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Thomas Herzberg

Blinde Wut (Wegners erste Fälle)

Hamburg Krimi





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Titel

Blinde Wut

Wegners erste Fälle (3. Teil)

von Thomas Herzberg

 

Alle Rechte vorbehalten

Fassung: 1.2

 

Die Geschichte ist frei erfunden. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und/oder realen Handlungen sind rein zufällig. Sämtliche Äußerungen, insbesondere in Teilen der wörtlichen Rede, dienen lediglich der glaubhaften und realistischen Darstellung des Geschehens. Ich verurteile jegliche Art von politischem oder sonstigem Extremismus, der Gewalt verherrlicht, zu selbiger auffordert oder auch nur dazu ermuntert!

 

Ein großes Dankeschön geht an diesen Mann:

Lektorat, Korrektorat: worttaten.de – Michael Lohmann

 

 

Inhalt:

Herbst 1979. Während Wegner noch seine beiden ersten Fälle in den Knochen stecken, zieht neues Ungemach auf. Die Leiche einer jungen Frau wird am Elbstrand gefunden. Als sich herausstellt, dass es sich bei der Toten ausgerechnet um die Tochter des Hamburger Justizsenators handelt, wittert man im weit entfernten Bonn sofort terroristische Hintergründe. Wegner und Kallsen sehen sich nicht nur einem verstrickten Netzwerk von Intrigen gegenüber, sondern haben auch mit inneren Widerständen zu kämpfen. Und nichts ist so, wie es auf den ersten Blick scheint.

Blinde Wut ist Teil 3 der neuen Serie Wegners erste Fälle. Wer zuvor schon seine schwersten Fälle mitverfolgt hat, möchte sicherlich wissen, wie es mit dem Raubein angefangen hat. Begleiten wir Manfred Wegner, damals noch blutjung, auf seinem Weg an die Spitze der Hamburger Mordkommission ...

(Jeder Wegner-Fall ist eine in sich abgeschlossene Geschichte. Aber natürlich kann es nicht schaden, wenn man auch die vorangegangenen Fälle kennt ...;)

 

Lektorat/Korrektorat: Michael Lohmann - worttaten.de

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Ansonsten:

 

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1

 

»Mein Alter kotzt mich an, mit seinem ständigen Gefasel von Fleiß, Ehrgeiz und Karriere. Am liebsten würde ich ihm jeden Morgen als Erstes was in die Fresse schlagen.«

»Warum das denn? Immerhin hat er dir heute Abend sein Auto geliehen.«

»Das ist ja wohl auch das Mindeste, was man für seinen Sohn tun kann.«

»Mein Vater würde mir sein Auto niemals leihen. Nie! … Garantiert nicht.«

»Du bist auch ein Mädchen, das ist was ganz anderes, Katja.«

»Was soll das denn bedeuten? Ist das wieder nur dein scheiß Macho-Gerede oder meinst du den Blödsinn tatsächlich ernst?«

»Ich … also …«

»Drucks hier nicht rum, Mike! Denkst du solchen Mist wirklich?«

Mike zögerte noch immer. In Situationen wie dieser gab es vermutlich keine richtige Antwort, die es schaffen würde, diesen Abend noch zu retten. Und dabei waren die Vorbereitungen doch nahezu perfekt gelaufen. Angefangen mit der Bonzenkiste seines Vaters, guten zwei Gramm Koks im Handschuhfach und sogar ein paar Lümmeltüten, die er mit hochrotem Kopf in einer Apotheke erstanden hatte – natürlich weit von seinem Zuhause und der Schule entfernt. Scheiß auf die Peinlichkeit! Wer hatte denn Interesse daran, dass so ein Schuss mit ungewünschten Konsequenzen endete – also mit Nachwuchs?

