Inhaltsverzeichnis

Vorwort
Erdogans Sieg
Türkei entscheidet sich für den starken Mann
Der neue Sultan
Erdogans Wandel vom demokratischen Reformer zum autoritären Patriarchen
Für ihn oder gegen ihn
Eine Reise durch den sechstgrößten türkischen Wahlbezirk, die Bundesrepublik
Die Toten von Soma
Premier Erdogan und das Grubenunglück im Westen der Türkei
Pakistaner, Jude, Nazi!
Wie das Zitat eines Trauernden aus Soma zu Morddrohungen gegen SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Hasnain Kazim führte
Pastor und Sultan
Premier Erdogan nutzt die Kritik von Bundespräsident Gauck für seinen Wahlkampf
Triumphator Gnadenlos
Sein Sieg bei den Kommunalwahlen bestärkt Erdogan, den Kurs der Härte fortzusetzen
„Lass deinen Vogel zwitschern“
Türken reagieren mit Humor auf die Twitter-Sperre
Der Staat bin ich
Erdogans Wandel vom Reformer zurück zum konservativen Muslim und autoritären Führer
Die Rache der Brüder
Der muslimische Prediger Fethullah Gülen und seine Anhänger fordern Premier Erdogan heraus
Hexenjagd am Bosporus
Die türkische Wirtschaft nach den Gezi-Protesten
Das große Aufräumen
Nach den Gezi-Protesten bestraft die Regierung ihre Kritiker
Weiße Türken, schwarze Türken
Die Türkei ist gespalten zwischen Moderne und Tradition
Sahmi und die alte Türkei
Özlem Gezer beschreibt die Grabenkämpfe in ihrer Familie
„Gezi ist unser Stuttgart 21“
Interview mit dem Erdogan-Berater Akif Çagatay Kiliç über gewalttätige Demonstranten
Der Rambo aus Kasimpaşa
Die Gezi-Proteste und Erdogans Antwort auf die Jugendrevolte
Der maßlose Reformer
Die Türkei unter Erdogan wendet sich von Europa ab und der muslimischen Welt zu
Der Sultan von Istancool
Seit Erdogan regiert, ist die Türkei zu einer boomenden Industrienation aufgestiegen
„Volkstribun von Anatolien“
In ihren geheimen Berichten schildern US-Diplomaten Premier Erdogan als korrupten Islamisten
Allahs Wille gegen Atatürks Gebot
Kulturkampf um das Kopftuch: Dürfen türkische Studentinnen ihren Kopf verhüllen?
Putsch der Zivilisten
Der sensationelle Wahlsieg von Recep Tayyip Erdogan und seiner AKP
Warten auf den Wundermann
Die moderne Türkei im Überblick und die Wirtschaftskrise im Februar 2001
Impressum
Vorwort

Der starke Mann am Bosporus

Seinen diesjährigen Wahlkampf um das Amt des Präsidenten der Türkei stilisierte Recep Tayyip Erdogan als einen „Befreiungskrieg“. Mit diesem mit Bedacht gewählten Begriff stellte er sich in eine Reihe mit Mustafa Kemal, genannt Atatürk, dessen Feldzug gegen die westlichen Alliierten 1923 zur Gründung der türkischen Republik führte.     
 So reiste Erdogan während seiner Kampagne die Orte ab, von denen Atatürks Kampf ausging: „Wir werden nicht zulassen, dass fremde Kräfte der Türkei schaden!“, sagte er in Richtung Europa und meinte damit unter anderem die Studenten und Bürger, die den Gezi-Park in Istanbul besetzt hatten.   
Seit März 2003 regiert Erdogan als türkischer Premierminister das Land, und da er nach drei Amtszeiten nicht mehr antreten darf, will er sich zum Präsidenten küren lassen. Die Türkei hat während seiner Amtszeit einen enormen Wandel durchgemacht, vom inflationsgeschüttelten Krisenland zum stabilen Wachstumsmotor an der Grenze Europas zu Asien und dem Nahen Osten.   
Erdogan entmachtete die alten Eliten, demokratisierte die Verfassung und befreite die konservativ-religiöse Mehrheit des Landes aus Armut und politischer Sprachlosigkeit.   
Mit jedem Wahlsieg jedoch wurde er autoritärer, ließ Proteste niederschlagen, Kritiker verhaften und setzte vermehrt islamische Moralvorstellungen durch. Der Reformer wurde zum Patriarchen, an dem sich die türkische Gesellschaft spaltet.    
Unser E-Book „Türkei“ dokumentiert den Wandel der Türkei unter Erdogan und den Aufstand gegen ihn anhand ausgewählter SPIEGEL-Beiträge seit dessen erster Wahl zum Premier vor elf Jahren bis zum Kampf um das Präsidentschaftsamt im August 2014.
SPIEGEL ONLINE vom 10.8.2014

