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Mission Investing im deutschen Stiftungssektor

Impulse für wirkungsvolles

Stiftungsvermögen

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Impressum

Herausgeber

Bundesverband Deutscher Stiftungen e.V.

Mauerstraße 93 | 10117 Berlin

Telefon (030) 89 79 47-0 | Fax -10

www.stiftungen.org

© Bundesverband Deutscher Stiftungen e.V.,

Berlin 2012

V.i.S.d.P.: Prof. Dr. Hans Fleisch, Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen

Projektleitung

Melinda Weber, Dr. Hermann Falk

Autorinnen

Melinda Weber, Antje Schneeweiß

Mit Fachbeiträgen von

Ursula Augsten, RölfsPartner

Dr. Alexander Becker, KPMG AG WPG

Dr. Anna Katharina Gollan, LL.M., P+P Pöllath + Partners

Dr. Andreas Richter, LL.M. (Yale), P+P Pöllath + Partners

Sascha Voigt de Oliveira, KPMG AG WPG

Sven Vollstädt, RölfsPartner

Zitiervorschlag

Schneeweiß, Antje/Weber, Melinda [2012]: Mission Investing im deutschen Stiftungssektor. Impulse für wirkungsvolles Stiftungsvermögen. StiftungsStudie. Herausgegeben vom Bundesverband Deutscher Stiftungen. Berlin

Korrektorat

Nicole Woratz

Gestaltung

PACIFICO GRAFIK, Etienne Girardet

www.pacificografik.de

Druck

Druckhaus Berlin-Mitte GmbH

ISBN: 978–3–941368–26–2
eISBN: 978-3-941368-42-2

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Über den Bundesverband Deutscher Stiftungen

Als unabhängiger Dachverband vertritt der Bundesverband Deutscher Stiftungen die Interessen der Stiftungen in Deutschland. Der größte Stiftungsverband in Europa hat über 3.800 Mitglieder; über Stiftungsverwaltungen sind ihm mehr als 6.000 Stiftungen mitgliedschaftlich verbunden. Damit repräsentiert der Dachverband mit Sitz in Berlin rund drei Viertel des deutschen Stiftungsvermögens in Höhe von mehr als 100 Milliarden Euro.

Über Impact in Motion GmbH

Impact in Motion trägt dazu bei, dass Impact und Mission Investing in Deutschland und Europa an Bedeutung gewinnt. Die Gesellschaft versteht sich als Marktbereiter und „Early Adaptor“ zugleich. Impact in Motion ist in drei Bereichen tätig:

(1) Wirkung verstehen: Research und Publikationen

(2) Wissen teilen: Vernetzung von relevanten Akteuren, Events und Beratung

(3) Impulse geben: Umsetzung von Leuchtturmprojekten (z.B. Social Venture Fund)

Inhalt

Geleitwort

Die wichtigsten Botschaften dieser Studie

Einführung

Was bringt Mission Investing für Stiftungen?

Ziel, Methode und Aufbau der Studie

Praktische Annäherung

Zum Begriff Mission Investing

Unterschiede in der US-amerikanischen und der deutschen Stiftungsgesetzgebung

Deutsche Begriffe

Erste Handlungsschritte in drei Dimensionen

Drei strategische Eckpunkte für das Vermögensmanagement

Mission Investing in fünf Anlageklassen

Mission Investing in ausgewählten Zweckbereichen

Aktueller Stand: Mission Investing in Deutschland

Zweckbezogenes Investieren in Zahlen: Ergebnisse einer Umfrage vom Dezember 2011

Zweckbezogenes Investieren in der Praxis

Chancen und Herausforderungen

Hürden für zweckbezogene und zweckfördernde Anlagen

Der Markt und die Beteiligten

Der Markt und die Produkte für Impact Investments

Wie Stiftungen Impact Investing unterstützen: Beispiele

Rechtliche Rahmenbedingungen

Perspektiven

Zweckbezogenes Investieren in Deutschland – was wir aus dem Ausland lernen können