Und dann diese ganz besondere Stelle, die er schon zwei Tage zuvor ausgesucht hatte, um es hier, auf dem Rücksitz, endlich zu vollenden. Er war so dicht ans Elbufer gefahren, dass sie, trotz der geschlossenen Fenster, das Rauschen des Wassers hören konnten. Keine Menschenseele rundherum und dazu eine Aussicht auf das nächtliche Hamburg, die man so vermutlich kein zweites Mal fand.

Perfekt!

Also, eigentlich perfekt.

Warum konnte er auch sein verdammtes Maul nicht halten?

»Ich warte noch immer auf deine Antwort, Mike!«

Katja hatte sich demonstrativ ein Stück von ihm entfernt. Es schien fast so, als wollte sie im nächsten Moment den Türöffner betätigen, um sich in die Dunkelheit davonzumachen. Vermutlich würde sie danach den Rest der Nacht in Finkenwerder herumirren, bis sie irgendeinem besorgten Familienvater vors Auto liefe, der in dem Stadtteil südlich der Elbe noch unterwegs war. Und der würde sie, mit Sicherheit am ganzen Leibe zitternd und heulend, bei ihrem Vater absetzen. Letztendlich würde auch Katjas Vater, Wilhelm Bauer – seit über zwei Jahren Hamburgs Justizsenator – wenig begeistert reagieren, wenn seine Tochter ihm die Details dieser Bruchlandung schilderte. So oder so, mit angenehmen Konsequenzen war nicht zu rechnen.

»Mein Gott, Baby! Ich hab’s doch nicht so gemeint«, presste Mike heraus, um einen gefühlvollen Ton bemüht.

»Und wie hast du’s dann gemeint?« Katjas Miene verfinsterte sich noch ein weiteres Mal. Mittlerweile zitterte sie vor Wut, ihre Augen flogen nervös im Wagen umher. »Ich habe keine Lust meine Zeit mit so einem Chauvi-Arsch wie dir zu verschwenden«, fuhr sie giftig fort. »Bring mich einfach nach Hause. Sofort!«

Mike griff zum Handschuhfach. Vielleicht schaffte es ein letzter, entschlossener Vorstoß doch noch, die Situation ins Reine zu bringen. Seit zweieinhalb Monaten baggerte er nun schon an Katja herum. Und es lohnte sich, denn sie war das mit Abstand hübscheste Mädchen der gesamten Oberstufe. Mittlerweile schlossen seine Schulkollegen Wetten darauf ab, wann er es endlich vollbringen würde, ihr die Unschuld zu rauben.

Dieser Abend war von langer Hand geplant und kaum etwas dem Zufall überlassen. Zuerst Kino, eine grauenvolle Schnulze, bei der er zweimal fast eingeschlafen wäre. Danach hatten sie bei einem winzigen Italiener hinter den Landungsbrücken gegessen. Bei Kerzenlicht und schwerem Rotwein waren sie sich dann zum ersten Mal etwas näher gekommen. Nach kurzem Zögern hatte es Katja zugelassen, dass er ihre Hand streichelte. Ein paar Mal durfte er ihr sogar mit den Fingerspitzen durch ihre lange, blonde Mähne fahren, ihr den Nacken kraulen. Ein perfekter Start! Alles deutete darauf hin, dass er an diesem Abend endlich das Schloss zu ihrer Schatztruhe knacken könnte.

Und jetzt das.

Verdammte Scheiße!

»Hörst du mir eigentlich zu?« Katja rutschte immer nervöser mit ihrem atemberaubenden Hintern auf dem Beifahrersitz herum. »Ich weiß doch ganz genau, was heute Abend passieren sollte. Und wenn du dich nicht so selten dämlich angestellt hättest, dann wärst du wahrscheinlich sogar am Ziel deiner Träume angelangt – als Erster!«

Mike antwortete ihr nicht, sondern zog ein kleines Tütchen aus dem Handschuhfach, mit dem er seltsam lächelnd vor Katjas Nase herumwedelte.

