte den Patienten und schrieb meinen Konsiliarbericht: »Hocherregter Patient, akut psychotischer Zustand. Diagnose: Morbus Parkinson. Aktuell: L-Dopa-Überdosierung mit Psychose.«

Ich schlug vor, die Parkinsonmedikamente zu reduzieren und ein festes Einnahmeschema einzuhalten. Außerdem empfahl ich regelmäßige Krankengymnastik. Als ich das streng bewachte Gebäude verließ, war ich froh, den Patienten Eberhard Sommerfeld in der behüteten Umgebung der forensischen Psychiatrie zu wissen, wo er weder sich noch andere gefährden konnte.

Einige Wochen später fand ich auf der Liste der Patienten, die an diesem Vormittag unsere Klinikambulanz konsultierten, den Namen »Eberhard Sommerfeld«. Ich verständigte den zuständigen Arzt, dass er mich benachrichtigen sollte, sobald er ihn untersucht hatte. Als ich das Ambulanzzimmer betrat, saß Herr Sommerfeld ruhig in dem kleinen Sessel vor dem Arztschreibtisch. Er war nicht wiederzuerkennen. Nichts erinnerte an den aufgewühlten, hochgeputschten Patienten unserer ersten Begegnung. Das Gesicht war maskenhaft starr, die Körperhaltung gebeugt, der Kopf hing wie ein schweres Gewicht nach vorne. Seine rechte Hand lag auf dem Knie und schüttelte sich rhythmisch. »Shaking Palsy«, Schüttellähmung, hat der Londoner Arzt James Parkinson 1817 als Erstbeschreiber die später nach ihm benannte Parkinsonkrankheit bezeichnet.

»Sehen Sie nur, was Sie aus mir gemacht haben. Ich bin ein Wrack, und Sie sind daran schuld«, murmelte Herr Sommerfeld kaum verständlich mit leiser Stimme. »Ich wurde nach Ihren Empfehlungen auf eine viel zu niedrige Dosis von L-Dopa eingestellt, viel zu wenig, ich kann mich kaum bewegen.«

Das Schütteln seiner rechten Hand nahm infolge der Erregung und inneren Anspannung zu, die Unterlippe seines maskenhaften Gesichts bebte und ein zähflüssiger Speichelfaden begann ihm aus seinem rechten Mundwinkel zu laufen.

»OK, ich war überdosiert, aber jetzt. Voll im ›Off‹.« Er sagte dies mit einer so leisen Stimme, dass ich mich mit meinem Ohr seinem Mund nähern musste. »Helfen Sie mir. Gefängnis, mein Körper ist ein Gefängnis. Fürchterlich.«

Ich ließ ihn ein paar Schritte gehen, was kaum gelang. Er schlurfte vornübergebeugt zum Fenster, um dort mitten in der Bewegung zu verharren. Dabei spannte sich die Muskulatur seiner Oberschenkel krampfhaft an. Es hatte den Anschein, als wäre er am Boden festgeklebt.

»Helfen Sie mir«, murmelte er leise, »helfen Sie mir.«

Wir nahmen Herrn Sommerfeld in unserer Klinik stationär auf.

Ein Nachfragen beim Hausarzt ergab, dass der Patient Sommerfeld mit einer hohen Dosis von Anti-Parkinson-Medikamenten behandelt worden war, welche ihm über den Tag verteilt in vier Dosen verordnet worden waren. Direkt nach der Einnahme hatte er sich gut und beweglich gefühlt. Schon kurze Zeit später aber hatte die Wirkung der Medikamente nachgelassen, und er war abrupt steif wie ein Stock geworden. »End of Dose« wird dieses Phänomen bezeichnet, das im Rahmen einer lang andauernden Parkinsonerkrankung auftreten kann. Das L-Dopa wirkt nur noch in der ersten Phase und verliert dann schlagartig seine Wirkung. Die Folge konnte ich anhand des Patienten Sommerfeld plastisch vor mir sehen: Völlige Steifigkeit, fehlende Gesichtsmimik und die Unfähigkeit, spontane Bewegungen auszuführen.

Ich schlug dem Patienten die Weiterbehandlung mit einer L-Dopa-Pumpe vor. Hierbei wird das Medikament über einen Schlauch mit Hilfe einer Vorrichtung, die wie ein Kassettenrekorder in einem Täschchen getragen wird, kontinuierlich in den Dünndarm gepumpt.

