Inhaltsverzeichnis

Jürgen Leinemann (1937 - 2013)
In Erinnerung an Jürgen Leinemann
Ein Vorwort von Dirk Kurbjuweit
„Schröder plus X“
Über Gerhard Schröder im Wahlkampf
„Schaden an der Seele“
Über die Droge Macht in der Politik
„Wie ein kleiner König“
Über die lange Karriere des Trainers Sepp Herberger. I. Fußball unterm Hakenkreuz.
„Wie ein kleiner König“
Über die lange Karriere des Trainers Sepp Herberger. II. Aus dem Jammertal zur Weltmeisterschaft.
„Ich muß härter werden“
Über die stellvertretende CDU-Vorsitzende Angela Merkel
„Er kämpft und kämpft...“
Über den VW-Chef Ferdinand Piech
„Ein grübelnder Patriot“
Über Willy Brandt und die Deutschen
„Der letzte Dinosaurier“
Über Kohls zehnjährige Kanzlerschaft
„Die Harmonie des Widerspruchs“
Über den SPD-Linken Oskar Lafontaine
„Überlebensgroß Herr Strauß“
Über den Kanzlerkandidaten der Union
„Was für ein trostloses Leben“
Über den BKA-Präsidenten Horst Herold
„In den Mauern der Trunksucht“
Horst Zocker über Ernst Herhaus: „Kapitulation“
„Der Tod, mein Lebensbegleiter“
Jürgen Leinemann über seine Krebs-Krankheit
„Gedenken“
Nachrufe auf den SPIEGEL-Reporter Jürgen Leinemann
„VIEL ZU NAH“
Nachruf von Gerhard Schröder
„SEIN TROST“
Nachruf von Cordt Schnibben
„IN ÖL“
Nachruf von Birgit Lahann
„EIN DOLMETSCHER“
Nachruf von Wolfgang Schäuble
„VOR DEM ABPFIFF“
Nachruf von Wibke Bruhns
„ENTDECKUNGSVERLIEBT“
Nachruf von Klaus Brinkbäumer
„SCHARFER SCHNITT“
Nachruf von Hans-Dietrich Genscher
„DER RETTER“
Nachruf von Uli Hoeneß
„SEIN PANZER“
Nachruf von Gerhard Spörl
„NASE IM WIND“
Nachruf von Jürgen Flimm
Impressum

Jürgen Leinemann (1937 - 2013)

Politische Porträts
aus dem SPIEGEL
      
mit einem Nachruf     
von Dirk Kurbjuweit
Vorwort
In Erinnerung an Jürgen Leinemann von Dirk Kurbjuweit
Mein Vorbild ist tot. Jürgen Leinemann starb in der Nacht von Samstag auf Sonntag. Er wurde 76 Jahre alt. Als ich Anfang der achtziger Jahre auf der Journalistenschule war, gab es für mich nur ein Ziel: So zu schreiben wie Leinemann vom SPIEGEL. Das war ein dummes Ziel, denn niemand kann so schreiben wie ein anderer, und schon gar nicht kann einer schreiben wie Jürgen Leinemann, der König des politischen Porträts. 
 Seine Texte habe ich immer zuerst gelesen, atemlos. Wenn er einen Menschen beschrieb, dann wurde der lebendig, dann wurde er sichtbar, hörbar, spürbar, aber er war nicht der Mensch, der er für andere war, er war der Mensch, den Leinemann gesehen und erkannt hatte. Mit seinen Worten holte er die Politiker aus ihrer Banalität und Ödnis und machte sie zu großen Figuren in einem großen Theater, aber am Ende des Stücks wusste man, sie sind banal und öde, aber nicht nur. Das war die wunderbare Dialektik seiner Texte. 
Als ich bei der „Zeit“ war, sollte ich Horst Herold porträtieren, ehemals Chef des Bundeskriminalamts. In den Archivunterlagen fand ich ein Porträt Leinemanns. Ich las und wollte nicht mehr zu Herold fahren. Dieses Niveau war nicht zu erreichen. Schlimmer: Leinemanns Herold war mir so lebendig geworden, dass ich glaubte, den echten Herold nicht mehr erkennen zu können. Ich konnte nur noch auf Leinemanns Herold treffen. Und wie sollte ich das Geschöpf Leinemanns so gut beschreiben als Leinemann selbst? 
Bis heute lese ich vor allem Porträts, die mich stark fordern, Texte von Jürgen Leinemann. Nicht um ihn nachzumachen, sondern um einen Ansporn zu bekommen, ein Gefühl für das Niveau, das möglich ist. Und ich habe nichts dagegen, an Leinemann zu scheitern. Das gilt nur für ihn. 
Er war politischer Reporter, er hat über Fußballweltmeisterschaften und Olympische Spiele berichtet, er war Leiter des Hauptstadtbüros, er hat aufgehört, weil er sich wieder auf das Schreiben politischer Porträts konzentrieren wollte. Ich war politischer Reporter, ich habe über Fußballweltmeisterschaften und Olympische Spiele berichtet, ich war Leiter des Hauptstadtbüros, ich habe aufgehört, weil ich mich wieder auf das Schreiben politischer Porträts konzentrieren wollte. Ich habe bei keiner Lebensentscheidung an ihn gedacht. Es ist mir so passiert, es war Zufall, würde ich sagen. Ein Psychologe hätte vielleicht eine andere Erklärung. 
 Leinemann hatte seinen Dämon, das war der Alkohol. Er hat unter dem Pseudonym Horst Zocker im SPIEGEL darüber geschrieben, unvergessliche Texte. Er hat eine politische Theorie darauf aufgebaut und in einem Buch veröffentlicht. „Höhenrausch“ - Politiker sind so, wie sie sind, weil sie süchtig nach Politik sind. Ich weiß nicht genau, ob das stimmt, aber es ist die einzige umfassende Theorie über den Menschen in der Politik, und schon das ist ein Verdienst. Wenn ich manche Politiker so sehe, denke ich, dass Leinemann vielleicht doch recht hat. 
Wir haben manchmal miteinander geredet, aber wir waren keine Freunde, das muss ich so sagen. Er schien mir nicht nahbar zu sein, manchmal kam er mir misstrauisch vor. Er hätte jeden Grund gehabt, das Gleiche über mich zu sagen. Irgendwie haben wir uns verpasst. 
 Als er krank wurde, habe ich ihn im Krankenhaus besucht. Er konnte kaum noch sprechen, der Krebs hatte ihm die Stimme genommen, genauso den Geschmack für Essen. Später sah ich ihn einmal mit seiner Frau und Freunden im Restaurant „Tre“ in Charlottenburg. Alle aßen, redeten, er nicht. Er war glücklich, dabei sein zu können. Manchmal denke ich die Worte „trotzdem leben“. Ich sehe dann Jürgen Leinemann im „Tre“ vor mir. 