»Was ist das für ein Mist?«, krähte sie wütend. »Damit will ich erst recht nichts zu tun haben, das weißt du ganz genau.«

»Mein Gott! Du bist aber eine verklemmte Ziege.«

Bingo! Das letzte Mosaiksteinchen, um das Bild eines am Ende völlig verkorksten Abends zu vervollständigen.

Katja zögerte keine Sekunde und stand, nur ein paar Atemzüge später, bereits vor der offenen Tür des Mercedes. »Du Scheißkerl kannst deine schmierigen Finger auf ein anderes Knie legen!« Sie funkelte ihn unverändert wütend an. Das Mondlicht spiegelte sich auf dem Elbwasser und ließ ihre Wangen bläulich leuchten. Sie sah fast wie ein Vampir aus, nur dass die Tränen, die ihr übers Gesicht liefen, nicht zu dieser Szenerie passen wollten. »Du kannst mich am Arsch lecken, Mike! Sprich mich nie wieder an, sonst …« Sie deutete auf das Tütchen in seiner Hand. »… lass ich dich und dein widerliches Geschäft aufliegen. Vergiss nicht, wer mein Vater ist.«

 

Es dauerte nicht lange, bis Katja vollständig von der Dunkelheit verschluckt worden war. Zuerst hatte Mike überlegt, ob er ihr hinterherlaufen und versuchen sollte, sie umzustimmen. Schließlich war es schon Herbst und da wurde es in mancher Nacht empfindlich kalt. Aber wozu? Letztendlich war die Sache gründlich nach hinten losgegangen. Es gab nichts, das diesen Abend noch retten und für ein grandioses Finale sorgen könnte. Ein letzter Akt, der für Katja mit ihrer Entjungferung und für ihn, den großen Mike Lange, mit einer weiteren Kerbe im Brett enden würde. Einer wertvollen Kerbe, wenn man bedachte, dass jeder auf der Schule hinter ihr her war.

Er hatte es versaut … gründlich versaut!

Am Ende könnte er noch von Glück reden, wenn Katja ihre Drohungen nicht wahr machen und ihrem Vater von seinen florierenden Drogengeschäften erzählen würde. Allenfalls ein Trostpreis und kaum etwas, mit dem man auf den Fluren der Schule umherlief und es herausposaunte. Hey, Leute! Ich hab sie zwar nicht gevögelt, aber zumindest erzählt sie ihrem Alten nichts von den Drogen.

Mike saß noch eine Weile hinter dem Lenkrad und überlegte, was eigentlich schiefgelaufen war. Katja war nicht die erste, die ihm vorwarf, unsensibel zu sein. Ein Macho eben. Ein Typ, der nur wenig Respekt vor Frauen und ihren Bedürfnissen hatte. Keiner zum Kuscheln, keiner, mit dem man händchenhaltend an der Alster flanierte, um abends, bei Kräutertee und Keksen, selbstgestrickte Handschuhe und Söckchen zu bewundern. Dabei schaut man am besten noch ›Dalli Dalli‹ oder ›Der Große Preis‹ und freut sich ein zweites Loch in den Hintern, wenn am Ende einer mit ein paar lumpigen Tausendern nach Hause geht.

Aber er nicht! Er war ein Mann, einer richtiger Kerl, der nicht diskutierte, sondern sich einfach nahm, was er wollte.

Ein Elbkutter, dessen Positionsleuchten in der Dunkelheit seltsam schimmerten, riss Mike irgendwann aus seiner Lethargie. Es wurde Zeit aufzubrechen, und damit diese unerfreuliche Episode hinter sich zu lassen. Er schob den Wählhebel der Automatik auf ›R‹ und ließ den Wagen langsam zurückrollen. Zuerst überlegte er noch, ob er Katja doch auf dem Weg einladen und sie selbst nach Hause bringen sollte. Dann aber lenkte er den Mercedes ganz bewusst in die entgegengesetzte Richtung und fuhr eine Weile, ohne jedes Ziel, an der Elbe entlang, bis er bei Waltershof die A7 kreuzte. Es wurde Zeit! Einen derart verkorksten Abend konnte man nur mit ein paar Flaschen Bier und einem anständigen Schuss verarbeiten. Seine Eltern lagen vermutlich schon seit Stunden im Bett und dürften bald wieder ans Aufstehen denken.

