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Andreas Güthler Kathrin Lacher

Naturwerkstatt Landart

Ideen für kleine und große Naturkünstler

AT Verlag

Dieses Buch widmen wir unseren Kindern Ronja und Felix.

Mögen sie auch in Zukunft begeistert im Matsch

wühlend oder Steine balancierend die Zeit vergessen

und dabei Energie und Lebenslust der Natur aufsaugen.

Mögen sie die Kraft ihrer Fantasie behalten und zukünftig

gemeinsam mit uns Steintürme bauen, anstatt die

unsrigen umzuwerfen …

Alle Anregungen in diesem Buch wurden sorgfältig

entwickelt und in der Praxis umgesetzt. Eine Haftung für

etwaige Folgen der Anleitungen kann jedoch nicht

übernommen werden.

5. Auflage, 2008

© 2005

AT Verlag, Baden und München

Lektorat: Andrea Hölzl, München

Illustrationen: Hariett Homm


ISBN(epub) 978-3-03800-642-8

 

eBook-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim

Inhalt

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Einleitung

Von der Kunst in der Natur

»Bewegung, Wandel, Licht, Wachstum und Zerfall sind das Herzblut der Natur, die Energien, die ich durch meine Arbeit versuche, zu erschließen. Die Erregung bei einer Berührung, der Widerstand, den ein Ort, die Materialien und das Wetter leisten, die Erde sind Quellen meiner Arbeit … Wenn ich mit Blättern, Steinen oder Stöcken arbeite, beschäftige ich mich mit ihnen nicht nur in ihrer Eigenschaft als Material; sie ermöglichen mir zugleich einen Zugang zu dem Leben, das in ihnen ruht und das sie umgibt. Wenn ich sie zurücklasse, leben sie weiter …«

Andy Goldsworthy

Schwimmende Blätterschlangen, Schneeskulpturen, Trolle aus Lehm, waghalsig ausbalancierte Steintürme und Farbübergänge aus kunstvoll arrangierten herbstlichen Blättern … Für Landart, wie wir sie verstehen, brauchen wir weder künstliche Hilfsmittel noch außergewöhnliche Fähigkeiten. Landartkünstler gestalten ihre Werke mit bloßen Händen aus Materialien, die sie in der Natur finden, und belassen sie am Ort ihrer Entstehung in der Natur, wo sie dann meist nach kurzer Zeit vergehen.

Vor vielen Jahren wurden wir durch den schottischen Landartkünstler Andy Goldsworthy angeregt, selbst und mit Gruppen Kunstwerke aus Naturmaterialien zu gestalten. Die Idee ist naheliegend: Kinder bauen von sich aus Werke aus Naturmaterialien wie Schneemänner, Staudämme oder Hütten. Eine motivierende Anleitung und die anschließende Präsentation der Kunstwerke steigern ihre Freude beim Bauen und lenken die Kreativität in neue Richtungen. Jugendlichen und Erwachsenen fällt es zunächst oft schwerer, sich auf die Natur einzulassen und Landartwerke zu gestalten. Haben sie ihre Hemmschwelle jedoch erst einmal überwunden, können sie wie Kinder in ihr Tun versinken und Alltag und Zeit völlig vergessen. Oft sind sie anschließend überrascht, welche faszinierenden Werke sie geschaffen haben. Inspirierende und geheimnisvolle Orte, die möglichst vielfältige Materialien bieten, sind dabei förderlich, müssen aber nicht sein.

Künstlerische Begegnung mit der Natur

Landart ist eine Kunst, bei der die Seele mitwachsen oder einfach baumeln kann. Freude am eigenen Tun und das Erleben der Natur sind uns wichtiger, als etwas vollkommen Neues in höchster künstlerischer oder handwerklicher Perfektion zu schaffen. Die natürliche Ästhetik des Materials und ein spielerischer Zugang zur Natur lassen immer wieder neue Ideen entstehen, die zum Bauen herausfordern. Manchmal spüren wir die Geheimnisse eines Ortes erst, wenn wir uns die Zeit nehmen, ihn zu entdecken und uns auf die Natur einzulassen. Wenn es uns gelingt, die oft unscheinbaren, aber prägenden Besonderheiten der Umgebung in unsere Landart einzubeziehen, wirken unsere Werke besonders faszinierend. Bei Landart gibt es kein richtig oder falsch, auch keine Noten oder andere Bewertungen. Die Blätter gehen nie aus, die Federn werden nicht stumpf, Farben trocknen nicht ein, der Radierer ist die Hand, Material gibt es in Hülle und Fülle. Allerdings kann man nass werden und die Werke selten in die Hosentasche packen. Landart ist für uns eine bunte, erlebnisreiche Kunst aus einer Mischung von Natur erfahren und erkunden, Abenteuerspiel und bauen dort, wo einem frischer Wind um die Nase weht. Landart ist dennoch mit Worten nicht ganz zu beschreiben, es ist mehr als die Summe der genannten Teile. Dieses »Mehr« gilt es selbst zu erleben.