Erdogans Sieg

Mit absoluter Mehrheit haben die Türken Premier Erdogan zum Präsidenten gewählt. Er will das Land in einem neuen Präsidialsystem weiter nach islamisch-konservativen Vorstellungen formen. In seiner Siegesansprache schlug er halbwegs moderate Töne an. Von Hasnain Kazim
Es ging um viel mehr als nur um die Nachfolge von Präsident Abdullah Gül. Es ging um eine Entscheidung für ein neues politisches System in der Türkei, um die Frage, ob das parlamentarische System fortbestehen oder ob ein Präsidialsystem mit einem mächtigen Staatschef installiert werden soll.
Die Türken haben sich deutlich entschieden. Mehr als 52 Prozent wählten den bisherigen Regierungschef Recep Tayyip Erdogan ins höchste Amt. Mit seinem Wahlsieg stehen erhebliche Veränderungen in der Türkei an - Erdogan hat bereits vor der Wahl deutlich gemacht, dass er ein präsidiales System anstrebt.
„Ein Präsident, der direkt vom Volk gewählt wird, kann nicht wie seine Vorgänger sein“, erklärte er. „Als Kopf der Exekutive nutzt der Präsident all seine Befugnisse, die ihm die Verfassung zugesteht. Sollte ich gewählt werden, werde ich von allen Rechten Gebrauch machen. Ich werde kein Präsident fürs Protokoll sein.“ Ebenso erklärte er, er werde „kein überparteilicher Präsident“ sein.
 

Neue Verfassung mit mehr Rechten für den Präsidenten

Die Verfassung lässt dem Präsidenten Spielraum in der Auslegung seiner Rechte. Bisherige Amtsinhaber beließen es bei repräsentativen Aufgaben. Mit wenigen Ausnahmen hat der Präsident jedoch keine Regierungsbefugnisse, weshalb eines seiner Ziele ist, eine neue Verfassung zu erarbeiten. Dies könnte nach den nächsten Parlamentswahlen geschehen, die spätestens für Sommer 2015, womöglich früher stattfinden.
Mit diesem Wahlsieg geht Erdogan in die Geschichte seines Landes ein. Niemand vor ihm war so lange Regierungschef - elfeinhalb Jahre -, und niemand ist danach zum Präsidenten gewählt worden. Mehrfach hat er durchblicken lassen, wie er sich seine Zukunft vorstellt, nämlich im Jahr 2023, beim 100. Geburtstag der Republik Türkei, noch an der Macht zu sein. Da er nach drei Amtszeiten als Premierminister nicht wieder kandidieren durfte, bewarb er sich eben um das Präsidentenamt.
Die Direktwahl des Präsidenten hatte Erdogan 2007 per Volksabstimmung erreicht. Damals hatten kemalistische Gruppen, allen voran das Militär, mit aller Macht versucht, Erdogans Parteifreund Gül als Präsidenten zu verhindern, weil sie ihn für zu religiös hielten und an seinem Bekenntnis zum Laizismus, auf dem die Republik fußt, zweifelten. Gül - und Erdogan - setzten sich durch, die Einflussnahme des Militärs ging als gescheiterter Putschversuch in die Geschichte ein.
Erdogan hat mit seiner Politik deutlich gemacht, dass er nicht länger an der absoluten Trennung zwischen Staat und Religion festhält. Als Präsident ist er nicht nur oberster Vertreter des Staates, sondern auch Nachfolger Mustafa Kemal Atatürks, dem ersten Präsidenten und Gründer der Republik Türkei, der den Laizismus - mit durchaus diktatorischen Mitteln - verankerte. Erdogan will mit dessen Ideologie brechen. Er beschwört eine „neue Türkei“, eine religiöse Türkei, wirtschaftlich stark, nationalbewusst - und pluralistisch nur, solange die Bürger ihn nicht kritisieren.
 

