Cover

André Stern, 1971 in Paris geboren, ist Musiker, Komponist, Gitarrenbaumeister, Journalist und Autor. Er unterrichtet Musik, hält Vorträge, arbeitet intensiv im Bereich Informatik und bekleidet mit großem Erfolg verschiedene Positionen in der Tanz- und Theaterwelt. Er ist ein glücklicher Mensch – beruflich und sozial erfüllt. Und er ist nie zur Schule gegangen, denn in Frankreich gibt es keine Schulpflicht. Weil er immer wieder nach seinem ungewöhnlichen Bildungsweg gefragt wird, hat er sich entschlossen, über dieses Thema ein Buch zu schreiben.

 

Für Delphine

Als kleiner Junge hatte ich die immerwährenden Fragen der Leute irgendwann satt, die erstaunt waren, mich frei herumlaufen zu sehen, während alle anderen Kinder in der Schule saßen. Also legte ich mir einen kleinen Satz zurecht, um mich ein für alle Mal vorzustellen:

»Bonjour, ich heiße André, ich bin ein Junge, esse keine Bonbons und zur Schule gehe ich nicht!«

 

Diese letzte Äußerung sorgte üblicherweise für eine gewisse Aufregung; und das ist auch heute noch der Fall.

Mit diesem Buch erzähle ich meine Geschichte. Die Geschichte eines Kindes, das nicht zur Schule geht, und die Geschichte des Erwachsenen, zu dem dieses Kind in aller Freiheit herangewachsen ist.

Es handelt sich weder um eine Anleitung zum Nonkonformismus noch um eine Sammlung von Patentrezepten oder eine Autobiografie, sondern vielmehr um einen Bericht. Meine Erlebnisse, meine Lernprozesse, die Art und Weise, wie und wann ich mir Fähigkeiten und Fertigkeiten angeeignet habe, sind Teil einer vollkommen persönlichen Entwicklung. Der Versuch, sie zu verallgemeinern oder auf jemand anderen zu übertragen, wäre unsinnig.

Doch ebenso abwegig wäre es zu glauben, dass dieses Buch die Geschichte eines außergewöhnlichen, eines hochbegabten Kindes erzählt. Jedes Kind in einer vergleichbaren Lage würde auf seine eigene Weise eine ebenso facettenreiche, vielseitige und einzigartige Entwicklung durchlaufen.

Dieses Buch will die Vielfalt und Individualität der Interessen und Lernweisen aufzeigen, die sich entfalten können, wenn ein Kind nicht nach Lehrplan lernt. Dieses Buch bietet die Gelegenheit, sich selbst ein Bild davon zu machen, ob ein Mensch, der nicht zur Schule geht, notwendigerweise zu bemitleiden ist und zwangsläufig zu einem asozialen, analphabetischen, primitiven und einsamen Wilden heranwächst.

Bevor...

...ich Ihnen von meiner Kindheit berichte, muss ich zunächst erzählen, woher ich komme.

Papa

Mein Vater Arno Stern wird 1924 in Kassel als Sohn von Isidor und Martha Stern in eine deutsche Industriellenfamilie hineingeboren. Die ersten neun Jahre seines Lebens sind sehr glücklich.

Isidor Stern war während des Ersten Weltkriegs mit 19 Jahren (anstelle seines älteren Bruders, der bereits Familienvater war) freiwillig in den Krieg gezogen und als Dragoner an der Front verwundet worden. Er war ein entschlossener, großzügiger und gläubiger Mensch. Nach dem Krieg hatte er seinen eigenen Hausstand gegründet und widmete sich, unermüdlich den schwierigen Jahren der Weltwirtschaftskrise trotzend, dem Glück seiner Familie.

Mein Vater erinnerte sich sehr gut an seine Kindheit, und er erzählte uns immer wieder von den Spielen mit seiner Mutter, von ihrer Kakteensammlung, von seinem Vater, der morgens mit einem Köfferchen das Haus verließ, um seinen Arbeitern den Tageslohn auszuzahlen.

Vor einigen Jahren begleitete ich Papa auf eine nostalgische Reise: Er fand die Wohnung seiner Kindheit in einem der wenigen Stadtviertel Kassels, die von den Bombardierungen während des Zweiten Weltkriegs verschont geblieben waren, nahezu unverändert vor.