Landart mit Gruppen

Wir gestalten nicht nur eigene Landartwerke, sondern setzen Landart auch im pädagogischen Kontext ein. Wenn wir mit Gruppen arbeiten, steht für uns der pädagogische, weniger der künstlerische Aspekt von Landart im Vordergrund. Künstler würden sicher einiges anders gewichten. Landart ist für uns eine kreative Methode der Umweltbildung und ein ganzheitlicher Ansatz für die Persönlichkeitsentwicklung in allen Altersstufen. Dennoch reduzieren wir Landart nicht auf ein pädagogisches Instrument, sondern schätzen gleichermaßen den Wert von Landart als künstlerische Ausdrucksform.

Landart trägt dazu bei, Menschen für die Natur zu begeistern und sie für einen sanften Umgang mit der Natur zu sensibilisieren. Landart spornt die Kreativität an und erweitert die Ausdrucksmöglichkeiten. Bei der Gestaltung von Landartwerken in Kleingruppen lernen die Teilnehmer zusammenzuarbeiten. Für Landartprojekte ist weder eine besondere künstlerisch-ästhetische Vorbildung nötig noch eine außergewöhnliche Kreativität. Freude an der Natur, Spaß am Umgang mit Menschen und die Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen, sind – neben ersten eigenen Landarterfahrungen der Leiter – die besten Voraussetzungen. Wenn Kinder Zauberwesen, Ungeheuer oder Miniaturlandschaften bauen, ist das für uns ebenso Landart wie abstrakte Werke großer Künstler. Landart kann hier für Kinder, Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen einen neuen Anstoß geben – sei es im Rahmen von Projekttagen, Seminaren, auf einem Sonntagsspaziergang oder als besonderes Element einer Geburtstagsfeier.

Den Stein ins Rollen bringen

Immer wieder bemerken wir, dass Landartwerke Menschen inspirieren, weitere Werke hinzuzubauen. Es ist ein wunderbares Erlebnis, wenn wir nach einigen Tagen an einen unserer Landartorte zurückkehren und sehen, dass nicht nur unsere eigenen Werke noch stehen, sondern durch zahlreiche weitere Werke unbekannter Künstler ergänzt wurden. Orte bekommen dadurch für uns eine besondere Ausstrahlung. Uns gefällt die Vorstellung, immer öfter von Kunst in der Natur überrascht zu werden, wenn mehr und mehr Menschen Landartwerke gestalten.

Ein Blick in die Geschichte der Landart

Earthworks: Mit Planierraupen »zurück zur Natur«

Ende der sechziger Jahre setzten Künstler in Amerika die Landschaft als wesentlichen Bestandteil ihrer Kunst ein. Sie installierten ihre meist groß dimensionierten Werke aus Naturmaterialien oft weit abseits der Zivilisation in Wüsten und Canyons. Ihre neu entwickelte Kunstrichtung bezeichneten sie als »Landart«. Diese Künstler verstanden Landart als Protest gegen die Künstlichkeit, Kunststoffästhetik und hemmungslose Vermarktung der Kunst. Sie lehnten zudem Museen zur Präsentation von Kunst ab. Sie entwickelten mitunter mit erheblichem technischem Aufwand großräumige Landschaftsprojekte, die nicht käuflich waren. Für ihre Werke griffen die Künstler teils mit schweren Maschinen in nahezu unberührte Landschaften ein. Heute bezeichnet man diese Werke als Earthworks.