Aufbau einer Struktur für zweckbezogenes Investieren in Deutschland

Konkrete Maßnahmen

Schlusswort

Anhang

Fallbeispiele – zweckbezogene Investmentpraxis bei deutschen Stiftungen

Produktbeispiele – Impact Investing

Glossar

Adressen

Literaturverzeichnis

Liste der befragten Stiftungsvertreter

Abbildungen

Abbildung 1Die Leistungskraft steigern

Abbildung 2Methodik der Studie

Abbildung 3Gängige Begriffe im Bereich des Mission Investing

Abbildung 4Mission-Investing-Fachjargon auf einen Blick

Abbildung 5Mission Investing als Investmentstil

Abbildung 6Impact Investments vs. Nachhaltige Geldanlagen

Abbildung 7Drei Dimensionen zweckbezogener Investments

Abbildung 8Bandbreite des Stiftungszwecks

Abbildung 9Wirkungsspielraum von Mission Investing

Abbildung 10 Synergieeffekte nutzen – Wirkung verstärken

Abbildung 11 Drei Strategien des Mission Investing

Abbildung 12 Finanzierungswege zur Verwirklichung des Stiftungszwecks

Abbildung 13 Aufteilung der Stiftungszwecke nach Hauptgruppen

Abbildung 14 Mission-Investing-Umfeld

Abbildung 15 Umfrageergebnis: Stiftungsvermögen im Einklang mit Stiftungszweck

Abbildung 16 Umfrageergebnis: Stiftungskapitals mit Nachhaltigkeitskriterien

Abbildung 17 Umfrageergebnis: Nachhaltige Anlagestrategien

Abbildung 18 Umfrageergebnis: Nachhaltige Anlageklassen

Abbildung 19 Umfrageergebnis: Gründe für die Anwendung von Nachhaltigkeitskriterien

Abbildung 20 Umfrageergebnis: Gründe gegen Anwendung von Nachhaltigkeitskriterien

Abbildung 21 Umfrageergebnis: Bereitschaft zur Nachhaltigen Geldanlage

Abbildung 22 Chancen und Herausforderungen

Abbildung 23 Treibhausgasemissionen nach Sektoren

Abbildung 24 Hürden zweckbezogenen Investierens

Abbildung 25 Rechtliche Rahmenbedingung zweckbezogenen Investierens

Abbildung 26 Geschichte des Mission Investing in den USA

Abbildung 27 Einschätzung des Entwicklungsstands von Mission Investing

Abbildung 28 Schlüsselaktivitäten zur Aufbauphase in Deutschland

Abbildung 29 Denkanstöße zu möglichen Maßnahmen

Abbildung 30 Übersicht der Fallbeispiele Stiftungen

Liste der Fallbeispiele zu den rechtlichen Rahmenbedingungen

Fallbeispiel 1 Kreditvergabe aus zeitnah zu verwendenden Mitteln

Fallbeispiel 2 Kreditvergabe aus dem Stiftungskapital

Fallbeispiel 3 Direktbeteiligung an einer gewerblichen GmbH

Fallbeispiel 4 Beteiligung an einem geschlossenen Impact Fonds

Liste der Fallbeispiele zur zweckbezogenen Investmentpraxis bei deutschen Stiftungen

Bewegungsstiftung

Bürgerstiftung Dresden

Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU)

Deutsche Stiftung Friedensforschung (DSF)

Stiftung Eben-Ezer

Eberhard von Kuenheim Stiftung

Gemeinschaftsstiftung terre des hommes

GLS Treuhand e.V. und seine Treuhandstiftungen

Schweisfurth-Stiftung

Social Business Stiftung

Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“

Stiftung Nord-Süd-Brücken

Stiftung Zukunftsfähigkeit

Liste der Infokästen

Gesundheitsschäden und Reputationsverlust aufgrund der Finanzanlage

Beispiele für zweckbezogenes Vermögensmanagement

Zwei weitverbreitete Definitionen aus den USA

Vorschlag für eine deutsche Definition von Mission Investing

Darlehensvergabe der Auridis gGmbH

Praxishinweis: Darlehensvergabe und Kreditwesengesetz

Exkurs: Grenzen eines Impact Investments mittels eines Beteiligungsfonds

Wie die öffentliche Hand Impact Investing unterstützen kann

Kompetenz und Erfahrungen von Stiftungen nutzen und vernetzen

Geleitwort

Die vorliegende Publikation liefert eine – in Deutschland erstmalige – Beschreibung des wirkungsorientierten Anlageverhaltens der Stiftungen. Sie soll zugleich Impulse zur Entwicklung einer weithin getragenen Kultur von zweckbezogenen Investitionen setzen. Sie zielt also auf Verhaltensänderung und nicht bloß auf wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn, wenngleich sie sich auf wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse stützt und empirisch verlässliches Datenmaterial heranzieht.

