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1. Auflage, Papierverzierer Verlag, Essen

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Steamtown Die Fabrik ist auch als Hörbuch und gedruckt erhältlich.



ISBN 978-3-944544-35-9


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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.





Gewidmet Askra Hesiod und seinem Zepter aus einem Gespross frisch grünenden Lorbeers.



Prolog



Verdammter Nebel! Hartlefield wäre beinahe in einen Laternenpfahl gerannt. Gehetzt blickte er sich um und versuchte, sich neu zu orientieren. Stinkende Nebelschwaden waberten im grünlichen Licht der Laterne und verwandelten alles, was sich mehr als eine Armeslänge entfernt befand, in vage Schemen. Augenblicke zuvor war er an der Einmündung zur Crickade Lane vorbeigekommen. Also musste er sich irgendwo zwischen Tanner Street und Slaughter House befinden.

Wie überaus passend, schoss es dem untersetzten Mann durch den Kopf. Keuchend stolperte er weiter. Der Marktplatz … Wenn ich es bis dorthin schaffe, bin ich gerettet. Dort steht immer ein Polizist. Selbst zu dieser Nachtzeit und bei diesem Wetter! Noch zwei Häuserblocks. Zwei verdammte Blocks nur! Hartlefield schnaufte bereits wie eine alte Dampfmaschine kurz vor dem Platzen.

Ich hätte mich mehr der Leibesertüchtigung widmen sollen, dachte er, und ein gesünderes Dasein führen. Und regelmäßiger in die Kirche gehen. Überhaupt: Wo waren eigentlich die ganzen Prediger, wenn man sie einmal im Leben wirklich gern gesehen hätte? Tagein, tagaus standen sie an den Straßenecken und predigten Nächstenliebe, Armut, Verzicht und all diese Sachen. Aber wenn das Wetter schlecht wurde, dann verzogen sie sich lieber in die nächste Kneipe und versoffen die erbettelten Spenden. Dabei wäre das jetzt der geeignete Zeitpunkt, eine gestrauchelte Seele zu retten, die alles tun würde, nur um von der verdammten Straße herunterzukommen.

Irgendwo hinter ihm schepperte etwas auf das Straßenpflaster. Hartlefield fuhr so heftig zusammen, dass er ins Stolpern geriet. Dann beschleunigte er sein Tempo, so gut es eben noch ging. Ruhig Blut, vermutlich bin ich ihnen längst entkommen, versuchte er sich selbst zu überzeugen. Das war nur ein streunender Hund. Einer, der in den Mülltonnen nach Fleischresten wühlt. Das war immerhin möglich. Straßenköter waren in dieser Gegend nicht selten. Sie fanden in den engen Gassen und verwinkelten Hinterhöfen immer etwas zum Fressen. Andererseits: Besonders wahrscheinlich war es nicht – denn die Hunde waren in der Regel klüger als die Prediger. Bei dem Wetter hatten sie sich lange vor den Betbrüdern in irgendwelche geschützten Ecken verzogen. Gott, wie er sie beneidete!

Dort! Vor Hartlefield wurde es heller. Einige Schritte weiter wichen die Häuser zurück. Der Marktplatz. Der erstickende Nebel verhüllte die große Fläche zwischen den desolaten Häuserfronten des Chester Market Square und gab dem Flüchtenden das Gefühl, ins Nichts zu laufen. Links! Er stolperte über das Kopfsteinpflaster zur nächsten der gusseisernen Laternen und von dort aus weiter zur übernächsten. Die Lampen hingen wie grüne, flackernde Irrlichter im Dunst. Die Schwaden glitten beiseite, für einen Augenblick nur, und gaben den Blick auf zwei oder drei Holzbuden frei, die sich wie die Höcker von urzeitlichen Leviatanen in der Dunkelheit abzeichneten. Dann wallte die nächste Nebelwand heran, so dass Hartlefield beinahe in einen der Brunnen gestolpert wäre. Er prallte gegen den schmiedeeisernen Zaun und stieß sich wieder davon ab, ohne auf die Schrammen zu achten, die die rostigen Verzierungen an seinen Händen hinterließen. Ein gigantischer Bronzeengel ragte über ihm auf und schien ihn teilnahmslos aus dem Dunst zu mustern. Weiter, nur weiter! Irgendwo vor ihm musste der Polizist Wache stehen. Wo, verdammt noch eins? Hartlefield ließ alle Vorsicht fahren. Hilfe!, brüllte er. Oder wollte er brüllen. Was sich seiner Kehle entrang, war ein Krächzen, das selbst in seinen Ohren lächerlich dünn klang. Der Nebel verschluckte den Laut. Eine neue Welle der Angst durchflutete ihn. Was, wenn er den Verfolgern verraten hatte, wo er war? Sofern sie ihm noch auf den Fersen waren. Sofern? Im Grunde seines Herzens wusste er, dass sie ihn noch immer verfolgten. Sie würden nicht aufgeben. Das taten sie nie.

