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ROMAN GRAF

Niedergang

Roman

Knaus

1. Auflage

Copyright © 2013 beim Albrecht Knaus Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-10881-6

www.knaus-verlag.de

für Silke

Wo ist der Weg?

Gib alles drum! Dann wird es einfach.

Ludwig Hohl

1Unfreundlicher Empfang

Am höchsten hinauf, am weitesten kommt, wer mit der Natur verschmilzt, dachte André; das schlechte Wetter muss man sich zum Verbündeten machen.

Regenschwerer Nebel hatte über Nacht das Tal gefüllt, klebte im Talgrund, hakte sich an Häuserecken, Dachvorsprüngen, Dachrinnen fest, erstickte das Bergdorf. Der Kirchturm und die Giebel der höheren Häuser waren im Nebel verschwunden, wie abgetrennt, nicht mehr Teil dieser Welt. Straße und Trottoir, aber auch der Felsen neben der Bäckerei lagen vom Nieselregen verfärbt. Von unten, dem Bahnhof her, nahte ein gelbes Fahrzeug, ein Postauto, fuhr halb leer vorbei, stach in den Nebel und versank.

André und Louise hatten, auf das Drängen Louises hin, die soeben geöffnete Bäckerei betreten, wo Louise einen Kaffee und ein Croissant kaufte. Nun saßen sie draußen an einem kleinen, wackeligen Tisch auf zwei feuchten, mit den Ärmeln ihrer Regenjacken abgewischten Plastikstühlen, André ungeduldig mit dem Fuß wippend, Louise wie in Zeitlupe kauend. Statt mit einem Schluck Kaffee nachzuhelfen, versuchte sie mehrmals, das trockene Stück hinunterzuwürgen, bis es schließlich gelang. Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und schaute regungslos die Straße hinunter, als sehne sie sich nach dem Heimweg. Nicht einmal ihre Augenlider bewegte sie.

»Nun?«, fragte André, als Aufforderung, sie möge den Kaffee trinken und den Rest des Croissants aufessen. Er wollte los. Je schneller sie die Nebeldecke unter sich hätten, desto besser. Louises Stimmung würde sich mit dem Tageslicht aufhellen; sie würde später von der Bergwanderung schwärmen.

Er hatte in der Bäckerei nichts gekauft, als Zeichen, dass er mit dieser frühen Einkehr nach einem dreiminütigen Spaziergang durch das Dorf nicht einverstanden war. Er hätte nicht gewusst, was kaufen. Einen Kaffee brauchte er nicht, weckte einen das feuchte Wetter doch gut genug, zudem regte er die Verdauung an; ein heißer Tee war ebenso ungeeignet, wenn sie später nicht alle zehn Minuten eine Pinkelpause einlegen wollten; für Wasser gedachte er nicht so viel Geld auszugeben. Überhaupt: eben hatten sie im Hotel gefrühstückt, ausgiebig gegessen und getrunken. Man durfte den Aufbruch nicht wegen ein bisschen schlechten Wetters hinausschieben, musste los, sich hineinstürzen, einlaufen – nach einer oder zwei Stunden wanderte es sich wie von alleine. Man durfte nicht ständig stehen bleiben und Pause machen, so kam man nie in einen Trott. Nach jeder Stunde gab es fünf Minuten Pause und nach drei oder vier Stunden oder bei Erreichen eines Zwischenziels eine längere Rast – hatte er Louise gestern beim Abendessen in der Pizzeria noch einmal erklärt.

Endlich nahm sie den Plastikbecher in die Hände; sie wärmte sie daran und trank zwei Schlucke. Sie griff nach dem erst halb aufgegessenen Croissant, konnte sich aber nicht entschließen, es vom Tisch aufzuheben.

»Ich kann nicht mehr«, sagte sie und fasste sich an den Bauch.

»Kein Wunder«, antwortete André, »du hast doch eben erst gefrühstückt – und wie! Wir haben gegessen, als würden wir die nächsten zwei Tage nichts mehr kriegen.«

Louise tat einen langen Atemzug, legte die Hand auf den Magen und sagte, sie fühle sich nicht wohl, leichte Magenkrämpfe. Wieder verfiel sie in eine Starre und schaute die Straße hinunter.