Der Begriff Mission Investing ist in Deutschland noch nicht abschließend definiert. Seine Anwendung in der Praxis ist daher schillernd, sodass es eine der zahlreichen Herausforderungen dieser Publikation bildete, eine konsensorientierte definitorische Einordnung von Ober- und Unterbegriffen vorzulegen. Insbesondere ist das Verhältnis des Begriffs zum großen Feld der Nachhaltigen Geldanlage unklar; die Autorinnen haben sich dazu entschlossen, Nachhaltige Geldanlagen als einen Durchführungsweg des Mission Investing zu betrachten. Für manchen Leser mag sich das Ergebnis dieses Ordnungsversuchs als ein originelles Experiment darstellen, das nur für den vorliegenden Zweck verwendbar ist; andere Leser mögen für den Versuch der Begriffsklärung dankbar sein und ihn für ihre eigenen Zwecke adaptieren.

Die Bedeutung dieser Schrift dürfte darin liegen, dass sie womöglich zu einem Paradigmenwechsel im deutschen Stiftungssektor beitragen wird, hin zu einem ganzheitlichen Ansatz von Stiftungsmanagement, der die beiden tragenden Säulen jeder Stiftung – die Zweckverfolgung und die Vermögensbewirtschaftung – nicht mehr strikt getrennt sieht. In Bildern ausgedrückt:

1. Herkömmliche Sicht zur rein dienenden Rolle des Vermögens für den Stiftungszweck:

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2. Synergetische Sicht zur gegenseitig sich beeinflussenden Rolle von Vermögen und Stiftungszweck:

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Der Bundesverband Deutscher Stiftungen dankt den Autorinnen Melinda Weber und Antje Schneeweiß für ihre engagierte Arbeit, die mit zahlreichen praktischen Hinweisen und Empfehlungen für die praktische Arbeit von Stiftungen in hohem Maße nützlich sein wird. Auch werden die in diesem Werk vorgeschlagenen Maßnahmen zur weiteren Entwicklung des Mission-Investing-Sektors nicht ungehört verhallen.

3. Ganzheitliche Sicht zur gegenseitigen Durchdringung der Chancen von Vermögen und Stiftungszweck:

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Ebenso dankt der Bundesverband Deutscher Stiftungen den Unternehmen und Stiftungen, die mit einer finanziellen Förderung die Publikation ermöglicht haben. Zu nennen sind an erster Stelle die Baden-Württembergische Bank und sodann die BMW Stiftung Herbert Quandt, Spudy & Co. Family Office GmbH, die Hamburger Stiftung für Wirtschaftsethik und die Vodafone Stiftung Deutschland gGmbH.

Berlin, im Juli 2012

Prof. Dr. Hans Fleisch

Dr. Hermann Falk

Die wichtigsten Botschaften dieser Studie

image Fast die Hälfte der kapitalstärksten Stiftungen in Deutschland plant, in Zukunft zweckbezogen zu investieren.

image Mission Investing ist weitgehend unabhängig von Größe, Art und Zweck einer Stiftung und kann auf sehr unterschiedliche Weisen umgesetzt werden.

image Es gibt eine Vielfalt von zweckbezogenen Investmentstrategien und Anlageklassen, die den Anforderungen von Stiftungen entsprechen. Bei der Umstellung auf Mission Investing kann die Aufteilung des Stiftungskapitals auf die verschiedenen Vermögensklassen weitgehend unangetastet bleiben.

