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1. Auflage

© 2011 beim Albrecht Knaus Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München

Gesetzt aus der Minion von
Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-05598-1
V002

www.knaus-verlag.de

Gewidmet allen Männern und Frauen,
die ihr Leben einsetzen.
Im Gedenken an jene,
die es verloren.

Eins

I’m not fighting for justice

I am not fighting for freedom

I am fighting for my life

And another day in the world here

»On the day after tomorrow«
Tom Waits & Kathleen Waits-Brennan

Weber_Farbnebel_2.tif

36°74’ Nord – 68°98’ Ost

Sie waren auf der LOC Pluto in westlicher Richtung unterwegs, nach vierzehn Tagen draußen. Eine der ewig gleichen Routen. Wann sie welche Route fuhren, folgte dem Zufallsprinzip, damit die Taliban ihnen nicht nach Fahrplan auflauern konnten. Die sollten wenigstens ein bisschen Zeit mit Aufklärung verschwenden müssen. Die deutschen Patrouillen klapperten regelmäßig in allen Himmelsrichtungen die Dörfer ab. Kontakt zur Bevölkerung suchen, reden, Tee trinken, rausfinden, wo der Schuh drückt, und dabei Präsenz zeigen. Informationen einholen, Hinweisen nachgehen und nach Lage auch eingreifen. »Salaam Alman!«, »Alman guud!«. Soweit die Theorie. Die ersten Jahre über war es auch so gelaufen. Die Leute mochten sie, die Alman, die Deutschen, das war im Grunde immer noch so. Mehr jedenfalls als die Amis oder auch die Tommys im Süden. Sie wurden noch um Hilfe gebeten, man erzählte ihnen manchmal, wo sich Verdächtige rumtrieben, wie viele man gesehen hatte und wie sie bewaffnet waren. Aber wenn sie dann dort hinkamen, hatte irgendjemand die Drecksäcke jedes Mal schon gewarnt. Sie waren wie vom Staub verschluckt, wie in den Fels gefahren. Es gab keine Überraschungen mehr für die Bartheinis. Aber für die Bundeswehr immer mehr davon. Überall gut getarnte Sprengfallen mit hoher Wirkung, Suicider an jeder zweiten Ecke. Oft gab es schwere und schwerste Verletzungen selbst bei den in gepanzerten Fahrzeugen sitzenden Soldaten, allein weil sie durch die Ansprengungen so heftig herumgeschleudert wurden.

Auch taktisch einwandfrei gelegte Hinterhalte, präzise geführte Attacken, diszipliniert durchgehaltene Feuergefechte über Stunden gehörten jetzt zum Programm.

Das alles hatte es jahrelang nur im Süden und Südosten gegeben, bei den Amis und den Briten. Aber vor einiger Zeit waren französische Fallschirmjäger östlich von Kabul dreizehn Stunden im Sand festgenagelt worden. Und die Paras waren keine Weicheier, die hatten richtig Zunder gegeben, Granaten, Mörser, alles, was sie hatten. Am Abend waren sie praktisch ausgeschossen und mussten beten, dass die Wichser das nicht merkten. Die alarmierte Unterstützung geriet auf den beiden einzig möglichen Wegen zum Gefechtsfeld dann auch noch in Hinterhalte, alles bestens vorbereitet. Die Franzosen riefen Close Air Support, und da kam es, wie es ja meistens kommt. Ziele zu klein, Freund und Feind zu nah beieinander, mindestens zwei Mann starben durch den eigenen Luftangriff, Gesamtbilanz des Gefechts: zehn Tote und Dutzende Verwundete. Danach ging es auch im Norden los. Chahar Darreh, die Höhen 431 und 432.

Das Schlimmste an der Sache war die Erkenntnis, dass die Taliban es mit ihren Angriffen absolut ernst meinten. Die wollten sie tot sehen. Kein »hit and run«, nein, hit and hit and hit again, till you go down, motherfucker.

Das war voraussichtlich die letzte Patrouille seiner Kompanie vor der Heimreise. Und sie war ganz überraschend verlaufen: kein Schuss war gefallen, nichts explodiert. Sie hatten tatsächlich Tee getrunken, Kontakt zur Bevölkerung gehalten, Informationen eingeholt und ganz in Ruhe außerhalb der Dörfer biwakiert, zweimal sogar recht bequem in Polizeistationen der ANP. Jetzt rollte der Konvoi Richtung Feldlager, er saß mit GPS und Karte beschäftigt im ersten Fahrzeug.

Vor sieben Jahren war er zum ersten Mal hier gewesen, als Oberfähnrich. Da fühlten sie sich wie die Amis 1944 in Frankreich. Alle Afghanen waren froh, sie zu sehen, sie waren Helden, Befreier mit der goldenen Zukunft im Kampfgepäck. Patrouille fuhren sie ohne Schutzweste und Helm, nur das bordeauxrote Barett auf dem Kopf, das ihn so stolz machte. Stürzender Adler auf rotem Barett.

Fallschirmjäger. Elite. Scheiße.

Keine Ahnung hatte er gehabt, ein Bubi war er damals. Er hatte sich so schnell wie möglich wieder zum Einsatz gemeldet.

Bei der zweiten Tour war er Zugführer, frisch befördert zum Leutnant. Französischer Kommandolehrgang in Mont-Louis, Einzelkämpferlehrgang eins und zwei in Altenstadt, wieder einsatzvorbereitende Ausbildung. Er fühlte sich gut vorbereitet. Bis zu der Explosion auf dem Marktplatz.

Darauf kann einen keiner vorbereiten.

Das kann man nicht lernen.

Der Kopf von dem alten Afghanen, der ihm gegen die Brust geflogen war, der junge Obergefreite mit den abgerissenen Beinen, die Frau in der brennenden Burka, die einfach nur dastand, die Arme nach vorn gestreckt, und verbrannte. Taub von dem Knall, blutige Stücke im Staub auf seinem Gesicht, hatte er zuerst den verwundeten Kameraden in Deckung gezogen und danach nahende Rettungskräfte mit Handzeichen eingewiesen. Dann setzte er sich neben den hysterisch kreischenden Obergefreiten, zog ihn zu sich und streichelte sein Gesicht. Der beruhigte sich tatsächlich, ließ seinen Kopf schwer in seinen Schoß sinken, und die Arme hörten auf, um sich zu schlagen. Wahnsinn, er war ein Heiler! Wenn er die Stümpfe streichelte, würden dem Jungen die Beine nachwachsen. Er lachte laut und weinte vor Glück, und dann sah er, dass der Idiot tot war. Arschloch. Wichser. Er schlug mit der Faust in das blöde Gesicht, die Nase brach, das rechte Jochbein. Zack. Mit beiden Fäusten trommelte er auf den Jungen ein, bis er plötzlich eingequetscht wurde; ein Mann lag auf ihm, und er sah weiße Zähne direkt vor seiner Nase. Von hinten hielt ihn auch einer umfasst, unter seinen Armen durch hatte der seine Handgelenke in eisernem Griff. Etwas Buntes geriet in seinen Blick, was war das denn, die Welt war doch grau? Ein Wort plötzlich: Flagge.