Mehrheit nimmt autoritären Regierungsstil hin

Die Mehrheit der Türken, das bestätigt diese Wahl, steht hinter ihm und diesem Kurs. Zumindest ist ein so großer Teil der Bevölkerung davon überzeugt, dass viele Kritiker Erdogans gar nicht erst zur Wahl gingen, wie die im Vergleich zur Kommunalwahl Ende März niedrigere Wahlbeteiligung vermuten lässt. Eine Mehrheit sieht in Erdogan einen Garanten für Stabilität und Wohlstand, und das scheint dieser Mehrheit wichtiger zu sein als Demokratie und Meinungsfreiheit. Er hat die alten Eliten entmachtet, die konservativ-religiöse Mehrheit aus ihrer Armut befreit, ihr eine Stimme und Selbstvertrauen gegeben.
Sein brutales Vorgehen gegen Demonstranten, das während der Gezi-Proteste im Sommer 2013 die ganze Welt schockierte, die Korruptionsvorwürfe, seine Unfähigkeit, Kritik hinzunehmen wie beispielsweise nach der Bergwerkskatastrophe von Soma im Mai, wiegen nach Ansicht der türkischen Wähler weniger schwer als die Veränderungen, die er der Türkei gebracht hat: Das Pro-Kopf-Einkommen hat sich während seiner Regierungszeit verdreifacht, aus dem inflationsgeschüttelten Land entwickelte sich ein stabiler Wirtschaftsmotor.
Stimmen, die Wahlbetrug vermuten, sind schon in den vergangenen Tagen aufgetaucht. So seien mehr Stimmzettel gedruckt worden, als es Wähler gab. Die AKP habe um jeden Preis erreichen wollen, dass Erdogan im ersten Anlauf die 50-Prozent-Hürde nimmt und es nicht zu einer Stichwahl in zwei Wochen kommt.
Erdogans Konkurrent Ekmeleddin Ihsanoglu kritisierte noch am Sonntag, der Wahlkampf sei „unfair“ verlaufen. Tatsächlich hatten die staatlichen Medien fast ausschließlich über Erdogan berichtet und Ihsanoglu und den dritten Kandidaten, Selahattin Demirtas, weitgehend ignoriert.
Aber der Vorsprung Erdogans vor dem Zweitplatzierten Ihsanoglu ist so deutlich, dass er, beflügelt von diesem Erfolg, seinen autoritären Kurs unbeirrt fortsetzen und seine Macht ausbauen dürfte, unbeirrt von Warnungen aus der EU, er gefährde damit den einstigen Reformkurs und die Demokratisierung. Sein wichtigstes Vorhaben dürfte nun sein, im Parlament eine Mehrheit für eine Verfassungsänderung zu organisieren, um das Präsidialsystem zu installieren.
Um kurz nach 23 Uhr schlug er in einer Ansprache auf dem Balkon der AKP-Zentrale in Ankara halbwegs versöhnliche Töne an. Nicht nur Recep Tayyip Erdogan habe gewonnen, sprach er von sich in der dritten Person, „sondern auch der Volkswille und die Demokratie“. Er werde eine „Ära der sozialen Versöhnung starten“ und „alte Dispute in der alten Türkei zurücklassen“. Gleichzeitig warf er seinen Gegnern vor, das Land gespalten zu haben - also genau das, was seine Kritiker ihm vorhalten.
Die Frage, wer ihm als Regierungschef und als Chef der AKP - denn als Präsident darf er kein Parteimitglied sein - nachfolgt, ist zweitrangig. Die Politik bestimmen wird Erdogan.
SPIEGEL-Titel 32/2014
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Der neue Sultan