image Zweckbezogenes Investieren ist mit den treuhänderischen Pflichten von Vermögensverwaltern und Stiftungsvorständen vereinbar. Zahlreiche Studienergebnisse sowie positive Erfahrungsberichte der interviewten Stiftungen sind Beweise dafür, dass mit zweckbezogenen Investments, wenn sie sorgfältig integriert sind, mindestens genauso gute Renditen erwirtschaftet werden können wie mit traditionellen Investments.

image Die meisten Stiftungen, die mit zweckbezogenem Investieren bereits Erfahrungen gesammelt haben, geben an, dass weder interne Richtlinien noch rechtliche Rahmenbedingungen ein Hindernis für diesen Investmentstil darstellen.

image Die in dieser Studie dargestellten Fallbeispiele zur rechtlichen Umsetzbarkeit zweckbezogenen Investierens untermauern, dass die aktuelle Rechtslage grundsätzlich keine Hindernisse für Mission Investing bildet.

image Es sind die einzelnen, für Stiftungen ungewohnten Anlageklassen, insbesondere Darlehen und Beteiligungen, die einer besonders sorgfältigen stiftungs- und steuerrechtlichen Prüfung bedürfen. Die Zusammenarbeit zwischen Stiftungen ist besonders im Hinblick auf die Vermögensverwaltung zu empfehlen, um eventuelle Prüfkosten zu senken.

image Es empfiehlt sich eine schrittweise Einführung des Mission Investing. Stiftungen können zunächst ein Teil ihres Vermögens für zweckbezogene Investments reservieren und innerhalb der gewohnten Anlageklassen nach Investitionsmöglichkeiten suchen.

image Während die Integration Nachhaltiger Gelanlagen in die Vermögensverwaltung relativ einfach umsetzbar ist, stellen Impact Investments vor allem eine Herausforderung dar. Es gibt wenige standardisierte Wege, um geeignete Investitionsobjekte zu finden und der Prüfaufwand ist meist recht hoch. Ziel ist, dass zu den Bedürfnissen von Stiftungen passende Intermediäre (z.B. Fonds) und spezialisierte Beratungsangebote entstehen.

image Stiftungen können zur Entwicklung eines robusten Impact-Investing-Marktes beitragen, unter anderem, indem sie Sozialunternehmen bis zur Investierbarkeit fördern oder Intermediäre initiieren und ihnen Startkapital zur Verfügung stellen.

image Stiftungen können in der Aufbauphase des Mission Investing eine aktive Rolle übernehmen. Sie können z.B. weitere Forschung in diesem Bereich unterstützen und sich dafür einsetzen, dass ein positives Umfeld für Mission Investing entsteht.

image Es gibt eine Gruppe von Stiftungen, die für sich das Mission Investing entdeckt hat und entschlossen ist, diesen Weg zu gehen. Sie können die Vorreiter für eine Kultur des wirkungsorientierten, zweckbezogenen Investierens sein und andere Stiftungen zur Nachahmung ermuntern.

Einführung

»Ein Biobauernhof auf Usedom bezieht klimaschonende und emissionsfreie Energie, die zu 100 % selbst hergestellt ist. Damit betreibt er Klimaschutz und trägt zur Energiewende bei. Die Solardachanlage des Usedomer Biobauernhofs konnte deshalb finanziert werden, weil u.a. die Greenpeace Stiftung Geld in den festverzinslichen Sparbrief der GLS Bank anlegte und den Verwendungswunsch „regenerative Energien“ vorgab. So konnte die Stiftung ihr Geld nicht nur verzinst anlegen, sondern auch im Sinne ihres Stiftungszwecks wirken lassen.

»In Indien wird der Zugang wirtschaftlich benachteiligter Bevölkerungsschichten zu Mikrofinanzierungen gestärkt. Dadurch soll die Armut reduziert und der Aufbau privaten Vermögens und wirtschaftliches Wachstum erreicht werden. Die Stiftung Brot für die Welt trägt zu diesem Ziel bei, indem sie einen Teil ihres Geldes im FairWorld-Fonds anlegt. Der Fonds investiert unter anderem in die KfW-Mikrofinanzanleihe, die wiederum die indische Förderbank SIDBI finanziert. Die Anleihe mit einer Laufzeit von fünf Jahren wird mit 2 % verzinst und ist mit der höchsten Bonitätsnote bewertet. Der FairWorldFonds ist ein nachhaltiger Investmentfonds, dem soziale, ökologische und entwicklungspolitische Kriterien zugrunde liegen. Die Kriterien wurden von „Brot für die Welt“ und dem SÜDWIND-Institut entwickelt und sollen private und institutionelle Anleger ermutigen, ihr Vermögen ethisch und entwicklungsfördernd anzulegen.