 

In den 1930er Jahren verfolgt mein Großvater, der über verschiedene Bekannte gut informiert ist, mit Sorge die politischen Entwicklungen. Als er 1933 die Antrittsrede Adolf Hitlers hört, fasst er unverzüglich den Entschluss, mit seiner Familie das Land zu verlassen.

Er hat für sein Vaterland gekämpft, seine Familie ist deutsch und seine militärischen Heldentaten sollten ihn vor Übergriffen eigentlich schützen, aber an seiner Entscheidung ist nicht zu rütteln. In aller Heimlichkeit wird ein Wagen organisiert.

Der kleine Arno spielt im Hof des Wohnhauses mit seinem roten Tretauto, als ihn plötzlich seine Mutter ruft: Arno, komm schnell! Er möchte noch sein Auto parken, doch Martha dringt darauf, dass er es stehen lässt und sofort mit ihr kommt. Es stand nicht mehr im Hof, als wir 67 Jahre später zurückkamen.

Sämtliches Hab und Gut wird zurückgelassen. Es folgen eine lange Reise nach Frankreich, eine vollständige Entwurzelung, ein Leben als Heimatlose, eine armselige Unterkunft zunächst in Mulhouse, später in Montbéliard. Isidor putzt Fenster, Martha wird Stickerin und Arno geht zur Schule. Weil er kein Französisch spricht, geht er in eine Klasse, in der die Mitschüler vier Jahre jünger sind. Einer seiner Klassenkameraden, der kleine Jacques Greys, ist von ihm fasziniert, die anderen Jungen schlagen und schimpfen ihn »sale boche« – dreckigen Deutschen.

Doch binnen Kurzem hat er sich integriert und avanciert zum Klassenbesten – in einem Kopf-an-Kopf-Rennen mit Jacques, der ein Leben lang sein Freund bleiben wird.

Mein Großvater arbeitet mit ganzer Kraft am Aufbau einer neuen Existenz, während Martha geschickt dafür sorgt, der Familie in den unsicheren Verhältnissen ein Gefühl von Zuhause zu geben.

Angesichts der näher rückenden deutschen Armee verlassen meine Großmutter und mein Vater im Juni 1940 Montbéliard, während mein Großvater, der sich als freiwillige Hilfskraft zur französischen Armee gemeldet hat, ihnen später zu Fuß folgen soll.

 

Nach verschiedenen, oft dramatischen Zwischenfällen ist die Familie schließlich in Valence wieder vereint, das zu dieser Zeit noch nicht von den Deutschen besetzt ist. Aber bereits ein Jahr später bleibt der Familie nur die erneute Flucht.

Diesmal flüchten sie in die Schweiz. Den Diensten eines Schleppers sowie dem Instinkt meines Großvaters ist es zu verdanken, dass dieses heikle Unterfangen gelingt.

Die weiteren Kriegsjahre werden die Sterns in Arbeitslagern für Flüchtlinge verbringen; mein Vater und mein Großvater in dem einen, meine Großmutter in einem anderen. Die Lebensumstände sind elend, die Arbeit ist hart, aber das Überleben ist gesichert. In diesen Lagerbaracken entdeckt der junge Arno die Musik, die ihm unentbehrlich wird.

Es kommt das Jahr 1944. Der Himmel über Deutschland verfärbt sich jeden Abend unter den Bombardierungen der Alliierten glutrot. Das Radio verkündet die Niederlagen der Wehrmacht, doch der Krieg dauert an.

Nach der Befreiung Frankreichs kehrt die Familie Stern nach Montbéliard zurück. Das Land liegt in Trümmern, jeder bemüht sich um den Wiederaufbau. Mein Großvater macht sich ein weiteres Mal daran, aus dem Nichts eine Existenz aufzubauen.

Gemeinsam mit seiner Frau fertigt er Schulterpolster an und bald schon ist das Unternehmen Aux trois étoiles (Die drei Sterne) geboren. Arno, der »dritte Stern«, übernimmt den Außendienst. Er besucht die Kundschaft, reist oft nach Paris und nimmt dort die Bestellungen auf. Die Schulterpolster verkaufen sich gut, das Unternehmen wächst und man stellt Arbeiterinnen ein.

