Cover

Einleitung

Bis zum Frühjahr des Jahres 2009 hatten die Brüder Roth aus dem badischen Leutershausen und der amerikanische Präsident Barack Obama nicht viel gemeinsam. Die einen waren erfolgreiche Trainer und Manager in der Sport- und in der Showbranche, der andere versuchte sein Land aus der Finanzkrise zu führen.

Dann änderten sich die Umstände dramatisch – das sorgenfreie Leben von Michael und Uli Roth war mit einem Schlag zu Ende. Es bestand fortan aus Angst, aus unangenehmen Behandlungen und aus der Hoffnung auf Heilung. Kurz nacheinander hatten Ärzte bei den Zwillingen Prostatakrebs diagnostiziert – Prostatakrebs mit siebenundvierzig Jahren, bei jungen, zumindest jungenhaften Männern, denen Sexualität durchaus nicht fremd war.

Von der Prostata wussten die beiden Brüder bis zu diesem Zeitpunkt nicht viel mehr als die Tatsache, dass sie irgendwo im Beckenbereich liegt. Mit diesem Organ ist es eben wie mit den Mandeln im Rachenraum oder dem Blinddarm: Man bekommt von diesem Teil des Körpers erst dann etwas mit, wenn er Probleme macht und herausgeschnitten werden muss. Aber welcher Mann kennt schon die normale Funktion der Vorsteherdrüse?

Diese Unwissenheit ist umso bemerkenswerter, weil Prostatakrebs der Männerkrebs schlechthin ist. Nach den letzten verfügbaren Zahlen erkranken jährlich rund 60 000 Männer an dieser Tumorart, rund 11 000 sterben jährlich an den Folgen.

Dennoch ist Prostatakrebs für Männer kein Thema. Niemand redet darüber öffentlich. Prostatakrebs bedeutet nicht nur, irgendwann schwach und hilfsbedürftig zu sein. Prostatakrebs bedeutet auch, vorübergehend oder für immer auf Windeln angewiesen zu sein und keinen Sex mehr haben zu können – so zumindest die weitverbreitete Meinung.

Es gibt unzählige Bücher von Frauen, die darüber schreiben, wie sie mit Brustkrebs leben und leiden. Es gibt Bücher von Männern, die über Lungenkrebs oder von ihrem Herzinfarkt berichten. Aber der am weitesten verbreitete, tödliche Männerkrebs bleibt ein Tabu.

Michael und Uli Roth erzählen von dem doppelten Schock der Diagnose, wie sie in ein tiefes Tal gefallen sind, nachdem beide die schlechten Nachrichten innerhalb weniger Wochen erreichten, und wie die Krankheit ihr Leben veränderte.

Es war auch eine Geschichte intensiver Bruderliebe. Gemeinsam durchlebten die ehemaligen Handball-Nationalspieler das seelische Tief, womöglich nie mehr so leben zu können wie vorher. Der psychische Schmerz war nicht vergleichbar, aber ein bisschen war es dennoch wie zu Handballerzeiten, wenn sie bisweilen schon fast geschlagen schienen. Demoralisiert, zermürbt. Wenn sie dann die Begegnung mit ungeheurer Willenskraft doch noch einmal drehten und am Ende siegten. Und danach viel stärker waren als vor dem Anpfiff.

Michael und Uli Roth kämpften gegen die tödliche Krankheit – und indem sie öffentlich über ihre Krankheit redeten, taten sie es letztlich für alle Männer. Und sie taten es für die Frauen, die mit den betroffenen Männern zusammenleben. So wie es Barack Obama im Sommer 2009 von allen Männern erwartete. Der amerikanische Präsident erklärte den September 2009 zum nationalen Gedenkmonat gegen den Prostatakrebs. In den USA sei dieses Karzinom die zweithäufigste Todesursache unter allen Tumorarten. Statistisch müsse jeder sechste Amerikaner davon ausgehen, daran zu erkranken, sagte Obama. Deshalb rief er seine Landsleute auf, mehr gegen den Krebs zu unternehmen, sich stärker um die Vorsorge zu kümmern.

Obama setzte sich für die Früherkennung ein. So wie es Michael und Uli Roth jetzt ebenfalls tun. Es hatte langer Diskussionen und Überlegungen bedurft, ehe sich das Zwillingspaar entschied, seine Rolle zu nutzen, um auf das Schicksal Prostatakrebs aufmerksam zu machen. Sie taten es, damit auch andere Männer überleben werden. Und sie taten es, damit durch ein frühzeitiges Entdecken des Tumors die Wirkungen des Krebses und die Folgen der Behandlungen so gering wie möglich bleiben.