„Wir haben 2011 mit dem schrittweisen Aufbau eines Mission-Investing-Portfolios begonnen. Demnächst sollen 15 % unseres Stiftungsvermögens wirkungsorientiert angelegt werden.“

CARL-AUGUST GRAF V. KOSPOTH

Geschäftsführender Vorstand,

Eberhard von Kuenheim Stiftung der BMW AG

»In Frankfurt-Bockenheim ist ein gemeinschaftlich genutzter Wohnraum entstanden. Das Haus wird als Gemeinschaftshaushalt von 15 Erwachsenen und sechs Kindern geführt, die sich die unterschiedlichen Aufgaben der Haushaltsführung im Rotationsprinzip teilen. Ermöglicht wurde dies u.a. durch die Bewegungsstiftung, die einen Direktkredit aus ihrem Kapitalstock in Höhe von 60.000 € dem Wohnprojekt zur Verfügung stellte. Die Stiftung fördert sozialen Wandel. Aus den Einnahmen der Vermögensanlage der Stiftung kommen jährlich ca. 160.000 € für Fördermaßnahmen zusammen. Allein durch die Kreditvergabe ist es der Bewegungsstiftung gelungen, ihre zweckbezogene Leistungsfähigkeit um 37,5 %1 zu steigern.

Die Photovoltaikanlage auf Usedom, die Mikrofinanzierung in Indien und der gemeinschaftliche Wohnraum in Frankfurt sind entstanden, weil deutsche Stiftungen ihre Geldanlagen bewusst eingesetzt haben. Vermutlich definiert sich keine der oben genannten Stiftungen als Mitgestalter einer neuen, wirkungsvollen Stiftungspraxis. Dennoch sind die Beispiele eindrucksvoller Beweis dafür, dass sich unter deutschen Stiftungen ein neues Denken hinsichtlich ihrer Geldanlage zu verbreiten beginnt. Mission Investing oder auf Deutsch „zweckbezogenes Investieren“ ist auf dem Vormarsch.

Insgesamt 13 ermutigende Fallbeispiele aus Deutschland werden in dieser Studie vorgestellt. Sie bilden nicht nur die Vorboten einer neuen Entwicklung, sondern sind Teil einer großen Bewegung, die in den letzten zehn Jahren in der internationalen philanthropischen Landschaft zu beobachten ist. Immer mehr Philanthropen möchten ihr Geld wirkungsvoll einsetzen. Darüber hinaus nutzen sie auch ihr Finanzvermögen, um ihre philanthropischen Ziele zu erreichen. Unterstützt wird die Entwicklung durch die Entstehung eines gemeinwohlorientierten Impact-Investment-Marktes, dessen Volumen innerhalb der nächsten zehn Jahre auf 1.000 Mrd. $2 wachsen soll. Dieses Geld soll aktiv in Unternehmen und Projekte investiert werden, die soziale Missstände lösen und Lebensumstände messbar verbessern.

Die Marktentwicklung geht an den Stiftungen nicht spurlos vorbei. Überall in Europa und in Übersee setzen sie verstärkt ihre Geldanlage (neben den Fördermitteln) wirkungsvoll für ihren gemeinnützigen Zweck ein. In den USA betrug der jährliche Zuwachs des Mission-Investing-Marktes zwischen den Jahren 2002 und 2007 16,2 % (1970–2002: 2,9 %).3 Laut einer aktuellen Marktmessung betreibt dort jede siebte Stiftung Mission Investing.4 Es gibt auch Stiftungen, die sich in besonderem Maße engagieren. Die KL Felicitas Foundation will beispielsweise bis Anfang 2013 ihr gesamtes Vermögen in Impact Investments anlegen. Im Dezember 2011 lag ihre Quote schon bei 78 %5. Andere Stiftungen gründen Netzwerke, um Mission Investing als wichtiges Instrument für sozialen Wandel bekannt zu machen und um die nötigen Rahmenbedingungen für einen weiteren Marktzuwachs zu schaffen. Hier ist vor allem die „More for Mission Initiative“ zu nennen, die unter anderem das Ziel hat, das in Mission Investments angelegte Volumen in den USA bis 2015 auf 10 Mrd. $ zu erhöhen.6