Ich habe ihn noch einmal in der Reha besucht und einmal zu Hause, zuletzt vor zwei Jahren. Er war sehr daran interessiert, was beim SPIEGEL geschah. Ich habe in den letzten Monaten häufig daran gedacht, dass ich ihn besuchen müsste und habe es nicht getan. Warum versäumen wir Dinge, obwohl wir wissen, dass wir sie nicht versäumen dürfen? Es gibt keine neue Chance. 
 Die schönste Geschichte, die ich von ihm kenne, geht so: Am Tag nach Sylvester ging er jedes Jahr mit seiner Frau am Strand von Sylt spazieren. Sie hatten eine Regel. Einer erzählt, wie das vergangene Jahr für ihn war, und der andere darf ihn nicht unterbrechen. Dann ist der andere dran. Dann diskutieren sie. Ich habe das kürzlich meiner Freundin erzählt, und wir haben überlegt, ob wir das auch so machen sollten. Es wäre auch mein Denkmal für mein Vorbild. 
Ich bin traurig, sehr.  
SPIEGEL Deutschland 36/2005
KANZLER

Schröder plus X

Unverdrossen optimistisch tritt Bundeskanzler Gerhard Schröder in einem Wahlkampf auf, den viele für seine Abschiedstournee halten. Schröder genießt dennoch Respekt. Das Amt hat ihn verändert. Von Jürgen Leinemann
Auf der Breitleinwand über der Vorstandstribüne flimmerten die üblichen Erfolgsbilder - glückliche Menschen, friedliche Landschaften, boomende Wirtschaft. Und das alles hat die liebe SPD gemacht.
Wie jede Regierungspartei stimmte am Mittwoch vergangener Woche auch die Sozialdemokratische Partei Deutschland ihre Delegierten auf dem Berliner Wahlparteitag 2005 mit Erfolgssignalen auf die Rede ihres Spitzenkandidaten ein. Schilder behaupteten: „Der Mut ist links“, forderten: „Weiter ackern“ oder priesen den „Friedenskanzler“. Jugendliche in roten T-Shirts, „Freunde von Gerd“, formierten sich zum Spalier, durch das sich der Matador - begleitet von Parteichef Franz Müntefering - strahlend und händeschüttelnd zur Bühne durchkämpfte: „Der Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland“ - Gerhard Schröder.
Würde es das letzte Mal sein? Würden 18 Tage bis zur Wahl am 18. September ausreichen, um Angela Merkel und ihrer CDU/CSU einen Vorsprung von über zehn Punkten in den Umfragen wieder abzujagen? Oder wird ihn seine freimütige Selbstverpflichtung von 1998 einholen? Damals hatte der neugewählte Kanzler Schröder gesagt: „Wenn wir es nicht schaffen, die Arbeitslosenquote signifikant zu senken, dann haben wir es weder verdient, wiedergewählt zu werden, noch werden wir wiedergewählt.“
Die Bereitschaft der 500 Delegierten und der vielen hundert Gäste und Sympathisanten noch einmal an ein Schröder-Wunder zu glauben wie 2002, hielt sich deutlich in Grenzen. „Diese Partei treibt dem Ruin entgegen“, grummelte ein Genosse. „Schröder ist kein Gemeinschaftstyp“, bezweifelte ein anderer die Fähigkeit des Kandidaten, die Basis zu motivieren. „Dabei“, unkte ein dritter, „ist die Stimmung noch besser als die Lage.“
Auf wen träfe diese Charakterisierung besser zu als auf Gerhard Schröder selbst? Um 12.37 Uhr trat der Kanzler auf das flache rote Rednerpodest und stemmte sich sogleich gegen die Wellen von Defätismus und Zweifeln, die ihm aus dem Saal entgegenbrandeten. Die Anstrengung presste seine Stimme, aber die Botschaft kam klar: „Ich sage: Nichts ist entschieden. Lasst euch nicht ins Bockshorn jagen.“
Der Kanzler sprach 90 Minuten und lieferte die sozialdemokratischste Rede seines Lebens ab. Seit 42 Jahren ist Gerhard Schröder jetzt in der SPD, seit bald drei Jahrzehnten redet er auf Bundesparteitagen - aber nie wie vergangene Woche. Zum ersten Mal schien er die viel beschworene „Seele der Partei“ zu erreichen, indem er eine kuschelige Welt solidarischer Genossen der kalten „Ellenbogengesellschaft“ von Union und FDP gegenüberstellte.
Zwölf Minuten lang feierten die Delegierten ihren Kanzler, der ihnen - so Franz Müntefering - in der Vergangenheit manches zugemutet hatte. Aber jetzt sahen die Genossen, was in den letzten Wochen ihre Parteifreunde in Rostock und Ludwigshafen, Hannover und München schon erfahren hatten: Dieser Mann ist ein Kraftwerk in eigener Sache. Wenn es ein Wunder gibt in der diesjährigen Schröder-Kampagne, dann ist es der Chef selbst.
Noch immer gründen sich die Urteile über Gerhard Schröder in den Medien und in der politischen Klasse vorwiegend auf den frechen Egomanen-Stil der Vorregierungszeit, der auch die Anfangsmonate als Kanzler prägte. Doch nicht erst nach seiner Entscheidung gegen den Irak-Krieg haben ehemals so bittere Schröder-Kritiker wie Erhard Eppler - „Dieser Mann ist eine reine Lotterie“ - und Hans-Jochen Vogel - „So wie Schröder bislang agiert, hat er nicht nur der Partei Schaden zugefügt, sondern sich auch selbst beschädigt“ - dem „Hannoveraner“ Respekt bekundet.
Auf dem Parteitag in Berlin saßen sie in der ersten Reihe. Sie honorierten, dass das Amt des Kanzlers und die Epochenbrüche, die während seiner Regierungszeit die Welt umstülpten, auch den Hallodri Schröder verändert haben.
Noch immer ist die zähe Beharrlichkeit des Underdogs das eine Markenzeichen des staunenswerten politischen Karrieristen Gerhard Schröder. Der „Coup“ - der machiavellistische, manchmal ruchlose Zugriff des politischen Virtuosen, der alle verblüfft
und eine festgefahrene Situation öffnet - ist das andere.
Mit seiner Neuwahlankündigung hatte der Kanzler Bewunderer wie den Soziologen Heinz Bude entzückt, der schwärmte: „Er wendet sich ab vom kleinlichen Kalkül der Bürger und erreicht dadurch ihre republikanische Gesinnung.“ Die „taz“ diagnostizierte dagegen kühl: Schröder „sprengte sich selbst in die Luft“.