Und Katja?

»Vergiss sie, Mike«, flüsterte er zu sich selbst. »Wer ist Katja?«

 

2

 

»Manfred?«

»Nein! Hier ist sein Leibwächter, der jeden tötet, der am Sonntag vor dem Mittagessen anruft.«

»Es gibt Arbeit, Jungchen!« Gerd Kallsen schnaufte verächtlich. »Hast wahrscheinlich wieder die halbe Nacht auf dem Kiez große Reden geschwungen, statt was Vernünftiges zu machen.«

»Ich war bis halb elf auf der Scheiß-Uni und lag erst kurz vor Mitternacht im Bett«, protestierte Wegner halbherzig. »Den ganzen Mist habe ich dir zu verdanken.«

»Wer bei der Polizei etwas werden will, der braucht eine seriöse Ausbildung – gerade in deinem Fall, du Möchtegern …«

»Das reicht, danke! Jetzt würde ich gerne nur noch wissen, warum ausgerechnet ein einbeiniger Aushilfs-Tischler wie du die Hamburger Mordkommission leitet.«

»Das passt wieder! Mach dich ruhig über einen behinderten Kollegen lustig.«

Wegner schnaufte nur. Es lohnte sich nicht, auf solche Provokationen überhaupt zu reagieren.

»Hau die Hacken in den Teer!«, fauchte Kallsen dann weiter. »Wir treffen uns im Büro, Irmgard ist auch schon auf dem Weg.«

 

Wenn sich die gesamte Hamburger Mordkommission an einem Sonntagmorgen versammelt, hat das vermutlich nichts Gutes zu bedeuten, dachte Wegner. Mit langen Schritten eilte er in sein winziges Badezimmer und nahm eine Express-Dusche. Alles andere wäre ohnehin nicht möglich gewesen, denn das Wasser war wieder mal eiskalt. Sollte er irgendwann – was unwahrscheinlich erschien – Zeit für private Dinge finden, dann hätte die Suche nach einem neuen Domizil erste Priorität. Sein Vermieter knöpfte ihm fast dreihundert Piepen im Monat für dieses mickerige Loch ab. Und am Ende sorgte der gottverdammte Blutsauger nicht mal dafür, dass regelmäßig warmes Wasser aus den Leitungen plätscherte.

Wegners Frühstück bestand aus zwei Scheiben Knäckebrot und einem Becher Kaffee, den er viel zu heiß hinunterspülte. Selbst auf der Straße rebellierte sein Magen noch unverändert. Ein Missstand, der nicht selten bis Mittag oder sogar länger anhielt. Wen wunderte es? Seit zwei Monaten gab es für den jungen Kommissar eigentlich nur noch zwei Zustände: Arbeit oder Schlafen. An vier Tagen in der Woche musste er nach Dienstschluss durch die halbe Stadt fahren, um dieses alberne Studium voranzutreiben, das er Paul Franke zu verdanken hatte, dem Hamburger Kriminaldirektor. Von notwendigen Führungsqualitäten und besonderer Qualifikation war in der Hamburger Polizeiführung immer häufiger die Rede. Und ausgerechnet ihn, Manfred Wegner, hatte man als Versuchskaninchen auserkoren. Nach diesem zweieinhalbjährigen Fachstudium hätte er – zumindest theoretisch – die Voraussetzungen, irgendwann die Leitung der Mordkommission zu übernehmen. Schlussendlich also ging es darum, Gerd Kallsen abzulösen, den man ohnehin schon seit Ewigkeiten nur noch zähneknirschend auf diesem Posten duldete, weil kein passender Ersatz zur Verfügung stand.