Einige Zeit später erhält der junge Arno das Angebot, in einem Kinderheim für Kriegswaisen in einem Pariser Vorort zu arbeiten. Er nimmt diese Stelle an. Man betraut ihn mit der Beschäftigung von Kindern, deren Eltern deportiert wurden. Er hat diesen Beruf nicht erlernt (Arno hat gar keinen Beruf erlernt), so kann er ihn von Grund auf erfinden und benützt dazu die begrenzten Mittel, die ihm zur Verfügung stehen.

Er beschafft Zeichenmaterial: Die Kinder sind begeistert. In immer größerer Zahl kommen sie zu ihm – eine richtige Überflutung. Es entstehen ganz selbstverständlich ein Ort (der Malort) und eine Rolle (die dienende Rolle im Malort), die es zuvor nicht gab. Arno verschreibt sich mit Leib und Seele deren Ausbau.

Als das Kinderheim geschlossen wird, beschließt er, in Paris einen Malort zu eröffnen – der umgehend zu einem großen Erfolg wird.

Im Jahr 1948 bringt seine erste Frau einen Sohn zur Welt: Sie nennen ihn Bertrand.

Wenig später bezieht Arno mit seinem Atelier, das er Académie du Jeudi (Donnerstagsakademie) nennt, neue Räumlichkeiten im Quartier Saint-Germain-des-Prés. Sein Bekanntheitsgrad wächst, er veröffentlicht seine ersten Bücher, die Malstunden sind ausgebucht und die Presse überschlägt sich vor Begeisterung.

Mitte der 1960er Jahre unternimmt Arno allein und mit eigenen Mitteln acht abenteuerliche Reisen in die entlegensten Gegenden der Erde. Er ist auf der Suche nach Völkern, die aufgrund ihrer Abgeschiedenheit (im Urwald, in den Anden, der Wüste...) von der Verwestlichung und der Verschulung unberührt geblieben sind, um sie zum ersten Mal in ihrem Leben zeichnen und malen zu lassen. Er kehrt mit der spektakulären Bestätigung zurück, dass seine Entdeckung universelle Gültigkeit hat.

Ungefähr zu jener Zeit betritt eine entschlossene junge Frau die Académie du Jeudi. Ihr Name ist Michèle.

Mama

Mama wurde 1939 im algerischen Guelma geboren. Michèle ist das zweite Kind und das erste Mädchen von Simone und Franois Arella. Ihre Eltern, ein schillerndes Paar von elegantem Auftreten, sind beide in Nordafrika auf die Welt gekommen: François in Guelma, Simone, geborene Girard, in Tunesien.

François' Vater hat seine Heimat Italien verlassen, um in Algerien zu leben und dort Straßen und Brücken zu bauen. Seine zahlreichen Kinder kommen in der großen, im italienischen Stil errichteten Villa zur Welt. Man führt ein arbeitsreiches, aber glanzvolles Leben. Das Geschäft floriert, mutige Innovationen zahlen sich aus, und auch mit den arabischen Algeriern versteht man sich aufs Beste.

François kann so ziemlich alles und arbeitet viel. Als er die wunderbare Simone trifft, ist es für beide Liebe auf den ersten Blick. Sie heiraten.

Simones Eltern gehören zu den ersten französischen Siedlern, die in Nordafrika geboren wurden. Ihrer Berufung gemäß arbeiten sie als Landwirte. Simone ist eine Frau ihrer Zeit – kultiviert, kunstsinnig, elegant und zurückhaltend. Sie führt ihr Haus meisterhaft, mit Umsicht und Großzügigkeit.

Michèle liebt alle Winkel des großen Anwesens, auf dem sie gemeinsam mit dem großen Bruder Pierre und der kleinen Schwester Nicole aufwächst: die Hitze Algeriens und die üppige Natur mit Orangen- und Feigenbäumen, die es umgeben, die Schatten spendenden rosa- und beigefarbenen stillen Hallen mit ihren herrschaftlichen Proportionen und wie das afrikanische Licht dort waagerecht hineinfällt.

Ob in Guelma oder auf dem wundervollen Hof ihrer Großeltern mütterlicherseits in Sedrata – Michèle ist es bereits in sehr jungen Jahren bewusst, im Paradies zu leben, umgeben von Liebe und Heiterkeit.

