Umschlag

Sina Beerwald, 1977 in Stuttgart geboren, hat sich bisher mit fünf erfolgreichen Romanen einen Namen gemacht. 2011 wurde sie Preisträgerin des NordMordAward, des ersten Krimipreises für Schleswig-Holstein. Vor fünf Jahren wanderte sie mit zwei Koffern und vielen kriminellen Ideen im Gepäck auf die Insel Sylt aus und lebt dort seither als freie Autorin.

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

© 2013 Hermann-Josef Emons Verlag
Alle Rechte vorbehalten
Umschlagmotiv: fotolia.com/Sunnydays
Umschlaggestaltung: Tobias Doetsch
eBook-Erstellung: CPI – Clausen & Bosse, Leck
ISBN 978-3-86358-254-8
Sylt Krimi
Originalausgabe

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Für Lauris

Dramatis Laridae

Ahoi: Für die Eroberung eines Weibchens braucht er mindestens einen Plan C, weil der Abstand zwischen zwei Fettnäpfchen einen Ahoi beträgt. Und da seine Eltern ihm sonst nix Ordentliches beigebracht haben, ist er seit zehn Jahren Späher einer Möwenbande, die von räuberischer Erpressung lebt. Diese Crêpes sind aber auch zu lecker – und machen obendrein satt. Er ist Gründungsmitglied der Mordkommission Schoko-Crêpes.

Baron Silver de Luft: Sieht keine zwei Meter mehr weit. Er ist altgedienter Scheff der Bande und trägt zum Zeichen dessen den Helm seines Großvaters, der Hauptfischwebel im zweiten Möwenkrieg war. Böse Zungen behaupten, es handle sich um eine rostige Thunfischdose.

Harry: Alleinerziehender Vater mit der beeindruckenden Spannweite von einem Meter sechzig. Früher Türsteher vor einer Bäckerei, heute der Mann fürs Grobe, aber mit weichem Herz.

Grey: Die Jungmöwe im Team. Hat einen vorlauten Schnabel und noch ziemlich viele Flausen im Gefieder.

Suzette: Nicht nur Ahoi ist verliebt in sie – auch Mogulis, die reichste Möwe von Sylt, findet Suzette süß und wirbt mit allen Mitteln um sie.

Jonathan: Er sieht sehr gut aus und ist bei den Möwenweibchen ein begehrter Teilzeitbrutpfleger, hat aber noch nie eine Beziehung zu einem Weibchen gehabt – ich denke, Sie verstehen mich.

Helgi: Kam als Auswanderer erst kürzlich zum Team. Er wurde von seiner Heimatinsel Helgoland mit Schallwellen vertrieben und fühlt sich am wohlsten, wenn er im Alkovenbett im Keitumer Heimatmuseum liegen und auf den Spuren seiner Vorfahren wandeln kann.

Balthasar: Die schlauste Möwe von allen. Hat drei Silvester an der Unität studiert und fliegt nur noch nach Navi. Ein Frühstück ist für ihn erst mit einer geklauten Tageszeitung perfekt.

Alki: Möchte nicht mehr ungefragt einer Gruppe hinzugefügt werden – mit dem Thema ist er durch, seit er von einer Saisonpartnerin mal zu einem Gesprächskreis für Möwen mit Alkoholproblemen geschleppt wurde.

Mensch-Knut: Crêpes-Dealer von Beruf und damit der wichtigste Mensch im Leben der Möwenbande. Als der Crêpes-Stand eines Morgens geschlossen bleibt, beginnt die Geschichte …

EINS

Gestatten, mein Name ist Ahoi. Wie jeden Morgen sitze ich auch heute zu Füßen des Leuchtturms am Südzipfel von Sylt auf dem Dach des Crêpes-Standes und schaue übers Meer, der aufgehenden Sonne entgegen. Ausschau halten ist mein Job. Und Sonne bedeutet viele Touristen.

»Freunde, das wird ein guter Tag!«, rufe ich meiner Bande zu, und die Möwen unten am Strand stellen augenblicklich ihre verzweifelten Versuche ein, die Schale einer angespülten Strandkrabbe zu knacken oder im seichten Wasser erfolglos nach Fischen zu tauchen. So ist das eben, wenn die Eltern einem nix beibringen. Ich bin deswegen schon mein halbes Leben lang Späher dieser Bande, die sich durch räuberische Erpressung ihre täglichen Crêpes verdient. Die Dinger sind aber auch echt lecker und machen obendrein satt.

Unser kriminelles Handwerk haben wir jedenfalls von der Pike auf gelernt. Ich checke immer die Lage, denn ich kenne die Vorlieben meiner Kumpels: Apfelmus für Suzette, Käse-Schinken für Jonathan. Oder aber mit Schuss für Alki, den Dienstältesten im Team, der ein paar persönliche Probleme hat und sich deshalb auch gerne mal ins Weinglas eines Touris stürzt. Nur Zimt-Zucker ist tabu, weil die Sorte immer von den kleinen Ganoven gegessen wird, die ihre Eltern ganz gewieft zum Crêpes-Stand schleppen und dadurch erst für den großen Umsatz sorgen. Denen darf man keine Angst machen.

Ich höre also bei der Bestellung zu und rufe die Menüfolge aus, worauf Jonathan und Suzette das Ablenkungsmanöver übernehmen. Dann ist Harry dran. Mit seiner Spannweite von einem Meter sechzig kreist er das nichts ahnende Opfer ein, schießt dann im Sturzflug über dessen Schulter und schnappt sich den Crêpe. Selbstverständlich ohne Serviette. Die hält noch immer der schreiende Tourist in Händen, der jetzt anstelle des Crêpes den Schreck seines Lebens verdauen muss.

Harry lässt sich derweil auf einem Strandkorbdach nieder und bittet die Kollegen zu Tisch. Die Reste, die bei einem schlechten Manöver auf der Promenade landen, kriegt Auswanderer Helgi. Der kam erst kürzlich zur Truppe, weil er von Helgoland vertrieben wurde. Dort haben die Menschen uns Silbermöwen zum Schutz der Touristen den Krieg erklärt und meine Artgenossen mit Schallwellen von der Insel gejagt. Nur hier auf Sylt haben wir noch gut lachen.

