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Abschied mit Folgen

In einer stürmischen Vollmondnacht schlägt ein Blitz in eine jahrhundertealte Eiche ein, und eine Sternschnuppe fällt vom Himmel. Im gleichen Moment wird ein wunderschöner Schimmel mit einem kleinen schwarzen Stern auf der Stirn geboren.

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Lindenhain – ohne Nick?

Der Himmel über dem Reiterhof war strahlend blau. Die Vögel zwitscherten, in dem kleinen Tümpel quakte ab und an ein Frosch, die beiden Hofhunde – Herr Maier und Carolina – dösten faul vor ihrer Hütte und Hofkatze Eulalia lauerte mucksmäuschenstill im Gras vor einem Mauseloch.

Carolin Baumgarten, genannt Caro, stand neben Nick Neuberg vor dem Eingang zum Stall, die Hände tief in den Hosentaschen. Nick ließ seinen Blick über Lindenhain wandern: von den großen alten Linden oben auf dem Hügel über die Koppel zum großen Paddock und der Reithalle, dann weiter zum Haupthaus und dem Ferienhaus mit den blumengeschmückten Balkonen bis zum langen, hellgelben Stall mit den blauen Türen.

„Willst du es dir nicht noch einmal überlegen, Nick?“, fragte Carolin hoffnungsvoll.

„Nein.“ Entschlossen riss sich Nick von dem Anblick los und marschierte mit großen Schritten am Stall vorbei in die Sattelkammer.

Carolin folgte ihm. Betrübt lehnte sie sich gegen die klapprige Holztür und nagte an ihrer Unterlippe, während sie Nick dabei beobachtete, wie er zwei Sättel schulterte. „Bleib doch einfach da!“

Nick schüttelte energisch den Kopf. „Nina hat schon alles in die Wege geleitet. Das Ding ist durch. Morgen geht’s ab in die Hauptstadt.“

Carolin schwieg. Was sollte sie auch sagen? Nick, Stallbursche und Mädchen für alles auf ihrem geliebten Reiterhof Lindenhain, war wie ein großer Bruder für sie. Wie viele Jahre hatte sie mit ihm verbracht? Wie viele Abenteuer hatten sie gemeinsam erlebt? Der Gedanke, dass er ab morgen nicht mehr da sein sollte, erschien ihr völlig absurd.

Nick legte die Sättel wieder ab, kam auf sie zu und zupfte einen Strohhalm aus ihren kurzen, widerspenstigen braunen Haaren, der sich dort verfangen hatte. „Ich werde Lindenhain ganz arg vermissen – meinen Job, die Pferde, aber vor allem dich, Caro.“

Carolin versuchte, die aufsteigenden Tränen wegzublinzeln. „Warum bleibst du dann nicht einfach hier?“

Nick lächelte leicht. „Weil ich Nina liebe und sie in Berlin wohnt. Und weil sich mein Leben auch mal verändern muss.“ Er knuffte Carolin leicht in die Seite. „Und jetzt ist Schluss mit Trauer. Schließlich geh ich nicht ans andere Ende der Welt, sondern nach Berlin. Du kannst mich dort jederzeit besuchen kommen.“ Er bückte sich und hob die Sättel wieder hoch.

„Aber das ist nicht das Gleiche“, entgegnete Carolin mit zitternder Stimme.

Nick zwinkerte ihr zu. „Ich bin sicher, wir finden auch in Berlin eine Sattelkammer, in der wir so einträchtig rumstehen können wie hier.“

Wider Willen musste Carolin schmunzeln.

„Na also. So gefällst du mir schon viel besser“, nickte Nick und stiefelte an ihr vorbei in den Stall. „Und außerdem“, fuhr er fort, „wer weiß, wenn mich alles total annervt, komm ich vielleicht schneller wieder zurück, als du trauern kannst!“

„Hoffentlich“, gab Carolin zurück. Ihre braunen Augen funkelten. Natürlich wünsche ich dir nicht, dass alles schiefgeht, fügte sie in Gedanken hinzu. Na ja, vielleicht ein bisschen ... Carolin Baumgarten, du bist verdammt unfair!, ermahnte sie sich sofort selbst. Nick soll glücklich werden. Das wünsche ich ihm von ganzem Herzen.