Das Bunte war eine Flagge auf dem Ärmel des fremden Kampfanzugs, er kannte die Flagge, aber es fiel ihm nicht ein, zu welchem Land sie gehörte. Irgendwas Kaltes, viel angenehmer als die Scheißhitze hier, Schnee, eisblauer Himmel und Tannen. Er schmeckte Schnaps auf der Zunge, au fein, das wär jetzt was. Er versuchte sich umzusehen, gar nicht so einfach, die waren ganz schön stark, die Kerle mit der fremden Flagge. Wenn das alles hier aufgeräumt war, musste er unbedingt ins Reisebüro gehen, die Flagge auf ein Papier malen, und dann würde ihm der freundliche Angestellte sagen, wie das Land zur Flagge hieß, und er würde einen Urlaub dort buchen. Hinfliegen.

Er flog ja schon. Schultern und Füße hingen an was dran, sein Hintern schwebte frei im Wind. Dann lag er in einem Wagen, einer der Männer hielt seine Schultern noch, aber viel lockerer als vorher. Er selbst war jetzt auch lockerer, er freute sich auf den Urlaub. Pieks im Arm. Der Herr Doktor, aha. Da fiel ihm ein, dass er immer schon so schlecht gemalt hatte, und er griff nach der Flagge. Ob er die wohl mitnehmen dürfte, fürs Reisebüro? Es gab ein ziemliches Gezerre, und er spürte, wie schwach er war, ja, er brauchte wirklich dringend Urlaub, aber der Herr Doktor war nett. Er schnippelte die Flagge von einer Jacke ab, die im Wagen hing, und gab sie ihm. Er hielt sie fest in der geschlossenen Faust, der Herr Doktor wusch ihm das Gesicht, und kurz vor dem Einschlafen war es ihm doch noch eingefallen: Norwegen. Schön.

Natürlich hatten sie ihn zwei Wochen später nach Hause geflogen. Gefahr einer posttraumatischen Belastungsstörung. Einen Namen musste das Kind ja haben. Er hatte eigentlich nichts gegen Psychoonkels. Wenn man krank war, musste man eben zum Arzt. Aber er war nicht krank. Er war im Krieg gewesen, fertig. Ein Soldat musste damit zurechtkommen. Er machte eine Kur und ein paar Sitzungen beim Truppenpsychologen, weil man ohne das alles nicht so bald wieder in den Einsatz gehen durfte, und dann meldete er sich wieder. Es gab Krach mit seiner damaligen Freundin, er trennte sich von ihr. Dann lernte er Charlie kennen und erzählte einfach nichts von dem Marktplatz, also gab’s auch keine Probleme. Nach einem Jahr zogen sie zusammen, und knapp zehn Monate später war er in Köln-Wahn ein weiteres Mal in die Maschine nach Termez gestiegen.

Der Oktober war in Afghanistan ein guter Monat. Die Sommerhitze von bis zu fünfzig Grad Celsius war endlich vorbei. Der Shomal, der »Wind der 120 Tage«, der von Mai bis September den ganzen verdammten Staub Asiens in ihre Gesichter fauchte, unter die Bristol-Schutzweste und in die unzähligen Taschen mit Ausrüstung, der die Waffen verdreckte und den Zieloptiken zusetzte, die ihnen aber sowieso nichts halfen, weil man bei diesem Staubsturm oft bloß noch einen halben Meter weit gucken konnte; dieser verschissene Wind kam im Oktober garantiert nicht mehr in diese Gegend. Und der Winter mit Temperaturen bis zu zwanzig Grad unter Null war noch weit weg. Ja, hier war der Oktober ein richtig schöner Monat.

Alles eine Frage der Perspektive.

Zu Hause hasste er den Oktober. Im Oktober war der deutsche Sommer definitiv zu Ende, dann war Schluss mit Schwimmen und Surfen am Sonntag und seinen Händen auf Charlies flachem Bauch, die samtig gespannte Haut noch warm von einem ganzen Tag am See. Das war ihr Deal: Samstags fuhr Charlie mit ihm ausgedehnte Biketouren in der Umgebung, dafür chillten sie sonntags am Wasser.

Er brauchte viel Bewegung, nicht nur das Training, zu dem er dienstlich verpflichtet war, nicht nur die zusätzlichen Einheiten, zu denen er sich zwang, weil Disziplin und die Fähigkeit, sich zu quälen, wichtig für ihn waren, ja lebenswichtig sein konnten in seinem Job, sondern auch spielerische Bewegung, das Ausprobieren. Er lernte leidenschaftlich gerne neue Sportarten, am liebsten solche, bei denen man mit einem Sportgerät die Elemente meistern musste. Einfach so dazusitzen, fiel ihm unendlich schwer. Auf Menschen, die ihn nicht gut kannten, wirkte er ruhig und ausgeglichen. Aber das war er nur, weil er sich körperlich völlig auslastete.

Obwohl er also dienstlich ohnehin an drei Morgen die Woche mindestens eine Stunde joggte und an zwei bis drei Nachmittagen Krafttraining machte, musste er Samstag und Sonntag noch mal raus. Während des ganzen Jahres. Samstags lief er morgens fünfzehn Kilometer in hohem Tempo, Schnitt drei Minuten auf tausend Meter. Nach dem Frühstück brach er dann mit Charlie und gelegentlich noch ein paar Bekannten mit den Rädern auf und war am Abend dann ausgepowert genug, um die Kneipe mit Charlies Clique auszuhalten. Es war definitiv Charlies Clique und nicht seine. Sie waren okay, ja, aber er konnte nicht viel anfangen mit ihren Themen: Fernsehserien, Musik, der nächste Urlaub, wann sie Kinder kriegen wollten, wie doof ihre Chefs sind. Sein Beruf war anders, er hatte vieles gesehen, was für seine Altersgenossen unvorstellbar war, und sie wollten auch, dass das so blieb. Es war ihm einerseits recht, nicht darüber zu reden, andererseits geriet er dadurch oft ins Abseits. Ab Mitternacht drängte er meist zum Aufbruch, was bestenfalls zu hochgezogenen Brauen in der Clique führte, manchmal aber auch zu blöden Bemerkungen, die er zu ignorieren versuchte, er wollte einfach ins Bett.