 

Die Jahre vergehen. Michèle leidet, als sie für den Besuch des Lycée ihren Garten Eden verlässt. Aber sie ist eine eifrige Schülerin. Und nach den beiden Abiturprüfungen muss sie für ihr Literaturstudium an der Pariser Sorbonne das geliebte Land sogar ganz hinter sich lassen.

Angesichts der beunruhigenden Nachrichten vom Algerienkrieg unterbricht Michèle das Studium, um zu ihrer Familie zurückzukehren. Es herrscht eine große Verunsicherung unter den Menschen, viele verlassen das Land, und es besteht Lehrermangel. So beginnt Michèle zunächst an einer Mittelschule zu unterrichten, bald schon wird sie als Grundschullehrerin verbeamtet. Aber nach der Unabhängigkeitserklärung Algeriens bleibt nur die überstürzte Flucht nach Frankreich. Mit der gesamten Familie verlässt sie für immer ihre Heimat und das Glück ihrer Kindheit.

Die entwurzelte Familie Arella findet zunächst Unterschlupf bei einem Onkel in Vichy. Dann bauen Michèles Eltern gemeinsam mit ihrem Sohn Pierre einen landwirtschaftlichen Betrieb in Camarés auf. Ihren Lebensabend verbringen sie später in einem sonnigen Haus in Lézan in der Provence.

Michèle, die ledige Beamtin, erhält dagegen von der Schulbehörde die Weisung, sich im Großraum Paris niederzulassen und dort eine Anstellung als Lehrerin zu finden. Eigentlich fühlt sie sich für den Lehrberuf nicht recht gemacht, und so empfindet sie es als besonders schmerzhaft, darüber hinaus ohne richtiges Heim und fern der Familie zu sein. Doch zumindest hat sie das Glück, eine Stelle wählen zu können, die ihr zusagt: mit ganz kleinen Kindern in einer Vorschule in Asnières.

Michèle durchlebt eine düstere Zeit; ihr Leben liegt in Trümmern und sie übt einen Beruf aus, für den sie nicht ausgebildet wurde, auch wenn diese Arbeit ihr Freude macht. Sie wird mit gut gemeinten Ratschlägen überhäuft, doch diese haben nichts mit der Wirklichkeit der Kinder zu tun. Vor allem der Zeichenunterricht macht Michèle unglücklich; die grafischen Übungen, welche sie mit den Kleinen durchführen soll, erscheinen ihr vollkommen absurd.

Eines Tages spricht sie mit der zuständigen Schulrätin über ihre Ratlosigkeit und darüber, dass sie gerne wüsste, wie man den Zeichenunterricht besser gestalten könne. Die Rätin schickt sie in eine pädagogische Bibliothek, mit dem Auftrag, sich dort in die Materie zu vertiefen. Die zuständige Bibliothekarin teilt ihr mit Bestimmtheit mit, dass es auf diesem Gebiet nur einen lesenswerten Autor gebe: Arno Stern. Michèle kehrt mit all seinen Büchern nach Hause zurück.

Und die Werke sind für Michèle eine Offenbarung, ein Manna, ein Lebenselixier: Sie findet darin alles, was sie je gesucht hat. Ein Jahr lang liest sie die Bücher wieder und wieder. Ihr Leben und ihre Arbeit verändern sich von Grund auf.

Fast zufällig kommt sie eines Tages an einer Galerie mit Kinderbildern vorbei. Als sie durch die Tür tritt, wird ihr bewusst, dass es sich um die Académie du Jeudi handelt und dass der Mann, der vor ihr steht, Arno Stern ist.

Mama, Papa, Delphine und Eléonore

Arno und Michèle heiraten im Februar 1971. Ich werde im April desselben Jahres geboren. Als ich die Augen öffne, besteht meine Welt aus drei Hauptpersonen: Mama, Papa und meiner damals vierjährigen Cousine Delphine, der Tochter meiner Tante Nicole. Wir werden fast wie Zwillinge Hand in Hand aufwachsen.

Doch erst mit der Geburt meiner Schwester Eléonore im Jahr 1976 wird meine »Sternen«-Konstellation vollkommen. Für mich ist es ein großes Ereignis, Schwangerschaft und Geburt mitzuerleben und mich mit diesen Abläufen zu beschäftigen.