Die Brüder Roth sind an der Krankheit, die für so viele Tausend Männer tödlich verlaufen kann, nicht gestorben. Sie haben gute Aussichten, endgültig geheilt zu werden. Aber der Krebs hat ihr Leben verändert, weil die Furcht vor dem Tod und die Angst, impotent oder inkontinent zu werden, tiefe Spuren in ihrer Seele hinterlassen haben.

Uli und Michael Roth – zwei Leben auf der Überholspur

Freud und Leid eines Zwillings: Die Kindheit in Leutershausen

An die Dose auf dem Regal kann sich Uli Roth auch vierzig Jahre danach noch genau erinnern. Es war eine leere Caro-Dose. Hellgelbe Farbe, darauf das rote Viereck und der geschwungene Schriftzug. Caro-Kaffee war in den sechziger Jahren ein beliebtes Getränk. In Wirklichkeit ist es gar kein echter Kaffee, sondern Kaffeeersatz, der aus Getreide hergestellt wird.

Und auf diese Dose mussten Uli und Michael Roth starren, wenn ihre Energie und ihr südamerikanisches Temperament wieder einmal zu groß für den Alltagsbetrieb eines deutschen Kindergartens waren. Dann stellten Hildegard oder Elisabeth, die Kindergärtnerinnen, wie die Erzieherinnen damals noch hießen, die beiden einfach in die Ecke, um Ruhe vor ihnen zu haben. Michael und Uli Roth standen oft und lange in der Ecke des Evangelischen Kindergartens von Leutershausen, und deshalb ist die Erinnerung an den Caro-Kaffee bis zum heutigen Tag so lebendig. Noch heute entdeckt Uli im Supermarkt »diese beschissene Caro-Dose« aus einer Entfernung von zwanzig Metern.

Schon in ihrer Kindheit hatten Michael und Uli Roth das, was sie später zu erfolgreichen Handballspielern machen sollte: Sie hatten Power, waren voller Tatendrang, aber sie hatten auch immer diese Spur Frechheit. Und sie waren mit einem kräftigen Selbstbewusstsein ausgestattet. Jede Kindergartengruppe und jede Schulklasse kennt diese manchmal etwas vorlauten Nervensägen, doch hier existierte das Problem, dass es sie gleich in doppelter Ausführung gab. Die beiden hatten zu jedem Thema eine eigene Meinung, und wenn dem einem mal die Argumente ausgingen, wussten die Erzieher und Erzieherinnen, dass der andere umso intensiver darauf bestand, recht zu haben. Hatte man den einen gezähmt, gab es noch den anderen. Und strafte man den einen, hatte man als Erzieherin gleich den anderen vor sich. Irgendwann trennten die Kindergärtnerinnen die Zwillinge und steckten sie in zwei unterschiedliche Gruppen. Dass die beiden Roths auseinandergebracht wurden, sollte später auch in der Schule so bleiben.

Die Jungen gab es immer nur im Doppelpack, und damit hatten sie schon ihre eigenen Eltern überrascht. Oskar Roth, der Vater, der von allen nur Ossi genannt wird, war in seiner aktiven Zeit ein bekannter Sportler gewesen. Er spielte Basketball und wurde später Handballer. Mit dem USC Heidelberg gewann er sechsmal die Deutsche Meisterschaft, und es gibt Sportfachleute, die halten Ossi Roth noch heute für einen der talentiertesten Basketballspieler, die Deutschland jemals hatte. Ossi Roth bestritt zweiundsechzig Länderspiele im Trikot der deutschen Nationalmannschaft. Und fast wäre ihm etwas Einmaliges gelungen. Nach der Karriere als Basketballer spielte er Handball und wäre um ein Haar auch hier Deutscher Meister geworden. Erst im Endspiel verlor er mit seiner SG Leutershausen gegen den VfL Gummersbach. Zuvor war Ossi Roth mit Leutershausen allerdings schon einmal Deutscher Meister im Feldhandball gewesen – das Spiel im Freien, das es damals noch gab.

Ossi Roth studierte Sport an der Sporthochschule Köln, musste aber das Studium abbrechen, weil er sich zu sehr in eine peruanische Schönheit verguckt hatte: Ursula Roth ist eine schmale Frau mit viel Temperament und einem angenehmen spanisch-badischen Dialekt. Ein Kind war unterwegs. Roth heiratete Ursula, und innerhalb eines Jahres kamen die Töchter Gaby und Monika zur Welt. 1961 war Ursula dann wieder schwanger. Nach zwei Mädchen richtete man sich im Hause der Roths auf einen Jungen ein, als die werdende Mutter zu einer Routineuntersuchung in die Frauenklinik der Universität Heidelberg ging. Es war drei Wochen vor der errechneten Geburt, als sie der Arzt mit seiner Diagnose überraschte: »Herzlichen Glückwunsch«, sagte er, »Sie kriegen Zwillinge.« Die Ärzte zuvor hatten nicht festgestellt, dass in ihrem Bauch zwei Herzen schlugen. »Als meine Frau mir das erzählt hat, ist mir erst einmal die Flappe runtergefallen«, sagt Ossi Roth.