»Wie kommt der Schlauch in meinen Darm?«, fragte Herr Sommerfeld.

»Es wird durch einen kleinen chirurgischen Eingriff ein Zugang durch die Bauchdecke geschaffen.«

Einige Tage später lief der Patient Sommerfeld mit einer L-Dopa-Pumpe über die Station. Das Medikament wurde jetzt regelmäßig, Minute für Minute, Sekunde für Sekunde, in gleich bleibender Dosierung in seinen Dünndarm gepumpt. Diese Form der Behandlung hatte einen positiven Effekt, der Patient war normal beweglich, selbst das Händezittern war kaum noch zu bemerken. Keine »Offs« mehr, kein »End of Dose«, kein Verharren. Eine Überdosierung, die zu Psychose und Halluzinationen führt, wird durch diese gleichmäßige Anflutung des Medikamentes ebenfalls vermieden.

Eberhard Sommerfeld wohnte in einer kleinen Wohnung unter dem Dach eines Altstadthauses. Einige Tage nach Implantation der Pumpe ist er von uns in gutem Zustand nach Hause entlassen worden. Am ersten Abend kam er aus dem Bad, um sich im Schlafzimmer in seinem Bett schlafen zu legen. Da bemerkte er auf dem Schlafzimmerschrank einen ihm unbekannten Mann sitzen. Der Mann hatte einen braunen Anzug an, dazu ein weißes Hemd und eine violette Krawatte. Mit ausdruckslosem Gesicht schaute der Mann vom Schrank aus auf Herrn Sommerfeld herunter. Sein dichtes schwarzes Haar war gerade nach hinten gekämmt. Herr Sommerfeld schlussfolgerte, dass es sich bei seinem Besuch auf dem Schrank unmöglich um einen realen Menschen handeln konnte. Wenn es ein Mensch aus Fleisch und Blut gewesen wäre, zum Beispiel ein Einbrecher, dann hätte er ihn eher mit vorgehaltener Pistole und auf der Couch sitzend empfangen, oder er hätte sich hinter irgendeiner Tür versteckt. Aber er wäre wohl eher nicht auf seinen Schlafzimmerschrank geklettert. Also handelte es sich bei dem Mann auf seinem Schlafzimmerschrank um eine Halluzination. Er sagte wie zur Probe: »Hallo, wie geht es Ihnen?« Aber der Mann im braunen Anzug antwortete nicht, sondern schaute ihn weiterhin mit ausdruckslosen Augen an. Herr Sommerfeld setzte sich in seinem gestreiften Schlafanzug auf seine Couch im Wohnzimmer, um einen Zigarillo zu rauchen. Dann nahm er die Pumpe und betätigte den »Aus«-Knopf. Er schaute sich die Spätnachrichten im Zweiten Programm an, stand nach etwa einer Stunde auf und steckte seinen Kopf in das Schlafzimmer. Der Mann auf dem Schrank war verschwunden. Gleichzeitig bemerkte er eine Zunahme des Zitterns seiner rechten Hand, außerdem hatte sich seine Stimmung während der Zeit, in der die Pumpe ausgeschaltet gewesen war, deutlich verschlechtert. Er schaltete die Pumpe wieder an und holte sich noch eine Tüte Erdnüsse, um sie vor dem Fernseher zu knabbern. »Ich bin immer noch überdosiert, nicht viel, nur ein bisschen«, dachte er bei sich. Als er vor dem Schlafengehen noch einmal ins Bad ging, öffnete er den Spiegelschrank und sah die vielen Tablettenschachteln und Medikamentenfläschchen aus der Zeit vor seinem Krankenhausaufenthalt. »Eigentlich hätte ich die schon längst wegwerfen müssen.«

Bereits am nächsten Morgen wurde Herr Sommerfeld in unserer Notaufnahme aufgenommen. Wie dem Befund zu entnehmen war, war er in einen Erregungszustand geraten und hatte die Einrichtung seines Badezimmers demoliert. Dabei hatte er sich mit den Scherben des Badezimmerspiegels Schnittwunden an seiner rechten Hand und im Gesicht zugefügt.

Der zuständige Dienstarzt unserer Klinik diagnostizierte eine L-Dopa-Psychose als Folge einer Überdosierung.