Der saß in Berlin auf der Parteitagstribüne und wirkte überhaupt nicht selbstmörderisch, sondern gelassen, ja sogar bisweilen auf eine schwer greifbare Weise belustigt. Es konnte ihn nicht überraschen, dass Kritiker aus der eigenen Partei und Anhänger der rot-grünen Regierungskoalition ihm vorwerfen, er habe sein eigenes Scheitern auf ihre Kosten zum Spektakel gemacht - ganz der junge Schröder von einst, der jederzeit für öffentliche Aufmerksamkeit die gute alte Tante SPD zu verkaufen bereit war. So ist er, der politische Zocker Schröder, und so bleibt er auch.
Andererseits - ist es nicht extrem ungewöhnlich, dass einer wie Gerhard Schröder, der sich alles in seinem Leben schwer erkämpfen musste, nun - nach dem Rücktritt als SPD-Vorsitzender - schon zum zweiten Mal freiwillig eine Machtposition räumt, ohne sich wie ein Verlierer zu gebärden? Auch überraschten die Disziplin und die staatsmännische Haltung, mit der er die quälende Zeit zwischen der Ankündigung der Vertrauensfrage und dem tatsächlichen Abstimmungstermin durchstand.
Schröder, das ist seit seiner Wiederwahl 2002 immer erkennbarer geworden, hat längst begonnen, seine Amtszeit unter dem Blickwinkel der künftigen Vergangenheit zu betrachten, dem grammatischen Futurum II verpflichtet: Dereinst wird man wissen, was die Nation an ihm gehabt haben wird.
Der zerzauste Adler hinter dem Schreibtisch des Kanzlers stürzt im freien Fall abwärts. Gerhard Schröder stört das nicht, im Gegenteil, es gefällt ihm sogar. „Ein wunderschönes Bild, mit den Fingern gemalt“.
Georg Baselitz hatte dem Kanzler 2001 die großformatige „Adlerpartitur III“ als Leihgabe für seine Berliner Wohnung angeboten, als Schröder noch nicht im neuen Kanzleramt nächtigte. Aber der entschied sofort, dass das Gemälde hinter seinen Arbeitsplatz ins Amtszimmer gehöre - und zwar kopfüber, um 180 Grad gedreht, wie der Meister das wünschte.
Der „stürzende Adler“ - wie Schröders Mitarbeiter das Bild nennen - irritiert manche Besucher. Sollte das eine symbolische Geste sein? Selbstironie? Metapher der Berliner Republik? Ausdruck der antipathetischen Staatsauffassung des Kanzlers? Tatsächlich hat es gelegentlich Kritik gegeben, dass der Regierungschef eines Landes, dessen Wappentier der Adler ist, ein absinkendes Exemplar in düsterem Grau dahin platziert, wo sein Vorgänger eine schwarz-rot-goldene Flagge aufgebaut hätte.
Aber Kanzler Schröder antwortet nicht politisch. Ganz Kunstkenner blickt er Fragern blauen Auges gerade ins Gesicht: „Das ist künstlerische Freiheit“, sagt er,
„die muss man respektieren.“ Argloser als er könnte kein Mensch gucken, wäre da nicht die Andeutung eines Lächelns im rechten Mundwinkel. Ganz leicht ist der hochgezogen, verkürzt die Kerbe, die zur Nase läuft. Und scheinen nicht seine Augen einen Moment zu grinsen?
Gerhard Schröder ist eigentlich kein Mensch, der zu sich selbst auf ironische Distanz hält. Und so spiegelt die mimische Uneindeutigkeit wohl vor allem die Situation wider, in die er sich hineinmanövrierte, indem er sich von seinen Leuten das Misstrauen aussprechen ließ, um Neuwahlen zu erzwingen. Er wollte einen neuen Anfang und ist bereit, dafür sein politisches Ende zu riskieren.
Es ist dieses gewisse Lächeln, das Gerhard Schröder, 61, in seiner paradoxen Lage vor der selbsterzwungenen Bundestagswahl charakterisiert. Es schien schon zwei Tage vor der Neuwahlankündigung auf, am 20. Mai in Dortmund, als er zum Abschluss des desaströsen NRW-Wahlkampfs über die Menge der verzagten Genossen blickte. Und jetzt - zwei Wochen vor dem Termin der Entscheidung - stiehlt er sich immer häufiger auf seine Züge, während der rituellen Siegerpose auf dem Parteitag, bei Platzregen in der Laubenpieperkolonie Bonsfeld im bergischen Velbert. Oder in der Berliner Abendsonne im Garten des Kanzleramts.
Es ist ein Lächeln, das viele Deutungen zulässt. Es warnt vor voreiligen Gewissheiten. Signalisiert es Überheblichkeit? Zweifel am frivolen Tun? Relativiert es die eigene Bedeutung? Oder verspottet es Feind und Freund? Vor sieben Jahren, als Schröder zum ersten Mal als Kanzler antrat, hätten selbst seine Bewunderer den hintersinnigen Gesichtsausdruck des Medienstars aus Hannover als Beleg dafür gewertet, dass er unfähig sei zum staatsmännischen Ernst.
Jetzt hat dieses vage Lächeln eine melancholische Heiterkeit, die Einsamkeit verrät und Enttäuschung, aber auch Triumph und Sicherheit. Es ist nicht schwer, den jungen Schröder darin wiederzuerkennen, der antritt, wie zu einem Spiel. Es ist aber ganz unmöglich, einen im Amt gereiften Schröder zu übersehen, der auftritt, als wäre er mit sich im Reinen.
„Ich will wirklich gewinnen“, versichert er seinen Wählern dieser Tage landauf, landab. Glaubt er das selbst? Die Antwort muss wohl „ja“ und „nein“ heißen.
Nie hat Gerhard Schröder Zweifel daran gelassen, dass er als Politiker immer auch Schauspieler sein muss. Aber immer hat er beteuert, dass er nur spielen kann, was er auch ist. Jetzt gibt er den Sieger. „Es geht darum“, sagt er, „wem Erfahrung, Standhaftigkeit und gelegentlich auch Härte zugetraut wird, das Land zu führen.“ Jedes Wort in diesem oft wiederholten Satz enthält die geradezu empörte Unterstellung, dass Angela Merkel keine einzige dieser Voraussetzungen erfülle.
Für den Bundeskanzler Gerhard Schröder gibt es in der Mediengesellschaft keine symbolfreien Räume, schon gar nicht jetzt. Deshalb sah es am Sonntag vorletzter Woche im Garten des Kanzleramts von Berlin auch nur so aus, als konzentriere sich das Interesse von 200 geladenen Gästen auf die Enthüllung eines Denkmals.
In Wahrheit beobachteten alle den Hausherren, der sich artig bei dem schwedischen Künstler Carl Frederik Reuterswärd bedankte für eine Kopie seiner Skulptur „Non Violence“, einen Revolver mit Knoten im Lauf, deren erste Version vor dem Uno-Gebäude in New York steht. Günter Grass hielt eine engagierte Friedensrede, die Gäste beklatschten Schröder für sein „Nein“ zur Irak-Politik. Der lud zum Umtrunk. „Einen Moment“, sagte er mit süffisanter Liebenswürdigkeit, hoffe er „hier noch Gastgeber zu sein“.
