Gisa Pauly

Die Frau des Germanen

Roman

 

 

Impressum

ISBN E-Pub 978-3-8412-0036-5
ISBN PDF 978-3-8412-2036-3
ISBN Printausgabe 978-3-7466-2653-6

 

Aufbau Digital,
veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, November 2010
© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin 2010

 

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Umschlaggestaltung morgen, Kai Dieterich
unter Verwendung mehrerer Motive von akg-images

 

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,
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Inhaltsübersicht

PROLOG

I. BUCH

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

II. BUCH

16.

17.

18.

19.

III. BUCH

20.

21.

22.

23.

24.

Epilog

Anhang

Historische Figuren

Für meinen Vater,

der mir viel von Arminius erzählt hat

 

PROLOG

Platz für meine Herrin!«

Der Sklave in der weißen Tunika wedelte mit einem Palmenzweig alles aus dem Weg, was der Sänfte zu nahe kommen konnte: das Pferd eines römischen Offiziers, einen Händler, der tropische Früchte feilbot, andere Sklaven, die ihren Herren den Weg bahnten. Der dreibeinige Hund erhielt einen wütenden Tritt, dem Bauern, der sich mit einem Korb voller Kräuter näherte, fuhr der Palmenzweig durchs Gesicht.

»Platz für meine Herrin!«

Sie beugte sich über ihren Obstkarren, als die Sänfte sich näherte. Von vier Sklaven wurde diese getragen, kräftige, tief gebräunte Kerle, deren Muskeln unter der Sonne glänzten. Blau bestickte Vorhänge verschlossen die Sänfte, nur für wenige Augenblicke war die zarte Hand zu sehen, mit den kunstvoll bemalten Nägeln, wie es zurzeit unter den Damen der römischen Gesellschaft Mode war. Sie riskierte einen schnellen Blick, dann zog sie ihren Umhang über den Kopf, so dass ihr Gesicht nicht zu erkennen war. Ja, das war die Sänfte der edlen Severina. Jetzt nur nicht aufblicken!

So lange blieb sie gebeugt stehen, bis sie sicher sein konnte, dass niemand ihr Beachtung schenkte – die Sklaven nicht, die die Sänfte trugen, und erst recht nicht die Römerin, die sich hinter den Vorhängen verbarg. Wer sie kannte, wusste, dass es winzige Schlitze darin gab, durch die sie ihre Umgebung genau beobachtete.

Die Sänfte verlor sich in der Menschenmenge. Eine Weile noch war der schwankende Baldachin auszumachen, denn die Mitglieder der kaiserlichen Familie besaßen die größten und stärksten Sklaven, damit ihre Sänften alle anderen überragten. Dann aber konnte sie aufatmen. Die Gefahr war vorüber!

Mit bebenden Händen griff sie zu dem wackeligen Holzkarren und schob ihn weiter. Die Früchte, mit denen er beladen war, würden unverkäuflich sein. Braun gefleckt waren die Pfirsiche, überreif die Melonen, deren Saft in den Sand tropfte. Wer sich mit dem Gedanken trug, erfrischendes Obst mit ins Amphitheater zu nehmen, lächelte verächtlich, nachdem er ihr Warenangebot in Augenschein genommen hatte.

Die Sonne stand hoch über dem Platz, ein gleißendes Silber, das die oberen Ränge des Theaters berührte und auf das Rund hinabbrannte, das vermutlich längst mit frischem weißen Sand bestreut worden war. Was heute in der Arena zu sehen sein würde, zog viele Römer an. Das Theater würde bis auf den letzten Platz gefüllt sein.

Schritt für Schritt tastete sie sich auf die Arkaden zu, mit denen sich der Rundbau des Amphitheaters öffnete. Ihr war, als schlüge ihr der Geruch des Blutes entgegen, dumpf und schwer, manchmal süßlich, dann wieder bitter wie versengtes Tuch. Fest eingeschlossen war er in den Rundbau, dennoch erfasste sie hier, vor den Toren des Theaters, bereits der Ekel. Zu oft war sie von dem Geruch gequält worden, wenn die Gladiatorenkämpfe vorbei waren und die Sklaven gerufen wurden, um ihren Besitzern den Weg über die Treppen zu bahnen, die zu den Ausgängen führten. Es half nichts, dass die blutbefleckte Arena schleunigst mit weißem Sand frisch angerichtet wurde. Der Geruch verging nicht. Was dort vor sich ging, geschah zwar immer wieder aufs Neue, aber jeder weitere Tod war doch immer auch ein Teil aller vorangegangenen Leiden. Und wer einmal unter dem Geruch des Blutes gelitten hatte, wurde ihn nie wieder los.