Premier Erdogan begann als demokratischer Reformer, doch im Kampf gegen die alten Eliten und die Gezi-Demonstranten entwickelte er sich zum Patriarchen. Jetzt will er sich zum Präsidenten wählen lassen. Wird er damit zum Despoten? Von Hasnain Kazim und Maximilian Popp
Scharfschützen wachen auf den Dächern und Hubschrauber kreisen über dem Platz, auf dem die Menge rote Fahnen mit Halbmond schwenkt. Tausende sind gekommen, aus Istanbul, aus Ankara und vom Schwarzen Meer, hierher, in die Kleinstadt Yozgat in Zentralanatolien. Sie haben stundenlang in der Hitze gewartet, um ihn zu feiern. Sie skandieren seinen Namen, aus den Lautsprechern dröhnt die Hymne seines Wahlkampfes: „Mann des Volkes, Recep Tayyip Erdogan.“ 
Als der türkische Premier auf die Bühne tritt, brechen Frauen mit Kopftuch in Tränen aus, bärtige Männer fallen auf die Knie. Erdogan hebt die Hände und brüllt: „Sind wir Geschwister? Sind wir Türken?“ Die Masse antwortet: „Tayyip, wir gehen bis in den Tod für dich!“ Es ist Wahlkampf in der Türkei, aber das drückt nicht aus, was hier passiert, und deshalb hat Erdogan seine Kampagne als Befreiungskrieg beschrieben.  Seine Wähler sind seine Truppen, die ihn nun zum Präsidenten machen sollen.  
„Befreiungskrieg“, so nannte Mustafa Kemal, genannt Atatürk, vor 95 Jahren den Feldzug gegen die westlichen Alliierten, der zur Gründung der türkischen Republik führte. Erdogan reist jetzt in seinem Wahlkampf die Orte ab, von denen dieser Krieg ausging. Und wie ein moderner Atatürk brüllt er ins Mikrofon: „Wir werden nicht zulassen, dass fremde Kräfte der Türkei schaden!“ Er meint die Studenten, die den Gezi-Park besetzten, die säkulare Opposition, Europa. 
Seit elf Jahren regiert Erdogan, 60, und da er nach drei Amtszeiten nicht mehr als Premier antreten darf, will er sich am 10. August zum Präsidenten küren lassen. Am liebsten aber will er Herrscher auf Lebenszeit werden; zumindest bis zum Jahr 2023, wenn sich die Staatsgründung zum 100. Mal jährt. Er spricht oft von 2023, auch auf den Wahlkampfplakaten prangt die Zahl.  
Die Türkei hat während seiner Amtszeit einen enormen Wandel durchgemacht, vom Krisenland zu einer Regionalmacht. Auch Erdogan hat sich gewandelt, vom religiösen Fundamentalisten zum demokratischen Reformer, der die alten Eliten entmachtete, einen Wirtschaftsboom entfachte und die konservativ-religiöse Mehrheit des Landes aus der Armut und politischen Sprachlosigkeit befreite.  
Mit jedem Wahlsieg jedoch wurde er autoritärer. Er ließ Proteste niederschlagen und Kritiker verhaften, setzte nach und nach islamische Moralvorstellungen durch. Der Reformer wurde zum Patriarchen, aus dem Hoffnungsträger wurde ein Risiko. Als Erdogan sich in Yozgat von seinen Fans verabschiedet, hebt er die Hand zum Gruß der Muslimbrüder und ruft: „Unsere Mission hat gerade erst begonnen.“ 
Um zu erahnen, was Erdogan antreibt, was er will und wohin er sein Land führen könnte, hilft es zurückblicken auf den Aufstieg dieses Mannes. Die Geschichte einer Verwandlung in fünf Akten.  
 