Environmental Art: Ökologisch orientierte Kunst

In Zeiten wachsenden ökologischen Bewusstseins entstand in Europa in den frühen siebziger Jahren eine an der Natur orientierte Kunst, die hauptsächlich mit Naturmaterialien in einer schon relativ kultivierten Landschaft arbeitet. Sie wurde als Gegenströmung zu den groß dimensionierten amerikanischen Earthworks in unberührter Natur verstanden. Prominente Vertreter dieser Environmental Art sind die Engländer Richard Long und David Nash, der Schotte Andy Goldsworthy und der deutsche Naturkünstler Nils Udo. Vergänglichkeit und Zerfall im Zyklus der Natur spielen bei dieser Environmental Art eine wichtige Rolle. Die Formensprache ist meist durch einfache, strenge Geometrien gekennzeichnet. Die kurze Lebensdauer der Kunstwerke und ihr größtenteils unspektakulärer Charakter sind vermutlich Gründe dafür, dass diese Kunst sich über die Grenzen Europas bislang wenig Geltung verschaffen konnte.

Mittlerweile wird fast jede gestaltende Kunsttätigkeit in der Landschaft als Landart bezeichnet, selbst wenn die Natur nur die landschaftliche Kulisse für das Kunstwerk bildet. Landartkünstler im 20. und 21. Jahrhundert erforschen oft in experimenteller Weise neue Perspektiven, neue Medien und neue Kommunikationsformen zwischen Mensch und Umwelt.

Im Dialog mit der Natur

»Wenn wir die Natur auf das reduzieren, was wir verstanden haben, sind wir nicht überlebensfähig.«

Hans-Peter Dürr

Vielfach gefährden wir mit unserem Lebensstil durch die Zerstörung von Lebensräumen, Ressourcenverschwendung und Klimaerwärmung das ökologische Gleichgewicht. Daher ist es wichtig, die oft verloren gegangene gesunde und sorgsame Beziehung zu unserer Umwelt neu zu entwickeln. Kunst kann uns dabei als Werkzeug nonverbaler Kommunikation helfen. Landart öffnet neue Wahrnehmungs- und Betrachtungsräume und hilft uns, die Beziehung zur Natur neu zu entdecken. Landart nach dem Vorbild der Environmental Art ist daher inzwischen in der (Umwelt-)Bildung weit verbreitet und hoch geschätzt.

Zu diesem Buch

Es gibt zahlreiche wunderschöne Bildbände mit Fotografien namhafter professioneller Landartkünstler. Allerdings fehlte bislang ein praxisrelevantes Buch, mit dem auch Laien zu eigenen Landarterfahrungen angeregt werden. Auch nach Informationen über die vielfältigen pädagogischen Möglichkeiten von Landart suchte man – abgesehen von unserer vor einigen Jahren erschienenen Broschüre »Landart mit Kindern« – bislang vergeblich. Mit dem vorliegenden Buch möchten wir diese Lücken schließen, unsere langjährigen Landarterfahrungen aus der (umwelt)pädagogischen Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen weitergeben und damit hoffentlich viele Menschen von unserer Begeisterung für Landart anstecken.

Dieses Buch richtet sich gleichermaßen an Frauen und Männer, Mädchen und Jungen. Der leichteren Lesbarkeit halber haben wir auf die weibliche Endung dennoch verzichtet.

Das Buch gliedert sich in drei Teile

Der erste Teil, »Know-how für den Landartkünstler«, bietet das grundlegende Handwerkszeug für Landartwerke: Wir zeigen, wie Landartkünstler Ideen für ihre Werke entwickeln, stellen Möglichkeiten verschiedener Naturmaterialien als Werkstoffe vor und beschreiben die Besonderheiten von Naturräumen als »Ateliers« für den Landartkünstler. Wir geben gestalterische Tipps und erläutern, wodurch ein Kunstwerk ästhetisch wirksam wird. Schließlich geben wir Hinweise zum Fotografieren von Landart.

Im zweiten und dritten Teil, »Landartprojekte in der Praxis« und »Landart für jedes Alter«, folgen praktische Anregungen für Landartprojekte. Den Schwer punkt dieses Teils legen wir auf Landartprojekte mit Gruppen. Hier finden Sie altersspezifische pädagogische und künstlerische Hinweise für die Arbeit mit Kindern im Kindergartenalter, älteren Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen und zahlreiche konkrete Bauanregungen für jede Altersgruppe.