Dann kam der 15. Februar 1962, und schon das erste Auftreten von Michael und Uli Roth auf dieser Welt war ein Ereignis. Zuerst erblickte Michael das Licht der Welt, fünf Minuten später Uli, und die beiden waren enorme Brocken: Sechseinhalb Pfund wog der eine, siebeneinhalb gar der andere. Die Ärzte im Kreißsaal konnten sich nicht erinnern, jemals so schwere Zwillingskinder gesehen zu haben. Es war eine harte Geburt. Die Zwillinge hatten das Becken geweitet, es blutete stark, Ursula Roth erhielt Infusionen. »Danach war unten herum alles kaputt«, sagt sie.

Die junge Familie Roth lebte in Leutershausen, einem kleinen Ort an der Bergstraße, nur ein paar Kilometer von Heidelberg entfernt. Vier Kinder in drei Jahren – es war keine leichte Zeit. Weil er sein Studium abgebrochen hatte, konnte Ossi Roth nur in einer Privatschule unterrichten. Das Geld war deshalb knapp. Trotzdem fuhr die sechsköpfige Familie regelmäßig in den Campingurlaub nach Italien oder Spanien. Die Hälfte seiner Sommerferien arbeitete Ossi Roth auf dem Bau, um mit dem zusätzlichen Geld den gemeinsamen Urlaub bezahlen zu können.

Es war ein kleines badisches Familienidyll. Der Vater arbeitete hart, um ein unbeschwertes Leben zu ermöglichen, die Mutter blieb zu Hause und hielt – ganz ihrer südamerikanischen Tradition verbunden – die Familie zusammen. Die älteren Schwestern behandelten ihre kleinen Brüder »wie Puppen« und fuhren sie auch mit ihren Puppenwagen durch die Gegend. Der Michael, stets etwas kräftiger als Uli, war ihr »Dickerli«. Uli nannten sie wegen seiner etwas größeren Augen »Guckerli«. Die Schwestern waren sehr stolz auf ihre beiden Brüder, auch wenn sie der Lärm und der ewige Streit der beiden untereinander oft nervte. »Natürlich haben wir später auch den Rauch unserer ersten Ernte 23 zusammen mit ihnen aus dem Fenster geblasen«, erzählt Gaby Roth.

Michael und Uli Roth: »Dickerli und Guckerli« wurden im Puppenwagen durch die Wohnung gefahren (1)

 

Obwohl sie wie alle eineiigen Zwillinge fast gleich aussahen, hatten die Eltern und Geschwister keine Schwierigkeiten, die Jungen auseinanderzuhalten. Nur wenn die beiden Buben die Wohnung verließen, ließen sie damit auch ihre Identität zurück. Draußen auf der Straße kannte sie jeder, aber es waren nicht Michael und Uli, die die Menschen sahen, draußen waren sie stets nur die »Roth-Zwillinge« oder kurz die »Roths«.

Anfangs war das Leben der Brüder noch ganz normal, weil sie eben in der Familie wie ganz normale Brüder behandelt wurden. Erst im Kindergarten, als sie von den anderen wegen ihres gleichen Aussehens angeglotzt wurden, merkten sie, dass bei ihnen etwas anders war. Und von nun an spürten die Jungen, dass es etwas Besonderes ist, doppelt auf die Welt gekommen zu sein. Sie spürten die absolute Vertrautheit, die Gewissheit, einen Menschen neben sich zu haben, auf den sie »bedingungslos bauen« können. »Das war sehr beruhigend gewesen«, sagt Michael Roth, »denn schon zu dem Zeitpunkt, als sich der Samen des Vaters auf die Reise machte, bin ich quasi mit meinem Bruder eine Einheit. Wir lagen neun Monate im Bauch der Mutter nebeneinander und erblickten gemeinsam das Licht der Welt. Das schweißt einfach zusammen.«