»Die Überdosierung kann nicht von der Menge kommen, die der Patient über die Pumpe bekommt«, referierte er während unserer Konferenz. »Er muss noch Tabletten nebenher eingenommen haben.«

Als Herr Sommerfeld zum zweiten Mal entlassen wurde, begleitete ihn, mit seinem Einverständnis, ein Sozialarbeiter in seine Wohnung. Seinem Bericht zufolge fanden sich dort große Mengen von Parkinson-Medikamenten, die in unsere Klinik gebracht und von der Apotheke entsorgt wurden.

In der nächsten Zeit ging es Eberhard Sommerfeld richtig gut. Dank der gleichmäßigen Funktion der Pumpe war er innerlich ganz ruhig, nicht mehr getrieben und auch nicht in seiner Beweglichkeit eingeschränkt. Der Mann im braunen Anzug tauchte nicht mehr auf. Zwar war Herr Sommerfeld noch krankgeschrieben, aber er begann sich Gedanken darüber zu machen, wie seine Zukunft aussehen sollte. In sein Autohaus konnte er natürlich nicht mehr zurück, eine Anzeige wegen Körperverletzung und Sachbeschädigung stand noch im Raum. Er erwartete täglich seine Vorladung vor Gericht.

Als er eines Morgens wie immer beim Frühstück in der örtlichen Zeitung blätterte, stieß er auf eine Meldung, die seine Aufmerksamkeit erregte: »Hans-Herrmann Corelli übernimmt Geschäftsführung der Städtischen Verkehrsbetriebe.« An sich war diese Nachricht völlig belanglos, jedoch setzte sich der Name Corelli hartnäckig in seinem Gehirn fest. Er begann Selbstgespräche zu führen: »Corelli, typischer Mafianame, jetzt übernehmen die auch offiziell die Macht in unserer Stadt. Bald wird hier überall die Mafia herrschen, wie in Sizilien. Korruption und Blutrache, ja, das können sie, die Brüder, jetzt wollen sie hier auch noch damit beginnen.«

Während seiner Einkäufe oder abends beim Fernsehgucken, immer musste er hartnäckig an die Gefahr denken, die von der Mafia ausging.

Am nächsten Morgen rief er bei seinem Hausarzt an, den er seit seiner Entlassung aus dem Krankenhaus nicht mehr konsultiert hatte. Die vertraute Stimme der Arzthelferin tat ihm gut: »Wie geht es Ihnen, Herr Sommerfeld? Nein, wir haben noch keinen Bericht aus der Klinik erhalten. Sie wissen ja, das dauert leider immer etwas.«

»Wie gut«, dachte Herr Sommerfeld, »dann können sie noch nichts von der Dopamin-Pumpe wissen.«

Mit fester Stimme und möglichst beiläufig sagte er: »Ich brauche Medikamente. Können Sie mir wie immer ein Rezept zurechtmachen, das hole ich dann ab.«

Er diktierte der ahnungslosen Arzthelferin eine beachtliche Reihe an Parkinson-Medikamenten.

»Ich hole heute Nachmittag das Rezept ab. Und machen Sie mir bitte einen regulären Termin beim Doktor. In zwei bis drei Wochen, vorerst bin ich gut versorgt.«

Am Nachmittag hielt er das Rezept in seinen Händen.

Als er dann am Abend zu Bett ging, sah er nach einigen zusätzlichen L-Dopa-Tabletten den Mann im braunen Anzug wieder auf seinem Schrank sitzen und ihn mustern. Er hatte ihn erwartet, deshalb war er weder überrascht noch beunruhigt.

»Corelli, Corelli, Corelli …«, flüsterte er im Selbstgespräch immer wieder vor sich hin. Er vermutete, dass die Mafia, die schon das Autohaus übernommen hatte, sich jetzt weiter in der Stadt und den Verkehrsbetrieben breitmachen würde. Das Ziel lag auf der Hand: Internationaler Handel mit Schrottautos, die vom Westen in den Ostblock gebracht wurden, daneben Geldwäsche, Drogenhandel und was sonst noch so anfällt bei diesen Herren. Ein ausgeklügelter Plan, es ging um Milliarden. Und das mit der gesamten Stadtverwaltung im Rücken. Sauberer Plan. Offensichtlich war er der Einzige, der diese Zusammenhänge erkannt hatte.