Während...

...meiner Kindheit geschah alles wie von selbst und lächelnd.

Wenn ich mich an meinen Alltag erinnere, bestehend aus Spielen und Begegnungen, erscheint er mir wie ein breiter, fruchtbringender Strom.

Gewiss liegt hier mein Fundament: Ich war ein glückliches Kind voller Begeisterung. Ich verlor weder Zeit noch Energie mit dem Lösen fremdauferlegter Rätsel – diese täglichen Eindringlinge im Leben der Schüler.

Für mich sind Lernen und Spiel Synonyme.

So verliefen meine Tage friedvoll und harmonisch.

Mein typischer Wochenablauf umfasste neben den improvisierten Stunden viele regelmäßige Tätigkeiten, denen ich mich allwöchentlich oder in einem anderen Turnus widmete. Die Tage waren sehr ausgefüllt, doch frei von Stress und Konkurrenzdenken, ohne Leistungsdruck und den Kampf um gute Noten.

Typische Wochen

Ich war zwölf oder dreizehn Jahre alt. Der Rhythmus meiner Wochen wurde von meinen regelmäßigen Aktivitäten vorgegeben. Seit ich ein kleines Kind war, malte ich einmal in der Woche, normalerweise mittwochs, bei Papa im Malort.

Den Donnerstagen und Samstagen fieberte ich immer schon besonders entgegen, denn an diesen Tagen beschäftigte ich mich mit der Dinanderie, dem Metalltreiberhandwerk.

Dinanderie

Ich hatte Interesse an der Bearbeitung von Metall gezeigt, und meine Eltern, beide Liebhaber von Keramik und Dinanderie, hatten Kontakt mit Kunsthandwerkern aufgenommen – und Guy getroffen.

Guy war Metalltreiber. Zunächst zögerte er bei dem Gedanken, ein Kind in der Werkstatt aufzunehmen, aber schließlich willigte er ein, mich in sein Handwerk einzuführen.

Dinanderie nennt man die Kunst, Metall zu formen, indem man es mit einem Hammer bearbeitet, statt es zu schmieden. Es ist ein vom Aussterben bedrohtes Handwerk. Die wenigen verbliebenen Meister müssen sich oftmals wie Guy damit begnügen, Kurse für Rentner auf der Suche nach einem Hobby zu geben; diese sind gewiss motiviert, aber sie haben nicht die Ambitionen, mehr Kenntnisse zu erlangen, als zum Fertigen einiger Gegenstände vonnöten sind.

Guy schläferte die Routine der Kurse für den ADAC1 schier ein. Mit meiner kindlichen Begeisterung und dem Wunsch, sein Metier ernsthaft zu erlernen, sorgte ich für frischen Wind in seiner Werkstatt.

Vom ersten Augenblick an stimmte die Chemie zwischen uns. Guy vergaß seine anfänglichen Bedenken und bat Mama inständig, mich in der nächsten Woche wiederzubringen. Er fühlte sich wie ein Lehrmeister in alter Zeit und empfand innige Freude dabei, mir sämtliche Facetten seines Handwerks näherzubringen. Und ich saugte wissbegierig alles auf wie ein Schwamm. Ich durfte an beiden seiner Kurse teilnehmen, obwohl ich nur für den Donnerstagskurs angemeldet war. In der übrigen Zeit las ich alles, was Guy, meine Eltern und ich selbst zu diesem Thema finden konnten. Es wurde mir zum Anliegen, die Dinan- derie von anderen Arten der Metallbearbeitung abzugrenzen, und als wahrer Purist wetterte ich in regelrechten Pamphleten gegen Kunstschmiede, die sich selbst als Metalltreiber bezeichneten.

Damals mündete mein Enthusiasmus für eine Sache stets in ein kleines Buch oder ein anderes Schriftstück. Nun verfasste ich also ein Heft mit meinen Betrachtungen unter dem Titel Die Dinanderie oder über die Sublimierung von Metall. Es hatte mich viel Zeit gekostet, die Texte zu verfassen und anschließend ins Reine zu schreiben. Außerdem hatte ich Schwarz-Weiß-Illustrationen angefertigt, die ich nach der Vervielfältigung mit Filzstiften kolorieren wollte. Dann klapperte ich die Läden ab, um herauszufinden, wo ich die günstigsten Kopien bekam, und verbrachte lange Stunden mit dem Binden und Kolorieren meines kleinen Heftes. Meine Eltern nahmen dies ebenso ernst wie ich, und so durfte ich meine Publikation zwischen all den anderen Büchern, die mein Vater zum Verkauf anbot, aufstellen. Einige Hefte verkaufte ich gleich. Um alle Vertriebswege auszuschöpfen, hatte ich aber darüber hinaus einen Bestellcoupon vorbereitet – und die entsprechenden Exemplare versandte ich.