Wegners Dienstwagen, ein in die Jahre gekommener Audi 80, erwachte nur widerwillig zu neuem Leben. Bis zur zweiten Kreuzung schienen nur drei der insgesamt vier Zylinder bereit zu sein, ihre Arbeit halbwegs energisch zu verrichten. Wie ein Rohrspatz fluchte Wegner dann, als der Motor an der nächsten Ampel trotz Vollgas komplett absoff. Einem Rentner, der hinter ihm dauerhaft auf der Hupe stand, hätte er am liebsten den Hals umgedreht, aber dafür war keine Zeit. Kallsen hatte noch mal angerufen und Wegner erneut genervt, als der gerade aus der Dusche gestiegen war.

Endlich, fünf Versuche später, sprang die Kiste röchelnd wieder an und ließ zu, dass er sich auf den Ring 3 einfädeln konnte. Nur noch ein paar Minuten, dann würde Wegner sein Ziel erreichen und herausbekommen, was ausgerechnet an einem Sonntagmorgen so wichtig sein konnte und keinen Aufschub duldete, wenigstens bis Montagmorgen.

Vor dem Präsidium erwartete ihn das Übliche. Anwohner und Touristen hatten die ohnehin nur begrenzt zur Verfügung stehenden Parkplätze vollständig belegt – trotz unmissverständlicher Verbotsschilder. Wegner parkte seinen Audi hinter zwei Kombis mit auswärtigen Kennzeichen und blockierte damit gleich beide. Zum ersten Mal an diesem Morgen musste er lachen, denn er freute sich schon auf die empörten Hilferufe der Fahrzeughalter.

Wenig später stapfte er eilig die blankgewischten Treppen des Präsidiums hinauf. Im Büro begrüßten ihn seine Kollegen auf gewohnt sympathische Weise.

»Da ist er ja, unser Langschläfer!«, posaunte Hauptkommissar Kallsen mit verkniffener Miene heraus und schüttelte danach nur noch den Kopf.

»Moin, Manfred!« Wenigstens Irmgard mühte sich um ein Lächeln. »So ist er schon den ganzen Morgen, also wundere dich nicht.«

»Ich würde mich bestenfalls wundern, wenn er mal anders wäre«, gab Wegner trocken zurück und griff sofort nach der Thermosflasche. »Nach vier bis fünf Bechern Kaffee sieht die Welt vielleicht schon anders aus.«

Wegner saß kaum, als das Telefon klingelte.

»Das ist bestimmt wieder er«, stellte Kallsen mit vielsagendem Blick fest. »Diesmal bist du dran, Manni. Ich mag den Kerl nicht. Außerdem war das erste Gespräch eine Katastrophe.«

Im Hintergrund nickte Irmgard aufgeregt, um dieses vorangegangene Fazit eindrucksvoll zu unterstreichen.

»Und wer bitte ist er?«, fragte Wagner, während seine Hand bereits in Richtung Telefonhörer wanderte.

»Geh ran, du Torfkopf! Dann weißt du’s«, moserte Kallsen und deutete gestenreich auf den Hörer.

»Mordkommission, guten Morgen!«

»Spreche ich mit Herrn Wegner?«, schnarrte es am anderen Ende der Leitung.

»Allerdings! … und mit wem spreche ich?«

»Wilhelm Bauer«, antwortete der Mann in dünnem Ton. »Hat Ihr Kollege Sie schon informiert?«

Wegner spürte einen Kloß in seinem Hals aufsteigen. Der Justizsenator höchstpersönlich, an einem Sonntagmorgen, das konnte definitiv nichts Gutes bedeuten. Er schaute kurz zu Kallsen und Irmgard hinüber, die synchron den Kopf schüttelten. Aus dieser Richtung hatte er also keine Hilfe zu erwarten – wie immer. »Worum geht es denn, Herr Bauer?«

»Ich habe schon mit Ihren Chefs gesprochen, den Herren Franke und Schüler«, fuhr der Justizsenator tonlos fort. »Die beiden haben mir gesagt, dass Sie der bei Weitem Vernünftigere in Ihrem Haufen sind.«

Wegner schwieg beharrlich und hoffte, dass diese wortlose Reaktion als erste Antwort ausreichte.