Vorsichtig sah sie sich um. Beobachtete sie jemand? Wurde das Wachpersonal auf sie aufmerksam? Nein, die Tore waren noch geschlossen, die Arbeit der Wärter hatte noch nicht begonnen. Die Männer saßen im Schatten, aßen und tranken und betrachteten das Treiben auf dem Platz. Für eine Obstverkäuferin, die verdorbene Waren anbot, hatte niemand einen Blick.

Während sie sich den Arkadengängen näherte, spürte sie die gespenstische Stille hinter den dicken Gemäuern. Noch hatten das Lachen und Plaudern das Innere des Theaters nicht erreicht, das Gekicher der Frauen, das Prahlen der Männer und das Rascheln der Kleidung waren noch nicht in das stille Warten eingedrungen, auch das sanfte Rauschen der Fächer nicht, mit denen die Sklaven für kühle Luft sorgten. Das Summen der Gespräche und dann die plötzlich einsetzende Stille, wenn in der kaiserlichen Loge ein Zeichen gegeben wurde, wenn ein Wort vernommen oder eine Geste entdeckt wurde – das alles wartete noch vor den Toren des Theaters. Hunderte von Sklaven hatten gerade erst die Holzmasten in die Konsolen gesteckt, die am oberen Abschlussrand der Sitzränge angebracht waren, und die Segel befestigt, welche die Zuschauer vor der Sonne schützen sollten. Zwei dieser Sklaven waren vor einer halben Stunde abgestürzt. Nun mussten sich die anderen beeilen, ihre zerschmetterten Körper beiseitezuschaffen, ehe das Publikum auf die Ränge drängte.

Sie beschirmte die Augen mit der Hand und blickte nach oben. Alles war vorbereitet. Aber noch waren die Gladiatoren und die zum Tode Verurteilten ganz allein mit ihrer Angst, verbargen sich in der Stille, in der Angst der anderen, in den Erinnerungen. Ein Schauer lief über ihren Rücken. Bei Wodan, diese schreckliche Angst!

Sie machte einen zaghaften Schritt, dann noch einen und einen weiteren. Als sie sich umsah, hatte die Angst Gestalt bekommen. Bisher war sie ein junger Krieger gewesen, der sich mit wildem Geschrei selber Mut machte. Jetzt war aus der Angst ein Römer geworden, ein schwer bewaffneter, rachedurstiger, unbarmherziger Römer. Jeder von denen, die sich an den Gladiatorenkämpfen ergötzen wollten, konnte ihre Angst sein.

Die Tore öffneten sich nun, die Wärter erhoben sich vom Boden, richteten sich auf, klopften sich den gefüllten Leib. Ihre Waffen klirrten, sie hörte sie lachen. Ob auch die Todgeweihten in den Katakomben es hörten? Dann wussten sie: Ihr erster Schritt war getan. Das Entsetzen war nicht mehr aufzuhalten.

Sie sah, wie ein vornehmer Römer, der zu Fuß unterwegs war, einen Händler grob zur Seite schlug, der ihm Feigen anbieten wollte. Während der arme Kerl noch damit beschäftigt war, die Früchte aus dem Staub aufzusammeln, schlug der Mann noch einmal zu.

«Zur Seite, elendes Weib!«, schrie er sie an. Aber zum Glück traf er sie nicht mit aller Härte, seine flache Hand prallte an ihrer Schulter ab.«Dein Obst interessiert nur die Maden.«

Erschrocken wich sie zurück. Sie hatte ihm nichts anbieten wollen. Hermut hatte ihr mit voller Absicht Früchte auf den Karren geladen, die schon seit Tagen nicht mehr frisch waren. Sie durfte nicht Gefahr laufen, das Interesse von Käufern zu wecken. Nein, sie wollte nur hier sein, ohne gefragt zu werden, warum sie sich vor dem Amphitheater herumtrieb.

