Inhaltsverzeichnis

Vorwort
Software frisst die Welt
Künftig ersetzen Maschinen das menschliche Denken
Wettlauf der Systeme
Amerikanische Hightech-Firmen attackieren die deutsche Industrie
Blick in den Rückspiegel
Deutschen Start-ups fehlt es an Kapital und Mut
Der Sieg der Algorithmen
Welche Arbeit bleibt für den Menschen, wenn Maschinen das Denken ersetzen?
Die Gesetzlosen
Auch die digitale Ökonomie braucht Regeln
Larry und die Mondfahrer
Wie sich Google zum globalen Hightech-Konzern entwickelte
Gnadenlos.com
Der Aufstieg von Amazon zum größten Online-Händler der Welt
David gegen Goliath
Mit günstigen Finanzdienstleistungen fordern FinTechs die etablierte Bankbranche heraus
Fürchtet euch nicht!
Die digitale Zukunft schleicht sich schrittweise in unseren Alltag ein
Kinderjahre einer Revolution
Die Geschichte des Internets und die ersten Browser
Impressum
Digitale Revolution

Vorwort

Eine neue Revolution hat die Wirtschaft erfasst: Die Digitalisierung krempelt ganze Branchen um, sie macht alte Geschäftsmodelle obsolet und dringt zunehmend in Bereiche vor, die sich bisher sicher wähnten. Große Konzerne werden plötzlich von kleinen Start-ups attackiert, und die deutsche Industrie muss sich auf die Konkurrenz von Google & Co. einstellen. Die Folgen dieses Wandels bleiben nicht auf die Unternehmen beschränkt, jeder Einzelne bekommt sie zu spüren, in seiner Arbeits-, Konsum- und Freizeitwelt: Wenn erst einmal jeder mit jedem und allem vernetzt sein wird, bleibt (fast) nichts mehr wie es war. Noch ist unklar, wie die Welt am Ende der digitalen Revolution aussehen wird: Ob sie weitgehend schutzlos neuen Fast-Monopolisten ausgeliefert sein wird. Oder ob es gelingt, der neuen Ökonomie Grenzen zu setzen, um die Menschen und deren Daten vor Missbrauch zu schützen. 
 