Einen Moment? Keiner redete, als man im Licht der untergehenden Sonne noch eine Weile zusammenstand, über die Skulptur und den Künstler, sondern alle nur über die Umfragedaten, die sich für die SPD und ihren Kandidaten nicht bessern wollten.
Ist dem das egal? Glaubt er noch an einen Sieg? Mehr oder weniger verstohlen taxierten die Gäste den SPD-Kandidaten nach Anzeichen der Resignation oder der Ungeduld. Vergebens. Gerhard Schröder sprudelte geradezu vor guter Laune. Wie immer in diesen Tagen. Er war Kanzler und sonst gar nichts.
„Dass Kanzler zu sein, etwas Großes ist“, hat Schröder erst wirklich erfahren, als er schon im Amt war. Für einen, der Politik immer auch als Darstellung begreift, bedeutet das auch: eine große Rolle. Tatsächlich kann man beobachten, wie Gerhard Schröder sich - etwa auf Auslandsreisen - von einem Augenblick zum anderen verwandelt, wenn er aus einer entspannten Pause mit Journalisten zu einem offiziellen Termin aufbricht. Er reißt sich im wörtlichen Sinne zusammen - hebt die Schultern, drückt das Kreuz durch, bewegt sich gravitätisch. Der Schritt wird kurz und
fest, jede Spur von Lässigkeit verschwindet aus seiner Haltung. Das Gesicht verrät nichts außer konzentrierter Ernsthaftigkeit.
Das ist der Bundeskanzler als Staatsmann und Institution, eine Vorstudie zum Denkmal, Schröder plus X sozusagen. „Das Amt tut mehr als die Hälfte dazu“, schätzt Antje Vollmer, die grüne Bundestagsvizepräsidentin. Sicherheitsbeamte, gepanzerte Limousinen, Helikopter und Luftwaffen-Jets, Weiße Mäuse und Pulks von Journalisten umrahmen die Person und unterstreichen die zeremonielle Bedeutung des Regierungschefs der drittstärksten Industriemacht der Welt.
Zusätzlich springen die Medien ein, das Fernsehen vor allem, die den Kanzlern durch Bildschirmpräsenz ersetzen, was das Protokoll ihnen an Herrschaftsritualen verweigert. Und so ist den Bundesbürgern der Kanzler Schröder auch in volkstümlicheren Versionen vertraut - in Hemdsärmeln auf der Fußballtribüne, als umdrängter Popstar beim Autogramme schreiben, mit Gummistiefeln, grüner Jacke und grimmigerschrockenem Gesicht am Hochwasser, als Kopie von Rodins „Denker“ auf den Stufen seines Amtsfoyers bei Dichterlesungen.
Doch wenn Gerhard Schröder auch noch immer gern lacht - den „Bruder Leichtfuß“ hat er hinter sich. Heute weiß er, dass er anfangs seinen „Job“, wie er zu sagen pflegte, in jeder Hinsicht unterschätzte. „Die Dimension dieses Amtes war aus Hannover nicht einmal zu erahnen“, bestätigt seine Büroleiterin Sigrid Krampitz.
Wer Gerhard Schröder jetzt in seinem noblen Amtszimmer im neuen Bundeskanzleramt besucht, hat Mühe, das Bild des gelassen-freundlichen Gastgebers mit Erinnerungen an den rüden Juso-Chef in Cordhosen und Rollkragenpullover in Verbindung zu bringen, der Bier aus der Flasche trank. Es ist, als sei dem antiautoritären Krawallo von einst mit dem Umzug in den spektakulären Neubau im Berliner Spreebogen automatisch Respekt vor dem Amt in die Glieder gefahren, der jedem seiner Schritte Gewicht gibt. Er hat seine Rolle akzeptiert und verinnerlicht. Hier ist er mehr authentischer Amtsinhaber als Kanzlerdarsteller.
Dabei hat der SPD-Kanzler den von Helmut Kohl aufgestockten Bau des Berliner Architekten Axel Schultes anfangs geradezu verabscheut. Am liebsten hätte er ein Schild an der Tür anbringen lassen: „Dies ist nicht mein Deutschlandbild.“ Aber je länger er darin residierte, desto positiver sah er ihn. Der Machtmensch Schröder erkannte natürlich, wie wirkungsvoll der Bau auf Herrschaftsrituale im Medienzeitalter zugeschnitten ist.
Im Bonner Kanzleramt hatte Schröder bisweilen verloren an den hohen Fenstern seines Arbeitszimmers gestanden und in die grüne Blätterpracht des Parks hinausgestarrt. Er kam sich vor „wie im Aquarium“. Das war ihm zu fern vom Leben.
In Berlin begeisterte er sich in den Anfangsmonaten daran, im Staatsratsgebäude am Schlossplatz dem Alltag der Menschen ganz nah zu sein, die direkt vor seinem Fenster vorbeiliefen, auch mal hochwinkten. Er liebte es, mittags zu Fuß zum Gendarmenmarkt zu schlendern, sich von Touristen fotografieren zu lassen und mit Pressemenschen in Straßencafés zu hocken. Aber das war nicht fern genug.
Bald ärgerte es ihn, dass er am nächsten Tag in Zeitungen nachlesen konnte, wie viel Rotwein er getrunken hatte. Nun guckt er vom siebten Stock seines Amtes über halb Berlin, abgehoben, aber noch wissend wovon, den Reichstag vor Augen, das Pressehaus im Blick. Die Stille des Raums, die Weite des Horizonts - auch das sind Insignien der Macht. Sie bilden einen starken Kontrast zur Hektik der Entscheidungsanforderungen.
Es ist aber weniger die Vielzahl der Entscheidungen, die Schröder als spezielle Bürde des Amtes empfindet, als die Dimension und die internationalen Auswirkungen: „Die Fallhöhe macht den Unterschied. Manchmal weißt du, dieser Entschluss wird ein Leben lang an dir hängen bleiben. Denn nichts, was du als Kanzler von dir gibst, ist zurückzuholen. Jedes Wort kriegt Gewicht.“ Die „Extremsituationen“ und die „physisch-psychischen Anspannungen“, die der Kanzler konstatiert, ohne sie zu beklagen, haben deutliche Spuren hinterlassen.
In Phasen der Bedrängnis scheint auch sein Körper zusammengepresst und erstarrt. Er brütet dann entrückt wie Willy Brandt, schnarrt schneidige Befehle wie Helmut Schmidt, drückt den Kopf zwischen die Schultern wie Franz Josef Strauß, zieht sich in seinen Körper wie in eine Festung zurück wie Helmut Kohl. Die Variationsmöglichkeiten, in Spitzenämtern dem Druck vor den Augen der Öffentlichkeit standzuhalten, sind offenbar begrenzt.