 

Was bringt Mission Investing für Stiftungen?

 

Mission Investing oder auf Deutsch „zweckbezogenes Investieren“ erlaubt es Stiftungen:

»das Stiftungsvermögen in Einklang mit ihrem gemeinnützigen Zweck zu bringen (zweckkonformes Investieren) und/oder

»den Stiftungszweck proaktiv zu fördern (zweckförderndes Investieren) und gleichzeitig

»im Sinne der rechtlichen Vorgaben der Vermögensverwaltung zu handeln.

Darüber hinaus hat das zweckbezogene Investieren ein enormes Potenzial, die Wirksamkeit jeder Stiftung zu steigern – sie kann ihre Leistungskraft auf diese Weise mehrfach hebe(l)n (siehe Abbildung 1). Vor allem ermöglicht es Stiftungen, einen positiven gesellschaftlichen Nutzen in einem Umfang zu erzielen, der durch reine Projektförderung nicht möglich wäre.

Beispiel: Die Kreditvergabe einer Non-Profit-Organisation (NPO) verbessert die Kreditwürdigkeit der Organisation und hilft ihr, zukünftig Finanzierungen einfacher zu erhalten.

Eine solche Erweiterung des Wirkungsspektrums ist dringend notwendig, denn die drängendsten Probleme der Welt werden in der Regel durch sozial und ökologisch falsche Marktmechanismen und wirtschaftliche Anreize verursacht. Sie können durch reine Projektförderung oder operatives Handeln kaum gelöst werden. Im Anlageprozess können Stiftungen Einfluss auf Wirtschaftsakteure nehmen. Die Auswirkung ihrer Vermögensverwaltung wird aktiv reflektiert und genutzt, um ihren gemeinnützigen Zweck zu unterstützen. Statt „Projektunterstützer“ agieren sie als „Problemlöser“.

Das Gesamtvermögen der deutschen Stiftungen wird auf mehr als 100 Mrd. € geschätzt.7 Unter der Annahme, dass es sich hierbei um investierbare Finanzmittel handelt und diese mit einem Durchschnittsertrag von 3 % p.a. verzinst wären, könnte den Stiftungen allein aus der Vermögensanlage eine Summe von rund 3 Mrd. € jährlich zur Verfügung stehen, um ihre gemeinnützige Arbeit zu leisten. Geht man davon aus, dass 40 % des Stiftungsvermögens im Betriebsvermögen gebunden sind (z.B. Gebäude, die die Stiftung selbst nutzt), dann verbleiben noch immer 60 Mrd. €, die Stiftungen als potenzielle Ressource für ihre Zweckverwirklichung nutzen können. Würden nur 15 % dieses Vermögens, sprich 9 Mrd. € wirkungsorientiert angelegt, so könnte der gesamte deutsche Stiftungssektor seine Leistungskraft um 300 % steigern.

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Abbildung 1 Die Leistungskraft steigern

Quelle: Impact in Motion, 2012

Dabei ist wichtig zu unterstreichen, dass Mission Investing nicht von der Größe einer Stiftung abhängig ist. Die in dieser Studie dargestellten Fallbeispiele zeigen, dass eine Mission-Investing-Praxis für eine Stiftung mit einem Kapital von einigen zehntausend Euros genauso umsetzbar ist, wie für eine Stiftung mit 2 Mrd. €.