Armin Mahler
SPIEGEL 15/2014

Software frisst die Welt

Serien-Teil 1: Die Digitalisierung verändert die Wirtschaft so grundlegend wie einst die industrielle Revolution. Künftig ersetzen Maschinen nicht nur die Muskelkraft, sondern auch das menschliche Denken. Von Armin Mahler und Thomas Schulz
Im Herzen des Silicon Valley, auf dem Gelände einer Luxushotelanlage, liegt versteckt in den grünen Hügeln von Palo Alto ein Nukleus der neuen digitalen Welt, die Zentrale von Andreessen Horowitz. Marc Andreessen und Ben Horowitz sind die Geldgurus der Digitalisierung, so einflussreich und mächtig wie wenige andere in der Welt von Google, Facebook und Twitter, sie verteilen Milliarden Dollar, finanzieren die Technologie von morgen, und ihre Absichten machen sie jedem klar, der die Lobby ihrer Firma betritt.
An den Wänden hängen großformatige Fotos von Atombombenexplosionen. Es sind teure und seltene Originalaufnahmen, aufwendig aufgearbeitet, doch die Aufmachung als Kunstobjekt verschleiert kaum die eigentliche Botschaft, die sie transportieren sollen: Wir sind hier, um die alte Wirtschaft mit ihren analogen Industrien in die Luft zu sprengen.
Vor drei Jahren hat Andreessen seine Weltsicht in einer Prophezeiung zusammengefasst, die inzwischen zum inoffiziellen Motto der digitalen Revolution geworden ist. Sie lautet: Software frisst die Welt, indem sie die etablierten Industrien durch neue Modelle und Dienstleistungen ersetzt, die schneller, klüger und billiger sind.
Damals galt das noch als gewagte These, als Größenwahn von Technikjüngern, geblendet von dem Hype um Facebook und der neuen Smartphone-Welt. Doch die Prophezeiung scheint sich zu erfüllen, schneller und gründlicher, als es sich selbst ihre Apostel im zukunftsverliebten Silicon Valley erträumt haben.
„Die Grundtechnologien - also Internet, mobile Computer und die Cloud - sind inzwischen so weit fortgeschritten, dass sie sich auf so gut wie jede Industrie, jedes Problem anwenden lassen“, sagt Ben Horowitz. „Zuvor war Technologie nur ein Teil der Wirtschaft, heute ist Technologie dabei, die gesamte Wirtschaft umzubauen.“
So langsam setzt sich auch in Deutschland die Erkenntnis durch, dass etwas Grundlegendes im Gange ist. Dass hinter dem Aufstieg von Google und Facebook, von Amazon und Apple mehr steckt als der übliche Strukturwandel, wie er die Wirtschaft alle paar Jahrzehnte in Schüben heimsucht.
Was im kalifornischen Silicon Valley auf relativ engem Raum zu besichtigen ist, sind die Vorboten einer neuen industriellen Revolution, so grundlegend wie einst die Erfindung der Dampfmaschine und die Nutzung des elektrischen Stroms. Damals ersetzten Maschinen die menschliche Muskelkraft und machten so die industrielle Massenproduktion erst möglich. Heute verdrängt Software die Hardware, und ersetzt wird nicht mehr die Muskelkraft, sondern gleich das menschliche Gehirn.
Der Rohstoff der neuen Wirtschaft sind Daten. Sie werden bei jedem Kontakt mit dem Computer oder dem Smartphone erfasst, künftig auch durch Sensoren in Brillen oder Uhren, in Autos und Maschinen. Anschließend werden sie in gigantischen Rechenzentren von komplizierten Algorithmen verarbeitet. Diese mathematischen Formeln bestimmen, wer mit welcher Werbung versorgt und wem welches Produkt empfohlen wird. Und künftig auch: wer einen Kredit oder eine Versicherung zu welchen Konditionen bekommt. Oder: welche Nachrichten als lesenswert erachtet werden.
Die Digitalisierung ist kein neues Phänomen, sie breitet sich schon seit Jahren aus. Doch erst die Explosion der Rechnerkapazitäten und das mobile Internet haben die Infrastruktur für die digitale Revolution geschaffen. Sie dringt in alle Bereiche der Wirtschaft vor, auch in solche, die bisher noch ungefährdet schienen, sie krempelt ganze Branchen um und macht einst erfolgreiche Geschäftsmodelle obsolet.
„Die digitale Transformation“, sagt Professor Stefan Groß-Selbeck vom Berliner Institut für Internet und Gesellschaft, „verändert die Art, wie wir kommunizieren, konsumieren und produzieren.“ Man könnte auch sagen: wie wir leben und arbeiten.
Die Frage ist, was das alles bedeutet. Für unser Leben, unsere Wirtschaft, unsere Arbeit. Und für die ganze Gesellschaft. Ob die Digitalisierung wie ein Schicksal über uns kommt oder ob sich die Entwicklung steuern lässt. Ob die Menschen am Ende frei und selbstbestimmt oder Marionetten in den Händen kalifornischer Fast-Monopole sein werden.
 