Immer sind solche körperlichen Abwehrreaktionen Signale extremer Einsamkeit. Kein Kanzler hat das so nachfühlbar durchlitten wie Helmut Schmidt während
der Schleyer-Entführung. Aber auch Gerhard Schröder waren, wenn er mit mahlenden Kiefern auf der Regierungsbank im Bundestag vor sich hinstierte, seine seelische Not und seine Ohnmacht bisweilen anzusehen.
Es begann mit dem Einsatz deutscher Soldaten im Kosovo. Schröder, ein Mann des Hier und Jetzt, hatte für die unheilvolle Vergangenheit der Deutschen bis dahin wenig Interesse bekundet. Er wusste seine Generation frei von persönlicher Schuld - und hielt sie damit befreit vom Schatten der Nazis. Bis er Überlebenden von Auschwitz ins Auge blicken musste. Bis ihn der Alptraum wach hielt, dass ausgerechnet er, dessen Vater im Zweiten Weltkrieg geblieben war, ohne dass er ihn gekannt hätte, Eltern würde erklären müssen, dass ihre Söhne gefallen seien, weil er sie an die Front geschickt hatte. Nach Kosovo, erinnert sich der Kanzler, sei alles anders geworden - die Prioritäten verändert, der Stil, selbst der Lebensrhythmus.
Inzwischen hat sich Gerhard Schröder eine klare Position zur Vergangenheit erarbeitet, die seine Außenpolitik prägt: Mit allen Kanzlern vor ihm teilt er die ernüchternde Erfahrung, dass er fast überall in der Welt lieber gesehen wird als zu Hause. Seine selbstbewusste, gleichwohl unarrogante Haltung hat ihm im Kreis der Staatsmänner Respekt eingetragen. Außenpolitisch muss sich der Kanzler hinter seinem Vorgänger gewiss nicht verstecken.
Zu Hause vermochte er sich dagegen lange nicht energisch in Szene zu setzen. Er blieb Manager und Moderator einer sich zunehmend desintegrierenden Gesellschaft. Seinen Mangel an mitreißenden Zukunftsentwürfen wie an traditionellen Orientierungskonzepten hat er durch Konsensrunden und Expertengremien zu begegnen versucht. Eine inhaltliche Autorität ist er nie gewesen. Wenn Helmut Schmidt der erste Angestellte der Deutschland AG war, dann ist Gerhard Schröder ihr Syndikus.
Der entdeckte schließlich, dass die Deutschen den Kontakt mit der Wirklichkeit verloren haben: „Sie wollen an etwas festhalten, dem die reale Grundlage entzogen ist.“ Dagegen setzte er mit seiner Vertrauensfrage ein Zeichen, ein symbolisches Signal, das seine Ernsthaftigkeit daraus zog, dass er seine Macht aufs Spiel setzte.
„Danke, Kanzler!“ höhnte die „Bild“-Zeitung in knalligen Lettern, als Gerhard Schröder am 1. Juli vor den Bundestag trat, um sich das Misstrauen aussprechen zu lassen. „Der für meine Partei - und für mich selber - bittere Ausgang der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen war das letzte Glied in einer Kette zum Teil empfindlicher und schmerzlicher Wahlniederlagen“, sagte Schröder: „In der Folge dessen wurde deutlich, dass es die sichtbar gewordenen Kräfteverhältnisse ohne eine neue Legitimation durch den Souverän, das deutsche Volk, nicht erlauben, meine Politik erfolgreich fortzusetzen.“
Der Kanzler hielt die beste Parlamentsrede seiner Amtszeit. Gleichwohl schien das Drama seines Niedergangs weiter dem klassischen Gesetz zu folgen, nach dem der scheiternde Held die Katastrophe dadurch befördert, dass er sie zu vermeiden versucht. „Es ist, als würde einem der Boden unter den Füßen weggezogen“, klagte die Düsseldorfer SPD-Abgeordnete Katrin Kortmann. Und ihre Kollegin Kerstin Griese, Tochter eines evangelischen Pastors, weigerte sich, die trickreiche Volte des Kanzlers mitzumachen. „Dreimal um die Ecke war mir zu dialektisch“, sagt sie. Im Bundestag stimmte sie mit „Ja“.
Schröders Krise hatte einen Namen - „Agenda 2010“. Nachdem er 2002 überraschend die von den Genossen verloren gegebene Bundestagswahl gegen CSU-Chef Edmund Stoiber doch noch gewonnen hatte, raffte er sich endlich dazu auf, das Land durch konsequente Reformen zu erneuern. Seine Leute bündelten Vorschläge zu Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt und in der Gesundheitspolitik zu einem Gesamtpaket, dem Doris Schröder den bürokratischen Namen verpasste.
Dieses Programm könne Deutschland wieder an die Spitze der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung in Europa führen, prahlte der Kanzler am 14. März 2003 im Bundestag. Die Voraussetzungen klangen harsch: „Wir werden Leistungen des Staates kürzen, Eigenverantwortung fördern und mehr Eigenleistung von jedem Einzelnen abfordern müssen.“ Die Abgeordneten der Regierungsfraktionen erschraken. Kündigungsschutz, Krankengeld, Arbeitslosengeld, Sozialhilfe - das waren heilige Kühe in ihrer Herde von Grundwerten.
Die demoskopische Talfahrt der Sozialdemokratie wurde mit dieser Entscheidung beschleunigt. In elf Bundesländern verlor die SPD seit 2003 bei Wahlen, die Sympathiewerte des Kanzlers gerieten ins Schleudern. Aber am verheerendsten litt sein Ansehen bei den eigenen Leuten. Seit Schröders Regierungsantritt schrumpfte die Zahl der Mitglieder um 175 000. Am Ende ging nicht nur Oskar Lafontaine, sein früherer Freund und Vorgänger als Parteivorsitzender, sondern auch Peter von Oertzen, von dem Schröder den Bezirksvorsitz in Hannover geerbt hatte, und Fritz Vilmar, einer der Partei-Vordenker in der Grundwertekommission. Vilmar ließ bitter wissen: „Die SPD ist inzwischen eine geistig Tote, der man aus wahlpolitischen Gründen die Nachricht von ihrem Ableben noch nicht mitgeteilt hat.“
Gerhard Schröder liebt es nicht, über Gewesenes zu reflektieren. Aber in diesem Fall neigt er doch zur Selbstkritik. Nicht, dass ihn der Protest der Bevölkerung verwunderte: „Das kann doch keiner mögen, wenn man ihm was wegnimmt“, sagt er. Aber er beharrt darauf: „Es musste sein.“ Im Ton und im Stil seiner Präsentation allerdings, das räumt der Kanzler ein, „da habe ich wohl Fehler gemacht. Aber wer ohne Schuld ist“, fügt er kokett hinzu, „der werfe den ersten Stein.“
Nein, unvorbereitet hat ihn die Wutwelle nicht getroffen, die seiner Reformankündigung folgte. Der Kanzler ahnt, dass ihn seine frühe fast reflexhafte Aggression gegen alles, was in der SPD Establishment war, und sein jahrelanges ehrgeiziges Rivalisieren mit anderen Anführern eingeholt hat. Das Misstrauen des Funktionärskaders gegen den ewigen Juso ist mindestens so groß wie seins gegen sie.