»Er wird gegen einen weißen Löwen kämpfen!«, hörte sie einen Mann rufen, der einen dicken Bauch unter seiner weißen Tunika verbarg. Er versetzte einem mageren Jungen, der sich vor ihm in den Staub warf, einen Tritt. »Dein Vater soll seine Schulden bezahlen, wenn er ein freier Mann bleiben will.«

Er beachtete nicht das Gestammel des Jungen, der versuchte, den Saum der weißen Tunika zu küssen, sondern trat auf einen eleganten Römer zu, um ihn zu begrüßen. »Salve, edler Marcus!«

Sie drückte sich in den Schatten der Arkaden, als wollte sie ihr Obstangebot vor der Sonne schützen. Die beiden Männer, die an ihr vorübergingen, beachteten sie zum Glück nicht.

»Glauben Sie, dass er eine Chance hat gegen den weißen Löwen?«, fragte der eine.

Der andere schüttelte den Kopf. »Natürlich nicht. Die Frage ist nur, ob der Daumen des Kaisers nach oben oder nach unten zeigen wird.«

»Nach unten!«, bekräftigte der erste. »Dieser blonde Hüne wird von allen gehasst. Vom Kaiser und ganz besonders von der kaiserlichen Familie. Man wird dafür sorgen, dass er keine Chance hat.«

In diesem Moment erblickte sie ihn. Er trug einen wollenen Umhang wie sie. Beide sahen sie aus wie Bauersleute, die bei Sonnenaufgang auf ihren Feldern geerntet hatten.

Sie griff nach ihrem Karren und machte Anstalten, sich ihm unauffällig zu nähern. Aber seine Augen warnten sie. Sofort blieb sie stehen, beugte sich über ihre Melonen und betastete sie, als wollte sie prüfen, welche von ihnen noch frisch genug war, um sie anzubieten.

Zwei Männer blieben in ihrer Nähe stehen. Die Wärter, die gern den Gesprächen lauschten, die von Mitgliedern der römischen Gesellschaft geführt wurden, traten ein paar Schritte näher. Für eine armselige Obstverkäuferin hatten sie zum Glück keinen Blick. Sie sahen nicht, dass sie die Gelegenheit nutzte, sich mit ein paar vorsichtigen Schritten dem Eingang der Katakomben zu nähern.

Die beiden Römer verschränkten die Arme vor der Brust und schienen sich auf eine ausgedehnte Plauderei einzustellen. Beide trugen sie Tuniken, die mit vielen Perlen und feinen blauen Fäden bestickt waren, und Schuhe aus Ziegenleder.

»Wir brauchen uns nicht zu beeilen. Zuerst finden die Hinrichtungen statt.« Der eine zog verächtlich die Mundwinkel herab. »Das ist ein Spaß für das einfache Volk.«

Der andere stimmte ihm lachend zu. »Wen interessieren schon ein paar ungehorsame Sklaven, die den wilden Tieren zum Fraß vorgeworfen werden!«

Sie machte ein paar weitere Schritte auf den Eingang der Katakomben zu und stellte fest, dass Hermut es ihr gleichtat. Seine Augen warnten nicht mehr, sie lockten sie jetzt. Vorsichtig löste sie sich von ihrem Obstkarren und trat ein paar Schritte zur Seite. Niemand wurde auf sie aufmerksam. Immer tiefer zog sie sich in die Dunkelheit der Arkaden zurück. Die Wachmänner hatten noch immer keinen Blick für sie, erst recht nicht die beiden vornehmen Römer.