Ganz Eiligen empfehlen wir, das Buch zunächst einfach durchzublättern und sich durch die Fotos zu eigenen Ideen anregen zu lassen. Die meisten der vorgestellten Ideen haben wir selbst entwickelt, nahezu alle wurden von uns ausprobiert.

  Ideen zu eigenen Landartwerken und eigenen Aktivitäten sind mit diesem Symbol gekennzeichnet.

  Mit diesem Symbol markieren wir unsere Erfahrungsberichte.

  In den blau hinterlegten Infokästen schildern wir in aller Kürze Wissenswertes zum Thema des Kapitels.

Einfach loslegen …

Wir freuen uns, wenn Sie dieses Buch dazu anregt, selbst kleine oder große Landartwerke zu gestalten und deren Faszination zu spüren – sei es allein oder mit Freunden, mit der Kindergartengruppe, einer Schulklasse, einer Jugendgruppe oder während eines Seminars mit Erwachsenen.

Wir wünschen viel Spaß mit dem Buch und beim Künstlern in der Natur!

Andreas Güthler und Kathrin Lacher

Wie bekomme ich Ideen?

»Kunst ist eine Idee, die übertrieben wird.«

André Gide

Die Natur bietet unendlich viele Möglichkeiten, Landartwerke zu gestalten. Materialien gibt es unbegrenzt, jede nur denkbare Form ist in der Natur vorhanden. Aber gerade deswegen fällt es oft schwer, einen Anfang zu finden – ähnlich wie beim Schreiben der ersten Worte eines Textes auf einem weißen Blatt Papier, das noch alle Möglichkeiten offen lässt. Hat man erst einmal mit dem Gestalten eines Landartwerkes begonnen, ergeben sich durch die Formen, Strukturen oder Farben der vorhandenen Materialien neue Ideen, Entdeckungen oder Konstruktionsmöglichkeiten meist ganz von selbst. Um den Anfang zu erleichtern, beschreiben wir in diesem Kapitel Wege, die Ihnen die Suche nach Ideen erleichtern.

»Die einzig revolutionäre Kraft ist die Kraft der menschlichen Kreativität (…), die einzige revolutionäre Kraft ist die Kunst.«

Joseph Beuys

Intuition

Nicht immer ist man als »Anfänger« beim Bauen von Landartwerken so im Arbeitsfluss, wie es der schottische Landartkünstler Andy Goldsworthy beschreibt: »Meinen Arbeiten wohnt ein Rhythmus von Intuition, Zufall und Instinkt inne. Sie sind eine Verbindung von Plan, Organischem und Zufall.«

Ein wesentlicher Grund für die »natürliche Begabung « von Kindern liegt unserer Meinung nach darin, dass Kinder ihrer Intuition folgen, ohne den Bau ihres Kunstwerkes vorab bis zum Ende zu durchdenken. Innere Stimmen, die als Miesmacher wirken können (»Das hält doch nie zusammen« oder »Jetzt überleg doch erst einmal, ob dafür überhaupt genug Material vorhanden ist« …), lassen sie erst gar nicht zu Wort kommen. Vielmehr entwickelt sich die Idee für ein Kunstwerk während des Bauens und wird geändert, sobald sich neue Möglichkeiten ergeben.

Die reichsten Ideenschätze liegen in der Natur selbst – man muss sie nur entdecken.

Unser sechster Sinn

Was ist Intuition? Und gibt es Wege, um auch als Erwachsener besseren Zugang zur eigenen Intuition zu bekommen?

»Wenn wir in uns einen ruhigen, offenen Ort schaffen und die Intuition in diesen Raum

eintreten lassen, befähigen wir uns, das Wesen der Dinge zu hören, zu sehen oder zu fühlen.«