Eine bemerkenswerte Anekdote ist mir in Erinnerung geblieben: Mama wies mich oft daraufhin, dass in meinen Texten Akzente oder Satzzeichen fehlten. Ich war diesem Anliegen gegenüber jedoch offenbar wenig aufgeschlossen, und meine Mutter übte auch keinen Druck aus. Sie vertraute darauf, dass es für mich zur gegebenen Zeit selbstverständlich würde, Akzente und Kommas zu setzen.

Während eines jener langen Sommermonate, die wir bei meinen Großeltern in Lézan verbrachten, trug unser Freund, der Imker (den ich einige Jahre zuvor dabei beobachtet hatte, wie er mit bloßen Händen einen Schwarm von Wildbienen in einen Bienenstock strich), die Texte aus meinem Heft zur Dinanderie laut vor.

Er war ernsthaft an meinen Gedanken interessiert und sagte mir, als er die Lektüre beendet hatte: »Es ist ein sehr gutes, sehr interessantes Buch, es fehlt nur an Akzenten und Kommas...«

Von jenem Tag an arbeitete ich besonders aufmerksam daran, dass in meinen Schriften nie mehr ein Akzent oder Satzzeichen fehle – der Groschen war gefallen.

Ich sah mich als Dinandier. Wir kauften Werkzeuge – nur Hochwertiges, darauf achtete Guy – und viel Rohmaterial. Das war teuer, aber wir verzichteten dafür auf andere Dinge. Ich erinnere mich an meine Freude (die des Kindes und des Erwachsenen in mir), als Papa und ich meine frisch polierten Hämmer abholten. An der Gewissenhaftigkeit, mit der ich sie begutachtete, erkannte der Verkäufer meinen Sachverstand, und er behandelte mich nicht wie ein Kind.

 

Bei einem Ausflug aufs Land fand ich einen ausrangierten, speziellen kleinen Amboss. Ich ließ ihn polieren und gegen Rost behandeln. Das dauerte seine Zeit, aber es lohnte sich, denn der Amboss war sehr nützlich.

Guy fand immer größeren Gefallen an der ganzen Sache. Er brachte mir ohne zu zögern bei, einen Schweißbrenner mit einer riesengroßen Flamme zu bedienen (das Kupfer muss zwischen den Hammerzyklen bis zur Weißglut erhitzt werden) und anschließend den Metallgegenstand mit einer simplen Zange ins Wasser zu tauchen. Ich liebte das Geräusch und den Geruch beim Eintauchen des glühenden Kupfers. Er lehrte mich auch, Salzsäure (!) und Wasser zu mischen und den anderen Schweißbrenner mit dem gefährlichen Gemisch zu regulieren.

Ich glaube nicht, dass er sich jemals fragte, ob diese Tätigkeiten meinem Alter entsprachen. Er betrachtete mich stets als das, was ich war: ein leidenschaftlicher Schüler mit wachsender Kraft und Sachkunde.

Eines Tages musste er für einen Moment die Werkstatt verlassen, und ich erinnere mich noch gut daran, dass mein Herz höher schlug, als er von der Treppe aus in den Raum rief: »Ich bin kurz weg. Falls es Fragen gibt, wenden Sie sich an André!«

Die schwierigsten, aber gleichzeitig entscheidenden Schritte beim Metalltreiben bestehen darin, den Durchmesser der unbearbeiteten Kupferplatte – genannt Matrize – so präzise zu berechnen und die Platte dann so exakt mit dem Hammer zu bearbeiten, dass die Metalldicke konstant bleibt. Bei einem komplizierten Gegenstand wie einer eiförmigen Vase zum Beispiel ist im Idealfall nicht nur das Metall vom Fuß bis zum Rand der Vase gleich stark, sondern darüber hinaus entspricht die Metalldicke der ursprünglichen Matrize.