»Sehen wir nach, ob Flavus schon in seiner Loge angekommen ist. Er wird uns einen guten Tropfen spendieren!«

»Flavus wird heute nicht erscheinen. Seine Gemahlin auch nicht. Ich habe es von Vergilius gehört.«

Die Stimme des Älteren klang erstaunt. »Flavus versäumt sonst keinen Gladiatorenkampf. Und Salvia auch nicht.«

»Ich weiß zufällig, dass eine seiner Sklavinnen heute hingerichtet wird. Salvia selbst hat sie zum Tode verurteilen lassen.«

Beide lachten sie nun. »Zwei Barbaren, die nicht das Blut ihrer Sklavin sehen wollen?«

Da mischte sich eine dritte Stimme ein. »Ihr sprecht von einem römischen Offizier. Dass Flavus in Germanien geboren wurde, ist ohne Belang.«

Nun war sie an der Stelle angekommen, wo Hermut auf sie wartete. Ein fragender Blick empfing sie, sie antwortete mit einem kurzen Nicken. Es war so weit. Die nächste Gelegenheit würden sie nutzen. Und dann … dann gab es kein Zurück mehr.

Hermuts Augen wanderten zu ihrem Umhang, der mit einer geflochtenen Kordel fest umgürtet war. Sie führte beide Fäuste an ihre Brust und klopfte sanft mit den Knöcheln darauf. Ein feiner metallischer Klang war zu hören.

Hermut nickte zufrieden. Ja, sie waren gut vorbereitet.

»Ihr seid sicher, dass Ihr es tun wollt?«, flüsterte er.

Sie nickte tapfer. »Es ist das Einzige, was ich für ihn tun kann. Wahrscheinlich das Letzte.«

Die Sänften der kaiserlichen Familie lockten die Wärter noch ein paar Schritte weiter auf den Platz hinaus. Die Gelegenheit war günstig. Hermut nickte zu der niedrigen Tür, die aussah wie eine schadhafte Stelle im Gewand des Amphitheaters. Ein ausgefranstes Loch, dahinter die Schwärze der Katakomben.

Hermut blieb neben ihrem Obstkarren stehen, als sie auf das Loch zuhuschte. Er folgte ihr erst, nachdem er sich ein letztes Mal versichert hatte, dass niemand sie beachtete.

Die Kälte, die das dicke Gemäuer einschloss, tat ihr gut. Die Sonnenglut hatte sie an die Hitze des Kampfes erinnert, der den Gladiatoren bevorstand, an das heiße Blut, das vergossen werden musste, an den heißen Atem aus den Nüstern der Löwen – und an die heiße, alles versengende Angst.

Der Gang, den sie betraten, führte an den Höhlen vorbei, in denen der Tod wartete. Hinter jedem Gitter starrten ihnen Augen entgegen, verzweifelte und stumpfe, kämpferische und müde Blicke folgten ihnen. Von den zum Tode Verurteilten klammerten sich manche ans Gitter, als wollten sie sich am Leben festhalten, andere hatten sich in die dunkelste Ecke ihrer Höhle zurückgezogen, als könnten sie sich vor ihrem Ende verstecken.

Hermut war nun an ihrer Seite. Gemeinsam schlichen sie von Verlies zu Verlies, von Gitter zu Gitter, spähten hindurch, huschten weiter. Aus keiner der finsteren Höhlen drang ein Laut. Keine Stimme, kein Flüstern, kein Stöhnen, nichts! Totenstille herrschte. Nur die Umhänge raschelten, ihre Füße scharrten, kaum hörbar.

Dann plötzlich schwere Schritte! Entsetzt griff sie nach Hermuts Arm, ihr Atem stockte, die Augen weiteten sich. Wohin? Waffengeklirr, eine tiefe, brummende Stimme! Wohin? Die Angst lähmte sie, der Aufruhr in ihrem Innern nagelte sie auf die Stelle.

Erst der Griff Hermuts nach ihrem Arm befreite sie. »Schnell!«

Ein Mauervorsprung! In der Dunkelheit kaum zu erkennen! Schon zerrte er sie einen Schritt darauf zu, stieß sie in die finstere Ecke, presste sie an die kalte, feuchte Wand. »Still! Nicht bewegen!«

Nicht zittern! Nicht atmen! Sterben, nur für ein paar Augenblicke!