Silicon Valley: die Ideenschmiede der Welt

Noch immer gibt es Wirtschaftsexperten und Unternehmensführer, die glauben, die digitale Revolution sei letztlich ein riesiger Hype. Eine Blase voll großer Versprechungen und wahnwitziger Unternehmensbewertungen, aber mit wenig Substanz. Ähnlich wie Ende der neunziger Jahre, als es schon einmal eine „New Economy“ geben sollte und nur geplatzte Träume und verbrannte Milliarden zurückblieben.
„Wer das noch immer glaubt, hat den Schuss nicht gehört“, sagt Ben Horowitz, der Wagniskapitalist. Damals basierten utopische Börsenbewertungen allein auf Visionen und Hirngespinsten, heute aber sind Milliarden Menschen online und Computer in jeden Winkel des Lebens vorgedrungen. „Der Aufstieg der Software-Industrie ist keine Blase, sondern ein fundamentaler ökonomischer Paradigmenwechsel“, sagt er.
Horowitz zählt zu den Pionieren des Internets, er ist seit 1992 im Geschäft, gemeinsam mit Marc Andreessen entwickelte er den ersten großen Webbrowser Netscape. Auch an der Entwicklung der Cloud war Horowitz beteiligt, der Datenwolke, die es Unternehmen und Privatpersonen erlaubt, Rechner- und Serverleistungen über das Internet zu beziehen. Heute ist die Cloud ein zentraler Bestandteil der digitalen Infrastruktur. 2007 verkaufte Horowitz sein Unternehmen Opsware für fast zwei Milliarden Dollar an Hewlett-Packard. Nun gelten Horowitz und sein Partner Andreessen als brillant, weil sie die digitale Zukunft vorhergesehen haben. Aber das ist noch nicht lange so.
„Nach dem Dotcom-Crash galten wir alle als Idioten, das Internetgeschäft als Witz“, sagt Horowitz. Paul Krugman, Nobelpreisträger und Kolumnist der „New York Times“, schrieb 1998, das Internet werde nicht mehr Einfluss auf die Wirtschaft haben als das Faxgerät. Horowitz hat das nicht vergessen. Und wenn er davon erzählt, in seinem riesigen, eleganten Büro, in das die Wirtschaftsführer der Welt kommen, um ihn um Rat zu fragen, dann blitzt für einen Moment Genugtuung durch seine sonst so nüchterne Fassade.
Andreessen Horowitz hat in den vergangenen Jahren viele der wichtigsten Silicon-Valley-Phänomene mitfinanziert und ihnen zu globalem Erfolg verholfen, darunter Facebook, Twitter, Airbnb, Skype und Pinterest. Horowitz hat sich dabei den Spitznamen „CEO-Flüsterer“ erworben, als „Management-Guru für alle jungen Unternehmer im Silicon Valley“. So sagt es Mark Zuckerberg, der Facebook-Gründer.
Bis zu 3000 Ideen bekommt Horowitz im Jahr von Start-ups auf der Suche nach Finanzierung vorgestellt. Nur einige Dutzend von ihnen erhalten am Ende die erwünschten Millionen - und damit, vielleicht noch wichtiger, auch das Gütesiegel, von Andreessen Horowitz für vielversprechend gehalten zu werden.
Horowitz sagt, es gehe darum, die Idee zu finden, die noch keiner hatte. Aber vor allem suchen Andreessen und Horowitz nach Gründern, in denen sie sich selbst wiederfinden, mit denen sie ihre eigene Erfolgsgeschichte fortschreiben können.
Denn das ist der Motor, der die Erfindungsmaschine im Silicon Valley antreibt: Wer einmal Geld gemacht hat, investiert es in andere Ideen, unterstützt ein neues Projekt und zieht damit wieder Geld von noch mehr Investoren, Banken und Fonds an. Es ist ein enormer Kreislauf, der jedes Jahr Milliarden umschlägt. Tausende Investoren, reich geworden bei vergangenen Börsengängen und Firmenverkäufen, verteilen ihr Privatvermögen auf die nächste Gründergeneration.
Es gibt ein Netzwerk aus Google-Millionären, der PayPal-Mafia um Peter Thiel, der Yahoo-Truppe und dem Facebook-Clan. Der Twitter-Börsengang allein hat wieder Hunderte neue Millionäre geschaffen. Und viele von ihnen sind schon auf der Suche nach der nächsten großen Idee, die sie fördern und finanzieren können und die sie selbst noch ein bisschen reicher machen könnte.
Das ist der Grund, warum das Valley so einzigartig ist auf der Welt: als enormes Innovationszentrum. Über Jahrzehnte hat sich eine Geldmaschine entwickelt, die sich ständig selbst füttert.
So zirkulieren die Milliarden fast ausschließlich innerhalb weniger hundert Quadratkilometer. Nach Europa, vor allem nach Deutschland, findet das Startkapital den Weg nur selten. Horowitz hält es für sinnvoller, „den deutschen Ingenieur abzuwerben und ins Silicon Valley zu verpflanzen“.
Genau das ist passiert in den vergangenen Jahren. Viele der besten deutschen Informatiker, Elektroingenieure, Robotik-Experten und Maschinenbauer zieht es nach Kalifornien, zu Google, Apple und Facebook genauso wie zu winzigen Start-ups. Tausende der klügsten Köpfe sind ins Silicon Valley gegangen statt zu Siemens oder Daimler.
Was Programmierer und Wissenschaftler aus aller Welt lockt, sind oft weniger die hohen Gehälter und Aktienoptionen als die Mentalität: Keine Idee ist zu verrückt, kein Problem unlösbar, keine Vision zu groß. Das Silicon Valley hat die ausgeprägte amerikanische Can-do-Kultur noch einmal zugespitzt, bis ins Extrem.
 