»Es geht um meine Tochter!«, platzte es jetzt deutlich energischer aus Wilhelm Bauer heraus. »Ihr ist etwas passiert«, fügte er in besorgtem Ton hinzu und atmete danach nur noch schwer.

»Und warum meinen Sie, dass dieser Fall ausgerechnet uns, also die Mordkommission, betreffen könnte?« In Wegners Kopf ratterten die Gedanken, ohne dabei ein erstes vernünftiges Ergebnis zu produzieren. »Wie kommen Sie darauf, Herr Bauer?«

»Meine Tochter ist noch nie über Nacht weggeblieben, ohne Bescheid zu sagen. Noch nie, verstehen Sie? Noch nie!«

»Puh …!« Wegner bastelte unaufhörlich an einer möglichst gefühlvollen Antwort, mit der er den Hamburger Justizsenator nicht sofort komplett vor den Kopf stieß. »Wenn Sie erlauben: Wir erleben solche Fälle jeden Tag – mehrfach.«

»Das hat mir ein Dutzend Ihrer Kollegen auch schon erzählt«, gab Wilhelm Bauer trotzig zurück. »Aber weder Sie noch die anderen kennen meine Tochter.«

»Einmal ist immer das erste Mal«, hielt Wegner relativ energisch dagegen. »Trotzdem werden wir die Sache natürlich mit allerhöchster Priorität behandeln.«

»Und wo wollen Sie anfangen, junger Herr Kommissar?«

»Sie ist seit gestern verschwunden, richtig?«

»Richtig!«

»Wann haben Sie Ihre Tochter zum letzten Mal gesehen?«

»Nachmittags, so gegen fünf.«

»Dann fangen wir genau zu diesem Zeitpunkt an.« Wegner war von seiner eigenen Stimme überrascht. Sie wirkte routiniert, bestimmt. Kaum wie die eines jungen Polizisten, der mit einem Senatsmitglied sprach. »Sind Sie zu Hause, Herr Bauer?«

»Wo sollte ich denn sonst sein, wenn meine Tochter verschwunden ist?«

»Ich bin in spätestens einer halben Stunde bei Ihnen. Es wäre von Vorteil, wenn Sie bis dahin ein paar persönliche Dinge Ihrer Tochter parat hätten.«

»Persönliche Dinge?«

»Zumindest ein Foto könnte hilfreich sein.«

»Bis gleich!«

 

3

 

Wie an jedem Morgen wanderte Karl Becker am Elbufer entlang, um seine Fischernetze zu überprüfen und gegebenenfalls zu leeren. Seit Jahren schon warf das Geschäft mit Fischen immer weniger ab. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis Becker sich endgültig in den Ruhestand verabschieden und damit auch dem Alter geschlagen geben müsste. Mit seinen zweiundsiebzig Jahren war es ohnehin mehr und mehr ein Hobby geworden, das mit einem immer kleineren Zubrot belohnt wurde. Hätte er heutzutage allein davon leben müssen – ohne Rente und seine Mieteinnahmen aus zwei kleinen Wohnungen im Hamburger Osten –, wäre er vermutlich verhungert oder müsste sich jeden Tag bei der Wohlfahrt anstellen, um etwas Warmes in den Bauch zu bekommen. Am Ende blieb zu hoffen, dass ihm die Schmidt-Regierung, mit ihrem ständigen Gefasel von Steuererhöhungen und Energiekrise, noch etwas zum Leben übrig ließ.