Das Licht der Fackeln an den Wänden zuckte über den Gang. Nun sah sie, wie der Wärter mit großen, langsamen Schritten an ihnen vorbeiging. Er blieb stehen, sah den Gang hinauf und hinab, so, als hätte ihn das Anhalten des Atems aufmerksam gemacht, als wäre ihre Angst laut und verräterisch. Aber die aufgeschreckte Wachsamkeit des Wärters schlief schnell wieder ein. Sie sah, wie er die Schultern zuckte und weiterging. So langsam, als hielte er es für möglich, dass sich in seinem Rücken die Erleichterung frühzeitig verriet.

Es war unnötig, dass Hermut sie daran hinderte, zu früh ins Leben zurückzukehren, zu früh auszuatmen und den ersten Schritt zu tun. Sie nickte unmerklich und wartete. Darauf, dass die Schritte des Wärters endgültig verklangen oder aber zurückkehrten.

Dem Versteck gegenüber befand sich das Verlies einer Frau. Schmutzige Hände klammerten sich ans Gitter, ihr Gesicht war deutlich zu erkennen. Kein junges Gesicht, mit Augen, die doppelt so alt waren wie ihr Körper. Helle Augen, hell noch im Dunkel der Katakomben. Sie berührten etwas in ihr, etwas, was vor langer, langer Zeit von Bedeutung gewesen war. In einem anderen Leben …

Sie legte die Hände auf ihre Brust, fühlte den harten Stahl, der dort verborgen war, spürte nun auch die Kraft, die von ihm ausging, und machte einen Schritt auf den Gang zurück.

«Komm!«, flüsterte sie und schlich weiter zum nächsten Verlies, starrte hinein, schlich weiter. »Schnell!«

Schon nach wenigen Schritten begriff sie, dass Hermut nicht mehr an ihrer Seite war. Erschrocken drehte sie sich um und sah, dass er vor dem Verlies der Frau stand. Sie hörte ihn einen Namen flüstern. Verstehen konnte sie ihn nicht, dennoch berührte sein Klang etwas in ihr. Ein heller spitzer Laut, auf den sich ein weiter Vokal öffnete. Es war, als würde sie diesen Namen gut kennen. Wieder hörte sie Hermut flüstern. Und diesmal verstand sie den Namen genau.

»Inaja!«

Sie starrte ihn an, sah das Zittern seiner Lippen, sah, dass seine Augen in einem Tränenteich schwammen. Die Falten schienen sich tiefer in sein Gesicht gegraben zu haben. Er bewegte sich nicht, auch hinter dem Gitter gab es keine Regung. In der Ferne war das Brüllen eines Löwen zu hören, Wasser tropfte von der Gewölbedecke, der Lärm von den Zuschauerrängen rückte näher, die Stille begann sich zu füllen.

Sie spürte, dass sie den Kopf schüttelte. Nein, der Name durfte keine Bedeutung haben. Sie hatten ein Ziel, ein großes Ziel. Nur darauf kam es jetzt an.

»Komm, wir müssen uns beeilen!«, zischte sie.

Aber Hermut beachtete sie nicht. Nun streichelte er die Hände der Gefangenen, die sich noch immer ans Gitter klammerten, und legte seine Stirn auf ihre Fingerknöchel.

Noch einmal versuchte sie es. »Das ist nicht Inaja! Sie kann es nicht sein. Inaja ist verschwunden. Schon lange! Seit über zwanzig Jahren!«

Die Verzweiflung würgte sie, ein Schluchzen stieg in ihre Kehle, das sie schwach und hilflos machte. Sie durften nicht von ihrem Plan abweichen, sie mussten weiter.

»Sie hat dich betrogen«, rief sie – viel zu laut, viel zu schrill! »Sie wird längst für ihren Verrat bezahlt haben!«

Aber aus Hermut war alle Kraft gewichen. Und als sie ihn weinen hörte, begriff sie, dass er sie allein gelassen hatte. Es war keine Zeit mehr, ihn zurück an ihre Seite zu holen.