Der Aufstieg: Istanbul 

Im Istanbuler Hafenviertel Kasimpaşa sind die Haustüren aus den Angeln gerissen, unter den Brücken schnüffeln Obdachlose Klebstoff. Hier ist Erdogan aufgewachsen, hier liegen seine Wurzeln. Der jugendliche Erdogan war ein „Schwarztürke“, ein Außenseiter, sein Vater Ahmet verdiente sein Geld damit, Güter über den Bosporus zu schiffen. Der junge Erdogan lernte früh, sich durchzusetzen. Er verkaufte Sesamkringel auf der Straße, und wenn ihn jemand prellte, schlug er angeblich zu. Die Alten hier erinnern sich an einen Jugendlichen voller Zorn: „Tayyip ging keiner Prügelei aus dem Weg“, sagt ein Mann. „Er kletterte auf das Dach der Moschee und zitierte Verse aus dem Koran.“ 
Erdogan war Stürmer bei dem lokalen Fußballverein Erokspor, besuchte eine religiöse Imam-Hatip-Schule, studierte Betriebswirtschaft und arbeitete als Buchhalter in einer Wurstfabrik. Und er trat der islamistischen Refah-Partei bei, wo er seine Frau Emine kennenlernte. Mit 40 Jahren war er ganz oben, wurde er zum Bürgermeister von Istanbul gewählt. Die Eliten verachteten ihn, doch der regierte effizient. Er baute den Nahverkehr aus, verbesserte die Wasserversorgung und ließ die Straßen reinigen. 
Schon als Jugendlicher ist Erdogan besessen von dem Gedanken aufzusteigen. Die Verachtung, die er zu Beginn seiner Karriere durch das säkulare Bürgertum erfährt, verbittert ihn und treibt ihn an. „Erdogan hat den Ehrgeiz und die Ausdauer, die nur Außenseiter mitbringen“, sagt der Anwalt Turgut Kazan, der den Premier seit Jahren kennt. „Erdogan ist auch als Politiker ein Straßenkämpfer geblieben.“
Die Menschen in Kasimpaşa sind arm, aber voller Stolz, und so ist auch Erdogan. „Schau wie Erdogan geht, wie er redet, das ist Kasimpaşa“, sagen sie hier. Stolz bedeutet aber auch, dass er jede Kritik an seiner Regierung als persönliche Beleidigung sieht – und als Aufforderung zurückzuschlagen. Wer Erdogan enttäuscht, der wird von ihm bestraft und verfolgt.  
Erdogan ist ein begnadeter Populist, ein Menschenfänger, der Massen für sich einnehmen kann. Aber er hat keine Übung darin, seine Ziele durch Diplomatie zu erreichen. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos stürmte er 2009 während einer Diskussion vom Podium, als er sich von dem israelischen Präsidenten Schimon Peres herausgefordert fühlte. Der Premier sei nun mal ein „Kasimpaşali“, ein Draufgänger, entschuldigen ihn seine Berater. Seine Wähler lieben ihn für solche Auftritte. Erdogan ist so, wie viele Türken gern wären: selbstbewusst, dominant, furchtlos.  
Aber der Premier hält auch viel auf Gehorsam und Loyalität. Er hielt dem Friseur seiner Jugend stets die Treue, heute schneidet ihm dessen Sohn die Haare. In dem Salon von Yaşar Ayhan in Kasimpaşa hängt sein Foto an der Wand. „Tayyip hat seine Herkunft nie vergessen“, sagt Ayhan. Er wird auch bei der Präsidentenwahl für Erdogan stimmen. „Tayyip lässt uns stolz sein auf Kasimpaşa, auf unser Land, unsere Religion.“  
 