An jedem Sonntag begann er seinen Lauf im Dunkeln, im Winter spätestens um sechs Uhr, und dann trug er statt der Laufschuhe die Kampfstiefel an den Füßen und einen Zwanzig-Kilo-Rucksack auf dem Rücken. Er lief in ruhigem, absolut gleichmäßigem Tempo genau zwei Stunden lang. Danach duschte er kurz heiß und lange kalt und weckte Charlie mit Kaffee. Im Sommer vögelten sie dann eigentlich immer, und nach dem Frühstück ging es zum See. Dort blieben sie den ganzen Tag. Bekannte kamen dazu, sie quatschten, und wenn es ihm zu viel wurde, ging er einfach ins Wasser, schwimmen, surfen. Der eine oder andere machte mit, und so entstand zumindest der Eindruck, er sei Teil des Sonntagsvergnügens, und der Tag glänzte träge in milder Harmonie.

Gegen Abend blieben er und Charlie allein zurück, und wenn die Sonne unterging, lagen sie einfach so da, er hinter Charlie, die Arme hatte er um ihre Hüften geschlungen, eine Hand auf ihrem Bauch. Und sie redeten kein Wort, er atmete in ihren Rücken, Charlie in seine Handfläche, das Blut strömte ganz warm und schwer in sein Geschlecht und ließ es hart gegen Charlies Körper drücken. Diese Spannung kosteten sie beide intensiv aus. Keiner von beiden versuchte weiter zu gehen, es waren ja auch meist noch Leute da. Ihr Atem ging synchron und immer tiefer, dann wurde er schneller, flacher, und Charlie bewegte ihre Hüften langsam und in kleinen Schwüngen hin und her, grub ihren Po in seinen Schoß, bis er kam. Ab und zu, wenn sie wirklich allein am Ufer lagen, schlüpfte er auch in sie hinein, und sie ließen sich auf der Welle treiben, träge und erst gegen Ende leicht beschleunigend, bis Charlie die Hand auf seinen Hintern legte und ihn zum Innehalten brachte.

Und im Oktober war dann Schluss damit für lange Zeit.

Die Radtouren machte Charlie noch eine Weile mit, dann wurde es ihr zu kalt und zu ungemütlich. In dieser Zeit war ihr nur nach Kuscheln zu Hause, nach Fernsehen, Kino oder Kneipe. Er konnte das alles bloß genießen, wenn er müde war vom Training und von der Disziplin, die er dafür aufbringen musste. Den Schweinehund überwinden, das war wichtig, immer und immer wieder. Wenn er weich wurde, sich selber nachgab, konnte das ihn und seine Kameraden irgendwann in Lebensgefahr bringen. Er hatte Verantwortung, er war Offizier. Charlie sah nur das gute Einkommen, die Sicherheit und genoss seine Stärke, seinen Schutz. Nicht viele Männer konnten ihre Frau wirklich beschützen, wenn es darauf ankam. Charlie liebte seinen muskulösen, sehnigen Körper, wollte aber nicht einsehen, dass der trainiert werden musste, täglich und unerbittlich. Und dass es eben nicht um eine nett anzusehende Hülle ging, ein Sixpack aus dem Fitnessstudio, sondern um die Fähigkeit zu kämpfen, zu leiden, Schmerzen zu ertragen, Erschöpfung zu ignorieren. Also radelte er über Monate allein samstags durch die Umgebung, danach war Kneipe oder Kino erträglich und Charlie zufrieden. Aber der Sonntag wurde ab Oktober zum Problem. Mit Sex nach seinem frühen Gepäcklauf konnte der Tag noch harmonisch werden, aber wenn Charlie nicht danach war, gab es todsicher Diskussionen über die Tagesgestaltung, die entweder im Streit endeten oder damit, dass er versuchte, sich ihren Wünschen anzupassen, dann aber von Stunde zu Stunde ein immer genervteres Gesicht zog, sodass es spätestens abends zwischen ihnen krachte. Aus diesem Teufelskreis kamen sie nie raus. Scheißoktober.

Seine dritte ISAF-Tour neigte sich nun also dem Ende zu. In zweieinhalb Wochen würde er sich wieder mit Debriefings, Papierkram und Untersuchungen im Sanbereich herumschlagen. Und mit dem Versuch, sich wieder an Charlie, die Clique und ein Zivilleben voller Dinge, die ihn im Grunde nicht interessierten, zu gewöhnen. Wenn es so weiterlief, waren sie in fünf Stunden im Feldlager Kunduz. Zur besten Kaffeezeit, sie würden die glückliche Heimkehr mit Streuselkuchen feiern können. Da tippte ihm der Fahrer auf den Arm und zeigte Richtung ein Uhr. Er schaute durch sein Fernglas. Ein kleiner Junge stand in etwa vierhundert Metern Entfernung neben einem auf dem Rücken liegenden Mann.

Die Befehlslage für solche Situationen war eindeutig: durchstoßen, nicht anhalten. Aber es handelte sich um ein Kind, bis auf den liegenden Mann völlig allein im Nichts.

Er nahm per Funk Kontakt mit dem Kompaniechef auf; der befahl nach sekundenkurzem Nachdenken Anhalten und Aufklärung zu Fuß. Nach dem Stoppen saß der Oberfeldwebel, der den Dingo kommandierte, mit einem Hauptgefreiten als Sicherer ab und umrundete das Fahrzeug zur IED-Erkennung. Dasselbe passierte zeitgleich bei allen Konvoifahrzeugen. Danach saßen alle Soldaten der Kompanie, außer den Fahrern und den Bedieneren der Schwerpunktwaffen, ab und gingen in dreihundertsechzig Grad um die gestoppte Kolonne in Stellung. Das war das Standardverfahren. Er schaute dem Oberfeldwebel und dem Hauptgefreiten nach, die jetzt langsam die noch rund hundert Meter zu dem Jungen gingen. Das umliegende Gelände war gut zu übersehen, menschenleer.

Trotzdem.

Er hatte kein gutes Gefühl.