Nur noch ein paar der Netze waren übrig. Alle anderen hatte er bereits überprüft. Die kargen Erträge trug er in einem großen Plastikeimer, der an seiner Seite baumelte. Ein kleines Stück weiter, an dieser wunderschönen Stelle wirkte die Elbe so naturbelassen wie an kaum einem anderen Ort, sah er schon von Weitem die Fahnen seiner Reusen im Wind flattern. In dieser winzigen Bucht waren ihm in den vergangenen Jahren häufig die fettesten Karpfen ins Netz gegangen.

Karl Becker wollte gerade den ersten Schritt ins Wasser machen, als ihm, ein Stück weiter rechts, etwas Rotes ins Auge stach. Vorsichtig wanderte er darauf zu – man wusste schließlich nie, welchen Müll die Elbe an ihre Ufer spülte – und erkannte, schon ein paar Schritte entfernt, dass es sich um eine Strickjacke handelte. Die Ärmel bewegten sich im Rhythmus der kleinen Wellen, während der Rest anscheinend vom Gras der Uferböschung hartnäckig festgehalten wurde. Becker griff nach der Jacke und stellte sofort fest, dass es sich um ein einst edles Stück gehandelt haben musste. So etwas erkannte selbst ein Mann wie er am aufwendigen Etikett, das am Innenkragen befestigt war. Nach kurzem Überlegen legte er die Jacke auf dem Rand seines Plastikeimers. In seiner Nachbarschaft wohnten genug mittellose junge Frauen oder Kinder, die sich – nach dem Waschen, versteht sich – über solch ein wertvolles Stück freuen dürften. Er wollte sich gerade wieder umdrehen, als er ein paar Meter entfernt ein weiteres Kleidungsstück ausmachte. Auf den ersten Blick eine Jeans.

Mit langen Schritten stapfte er durch das hohe Gras, blieb dann jedoch plötzlich wie angewurzelt stehen. Zuerst glaubte er noch, dass sein Hirn ihm einen Streich spielen wollte. Je mehr sich seine Augen allerdings auf das schreckliche Bild zu seinen Füßen fokussierten, desto weniger zweifelte er an den Ergebnissen, die sein Verstand ihm lieferte.

Zwei, vielleicht drei Schritte entfernt, lag ein nackter Körper, zwischen kniehohen Grashalmen, Schilf und verwittertem Geäst. Wie in Trance machte Karl Becker einen weiteren Schritt nach vorne und erkannte dann auch, dass es sich um eine junge Frau handelte, fast noch ein Mädchen. Ihre Brüste waren bestenfalls so groß wie Äpfel, ihre Scham nicht mal voll ausgeprägt. Becker ging in die Knie und legte eine Hand auf ihren Unterschenkel. Auch wenn diese Hoffnung albern erschien, aber vielleicht konnte er Wärme spüren und sie atmete noch. Erst als sein Blick an ihrem Körper emporfuhr und er kurz darauf ihre leblosen, weit offen stehenden Augen sah, starb diese letzte Hoffnung.

Das Mädchen war tot. So jung und – verdammt – so tot!

 

***

 

»Guten Morgen, Herr Bauer.« Wegner hatte nicht mal zwanzig Minuten gebraucht, um vor der Tür des Justizsenators zu stehen. Unmittelbar vor dem Eingang zur Villa hatten ihn zwei Personenschützer empfangen, die seinen Ausweis derart skeptisch musterten, dass er schon befürchtete, sie würde ihn kurzerhand wieder davonjagen.

»Morgen, Herr Wegner.« Wilhelm Bauer sah müde aus. Seine Augen waren gerötet, seine Gesichtshaut mit seltsamen Flecken übersät. Wegner kannte diesen ansonsten aufrechten Politiker bisher nur von Fotos und aus dem Fernsehen. Dort wirkte er in der Regel ein Stück zu glatt und ein wenig zu energisch, um wirklich authentisch rüberzukommen. »Gibt es schon irgendwelche Neuigkeiten?«, erkundigte sich der Justizsenator. Wobei er diese Frage vermutlich nur pro forma stellte. Im Falle eines Falles wäre er mit Sicherheit der Erste, den man sofort informieren würde.