Auf Sylt ist eben alles immer ein bisschen anders. Und eine echte Sylter Möwe zu sein, ist sowieso etwas Besonderes. Warum? Ja, das weiß ich auch nicht so genau. Aber wenn ich einer Möwe auf dem Festland erzähle, dass ich von Sylt komme, bin ich binnen Sekunden von flügelschlagenden, neugierigen Artgenossen umringt. Jede Möwe kennt diese bunte Welt auf einhundert Quadratkilometern oder hat wenigstens davon gehört. Die Weibchen hängen bei jedem Wort an meinem Schnabel, und die Männchen fragen mich direkt, wo denn im Revier kurzfristig noch etwas frei wäre. Wenn mir dann vor Erstaunen der Schnabel offen stehen bleibt, schieben sie noch schnell hinterher, dass es ja wirklich nur für ein paar Tage wäre. Anreise aber bitte nicht am Wochenende, weil da immer so viel Luftverkehr herrscht.

Ja, haben die denn noch alle Federn am Flügel? Kurzfristig? Ein paar Tage? Auf Sylt! Ich muss nach Luft schnappen. Mein Gegenüber tut dasselbe, wenn ich ihm erkläre, dass er genau richtig in der Zeit liegt – sofern er für nächstes Jahr buchen will. Alle wollen nach Sylt. Auf die Insel der schönen und reichen Möwen.

Was für ein Klischee. Dabei bedeutet es nur, dass es jemand wie unser Scheff Baron Silver de Luft in den siebenundzwanzig Jahren seines Lebens nicht geschafft hat, sich vom Acker zu machen. Die Möwen in den Metropolen beneidet doch auch keiner, weil sie seit zwanzig Jahren auf dieselbe Stelle scheißen. Auf Sylt ist das ein Privileg.

Unser Scheff ist unser Scheff, weil er die Gnade einer Sylter Geburt erfahren durfte. Das allein vergoldet seinen Stammbaum und gibt ihm das Recht, unser Anführer zu sein, obwohl er längst in Rente sein müsste. Doch noch befehligt er eine Truppe von scheinbar Untergebenen (ich hoffe, er ist kurzsichtig genug, das hier nicht mehr lesen zu können) und trägt zum Zeichen dessen den Helm seines Großvaters, der Hauptfischwebel im zweiten Möwenkrieg war. Dass es sich bei diesem Erbstück um eine rostige Thunfischdose handeln könnte, ist nur unsere unausgesprochene Meinung.

In der Rangfolge stehen wir jedenfalls allein deshalb unter ihm, weil wir von außerhalb kommen, auch wenn manche, so wie Harry, schon seit einundzwanzig Jahren hier leben. Alles, was vom Festland kommt, wird grundsätzlich mit Argwohn betrachtet. Weil alles Schlechte von dort kommt: Füchse, Ratten, Gewitter und Kopfschmerzen.

Ja, was? Denken Sie, eine Möwe bekommt bei Ostwind keine Migräne? Schon mal darüber nachgedacht, warum wir oft scheinbar grundlos schreiend irgendwo rumsitzen? Weil es für Möwen verdammt noch mal keine Schmerztabletten gibt! Und hören Sie auf zu lachen, das ist nicht lustig. Wenn hier einer lacht, dann sind wir das.

Doch heute Morgen bleibt selbst uns Möwen das Lachen im Hals stecken. Der Crêpes-Stand macht nicht auf. Seit zehn Jahren ist die Bude sieben Tage die Woche ab neun Uhr morgens auf. Heute nicht.

Locker bleiben, denken wir uns. Vielleicht hat unser Mensch-Knut einfach nur verpennt?

Zwei Stunden später beschließen wir, nach Westerland zu fliegen und ihn mit ordentlichem Geschrei vor dem Haus zu wecken. Luftlinie zehn Minuten.

In Formation umfliegen wir das steinerne weiße Segel der Hörnumer Kirche, Baron Silver de Luft vorneweg. Unser neunmalkluger Balthasar fliegt auf halber Höhe neben ihm, um den kurzsichtigen Scheff notfalls dezent auf Gegenverkehr hinzuweisen. Das sind wir schon gewohnt, aber heute kriegt Balthasar den Schnabel gar nicht mehr zu, weil er dem Scheff begeistert den Unterschied zwischen schnellster und kürzester Route erklärt.

Seit gestern Abend fliegt Balthasar nur noch nach Navi. Auf einer Insel, auf der es eine Hauptstraße von Nord nach Süd und eine von Ost nach West gibt. Das internetfähige Handy hat er samt Ladekabel bei Sonnenuntergang in einem liegen gebliebenen Rucksack gefunden. Seither trägt er das Ding unterm Flügel und ist die glücklichste Möwe auf der ganzen Welt. Zuvor saß er monatelang neidvoll auf Strandkorbdächern und hat die Touris beobachtet, wie sie mit den Dingern umgehen. Jetzt hat er selbst so ein smartes Telefon, und die Bedienversuche halten ihn vom Fliegen ab.

Auf der Westseite sind die glitzernden Wellen der Nordsee zu sehen und keine zwei Flügelschläge jenseits der Dünen und der dunkelgrünen Heide das Wattenmeer, das sein üppiges Nahrungsangebot an Wattwürmern, Muscheln und Algen alle sechs Stunden feilbietet. Darüber machen sich die Austernfischer mit ihren langen roten Schnäbeln her, als gäbe es kein Morgen. Banausen. Ständig nur diese salzhaltige, eiweißübersättigte Kost. Die haben keine Ahnung von abwechslungsreicher Ernährung. Okay, wir haben dafür keine Ahnung vom Schalentiere-Knacken, aber was soll der Neid, wenn man sich, so wie wir, jeden Tag von Crêpes ernähren kann? Abgesehen von heute.

Unter uns zieht die erste Blechkarawane dahin, die, von Westerland kommend, auf der schmalen Landzunge gen Süden rollt.