Der Gang, der von einem Verlies vor das nächste Gitter führte, wurde enger, aber auch heller, weil an seinem Ende ein paar Stufen ins Leben hinaufführten, wo die Sonne schien. Zögernd ging sie dem Lichtschein entgegen. Dann endlich war sie angekommen. Hinter dem nächsten Gitter sah sie seine blonden Haare, seine helle Haut. Der Hüne, der bald gegen den weißen Löwen kämpfen musste, erhob sich vom Boden, als sie ans Gitter trat. Sehr aufrecht stand er da, als fürchtete er kein wildes Tier. Sein Körper war kräftig, der Brustkorb breit, die Muskulatur seiner Arme stark ausgeprägt. Er verlor seine aufrechte Haltung auch dann nicht, als er begriff, wer vor ihm stand.

»Ich bin deine Mutter, Thumelicus. Sieh mich an! Deine Mutter!« Sie wiederholte diese Worte ein ums andere Mal, bis es endlich einen Widerhall in seinen Augen gab.

»Mutter?«

Sein Blick irrte über ihr Gesicht, als suchte er etwas, eine Erinnerung, einen Beweis. Sie hielt den Atem an. Als sie ihren Plan fasste, hatte sie nicht bedacht, dass er scheitern konnte, weil er ihr nicht glaubte.

Dann jedoch ging endlich ein Lächeln über sein Gesicht. »Wie hast du mich gefunden?«

Sie schüttelte den Kopf, es war keine Zeit für Erklärungen.

Hastig öffnete sie ihren Umhang und ließ ihren Sohn sehen, was sie darunter verbarg.

Seine Augen weiteten sich. »Was ist das?«

»Das Schwert deines Vaters«, antwortete sie. »Hermut hat es mir gegeben. Er war Arminius’ bester Freund. Auf dem Sterbebett hat dein Vater ihm das Versprechen abgenommen, dir sein Schwert auszuhändigen. Hermut hat es nach Rom gebracht, und ich bin nun hier, um Arminius’ letzten Wunsch zu erfüllen.« Sie zog das Schwert vorsichtig hervor, ein Kurzschwert, das aufblitzte in dem Licht, das die Treppe herunterfiel, mit einem Schaft, der mit Edelsteinen besetzt war. »Wenn du eine Chance hast, den Kampf gegen den weißen Löwen zu gewinnen, dann mit diesem Schwert.«

Es beunruhigte sie, dass er keinen Blick dafür hatte, dass seine Augen an ihrem Gesicht hängenblieben. Es war keine Zeit! Keine Zeit für Mutter und Sohn. Nur diese winzige Chance, sein Leben zu retten, mehr nicht.

»Nimm es, Thumelicus!«, drängte sie. »Und kämpfe, wie dein Vater gekämpft hat.«

Diesmal hörte sie die schweren Schritte zu spät. Sie konnte den Wärtern nur noch aus weit aufgerissenen Augen entgegenblicken. Keine Möglichkeit zur Flucht, kein Versteck. Es war zu spät! Auch ihr Versuch scheiterte, das Schwert durch die Gitterstäbe zu drängen und ihrem Sohn heimlich in die Hände zu geben. Zu spät!

Schon wurde es ihr aus den Fingern gewunden. »Was ist das? Was willst du hier einschmuggeln? Willst du diesem Kerl etwa einen Vorteil verschaffen?«

»Thumelicus!« Ihre Stimme gellte durch die Katakomben.

Er aber antwortete nicht. Sie sah, wie er in seine Höhle zurückwich. Ihre Hilflosigkeit war zu seiner geworden. Die Angst vor dem weißen Löwen hatte ihm seinen Mut nicht rauben können, die Niederlage seiner Mutter jedoch hatte ihn schon besiegt, bevor er in die Arena gehen musste.

Grobe Hände griffen nach ihr. Einer der beiden Wärter steckte das Schwert hinter seinen Gürtel. »Soll der Kaiser sich diese Waffe ansehen! Soll er entscheiden, was mit dem Weib zu tun ist!«

Die Wärter zogen sie mit sich, zerrten sie den Gang entlang, scherten sich nicht darum, dass sie strauchelte, schleiften sie weiter, grob, gnadenlos. Das Letzte, was sie sah, war ein Zipfel von Hermuts Umhang. Wieder hatte er sich rechtzeitig hinter dem Mauervorsprung verbergen können. Und dann sah sie, ehe sie ohnmächtig wurde, noch das Gesicht der Frau. Ja, es war tatsächlich Inaja …