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Modell WhatsApp: die Regeln der digitalen Ökonomie

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Wie grenzenlos das Selbstbewusstsein ist, zeigt etwa Facebook-Gründer Mark Zuckerberg: Er hat sich nicht weniger zum Ziel gesetzt, als „die ganze Menschheit zu vernetzen“. Um das zu erreichen, ist ihm kein Preis zu hoch. Wenn es sein muss, gibt er auch 19 Milliarden Dollar für ein Unternehmen aus, das keine bahnbrechenden Produkte oder Innovationen entwickelt hat und gerade mal 55 Mitarbeiter beschäftigt: Die Übernahme des Kurznachrichtendienstes WhatsApp ist ein Lehrstück, sie zeigt, wie die digitale Ökonomie funktioniert - ganz anders nämlich als die herkömmliche.
Angeblich überraschten die WhatsApp-Gründer Jan Koum und Brian Acton Zuckerberg am Valentinstag zu Hause. Während sie schokoladenüberzogene Erdbeeren aßen, machten sie den Milliarden-Deal klar. Unterzeichnet wurde der Vertrag dann vor der Tür des früheren Sozialamts von Mountain View. Hier hatte Koum, der im Alter von 16 Jahren mit seiner Mutter aus der Ukraine eingewandert war, früher für Lebensmittelmarken angestanden.
Vom armen Einwandererjungen zum Multimilliardär - es sind auch solche Geschichten, die junge Talente aus aller Welt nach Kalifornien locken. Schon der Aufstieg von Zuckerbergs sozialem Netzwerk lieferte Stoff für ein Hollywood-Drama, und die rankünenreiche Gründungsphase des 140-Zeichen-Dienstes Twitter soll demnächst als TV-Serie verfilmt werden.
Die Summen mögen gigantischer sein, die Erfolge glamouröser, die Unternehmer smarter als in der traditionellen Ökonomie: Doch wie immer in der Wirtschaft geht es auch im Valley vor allem um Macht und Geld. Und darum, die Konkurrenz möglichst kleinzuhalten. Oder ganz verschwinden zu lassen.
So wie das soziale Netzwerk MySpace unterging, als Facebook seinen Siegeszug begann. Denn so schnell, wie in der digitalen Wirtschaft Unternehmen aufsteigen können, so schnell stürzen sie wieder ab, wenn ein junges Unternehmen mit einer noch pfiffigeren Idee durchstartet.
2012 übernahm Facebook deshalb die kostenlose Foto-App Instagram, bevor sie dem Unternehmen selbst gefährlich werden konnte. Nun folgte WhatsApp für eine noch weit abenteuerlichere Summe. Der Kurznachrichtendienst hatte sich binnen kurzem zum mächtigen Konkurrenten entwickelt, 450 Millionen Menschen in aller Welt nutzen ihn schon, um Nachrichten und Bilder auszutauschen.
Ob sich der Deal für Zuckerberg nach rein betriebswirtschaftlichen Kriterien rechnet, ist aus dieser Sicht eher zweitrangig. Es geht vielmehr darum, eine möglichst große Plattform zu schaffen, die möglichst viele Menschen an sich bindet. Ihnen können dann Produkte und Dienstleistungen aller Art angeboten werden. Und zwar weltweit, ohne teure Vertriebsstrukturen, wie sie die herkömmliche Ökonomie erfordert.
„Ein soziales Netzwerk wie Facebook mit über einer Milliarde 'Bürgern' wäre in der realen Welt die drittgrößte Volkswirtschaft - und damit eine gewaltige Wirtschaftsmacht“, sagt Oliver Fiechter, Gründer und Co-Inhaber des ISG-Instituts St. Gallen.
Mit dem Kauf des auf 3-D-Brillen spezialisierten Start-ups Oculus für zwei Milliarden Dollar will Zuckerberg diese Macht weiter ausbauen, er will eine virtuelle Welt schaffen, in der die Menschen einen großen Teil ihrer Zeit verbringen. Wenn seine Vision aufgeht, rückt Facebook endgültig in die Liga von Google und Apple auf - die Liga der einflussreichsten, wertvollsten und profitabelsten Unternehmen der Welt.
 

Ausnahme SAP: Wo bleiben die Deutschen?