Von dort, vom Bahnhof her, glaubte André den Bach zu hören, der jetzt, im Frühling, aufgrund der Schneeschmelze viel Wasser führte. Es musste schönes und warmes Wetter werden – wenn sie erst über dem Nebelmeer wanderten!

»Gib mal Händchen«, sagte Louise und legte die Hand mit der Innenfläche nach oben auf den Tisch.

Er tat, was sie forderte; widerwillig, aber er tat es.

Manchmal wolle man im Urlaub einfach an Ort und Stelle bleiben, sagte sie.

Er schwieg, als hätte er diesen Satz nicht gehört.

»Wir könnten heute Nachmittag losgehen. Vielleicht ist das Wetter dann besser. Oder morgen früh?«

»Louise«, sagte er und zog seine Hand zurück, »wir haben die Wanderung seit Monaten geplant. Wir brauchen fünf Tage, fünf volle Tage. Wenn wir jetzt nicht losgehen, können wir sie nicht machen.«

Er hatte die Bergwanderung im Dezember des vergangenen Jahres herausgesucht, im Internet recherchiert, Louise Bilder gezeigt, zwei Landkarten und einen neuen Kompass gekauft, und im Winter waren sie vermehrt auf Wanderungen im Berliner Umland und auf der Mecklenburgischen Seenplatte gewesen, um nicht ganz untrainiert zu sein.

Und dies alles für nichts? Er war verärgert, ließ sich jedoch nichts anmerken, stellte nur sachlich noch einmal fest, dass sie diese Wanderung nicht machen könnten, wenn sie jetzt nicht losgingen.

Aus dem Nebel heraus fiel leichter Regen, es schien dunkler statt heller zu werden, Windstöße fetzten gegen ihre Wangen. Zum Glück war der Becher mit dem Kaffee noch halb voll, sonst hätte der Wind ihn auf die Straße gefegt.

André, der die Wanderung, da sie ihn an die schönsten Tage seiner Kindheit erinnerte, unbedingt machen wollte, legte den Arm auf den Tisch, streckte nun seinerseits die Hand hinüber zu Louise und zappelte mit den Fingern, als Zeichen, dass sie ihre Hand in die seine legen solle.

»Willst du denn noch?«, fragte er.

2Kleine Canyons

Sie schulterten die bleischweren Rucksäcke. André half Louise, indem er ihren Rucksack hochhob; seinen eigenen, der wegen des Kletterseils, der Karabiner und Bandschlingen noch schwerer war, stellte er zuerst auf sein an einer Hauswand angewinkeltes Bein, dann schlüpfte er mit dem Arm durch den einen Schultergurt.

Sie zogen los, die Kapuzen um die Gesichter festgezurrt, wegen der Rucksäcke leicht vornübergebeugt. Nebeneinander gingen sie die paar Meter auf der geteerten Straße, die zum Dorfrand führte, wo ein steiler, schiefer Kiesweg begann, der nicht mehr von Autos befahren werden konnte, nur noch von Traktoren, Motorrädern und Mountainbikes, und wo Louise auf einmal hinter ihm herging, obwohl der Weg breit genug für beide war.

Sie murmelte etwas und blieb stehen. Also musste auch er, der möglichst schnell seinen Rhythmus finden wollte, anhalten; er drehte sich nach ihr um, wahrte mühsam das Gleichgewicht.

»Einen Moment«, sagte sie, »ich habe einen Schweißausbruch.«

Wie er ihr bereits im Hotel prophezeit hatte, war sie zu warm angezogen. Sie hatte ihm nicht geglaubt, da sie schnell fror und selbst im Hochsommer oft nicht ohne eine Jacke aus dem Haus ging.