1

Im Traum saß Bomber am Steuer eines geräumigen und sanft brummend dahinrollenden Kombis, neben ihm eine Frau, auf dem Rücksitz ein Kind. Sein Sohn, Kevin, das wusste er instinktiv, obwohl er sich in dem Traum nicht umdrehen konnte. Er konnte noch nicht mal zur Seite gucken, nur nach vorne, also sah er auch die Frau nicht. Aber ebenso wie er wusste, dass das Kind auf dem Rücksitz Kevin war, wusste er, dass da neben ihm nicht seine Frau saß. Seine Exfrau, genau genommen, auch wenn sie noch verheiratet waren. Der träumende Bomber gluckste bitter, aber der Bomber im Wagen schaute gelassen nach vorne, auf eine graue Straße, die sich durch grünes Land ins Unendliche zog. Es war gleichgültig, wer diese Frau war, sie war bei ihm, sie stellte keine Fragen, und auf dem Rücksitz saß sein Sohn, das war das Wichtigste. Er fuhr mit seinem Jungen Auto, irgendwohin.

»Kann ich Kaugummi, Papa?« Kevin kaute im Auto immer Kaugummi, sonst wurde ihm schlecht.

»Klar, mein Junge.« Bomber griff ohne hinzusehen in die Ablage unter dem Radio. Dabei gerieten Daumen und Zeigefinger in etwas Heißes, und Bombers Hand zuckte zurück. Verdammt, das musste der Kaffee sein, war da kein Deckel auf dem Becher? Doch der Schmerz ließ nicht nach, im Gegenteil, er wurde stärker. Bomber hielt sich die Finger vors Gesicht und sah, dass sie in einem überdimensionierten Zigarettenanzünder steckten. Er versuchte, das Teil abzuschütteln, presste die Finger zusammen, damit sie nicht mehr festklemmten, aber anscheinend hatte die Hitze die Haut geschmolzen, alles zusammengeklebt. Scheiße. Er presste und schüttelte und lenkte dabei mit einer Hand. Der Wagen geriet ins Schlingern, Bomber glich hektisch aus, der Wagen schlingerte in die andere Richtung, schleuderte.

»Papaaaaaa!«

Bomber rutschte aus dem Autositz.

Im Fallen erwachte er, sein Rücken schrammte an der Kante des Rollstuhls entlang, die Beinstümpfe schlugen heftig gegen die Strebe zwischen den Tischbeinen, und als der Hinterkopf am Rand der Sitzfläche angekommen war, schlug plötzlich das Kinn auf der Brust auf. Bomber biss sich auf die Zunge, und dann schlitterte der Rollstuhl nach hinten weg. Sein Schädel explodierte schier beim Auftreffen auf dem Boden; einen Moment lag Bomber benommen da. Der Schlag hatte alle Luft aus ihm gepresst, die Zunge schien auf Badeschwammgröße anzuschwellen. Als er nach Luft schnappte, brannten seine Lungen lichterloh, und der Traum von Kevin war weg, Gott sei Dank auch die Panik am Ende; dafür war da wieder die staubige Straße in Scheißafghanistan und der heulende Junge und sein toter Vater daneben und die Zünder in den schweißnassen Kinderhänden. Die Reste seiner Beine begannen unkontrolliert zu zucken, seine Brust wollte sich zum Einatmen weiten, doch die Lungen brannten noch, und er fürchtete sich vor dem Einströmen der Luft. Aber er musste atmen!

Also schlug er sich mit den Händen flach ins Gesicht, formte Fäuste, trommelte sich auf die Brust, und dann brach der Damm, und Bomber hyperventilierte fast, so schnell atmete er ein und aus. Er wimmerte. Mit einem langen Kreischen fand er den Weg zurück aus dem Krieg in seine Wohnung; seine Brust hob und senkte sich, nicht mehr wie ein Motorkolben unter Volllast, puckerte langsamer, der Hub verkleinerte sich und seine Beine kamen wieder zur Ruhe.

Er blieb einen Moment liegen, der ganze Körper schmerzte, sein Kopf war leer, das Gesicht von eiskaltem Schweiß überströmt, die Augen zu. Er wollte erst sicher sein, dass auch bei geschlossenen Augen der Krieg weg war.

Jetzt. Ging. Es.

Als er die Augen öffnete, platzte die Haut auf seiner linken Brust unter einem Schlag. Im selben Augenblick breitete sich ein rot glühender Schmerz in seinem Herzen aus, so entsetzlich, dass das Grauen ihm den Atem in den Mund zurückstopfte und seine Augen weit auftrieb. Er sah einen Mann mit einer Sturmhaube über sich, Schweiß tropfte aus dem Oval, das die Maske im Gesicht des Mannes freiließ. Bevor er Luft holen konnte, presste der Angreifer eine Hand auf Bombers Mund und fixierte so seinen Kopf, schwang sich auf Bombers Bauch und klemmte mit seinen Knien Bombers Arme an dessen Rumpf. Er war stark, und seit dem Schlag auf die Brust und dem Herzschmerz, der gar nicht mehr aufhörte, schwand Bombers Kraft in rasender Geschwindigkeit. Er versuchte, sich aufzubäumen, den Mann abzuwerfen, sich unter ihm herauszuwinden, dabei war ihm völlig klar, dass er keine Chance hatte. Bomber war lange Soldat gewesen, er konnte kämpfen, selbst ohne Beine war er noch ein hartes Schwein, aber wenn er im Krieg eines gelernt hatte, dann war es das, zu wissen, wann es vorbei ist.

Er sah dem Mann, der ihn tötete, in die Augen. Er wollte sehen, was der dabei empfand, auch wenn das am Ergebnis nichts ändern würde. Aber sein Blick konnte nichts mehr festhalten, alles entglitt ihm, verschwamm. Bomber schloss die Lider. Das war ein guter Entschluss, denn sofort kam Kevin und sah ihn an. Und auch seine Frau. Sie waren wieder zusammen.

Alles war gut.

Bomber weinte.

Alles war gut.

Er war schon tot, als der Angreifer das Messer ganz aus seiner Brust zog.

Der Mann mit der Sturmhaube atmete schwer. Bombers Kopf war plötzlich zur Seite gerutscht, die Lider hatten sich geöffnet.

Vorsichtig lockerte er den Druck seiner Beine auf Bombers Arme. Nichts. Er atmete ein paarmal langsam und tief, um die Pulsfrequenz zu senken. Das Aufstehen fiel ihm schwer, er strauchelte, als er den rechten Fuß über die Leiche hob. Mit zwei schnellen Schritten fing er sich ab und lehnte sich dann erschöpft gegen den Türrahmen. Einen Moment lang stand er so da. Ließ die Arme hängen, den Kopf, lockerte die Verkrampfungen des Nackens und seiner Armmuskulatur.