»Vielleicht kommt uns Mensch-Knut ja auf halber Strecke entgegen«, schreie ich meiner Bande zu.

»Ich hab sowieso keinen Bock, in die City zu fliegen«, motzt Grey. Mit seinen vier Jahren steckt Harrys Sohn gerade mitten in der Pubertät. Eine Erklärung, die wir uns von unserem schlauen Balthasar ständig anhören müssen, um das Verhalten der Jungmöwe zu entschuldigen.

»Halt den Schnabel«, krächzt Harry. »Solange du noch keine weißen Federn hast, hast du nichts zu melden.«

Als alleinerziehender Vater hält Harry nicht viel von dem Pubertätsgedusel und pflegt einen eher robusten Erziehungsstil, um Grey die Flausen aus dem Gefieder zu treiben. Vor Greys Geburt führte Harry eine gute Saisonehe mit einer hübschen Möwe aus Westerland, die allerdings das Nachtleben liebte und mit ihrer Rolle als Brüterin irgendwie nicht klarkam, auch wenn das nur ein Teilzeitjob war. Also hat sich Harry Vollzeit aufs Nest gesetzt, obwohl er nicht wusste, wie er Kind und Job unter einen Hut kriegen sollte. Früher war unser Mann fürs Grobe jahrelang Türsteher vor einer Bäckerei. Rein durften die Leute, raus auch wieder. Aber ohne Brötchen. Die hat er ihnen todesmutig im Bodennahkampf abgejagt und dabei einiges an Federn gelassen. Nach Greys Geburt musste er seine Ernährungsweise jedoch den Vorlieben seines Lütten anpassen und suchte sich ein neues Revier. So stieß er zu uns. Später fand er dann raus, dass seine Frau Balzhandlungen mit einer anderen Möwe unterhielt und nur er nichts von der Dreiecksgeschichte gewusst hat. Da kann man Harry schon verstehen, dass er von der Saisonehe nichts mehr hält – und schon gar nicht mehr an eine mögliche Dauerehe glaubt. Balthasar sieht das natürlich anders. Er ist der Meinung, Greys auffälliges Verhalten sei auf die schwierigen sozialen Verhältnisse zurückzuführen, in denen der Junge aufwächst. Neben dem strengen Flügel seines Vaters brauche das Kind auch das weiche Gefieder einer Mutter.

Grey verdreht demonstrativ die Augen. »Ey komm, chill mal, Papa. In W-Land ist doch um diese Uhrzeit noch tote Hose. Was soll ich denn …?«

Er kann den Satz nicht vollenden, denn Harry verpasst seinem Sohn mit der Flügelschwinge eine Kopfnuss, dass Grey ins Trudeln gerät. Allein schon seiner körperlichen Imposanz wegen haben wir Harry damals sofort bei uns im Team aufgenommen. Mittlerweile hat er es zum Stellvertreter unseres Scheffs gebracht und wird als heißer Nachfolgekandidat gehandelt.

Unter uns kracht es.

Zwei Autos sind aufeinander aufgefahren. Nein, nicht wegen einer plötzlich rot gewordenen Ampel, sondern wegen eines Hinweisschildes. Auf dem steht »Sansibar«. Die Zufahrt zu dem überfüllten Parkplatz ist um diese Uhrzeit nur leider komplett blockiert, was der Vordermann nicht einsehen wollte, weshalb er auf schnurgerader Straße einfach stoppte. Schade, der kostenlose Parkplatz zweihundert Meter weiter ist noch leer, aber der ist eben auch zweihundert Meter weiter und kostenlos. Das ist schlecht fürs Image.

»Hoffentlich ist Knut nichts passiert«, sagt Jonathan angesichts des Unfalls etwas verängstigt und hält nach dessen quietschgelbem Opel Corsa Ausschau, der uns zwischen den Schattierungen von Meeresblau, Dünenweiß und Heidegrün sofort auffallen müsste.

»Werden wir gleich sehen«, sagt unser kurzsichtiger Scheff und übersieht dabei natürlich die Ironie seiner eigenen Bemerkung.

Wir halten stur Kurs auf die Skyline von Westerland. Warum die Menschen diese über zehn Stockwerke hohen Aussichtsbauten als Bausünde bezeichnen, erschließt sich uns nicht. Prima Landeplattformen mit Aussicht über die gesamte Insel und exzellente Ruheplätze.

Grey bekommt ein Glitzern im Blick und fliegt schneller. Ich weiß, was er denkt. Er will Sturzflug und Steilflug zwischen den Hochhäusern üben und dabei kräftig schreien, weil’s so schön hallt. Haben wir als Jungmöwen auch gemacht, und ich geb zu, mir würde es heute noch Spaß machen.

»Macht mal langsamer«, ruft Suzette, die dicht an der Seite von Alki fliegt, damit der bei seiner bedenklichen Kurvenlage nicht vom Kurs abkommt. Alki wurde von seiner Mutter in einem angespülten Rumfass ausgebrütet, weil sein Vater diesen Hohlraum für ein prima Nistversteck hielt. Schon als Jungmöwe hat man ihn deshalb Alki gerufen, und seine Großmutter, die das immer als ein schlechtes Omen angesehen hatte, behielt recht.

Vielleicht hat unser Mensch auch einen über den Durst getrunken?

Über dem Westerländer Campingplatz gehen wir tiefer. Wir überfliegen das Südwäldchen, das sich angesichts der sehr überschaubaren Baumansammlungen auf der Insel als solches bezeichnen darf, kreuzen die beiden Hauptbeutemeilen der Menschen und halten auf die Marinesiedlung zu. Balthasar weiß, dass Knut in diesem nördlichen Teil von Westerland in einer Souterrain-Wohnung lebt. Zielsicher geht er zum Landeanflug auf ein Reetdachhäuschen über und lässt sich auf dem das Gelände umgrenzenden Friesenwall nieder. So ein Friesenwall besteht aus aufgeschichteten Findlingen mit einer darauf liegenden Erdschicht für hübsche Bepflanzungen oder (wie in diesem Fall) einer Grasnarbe (der Variante für faule Gärtner). Selbst Alki landet punktgenau. Unser Scheff allerdings verfehlt die breite Steinmauer um eine Möwenlänge. Wie ein Blechvogel ohne ausgeklapptes Landefahrwerk schmiert Baron Silver de Luft durchs Vorgärtchen. Sein Schnabel bremst ihn schließlich an der Hauswand.