Die Macht in der Weltwirtschaft wird neu verteilt, aber Deutschland ist in diesem Wettkampf Zuschauer. Es gibt nur ein IT-Unternehmen von Weltrang: SAP. Und das wird zunehmend amerikanisch.
In Palo Alto, gleich neben Hewlett-Packard und um die Ecke von Microsoft, hat SAP eine weitläufige Niederlassung, die sich auf den ersten Blick kaum unterscheidet von den Campus-Anlagen von Google und Facebook. Vor der Tür stehen in langen Reihen Elektroautos an kostenlosen Aufladestationen, drinnen gibt es schicke iPad-Stationen und offene Etagen ohne Einzelbüros, aber mit vielen bunten Sitzmöbeln und großen Fenstern mit weitem Blick in die Berge von Nordkalifornien.
Die deutschen Wurzeln des Konzerns sind zu erkennen an den Männern in dunklem Anzug und mit Krawatte, die vereinzelt durch die Gänge streifen - Besucher aus der Zentrale im badischen Walldorf. Es ist ein krasser Kontrast zu T-Shirts und Jeans, Fleecepullis und Turnschuhen, sonst die Uniform im Silicon Valley bis hinauf in die Vorstände.
Vishal Sikka trägt ein schwarzes T-Shirt über schwarzer Hose, seine schwarzen Haare sind durchzogen von grauen Strähnen. Sikka ist Technologievorstand von SAP und offizieller Konzernvordenker, ein enger Vertrauter des Unternehmensgründers Hasso Plattner. Sikka ist zuständig für die „intellektuelle Erneuerung“ des Konzerns, mit der ihn Plattner beauftragt hat. Seine Aufgabe fasst er in drei Wörtern zusammen: „Innovate or die!“ Sei innovativ oder gehe unter.
„Die ganze Welt wird digital, Atome werden zu Bits“, sagt Sikka. „Es geht jetzt erst richtig los.“ Was das für die Industrien der Welt und für das Unternehmen selbst bedeutet, darüber wird in diesen Tagen im SAP-Vorstand viel diskutiert.
Der Technologievorstand gilt vielen als Kronprinz, als nächster Chef des Unternehmens. Aufgewachsen als Sohn eines Eisenbahners in Indien, promovierte er an der Elite-Uni Stanford und gründete zwei erfolgreiche Start-ups, bevor er 2002 zu SAP kam.
Fragt man Sikka nach der Neuausrichtung von SAP, der neuen Unternehmensphilosophie, mit der er den Angriffen aus dem Silicon Valley Paroli bieten soll, dann holt er weit aus, sehr weit. Er beginnt bei Albert Einstein, spricht über Lichtgeschwindigkeit und wie schnell Informationen übertragen werden können, um am Ende zu sagen: „Die Welt tendiert von selbst dazu, immer komplexer zu werden, außer es greift jemand von außen ein.“ Er glaubt, dass Software, vor allem Software von SAP, künftig dabei helfen soll, die Welt „simpler“ zu machen.
SAP hat dafür ein Produkt namens HANA geschaffen, eine Datenbank-Software, die „schneller Informationen verarbeitet als alles, was die Menschheit je gesehen hat“. Sie soll nicht nur die Zukunft von SAP, sondern die Zukunft der Software überhaupt repräsentieren. Sie soll die Garantie sein, dass SAP auch weiterhin in der Weltliga mit Google und Microsoft mitspielt.
Um zu zeigen, wie wegweisend, „wie revolutionär“ die neue Technologie ist, springt Sikka aufgeregt durch den Raum, skizziert Diagramme auf großen Tafeln und lässt zwei Laptops bringen, um die Möglichkeiten der neuen Anwendungen zu präsentieren: In zwei, drei Sekunden werden Millionen Unternehmensdatensätze durchwühlt, geordnet, in Grafiken und Statistiken ausgespuckt. Sikka lacht, er sagt: „Ist das nicht Wahnsinn?“
SAP will mit aller Macht ausbrechen aus der Nische für Unternehmens-Software, die der Konzern schon lange dominiert. Es sind komplizierte Produkte, aufwendig entwickelt und betreut von einer riesigen Maschinerie, die kaum zu duplizieren war. Bislang. Aber im digitalen Jetzt, wo auch 20-Mann-Unternehmen Software für Millionen Kunden bauen und vertreiben können, schwindet dieser Vorteil rasant. Google, Facebook und die anderen großen Spieler im Valley verlassen sich deswegen schon lange nicht mehr auf die Ideen und Produkte, mit denen sie groß geworden sind, sondern drängen, so schnell sie können, in neue Bereiche, neue Industrien.
Diesen Weg versucht nun auch SAP zu gehen, und so entwickelt der Konzern auf Grundlage seiner neuen Technologie maßgeschneiderte Anwendungen für alles und jeden. In rasendem Tempo rasselt Sikka Beispiele herunter, für wen und wie SAP nun Software-Lösungen baut: für intelligente Bohrroboter von Ölfirmen etwa, die aufgrund von Gesteinsanalysen vorab erkennen, wo der Bohrer stecken bleiben könnte. Für Banken, die Markt- und Kundenrisiken managen wollen. Für Flugzeughersteller, die Maschinendaten aus sechs Monaten in zwei Sekunden ausgewertet bekommen.
Es gibt nicht wenige Kunden und Mitarbeiter des Konzerns, die skeptisch sind; die glauben, dass nur wenige die neue Zukunftstechnologie wirklich brauchen und der Konzern sich eher in eine Sackgasse manövriert. Aber Sikka schüttelt den Kopf, er weiß um die Widerstände. Er sagt: „Ich rede mich seit Monaten heiser dazu, die Leute müssen verstehen, dass es keine Alternative gibt, dass neue Zeiten angebrochen sind, und wer nicht auf der Hut ist, wird überrannt.“ Das sei frustrierend und schwierig, „aber wenn wir nicht reagieren, werden wir irrelevant“.
SAP hat die Zeichen der Zeit erkannt, so sieht es Herbert Henzler, der langjährige deutsche McKinsey-Chef, eine Art Elder Statesman der deutschen Wirtschaft. Er beklagt die mangelnde Präsenz der deutschen Industrie im Valley und sieht sogar die „Zukunftsfähigkeit der deutschen Wirtschaft in Gefahr“. Es sei gefährlich, mahnt er, „im Zentrum der digitalen Revolution nicht vertreten zu sein und eines Tages zu erleben, dass sich viele künftige Entwicklungen dort heute schon abzeichnen“.
 

