image
image

Kapitel 1

image
image

„Schneller, Mücke, schneller!“, rief Ricki. Das kleine Pony streckte den Kopf weit nach vorn. Seine Mähne flatterte im Wind und die Hufe donnerten über den Boden. Ricki ließ sich von ihm dahintragen und atmete tief den Duft der frisch gemähten Wiesen ein. Etwas kitzelte sie in der Nase. Sie kratzte sich, aber das Kitzeln blieb. Was war das? Verwirrt schaute Ricki sich um. Die Sonne fiel durchs Fenster, direkt auf ihr Bett, direkt in ihr Gesicht. Dann begriff sie. Sie war gar nicht mit Mücke über die Felder galoppiert; sie hatte nur geträumt!

Ricki seufzte und kuschelte sich verträumt in ihr Kissen. Wie schön, dass heute kein Wecker klingelte. Endlich Wochenende! Aus der Küche drang bereits Frühstücksduft nach oben. Ricki schlug die Decke zurück und stand auf. Mit einem lauten Gähnen tapste sie ins Bad.

„Wo ist denn meine Zahnbürste schon wieder?“, murmelte sie und blickte sich suchend um. Überall standen Haarspray, Gesichtsreiniger, Deos, Parfums und Schminksachen herum. Furchtbar! ­Rickis Schwester Franzi nahm mit ihrem Kram das ganze Bad in Beschlag. Jeden Morgen musste Ricki die paar Sachen, die ihr gehörten, zusammen­suchen. Endlich hatte sie alles gefunden. Rasch putzte sie sich die Zähne, klatschte sich ein bisschen Wasser ins Gesicht und fuhr sich mit der Bürste durch die wirren Locken. Fertig! Als sie nach unten kam, saßen ihre Eltern schon beim Frühstück.

image

„Guten Morgen, mein Schatz“, begrüßte Rickis Mutter sie fröhlich.

„Morgen“, grummelte ihr Vater hinter der Zeitung hervor.

„Hallo“, erwiderte Ricki. Sie schnappte sich eine Scheibe Brot und strich dick Brombeermarmelade darauf.

„Schmeckt’s?“, fragte ihre Mutter. Sie hatte die Marmelade selbst gekocht.

„Ja, großartig“, nickte Ricki mit vollen Backen. Für alles, was süß war, hatte Frau Foss wirklich ein gutes Händchen. Beim Kochen war dafür Rickis Vater besser.

„Ich muss gleich los“, erklärte Frau Foss mit einem Blick auf die Uhr. Sie kramte einen Lippenstift aus der Handtasche, zückte einen Spiegel und malte sich die Lippen dunkelrot an. Ricki bewunderte ihre Mutter. Sie sah wunderschön aus. Und immer wie aus dem Ei gepellt. Sie behauptete, das hinge mit ihrem Beruf zusammen. Frau Foss war nämlich eine Hausdame. Ricki fand, das war ein komischer Name. Ihre Mutter saß schließlich nicht in irgendeinem Haus herum und spielte feine Dame. Nein, sie war im besten Hotel der Stadt dafür zuständig, die Arbeit der Zimmermädchen zu kontrollieren, damit immer alles blitzsauber aussah.

Frau Foss betrachtete sich prüfend im Spiegel. „Was hältst du davon, wenn wir morgen einen kleinen Ausflug machen?“, fragte sie Ricki. „Wir wandern zuerst ein bisschen und dann habe ich da noch von einem tollen Fest gelesen. Dort wird es auch Pferde geben.“

„Klingt gut“, meinte Ricki und spülte den letzten Bissen ihres Marmeladenbrotes mit einem Schluck Mineralwasser herunter. Aufs Wandern hatte sie zwar nicht unbedingt Lust, aber alles, was mit Pferden zu tun hatte, hörte sich schon einmal gut an.

„Gehen wir beide zusammen einkaufen?“, fragte Herr Foss und legte die Zeitung zur Seite. Ricki schaute ihn verwundert an. Einkaufen? Wie langweilig!

„Ach nö, ich bin doch schon mit Maja auf dem Reiterhof verabredet“, erklärte sie.

„Wer hätte das gedacht?“, erwiderte Herr Foss und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Wie kann man nur seine ganze Zeit im Pferdestall verbringen?“

„Das verstehst du nicht“, erwiderte Ricki und lachte. „Aber du musst ja auch nicht alles verstehen.“

Wenig später erreichte sie den Reiterhof. Maja war schon da und schob gerade eine schwere Schubkarre mit Mist über den Hof.

„Warte, ich helfe dir!“, rief Ricki.

Gemeinsam kippten sie den Mist aus. Ricki machte es Spaß, zusammen mit ihrer Freundin auf dem Hof zu helfen. Anfangs hatte sie Maja ein bisschen langweilig gefunden, denn sie war ziemlich schüchtern und eher ängstlich. Wenn es sein musste, konnte sie jedoch auch über ihren Schatten springen. Das hatte sie bewiesen, als sie vor Kurzem Jans Geheimnis mit dem kleinen Kätzchen auf die Spur gekommen waren.

image

Aus dem Stall erklang ein Wiehern, so laut, wie nur einer wiehern konnte. Mücke!

„Ich glaube, du wirst erwartet“, meinte Maja. Als sie die Stallgasse betraten, wieherte das kleine Shetlandpony erneut.

„Schon gut, schon gut, mein Kleiner“, rief Ricki. Sie ging zu ihm und schlang die Arme um seinen Hals. Ein paar Strohhalme pieksten an ihrer Nase.

„Eine Bürste könnte dir auch nicht schaden“, meinte sie und Mücke nickte eifrig. Er liebte es, gestriegelt zu werden. Die Mädchen holten ihre Putzkisten und führten die Pferde nach draußen. Mit langen Strichen bürsteten sie ihnen den Dreck aus dem Fell, bis es in der Sonne glänzte.

„Gute Arbeit“, meinte Tina, die gerade vorbeikam. „Wollt ihr die beiden vielleicht noch ein bisschen spazierenführen? Das würde ihnen bestimmt ­gefallen.“

Ricki und Maja strahlten. Nicht nur den Pferden!

Kapitel 2

image
image

Die Mädchen gingen mit den Ponys den Feldweg entlang, der vom Hof Richtung Wald führte. Mückes Ohren zuckten aufmerksam vor und zurück. Ricki wusste, dass dem kleinen Shetlandpony nichts entging.