Er hielt es für klüger, nichts zu sagen. Sie öffnete den Hüftgurt, löste die festgezogenen Schultergurte, und er tat die Schritte, den bereits zurückgelegten Weg wieder hinunter zu ihr hin, nahm ihr den Rucksack ab, damit sie ihn nicht auf den dreckigen Wegrand stellen musste. Unter dem Goretex-Regenschutz trug sie eine Winterjacke und darunter einen Rollkragenpullover aus Lammwolle, dabei hatte er ihr doch erzählt, wie sie früher bei den Pfadfindern auf Schneewanderungen hoch in den Bergen im T-Shirt unterwegs gewesen waren.

»Für die ersten Meter war die Jacke gut«, sagte sie, »ich hätte gefroren.«

»Wie lange – zwei Minuten?«, entgegnete er lachend. »Ich sagte doch, dass man meistens zu viel anhat. Man schwitzt, die Kleider werden nass, und wenn man nachher eine Pause macht, friert man.«

»Du hast ja Recht«, sagte Louise. »Ich muss eben alles selber herausfinden, du kennst mich doch.«

Er fragte, ob sie den Rolli nicht auch ausziehen wolle; sie verneinte, wies darauf hin, dass sie darunter nur ein T-Shirt trage.

Nachdem sie die Winterjacke im Rucksack verstaut, die Regenjacke wieder übergezogen und die Kapuze festgezurrt, nachdem er den Rucksack an ihren Rücken gehalten, sie die Schultergurte angezogen und den Hüftgurt geschlossen hatte, konnte es weitergehen. In einer Stunde gebe es die erste fünfminütige Pause, sagte er, und er meinte damit, dass er in der nächsten Stunde keine weiteren Unterbrechungen wünsche.

André schritt zügig voran.

Der steile Kiesweg, der aus dem Dorf heraus- und in einen Tannenwald hineinführte, trug die Narben des Schmelzwassers – Rinnen, die das Wasser gestoßen hatte – und Zeichen der Verwüstung, wie faustgroße Kiesel und Äste, die herangerollt und -geschwemmt worden waren. Auf dem lockeren Untergrund rutschten die vor wenigen Wochen in einem Berliner Outdoor-Laden gekauften Wanderschuhe bei jedem Schritt. André und Louise hatten nicht vergessen, sie bei zwei-drei kleinen Wanderungen einzulaufen, die allerdings in ebenem Gelände stattgefunden hatten. Beruhigt stellte André fest, dass seine Schuhe an den Fersen noch nicht zu drücken begannen.

Hier, einige Meter über dem Dorf, schien der Nebel noch dichter geworden zu sein; zu sehen waren nur die vor ihnen liegenden Meter, eine steil aufsteigende Wand aus Kiesel und Erde, ein erodiertes Gefüge. Selbst der Wald blieb unsichtbar; nur die weit ausladenden Tannäste in Bodennähe hoben sich links und rechts des Weges mit ihrem finsteren Grün von dem schwebenden, dunkelgrauen Nass ab und verrieten den dichten Baumbestand.

Längst wehte der Wind nicht mehr; vermutlich blieb der Nebel hier noch lange hängen. Wieder setzten leichte Schauer ein, und in den Rinnen des Weges bildeten sich kleine Bäche, vergleichbar mit den von Kindern gebauten Kanälen in einem Sandkasten, die mit einer Gießkanne bewässert wurden.

Aufgrund des fehlenden Platzes – ein Steinschlag aus früherer Zeit hatte einen Teil des Hanges unpassierbar gemacht – führte dieses Stück des Weges, das bald zu Ende sein musste, steil und gerade nach oben zu einem kleinen Plateau, wo ein Pfad im Zickzack weiterging.

André hatte die Karte und die Bilder im Internet genau studiert. An einem nebelfreien Tag wanderte man hier im kühlen Schatten, von der Sonne geschützt, und sah die menschengroßen, mit Moos bewachsenen Felsen, die einst heruntergerollt waren.