Aber die Umgebung ließ die Zwillinge frühzeitig merken, dass sie nicht einzigartig sind – zumindest nicht aus der Sicht der Mitmenschen. »Die ständigen Verwechslungen und die Erklärungen, die du abgeben musst, wer du denn jetzt bist, der Uli oder der Michael, das nervte gewaltig«, sagt Uli Roth. Selbst Freunde konnten sie nicht auseinanderhalten. »Mensch, sind die doof!«, sagten sich die Zwillinge manches Mal. Schon als Kind kann das belastend sein, vielleicht gerade als Kind. »Ich hatte am Hals ein Muttermal«, erzählt Uli Roth, »und eine Zeit lang gab es die schicken Rollkragenpullover, die natürlich auch wir getragen haben. Und dann kamen die Leute an und haben den Kragen des Pullovers einfach runtergezogen, und sobald sie das Muttermal gesehen haben, sagten sie: ›Ah, der Uli!‹ Irgendwann war der Kragen richtig ausgeweitet. Die Selbstverständlichkeit, mit der das passierte, war sehr unangenehm für mich.«

Und welche Eltern von Zwillingen machten sich damals schon Gedanken darüber, was es für ihre gleich aussehenden Kinder bedeuten kann, nur als Einheit gesehen zu werden? »In unserem Kleiderschrank war alles doppelt: die Hemden, die Hosen, die Schuhe«, sagt Uli Roth. Keiner der beiden hatte etwas, das nur ihm allein gehörte. Der einzige Vorteil bestand darin, dass nur einer der beiden beim Einkauf die Sache anprobieren musste. Erst als sie Teenager wurden, konnten sie sich gegen die elterliche Gewohnheit durchsetzen, sie wie geklont durch die Straßen laufen zu lassen.

Weihnachten und Geburtstage waren eine schöne Sache, aber auch ein immer wiederkehrender Beweis für die Jungen, stets als identische Menschen gesehen zu werden. Nur einer der Zwillinge musste das Geschenk auspacken, dann wusste der andere, was auch er bekommen würde. Die Überraschung war dahin. Vater und Mutter Roth waren sehr großzügige Eltern, nie gab es Schläge, selten einmal ein lautes Wort. »Unsere Mutter konnte gar nicht streng sein«, sagt Gaby Roth.

Michael hatte nachts Albträume, er bettnässte bisweilen noch als Dreizehnjähriger und schlafwandelte ab und zu. Einmal wachte er nachts auf, ging die Treppe hinunter zu den Eltern, die Fernsehen schauten, pinkelte dort auf den Teppich und ging, so als sei nichts passiert, wieder zurück. Noch Jahre später schlief er nachts sehr unregelmäßig. Als Erwachsener übernachtete er einmal im Hamburger Hyatt Hotel, stand auf und streunte in Unterhose durch die Flure. In den sechziger Jahren war es nicht üblich, mit solchen Problemen zu einem Facharzt zu gehen. Deshalb wurden die Ursachen für das Bettnässen, die Alpträume und das Schlafwandeln nie herausgefunden. Heute mag Michael Roth selbst nicht ausschließen, dass es daran lag, unbewusst unter der ewigen Gleichstellung mit seinem Bruder gelitten zu haben.

Ursula und Ossi Roth mit den Kindern Michael, Gaby, Monika und Uli: Die Geschwister rauchten heimlich die erste Ernte 23 zusammen (2)

 

Michael und Uli Roth gab es nicht als Unikate. Die beiden galten eben als Paar, als niedlich und süß, und niemand machte sich Gedanken darüber, was dies für die Jungen bedeutete. »Wir waren die Roths, und das hat uns geprägt«, sagt Uli. »Keiner von uns beiden war jemals allein. Manchmal waren wir auch für das verantwortlich, was der andere gemacht hat – ob im Guten oder im Schlechten.« Einmal, noch in der Schulzeit, organisierte Uli als Schülersprecher ein Schulfest mit. Als nach der Party drei Blumentöpfe, die der Dekoration dienten, herumstanden, wollte Uli seiner Mutter und seiner Oma eine Freude machen und nahm die Blumen mit nach Hause. Als Mitorganisator sah er sich dazu durchaus im Recht, zudem wusste er nicht, dass die Töpfe nach Gebrauch wieder zurück in die Gärtnerei mussten. Als der »Diebstahl« aufflog, war klar, dass es »die Roths« gewesen sein mussten, obwohl jedem der Verantwortliche bekannt war: Uli. Egal. Die Zwillinge mussten anschließend zum Direktor, und selbst nachdem Uli ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht hatte, dass er allein die Tat begangen hätte, wurden beide vom Schulleiter bestraft.

Michael und Uli entwickelten eine Art Doppelstrategie. Sie hielten fest zusammen, gegen die Welt da draußen waren sie unzertrennlich, ganz wie die beiden Embryos im Mutterleib. »Auf dem Schulhof kam gegen die Roths keiner an«, sagt Uli. »Jeder wusste, wenn er sich mit mir anlegt, hat er es gleichzeitig auch mit Michael zu tun.« Besonders in Dingen, die sie hassten, marschierten sie gemeinsam durch dick und dünn. Und das fing schon früh an.