Natürlich ging es auch um konkrete Zumutungen. Aber darüber wäre wohl zu reden gewesen, hätte Schröder sich nicht - jeder „Lyrik“ abhold, wie er Pathos zu nennen pflegt - geweigert, den Genossen und den Bürgern seinen eigenen Lernprozess zu vermitteln. Er vermied alle Gesten der Einfühlung in die Emotionen der Enttäuschten, die seinen Forderungen einen einfühlsamen oder wenigstens zerknirschten Anstrich hätten geben können. Er hatte das Sagen, aber ihm fehlten die Worte. Seine Sozialpolitik gegen die eigenen Traditionen wirkte wie ein Putsch von oben.
Schröder litt unter der Ablehnung, aber er knickte nicht ein. Längst hatte er begonnen, seinen künftigen Stellenwert in der Geschichte mit zu bedenken. So unpathetisch und pragmatisch er auch Politik betreiben mochte - wichtig wäre ihm doch, als einer erinnert zu werden, der Deutschlands außenpolitische Autonomie vergrößert und die innere Verfassung der Berliner Republik modernisiert hatte.
Natürlich wollte dieser Kanzler weiter Erfolg, auch hier und jetzt. Nie hatte Schröder in seinem Leben etwas anderes gewollt. Und deshalb machte ihn die Frage nervös, was aus seinen Reformen werden würde. Ein großer Abgang wäre das nicht, wenn er jetzt - wie Oskar Lafontaine - einfach müde aufhörte.
Aber „vom Hof jagen“ sollten sie ihn auch nicht. Als im März 2005 Heide Simonis in Kiel bei der Wiederwahl zur Ministerpräsidentin kläglich scheiterte, weil ein unbekannter SPD-Abgeordneter im Schutz der geheimen Abstimmung seiner Chefin die Zustimmung verweigerte, dämmerte Schröder die Ahnung, dass auch er eines Tages von seinen Genossen gemeuchelt werden könnte. „Pattex-Heide“, die zu lange an ihrem Stuhl klebte, wurde dem Kanzler zum Menetekel. Und je düsterer die Wahlaussichten für Nordrhein-Westfalen schienen, desto klarer reifte in ihm der Entschluss, das Düsseldorfer Debakel mit einem „Coup“ zu entschärfen.
Nun kämpft er im Wahlkampf nicht zuletzt um das Vertrauen der eigenen Leute. Erleichtert vernahm er in Köln, wie ihn ein Gewerkschaftsboss von Ver.di begrüßte: „Sehr verehrter Herr Bundeskanzler“, sagte der förmlich und dann - als ob ein Conférencier einen Gag platzierte - „Lieber Gerhard“. Da fielen auch den etwa 1000 Betriebsräten der Deutschen Post AG im Briefzentrum fast hörbar Steine von der Seele. Dieser Bundeskanzler, den sie so oft verflucht hatten - eigentlich ist er ja doch einer von ihnen.
Am Ende lagen sich Gerhard Schröder und der gastgebende Betriebsratsvorsitzende Rainer Zöllner steif, aber herzlich in den Armen. „Verlassen Sie den Schmusekurs mit den Unternehmen, seien Sie einfach Sozialdemokrat“, mahnte der Ver.di-Kollege. Schröder kämpfte mit seiner Rührung: „Wenn ich dich auch noch küssen soll, geht das zu weit ...“
Der Auftritt beim grünen Koalitionspartner war kurz, karg und verletzend. Gerade sieben Minuten nahm sich Bundeskanzler Schröder am 1. Juli Zeit, um - unmittelbar vor seiner Rede im Plenum - der Grünen-Fraktion des Bundestages die Gründe für seinen Neuwahl-Wunsch zu erläutern. Alles in allem seien es gute Jahre gewesen, basta. „Der stand unheimlich unter Druck“, fand Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt. „Dieser Auftritt hatte überhaupt nichts Versöhnliches“, erinnert
sich Antje Vollmer. Kalt und provozierend sarkastisch sei Schröder gewesen, kränkend.
„Vorbei“, resümierte tags drauf der Berliner „Tagesspiegel“: „Es ist etwas zu Ende gegangen, ob Ära oder Episode, das wird die Rückschau, vielleicht erst die Geschichte zeigen.“
Für Gerhard Schröder sind das viel zu gewichtige Begriffe. Zwar hat er dementiert, die rot-grüne Regierung als ein „Zeitgeist-Bündnis“ charakterisiert zu haben, „zu dem es zur Unzeit kam“. Aber als „historisches Projekt“ hat er die Koalition nie begriffen, er bevorzugt das Wort „Konstellation“. In einem Interview beschrieb er kühl seine Haltung: „Man guckt sich das Wahlergebnis an und sagt: Was geht rechnerisch, und was gibt inhaltlich die meiste Übereinstimmung her. Und da habe ich nach wie vor eine Priorität bei der Konstellation, in der ich gearbeitet habe, in der ich gegenwärtig arbeite.“
Es gibt gute Gründe für die Auffassung, dass das rot-grüne Regierungsbündnis schon anachronistisch war, als es Helmut
Kohl 1998 endlich aus der Macht drängte. Die multikulturellen, sozioökologischen und antiautoritären Hoffnungen der Achtziger-Jahre-BRD hatten sich erfüllt oder überlebt. Die neue Regierung goss die Ergebnisse eines gesellschaftlichen Klimawandels nachträglich in Gesetze; Atomausstieg, Homo-Ehe, Staatsbürgerschaftsrecht, Öko-Steuer, Dosenpfand.
Verdienstvoll gewiss, aber weit entfernt von dem, was der Bundeskanzler mit dem Machtantritt der ersten Nachkriegsgeneration zu verheißen schien.
Ganz der „Enkel“ Willy Brandts sagte Schröder in seiner Regierungserklärung: Diese Generation „ist aufgewachsen im Aufbegehren gegen autoritäre Strukturen und im Ausprobieren neuer gesellschaftlicher und politischer Modelle. Jetzt ist sie - und mit ihr die Nation - aufgerufen, gründlich aufzuräumen mit Stagnation und Sprachlosigkeit, in die die vorherige Regierung unser Land geführt hat“.
Das hatte nichts von Rot-Grün, das klang nach einem verspäteten Machtantritt der 68er. 30 Jahre nach dem längst legendär gewordenen Revoltenjahr der Apo und der Studentenbewegung zogen demokratische Linke, die sich auf den emanzipatorischen und kulturellen Bruch von damals beriefen, in die Führungsetagen der Bundesrepublik Deutschland ein.