Ein lautes Wiehern riss Carolin aus ihren Gedanken: Sternentänzer. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, und sie eilte in seine Box. Mit peitschendem Schweif und großen, dunklen Augen blickte ihr der wunderschöne mondhelle Araberhengst entgegen. „Mein süßer Sternentänzer!“ Als sie ganz dicht vor ihm stand, knabberte er zuerst sacht an ihrem Arm, danach berührte er mit seinen Nüstern sanft ihre Wangen. Es war eine Berührung so zart wie ein liebevoller Hauch. Man konnte fast meinen, der Hengst wolle sie trösten und sagen: He, ich bin schließlich auch noch da.

Carolin lehnte sich gegen seinen Hals. Wie immer, wenn sie Sternentänzers Nähe spürte, durchströmte ein Gefühl der Ruhe und Geborgenheit ihren Körper. „Wir werden unseren Nick ganz schön vermissen, stimmt’s, Sternentänzer?“, murmelte sie dabei.

„Holla!“ Mit einem Mal wurde die Boxentür schwungvoll aufgerissen. Jan stand breitbeinig im Eingang und wedelte triumphierend mit einem Schlüsselbund. „Du glaubst nicht, was passiert ist!“, verkündete er freudestrahlend.

Carolin konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Jan war Nicks Nachfolger auf Lindenhain. Halblange, blonde Haare, blaue Augen, immer gute Laune und fast immer einen Kaugummi im Mund.

„Was denn?“, erkundigte sie sich.

„Nick hat mir gerade feierlich die Schlüssel zu seiner Maschine in die Hand gedrückt. Ich soll auf sie aufpassen, während er in Berlin ist. Ist das nicht gigantisch?!“, freute sich Jan.

„Super!“ Carolin nickte, ohne den Kopf von Sternentänzers Hals zu nehmen.

„Puh!“ Jan fuhr sich mit der rechten Hand durch seine blonden Haare. „Schon heftig! Gibt mir einfach das Teil. Ich könnte den Kahn gegen die Wand fahren oder vertickern oder sonst was.“

„Er vertraut dir eben“, erwiderte Carolin gelassen.

„Das ist ... boah! Ich mein, ich bin ja nicht gerade ein Klosterschüler.“ Jan war völlig überwältigt von Nicks Geste.

„Kann man wohl sagen“, meinte Carolin. Bevor Jan nach Lindenhain gekommen war, hatte er allerhand krumme Dinger gedreht.

„Nick ist echt der Hammer! So was hat noch nie jemand für mich getan“, sagte Jan ernst. „Ein super Kerl! Schade, dass er geht!“

„Das stimmt“, pflichtete Carolin ihm bei und spürte nun wieder den dicken Kloß in ihrem Hals.

„Ich werde sein Vertrauen ganz bestimmt nicht enttäuschen“, sagte Jan mehr zu sich selbst als zu Carolin. Er umschloss den Schlüssel ganz fest mit seinen Fingern und machte sich auf den Weg.

Carolin blickte ihm nach. Sie erinnerte sich noch genau daran, als sie Jan zum ersten Mal gesehen hatte. Als er Kaugummi kauend mit zerrissenen Jeans an der großen Linde gelehnt und sich nach dem Büro von Lindenhain-Chef Gunnar Hilmer erkundigt hatte, um sich für einen Job zu bewerben. Keinen Cent hätte ich damals darauf gewettet, dass Jan auch nur einen Tag bleiben würde, dachte Carolin. Doch inzwischen hatte Jan sich sehr gut eingearbeitet und sein früheres Leben in der Jugendgang total hinter sich gelassen. Sternentänzer hat ihn ja von Anfang an akzeptiert, überlegte Carolin weiter. Und ich mag ihn jetzt schon fast so gerne wie Nick. Gut, dass wenigstens Jan auf Lindenhain bleibt.

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„He, Caro!“, unterbrach sie kurz darauf Nicks Stimme.

„Kommst du bitte mal her?“

Carolin schlüpfte aus Sternentänzers Box und legte die Hände wie einen Trichter um die Lippen. „Wo bist du denn?“

„Ich bin in Silbersterns Box“, kam die Antwort.