Mehrmals entschlossen sie sich, einfach nicht zu den strengen Erzieherinnen in den Kindergarten zu gehen. Sie versteckten sich lieber bei einem Bauern namens Walter Hauck und gingen mit ihm aufs Feld oder in den Stall. Hauck war ein Freund der Familie, selbst kinderlos, und er hatte die beiden sehr in sein Herz geschlossen. Er kaufte den Zwillingen später Ponys, die sie selbst versorgten. Und wenn sie sich bei Bauer Hauck versteckten, kehrten sie erst zu der Zeit nach Hause zurück, zu der sie für gewöhnlich aus dem Kindergarten gekommen wären.

Hauck, auf dessen Bauernhof sie viele Stunden und Tage verbrachten, blieb immer ein väterlicher Freund der Roths. Und Jahrzehnte später wurden sie wegen ihres persönlichen Schicksals an den Tod des alleinstehenden Mannes erinnert. Nach einer quälend langen Leidenszeit war er an Prostatakrebs gestorben.

Die gemeinsamen Streiche konnten sie nur unternehmen, weil sie fest zusammenhielten. Zugleich suchte jeder für sich ein Gebiet, das nur ihm selbst gehörte. Anfangs eher unbewusst, im Lauf der Zeit immer zielgerichteter. Uli war bei den Pfadfindern engagiert: »Das hat Michael überhaupt nicht interessiert.« Er züchtete Tauben – »darüber hat sich mein Bruder lustig gemacht«. Und Uli war Ministrant, »mit Herzblut«, wie er sagt, Michael hatte mit dem Dienst an der Kirche nichts im Sinn. Er ging lieber zum Tischtennis oder streunte mit Freunden im angrenzenden Wald umher. Oder er half beim Bauern aus. Einmal kam abends sein Vater von der Arbeit und sah einen Traktor, der Anhänger war meterhoch beladen mit Heu. Und am Steuer des Treckers saß Michael und lachte sich scheckig. Aber dem Vater fuhr ein Schreck in die Glieder. Wegen Michael musste Vater Ossi auch einmal vor Gericht: Der Sohn hatte sein Mofa frisiert und war mit dem getunten Zweirad der Polizei aufgefallen. Auch diese Geschichte trug dazu bei, die Prominenz der Zwillinge in Leutershausen zu steigern. Dennoch waren die beiden Lausbuben sehr beliebt, gerade wegen ihrer charmanten und fröhlichen Art.

Manchmal war geteiltes Leid jedoch auch halbes Leid. Einmal drangen die beiden Roth-Rabauken in den Stall eines benachbarten Bauern ein und schwangen – aus welchem Grund auch immer – wild mit einer Keule um sich. Zwei Hühner gerieten in die Flugbahn und bezahlten das mit ihrem Leben. Das löste natürlich mächtigen Ärger aus, weil abends der Bauer bei Ossi Roth auf der Matte stand. Ein anderes Mal versenkten die Roth-Buben einen Feuerwerkskörper im Briefschlitz eines Nachbarn, wodurch alle Postsendungen vernichtet wurden.

Die Lausbuben aus Leutershausen: bei jedem Streich dabei (3)

 

Doch so unterschiedlich die Interessen waren und so eng sich die Roth-Zwillinge auch miteinander verbunden fühlten, wenn sie unterwegs auf Tour waren, so groß waren die internen Platzkämpfe, sobald sich die Haustür hinter ihnen schloss. Das fing beim Essen an. Wenn es daheim Spaghetti gab, hatten die Brüder die Gabeln schon in der Hand, bevor die Schüssel auf dem Tisch stand. Die Augen waren dabei immer fest auf den anderen gerichtet. Und sobald die Mutter dann das Essen freigab, aßen die beiden drauflos, als wäre es das letzte Nudelessen ihres Lebens. Und wehe dem, der mehr bekam als der andere. Jeder kleine Spaß zu Hause wurde zu einem Wettkampf zwischen den gleichen Brüdern. Tauchen mit Taucherbrillen in der Badewanne: Klar, aber Mutter Ursula musste zählen, wer länger unter Wasser bleiben konnte.