Es war eine Art Wiedervereinigung. Erst jetzt überwand das oppositionelle linke Spektrum der siebziger Jahre - Ex-Jusos, Friedensbewegte und Grüne - auf Bundesebene die Gräben, die der SPD-Kanzler Helmut Schmidt während seiner Amtszeit aufgerissen hatte. Kein Zweifel, diese Zeit war die Wurzel des neuen Regierungsbündnisses. Aber Schröder war kein 68er gewesen, und politische Inhalte trieben ihn auch jetzt nicht um.
Gewiss, er war 1963 zu den Jusos gestoßen. Als Anwalt führte er Prozesse gegen Berufsverbote, hatte Atomkraftgegner verteidigt und kämpfte für den SPD-Rebellen Karl-Heinz Hansen gegen den Parteiausschluss. Frech war er gegen „die da oben“ aufgestanden. Bis heute liebt er unkonventionelle Auftritte, genießt individuelle Freiräume und hat den Instinkt des Underdog für die Schwächen der Mächtigen und die Macht der Schwachen.
Dennoch zog es Gerhard Schröder schon zu Beginn seiner Kanzlerzeit vor, sich als „ein sehr gemäßigtes Produkt“ der 68er-Bewegung zu betrachten. „Für mich war das Studium ja ein ungeheures Privileg“, sagt Schröder heute, „um Politik habe ich mich da nicht groß gekümmert.“
Wie die meisten Regierenden dieser Generation hatte auch der Kanzler zugleich mit der politischen Karriere einen gesellschaftlichen Aufstieg erlebt. Und je länger sie im öffentlichen Rampenlicht standen, desto deutlicher wurde, dass der persönliche Erfolg zum Hauptmotor ihres öffentlichen Engagements geworden war.
Die Stars der rot-grünen Regierung - Schröder, Fischer, Lafontaine und Schily - hatten es schon in der Provinz zu beträchtlicher Meisterschaft der Selbstdarstellung gebracht, als sie 1998 in das grelle Scheinwerferlicht der großen Politik traten. Und als die Regierung auch noch von Bonn nach Berlin umzog, verlagerte sich Politik noch stärker aus dem Parlament in das Fernsehen. "Rot-Grün spielte nicht den Bremsklotz, sondern die Lokomotive beim Wandel von der Parteien- zur "Mediendemokratie", klagt der inzwischen in die politischen Wissenschaften abgewanderte Grüne Hubert Kleinert.
Mehr und mehr schrumpfte Rot-Grün zu einer erweiterten Personality-Show der Herren Schröder und Fischer. Nur die Gegner der Koalition sahen das Regierungsbündnis noch als ideologisches Gesamtlager. Die Terrorangriffe auf New York und Washington am 11. September 2001 schweißten den Kanzler und seinen Vize zusammen bis zur Symbiose. Als eine Art Schicksalsgemeinschaft von Global Players stellten sie sich mit sorgenzerfurchten Gesichtern und genormtem Vokabular der Öffentlichkeit. Rot-Grün war an dieser Präsentation gar nichts. In den Kommentaren der Presse addierten sich der Instinktpolitiker Schröder und der Polit-Historiker Fischer zu einer Art zusammengesetztem Helmut Kohl.
Vier Jahre später - im März 2005 - ließ Schröder dann seinen Vize eine quälende halbe Stunde lang vor laufender Kamera wortlos neben sich stehen, während er vom Job-Gipfel mit der Opposition berichtete, der ein Flop war. Schon da ahnten aufmerksame Beobachter, dass Gerhard Schröder innerlich von dieser Konstellation Abschied zu nehmen begann. Je trostloser die Lage auf dem Arbeitsmarkt wurde, desto nervender fand er ökologische Auflagen der Grünen bei Auslandsgeschäften. Darauf zielte der Hinweis in der „Zeit“, Rot-Grün passe nicht zur „gegebenen Situation“. Die Grünen wiederum hielten Schröders Bedenkenlosigkeit für „vorgestrig“ - ganz alte BRD, ganz alte Industrie, von Innovation und Modernisierung keine Spur.
Auf nichts verlässt sich Gerhard Schröder so unerschütterlich wie auf die Erfahrung seines eigenen Lebens. „Ganz früher habe ich mal Baustoffe verkauft“, erzählte er unlängst bei einem Wahlkampfauftritt lässig ein paar hundert Kleingärtnern in der bergischen Stadt Velbert-Langenberg. Der Kanzler war durch einen Platzregen verhältnismäßig trocken auf die überdachte Tribüne einer Laubenpieperkolonie gelangt, seine Zuhörer standen platschnass im Regen. Es gefiel ihnen trotzdem, dass der Gast so ungeniert und mit deftigem westfälischem Zungenschlag über die Kleine-Leute-Zeit seiner Karriere berichtet, um zu dokumentieren, dass er deshalb natürlich wüsste, „wat Velbert is“, nämlich eine Hochburg der Schloss- und Beschlagindustrie. „Das kam echt gut rüber“, freute sich die SPD-Abgeordnete Kerstin Griese, die den Kanzler eingeladen hatte: „Gut, dass er mal in so 'nem Laden gearbeitet hat.“
Seine Lehre im Haushaltswarengeschäft August Brandt am Markt in Lemgo, die Erinnerungen an die reichen Bauern im Lipperland, die ihn „vom Hofe gejagt“ haben, die Erfolge beim Fußball als kampfstarker Mittelstürmer „Acker“ von TuS Talle, vor allem aber sein Bildungshunger als Voraussetzung für den Weg nach oben - das ist der Stoff, aus dem der Kanzler sozialdemokratische Legenden gestrickt hat. Schröder: „Wenn ich an die kleinen Enttäuschungen und Gemeinheiten denke, die man als Proletenkind im Dorf, in der Schule und im Konfirmandenunterricht hat erleben müssen, war da bei mir immer schon das Gefühl: Euch werde ich es schon zeigen.“
Wo immer er kann, breitet er aus, dass er es in fünf Jahrzehnten vom gemiedenen Dorflümmel - „Wir waren die Asozialen“ - über den Volksschüler, Lehrling, Fußballspieler, Abendschüler, Studenten, Rechtsanwalt bis zum Regierungschef in Berlin gebracht hat, den der Papst empfängt. Längst gehört der Lebensweg des Kanzlers zu den Aufstiegsmythen der Bonner Nachkriegsrepublik. Früher hätte er in den Lesebüchern gestanden.
Ihm selbst ist die eigene Biografie zur einzigen theoretischen Grundlage seines politischen Lebens geworden. Hat es etwa in der Geschichte schon jemals ein solches Maß an Personalisierung gegeben wie heute? Zu Schröders Selbsterziehung und
autodidaktischer Welterkundung passt dieser Trend vorzüglich.