Nach einem Blick zurück blieb er stehen, damit der Abstand zu Louise nicht zu groß wurde. Er konnte das Blau ihrer Goretex-Jacke durch den Nebel nicht sehen, aber er hörte ihre Schritte und das reibende Geräusch ihrer Jacke; Louise musste etwa fünfzig Meter hinter ihm sein.

Nach und nach kam er, weil es regnete und zunehmend dunkler wurde, zu dem Schluss, dass der Nebel oben vielleicht in eine Wolke überging – folglich würden sie nicht in der Sonne, unter blauem Himmel, frei und wie fliegend über dem Nebelmeer wandern. Er wollte Louise nicht von seiner Befürchtung erzählen, nicht jetzt; sie brauchte die Hoffnung auf schönes Wetter, und vielleicht käme noch die Sonne, wenn nicht heute, dann morgen.

Als Louise bei ihm angekommen war, blieb sie sogleich stehen, den Körper bergab gewandt, als wolle sie die Aussicht genießen. Sie sah nur Grau: dunkelgraue Flächen, hellgraue Schlieren, graugrüne Äste, direkt vor sich graue Steine.

»Entschuldige«, sagte sie, »aber ich muss mich an die Höhe gewöhnen.«

»Keine Sorge«, entgegnete er, »noch eine gute Stunde, dann folgt die große Ebene.«

Er wusste, dass Louise solche Steigungen nicht gewohnt war. Sie konnte in Berlin, irgendwo in Brandenburg oder in ihrer Heimat Mecklenburg-Vorpommern stundenlang wandern – nicht ganz so schnell wie er, aber ohne müde zu werden. Er hingegen hatte bereits als kleiner Bub mit der Familie und bei den Pfadfindern Wanderungen in den Alpen unternommen: ging es steil aufwärts, presste er bei jedem Schritt schwung- und kraftvoll die Hand gegen den Oberschenkel, als könne er sich so zusätzlich abdrücken; ging es hinunter, rannte er verbotenerweise oder ließ sich zumindest ein Stück von den ins Rollen geratenen Steinen tragen – selbst als Erwachsener hielt er das Gleichgewicht spielend.

Eine Wanderung, bei der es nicht steil aufwärts ging, war für ihn keine Wanderung. Er brauchte die Steigung und das Gewicht des Rucksacks, um zu spüren, dass mit seinem Körper etwas geschah, das ihm guttat; Spaziergänge hingegen auf ebenem Gelände, etwa um einen See herum, waren so leicht, dass er glaubte zu schweben und kaum etwas fühlte. Nein, mit einer richtigen Wanderung war das nicht vergleichbar, trotz der Natur, die ihm im Berliner Umland und auf der Mecklenburgischen Seenplatte so gut gefiel.

Louise schaute noch immer in das Grau. »Es ist der Sauerstoff«, sagte sie, ohne ihn anzusehen. »Ich muss mich daran gewöhnen. Ich weiß nicht, ob es am Nachmittag schon besser ist.«

»Der Sauerstoff? Zu viel oder zu wenig?«

Louise versuchte, sich mit der regennassen Hand den Schweiß aus der Stirn zu streichen, antwortete, sie wisse es nicht.

»Das kann nicht sein, Lou. Wir sind nicht auf dreitausend Meter Höhe, noch nicht einmal auf zweitausend.« Er lachte.

Nun hatte der Wind doch einen Weg in den Wald gefunden. Er wehte in starken Stößen von oben herab, drückte den Nebel, dessen Schwaden sich unheimlich verformten, das Tal hinunter.

»Ach, hör auf!«, sagte Louise.

Er bot ihr an, ein wenig langsamer zu gehen. Noch eine Viertelstunde, und sie hätten, auf dem kleinen Plateau angekommen, die erste fünfminütige Pause verdient gehabt, die sie bereits jetzt gemacht hatten. Nur ungerne wollte er auf dem Plateau erneut anhalten. So kämen sie nie in einen Trott.

Im Gehen drehte André sich zu Louise um, die zwei Meter hinter ihm herkam. »Weißt du, warum die Schweizer auf Berge klettern?«, witzelte er. »Um aus dem Gefängnis zu entkommen.« Oben sei es traumhaft, sie werde schon sehen, und ein bisschen Nebel und Regen gehöre dazu, das mache den Reiz des Abenteuers aus.