Unter seinem Federbett begann er so sehr zu schwitzen, dass er seinen Schlafanzug wechseln musste. Wie sollte er weiter vorgehen? Jetzt hieß es klug und besonnen zu sein. »Kalt wie eine Hundeschnauze«, murmelte er und betätigte den Schalter seiner Nachttischlampe.

Bislang hatte er den Typen mit dem braunen Anzug auf seinem Schrank komplett ignoriert. Er wusste aber, dass er da war. Jetzt wurde es Zeit, einige deutliche Worte mit ihm zu reden. Immerhin war er der Verbindungsmann und würde alles, was er ihm zu sagen hatte, an die Führungsclique weitergeben.

Mit seinem frischen Schlafanzug fühlte er sich viel wohler. Er zog die Daunendecke etwas höher, schaute dem Fremden direkt in die leeren Augen und rief: »He, Freundchen, du brauchst gar nicht so zu glotzen, dein Spiel ist durchschaut. Ich mache euch fertig.«

Er ließ dabei seinen rechten Arm über den Bettrand zum Boden sinken, bekam eine halbvolle Plastikflasche Mineralwasser zu fassen und schleuderte sie auf die Gestalt. Dabei verfehlte er den unerwünschten Besucher nur ganz knapp, der sich von dieser Attacke nicht beirren ließ, sondern weiterhin ganz ruhig und regungslos sitzen blieb.

Am nächsten Morgen klopfte es an der Wohnungstür.

»Komisch«, dachte er, »warum klingelt er nicht?« Außerdem konnte er sich gar nicht vorstellen, wer ihn besuchen sollte. Eigentlich hatte er noch nie Besuch bekommen.

Er ging zur Tür. Dabei machte er sich im Geiste darauf gefasst, dass niemand draußen stehen würde. Wahrscheinlich war das Klopfen wieder so eine Art Einbildung durch die vielen Medikamente, die er einnehmen musste.

Draußen standen zwei unfreundlich dreinblickende Männer. Beide hatten kahlgeschorene Schädel, die im fahlen Licht der Treppenhausbeleuchtung glänzten. Sie trugen schwarze Bomberjacken. Jeder hatte einen Ohrring in seinem rechten Ohr. An der rechten Halsseite des einen war ein Drache oder eine Eidechse tätowiert. »Guten Tag, Herr Sommerfeld. Wir kommen von dem Autohaus, in dem Sie früher gearbeitet haben.«

»Die beiden gibt es nicht in echt, das bildest du dir nur ein, wie den Mann auf dem Schrank, so sehen keine realen Besucher aus«, dachte er bei sich und war gerade dabei, die Wohnungstür wieder zu schließen, als der Stämmigere der beiden ausholte, um ihm mit geballter Faust voller Wucht in den Bauch zu schlagen. »Das dafür, du Schwein, dass du unseren Werkstattleiter fertiggemacht hast.« Augenblicklich wurde es dunkel vor Herrn Sommerfelds Augen. Er schnappte keuchend nach Luft und jaulte vor Schmerz auf. Er wäre vornüber zu Boden gegangen, wenn er nicht vom Knie des Angreifers im Gesicht getroffen und nach hinten gegen den Garderobenspiegel geschleudert worden wäre.

»Beim nächsten Mal machen wir dich richtig fertig«, hörte er nur noch wie durch einen Nebel hindurch. Danach gingen die beiden ohne Hast die Treppe hinunter.