Ständig gab es Stunk untereinander. Sie schubsten, boxten und prügelten sich. Jeden Tag, jeden Tag mehrmals. Anlass waren oft Lächerlichkeiten. Da zog Michael die Hausschuhe von Uli an oder Uli das Hemd von Michael. Was an sich nicht weiter schlimm war, weil die Kleidungsstücke ja ohnehin identisch aussahen. »Aber dann haben wir uns deswegen doch wieder gekloppt«, sagt Uli. »Vielleicht waren diese Hahnenkämpfe unsere Form, dem anderen und uns selbst zu zeigen, dass wir eben nicht immer gleich sein wollten. Jeder wollte etwas nur für sich haben und ein bisschen auch sein eigenes Leben führen.«

»Einmal«, erzählt Michael, »lagen wir in unserem Bett nebeneinander. Plötzlich fiel einem von uns ein, dass wir uns an diesem Tag noch gar nicht verhauen hatten. Deshalb erhielt der andere zunächst eine Kopfnuss, und dann ging es richtig zur Sache.« Uli war zwar bei der Geburt der Schwerere von beiden, doch Michael hatte ihn bald überholt. Er blieb immer der etwas Kräftigere und Stärke. Ein anderes Mal veranstaltete der Bauer Walter Hauck in seiner Scheune ein privates Boxturnier, das Michael nutzte, um seinem Bruder eine blutige Nase zu verpassen.

Als die Brüder in die Grundschule kamen, war für Michael und Uli schnell klar, dass sie selbst in unterschiedliche Klassen wollten. Auf diese Weise entfielen die nervigen Fragereien, wer von beiden Uli und wer Michael ist. Und so konnten beide Klassensprecher werden, ohne bei der Wahl gegen den Bruder antreten zu müssen. Michael und Uli waren schlau, pfiffig und immer für einen guten Spruch zu haben. Aber sie waren lausige Schüler. »Wir waren stinkfaul«, sagt Uli. »Doch es war der größte Fehler unseres Lebens, dass wir es nicht auf eine höhere Schule geschafft haben.« Sosehr die Roth-Zwillinge auch Wert darauflegten, in unterschiedlichen Klassen unterrichtet zu werden, so einheitlich war ihr Lernverhalten: mies eben. Schon als Kinder merkten sie, dass sie unter ihren Möglichkeiten geblieben waren. Mehrmals sind sie ins sechs Kilometer entfernte Weinheim gefahren, dort, wo die weiterführenden Schulen waren. Und hier suchten sie die Gesamtschule auf, in die einige ihrer ehemaligen Klassenkameraden gingen, und setzten sich schließlich zur Probe auf die Stühle ihrer Altersgenossen, an die Pulte, die sie niemals erreichen würden. Auf diese Weise versuchten sie zu verarbeiten, dass es ihnen nicht gelungen war, auf die höhere Schule zu kommen. »Die hatten eben immer nur Sport im Kopf«, sagt Ossi Roth. Wie jeder Vater hätte er es natürlich gern gesehen, wenn seine Söhne das Abitur geschafft hätten. Er besorgte auch Nachhilfestunden für seine Buben. Aber selbst das half nicht weiter. »Die Nachhilfelehrerin hatten wir schnell um den Finger gewickelt«, erzählt Michael. »Wir haben mit ihr Cola getrunken und Kekse gegessen, aber kein bisschen gelernt.« – »Wir haben sie letztlich nicht zum Lernen gezwungen, und wir haben uns über ihr Fortkommen auch niemals große Sorgen gemacht, weil wir wussten, dass etwas aus ihnen wird«, sagt Ossi Roth.

So verbrachten die Roth-Zwillinge ihr Schulleben auf der Martin-Stöhr-Hauptschule in Leutershausen. Und hatten hier ihren Spaß. Uli war bald Schulsprecher, er organisierte Feste und Theaterabende. Und alles war nicht ganz so ernst.

Es geschah nicht oft, aber ab und zu nutzten sie es doch aus, identisch auszusehen. Einmal mussten beide an einem Tag eine Klassenarbeit schreiben, Michael in Musik und Uli in Biologie. Sie kamen auf die Idee zu tauschen, weil sie sich dadurch weniger Arbeit und bessere Noten versprachen. Michael hatte das Thema, das vorkommen sollte, bereits in seiner Klasse bearbeitet. »Aber das ging schrecklich in die Hose«, sagt Uli. Er selbst holte für seinen Bruder zwar die Note Eins bis Zwei heraus. Aber Michael versagte kläglich in Biologie, weil der Lehrer kurzerhand das Thema gewechselt hatte. Das Doppelte-Lottchen-Spiel endete mit einem »Mangelhaft«.