André wusste nicht mehr, wo er den Satz mit dem Gefängnis gelesen hatte, aber er gefiel ihm. Er hatte dieses Bonmot schon mehrmals in eine Runde geworfen, wenn sich eine Gelegenheit bot.

Die Rinnen im Weg, die sich wie wilde Flussarme teilten und wieder vereinten, bildeten eine archaische und doch vielleicht gesetzmäßige Struktur. André war erstaunt über die Tiefe der Rinnen, die man als kleine Canyons bezeichnen konnte, enge Täler in einer Spielzeuglandschaft. Die eine oder andere führte so viel Wasser, dass hineingesetzte kleine Papierschiffchen in hoher Geschwindigkeit hinuntergesaust wären, nervös schaukelnd, sich drehend, bald kenternd.

Zum Glück lud das Plateau nicht zu einer Pause ein. Wasser, das den Hang herunterlief und sich hier sammelte, hatte den Boden durchnässt und aufgeweicht, ein wenig sank André gar mit dem Wanderschuh ein; nicht schlimm, der Schuh reichte weit über den Knöchel und war aus wasserdichtem Goretex.

Von unten näherte sich ein blauer Farbtupf, Louises Jacke, die sich zwischen den dünnen Stämmchen junger Bäume und dem festsitzenden Nebel immer deutlicher abzeichnete.

3Auf dem Zickzack-Pfad

Aus Louises Ankunft auf dem Plateau war doch eine kurze Pause geworden. Louise wollte trinken. Dabei hätte sie nur den Mund öffnen und sich hineinregnen lassen müssen.

Der Zickzack-Pfad war ganz nach Andrés Geschmack. Hier, oberhalb des kleinen Plateaus, erhob der Berg sich so steil, dass ein gerader Weg wie vorhin undenkbar gewesen wäre. Auf allen vieren hätte man diesen lehmigen, glitschigen Hang hinaufklettern und sich an den Tannenästen festhalten müssen, um nicht wieder herunterzurutschen. Selbst der schmale Zickzack-Pfad war steil, anstrengend für Louise. Bei André führte die Steigung, zusammen mit dem Gewicht des Rucksacks, lediglich dazu, dass er den Unterschied zu den Seenwanderungen zu fühlen begann, er seine überschüssige Energie, die Kraft in den Beinen einsetzen konnte. Steigung, Last, Energieaufwand, Puls und Atem, langsam gelangte alles in eine Balance, er kam in seinen Trott.

Auf dem Pfad gab es nur noch kleine Rinnen, wenn überhaupt, und die Kiesel lagen nicht obenauf, sondern waren fest in den Boden getreten. Ab und an, vor allem bei den Kurven, wo der Pfad jeweils steiler wurde, zwangen Stufen sie dazu, konzentriert zu gehen, sonst wären sie gestolpert. Manche waren kniehoch, sodass sie Kraft kosteten – Kraft, von der André einen schier unerschöpflichen Vorrat zu haben schien.

Jetzt machten sie Höhenmeter. Und das war notwendig, um möglichst bald aus dem Wald herauszukommen, die Baumgrenze unter sich zu lassen. Solange sie sich im Wald befanden, konnte von einer richtigen Bergwanderung nicht die Rede sein. Nicht, wenn man André fragte.

Auf dem Weg floss ihm eine dünne Schicht Wasser entgegen, das sich an der Spitze seiner Schuhe teilte und manchmal hochschwappte oder -spritzte; er freute sich darüber: in diesem Bächlein zu gehen gehörte zum Abenteuer. Es war gut, dass ihnen zu Beginn einiges zuwiderlief; schönes Wetter, eine von Louise so noch nie erlebte Aussicht, eine Rast auf einer Alpwiese mit anschließendem kurzen Mittagsschlaf mussten danach umso stärker wirken.