Er ärgerte sich. Über zwei Stunden hatte er in dem muffigen Einbauschrank gekauert. Den Qualm eingeatmet, erst von Zigaretten, dann von dem Joint, ohne zu husten. Den Pornosound und Bombers Stöhnen beim Wichsen ertragen. Nachdem eine Weile außer der PC-Kühlung nichts mehr zu hören gewesen war, hatte er sehr vorsichtig die Schranktür einen winzigen Spalt geöffnet. Bombers Kopf hatte nach hinten über die Lehne des Rollstuhls gehangen, die Augen geschlossen. Die Scharniere der Schranktür würden kein Geräusch machen – das hatte er ausprobiert, bevor Bomber nach Hause gekommen war –, also hatte er die Türen ganz geöffnet, war aber zunächst im Schrank geblieben, um den Schlafenden zu beobachten. Zwei, drei Minuten waren vergangen, Bomber hatte sich überhaupt nicht gerührt. Er war aus dem Schrank geschlüpft, hatte vorsichtig seine Beine gestreckt und die Gelenke gelockert, immer den Schlafenden im Blick. Das Kampfmesser hatte stoßbereit in seiner Rechten gelegen seit er in den Schrank gekrochen war. Mit einem gleitenden Schritt war er neben den Rollstuhl gelangt.

Bombers Augäpfel bewegten sich wild hinter den Lidern. Er hatte das Messer zum Stoß angesetzt und konnte den Entschluss kalt in seiner Brust spüren, es war, als ob er Eis atmete. Gleichzeitig legte sich eine dämpfende Schicht um seinen Kopf, ließ ihn nichts mehr hören außer dem Rauschen des Blutes in seinen Ohren. Der Moment war da.

Und genau in diesem Augenblick war Bombers Rechte nach oben gezuckt und der ganze Körper in dem Rollstuhl in Aufruhr geraten. Bomber hatte plötzlich mit beiden Händen in der Luft hantiert, als fassten sie ein Lenkrad, und war dann mit einem unartikulierten Laut zu Boden gerutscht. Ihm war nichts übrig geblieben als sich einfach wegzuducken, der Schreck hatte ihn eine Sekunde zu lange gelähmt, und jetzt war die Situation grundlegend verändert, Bomber war wach geworden.

Es war die richtige Entscheidung gewesen, nicht einfach loszustürmen, das hielt er sich im Nachhinein zugute, und immerhin hatte er schnell genug begriffen, dass das Überraschungsmoment noch nicht wirklich verloren war: Bomber war zwar wach, aber er hatte keine Ahnung, dass er nicht allein war. Er lag auf dem Rücken, und seine Beinstümpfe zuckten wie wild, er schlug sich ins Gesicht, dann trommelte er auf seiner Brust herum.

In diesem Augenblick hatte er an den alten Bomber denken müssen, den Bomber mit Beinen. Musste auch jetzt wieder an ihn denken, jetzt, wo endgültig Schluss war mit Bomber Rems. Obwohl, eines musste man ihm lassen, er hatte nicht rumgejammert, nahm es wie ein Mann: das mit den Beinen damals und seinen Tod jetzt. Die Augen. Als ob Bomber einverstanden war. Oder?

Grübeln brachte nichts, es war unumgänglich gewesen. Bomber hatte sterben müssen.

Der Mann, der Bomber Rems getötet hatte, hob den Kopf, löste sich vom Türrahmen und sah sich um. Was für eine Drecksbude. Auf dem PC-Bildschirm ein Standbild. Eine Frau erstickte beinahe an einem riesigen Schwanz, Sperma quoll aus ihren zum Platzen gespannten Lippen. Er klickte mit der Maus die Site weg. Dann schaute er sich den toten Bomber in Ruhe an. Er trug eine graue Boxershort mit Eingriff, sein Glied hing schlaff aus dem Schlitz. Im Sterben hatte er sich eingepisst und, wie es roch, auch eingeschissen. So war das halt. Zwischen Daumen und Zeigefinger von Bombers rechter Hand klebte der verglimmte Stummel eines Joints, die Fingerkuppen hatten Brandblasen. Das olivfarbene T-Shirt war blutdurchtränkt, auf den Ärmeln die deutsche Flagge, darunter wucherten auf beiden Armen Tätowierungen in Richtung der Handgelenke. Bombers Gesicht wollte der Mörder sich nicht mehr ansehen. Er hatte auch keine Zeit mehr. Hier war noch einiges zu tun.

Eine Stunde später schlüpfte der Mann in sauberer Kleidung, einen offenen Rucksack in der Hand, aus der Wohnungstür in den dunklen Flur des Hochhauses. Es war ganz still. Er schloss die Tür leise, strich mit der linken Hand über Türschloss und Knauf, anschließend zog er vorsichtig einen dünnen Gummihandschuh ab und verstaute ihn im Rucksack. Ohne Hast, aber zügig und nahezu geräuschlos verließ er das Haus und verschwand in der Nacht.

2

Grewe! Fischbrötchen um die Uhrzeit, eklig!« Mit Daumen und Zeigefinger hielt sich Therese Svoboda die Nase zu, während sie mit dem linken Stiefelabsatz die Bürotür zutrat. Auf dem rechten Unterarm balancierte sie das Tablett mit zwei Schokocroissants und zwei Milchkaffee.

»Das ist ein vernünftiges Frühstück.« Sie stellte das Tablett ab, nahm einen Teller und einen Kaffee, stellte beides auf den Schreibtisch ihres Kollegen Kurt Grewe, danach bediente sie sich selbst.

»Seit wann esse ich Schokocroissant?«, fragte Grewe, und dabei flogen winzige Brötchensplitter gegen die Fensterscheibe. Draußen tanzten Schneeflocken im Wind, der Himmel war grau. Aber den Blick aus dem Bürofenster liebte Grewe bei jedem Wetter. Man schaute auf den wunderschön umbauten Garnisonsplatz, eine Anlage aus der ersten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts. Der Platz war großzügig bemessen, schließlich wollte der seinerzeit hier residierende Landgraf dort wöchentlich das große Antreten seiner beiden Regimenter, eines mit Grenadieren, eines mit Dragonern, betrachten. Allerdings war er diese Regimenter und auch seinen schönen Thron bald los, weil er im ausgehenden Dreißigjährigen Krieg auf die falsche Koalition gesetzt hatte.

»Grewe, du isst alles. So sieht’s aus.«

»Na, dann kann ich ja wohl auch Fischbrötchen frühstücken.«

Grewe versuchte, einen plötzlich sich vom Brötchen lösenden Klecks Remoulade aufzufangen, sorgte aber mit der schnellen Handbewegung nur dafür, dass der Klecks sich größtmöglich ausbreitete, und zwar mitten auf seiner Krawatte.