Wendy Palmer

Mit unseren fünf Sinnen – Sehen, Hören, Tasten, Schmecken und Riechen – nehmen wir Reize von außen wahr und verarbeiten sie zu Informationen. Unser »sechster Sinn«, die Intuition, erhält seine Informationen dagegen aus einer Art inneren Quelle. Diese Quelle wird gespeist durch Erfahrungen, die wir im Laufe unseres Lebens sammeln, von denen uns die meisten aber unbewusst bleiben. Blitzartig dringen die wichtigsten Folgerungen, die sich aus dem Zusammenwirken dieser Erfahrungen ergeben, als Intuition in unser Bewusstsein. Damit leistet die Intuition etwas, was unser Verstand nicht schafft: sie gibt uns Gewissheit über oft völlig unüberschaubare Situationen mit vielen Unbekannten, und sie eröffnet den Zugang zu unserem kreativen Potenzial. Johann Wolfgang von Goethe bezeichnete Intuition als »eine aus dem inneren Menschen sich entwickelnde Offenbarung«. Früher wurde die Intuition auch als »Kuss der Muse« bezeichnet. Sie ist Quelle von schöpferischen Ideen und Kreativität. Intuition und Verstand schließen sich nicht aus, sondern ergänzen sich wunderbar.

Ideen im Schlaf

Bei Erwachsenen wird die Intuition oft übertönt durch Stress, den festen Glauben an den Verstand und eine Flut äußerer Reize. Mit Wahrnehmungs- und Sinnesübungen können wir unsere Intuition jedoch trainieren. Wenn wir wachsam sind im Hier und Jetzt, unsere Gefühle wahrnehmen und bereit sind zur Spontaneität, geben wir der Intuition Raum. Wenn wir uns vor dem Schlafengehen vorstellen, dass uns ein Traum in der Nacht die Lösung einer Aufgabe zeigt, dann kommen neue Ideen oft im Schlaf. Damit wir den Traum beim Erwachen nicht gleich wieder vergessen, legen wir Stift und Papier am besten direkt neben das Bett.

Erfahrungen machen erfinderisch

Die Intuition baut auf Erfahrungen der Vergangenheit auf. Ohne Vorerfahrungen wird daher auch eine gut wahrgenommene Intuition nur wenige Ideen liefern. Daher kann es für Landartanfänger hilfreich sein, wenn zunächst recht konkrete Themen für Landartwerke vorgegeben werden. Mit zunehmender Erfahrung werden die Themenstellungen freier, das Kunstwerk wird immer mehr von den Besonderheiten des Ortes inspiriert, und unsere Intuition entwickelt von selbst Ideen aus diesen Besonderheiten.

Ideen auf die Sprünge helfen

Weniger intuitive Menschen, die ein Ziel (z. B. in Form eines bestimmten Kunstwerkes) erreichen möchten, können ihren Ideen auf die Sprünge helfen, wenn sie:

 In Möglichkeiten denken

Idee: Wie wichtig es ist, in »Möglichkeiten« statt in »Einschränkungen« zu denken, wird deutlich, wenn Sie folgende Übung durchführen:

Beschreibung: Schließen Sie die Augen, entspannen Sie sich und denken eine Minute lang an irgendetwas, nur nicht an rosa Elefanten.

Ergebnis: Haben Sie an irgendetwas anderes gedacht als an Rüsseltiere in seltsamen Farben? Das Problem ist: Es ist schlicht nicht möglich, an etwas bewusst nicht zu denken.

Für Landartwerke bedeutet das: Anleitungen sollten Sie immer positiv formulieren, jede aufkeimende Idee annehmen und als Impuls weiterverfolgen. Der Grundsatz lautet: Alles ist möglich.

Jeder Gedanke kann Ausgangspunkt für eine Kette neuer Ideen sein.

Assoziationsketten bilden

Den meisten Menschen fällt es wesentlich leichter, zu kritisieren als Positives anzuerkennen. Sowohl allein als auch in Gruppen kommen wir jedoch viel leichter zu guten Ideen, wenn alle geäußerten oder aufkommenden Ideen wertgeschätzt werden. Nur so bekommt Außergewöhnliches eine Chance. Noch wichtiger ist es aber, dass jede Idee neue Assoziationen weckt, aus denen sich wieder Ideen entwickeln können – vor allem beim Gestalten von Landartwerken in Kleingruppen. Aus gutem Grund ist daher beim weit verbreiteten Brainstorming in der Anfangsphase jede Kritik verboten.

 Die Assoziationsblüte

Idee: Eine spielerische Übung aus dem Improvisationstheater zum Trainieren spontaner Assoziationsketten. Die Übung macht Spaß, wärmt Körper und Geist auf und bringt im doppelten Sinne Schwung und viele Ideen. Die Verbindung von Assoziation und körperlicher Bewegung fördert die Kreativität und Spontaneität – auch für die Entwicklung von Landartprojekten.