»Lassen Sie uns bitte ganz vorne anfangen, Herr Bauer.« Wegner drängte den Senator jetzt sogar ein kleines Stück vor sich her, bis die beiden Männer in der geräumigen Wohnküche ankamen. »Wir dürfen uns nicht verzetteln. In solchen Fällen ist Zeit ein ganz wesentlicher Faktor.«

»Wovon reden Sie, Herr Wegner?«

»Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, dass Ihre Tochter womöglich entführt wurde?«

»Wenn das der Fall wäre, dann hätten sich die Entführer doch längst gemeldet, oder nicht?« Das Gesicht des Justizsenators wirkte ungnädig. Wenn er sich nicht gerade auf der Unterlippe herumbiss, spielten seine Finger nervös an einem Kaffeebecher herum. »Ich bin mir sicher, dass ihr irgendetwas passiert ist.«

Statt zu antworten, griff Wegner nach zwei Fotos, die auf dem Küchentresen lagen. Eines war schwarzweiß, das andere bereits in Farbe. Beide Bilder zeigten ein junges, bildschönes Mädchen, deren Züge Lebensfreude versprühten, aber auch einen Funken Traurigkeit, allerdings erst beim zweiten Hinsehen. »Darf ich fragen, wo Ihre Frau ist, Herr Bauer?« Wegner wusste, dass der Justizsenator verheiratet war. In diesem Augenblick erinnerte er sich an einen Bericht vom letzten Presseball, auf dem auch die gesamte Polizei-Führung den Fotografen vor die Linse gelaufen war. Am Wochentag darauf galt es unter Polizisten als beliebte Tradition, sich über die albernen Krawatten oder unmöglichen Kleider lustig zu machen.

»Wollen Sie’s genau wissen?«, erkundigte sich der Justizsenator in müdem Ton.

Wegner nickte nur. Was sollte man auf eine solche Frage auch Antworten.

»Die liebe Frau Bauer ist vor einem halben Jahr ausgezogen. Ich habe nicht mal eine Ahnung, wo sie sich momentan auffällt.«

»Also gibt es einen neuen Mann?« Wegner bereute diese Frage schon, nachdem das letzte Wort sein Mund verlassen hatte. »Sie müssen nicht darüber reden, wenn Sie nicht wollen«, schickte er eilig hinterher.

»… schimpfen sie auch«, vervollständigte Wegner mit vorsichtigem Grinsen. »Der Mittelweg macht’s, denke ich.«

»Gestern Nachmittag haben Sie …« Wegner deutete mit fragendem Gesicht auf das Foto.

»… haben Sie Katja also zum letzten Mal gesehen?«

»Haben Sie Namen?« Wegner holte sein Notizbuch hervor und ließ seinen Bleistift in der Luft kreisen. »Kennen Sie ein paar ihrer Freundinnen?«

»Nennen Sie mir einfach den Namen von Katjas Schule«, polterte Wegner los. »Den Rest erledige ich dann schon.« Noch immer fragte sich Wegner, was ausgerechnet die Mordkommission mit diesem Fall zu tun hätte. Insgeheim hoffte er noch, dass die junge Frau in ein paar Minuten vor der Tür stünde und danach nur einen gründlichen Anschiss ihres Vaters befürchten müsste. Er wollte gerade die nächste Frage herunterrattern, als das Telefon klingelte.

»Wir brauchen einen Arzt!«, brüllte Wegner hinein, ohne zu wissen, wer überhaupt am anderen Ende war. »Schicken Sie sofort einen Rettungswagen.« Ohne darüber nachzudenken, prüften die Finger seiner freien Hand Atmung und Herzschlag des Senators. »Er ist ohnmächtig, scheint aber ansonsten okay zu sein.«

»Hören Sie?«, dröhnte es im dann entgegen.

»So wie es aussieht, haben wir Katja Bauer gefunden«, gab der Mann am anderen Ende in gequältem Ton zurück.

»Ja!«