Einen kurzen und heftigen, geradezu jugendlichen Regenschauer nahm André hin – wie nichts. Das herunterklatschende Nass spornte ihn zusätzlich an, er kam langsam in Stimmung und schritt mit einem Übermut voraus, der Louise anstecken musste. Er machte sich nicht einmal die Mühe, sich den Regen aus dem Gesicht zu wischen; im Gegenteil: einen Tropfen an der Nasenspitze ließ er absichtlich hängen, so sehr freute er sich über das endlich beginnende Abenteuer. Wie früher! Bei den Pfadfindern hatten sie in den Bergen mehrtägige Gewaltmärsche unternommen, sogenannte Hikes; bereits als Elfjähriger durfte er die Erfahrung machen, was »endloses Wandern mit schwerem Gepäck« bedeutete, durfte durch das Glück, sich verlaufen zu haben, miterleben, wie man sich nach Stunden an der prallen Hochsommersonne die letzten Schlucke Wasser teilte und die staubtrockenen Biskuits der Schweizer Armee herunterwürgte, bevor es in Richtung Zivilisation weiterging. Seit dieser Erfahrung wusste er, dass er Ausdauer besaß und sein Wille nicht zu brechen war. Stundenlange Strecken in karg-felsigem, eintönigem Gebiet, auf einem die Fantasie abtötenden Kiesweg, der sich immer gleich s-förmig dem Berg entlangschlängelte, kommentierte er seither lakonisch mit »Das formt den Charakter!«.

Die zähen Abenteuer als Jugendlicher, die er alle bestanden hatte, führten zu einem Selbstbild, zu einer Einstellung, die er noch heute besaß: Kein Wanderweg der Welt konnte ihn, André, besiegen! Wenn es sein musste, wurde er zu einer Maschine; nicht wegen seiner Kraft, die mittelmäßig war, vielmehr wegen seines Willens. Heute noch mehr als früher – ein einmal herangebildeter Wille blieb bis ins hohe Alter, die Körperkraft hingegen ließ nach, wenn das Training fehlte, was bei ihm der Fall war. Die Seenwanderungen in den vergangenen Monaten konnten für Louise als Training bezeichnet werden, für ihn gaben sie gemütliche Sonntagsspaziergänge ab.

Und dennoch war er nicht schlecht in Form, besaß einen für lange Wanderungen geeigneten Körper: für einen Mann nicht sehr groß, aber sportlich, weder zu kräftig noch zu dünn, ein gutes Verhältnis zwischen Muskelkraft und Gewicht. Louise war genau gleich groß wie er, für eine Frau eher hochgewachsen, und sehr schlank, von beinahe maskuliner Gestalt. Auch sie besaß einen guten Körper zum Wandern.

Nichts stand einem prägenden Abenteuer im Weg.

Und André hätte den Gipfel stürmen können. Als hätte sich die Energie von zehn oder fünfzehn Jahren angestaut, seit er als junger Mann zum letzten Mal auf einer richtigen Wanderung gewesen war. Er machte Tempo. Der Zickzack-Pfad gefiel ihm, und er wollte Louise zeigen, wie spielend man hinaufgelangte – mit dem nötigen Elan.

Sie schritt bedächtig hinter ihm her, mehrere Schleifen unter ihm, wie er vermutete, im Nebel konnte er sie nicht sehen. Er schätzte, dass sie vielleicht in fünf oder zehn Metern Höhendifferenz zu ihm wanderte. Größer durfte der Abstand nicht werden; er fühlte sich verpflichtet, auf seine Freundin aufzupassen.

Vergnügt blieb er stehen, wischte sich das Wasser aus den Augenbrauen und jodelte hinunter in das nasse und tröpfelnde Grau.

»Lou«, rief er, »huhuu!«

Einen Moment lang blieb es still.

»Ja?«, fragte ihre Stimme.

»Hier oben ist blauer Himmel«, rief er, ohne viel dabei zu überlegen.

Er hörte das reibende Geräusch ihrer Goretex-Jacke; Louise hatte sich wieder in Bewegung gesetzt.