Eine Vielzahl von Parametern fließt in die geometrische Berechnung ein, um die Größe der Matrize so genau zu bestimmen, dass es bei der Verarbeitung weder an Material fehlt noch dass zu viel vorhanden ist. So erwarb ich auf ganz natürliche Weise zahlreiche Kenntnisse auf dem Gebiet der Geometrie und ebenso in der angewandten Chemie, um dem Kupfer verschiedene Farben zu geben.

Für einen dreizehnjährigen Jungen brachte ich es zu einiger Kraft, noch heute gebrauche ich einen Hammer mit stolzer Präzision.

Ich lernte auch Metalle zu bearbeiten, die anders als Kupfer behandelt werden mussten, und fertigte Auskleidungen aus lebensmittelbeständigem Zinn für Kupfergefäße an; für Letzteres muss man äußerst genau arbeiten und die unterschiedlichen Reaktionen auf die Hammerschläge kennen, damit die beiden Stücke sich gut ineinanderfügen.

Aufgrund persönlicher Probleme setzte Guy nach drei Jahren zum Schuljahresbeginn im September seine Kurse nicht mehr fort. Für mich war das ein Schock.

Der Mann, der ihn vertrat, hatte seine Werkstatt im hintersten Winkel des 13. Arrondissements, in einem düsteren Unterbau eines der Hochhaustürme in Chinatown. Der Weg dorthin war umständlich, aber meine Begeisterung war ungebrochen.

Ich war 14 Jahre alt und der neue Lehrer hatte seine Zweifel, doch die verflogen rasch. Trotz seines guten Willens habe ich aber bei ihm nicht viel gelernt. Er war ursprünglich Kupferschmied, ein erfahrener Schweißer, und er wandte Techniken an, die im Widerspruch zu meinen Überzeugungen standen.

Ich kam nicht weiter, harrte aber dennoch eine Zeit lang aus. Schließlich, nachdem ich ein besonders schwieriges Stück (eine Vase in Form einer Acht) geschaffen hatte, fasste ich den Entschluss, im folgenden Herbst die Lehre nicht fortzusetzen, sondern stattdessen für mich allein zu arbeiten, sobald sich die Möglichkeit ergeben würde, eine kleine Werkstatt einzurichten. Dieses Vorhaben wurde von anderen abgelöst und nie verwirklicht. Doch ich bin sicher, dass ich das Metalltreiben jederzeit wieder aufnehmen könnte.

Zurück zu meiner typischen Woche

Jeden Dienstag lernte ich bei einem englischen Freund Algebra. Bei meinem Onkel, einem Informatiker, war ich immer mittwochabends, und er führte mich sowohl in die Algebra als auch in die Informatik der damaligen Zeit ein.

Freitags besuchte ich mit Mama und Eléonore in einer anderen Werkstatt des ADAC Kurse in Fingerweben und anderen Knüpftechniken zur Fertigung von Textilien.

Dienstags gab unser Freund Philippe, der Keramiker, Abendkurse, die ich mit meinen beiden Cousinen besuchte. Ich freute mich, dort auf eine vertraute Welt zu stoßen, auch wenn die Materialien Ton und Glasur sich natürlich sehr vom Metall unterschieden.

Mit meiner Cousine Delphine nahm ich zwei Mal die Woche Tanzunterricht. Ebenfalls gemeinsam lernten wir Kalaripayat (eine Kampfund Heilkunst, die aus Kerala stammt und auf die Beobachtung von Tieren zurückgeht): Unser Lehrer war ein junger Mann aus Kerala, den wir im Kulturzentrum getroffen hatten, wo unsere Schwestern sich zu dieser Zeit täglich mit dem Baratha-Natyam-Tanz beschäftigten.

Tanz

Tanzen gehörte von jeher zu meinem Leben. Papa war eng befreundet mit Jérôme Andrews, dem Vorreiter des Modern Dance in Frankreich. Der amerikanische Tänzer war Schüler von Mary Wigman, Martha Graham und Joseph Hubert Pilates gewesen und zählte zu jenen Menschen, deren Anwesenheit mir sehr vertraut war. Er kam oft zu uns nach Hause und ich saß auf seinen Knien und amüsierte mich über seinen Akzent und sein Parfüm. Ich wusste, dass er Tänzer war, und Tanzen kannte ich.