»Ach, Scheiße! Und das war schon die Ersatzkrawatte! Stina musste heute ganz früh los, und ich hab die Kinder gerade mal so pünktlich zum Schulbus gekriegt. Hab ich gedacht, ich spar Zeit und nehm die Krawatte aus dem Schreibtisch …«

»Du wirst ja wohl mal einen Tag ohne Krawatte Dienst machen können, du Rentner.«

Therese schnaubte, aber sie kannte Grewe schon lange. Er war zwanghaft in solchen Dingen.

»Ich könnte in der Frühstückspause schnell zu Bunsen & Haider rüber, eh nicht schlecht, lass ich eine Mahlzeit aus.«

Bei diesem Satz schaute er Therese an und ließ ihn auch ein bisschen wie eine Frage klingen, aber Therese antwortete nicht. Sie wusste, er hatte mit seinem inneren Verfassungsrichter verhandelt, wie sie die Quelle seiner Zwänge nannte. Natürlich würde Grewe Punkt neun Uhr fünfundfünfzig die Polizeidirektion verlassen, den Garnisonsplatz überqueren, bei Bunsen & Haider eine Viertelstunde brauchen, um die Krawatte auszusuchen und von der Entscheidung sowie deren Bedauern unmittelbar nach Verlassen des Herrenausstatters so erschöpft sein, dass er essen musste. Rund um den Garnisonsplatz zog sich eine Kette aus glühbirnenglitzernden Imbissen, und Grewe war überall Stammkunde. Dass er dabei nicht völlig aus dem Leim ging, verdankte er regelmäßigem Sport, ohne übertriebenen Ehrgeiz, und Stinas Konsequenz bei der häuslichen Ernährung. Grewe war ein kräftiger Mann mit Bauch, aber er konnte nicht fett genannt werden.

Als Akutmaßnahme nahm er die Krawatte ab und entfernte oberflächlich den Fleck am Bürowaschbecken.

Er setzte sich Therese gegenüber, sagte sehr warm: »Danke fürs Frühstück«, und biss seufzend in das Croissant. Dann verrührte er die geschäumte Milch übergründlich mit dem Kaffee und schlürfte das Getränk in schnellen kleinen Schlucken.

»Siehste. Einfach alles, Grewe.« Therese grinste.

»Das ist ja jetzt eine Notsituation. Ich bin in emotionalem Stress, so ohne Krawatte. Außerdem habe ich dich angelogen.« Grewe schaute Therese fest an. Sie hob eine Augenbraue.

»Dass die Kinder den Bus nur knapp erreicht haben.«

Der Satz blieb eine Weile hängen.

Therese lehnte sich vor und verschränkte die Arme auf dem Schreibtisch. Grewe blinzelte nicht.

»Okay, ich verzeihe dir welche Lüge auch immer, aber: Was ist passiert?«

Grewe holte Luft. »Die Kinder haben den Bus verpasst. Ich hab getrödelt. Und Stina brauchte das Auto heute, also konnte ich sie nicht fahren. Dann sollten sie sich ein Taxi nehmen, ist ja ein Sauwetter.«

»Und?«

»Ich hatte nur noch drei Euro einstecken. Da habe ich Klara gebeten, das Taxi auszulegen. Sie ist die Einzige in der Familie, die immer Geld hat.« Grewe schaute irgendwohin und schwieg.

»Ach Mann, jetzt erzähl fertig!«

Therese klackte mal wieder mit dem Locher. Grewes stockendes Erzählen machte sie immer ganz nervös, und sie musste dann gegen den überwältigenden Drang ankämpfen, über die beiden Schreibtische zu greifen, um den Kerl zu schütteln. Manchmal tagträumte sie sogar, dass sie einfach ihren Colt Detective Special .38 aus der Schublade zog, mit gestrecktem Arm auf Grewe zielte und mit dem Ausruf »Rede!« den Hahn spannte.

»Sie hat vor zwei Tagen ihre persönliche Traumsparmarke von fünfhundert Euro erreicht und eine kleine Plastiktüte voller Scheine und Münzen bei der Sparkasse gegen einen funkelnagelneuen Schein getauscht.«

Grewe zerdrückte den Rest des Croissants in der Hand, ohne es recht zu bemerken. Therese hielt den Atem an und den Blick starr auf Grewes Stirn gerichtet. Der schaute mit feuchtem Blick auf das Familienfoto, das direkt neben dem Computerbildschirm stand.

»Ich hab sie angeblafft. Sie hat geweint, dann hab ich gebrüllt.«

Therese merkte, dass etwas in ihrem Hals nach oben stieg. Grewe schnaufte, streckte die Hand nach dem Fotorahmen aus und zog die Luft scharf durch den offenen Mund ein.

Ein Zittern überfiel Therese. Grewes Blick zuckte in ihre Richtung.

»Ich hab … ihr das Geld weggenommen … alle drei nach unten getrieben, den Schein bei Oktay gewechselt«, hier konnte Grewe kurz nicht weitersprechen, »die Kinder dann ins Taxi gestopft und bin zur Arbeit gegangen. Deshalb Fischbrötchen.«

Therese warf Grewe einen Radiergummi an den Kopf.

»Du Monster!«, zischte sie.

Grewe nahm Bewurf und Beschimpfung mit verschleiertem Blick entgegen, Therese wusste, dass er jetzt am liebsten ein mittelalterlicher Büßer wäre, der auf Knien durch den Schnee zur Schule rutscht, um sich dort von seiner Tochter auspeitschen und dann in die Arme schließen zu lassen.

»Stina macht dich fertig«, stellte sie kalt fest, nachdem sie ihre Wut hinuntergeschluckt hatte.

»Nein. Das Schlimmste ist, dass Klara ihr nichts davon erzählen wird. Sie ist immer auf meiner Seite, egal, was ist.«

Therese nickte. Sie war schon öfter Zeuge von familiären Auseinandersetzungen der Grewes gewesen. Zwischen Klara und ihren Vater passte kein Blatt Papier. Nur er verletzte in Stresssituationen immer mal wieder die unbedingte Solidarität zwischen ihnen.

Typisch Erwachsener, dachte Therese, die vor dem Wechsel zur Polizei als Erzieherin gearbeitet hatte.

»Ich geh allein in die Abschlussbesprechung Fall Niggemeyer. Du tust, was ein Monster tun muss, klar? Und zur Strafe darfst du dir vorher keine Krawatte besorgen.«

Grewe schaute auf die Uhr. »Wenn ich ein Dienstfahrzeug kriege, schaff ich alles zur ersten großen Pause …«

Therese warf ihm die Schlüssel ihres Privatwagens zu.