Carolin flitzte zum anderen Ende des Stalls, wo Silberstern untergebracht war. Die Tür zu seiner Box stand weit offen. Carolin blickte hinein und prustete laut los. Silberstern und Nick standen sich gegenüber wie zwei Boxer in einem Ring. Silbersterns schwarze Augen funkelten wild.

„Was soll das denn werden?“, grinste Carolin amüsiert.

„Ich will ihn satteln, aber dieser Sturkopf will heute absolut nicht still stehen“, erklärte Nick. „Kannst du ihn bitte mal kurz halten?“

Silberstern war der Sohn von Sternentänzer. Der junge Hengst war ein Ebenbild seines Vaters. Nur dass Sternentänzer mondhell mit einem kleinen schwarzen Stern auf der Stirn war und Silberstern pechschwarz mit einem weißen Stern. Der ungestüme junge Hengst war erst vor Kurzem eingeritten worden, was nicht ganz einfach gewesen war. Anfangs hatte sich Silberstern nämlich mit allen Kräften dagegen gewehrt, einen Sattel, geschweige denn einen Reiter auf seinem Rücken zu tragen. Inzwischen klappte das zwar problemlos, und er ließ sich von Nick und Carolin brav reiten. In ganz seltenen Fällen wehrte er sich allerdings noch kurz gegen den Sattel, um eine Kostprobe seiner Wildheit zu geben.

„Er muss heute anscheinend mal wieder zeigen, wer der Chef ist. Damit wir das auch ja nicht vergessen“, seufzte Nick.

Carolin fasste Silberstern am Halfter und kraulte ihn liebevoll zwischen den samtweichen Ohren. „Aber Silbersternchen, ganz ruhig, was ist denn mit dir heute los? Warum willst du denn den Sattel nicht?“

Der junge Hengst tänzelte noch ein paar Mal unruhig hin und her, dann hielt er still und legte seinen Kopf auf Carolins Schulter. „Siehst du, geht doch, mein Süßer.“

„Du hast echt das Zeug zum Löwenbändiger“, feixte Nick. „Jetzt ist er wieder brav wie ein Lamm.“

Carolin kicherte. „Ich könnte mich ja mal in Onkel Roccos Zirkus dafür bewerben. Vielleicht kauft er mir auch noch eine Horde Löwen.“

„Ich wage zu bezweifeln, dass Rocco dafür noch die Kohle hat“, antwortete Nick nachdenklich. „Immerhin hat Silberstern ihn bestimmt ein kleines Vermögen gekostet.“

„Schon klar“, nickte Carolin. Gänsehaut bildete sich auf ihrem Unterarm, wenn sie daran dachte, dass sie kurz davor gewesen war, Silberstern für immer zu verlieren. Frau Reifenbach, die Besitzerin von Silbersterns Mutter, wollte den Junghengst verkaufen. „Warum sollen wir uns mit einem Pferd belasten, das niemand reitet“, hatte sie getönt. „Das kostet nur unnötig Geld.“ Zum Glück hatte Lina, Carolins beste Freundin, ihren Onkel Rocco dazu überreden können, das herrliche Pferd zu kaufen.

Nick packte den Sattel auf Silbersterns Rücken und zog den Sattelgurt fest. „So, du Wildfang, dann wollen wir mal.“ Ohne den geringsten Widerstand ließ sich der Hengst nun folgsam von Nick aus dem Stall führen.

Carolin blickte den beiden nach und lauschte dem Geklapper der Hufe. Sie war überglücklich, dass Silberstern in ihrer Nähe bleiben durfte. Sie kannte ihn seit dem Tag, an dem er in einer stürmischen Nacht geboren wurde, und liebte ihn von ganzem Herzen. Nun habe ich alle Zeit der Welt, Silbersterns Geheimnis zu erkunden. Falls er eines hat, überlegte sie. Aber eigentlich bin ich ziemlich sicher, er hat eins. Mein Sternentänzer ist ja schließlich ein ganz besonderes Pferd und hat eine magische Gabe. Warum sollte er die nicht an seinen Sohn vererbt haben?