Er fügt Erfahrung an Erfahrung, um sie sofort als Bausteine der Selbstdarstellung zu nützen. Sein Lebensdrehbuch ist kein durchkomponierter Roman, folgt keiner Philosophie und keinem anerzogenen Muster. Es besteht aus einer losen Folge von Episoden, die das Leben schrieb, widersprüchlich, mal banal, mal bedeutsam, aber immer dicht an den Menschen.
Sein Weg erweist sich auch für andere, wie er merkt, als überraschend hilfreich. Als vaterlos aufgewachsener Junge hat Schröder in den frühen Jahren der Republik vorweggenommen, was heutzutage das Schicksal jedes jungen Menschen ist: Er kriegte keine Direktiven für seinen Lebensweg, er schrieb sein Drehbuch selbst, Risiken und Nebenwirkungen inbegriffen. Gerecht hat er das nicht gefunden, aber geschadet hat es ihm auch nicht. Der „Macher“ Schröder hat auch sich selbst gemacht - und jetzt sieht er, dass es gut war.
Inzwischen streitet Gerhard Schröder mit dem amerikanischen Präsidenten von Gleich zu Gleich und lädt den russischen Kreml-Chef zum Essen in sein privates Reihenhaus ein. Jetzt hat er anderes zu erzählen - von Chirac und Scharon, Beckenbauer und Günter Grass. Aber das Muster ist geblieben. Die Alltagserfahrungen seiner Kindheit passen für ihn ohne Abstriche auf die Weltpolitik.
Sein erster G-8-Gipfel - 1999 in Köln - weckte im Kanzler Erinnerungen an die Schulzeit: Da wollten die Herren der Welt alle mal testen, was man dem Neuling zumuten kann und wie der auf Herausforderungen reagiert. Dass vor allem Tony Blair seinen deutschen Kollegen damals ziemlich herablassend behandelte, hat der ihm nie vergessen.
Oder das erste Treffen der Sozialistischen Internationale in Paris, mit Regierungschefs aus neun europäischen Ländern. Wie es ihm denn gefallen habe, wollte ein Genosse wissen. Ach, was sollte schon gewesen sein - „wie beim Ortsverein; man merkt sofort, wer den dicken Max machen will“.
Und als Schröder - bei der Besetzung des Chefpostens im Weltwährungsfonds - mit Bill Clinton zum ersten Mal einen US-Präsidenten herausforderte, wobei er - erwartungsgemäß - lange wie der sichere Verlierer aussah, lieferte er im privaten Kreis für dieses Risiko eine Erklärung aus der Dorfjugendzeit: Wenn du dich mit dem Stärksten anlegst und beziehst Prügel, dann überrascht das niemanden. Das hast du eben davon. Wenn du aber gewinnst - warum auch immer -, dann bist du der Größte. Profiteur dieser Haltung war damals Horst Köhler.
Es ist auffällig, dass Gerhard Schröder in seinem Leben nie lange gebraucht hat, um jene gegen sich aufzubringen, um deren Sympathie er zunächst mit Erfolg geworben hat - Genossen, grüne Mitstreiter, Ehefrauen, Wirtschaftsbosse, Medien und Wähler. Er sieht darin einen Beweis seiner Unabhängigkeit. „Ich brauche keine Freunde“, hat er einmal gesagt, „und schon gar keine, denen ich was verdanke.“
Schröder hält es für eine Tugend, ohne Rücksicht auf Interessen im eigenen Lager nein sagen zu können. „Den daraus entstandenen Ärger in Kauf zu nehmen, das war schon immer eine meiner Stärken.“
Wahr ist, dass es dem Aufsteiger Schröder auf diese Weise immer wieder gelungen ist, die Grundkonstellation seiner Karriere zu erneuern: der Underdog gegen den Rest der Welt. Er hat keine Chance, aber er nutzt sie. Nichts setzt so zuverlässig Schröders Energien frei wie dieser zentrale Plot seines Lebensscripts.
In jüngster Zeit führt der Kanzler seinen paradoxen Selbstaufmöbelungstrick vor allem am Beispiel der Presse vor. Seit Beginn seiner Laufbahn war der ehrgeizige junge Politiker Gerhard Schröder von Journalisten fasziniert. Sie verkörperten für ihn eine Stück Macht, an der er gern teilhaben wollte. Und auch die begriffen schnell: Schröder war unberechenbar, risikofreudig und attraktiv, nie langweilig.
Als Gerhard Schröder 1998 die Bundestagswahl gewonnen hatte, war er zum „Medienkanzler“ geworden - ein Markenzeichen, in das sich Argwohn und Bewunderung mischten. Der „Herr der Bilder“, wie er in den Zeitungen hieß, entgleiste schnell zum „Spaßkanzler“, seine Medientüchtigkeit geriet als „Politainment“ in Misskredit.
Der Kanzler keilte zurück. „Medien müssen der Versuchung widerstehen, sich selbst als handelnde Akteure im politischen Prozess zu begreifen. Es kann nicht Aufgabe von Journalisten sein, Politik zu machen.“
Schröder kämpft, wie Lola rennt, immer. Ob es nun um sein Bild in der Öffentlichkeit geht, um Lebenserfolge oder Wahlsiege: Wenn der öffentliche Druck steigt, ballt er die Fäuste und profitiert davon, dass seine „Ellenbogen mit Hornhaut“ überzogen sind. Er kokettiert nicht mehr so aufdringlich mit seiner Brutalo-Härte, wie früher, aber gemeint ist dasselbe, wenn er sagt: „Wenn der Wind ins Gesicht bläst, muss man den Rücken steif machen.“
So ist er dieser Tage wieder in Deutschland unterwegs. Auf verlorener Mission, spotten seine Feinde. „Das wollen wa doch ma seh'n“, heißt Schröders längst zum Reflex gewordene Antwort. Aber manchmal scheint sie ihn selbst zu belustigen. Er lächelt.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr", deklamierte der Kanzler, "wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben." Das ganze traurige Rilke-Gedicht "Herbsttag" sagte Schröder im Fernsehen auf, den Blick konzentriert vor sich auf den Tisch gerichtet. Er hatte über Hartz IV und die Agenda 2010 geredet, über deutschen Hang zum Jammern und über die Ohrfeige, die er einstecken musste. Und am Ende, als er eigentlich nur sein Gedächtnis vorführen wollte, rutschte er unversehens in die elegische Abschiedsstimmung des Gedichtes.
Das war im November vergangenen Jahres, als Gerhard Schröder in der Talkshow von Reinhold Beckmann einen Jahresrückblick versuchte, der - wie sich ein knappes Jahr später zeigt - vieles vorweggenommen hat, was ihn heute beschäftigt: Loslassen, Kurshalten, Älterwerden, Familie. Es war ein so getragener, weihevoller Schröder, der sich da präsentierte, dass die „Berliner Zeitung“ spottete, die Sendung falle eindeutig unter das Betäubungsmittelgesetz.