Er steht auf und schüttelt sich, dreht sich breitbeinig zu uns um, rückt seine Thunfischdose auf dem Kopf gerade und guckt grimmiger, als eine Möwe normalerweise gucken kann. »Wehe, einer von euch lacht«, brummelt er, flattert auf das reetgedeckte Spitzdach über der grünen Eingangstür und schaut demonstrativ auf uns herab. »Sieht einer das Auto von unserem Mensch-Knut?«

Kollektives Kopfschütteln.

»Dann können wir uns das Geschrei also sparen«, sagt der Baron und ordnet sich die zerzausten Federn.

Balthasar geht mit auf dem Rücken verschränkten Flügeln und leicht gesenktem Kopf auf dem Friesenwall auf und ab. »Das bedeutet wohl, unser Dealer hat einen Termin und macht heute später auf.«

»Nur wann?«, fragt Helgi zweifelnd. »Er kann schließlich auch aufs Festland gefahren sein.«

»Das ist doch alles Scheiße hier«, mault Grey und kickt mit der gespreizten Schwimmhaut in die Luft.

Baron Silver de Luft breitet die Flügel aus und bittet um Ruhe. »Keine Sorge, unser Ernährungssystem ist nicht in Gefahr. Die Crêpes sind sicher. Bis zum Mittagessen wird sich alles geregelt haben. Wir müssen uns unser Frühstück heute nur ausnahmsweise in der Stadt besorgen.«

»In Westerland?«, fragt Harry ungläubig. »Ohne mich. Ich bin Vater und habe Verpflichtungen. Eine davon ist, am Leben zu bleiben. Die Reviere sind klar aufgeteilt. Mit einem Türsteher vor einer Bäckerei sollten wir uns selbst als Gruppe nicht anlegen, die Fischbuden sind inselweit in der Hand der Veggie-Möwen, und sämtliche Eistüten gehören der organisierten Jungmöwenbande Coolice. Zudem werden die Touris in der Stadt überall durch Schilder vor uns gewarnt. Das ist ein hartes Pflaster. Da haben wir nirgendwo eine Chance.«

»Wow, Daddy steht auf Drama heute«, lästert Grey und erntet dafür wieder eins mit dem Flügel.

»Ahoi«, ruft der Scheff, »du checkst die Lage. Wie immer im Team mit Jonathan und Suzette.«

Ich lege den Kopf schräg, will aber nicht laut an der Entscheidung unseres Scheffs zweifeln. Sonst arbeite ich gern mit Jonathan und Suzette zusammen, aber für diesen heiklen Angriff erscheinen mir die zwei weniger geeignet. Suzette sorgt sich zu sehr um ihre Federn, und Jonathan ist zwar clever und beeindruckt mit tollen Ablenkungsmanövern, er ist allerdings sehr konfliktscheu, um nicht zu sagen: harmoniesüchtig. Harry hält ihn für ein Weichei.

Mir ist eigentlich ziemlich egal, in welcher Schale Jonathan ausgebrütet wurde, aber eine andere Tatsache gibt mir zu denken: Jeder von uns, die Jungmöwe Grey ausgenommen, hat irgendwo flügge gewordene Kinder herumfliegen. Nur Jonathan nicht. Eine Möwe kann sich einmal im Jahr verpaaren, zum ersten Mal mit vier bis fünf Jahren. Jonathan ist zehn Jahre alt, intelligent, sieht gut aus, achtet sehr auf sein Federkleid und ist bei den Damen als Teilzeitbrutpfleger ausgesprochen begehrt. Jonathan hat aber noch nie teilzeitbrutgepflegt. Muss ich noch mehr sagen?

Baron Silver de Luft sieht meinen zweifelnden Gesichtausdruck natürlich nicht. »Suzette ist hübsch und wird als Frau nicht so schnell angegriffen. Jonathan kommt bei anderen Möwen durch seine zurückhaltende Freundlichkeit immer gut an. Wir setzen auf Kooperation und Höflichkeit, auch im Austausch mit anderen Organisationen. Harry, Balthasar und Helgi, ihr führt zu dritt den Angriff auf einen Touri durch. Damit sind wir auf der sicheren Seite. Grey und Alki, ihr bleibt bei mir. Wir warten beim Wilhelmine-Brunnen auf die anderen und kühlen uns angelegentlich die Füße, als würden wir nur eine kurze Pause auf unserem Durchflug machen.«

»Na toll, ganz klasse. Da kann ich ja gleich nach Hause abzischen«, sagt Grey und droht, sich von der Gruppe zu entfernen.

»Ich bleibe lieber hier beim Haus«, beschließt Alki, dem schon die Flügel zittern. »Falls Mensch-Knut zwischenzeitlich zurückkommt, fahre ich bei ihm auf dem Autodach mit nach Hörnum.«

»Ihr macht alle genau, was ich euch sage!«, kreischt unser Scheff und erhebt sich in die Luft.

Das wäre allerdings das erste Mal, denke ich mir im Stillen, als wir uns auf die von ihm zugewiesenen Posten verteilen.

An der Strandpromenade lande ich mit Jonathan und Suzette auf dem Dach vom besten Hotel am Platze. Das »Miramar« wird seit Großvaters Zeiten als Spähplatz genutzt, allerdings haben unsere Vorfahren da noch vom Fischfang gelebt. Den Erbauer des Hotels hielt man vor hundert Jahren für ziemlich verrückt, als er beschloss, sein Hotel so nah an die Kliffkante zu stellen. Für uns ist es bis heute ein guter Aussichtspunkt auf den mittlerweile größten Warenumschlagplatz der Insel.