Darüber hinaus bringt die Umstellung auf Mission Investing nicht zwingend eine Veränderung in der Aufteilung des Stiftungskapitals auf die verschiedenen Vermögensklassen mit sich. Da Mission Investing über alle Anlageklassen hinaus umgesetzt werden kann, kann die prozentuale Aufteilung auf Aktien, festverzinsliche Papiere und ggf. Immobilien in diesem Prozess unangetastet bleiben.

Schließlich ist noch klarzustellen, dass die Einbeziehung des Stiftungszwecks in die Anlageentscheidungen sowohl stiftungs- als auch steuerrechtlich grundsätzlich zulässig ist. Zahlreiche Beispiele von Stiftungen, die Mission Investing praktizieren, sind Beweise dafür, dass das deutsche Recht kein Hindernis für zweckbezogenes Investieren darstellt. Rechtliche Einzelheiten werden ebenfalls in dieser Studie dargestellt.

 

Ziel, Methode und Aufbau der Studie

 

Aufgrund des enormen Potenzials zweckbezogener Investments und vor dem Hintergrund der aktuellen Niedrigzinsphase möchte die Studie dazu beitragen, das Bewusstsein für die erweiterten Möglichkeiten des Vermögensmanagements zu stärken. Es ist zu wünschen, dass Mission Investing in Deutschland stärker genutzt und auf die Agenda des Stiftungssektors gesetzt wird. Die Studie möchte hierzu einen fachlichen Impuls geben und zu Diskussionen anregen.

In der vorliegenden Studie wird davon ausgegangen, dass die Entwicklung und die Etablierung einer Mission-Investing-Praxis in Deutschland aktiv von Stiftungen gestaltet werden kann. In diesem Sinne ist es erklärtes Ziel der Studie, eine Liste von Maßnahmen zu erstellen, durch die diese Entwicklung unterstützt werden kann. Dabei ist stets zu beachten: Mission Investing ist für Stiftungen kein „Muss“ und sollte es auch nicht sein. Es stellt vielmehr eine Möglichkeit für Stiftungen dar, ihre Effektivität signifikant zu steigern, wenn sie sich dafür öffnen und sich für das Thema engagieren.

Die der Studie zugrunde liegende Methodik umfasst verschiedene Arbeitsschritte. Erstmals werden hier Erkenntnisse aus einer Datenerhebung unter den 200 kapitalstärksten Stiftungen zum zweckbezogenen Investieren vom Dezember 2011 veröffentlicht. Zudem wurden qualitative Erkenntnisse aus ausführlichen Gesprächen mit Stiftungsvorständen zusammengestellt. Sowohl die quantitativen als auch die qualitativen Daten bilden die Grundlage für die Ergebnisse im dritten Kapitel und sind gleichzeitig maßgebliche Ideenlieferanten für den Maßnahmenkatalog im Kapitel IV.

Kapitel II: Hintergründe

Kapitel III: Aktueller Stand

Kapitel IV: Perspektiven

»Studienanalyse zum Thema Mission Investing

»Expertengespräche mit Stiftungen aus den USA und Europa

»Studienanalyse

»Befragung der 200 kapitalstärksten Stiftungen zum zweckbezogenen Investieren

»20 Interviews mit Stiftungen, die ihr Vermögen bereits zweckbezogen anlegen

»Expertengespräche mit Produktanbietern, Dienstleistern und Rechts- und Steuerberatern

»Studienanalyse

»Best-Practice-Analyse

»Expertengespräche mit Produktanbietern, Dienstleistern und Rechts- und Steuerberatern

Abbildung 2 Methodik der Studie

Darüber hinaus behandelt diese Studie sämtliche rechtlichen und steuerlichen Aspekte von Mission Investing. Dazu wurden vier konkrete Mission-Investing-Fallbeispiele von ausgewählten Steuer- und Rechtsexperten geprüft und bearbeitet.

Der erste Teil der Studie beschreibt umfassend die theoretischen Hintergründe des Mission Investing. Hier werden sowohl die angelsächsischen als auch die deutschen Begriffe vorgestellt, und es wird auf die unterschiedlichen Dimensionen des Mission Investing (Zweck-, Wirkungs- und finanzielle Dimension) sowie auf die relevanten Anlagestrategien und -klassen eingegangen.