Gedankenversunken stiefelte Carolin zurück zu Sternentänzers Box. Sie pickte einen Apfel aus einem Eimer und hielt ihn dem Araberhengst hin. Sternentänzer schnappte den Apfel von Carolins Handfläche und mampfte ihn genüsslich, während Carolin über seine dichte mondhelle Mähne strich. „Werde ich Silbersterns Gabe jemals herausfinden?“, murmelte sie dabei nachdenklich. „Ob er wohl die gleiche magische Gabe hat wie du, Sternentänzer? Wenn du mir doch bloß sagen könntest, ob man auf ihm in Vollmondnächten auch in die Zukunft blicken kann?“

Zwei Versuche hatte Carolin schon hinter sich. Zwei Mal war sie mit Silberstern bei Vollmond ausgeritten. Hatte ihm eine Frage gestellt, wie sie es bei Sternentänzer immer tat. Doch sie hatte nichts gesehen. Wenn sie auf ihrem Sternentänzer dahinjagte, bekam sie Antworten auf ihre Fragen, sah sie Bilder in ihrem Kopf. Auf Silbersterns Rücken hingegen hatte sie keine Antwort bekommen, kein einziges Bild war in ihrem Kopf erschienen. Sie hatte dazu Ami, Linas weise Großmutter, die sonst immer alles wusste, befragt. Doch auch Ami hatte ihr diesmal nicht wirklich weiterhelfen können. Liebevoll berührte Carolin Sternentänzers samtweiche Nüstern.

„Vielleicht bist du ja auf einem falschen Weg“, hatte Ami damals gesagt. „Vielleicht hat Silberstern eine ganz andere Gabe in sich. Und nicht die, die du vermutest. Aber du kannst sicher sein, dass sein Geheimnis gelüftet wird.“

„Und wann? Darauf warte ich, seit Silberstern auf der Welt ist. Wann endlich werde ich das herausfinden?“, hatte sie die alte Frau ungeduldig gefragt.

„Wenn die Zeit reif ist“, hatte Ami geantwortet. „Sternentänzers besondere Gabe kam auch erst ans Licht, als er mit dir zusammenkam.“

Seit diesem Nachmittag bei Ami drängte sich immer wieder ein Gedanke in Carolins Kopf. Was, wenn gar nicht ich es bin, die Silbersterns Geheimnis lüften kann? Carolin schüttelte den Kopf. „Nein, nein, ich kenne Silberstern, seit er geboren wurde. Nur ich kann Sternentänzers magische Gabe nutzen, also werde auch ich es sein, die Silbersterns Geheimnis lüften kann“, murmelte sie vor sich hin.

„Hier bist du und führst Selbstgespräche.“ Linas Stimme riss sie aus ihren Gedanken. „Ich hab dich schon überall gesucht. Auf der Weide, im Haupthaus, auf dem Misthaufen ...“

Carolin verzog das Gesicht. „Sehr witzig.“

„Nee, wie kann man denn bei diesem Superwetter im Stall rumhängen?“, polterte Lina weiter. Sie warf ihre lange dunkle Lockenmähne zurück, ihre grünen Augen funkelten wild. „Los, komm, es gibt was zu tun! Und nimm Silberstern mit!“

Grinsend betrachtete Carolin ihre beste Freundin, die mit glühenden Wangen vor ihr stand. Vermutlich hatte sie wieder irgendeine schräge Idee. Lina hatte meist schräge Ideen. Sie war ein ganz außergewöhnliches Mädchen. Sie trug immer mehrere Röcke übereinander, dazu Blusen und derbe Schnürstiefel, Sommer wie Winter. Lina lebte mit ihrer Großmutter in Wohnwagen auf einer Wiese am Rand von Lilienthal. Ihre Eltern waren fast das ganze Jahr über unterwegs auf Jahrmärkten, wo sie ihre selbst gemachten Kräuterprodukte verkauften.

„Wir müssen Onkel Rocco helfen“, fügte Lina hinzu.

„Wobei denn?“, erkundigte sich Carolin neugierig. Rocco war Linas Onkel und Taufpate und veranstaltete seit einiger Zeit seine eigene Zirkusshow auf dem Festplatz von Lilienthal. Lilienthal war klein. Es bestand aus einer Schule, einer Kirche, ein paar Gaststätten und mehreren Läden, einem Kino, einer Tankstelle, einer Bücherei, einem Supermarkt und einer Handvoll Häuser. Onkel Rocco war eine Sensation gewesen. Zunächst hatte sich das ganze Dorf über den Mann mit den langen, dunklen Korkenzieherlocken gewundert, der immer äußerst ausgefallene Klamotten trug, doch inzwischen mochten ihn alle. Lina liebte ihren Onkel heiß und innig. Er hatte ihr Fahrradfahren, Schwimmen, Selbstverteidigung und Jonglieren beigebracht. Auch Carolin fand Linas Onkel toll.