Zwilling zu sein war folglich ein Leid und ein Segen zugleich. Und manchmal war es auch ein bisschen mystisch. Die Kinderkrankheiten wie Keuchhusten, Masern und Windpocken bekamen beide immer im Gleichschritt. Und nicht etwa in den zeitlichen Abständen, wie es die Inkubationszeiten bei Brüdern vermuten ließen, die im gleichen Zimmer wohnen. Wenn der eine erste Masernpustel hatte, konnte der andere davon ausgehen, dieselben Ausschläge innerhalb von maximal zwei Stunden zu haben. Und wenn Michael am Morgen spürte, dass ein Milchzahn wackelte, konnte Uli sicher sein, dass mittags einer seiner Zähne an genau der gleichen Stelle auch wackeln würde. »Und das lag nicht daran, dass ich nachgeholfen habe, weil es für jeden ausgefallen Zahn von den Eltern eine Prämie von 50 Pfennig gab«, wie Uli erzählt.

Sosehr die beiden Jungen aufeinander fixiert waren, so schnell merkten sie, dass es auch andere interessante Menschen auf dieser Welt gab, und bald galt ihre große Leidenschaft zwei Bereichen: Handball und Mädchen. Sie mochten die Mädels, und die Mädels mochten sie. Sie waren stattliche Jugendliche mit gut trainierten Körpern, und ihr südamerikanischer Einschlag, die schwarzen Haare und die braunen Augen machten sie in Leutershausen bald zu echten Frauenhelden. Und dann auch in Schriesheim, und dann in Weinheim und den anderen Städtchen ringsumher. Die Brüder genossen es, Blickfang zu sein. »Wir haben es ausgelebt, und manchmal haben wir es peinlich überdreht«, sagt Uli.

Michael und Uli Roth – die Kindheit war bestimmt von den Platzkämpfen zu Hause und dem bedingungslosen Zusammenhalt vor der Haustür. Und die Mädchen und später die Frauen gehörten eindeutig zu der Welt da draußen, hier gab es keinen Wettkampf. Kein einziges Mal haben sie sich um ein Mädchen oder eine Frau gestritten – man konnte sich aufeinander verlassen. »Oft hatten wir sogar dieselben Frauen – nacheinander«, sagt Uli Roth. »Wir mögen den gleichen Typ, und wir hatten damals den Eindruck, dass es manchen Frauen egal war, mit wem von uns beiden sie zusammen waren, Hauptsache, es war ein Roth.« Nur einmal gab es etwas Streit. Da bat Uli seinen Bruder, ihn bei einer Freundin zu vertreten, weil er auf eine andere Party gehen wollte. Er sollte sich dabei als Uli ausgeben. Michael stimmte zu, er gab alles. Vielleicht zu viel. Er knutschte mit Ulis Freundin, die zunächst ahnungslos blieb, wer sie an diesem Abend glücklich machte. Dann kam das Wechselspiel ein paar Tage später doch heraus, Uli war seine Freundin los – und danach mächtig sauer auf den forschen Michael.

Medaillen, Meisterschaften und die Steffi – der sportliche Aufstieg

Mit den vier Kindern, die fast gleichaltrig waren, herrschte in der Wohnung der Familie Roth stets ein ordentlicher Lärmpegel. Die Zwillinge sorgten schon dafür, dass es niemals Ruhe gab, sobald die Jungen zu Hause waren. Da waren die Raufereien. Da war zudem die Gewohnheit der Brüder, die Wohnung als eine Art Spielfeld zu betrachten.

Dann begannen sie, ernsthaft Sport zu betreiben.

Mit sechs Jahren waren sie zunächst mit ihrem Vater Ossi nach Heidelberg mitgegangen, der in der Universitätsstadt als Basketballtrainer tätig war. Basketball blieb aber eine kurze Episode. Dann probierten es die beiden Jungen mit Fußball. Aber schon mit sieben Jahren kamen die Roths zum Handball, was in Leutershausen nicht erstaunlich ist, weil der kleine Ort als Hochburg des Handballs gilt – so wie Flensburg im Norden, Minden und Gummersbach im Westen und Großwallstadt im Süden Deutschlands. Ein Freund des Vaters war in Leutershausen als Übungsleiter tätig.

Zweimal in der Woche hatten sie nun Training im Verein, und an den restlichen Tagen trainierten sie eben in der Wohnung. Dabei war es durchaus von Vorteil, einen Bruder zu haben, der die gleichen Interessen hatte, der ebenso gut fangen und werfen konnte wie man selbst. Und so passten sich die Jungen die Bälle zu, sie dribbelten und versuchten sich gegenseitig auszuwackeln. »Jede Tür wurde für einen Sprungwurf genutzt«, sagt Ossi Roth.