Beschreibung: »Stellt euch (mindestens zu dritt, maximal zu sechst) im Kreis auf und seht euch an. Schwingt dann gleichzeitig im natürlichen Rhythmus mit den Armen in die Kreismitte und wieder heraus. Wenn die Arme in der Kreismitte sind, sagt ein Teilnehmer einen beliebigen Begriff, der ihm gerade in den Sinn kommt. Beim nächsten Schwung der Arme in die Kreismitte ruft sein Nachbar einen Begriff, der ihm einfällt, wenn er an das soeben gehörte Wort denkt. Reihum assoziiert so einer nach dem anderen einen Begriff auf das zuvor gehörte Wort im Rhythmus der schnellen Armschwingungen. Spielt mindestens drei Runden und ohne die Worte zu erklären.«

Zur spielerischen Einstimmung auf die Umgebung und um eine entsprechend anregende Atmosphäre vor dem Bau von Landartwerken in Gruppen zu schaffen, beschreiben wir ab Spiele und »kreative Anschubser«.

Entspannung

Wohl jeder erinnert sich an Situationen, in denen er unter Zeitdruck eine Idee zur Lösung einer schwierigen Aufgabe gebraucht hätte. Unter Druck entstehen aber nur selten wirklich gute Ideen, zumal hierdurch die für Kreativität »zuständigen« Bereiche des Gehirns lockiert sind. Sind Sie gestresst und benötigen eine Idee, ist das Wichtigste: erst einmal entspannen, alles Weitere geht dann fast von selbst. Dreimal tief und bewusst in den Bauch (nicht nur in die Brust) zu atmen hilft bereits, die grauen Zellen zu »lockern« und zu motivieren, sich doch bitteschön an der Ideenfindung zu beteiligen.

Bewährte Strategien sind auch zukünftig erfolgreich: erfolgreich kooperierende Nervenbahnen im Gehirn.

Besonders wirkungsvoll ist es, wenn Sie sich gedanklich in Situationen zurückversetzen, in denen Sie besonders kreativ waren. Wenn Sie die Energie dieser Situationen mit in die Gegenwart nehmen, fliegt Ihnen wie von selbst so manche Idee zu. Der Erfolg dieser Methode lässt sich etwa so erklären: Wenn wir gedanklich eine vergangene erfolgreiche Situation noch einmal neu erleben, »erinnert sich« unser Gehirn wieder an die damals angewandte Strategie. Die Nervenbahnen im Gehirn, die früher erfolgreich zusammengewirkt haben, können so zu erneutem »Kooperieren« aktiviert werden. Was früher Erfolg hatte, ist auch heute gut.

Innere Wahrnehmung

Unsere Intuition liefert uns laufend neue Gedanken und Ideen. Damit uns diese auch bewusst werden, ist es wichtig, innerlich wachsam zu sein. Die folgende Übung kann dabei helfen:

 Die goldene Kugel

Idee: Ziel dieser Übung ist es, die körperliche Mitte über Bewegung und Atem zu finden – und dadurch der Intuition Raum zu geben. Sie eignet sich sehr gut als Einstieg in Landartprojekte mit Erwachsenen.

Beschreibung:

»Bildet einen Kreis mit etwas Abstand zum Nachbarn.

Stellt euch auf die Zehenspitzen und schüttelt nacheinander zuerst eure Waden, dann zusätzlich der Reihe nach die Oberschenkel, Hüfte, Bauch, Brustkorb, Hals, Gesicht, Kopf, Wirbelsäule, Po, Arme und Finger durch und aus, bis der ganze Körper in lockerer Bewegung ist. Stellt euch dabei vor, in all euren Gelenken sind Kaffeebohnen, die ihr durcheinander schüttelt,

Lasst die Bewegungen kleiner werden. Senkt die Fußsohlen auf den Boden. Steht hüftbreit und in den Knien leicht angewinkelt.

Atmet bewusst dreimal tief in den Bauch ein und aus.