Halleluja, wie beschaulich geht es dagegen in unserem Hörnum zu! Ein Gewusel schon am frühen Morgen. Haufenweise Spaziergänger auf der Promenade, Kinder kreischen und spielen am Wellensaum, während die Eltern wie gerupfte Hühnchen mit ebensolcher Hautfarbe im Strandkorb liegen, als hätten sie sich dort seit einer Woche nicht mehr wegbewegt. Die finden das auch noch toll. Werde ich nie verstehen. Genauso wenig wie die Menschen, die mit Knöpfen im Ohr wie aufgescheucht am Flutsaum entlangrennen. Die sind für mich ohnehin völlig uninteressant, weil sie bei den Dealern immer nur was zum Trinken kaufen.

Der Westerländer Crêpes-Stand wird von einer Mauerbalustrade oberhalb der Promenade aus von finsteren Gesellen überwacht. Oha, mit denen will ich nicht mal verhandeln müssen. Selbst die Touris, die von dort oben den Ausblick auf den Strand und das Meer genießen wollen, halten sich geballt an eben jenem Abschnitt der meterlangen Balustrade auf, wo keine der Möwen sitzt.

Unten auf der Promenade ertönt der spitze Schrei einer Frau. Wow, das war ein beeindruckendes Manöver. Von der Musikmuschel aus, wo gerade ein klassisches Vormittagskonzert gespielt wird, ist eine Möwe losgeflogen und keine drei Sekunden später mit der Eiswaffel im Schnabel durchgestartet. Unter dem Jubelgeschrei ihrer Kollegen fliegt sie zurück auf ihren Posten. Dieses Revier scheint besetzt. Schiet. Bleibt nur noch das Strandcafé, das vom Luftraum aus überwacht wird. Dort, in höheren Sphären, kreisen auch Helgi, Balthasar und Harry. An einem der Außentische könnten wir mit einer schnellen Bodenoffensive vielleicht Erfolg haben. Ich will den dreien ein Zeichen geben, aber Helgi und Harry sind so damit beschäftigt, unauffällige Touristen-Möwen zu mimen, dass sie mich völlig aus dem Blick verloren haben. Immerhin, Balthasar schaut nicht auf das Meer hinaus, sondern in meine Richtung. Ich deute mit einem Flügelschlag auf das Strandcafé und denke, eine Möwe grunzt: Noch bevor ich ihm irgendwas begreiflich machen kann, dreht Balthasar ab, greift sich unter den Flügel und beschäftigt sich mit seinem klingelnden Scheißtelefon!

So viel zu seinen ewigen Vorträgen zum Thema Teamarbeit.

Kopfschüttelnd beobachtet auch Suzette Balthasars Alleingang und schirmt dabei ihre empfindlichen Augen mit dem Flügel gegen die Sonne ab. Der rote Ring um ihre wunderschön schwefelgelbe Iris tritt deutlich hervor. Ich weiß, dass ihr größter Traum eine Sonnenbrille »Modell Stubenfliege« wäre. Der Scheff hat schon recht, Suzette ist wirklich hübsch. Sie hat eine weiblich rund geformte Stirn und einen kurzen, weich gebogenen Schnabel. Letzteren hat sie von Männern leider gestrichen voll. Drei meiner Spezis haben ihr eine Modelkarriere und ein Leben in Luxus versprochen, damit sie sich vor den Touris in Pose wirft. Reich an Beute wurden dabei nur die Männchen. Der letzte Saisonabschnittsgefährte wollte nicht mal mit ihr teilen. Er hat sie nur als Lockvogel missbraucht, und wäre sie noch länger bei ihm geblieben, wäre aus ihr wohl eine Bordsteinschwalbe geworden. Bei mir hätte sie es gut, doch sie sieht in mir leider nur den guten Kumpel. Aber vielleicht … wenn ich genügend Eindruck bei ihr mache?

Ich spähe über die Promenade hinweg und sehe ein Ehepaar, das sich mit eingezogenem Genick, die Arme vor die Brust gepresst, zu einem der aufgereihten Strandkörbe schleicht. In typischer menschlicher Beuteschutzhaltung. Mein Jagdinstinkt ist geweckt. »Seht ihr das Paar, das sich da vorne im Strandkorb verstecken will?«

»Die haben Crêpes in der Hand«, murmelt Suzette, und ich kann förmlich sehen, wie ihr das Wasser im Schnabel zusammenläuft. »Ich glaube, das hat noch keine der Reviermöwen gesehen. Du bist wirklich ein toller Späher, Ahoi.«

Ich spreize die Flügel. Das geht runter wie Öl.

Doch Jonathan winkt ab. »Da ist kein Drankommen. Die gehören zur seltenen Spezies der cleveren Menschen und schirmen ihre Nahrung vor uns ab. Das sollten wir nicht riskieren.«

»Harry könnte der Angriff gelingen«, widerspricht Suzette. »Der ist so stark und geschickt.«

Okay, der Stachel sitzt. Ich hebe ab, noch bevor die beiden irgendetwas sagen können. Mit stolz gerecktem Kopf, die Füße eng am Körper, stürzte ich mich heldenmutig in die Tiefe.

Eine Schnabellänge von meinem Ziel entfernt sehe ich aus dem Augenwinkel, wie sich zwei Möwen scheinbar aus dem Nichts auf mich stürzen. Autsch, so wurden mir noch nie die Federn gelesen. Ich gebe mich tapfer, picke auf meine Gegner ein, weil ich Suzettes Blicke auf mir spüre. Das gibt mir Kraft. Yeah, ich gewinne den Oberflügel und bekomme die Serviette um den Crêpe zu fassen, doch dann katapultiert mich eine Menschenhand aus der Angriffszone.

Ich sehe aus wie ein gerupftes Huhn, als ich zu Jonathan und Suzette zurückkehre. Ich spucke das Papier aus und würde am liebsten im Erdboden versinken.

»Das war ganz schön mutig«, sagt Suzette und hilft mir, meine Federn zu sortieren. So könnte ich ewig stehen bleiben.

Balthasar landet ziemlich zerknirscht neben uns auf dem Dach, und prompt vibriert sein Gefieder. Er ignoriert es in der Hoffnung, dass wir es nicht bemerken. Wenn er das Handy in den Flügel genommen hätte, ich hätte es in die Tiefe geworfen.