„Ich hab ihm versprochen, dass wir nachher bei den Vorstellungsgesprächen dabei sind“, antwortete Lina.

Carolin sah die Freundin erstaunt an. „Wieso? Sucht er einen neuen Job?“

„Quatsch! Er sucht jemanden für Silberstern“, erklärte Lina ungeduldig.

Carolin spürte einen kleinen Stich im Herzen. „Für Silberstern? Warum das denn? Er hat doch mich und Jan und ...“

„Für die Show“, unterbrach Lina sie. „Oder willst du etwa deine Voltigiernummer auf Silberstern vorführen? Oder vielleicht Jan?“

„Für die Show“, wiederholte Carolin. Der Gedanke, dass irgendjemand auf Silbersterns Rücken Zirkusnummern aufführen würde, gefiel ihr überhaupt nicht. „Aber Silberstern kann das doch noch gar nicht“, warf sie ein. „Er ist noch nie aufgetreten.“

„Eben“, nickte Lina. „Genau deswegen muss ihm jemand das alles beibringen.“

„Warum muss er das denn überhaupt lernen?“, fragte Carolin weiter.

Lina verdrehte die Augen. „Weil ihn Onkel Rocco deswegen gekauft hat. Mann, Caro! Zick nicht rum! Wir suchen jemanden, der hundertpro zu ihm passt. Ist doch cool, dass wir mitreden dürfen, oder? Und Silberstern müssen wir daher auch gleich zum Zirkus bringen und dort im Stall unterbringen.“

Carolin schnaufte tief durch. Lina hat Recht. Es ist verdammt klasse von Rocco gewesen, dass er Silberstern gekauft hat. Und es ist auch verdammt klasse von ihm, dass wir mitentscheiden dürfen, wer sich um Silberstern kümmern wird, überlegte sie.

Lina legte den Kopf schief. „Ich glaub fast, du bist eifersüchtig.“

„Pah!“, machte Carolin cool – obwohl Lina natürlich genau ins Schwarze getroffen hatte.

„Und warum bekommst du dann eine knallrote Birne?“, zog Lina sie auf. Sie ging zu ihrer Freundin und legte den Arm um sie. „Keine Sorge. Du wirst immer die Nummer eins für Silberstern sein. Genau wie für Sternentänzer.“

Ob Lina da wohl Recht behalten sollte?

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Eine kunterbunte Bewerberrunde

„Einen wunderschönen guten Tag wünsche ich allerseits. Mein Name ist Hubert Großmann, Künstlername: Hubs, der Große. Dass in mir Artistenblut sprudelt, weiß ich seit meinem achten Lebensjahr. Und jetzt möchte ich endlich meinen Traum wahr machen und mich als Akrobat bewerben.“

„Hm“, meinte Onkel Rocco und musterte den baumlangen Mann, der vor ihm stand und einen Hut in den Händen drehte. „Wir suchen für den Zirkus einen akrobatisch begabten Reiter. Trauen Sie sich das denn zu?“

Carolin beugte sich zu Lina. „Nie im Leben werd ich zulassen, dass dieser Riese auf meinem Silberstern reitet“, raunte sie ihr ins Ohr.

„Ich glaub, die Gefahr ist ziemlich gering“, grinste Lina zurück.

Die Mädchen hockten auf weißen Plastikstühlen vor Onkel Roccos Wohnwagen neben dem Zirkuszelt. Onkel Rocco saß auf einem Stuhl neben ihnen, eine Mappe lag auf seinem Schoß. Er hatte ein Inserat ins Internet gestellt: Zirkus sucht akrobatisch begabten Reiter für seine Show! und inzwischen die interessantesten Bewerber zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen.

Onkel Rocco lächelte den baumlangen Mann an. „Vielen Dank, Herr Großmann, gegebenenfalls werden wir uns bei Ihnen melden.“

„Und, wirst du dich bei ihm melden?“, wollte Lina neugierig wissen, als Herr Großmann weg war.

