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Buch

Hanna Philipps Leben könnte perfekt sein – hätte sie nicht diese vernichtende Restaurantkritik geschrieben, wegen der eine italienische Gutsherrin einen Herzinfarkt erlitten hat. Nun droht der Foodjournalistin die Kündigung, falls sie die Sache nicht schleunigst in Ordnung bringt. Noch dicker kommt es, als die kleptomanische Hanna in den Besitz der Urne der Verstorbenen gelangt. Notgedrungen reist sie nach Italien, um das bizarre Diebesgut zurückzugeben und sich für den Artikel zu entschuldigen – doch der unleidliche Enkel der Toten weigert sich, die Urne zurückzunehmen, ehe Hanna nicht zwei Wochen Frondienst auf dem Gut abgeleistet hat. Während die Diebin in der Küche schwitzt, kämpfen die Caminis mit dem Testament der gewitzten Matriarchin: Eine Ehefrau muss her, damit Enkel Fabrizio das Landgut erbt – aber der fordert seine ganz eigene Art der Abbitte von Hanna. Und damit beschwört er nicht nur ein Familiendrama herauf, sondern wirbelt auch Hannas Gefühlswelt ordentlich durcheinander.

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Claudia Winter

Aprikosenküsse

Roman

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Von der Autorin überarbeitete Neuausgabe

1. Auflage

Taschenbuchausgabe März 2016

Copyright © der Neuausgabe 2016

by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Dieses Buch wurde vermittelt von der Literaturagentur erzähl:perspektive, München (www.erzaehlperspektive.de)

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München,

Umschlagmotiv: Fotolia / Konstiantyn

Redaktion: Angela Troni

CN · Herstellung: Str.

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN: 978-3-641-16606-9
V001

www.goldmann-verlag.de

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Sämtliche Personen und Ereignisse in diesem Roman sind frei erfunden – auch den Handlungsort werden Sie vergeblich auf der Landkarte suchen. Das fiktive Örtchen Montesimo steht stellvertretend für all die kleinen italienischen Dörfer, in denen wir das zu finden hoffen, wonach wir uns im Herzen sehnen.

Sollten sich dennoch Parallelen zur Wirklichkeit auftun, handelt es sich um bloßen Zufall.

Prolog

FABRIZIO

Holzwachs, Aprikosen und dicke Bohnensuppe. Bestimmte Gerüche sind mit meiner Kindheit verbunden wie die Narbe mit meinem Handgelenk – ein winziger weißer Wurm, den der Fahrradsturz in meine Haut tätowiert hat.

Heute weiß ich nichts mehr von dem Schmerz oder der Wut, die ein Sechsjähriger fühlt, weil er sich vor seinen Freunden blamiert hat. Aber ich erinnere mich genau an den Geruch von Lippenstift und an den klebrigen Film, den die tröstenden Küsse meiner Großmutter zu hinterlassen pflegten.

Auch jetzt wische ich mir verstohlen über die Wange, dabei habe ich mittlerweile eine Körperlänge erreicht, dank derer Nonna nur schwer an mein Gesicht herankommt. Trotzdem bin ich auf der Hut, denn sie nutzt jede Gelegenheit, sobald ich in Reichweite ihres roten Mundes gelange, um mich zu küssen. Zu meinem Leidwesen gibt es im Wartezimmer von Professor Buhlfort keine Stehplätze.

»Setz dich, Fabrizio!«, befiehlt Nonna, während sie mich mit ihren knochigen Fingern auf den Stuhl drückt.

Ich kneife die Augen zu und warte auf das Unvermeidliche: ein Zwicken, als wolle sie mir mit Zeige- und Mittelfinger die Haut von der Wange reißen, gefolgt von einem Knallgeräusch ihrer Lippen.

Als nichts dergleichen passiert, schiele ich vorsichtig nach links. Nonna blättert in einer Zeitschrift und scheint mich völlig vergessen zu haben. Ich unterdrücke ein Schmunzeln, denn sie studiert die Seiten, als verstünde sie jedes Wort. Ab und zu brummt sie und wiegt dabei den Kopf, als wäre ihr Dutt an einem unsichtbaren Pendel befestigt.

»Seeehr interessant, dieses Magazin«, flüstert sie, als sie meinen Blick bemerkt, und deutet ehrfurchtsvoll auf das Zeitschriftenregal, das eine komplette Wand einnimmt. »Dieser professore muss ein wirklich guter Arzt sein. Er liest ziemlich viel.«

Ich nicke und erspare mir die Erklärung, die Nonna ohnehin nicht hören will. Sie war schon der Meinung, Buhlfort sei der beste Herzspezialist auf diesem Planeten, kaum dass ich seinen Namen gegoogelt hatte.

