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Kapitel 1

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„Autsch! Spinnst du?“ Franzi rieb sich den Kopf: Ein Umzugskarton hatte sie getroffen! Ärgerlich blickte sie die Treppe hoch. Dort stand ihre Schwester Ricki.

„Woher soll ich denn wissen, dass du gerade jetzt um die Ecke biegst?“, fragte Ricki unschuldig. „Mama hat gesagt, ich soll die leeren Kisten einfach die Treppe runterwerfen.“

Franzi grummelte etwas vor sich hin. Sie stellte den Karton zu den anderen, die sich in einer Ecke der großen Diele stapelten.

Ricki ging wieder in ihr Zimmer. Sie seufzte, als sie das Chaos sah. Ihr neuer Schrank war erst halb eingeräumt: Ein großer Plastiksack stand davor, aus dem T-Shirts und Hosen quollen. Daneben befanden sich zwei Kisten mit Büchern. Ihr Vater hatte es gestern nicht mehr geschafft, das Regal aufzubauen, also mussten die Bücher warten.

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Rickis Blick fiel durch das große Fens­ter nach draußen. Sie sah nichts als Obstwiesen, überall war es grün. Das war ziemlich ungewohnt für sie, denn bis gestern hatte sie noch mitten in der Stadt gelebt. Um sie herum hatte es nur Häuser mit winzigen Gärten gegeben. Doch seit heute, pünktlich zu Beginn der Sommerferien, wohnte die Familie Foss in einem alten Bauernhaus am Stadtrand.

Als Rickis Eltern das Haus in der Rosenstraße in Damshausen zum ersten Mal gesehen hatten, wollten sie es sofort kaufen. Nur ein paar Wochen später hatten sie dann Nägel mit Köpfen gemacht. Zumindest hatte Rickis Vater den Hauskauf so genannt. „Nägel mit Köpfen machen“ war einer seiner Lieblingssprüche. Vielleicht lag das daran, dass er sich so gerne handwerklich betätigte? Er hatte viele Tage damit verbracht, das alte Haus wiederherzurichten.

„Ist mein rosa Koffer bei dir gelandet?“ Franzi streckte den Kopf zur Tür herein. „Da sind meine Schminksachen drin.“

„Nein“, erwiderte Ricki und verdrehte heimlich die Augen. Franzi waren ihre Schminksachen heilig! Sie konnte stundenlang vor dem Spiegel stehen. Morgens brauchte sie immer ewig, um ihre Haare mit dem Glätteisen in Form zu bringen. Wie Ricki hatte sie nämlich unzählige Locken, die hatten sie von ihrer Mutter geerbt.

„Vielleicht schaust du mal bei Mama und Papa nach?“, schlug Ricki vor.

Franzi ging wieder. Ricki schüttelte den Kopf. Wieder einmal fragte sie sich, warum Franzi so anders war als sie. Oder machten drei Jahre Alters­unterschied wirklich mehr aus, als sie dachte? Vielleicht würde sie selbst mit elf Jahren genauso sein?

Bislang war ihr ihr Aussehen auf jeden Fall ziemlich egal. Sie brauchte höchstens fünf Minuten im Bad. Zähne putzen, Gesicht waschen, fertig. Lieber schlief sie länger, als sich eine Viertelstunde mit ihren Haaren zu beschäftigen.

„Alles klar, mein Schatz?“, fragte Frau Foss und betrat das Zimmer. „Brauchst du Hilfe?“

„Nein, ich mache jetzt mit den Kleidern weiter“, erklärte Ricki. „Und dann warte ich, bis Papa das Regal aufbaut.“

„Ich glaube, er ist mit unserem Bett gleich fertig. Dann kümmert er sich bestimmt als Nächstes um dein Regal.“ Frau Foss blies sich eine Haarsträhne aus der Stirn. „Zum Glück ziehen wir nicht so oft um“, murmelte sie. „Ich has­se diese Unordnung.“

Rickis Mutter mochte es gern sauber und aufgeräumt. Deswegen passte ihr Beruf auch so gut zu ihr. Sie beaufsichtigte die Zimmermädchen im Hotel Merkur, dem besten Hotel der Stadt. Die Zimmermädchen sorgten dafür, dass alles immer picobello aussah, und Frau Foss kontrollierte das. Genauso wie sie auch Rickis Zimmer kontrollierte. In regelmäßigen Abständen musste sie es gemeinsam mit ihrer Mutter aufräumen. Danach fand Ricki dann erst einmal tagelang überhaupt nichts mehr, und das nervte sie. Bei ihren beiden besten Freundinnen, Carla und Lou, war es schließlich auch nicht so ordentlich.

Ach, Carla und Lou ... Was sie wohl gerade machten? Fast jeden Tag hatte sich Ricki mit ihren Freundinnen getroffen. Sie konnte sich gar nicht vorstellen, wie es ohne die beiden werden würde. Sie vermisste sie jetzt schon!

„Hier, das gehört wohl eindeutig dir“, erklang es da von der Tür. Franzi ließ eine große Tasche mit einem Pferdekopfaufdruck zu Boden plumpsen. „Wie kann man nur so viele Sachen mit Pferden haben?“, bemerkte sie schnippisch. Kopfschüttelnd verschwand sie wieder.

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Franzi machte sich nicht die Spur aus Pferden. Für Ricki waren Pferde dagegen die schönsten Tiere auf der ganzen Welt. Deswegen wollte sie auch nichts lieber als reiten lernen. Sie zog die schwere Tasche zu sich ins Zimmer und fing an auszupacken. Mit träumerischem Blick strich sie über die samtweiche Decke mit den strahlend weißen Pferden darauf.

Übermorgen würde ihre Mutter sie zu dem Reiterhof am Ende der Straße bringen. Ricki durfte einen Reitkurs besuchen, während der nächsten drei Ferienwochen sogar jeden Tag! Endlich rückte ihr Traum in greifbare Nähe. Sie konnte es kaum mehr erwarten!

Kapitel 2

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Zwei Tage später stand Ricki mit ihrer Mutter im kleinen Büro des Reiterhofs. Die Besitzerin Frau Krause reichte ihnen ein Stück Papier.

„Das ist das Anmeldeformular für den Reitkurs“, erklärte sie. „Wenn Sie es ausgefüllt haben, führe ich Sie noch kurz herum. Dann kennt Ricki sich schon ein bisschen aus, wenn sie übermorgen anfängt.“

Ein paar Minuten später gingen sie hinter der Reitstallbesitzerin über den Hof. Ricki fiel auf, dass sie ziemliche O-Beine hatte. Sie schätzte die zierliche Frau mit den streichholzkurzen Haaren auf etwa vierzig Jahre. Obwohl sie nur wenig lächelte, war sie Ricki von Anfang an sympathisch.