Rocco schüttelte den Kopf. „Natürlich nicht! ... Das heißt, melden schon, aber er bekommt eine Absage. Ein Reitakrobat muss klein und wendig sein.“

Er blickte auf seine Liste. „Der Nächste ist ein Ronaldo Ronaldino. Zumindest der Name klingt schon mal nach Akrobat.“

„Eher nach Fußballer“, meinte Carolin grinsend.

Ronaldo Ronaldino war klein und dick und trug eine Nickelbrille. „Ich wollte schon immer zum Zirkus“, strahlte er. „Als ich die Anzeige sah, wusste ich, das ist meine große Chance ...“

„Haben Sie denn schon artistisch gearbeitet?“, unterbrach Rocco ihn.

„Nun ja.“ Herr Ronaldino schob seine Nickelbrille zurück auf die Nase. „Nicht so direkt, aber ...“

Rocco musterte ihn amüsiert. „Können Sie denn reiten?“

„Nun ja, auch nicht so direkt, aber das kann man doch alles lernen“, meinte Ronaldino eifrig und pumpte vor Aufregung wie ein Maikäfer. „Ich lerne schnell. Und ich schaffe das, ich weiß es. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, heißt es doch immer.“

Carolin hielt sich die Hand vor den Mund, um nicht laut loszuprusten.

Auch Onkel Rocco hatte Mühe, ein ernstes Gesicht zu machen. „Wir hatten uns eigentlich jemanden vorgestellt, der sofort einsatzbereit ist“, erklärte er. „Bedauerlicherweise muss ich Ihnen deswegen gleich absagen.“

Ronaldino senkte den Kopf und nickte betrübt.

„Ich wünsche Ihnen alles Gute für Ihre Zukunft“, rief Rocco ihm noch nach, als Ronaldino davonstiefelte.

Rocco seufzte. „Gar nicht so einfach, jemanden zu finden.“ Er blickte wieder auf seine Liste. „Für heute habe ich noch zwei Bewerber eingeladen. Mal sehen. Der Nächste, Franco Leoni, hat wenigstens schon Erfahrung. Er hat bei einem renommierten Zirkus in der Schweiz als Reiter in einer Akrobatennummer gearbeitet. Und der Letzte für heute, Django Tango, kommt aus Argentinien und ist mit Pferden aufgewachsen.“ Er legte die Mappe zur Seite. „Wie wär’s mit einer Runde Eis, bevor Franco Leoni kommt?“

Lina streckte die Arme in die Höhe. „Aber immer.“

Rocco verschwand in seinem Wohnwagen.

Linas Blick fiel auf Carolin. „Du guckst, als hätte man dir deinen Lieblingsteddy weggenommen.“ Lina legte die Hand auf Carolins Arm. „Sei doch froh, dass Silberstern überhaupt hier ist, Caro. Und außerdem liegt Rocco mindestens genauso viel daran wie dir, dass Silberstern gut betreut wird. Wer weiß, wo er jetzt leben müsste, wenn es nach der Zimtzicke Reifenbach gegangen wäre!“

Carolin seufzte tief. „Du hast ja Recht.“

„Apropos“, meinte Lina und schaukelte auf ihrem Stuhl hin und her. „Ist Ferdi immer noch in Berlin?“

Carolin nickte. Ferdinand Reifenbach war ihr Freund. Eigentlich lebte er in Berlin, war aber vor längerer Zeit ins Ferienhaus nach Lindenhain gezogen und besuchte eine Privatschule in Grünstadt. Seine Sommerferien hatten bereits vor zwei Wochen angefangen.

„Noch ’ne ganze Weile“, seufzte sie.

Lina sah Carolin mitleidig an. „Du vermisst ihn, oder? Ich fänd’s auch doof, wenn Thorben wegfahren würde.“ Thorben Sander, der Sohn von Lilienthals Tierarzt, war Linas Freund.

„Klar“, stimmte Carolin ihr zu. „Aber umso schöner ist es, wenn wir uns wiedersehen.“

„Bitte schön, Erdbeer-Sahne für die Damen.“ Rocco kam mit zwei Eistüten aus seinem Wohnwagen, nahm wieder auf seinem Stuhl Platz und wartete auf Franco Leoni. „Von dem verspreche ich mir einiges“, erklärte Rocco.