Die Familie Camini besitzt seit Generationen eine unerklärliche Affinität zu allem, was deutsch ist. Deutsche Autos, deutscher Fußball, deutsche Universitäten, deutsche Ärzte. Letzteres ist der Grund, weshalb wir den Nachmittag in einem überfüllten Berliner Warteraum verplempern, obwohl Nonna kerngesund ist. Doch auch hier ist es wie mit allen Dingen, die Giuseppa Camini sich in den Kopf gesetzt hat – am Ende hat sie den längeren Atem.

Ich mustere sie verstohlen von der Seite. Nonna sitzt kerzengerade auf ihrem Stuhl, ohne mit dem Rücken die Lehne zu berühren (»Sitz aufrecht, Fabrizio! Sonst bekommst du einen Buckel.«), die Knie aneinander, beide Füße auf dem Laminat. Natürlich trägt sie Absatzschuhe (»Eine echte Italienerin wird mit Pfennigabsätzen beerdigt, merk dir das, mein Junge!«), und trotz ihres Alters ist sie gertenschlank wie alle Frauen in unserer Familie. Als ich sie einmal fragte, weshalb sie ihre Kleider immer mindestens zwei Nummern zu groß kaufe, antwortete sie mit erhobenem Zeigefinger: »Man weiß nie, ob man im Alter dicker wird. Und was täte ich dann mit den guten Sachen, eh

Der Schriftzug Genusto Gourmetmagazin macht mich neugierig. Auf der Titelseite ist eine Aprikosenkiste abgebildet, der deutsche Text in Schnörkelschrift darunter ist schwer zu entziffern. Ich lehne mich an Nonnas Schulter und kneife die Augen zusammen. Köstliche Rezepte mit sonnengereiften … Nonna schlägt die Seite um, und das Aprikosenbild raschelt aus meinem Sichtfeld.

»Fabrizio, da steht was über uns drin.«

»Über uns?« Ich muss reichlich blöd aus dem Hemd gucken, wofür ich mir prompt einen Rippenstoß einhandele. Automatisch richte ich mich auf, als hätte mich ihre Faust in den Rücken getroffen, weil meine Nase mal wieder zu tief über dem Pastateller hing. Neben mir knistern die Seiten unverdrossen weiter.

»Fabrizio!«

»Nonna?« Irgendwie macht es Spaß, sie zappeln zu lassen.

Sie tippt ungeduldig auf den Artikel, der jetzt auf ihren Knien liegt, und tatsächlich: Das auf dem Foto abgebildete Steinhaus auf dem zypressenbewachsenen Hügel kommt mir bekannt vor. Mein Bauch kribbelt. Das Tre Camini in einer deutschen Gourmetzeitschrift. Davon habe ich bis dato nicht zu träumen gewagt!

»Bist du taub, Junge? Da hat jemand über unser ristorante geschrieben.«

»Ich habe es gehört.« Ich schmunzele über ihre Aufgeregtheit, obwohl ich ihr das Magazin am liebsten aus der Hand reißen würde. Das ältere Paar uns gegenüber wirft uns böse Blicke zu. Typisch deutsch. »Alles in Ordnung?«, frage ich in ihrer Landessprache und lächele freundlich. Sie schweigen betreten. Auch typisch deutsch.

Nonna zupft an meinem Hemdsärmel, die V-förmige Falte auf ihrer Stirn weist einen gefährlich spitzen Winkel auf.

»Gib her, ich lese dir vor«, gebe ich mich gutmütig geschlagen.

Obwohl ich seit Jahren keinen längeren deutschen Text vor mir hatte, erfasst mein Hirn die Wörter erstaunlich schnell, und die Übersetzung kommt mir flüssig über die Lippen. Ihre Bedeutung erschließt sich mir aber erst, nachdem ich den zweiten Absatz gelesen habe und neben mir ein Laut erklingt, den ich zunächst nicht einordnen kann. Und dann ist innerhalb weniger Sekunden nichts mehr so, wie es vorher war.

82-Jährige verstirbt bei Routineuntersuchung

Am Mittwoch, dem 11. Juni 2015, erlitt eine 82-jährige Patientin in der Berliner Charité bei einer Vorsorgeuntersuchung einen Herzinfarkt. Trotz sofort eingeleiteter Wiederbelebungsmaßnahmen verstarb die Frau noch im Wartezimmer des Herzspezialisten Prof. Dr. Buhlfort.

Die Aufsichtsbehörde stellte kein Verschulden seitens des Facharztes oder der Klinik fest. Offensichtlich litt die Frau an einem unerkannten Herzfehler.

Die italienische Staatsbürgerin wird nach der Einäscherung von einem Angehörigen nach Italien überführt. (H. Z.)