Anders als in der Schule, wo sie gern in getrennten Klassen waren, spielten die beiden immer in der gleichen Mannschaft: Sie begannen in der E-Jugend der SG Leutershausen, sie schafften es in die D- und C- und schließlich in die B-Jugend. Und dabei wurde ein Mann für sie immer wichtiger, der in Leutershausen als »knallharter Hund« bekannt war. Jürgen Hahn, der Jugendtrainer von Michael und Uli, war einstiger Handballnationalspieler. 1976 waren er und seine Mannschaft bei den Olympischen Spielen in Montreal auf den vierten Platz gekommen. Und dieser Jürgen Hahn war nicht nur ein Freund der Familie, er bimste den beiden Jungen auch ein, dass Handball viel mehr sein kann als ein Spiel: eine Vorbereitung für das ganze Leben, eine Einnahmequelle und vor allem ein Sprungbrett nach oben. »Ihr seid in der Schule die Loser, nutzt den Handball, um mehr aus euch zu machen«, sagte er seinen Schützlingen. »Ihr müsst über den Sport euer Leben bestimmen.« Für Hahn, der zu Hause selbst zwei Töchter hatte, waren die Roths wie Ersatzsöhne.

Und mit seinen Worten traf Hahn durchaus den Nerv der Zwillinge. In den Ferien arbeiteten Michael und Uli oft bei heimischen Handwerksbetrieben, um Geld zu verdienen. Für sie war es immer eine schlimme Vorstellung, in einem dieser Betriebe zu enden. »Wir wollten keine Handwerker werden, zumal uns letztlich dafür auch das Talent gefehlt hat. Viele unserer Freunde verließen allein schon deshalb das Dorf, weil sie auf höhere Schulen gingen«, sagt Uli. »Wir mussten den Sport nutzen, um hier wegzukommen, weil uns klar war, dass unsere berufliche Karriere hier nicht zu Ende sein durfte.« Also trainierten sie, schufteten im Kraftraum oder bolzten Kondition. »Unser Geheimnis war Fleiß: Wir waren nie die talentiertesten Handballer, wir waren nie die muskulären Typen, sondern eher fleischig. Aber wir hatten ein Ziel. Wir trainierten und spielten immer zielorientiert und haben uns dadurch von vielen abgegrenzt, denen später die Mofas, die Partys oder die Freundin wichtiger als der Sport waren«, sagt Uli Roth. »Wir haben uns dämlich trainiert.«

Michael und Uli Roth hatten sich viele Gedanken über die Karrieren von Athleten gemacht: Warum schaffen es einige Talente nach oben und warum andere nicht? Warum können einige Sportler von ihrer Karriere zehren und manche nicht? Jürgen Hahn ist einer der wesentlichen Gründe, weshalb die Roths nach oben gelangten. »Er war schonungslos«, sagt Uli Roth. »Einige Neider sagen über uns, wir hätten einfach Glück gehabt. Das ist falsch, weil wir von Jürgen Hahn gut beraten waren, auf ihn gehört haben und dann konsequent an unseren Defiziten mit sehr viel Disziplin gearbeitet haben.«

Vater Ossi war stolz auf seine Kinder, er schaute sich die meisten Spiele an. Er war aber niemals der Antreiber, keiner dieser typischen Sportlerkinderväter, die ihre Sprösslinge nach vorne peitschen. Als ehemals glänzender Basketballer hatte er es nicht nötig, fehlende eigene Erfolge auf die Karriere der Kinder zu projizieren. Mutter Ursula war auch gern bei den Spielen dabei, verstand aber nicht viel von dem Sport.

In Leutershausen kannte längst jeder die Handball-Brüder. Michael, den Robusten, der als Mittelmann Spielgestalter aller Mannschaften war, und Uli, der als Torjäger auf halblinks oder als Kreisläufer spielte. Bald wurden auch die Trainer der Auswahlmannschaften auf die Zwillinge aufmerksam; und so ging es Stufe für Stufe nach oben und damit raus aus Leutershausen. Zunächst in die Kreisauswahl, danach in die badische Auswahl, dann in die süddeutsche Jugendauswahl. Und schließlich kam ein Sichtungsturnier mit mehreren Auswahlteams aus Südbaden, Nordbaden, Württemberg und Hessen. »Uns war sofort klar, dass es unsere Chance war. Wir mussten an diesem Tag gut sein«, sagt Uli Roth. Es war wie so oft in ihrem Leben, sobald sie aufs Spielfeld liefen: Die Roth-Zwillinge fielen auch an diesem Tag sofort auf. Nicht nur, weil sie gleich aussahen, sie verkörperten auch eine Dominanz auf dem Spielfeld. Sie bildeten einen Doppelpack, der besonders in der Abwehr schwer zu überwinden war. Und im Angriff waren sie eine Achse, die sich beim Werfen im heimischen Kinderzimmer bis zur Perfektion herausgebildet hatte. Michael, der Spielgestalter, warf den Ball an den Kreis. Dort stand Uli. Eine kurze Drehung. Tor.