Jérôme unterrichtete allerdings keine Kinder. Meine Tante Nicole nahm Stunden bei ihm und Mama manchmal auch. Ich begleitete sie dann als stiller Zuschauer und saß neben Delphine auf einem Haufen Tücher. Sie war ein regelmäßiger Gast, und Jérôme, der sie sehr gern hatte, bereitete ihr immer einen Platz auf den Tüchern, bevor er um vollständige Ruhe bat.

Allein oder gemeinsam frei zu tanzen gehörte zu unseren häufigen Spielen. Dafür wurde extra im größten Zimmer unserer Wohnung Platz geschaffen. Und manchmal besuchten wir mit Papa und Mama eine Tanzvorführung.

Eines Tages rief Jérôme an, um Papa mitzuteilen, dass Carole, eine seiner Schülerinnen, in Paris einen Tanzkurs für Kinder anbiete. Und so kamen Delphine und ich zum Tanz und kurze Zeit später auch unsere beiden kleinen Schwestern. Von da an – ich erinnere mich noch gut an das erste Mal – hatte ich mindestens eine Tanzstunde pro Woche; als Kind bei Carole, später bei Jocelyne, schließlich lange Jahre bei Delphine und derzeit bei Eléonore. Und ab und zu nahm ich an Workshops mit anderen Tänzern teil, die mir weitere Horizonte eröffneten.

 

Mama und ich besuchten drei wöchentliche Vorlesungen am Collège de France: Ägyptologie bei Professor Jean Leclant (darauf komme ich später zurück), Mittelalterliche Geschichte bei Georges Duby und Soziologie bei Pierre Bourdieu. Nach einer Weile wunderte sich dort niemand mehr über meine Anwesenheit.

 

Den Montag liebte ich, denn er gehörte der Fotografie.

Fotografie

Die Fotografie und ich, das ist eine lange Geschichte und ein Ende ist nicht abzusehen.

Von klein auf wurden wir von Papa fotografiert; er hat Tausende von Fotos gemacht.

Das Fotografieren war ein selbstverständlicher Teil meines Lebens, ohne dass ich ihm besondere Aufmerksamkeit gewidmet hätte. Manchmal hielt ich Papas Apparat und drückte auf den Auslöser, aber mehr nicht.

Eines Tages – ich muss ungefähr zehn Jahre alt gewesen sein – kamen bei uns große, schöne Bücher an, rund 15 Bände von Prestige de la Photographie.

Bei uns zu Hause trafen oft Buchlieferungen ein. Da Papa einen Gewerbeschein als Buchhändler hatte, konnten meine Eltern im Großhandel einkaufen und dort auch bereits im Preis herabgesetzte Werke zu sehr günstigen Konditionen erwerben. Das taten sie mehrmals in der Woche.

Sie suchten nicht nach bestimmten Büchern. Sie machten Entdeckungen und kauften, was sie verführte: schön gedruckte und eingebundene Bücher, vollständige Werkausgaben, Werke, die den Dingen auf den Grund gehen, uns eigentlich unverständliche, aber unwiderstehliche Fachbücher, keine Schulbücher.

Bis heute finden diese Beutezüge statt, selbst in den häufigen Zeiten akuter Geldnot.

Wenn die Buchlieferungen eintrafen, sah ich die Bände immer gleich durch; manche weckten sofort mein Interesse, andere gar nicht oder erst zu einem späteren Zeitpunkt. Ich fand in den Büchern Antworten auf die meisten Fragen, die mich beschäftigten. Meine Schwester Eléonore fischte nach ihrem eigenen Gutdünken in diesen Schätzen – nach anderen Kriterien als ich, denn sie hatte eigene Vorlieben. Ab und an deckten sich unsere Interessengebiete aber auch, und manchmal beschäftigten wir uns zeitlich versetzt mit denselben Themen.

 

Die Reihen Prestige de la Photographie und Time Life Photography zählten zu den Büchern, die mich sofort in ihren Bann zogen. Ich schlug die erste Seite des ersten Bands auf und ich hatte das Gefühl, erst am Ende der letzten Seite des letzten Bandes wieder zu Atem zu kommen.