Der Höhenflug: Kayseri 

Bevor die AKP an die Macht kam, lebten in Kayseri etwa eine halbe Million Menschen. Jetzt sind es mehr als doppelt so viele. Die Stadt steht für den wirtschaftlichen Erfolg der Türkei; sie ist das Zentrum der „anatolischen Tiger“, jener Aufsteiger-Metropolen, in denen der türkische Wohlstand der vergangenen Jahre entstanden ist.  
Die Stadt liegt am Fuß des 3916 Meter hohen Vulkans Erciyes, und oben, auf dem Gipfel, wo sechs Monate im Jahr Schnee liegt, hat gerade ein neues Resort mit Sessellift, Pisten und Restaurants eröffnet. In der Innenstadt reihen sich Fast-Food-Restaurants und Filialen europäischer Modeketten aneinander, und vor den Vorstadtvillen stehen Limousinen und Geländewagen von Mercedes, BMW und Audi. 
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Hunderte neue Firmen sind hier entstanden, Textilfabriken, Maschinenhersteller, international tätige Konzerne wie die Boydak Holding, zu der eine Bank, eine Kabelfabrik und die größte türkische Möbelfirma Istikbal gehören. Nahezu alle Sofas, Schrankwände und Einbauküchen des Landes werden hier gebaut, auch europäische Unternehmen lassen in der Stadt fertigen.  
„Kayseri ist das Schwaben der Türkei“, sagt Şafak Çivici. „Die Menschen sind konservativ, fleißig und bescheiden.“ Die 50-jährige Unternehmerin ist in Stuttgart aufgewachsen, dann zog es sie in die Heimat ihrer Eltern. 1997 öffnete sie mit ihrem Mann eine Holzwerkstatt, inzwischen hat ihr Unternehmen 60 Mitarbeiter und produziert Stühle für Europa. „Das ist auch ein Erfolg von Erdogan“, sagt Çivici.  
„Vor seiner Amtszeit betrug die Inflation über 40 Prozent. Die Regierungen waren chaotisch und korrupt, ständig gab es Streit in den Koalitionen, auf nichts war Verlass.“ Viele ihrer Freunde, sagt Çivici, hätten Erdogan und seine AKP aus Protest gewählt. „Seit seinem Amtsantritt ist die türkische Lira relativ stabil und hat sogar an Wert gewonnen.“
Zuvor wurde die Wirtschaft von der kemalistischen Elite kontrolliert, doch Erdogan öffnete die Märkte für Unternehmer aus Anatolien. Er privatisierte große staatliche Unternehmen wie Türk Telekom, die Öl- und Gasindustrie, Häfen und Flughäfen; er liberalisierte den Arbeitsmarkt, reformierte den Banken- und Kreditsektor und förderte die Wirtschaft. 
Zu Beginn der AKP-Ära wuchs die Wirtschaft jährlich um bis zu neun Prozent. Ausländische Anleger investierten von 2003 bis 2012 rund 400 Milliarden Dollar. In den 20 Jahren zuvor waren es lediglich 35 Milliarden. So stiegen unbedeutende Orte in Zentralanatolien zu Industriestädten auf – und es entstand eine neue Mittelschicht: das islamisch-konservative Bürgertum, wohlhabend und fromm zugleich.
So wie Kayseri stellt sich Erdogan die ganze Türkei vor. In den Restaurants wird kein Alkohol ausgeschenkt, viele Frauen tragen Kopftuch, fast jede Firma verfügt über einen Gebetsraum. Glaube und Leistung, sagen sie hier, ergänze sich. „Islamische Calvinisten“ werden sie von Soziologen genannt. Die AKP bekommt bei Wahlen regelmäßig bis zu 70 Prozent der Stimmen. Kayseri ist ein Ort, an dem es für Erdogan wenig Widerworte gibt.
Zumindest bis jetzt. Doch ganz langsam und leise ändert sich das. Erdogan sei nicht mehr so unumstritten wie noch vor ein paar Jahren, sagt Çivici. Sein harsches Vorgehen gegen die Gezi-Demonstranten und kritische Journalisten sei ihr unverständlich, „ebenso seine Abkehr vom Reformkurs und seine Abwendung von der EU“. Und auch Erdogans wichtigstes Fundament bröckelt: Die Wirtschaft wuchs 2013 nur noch um drei Prozent. Der IWF warnte, die Türkei sei der fragilste aller Schwellenmärkte. 
Denn der Erfolg täuschte lange Zeit über ein strukturelles Defizit hinweg, das die AKP noch befördert hat. Die Türkei importiert seit Jahren deutlich mehr Güter, als sie exportiert – und häuft so Schulden an. Das Handelsbilanzdefizit stieg unter Erdogan von 16 Milliarden auf 84 Milliarden Dollar im Jahr 2012. Ausländische Geldgeber hätten zudem nur kurzfristig investiert, sagt Çivici. „Kaum begann die weltweite Finanzkrise, haben sie ihr Kapital wieder abgezogen.“Nachhaltig sei die Entwicklung daher nicht. „Wir haben Malls, Malls, Malls, vor allem die Baubranche boomt“, sagt die Unternehmerin. „Eine solide Industrie oder einen langfristig erfolgreichen IT-Sektor gibt es nicht.“  
 