Sommerfeld stürzte in sein Bad, riss den Spiegelschrank auf, nahm die Schachtel mit den L-Dopa-Tabletten, brach drei bis vier aus dem Blister und schüttete sie sich in den Mund. Er bückte sich über den laufenden Wasserhahn, um mit dem sprudelnden kalten Wasser die bitteren Tabletten nachzuspülen. Dann spritzte er sich kaltes Wasser in sein Gesicht. Er richtete sich am Waschbecken auf und schaute sich im Spiegel an. Das war die Kriegserklärung. Nun würde er in den Kampf ziehen. Zuerst jedoch musste er den Angriff exakt planen und dabei seine Bataillone sammeln. Mit einem Filzstift bedeckte er hektisch die weiße Fläche der Schlafzimmertür mit Linien und Kreuzen. Dies war der Schlachtplan, damit würde er Herrn Corelli dingfest machen. In der Mitte das Angriffsziel, ein großes »C« für Corelli, dann die Pfeile, die die Stoßrichtungen seiner Angriffe symbolisierten. Er nahm rot für die Umgehungsstraße und schwarz für das Kampfgetümmel. Es erfasste ihn eine solche Raserei, dass er nicht nur die Tür, sondern auch die Wand drum herum vollkritzelte. Er merkte verstärkt das nervöse Wuseln um sich herum, wie gut, die verbündeten Heerscharen formierten sich und würden ihm zur Seite stehen. Dann schluckte er noch einmal die drei- bis vierfache Dosis des L-Dopa rasch mit etwas Apfelsaft hinunter. Dieses Mal wollte er Nägel mit Köpfen machen. Gewalt nur, wenn es unbedingt notwendig sein würde, ansonsten listige Ermittlungen und Recherchen. Er zog sich eine schwarze Jeans und einen schwarzen Rollkragenpullover an, bepackte seinen Rucksack noch mit einer schwarzen Skimaske, Handschuhen und einigen Werkzeugen und stürzte aus dem Haus. Dieses Mal fuhr er zum städtischen Fuhrpark. Das Gelände war von einem hohen Zaun mit Stacheldrahtkrone umgeben. Dieses Mal würde er, unterstützt von den zähnefletschenden Mitkämpfern, die unruhig über seinen Köpfen schwirrten, frontal angreifen. Er schnitt mit einem Drahtschneider eine Lücke in den Zaun und lief zwischen den parkenden Fahrzeugen auf das Bürogebäude zu. Er hörte gerade noch das kehlige Knurren, bevor ihn der Schäferhund ansprang und seine scharfen Zähne in den rechten Oberarm grub. Ihn durchfuhr ein heller Schmerz, der ihn allerdings nur dazu anstachelte, weiterzulaufen, um möglichst schnell die feindliche Festung zu erreichen. Als er mit dem Bolzenschneider das Fenster zum Büro des privaten Wachdienstes zertrümmerte, kam ein Angestellter heraus und packte ihn an den Beinen. Nachdem er den Schäferhund von dem Angreifer weggezerrt hatte, versetzte er ihm noch ein paar Schläge ins Gesicht, um ihn zu beruhigen, wie er später aussagte. Dann ging er in sein Büro, um Polizei und Krankenwagen zu benachrichtigen.

»Herr Sommerfeld ist wieder in der Unfallchirurgie aufgenommen worden«, berichtete am nächsten Morgen der diensthabende Arzt beim Rapport. »Er hat eine Gehirnerschütterung, einen Nasenbeinbruch und Hundebisswunden am rechten Oberarm. Offensichtlich hat er sich wieder zusätzliche Medikamente besorgt und zu halluzinieren begonnen.«

»Offensichtlich ist die Dopamin-Sucht doch stärker, als wir es eingeschätzt haben. Ungewöhnlich ist, dass er seine fixe Idee, gegen die Mafia ankämpfen zu müssen, immer wieder in reale Aktionen umsetzen muss. Eine optimale Einstellung der Parkinsonerkrankung reicht nicht aus, wir dürfen die zusätzliche psychiatrische Behandlung nicht vergessen«, sagte ich, bevor ich auf die Station ging, um mit dem Patienten zu reden.

Später beschlossen wir, ihn längerfristig in eine Rehabilitationsklinik zu überweisen, die sowohl auf die Behandlung von Parkinsonpatienten als auch von Suchtkranken spezialisiert war. Es war nicht einfach, solch eine Klinik ausfindig zu machen; schließlich konnte unsere Sozialarbeiterin ihn in einem Zentrum in Thüringen unterbringen, welches auch weit genug weg von seinem Zuhause war.

Etwa drei Wochen später las ich morgens in der Zeitung folgende Meldung: »Aus ungeklärter Ursache ist das Bürogebäude eines Autohauses abgebrannt. Die Polizei vermutet Brandstiftung.« Ich war unangenehm berührt, als mir bewusst wurde, dass es sich um dasselbe Autohaus handelte, das Sommerfeld seinerzeit überfallen hatte. Ich rief noch am selben Tag den Kollegen im Thüringer Rehabilitationszentrum an und erfuhr, dass der Patient Sommerfeld tatsächlich an diesem Wochenende Urlaub bekommen hatte, um zu Hause nach dem Rechten zu sehen. Er habe bei den Therapien eifrig mitgetan und einen völlig geordneten Eindruck gemacht.