»Ich stehe auf dem Parkplatz vom Chef. Sein Auto ist immer noch in der Werkstatt, er kommt mit dem Bus.«

Grewe schloss die Waffenschublade seines Schreibtischs auf und nahm das Lederholster mit der SIG Sauer P226 heraus, schlaufte den Gürtel aus, schob das Holster auf Höhe des Hüftknochens, schlaufte den Gürtel wieder ein und schloss ihn. Nachdem er sein Jackett übergezogen hatte, ging er auf den Kleiderständer zu, wo sein Wintermantel und der Schal hingen. Im Gehen vollführte er schnell mit dem linken Arm die fließende Bewegung zur Waffe, mit der er jedes Mal zuerst den Schoß des Jacketts nach hinten warf und dann die Hand um den Griff der Pistole schloss. Auf Thereses Gesicht erschien ein Lächeln, eines von der liebevollen Sorte.

Grewe nahm das Waffentragegebot für Polizeibeamte im Dienst sehr ernst und ging äußerst umsichtig und professionell mit dem tödlichen Gerät um. Das rührte von einer wirklich üblen Schießerei vor einigen Jahren her.

Danach hatte er Stina seinerzeit zu deren Entsetzen mitgeteilt, er würde zu Hause einen kleinen Tresor einbauen lassen, in dem er seine Waffe nach Dienstschluss einschließen konnte. Er wollte noch nicht mal mehr den Weg nach Hause oder von dort zum Dienst unbewaffnet hinter sich bringen.

»Wir haben Kinder, Grewe! Ich werde nicht zulassen, dass wir eine Schusswaffe im Haus haben.«

Sie stritten eine ganze Woche lang immer wieder darüber, da gab ein Gespräch Grewes mit Klara den Dingen eine Wendung.

»Papa, ich bin so glücklich, dass dir nichts passiert ist, und ich weiß, dass du ohne die Pistole nicht heil nach Hause gekommen wärst. Aber ich finde, wenn die immer in der Wohnung ist, dann ist das so, als ob du zu Hause Angst hättest, weißt du?«

»Ja, verstehe. Und?«

»Na, wenn du schon Angst zu Hause hast, was sollen denn dann wir sagen? Also Mama und Robert und Lotta. Und ich natürlich.«

Grewe schaute in die grünen Augen seiner älteren Tochter, die eine Mischung waren aus Stinas Augen und denen seiner Großmutter. Er schluckte.

Und damit war es entschieden. Nach Dienstschluss blieb die Waffe in der Polizeidirektion. In den ersten Wochen war das Grewe wirklich schwergefallen, er war wie gehetzt gewesen auf dem Weg von oder zur Arbeit, aber schließlich kam er wieder zur Ruhe und dachte insgeheim, dass seine Frau und vor allem seine Große ihm vielleicht ein festsitzendes Trauma erspart hatten.

Jetzt saß er in Thereses topgepflegtem Sportwagen und steuerte den Parkplatz der nächstgelegenen Sparkassenfiliale an. Dort zahlte er Oktays Scheine ein und hob einen nagelneuen Fünfhunderter ab. Dann kaufte er im Geschäft neben der Bank einen neuen Band aus Klaras Lieblingsbuchreihe und fuhr weiter zur Schule der Kinder.

Die sechsspurige Regimentsstraße zog sich durch die westliche City. Sie begann bei den Resten des früheren Schillingtors und endete am Garnisonsplatz. Nur knapp fünfzig Meter nach der heutigen Tramstation »Schillingtor« lag dann rechter Hand, Richtung City blickend, die Theodor-Körner-Kaserne, auf eben dem Areal, das zu Zeiten des glücklosen Landgrafen Friedrich jene beiden Regimenter beherbergt hatte, die der großen Straße den Namen gaben. Heute lagen dort der Stab und ein Bataillon einer Luftlandebrigade, in der die meisten Wehrdienstleistenden des Landkreises traditionell ihre Militärzeit zubrachten. Auch Grewe war Fallschirmjäger gewesen, was heute, gut zwanzig Jahre später, keiner mehr glauben wollte, deshalb redete er auch nicht darüber.

Das Gymnasium Friderizianum lag ebenfalls an der Regimentsstraße, es war nach einem Ururenkel des Friedrich benannt, der aus dem Niedergang des Vorfahren gelernt hatte und zeitlebens nur friedvollen Beschäftigungen nachging, wie beispielsweise Schulgründungen. Grewe parkte den roten Thereseflitzer auf dem Lehrerparkplatz, legte ein Schild mit dem Aufdruck »Polizei« gut sichtbar aufs Armaturenbrett – was natürlich keinerlei strafbefreiende Wirkung hatte, aber manchmal bewog es die Damen und Herren des Ordnungsamtes oder die eigentlich Parkberechtigten, von weiteren Schritten abzusehen.

Im Schulgebäude war es noch recht still, Grewe hörte undeutlich Lehrer hinter geschlossenen Türen reden. Er war plötzlich unsicher, ob die Pause nicht vielleicht gerade vorbei war, er hatte die Zeiten nicht so präzise im Kopf wie Stina. Grewe stieg die Treppe in den dritten Stock hoch, schritt zielstrebig auf die Tür des zweiten Klassenraums linker Hand zu und blieb daneben stehen. Genau in dem Augenblick schrillte die Pausenklingel, und Grewe spürte Erleichterung und Zufriedenheit. Und im gleichen Moment riss ein Schüler die Tür von innen auf, und Grewe guckte auf den Kragen einer Snowboardjacke, wie Robert sie sich sehnlich wünschte; er hatte sie Grewe vor einigen Tagen in einem Schaufenster gezeigt. Um das Gesicht zu sehen, musste Grewe aufschauen. Dieser Einsneunzig-Schlaks konnte doch kein Klassenkamerad der Zwillinge sein. Der hatte ja sogar schon einen spärlichen Kinnbart.

»Scheiße!«, entfuhr es Grewe.

Er stand natürlich vor dem falschen Raum, und jetzt strömten die gut achthundert Schüler des Friderizianums unter lautem Gejohle und Gequatsche auf allen Fluren in die große Pause. Er würde Klara niemals finden. Aber als er sie neulich wegen Übelkeit abgeholt hatte, war das doch hier gewesen? Grewe schob sich dem Schülerstrom entgegen, um einen Blick in den Raum zu werfen. Eindeutig ein Labor. Chemie oder Bio oder sonst was, wovon Grewe noch nie Ahnung gehabt hatte.

»Herr Grewe, kann ich Ihnen helfen?«

Grewe zuckte leicht zusammen, dann erkannte er denselben Lehrer, der am bewussten Tag auch Klara hier unterrichtet hatte.