Lenkt eure Aufmerksamkeit in das Zentrum eures Bauches, den Schwerpunkt eures Körpers. Stellt euch in diesem Zentrum eine goldene Kugel vor, die ihr jetzt langsam in Schwingung versetzt. Währenddessen verbleiben eure Fußsohlen die ganze Zeit am Boden. Schwingt zunächst etwa eine Minute vor und zurück. Experimentiert, wie weit ihr schwingen könnt, ohne dass eure Fußsohlen den Bodenkontakt verlieren.

Schwingt dann ungefähr eine Minute seitlich nach rechts und links.

Schwingt nun im Kreis, wobei eure Füße noch immer mit der ganzen Sohle Bodenkontakt haben.

Pendelt euch schließlich in eurer körperlichen Mitte ein. Erweitert eure periphere Wahrnehmung und seht, hört und fühlt ganz weit um euch herum. Gebt euer ganzes Gewicht an die Füße ab und atmet durch die Fußsohlen hindurch. Macht euch den soeben erlebten Zustand bewusst und nutzt ihn für die nachfolgende kreative Arbeit.«

Mut zum Risiko – Einsturz ausdrücklich erlaubt.

Wertschätzung der eigenen Fähigkeiten

»Dessen Werk wird Bestand haben, der nicht darauf aus war zu gefallen, sondern dem nur eines am Herzen lag: wahr zu sein.«

Jean Cocteau

Jeder Mensch kann faszinierende Kunstwerke schaffen und auf seine Fantasie und Kreativität vertrauen. Ein Landartwerk kann für den Künstler höchst wertvoll sein, selbst wenn andere diesen Wert nicht erkennen. Nichts kann Ideen mehr fördern als ein gesundes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten!

Mut zum Risiko

Neue Ideen auszuprobieren bedeutet immer ein gewisses Risiko, etwa beim Bau einer gewagten Konstruktion: ein wackeliger Turm stürzt ein, bevor Sie den Abschlussstein auf die Spitze setzen. Noch während Sie bauen, wird ein geflochtenes Blättertrapez von einer Windböe weggefegt. Doch gerade solche gewagten Werke sind besonders wirkungsvoll – wenn sie denn doch einmal klappen. Zudem gewinnen Sie mit jedem Scheitern wertvolle Erfahrungen für das nächste Mal. Wer Landartprojekte durchführt, sollte den Mut zum Risiko zu schätzen wissen – auch wenn das Ergebnis einmal nicht den eigenen Erwartungen entspricht.

Los geht’s

»… den Ort entdecke ich gehend, die Richtung wird vom Wetter und von der Jahreszeit bestimmt. Ich gebe mich mit den Möglichkeiten zufrieden, die mir jeder Tag bietet; wenn es schneit, arbeite ich mit Schnee, im Herbst mit Laub. Ein umgefallener Baum dient mir als Lieferant von Ästen und Zweigen …«

Andy Goldsworthy

Und wenn trotz allem keine Idee vom Himmel fällt? Bevor Sie beginnen, sich über sich selbst zu ärgern oder sich zu langweilen, gehen Sie einfach umher und fangen irgendwo ohne klares Ziel an zu bauen, egal wo und mit was. Alles Weitere kommt dann von selbst. Übrigens: Schöpferisches Gestalten fördert wiederum die Intuition.

Kreative Anschubser

Trotz aller Tipps in diesem Kapitel zur Ideenfindung kann es einige Zeit dauern, bis die Ideen wieder sprühen. Besonders für Leute, die Anregungen für Landartprojekte mit einer Gruppe suchen, beschreiben wir daher ab »kreative Anschubser«, aus denen zum einen Themen für eigene Landartwerke abgeleitet werden können. Sie können sie aber auch einsetzen, um die Fantasie der Teilnehmer zu fördern.

Wie baue ich ein Landartwerk?

Gestaltung wirksamer Landartwerke

»Bewahre deine Liebe zur Natur, denn das ist der richtige Weg zu immer besserem Kunstverständnis.«

Vincent van Gogh

»Alle wirkliche Kunst ist einfach.«

Wilhelm Furtwängler

Warum fasziniert Landart den Erbauer wie den Betrachter? Die Natur weckt intensive Gefühle in uns, wenn wir offen dafür sind. Wenn wir Landartwerke bauen, lassen wir uns ganz auf einen Ort in der Natur ein und entdecken seine Besonderheiten, kleine und auf den ersten Blick oft unauffällige Details. Mit jedem neuen Landartwerk wird unsere Intuition bereichert um neue Geheimnisse, die wir der Natur entlocken und in unserem Werk mehr oder weniger deutlich machen. Bei einem solchen intensiven Naturerlebnis ist der Prozess des Bauens wichtiger als das fertig gestellte Werk.