Die Versöhnung: Diyarbakir 

Noch vor zehn Jahren herrschte in der größten kurdischen Stadt der Ausnahmezustand. Heute kommen Touristen in die Stadt am Tigris, Hilton hat ein Hotel eröffnet, der Flughafen wird  zu einem der größten des Landes ausgebaut. Wo früher Soldaten patrouillierten, verkaufen heute Händler T-Shirts mit dem Porträt des PKK-Führers Abdullah Öcalan. 
Bis 2004 war es verboten, Kurdisch zu sprechen, kurdische Bücher zu lesen oder kurdische Musik zu hören. Doch Erdogan entschuldigte sich als erster türkischer Regierungschef für die Verbrechen des Staates an den Kurden. Die Regierung handelte einen Waffenstillstand aus, sie lockerte das Sprachverbot und förderte die Wirtschaft in der Region, inzwischen gibt es sogar kurdischsprachiges Fernsehen. Uneigennützig war das alles nicht, denn damit erschloss Erdogan sich eine neue Wählerschicht. Erst Ende Juni brachte die Regierung ein Amnestiegesetz für PKK-Kämpfer ins Parlament ein, ein Wahlgeschenk an die Kurden, deren Stimmen er für eine Mehrheit im ersten Wahlgang braucht. 
Denn Erdogan konkurriert mit einem kurdischen Präsidentschaftskandidaten, dem ersten überhaupt. Selahattin Demirtaş ist hier im Südosten aufgewachsen, er erlebte als Kind, wie türkische Soldaten Dörfer niederbrannten und die Bewohner hinrichteten, angeblich, weil sie PKK-Kämpfer waren oder sie versteckten. Heute ist Demirtaş der Spitzenkandidat der kurdischen Partei HDP, unterstützt wird er auch von jungen und liberalen Türken. Meinungsumfragen sehen ihn bei nur etwa zehn Prozent, doch allein seine Kandidatur ist eine Sensation.  
„Erdogan hat das Land verändert“, gibt Demirtaş zu. Aber er sagt auch:  „Unter Erdogan ist eine demokratische Türkei nicht möglich.“ Er will eine linksliberale Opposition etablieren für Kurden und säkulare Türken. „Wir träumen von einer pluralistischen Türkei, die nicht nur Kemalisten oder konservativen Sunniten gehört.“  
 

Der Machtkampf: Ankara   

„Keine Angst! Treten Sie ein!“, ruft Abdüllatif Şener. Seine Stimme wird von einer Bohrmaschine übertönt, Bauarbeiter schleppen Schutt durchs Treppenhaus. Şener hat kein besseres Büro gefunden, Hauseigentümer in Ankara weigern sich, an den Wirtschaftsprofessor zu vermieten. Dabei hat er einst die AKP mitgegründet, er war Finanzminister und Vizepremier. Doch 2008 hat er die Partei im Streit verlassen. 
Şener knetet eine Gebetskette. Erdogan, erzählt er, sei unter den AKP-Gründern umstritten gewesen. Er habe kein politisches Konzept gehabt, geradezu provinziell sei er gewesen. Doch Erdogan war der populärste muslimische Politiker des Landes, vor allem, seit er 1997 vom Militärregime verhaftet und zu zehn Monaten Haft verurteilt wurde – weil er in einer Rede aus einem Gedicht den als islamistischen Aufruf verstandenen Satz zitiert hatte: „Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette.“ Die Haftstrafe machte Erdogan zum Märtyrer.
Die AKP-Gründer wollten, dass ihre Partei als moderate Kraft erschien, erzählt Şener. Forderungen wie die Einführung der Scharia oder die Abkehr vom Westen wurden daher aus taktischen Erwägungen gestrichen. „Wir benutzten die säkulare Rhetorik, um das Militär zu besänftigen.“Nachdem der erste islamistische Premier Necmettin Erbakan von der Refah-Partei, aus der die AKP hervorging, 1997 aus dem Amt geputscht wurde, wollte man vorsichtiger vorgehen. „Aber wir haben unsere religiösen Überzeugungen nicht verworfen“,  sagt Şener. „Wir haben begriffen, dass wir die Gesellschaft nur langsam verändern können.“ 
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Die säkular-kemalistischen Militärs beobachteten den Premier mit Sorge, doch lange reagierten sie nicht, auch weil Erdogan die Annährung an die EU vorantrieb und den Verdacht der Islamisierung nicht bestätigte. Doch spätestens im Jahr 2007 merkten