»Äh, Klara.«

»Ja?« Der Mann im weißen Kittel schaute Grewe freundlich an.

»Ich will Klara etwas geben, also …«

Warum litt er immer wieder unter dieser eigenartigen Kommunikationsverstopfung? Er wusste, dass das seine Familie und die Kollegen wahnsinnig machte. Dabei war Grewe kein Schweiger im üblichen Sinn. Er konnte eloquent sein und, wenn er sehr entspannt war, sogar unterhaltsam.

»Ich dachte, Klaras Klassenzimmer ist hier, weil ich sie ja letztens bei Ihnen abgeholt habe, aber hier ist Chemie oder Biologie sehe ich, und deswegen war Klara hier, oder?« Wow, ganze Sätze, wenn auch keine zielführenden.

»Das ist richtig, Herr Grewe.« Der Lehrer schaute Grewe freundlich an.

»Jetzt finde ich sie nicht mehr … bei dem Auftrieb in der Pause.« Er blies Luft aus den Backen.

»Klara ist beim Sport.«

Grewe stutzte.

»Ich weiß das, weil die Klasse nach der Pause bei mir Unterricht hat, die Kinder dürfen fünf Minuten später kommen. Ein Teil der Pause geht ja immer fürs Umziehen drauf.«

Grewe schaute den Mann verständnislos an.

»Treppe ganz runter, nicht da, wo Sie wahrscheinlich hergekommen sind«, er zeigte auf die Seite des Ganges, aus der Grewe tatsächlich gekommen war, »sondern die andere Seite. Wenn Sie unten rauskommen, sehen Sie schon die Sporthalle. Grüßen Sie Klara.« Der schlanke Mann mit der runden Nickelbrille und dem gepflegten Schnurrbart lächelte Grewe fein an.

»Herr Bröcking, richtig?«

»Richtig. Gehen Sie schnell, sonst verpassen sie Klara doch noch.«

»Ja.«

Grewe drehte sich auf dem Absatz um und trabte in Richtung Treppe, als er plötzlich stoppte. Er sah Stina vor seinem inneren Auge missbilligend den Kopf schütteln. Grewe kehrte um.

»Ihr Name ist mir eingefallen, weil Klara immer sagt: Herr Bröcking ist der Schatzigste‹, und ich finde, sie hat recht.«

Bei »sie hat recht« geriet Grewes Stimme ein wenig ins Wackeln, aber er schaute seinem Gegenüber fest in die Augen. Das Gesicht des Lehrers zeigte ganz plötzlich die Verletzlichkeit eines Menschen, der seine Freundlichkeit mühsam entgegen der eigenen Lebenserfahrung behauptete. Bröcking errötete und berührte Grewes Arm leicht mit den Fingerspitzen.

»Jetzt aber los, Sie verspäteter Weihnachtsmann.«

Grewe ging durch das Schneetreiben über den mit lärmenden Kindern und leidenden Jugendlichen belebten Schulhof auf die Turnhalle zu. Auf dem Gelände spürte er wieder den Ring um seine Brust, fast nichts hatte sich hier seit seiner eigenen Schulzeit verändert. Er vermied sogar den Besuch von Elternabenden, seit die Zwillinge das Friderizianum besuchten, vorher hatte das zu den wenigen familiären Verpflichtungen gehört, die er Stina zuverlässig abnahm. Nur noch in Lottas Grundschule besuchte er regelmäßig die Veranstaltungen.

Aber so im Winter machte der klassizistische Bau sich doch gut, eine verschneite Burg, den hehren Idealen humanistischer Bildung geweiht.

»Von wegen«, dachte Grewe.

Er bog um die Ecke der Turnhalle – Gott sei Dank war das mittlerweile ein Neubau und nicht mehr die gammelige Einsturzhütte aus seiner Schulzeit –, und Klaras Klasse strömte schon aus den beiden Umkleiden nach draußen. Hoffentlich hatte er sie noch nicht verpasst.

Nach zwei Minuten waren die Umkleiden definitiv leer und Grewe frustriert. In dem Moment klingelte sein Handy. »T. Svob.« stand auf dem Display, und Grewe ärgerte sich mal wieder, dass er es seit Jahren nicht schaffte, der Lieblingskollegin in seinem digitalen Telefonbuch einen persönlicheren Namen zu gönnen.

»Ja, Therese?«

»Grewe, der Dauerdienst will eine Leiche gerne gleich an uns durchreichen. Ich bin noch in der Besprechung mit Blum, und Estanza erreiche ich nicht. Kannst du vielleicht hin?«

»Ich habe Klara nicht getroffen.«

Therese schwieg einen Augenblick.

»Tut mir leid, Grewe.« Der Satz hing so in der Winterluft.

»Mhm. Danke. Also tschüs, und grüß Blum von mir.«

»Halt, Grewe! Du hast mir nicht geantwortet.«

»Oh. Ja klar, wo ist das?«

»Sinzler Höhe Nummer, warte, ah, hier: vierzehn. Eins von den Hochhäusern. Lars Rems heißt der Tote. Sieht wohl unschön aus, eine Menge Messerstiche, versiffte Bude, Drogen. Na ja, das Übliche in der Gegend.«

»Okay. Wer ist schon da?«

»Zwei Grüne haben die Tür aufgemacht und sind noch vor Ort, Rechtsmedizin und Tatortbereitschaft sind wohl auch schon da.«

»Bis dann.«

Grewe legte auf und machte sich auf den Weg zu seinem Wagen. Was für ein Vormittag. Der schlimme Streit mit Klara, den er nun nicht beilegen konnte, er war ohne Krawatte unterwegs und musste sich jetzt in einer der schlimmsten Gegenden der Stadt die blutverschmierten Überreste eines wahrscheinlich völlig verunglückten Lebens anschauen. Er bekam furchtbaren Hunger und wurde gleichzeitig so müde, dass er sich am liebsten auf den verschneiten Schulhof gelegt hätte.

»Papa!«

Grewe drehte sich um und konnte sein Glück nicht fassen: Klara!

Er sackte auf die Knie und griff in die Manteltasche nach dem Geldschein und dem Buch.

»Ist schon gut, Papa.«

Grewe hielt seiner Tochter die Bußgeschenke hin.

»Es tut mir leid. Ich liebe dich.«

»Ich weiß Papa. Beides.«

Der kniende Grewe und seine Tochter lagen sich in den Armen.

»Du bist die ganze Welt, Klara.«

»Und Mama und Robert und Lotta. Und natürlich Oskar, auch wenn sein Fell so stinkt.«

»Ja.«

Jetzt konnte Grewe aufstehen.