Start-ups: der Angriff der jungen Wilden

Was die Deutschen im Silicon Valley lernen können, ist vor allem: groß zu denken. Die Gründer der großen Internetkonzerne - Steve Jobs (Apple) und Jeff Bezos (Amazon), Larry Page (Google) und Mark Zuckerberg (Facebook) - hatten eine Vision, die sie gegen alle Widerstände durchsetzten. Sie sind die Vorbilder für eine ganze Generation von Jungunternehmern, die ihnen nacheifern und die digitale Revolution weiter vorantreiben.
So wie Airbnb-Gründer Brian Chesky, der eine Firma bauen will, „die Generationen überdauert, wie Walt Disney und Steve Jobs es getan haben“.
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Ob das eine große Vision oder nur Größenwahn ist, spielt erst einmal keine Rolle. Entscheidend ist, dass es in der digitalen Welt tatsächlich möglich wird, mit einem winzigen Unternehmen und einem Dutzend Angestellten den halben Planeten zu erobern.
„Am Ende ist es völlig egal, wie jung ein Unternehmen ist und wie wenige Mitarbeiter es hat“, sagt Horowitz. „Was zählt, ist, dass in der Zeit von Smartphones und einer global vernetzten Menschheit die einst ehernen Grundregeln der Wirtschaftswelt nicht mehr gelten, wie viele Kunden man wie schnell gewinnen kann.“
Zuletzt sind die Preise für Technologie-Start-ups deswegen immer weiter gestiegen, solange sie nur ausreichend Anwender nachweisen können. Umsatz, Gewinn und Businesspläne sind zweitrangig. In den vergangenen Monaten erreichten allein in den USA rund 30 Internetunternehmen schon vor dem Börsengang Bewertungen von mindestens einer Milliarde Euro. Allen voran der Zimmervermittlungsdienst Airbnb, der nun knapp zehn Milliarden Dollar wert ist.
Airbnb besitzt keine Immobilien und beschäftigt nicht Tausende Angestellte, die Koffer schleppen oder Frühstück machen. Das Unternehmen aus San Francisco hat einen einfach zu bedienenden Online-Marktplatz geschaffen, über den Immobilienbesitzer ein Zimmer, eine Wohnung oder ein ganzes Haus für kurze Zeit vermieten können. Der Übernachtungspreis wird vom Vermieter festgesetzt, Airbnb kassiert eine Gebühr.