»Wegen diesem Scheißteil hast du uns ein Manöver versaut!«

»Ach, jetzt bin ich schuld, oder was? Weil du nicht richtig gespäht hast? Dann hättest du nämlich die Möwen gesehen, die hinter dem Strandkorb lauerten.«

»Und du hast sie gesehen, du Schlaumeier, ja?«

Jonathan räuspert sich. »Ähm, vielleicht solltet ihr lieber aufhören zu streiten, weil … ahhhh«, kreischt er und entkommt nur durch einen beherzten Sprung in die Dachrinne einem Angreiferschnabel. Schiet, die haben es jetzt echt auf uns abgesehen. Zehn oder zwölf von diesen Gangstern fliegen in hohem Tempo hinter uns her, bis wir die Reviergrenze verlassen haben und uns wieder nördlich der Stadt befinden. Keiner mehr hinter uns. Das ist gerade noch mal gut gegangen.

Keuchend lassen wir uns auf Schwert, Kopf und Schild des steinernen Roland nieder, der auf einer begrünten Insel mitten auf der Straße steht.

Von Weitem sehe ich eine Möwe auf uns zufliegen, und ich will schon Alarm schlagen, da erkenne ich unseren Grey. Der ist trotz seiner jugendlichen Leistungsfähigkeit völlig außer Atem, setzt sich jedoch nicht hin, sondern bleibt wild flügelschlagend neben uns in der Luft stehen.

»Ich war gerade in Hörnum. Ey, wisst ihr, was totale Schei… ich meine, totaler Möwenschiet ist? Knut ist immer noch nicht am Stand angekommen, und ich hab auch sein Auto weit und breit nirgends gesehen. Also bin ich noch mal zu ihm nach Hause geflogen und hab zum Fenster reingeschaut, ob er wirklich nicht da ist. Alter Falter, ihr könnt euch nicht vorstellen, wie es da drin aussieht! Als ob jemand eingebrochen hätte. Vielleicht liegt er ja tot in seiner Wohnung, und der Einbrecher hat sein Auto geklaut?«

»Ach du Scheiße«, sagt Jonathan, dem es schon schlecht wird, wenn er nur einen Tropfen Blut sieht.

»Wir sollten uns das näher betrachten«, überlege ich laut.

»Vielleicht gibt es irgendwo ein geöffnetes Fenster«, sagt Suzette.

»Vielleicht erst mal was essen?« Jonathan seufzt. »Nachher hab ich garantiert keinen Hunger mehr. Machen können wir sowieso nix. Wenn Knut hinüber ist, dann isser hinüber.«

»Erst mal was essen geht klar«, meint Grey. »Wo gibt es was im Angebot?«

»Witzbold!«, schimpft Suzette. »In Westerland finden wir nichts zu essen. Was glaubst du, warum Ahoi so zerrupft aussieht?«

»Ach, ich dachte, er macht auf Bad Hair Day, um dich zu beeindrucken.«

Danke, Grey, denke ich. Vielen, vielen Dank. Ja, okay, ich gebe es zu, dass ich in Suzette verliebt bin. Ich meine, so richtig bis über beide Flügel. Aber muss mir ausgerechnet dieser Grünschnabel das ansehen? Suzette ist die erste Möwe, mit der ich mir mehr als eine Saisonehe vorstellen könnte. Meine letzten Beziehungen waren ziemliche Zweckgemeinschaften und hielten nicht länger als das Nest. Suzette jedoch ist so … wie soll ich das sagen, so … lieb, fürsorglich und … ach, was soll das Drumherumgerede, ich bin schließlich auch nur eine Möwe: Sie sieht einfach geil aus.

»Habt ihr Saugnäpfe an den Füßen, oder was ist los?«, frage ich, um mich elegant aus der Nummer zu stehlen. »Wir fliegen zu Knuts Haus. Sofort!«

Kurz darauf laufen wir durch den verwilderten Garten und entdecken auf der Rückseite des Hauses tatsächlich ein gekipptes Fenster. Aber durch den Spalt kommt nicht mal Grey hindurch. Suzette, die Schlankste von uns, schafft es immerhin bis zum Bauch. Dann steckt sie fest.

»Helft doch mal nach!«, schreit sie, und ich bin natürlich als Erster zur Stelle. »Aber wehe«, setzt sie hinzu, »einer von euch berührt meinen Hintern. Und außerdem: Augen zu!«

Ich seufze verhalten aufgrund des dargebotenen Anblicks und überlege für einen verbotenen Moment, sie noch ein bisschen so stecken zu lassen. Dann siegt der Verstand über meinen Fortpflanzungstrieb. Mit geschlossenen Augen (okay, das linke ist ein klitzekleines bisschen geöffnet) stelle ich mich auf die Fensterbank und lege die Flügel an ihre schlanke Taille, um zu schieben.

»Nicht so, das bringt nix!«, kreischt sie.

Herrgott, wie soll man es den Frauen auch recht machen?, denke ich.

»Geh mal zur Seite«, sagt Jonathan, der die Szene mit etwas Abstand betrachtet hat. Er nimmt Anlauf und fliegt mit Karacho gegen Suzette, sodass sie wie ein Korken aus dem Flaschenhals schießt und ins Haus katapultiert wird.

»Du bist ein Held, Jonathan!«, ruft Suzette von drinnen.

Na toll, denke ich, ausgerechnet Jonathan. Der registriert meinen eifersüchtigen Blick aber gar nicht.

Als wir alle drei auf der Fensterbank sitzen, erkennen wir es: Grey hatte recht. Das Chaos sieht ganz nach einem Einbrecher aus. Da jedoch die Haustür und die Fenster unversehrt sind, kombinieren wir, dass der Täter entweder einen Schlüssel hatte oder unser Dealer ihn selbst hereingelassen hat.

»Hoffentlich lebt Mensch-Knut noch«, flüstert Jonathan.

Nach einer gefühlten Ewigkeit gibt uns Suzette ein Zeichen, zum Hauseingang zu kommen. Dort erwartet sie uns an der offenen Tür, deren Klinke sie von innen hinunterdrücken konnte.