Denk logisch, John! Der Polizist steht wahrscheinlich vor der Bakers Hall. Die Gilde bezahlte schließlich gut genug dafür, dass die Schutzleute ein zusätzliches Auge auf ihre Besitztümer warfen. Links! Wieder hörte er ein Geräusch hinter sich. Näher diesmal. Von wegen Hunde! Um diese Zeit ist doch kein Köter auf dem Platz! Unwillkürlich warf Hartlefield einen Blick über die Schulter. Nichts! Er stolperte, ruderte mit den Armen, suchte verzweifelt nach Halt und schlug der Länge nach hin. Sein Fuß hatte sich zwischen zwei Pflastersteinen verkeilt. Schmerzhaft klatschte er auf das Kopfsteinpflaster und schürfte sich Hände und Knie auf. Der Aufschlag trieb ihm die Luft aus den Lungen und ließ Funken vor seinen Augen tanzen. Das Gesicht landete in einer Pfütze aus brackigem Abwasser. Er schmeckte Fäulnis und Blut.

Aufschluchzend schüttelte er die Benommenheit ab und rappelte sich wieder auf die Füße. Vorwärts! Er stolperte über die glitschigen Steine auf die nächste Insel aus grünlichem Licht zu. Immer nur weiter. Nicht umsehen! Nur ein paar Schritte noch und du hast es geschafft! Tränen liefen Hartlefield über die Wangen und mischten sich mit dem Blut, das ihm aus der Nase rann. Wo ist dieser verfluchte Polizist?! Im gleichen Moment lichtete sich der Nebel und Hartlefield erblickte die vertraute Silhouette: Schutzhelm, Uniform, Schlagstock. An der Koppel baumelten Handschellen und das Holster der Dienstwaffe. »Dank sei dem Herrn!« Er war gerettet.

Der Polizist drehte sich zu ihm um und tippte grüßend an seinen Helm. »Sie sind ja völlig außer Atem«, stellte er fest, als Hartlefield vor ihm auf die Knie fiel. »Ein paar Leibesübungen hätten Ihnen beizeiten bestimmt gut getan, John.«

Hartlefield lachte auf. Das Geräusch ähnelte eher einem Gurgeln. »Das hätten sie, mit Sicherheit.« Keuchend rang er nach Atem. »Sie … Sie müssen mir …« Er stockte. John? Grauen wallte in ihm auf, dicker als der Nebel um ihn herum. Ein Wimmern entrang sich Hartlefields Kehle, als ihm klar wurde, dass der Schutzmann ihn mit seinem Namen angesprochen hatte. Plötzlich verstand er. Langsam sah er in das Gesicht des Polizisten, der über ihm aufragte. Warme Nässe durchtränkte seine Hose und eine hauchfeine Dampfwolke vermischte sich mit dem herankriechenden Dunst.

Das letzte, was Hartlefield in seinem Leben sah, waren die stechenden Augen des Polizisten, die ihn unbarmherzig musterten. Ebenso endgültig und dunkel wie das Mündungsloch der Dienstwaffe, das auf seine Brust gerichtet war.