Da Naturmaterialien an sich einzigartig und ästhetisch sind, ist weder besonderes Geschick noch großer Aufwand nötig, um ansprechende Landartwerke zu bauen. Landart ist einfach, natürlich und vergänglich und bildet einen wohltuenden Kontrast zu unserer materiell geprägten Welt.

Besonderheiten wahrnehmen und aufgreifen

Landartwerke wirken faszinierend, wenn eine Besonderheit des Ortes aufgegriffen und ihr wesentlicher Aspekt zum Thema gemacht wird. So inspirieren kreisförmige Muster auf Steinen zum Bau einer Steinspirale. Entdeckungsfreude, Einfühlungsvermögen und die Bereitschaft, sich auf die Natur einzulassen, sind die wichtigsten Voraussetzungen für einen Landartkünstler. Wer Landart gestalten will, braucht Zeit und Ruhe, um mit wachen Sinnen durch die Natur zu gehen.

»Überwundene« Naturgesetze.

Konzentration auf ein vorherrschendes Material.

Um solche entdeckten Besonderheiten eines Ortes mit Landart hervorzuheben, können nachfolgende Gestaltungstipps hilfreich sein:

Sich auf das Wesentliche konzentrieren

»Stil ist richtiges Weglassen des Unwesentlichen.«

Anselm Feuerbach

Wirkungsvolle Landart konzentriert sich auf eine bestimmte Eigenschaft des jeweiligen Materials oder Ortes. Oft benötigt ein Landartkünstler nur ein dominierendes Material. Verwenden Sie zu viele verschiedene Materialien, verliert ein Werk schnell an Klarheit.

Naturgesetze überwinden

Viele Landartwerke wirken, indem sie Naturgesetze scheinbar überwinden: Eine dünne, fast unsichtbare Eisschicht auf dem Teich regt an, kleine Steine scheinbar schweben zu lassen. Oder: Felsbrocken bleiben entgegen aller Erfahrung auf ihrer Spitze stehen.

Kontraste (ein)setzen

Kontraste zur Umgebung heben das Landartwerk hervor und setzen Akzente. Ein Beispiel sind Regenschatten: Legt man sich zu Beginn eines Regens oder des ersten Schneefalls auf die Erde, ist nach dem Aufstehen die Körperform als interessanter Kontrast zur nassen Umgebung zu sehen. Besonders gut wirken Landartwerke, wenn sie klare Formen und Symmetrien aufweisen, die sich vom natürlichen »Wildwuchs« der Umgebung abheben.

Klare Linien ziehen

Ähnlich wie Kontraste erhöhen auch klare Linien die Wirkung von Landartwerken. Auf Steinen vorhandene Linien werden verlängert, indem man viele solcher Steine entsprechend aneinander legt. Linien lassen sich in der Natur aus unterschiedlichen Materialien ziehen: von oder zu spannenden Orten, über oder unter interessanten Materialien, als Verbindungsstücke oder Wegweiser.

Klare Linien ziehen.

Mosaik legen

Oft ist es wirkungsvoll, Naturmaterialien in kleinere Teile zu zerlegen, mit denen dann gestaltet wird: Hierdurch kommen Farbnuancen besonders gut zur Geltung. Die natürliche und bekannte Form der Materialien lenkt nicht von der intendierten Aussage des Landartwerks ab. Lineare Ränder von Blattbildern entstehen durch entsprechend gerissene Blätter.

Fließende Übergänge.

Fließende Übergänge

Wenn Farben oder Formen fließend ineinander übergehen, ohne dass die Stelle erkennbar ist, an der ein Wechsel erfolgt ist, wird das Auge des Betrachters auf der Suche nach der Veränderung in den Bann gezogen. Solche Übergänge faszinieren: von hellen zu dunklen Steinen, von schwarzem zu weißem Sand, von grünen zu gelben und roten herbstlichen Blättern oder auch von dicken zu dünnen Ästen.

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