In den zwei halbdunklen Zimmern sind Schränke und Schubladen durchwühlt worden, Mensch-Knuts Sachen liegen auf dem Boden, und wahrscheinlich wurde das, was die Menschen wertvoll nennen, gestohlen. Von ihm selbst fehlt allerdings jede Spur.

Unschlüssig wandern wir in dem Chaos hin und her, ich natürlich immer in der Nähe von Suzette, sodass sich hin und wieder unsere Gefieder streifen. Balthasar und Jonathan inspizieren die offenen Schubladen, und ich werde den Eindruck nicht los, dass sie etwas zu essen suchen. Wo ist Grey eigentlich abgeblieben?

Ich finde ihn in der Küche. Auf der Arbeitsplatte steht ein Eimer, an dessen Rand er sich festgekrallt hat. Gerade eben so die Balance haltend, fixiert er den Inhalt.

»Grey!«, protestiere ich, um ihn von seinem weiteren Vorhaben abzubringen.

Unsere Jungmöwe schreckt hoch, schwankt wie ein Fahnenmast im Sturm und kippt dann, Schnabel voran, in den Eimer.

»Verdammt, Grey!« Ich ziehe ihn schwungvoll an den Schwanzfedern heraus, sodass er auf seinem Hintern landet und einmal über die Küchenplatte schlittert, bis er mit einem satten Plong! im Spülbecken landet.

»Ey hallo, was soll denn das?«, fährt mich Grey an. Der Crêpes-Teig trieft zäh von seinem Gefieder herab.

»Das frage ich dich, du Grünschnabel! Von dem rohen Teig kriegst du doch nur Bauchweh und Dünnschiss.«

»Bist du mein Vater, oder was? Dann nimm doch eine Pfanne und back einen Crêpe, du Oberlehrer! Für mich bitte mit Marmelade. Viel Marmelade!«

Ich schnappe nach Luft und höre Balthasar rufen: »Eine Schande ist das. Wie viele Vögel dafür wieder ihre Federn lassen mussten! Da muss doch etwas getan werden. Aufklärungsarbeit, am besten Flugzettel!«

Ich strafe Grey noch schnell mit einem missbilligenden Blick und gehe in das Vogelnest, von wo die Stimme kommt.

Dort trampelt Balthasar über das Kopfkissen und hält weiter seinen Vortrag über aussterbendes Federvieh.

Ich interessiere mich allerdings mehr für das Papier mit der Menschenschrift drauf, das da mitten auf der Bettdecke liegt. »Balthasar, führ dich nicht auf wie ein Rohrspatz. Sag mir lieber, was auf dem Zettel steht. Kannst du das lesen?«

Balthasar schaut drein, als hätte ich ihn gefragt, ob das Meer blau sei, lässt sich dann aber doch dazu herab näherzutreten. Er zieht seine runde Brille unterm Flügel hervor und setzt sie auf. »Das ist echte Menschenschrift, ziemlich schwer zu lesen. Aber wozu habe ich vier Silvester an der Unität studiert? Das kriege ich hin.« Er plustert sich auf und beugt sich über den Text.

Balthasar kann alles lesen. Auch wenn ich ihm das mit der Universität nicht abnehme. Ich denke, das Lesen hat er sich vom Strandkorbdach aus beigebracht. Er freut sich über jede Zeitung, die die Menschen im Strandkorb liegen lassen, und ein Buch hat er in null Komma nix durch. Sein neuester Traum ist es, endlich herauszufinden, wie man in die Bibliothek in Westerland einbrechen kann. Sei’s drum, Hauptsache, er kann lesen.

»›Abschiedsbrief‹ ist das erste Wort«, sagt Balthasar.

Mir stellen sich die Nackenfedern auf. »Ach, du heilige Möwenscheiße. Lies weiter.«

Liebe Eva, liebe Mutter, lieber Sönke,

ihr braucht mich nicht zu suchen. Wenn ihr diese Zeilen lest, werde ich schon gegangen sein – für immer. Das Meer wird mich in seine Arme schließen, es gibt auf dieser verfluchten Insel ja nicht einmal einen Baum, an dem ich mich aufhängen könnte. Bitte verzeiht mir diesen Schritt, aber ich kann nicht mehr. Mama, du warst für mich die beste Mutter der Welt, ich habe dich geliebt und mich immer gern um dich gekümmert. Als bei dir vor drei Wochen dieser aggressive Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert wurde, war ich schwer geschockt, aber es ändert nichts an meiner Entscheidung. Es ist mir vielmehr eine große Beruhigung, dass du mit der Trauer um deinen Sohn nicht mehr lange wirst leben müssen und wir uns in zwei, drei Monaten im Himmel wiedersehen werden. Ich wünsche dir, dass du in Frieden und ohne Schmerzen aus der Welt gehen kannst, wenn es so weit sein wird. Mein Bruder wird einen schönen Grabstein für dich aussuchen, und außerdem wird Sönke dein Grab jeden Sonntag besuchen und die hübschen Blumen darauf gießen.

Meine geliebte Eva, wir haben viele schöne gemeinsame Jahre miteinander verbracht, aber am Ende haben wir uns nur noch gestritten, denn du hattest ganz andere Vorstellungen vom Leben. Du wolltest immer ein großes, eigenes Haus haben, was mir für mein Lebensglück nie wichtig war. Ich habe mich in dieser Zwei-Zimmer-Wohnung wohlgefühlt, während sie dir nur wie ein teures Erdloch vorkam. Aber die Mieten sind auf dieser Insel nun einmal sehr hoch, und wir hätten uns gar nichts anderes leisten können. Vor allem, weil diese kriminelle Möwenbande mir meine Geschäfte am Crêpes-Stand mehr und mehr ruiniert. Die Leute haben sich in den letzten Wochen schon gar nicht mehr zu mir an den Stand getraut, sondern sind lieber zu meinem größten Konkurrenten, dem Pizzabäcker, gegangen. Trauert nicht zu sehr um mich, niemand von euch ist schuld daran, dass ich mir das Leben genommen habe. Es war meine Entscheidung. Die Möwen haben das Fass zum Überlaufen gebracht.