Zumindest äußerlich wirkte Franco wie ein echter Artist. Er hatte schulterlange dunkelblonde Haare, trug eine schwarze Lederhose mit Fransen und ein schwarzes ärmelloses Shirt, das seine muskulösen Arme zeigte. Er stellte sich vor Rocco hin und stemmte die Hände in die Hüften.

Rocco nickte ihm wohlwollend zu.

„Ich hab gehört, du suchst ’nen akrobatischen Reiter“, begann Franco.

Rocco schmunzelte. „Hast du’s denn drauf?“

„Eigentlich ist mir das hier ja viel zu popelig, weiß du. Ich bin die großen Manegen der Welt gewöhnt. Zürich, Paris, London, das ist so eher mein Ding.“

„Lilienthal ist auch nicht übel“, erwiderte Rocco und grinste.

Franco nickte versonnen. „Halt nur megamäßig unter meinem Niveau, weißt du.“

„Versteh ich gut“, sagte Rocco trocken. „Dann brauchen wir ja gar nicht weiterzureden.“

„Neeneenee, Moment!“, protestierte Franco und hob die Hand. „Nicht so fixe. Ich hab ja nicht gesagt, dass ich es mir nicht überlegen könnte, hier vielleicht doch mal reinzuschnuppern, verstehste.“

So ein arroganter Typ!, dachte Carolin und zerbröselte vor Wut ihre Eistüte. Was bildet der sich ein? Der reitet nicht auf Silberstern. Nur über meine Leiche!

„Reinschnuppern ...“, wiederholte Rocco.

„Logo! Ich könnt da ’nen richtig internationalen Touch in euren Provinzzirkus bringen. Mein Name muss dann groß auf das Plakat. Is ja logisch, verstehste!“

Rocco schlug die Beine übereinander und blickte auf seine Liste.

Franco streckte die Hände in die Luft und schrieb seinen Namen. „Ganz groß, am besten in Rot, das kommt immer gut. Zirkus ... wie heißt ihr noch mal? ... ach egal ... präsentiert Franco Leoni, den größten Akrobaten aller Zeiten ...“

„Ich fürchte, es wird nichts mit unserer Zusammenarbeit“, unterbrach ihn Rocco.

„Nee?“

„Wir können uns einen Star dieser Größenordnung nicht leisten“, erklärte Rocco ernst.

„So teuer bin ich gar nicht“, warf Franco rasch ein. „Da können wir uns bestimmt einigen. Da kommen wir bestimmt zusammen.“

Rocco stand auf und streckte ihm die Hand hin. „Es war mir ein Ehre, dich kennenzulernen. Aber ich will auch nicht, dass du dein Talent in der Provinz vergeudest. Das wäre doch zu schade.“

Franco kratzte sich am Kopf. „Na denn ...“

„Alles Gute für dich.“

Wortlos drehte sich Franco Leoni um und verschwand.

Rocco seufzte. „Wenn dieser Django Tango die gleiche Nullnummer ist, sehe ich schwarz.“

Carolin wischte sich mit der Hand die Eisspuren aus den Mundwinkeln. „Dann bleibt Silberstern eben auf Lindenhain“, rief sie triumphierend.

Rocco sah sie ernst an. „Liebend gern. Aber ich brauch Verstärkung für die Show, Caro. Bastiano und ich, wir haben gerade das Programm etwas umgestellt, und dafür ist eine Pferdeakrobatiknummer dringend notwendig.“

Wie auf ein Stichwort kam Bastiano angerauscht. Sebastiano Bastiano war Schwertschlucker, einer von Roccos ältesten Freunden und der Besitzer des klapprigsten Autos und der knolligsten Knollennase der Welt. „Hab ich da gerade eben meinen Namen gehört?“

Rocco zuckte die Schultern. „He, Bastiano, kannst du nicht schnell mal einen akrobatisch begabten Reiter aus dem Hut zaubern?“

Bastiano legte die Stirn in Falten. „Doch. Klar. Kann ich“, meinte er nach einer kurzen Pause. „Wenn’s weiter nichts ist.“