Euer Knut

Wir schauen uns an, rufen Suzette und Jonathan herbei und fliegen in halsbrecherischem Tempo zurück in die Stadt. Fernab der Strandpromenade landen wir am Wilhelmine-Brunnen, wo der Rest der Bande im flachen Wasser watet und sich die Füße kühlt.

Durcheinanderschreiend erzählen wir, wie es uns ergangen ist und was Balthasar uns vorgelesen hat. Derweil werden wir von Touristen fotografiert, die eigentlich die Brunnenfigur auf dem Bild haben wollen, jene pausbäckige steinerne Menschenfrau in Badekleidung, die so aussieht, als würde sie den ganzen Tag nur essen. Der blanke Hohn für uns – ohne Frühstück und angesichts unserer misslichen Lage.

Nach unserem Schnatterschwall sitzen wir stumm da, und jeder starrt in eine andere Richtung. Das war es dann also. Mit Knut und mit unserem schönen, sorglosen Leben. Und wir sollen auch noch das Fass zum Überlaufen gebracht haben …

»Was hast du denn da am Hintern kleben, Grey?«, fragt Harry seinen Sohn und rupft ihm samt einigen Flaumfedern einen verklebten Zettel aus dem Gefieder.

Grey gibt keinen Mucks von sich, weil er wohl befürchtet, seinen Tauchgang im Crêpes-Eimer nun doch noch beichten zu müssen. Ich hätte ja meinen Schnabel gehalten.

»Das ist ein Rezept«, murmelt Harry bei näherer Betrachtung des Papierfetzens, »so viel ist mir nach meiner Zeit als Türsteher bei der Bäckerei klar. Wie kommst du denn da dran?«

»Ey, chill mal, das ist doch egal.« Grey erntet einen warnenden Blick seines Vaters. »Na schön, okay, das muss bei Knut auf der Küchenplatte gelegen haben und versehentlich an meinem Hintern kleben geblieben sein.«

Unser Scheff legt den Kopf schief. »Balthasar, kannst du lesen, was da draufsteht?«

Balthasar wirft einen Blick auf den teigverschmierten Zettel. »Da steht: ›Knuts Crêpes-Teig‹.«

Ich ziehe die Federn über der Stirn zusammen. »Weshalb hat Knut eigentlich noch den Crêpes-Teig für den nächsten Tag vorbereitet, wenn er da bereits plante, sich umzubringen? Da stimmt doch was nicht. Außerdem hätte er doch eines ganz sicher mit ins Grab genommen: das Rezept für seine weltberühmten Crêpes. Was ist, wenn er …?«

»Boah, wie geil ist das denn?«, fällt mir Grey ins Wort. »Ich habe das Rezept für Knuts weltberühmte Crêpes!«

Balthasar kratzt sich nachdenklich mit dem Flügel am Kinn. »Wir sollten herausfinden, wie man die Dinger herstellt – dann können wir das große Geschäft machen.«

»Ich weiß, wie man an eine Flasche Amaretto drankommt«, wirft Alki ein.

»Und ich weiß, wo es hübsche Kochschürzen gibt«, ruft Suzette.

Ich schüttle den Kopf. »Könnt ihr mir mal zuhören? Es hat den Anschein, als hätte Knut seinen Selbstmord geplant – er hat sogar noch einen Abschiedsbrief geschrieben. Dann hätte er sich aber doch nicht die Mühe machen müssen, den Crêpes-Teig für den nächsten Tag vorzubereiten, und er hätte bestimmt nicht sein Rezept liegen lassen. Habt ihr eigentlich mal drüber nachgedacht, dass Knuts Selbstmord gar kein solcher gewesen sein könnte?« Ich mache eine Kunstpause. »Sondern ein als Selbstmord getarnter Mord?«

»Du meinst, ein Konkurrent könnte das Rezept abgeschrieben haben, nachdem er Mensch-Knut umgebracht hat?«, überlegt der Scheff.

»Ist doch egal, tot ist tot«, jammert Jonathan. »Und wir brauchen was zu fressen.«

»Oder einen neuen Dealer«, ergänzt Helgi, dem der Arsch sichtlich auf Grundeis geht, nachdem er schon glaubte, durch seine Auswanderung nach Sylt endlich wieder eine sichere Existenz gefunden zu haben.

Ich bin kurz davor zu schreien. »Aber versteht ihr denn nicht? Knut gibt einer räuberischen Möwenbande die Schuld an seinem Selbstmord – damit meint er uns! Das können wir doch nicht auf uns sitzen lassen.«

»Sollen wir also verhungern?«, fragt Harry. »Balthasar, lies uns das Rezept vor.«

»Mehr als die Überschrift kann ich nicht mehr erkennen. Alles voller Teig. Und ich fass ganz bestimmt nicht an, was dein Sohn am Hintern kleben hatte.«

»Willst du damit sagen, dass mein Sohn einen dreckigen Hintern hat?«, geifert Harry.

»Schluss jetzt!«, ruft Baron Silver de Luft dazwischen. »Ahoi hat recht. Da stimmt etwas nicht, und wir lassen uns nicht die Schuld am Tod eines Menschen geben. Auf geht’s! Möwen können einiges, auch einen Kriminalfall lösen. Und zwar schneller als jeder Mensch.«

Schneller sogar, als je eine Möwe gedacht hätte.

Hinter der Glasscheibe des Surfshops gegenüber entdecken wir ihn plötzlich. Die langen, zum Zopf gebundenen sonnengebleichten Haare, die Brille, die sehr schlanke Statur in viel zu weiten Hosen …

»Unser Knut!«, kreischt der Scheff und fliegt quer über die Friedrichstraße auf den Laden zu, in den die Menschen gehen, wenn sie Bretter für das Meer und wasserdichte Federkleider zum Tauchen brauchen. Ich werde das nie verstehen. Der ganze Umstand, nur um sich aufs Wasser zu setzen und zu dümpeln … da macht keine Möwe einen solchen Aufriss drum.