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Die deutsche Ausgabe von STAR TREK – DEEP SPACE NINE: MISSION GAMMA III - KATHEDRALE wird herausgegeben von Amigo Grafik, Teinacher Straße 72, 71634 Ludwigsburg.

Herausgeber: Andreas Mergenthaler und Hardy Hellstern, Übersetzung: Christian Humberg;

verantwortlicher Redakteur und Lektorat: Markus Rohde; Lektorat: Anika Klüver und Gisela Schell; Satz: Amigo Grafik; Cover Artwork: Cliff Nielsen.

Titel der Originalausgabe: STAR TREK – DEEP SPACE NINE: MISSION GAMMA III - CATHEDRAL

German translation copyright © 2011 by Amigo Grafik GbR.

Original English language edition copyright © 2002 by CBS Studios Inc. All rights reserved.

© 2010 Paramount Pictures Corporation. All Rights Reserved.

™®© 2011 CBS Studios Inc. STAR TREK and related marks and logos are trademarks of CBS Studios Inc.

This book is published by arrangement with Pocket Books, a Division of Simon & Schuster, Inc., pursuant to an exclusive license from CBS Studios Inc.

ISBN 978-3-942649-99-5 November 2011

www.cross-cult.de · www.startrekromane.de

Für meine Frau Jennifer Dottery, deren Geduld einer asymptotischen Geraden ähnelt.

– M. A. M.

Für Tim Tuohy, einst unser Redakteur bei den STAR TREK – Deep Space Nine-Comics von Marvel. Danke, dass du uns einen Job bei der Sternenflotte verschafft hast!

– A. M.

ANMERKUNGEN

Die Autoren möchten darauf hinweisen, dass das in Kapitel 23 zitierte Gedicht aus Lewis Carrolls »Alice hinter den Spiegeln« stammt, einem Buch, das der junge Jules Bashir sehr liebte – wie viele vorherige Generationen jugendlicher Abenteurer.

Außerdem sind wir unserem Lektor Marco Palmieri zu großem Dank verpflichtet. Seine unermüdliche Arbeit machte dieses Werk zu einem viel besseren Roman.

Ich bin ein Teil von allem, was ich traf.

Dennoch ist all’ Erfahrung nur ein Tor, durch das

Das Licht der unbetretnen Welt mir scheint, die doch entfleucht,

Wann immer ich mich reg’ …

– Alfred, Lord Tennyson, »Ulysses«

KAPITEL 1

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»Sind wir sicher, dass es Selbstmord war?«

Lieutenant Ro Laren wandte sich an Sergeant Shul, neben dem sie den Gang entlangschritt. Dr. Simon Tarses folgte ihnen. »Noch ist gar nichts sicher«, antwortete sie. »Momentan wissen wir nur, dass Ratsmitglied zh’Thane behauptet, Thriss habe sich in Shars Quartier das Leben genommen.«

Tarses runzelte die Stirn. »Während ihrer letzten Schicht auf der Krankenstation machte Thriss den Eindruck, als hätte sie ihre Depressionen weitestgehend überwunden. Auch Counselor Matthias zeigte sich bezüglich ihrer Fortschritte optimistisch. Ich kann kaum glauben, dass sie sich umgebracht haben soll.«

»Falls nicht, haben wir es mit einem Mord zu tun, Doktor«, sagte Shul. »Ich will nicht zynisch klingen, aber angesichts dessen, was derzeit auf dieser Station los ist, wäre das das Letzte, was wir noch bräuchten.«

Ro schnaubte zustimmend, senkte ihre Stimme jedoch, bevor sie weitersprach. Andorianische Antennen waren sehr feinfühlig, und sie wusste nicht, ob sie wirklich allein im Korridor waren. »So oder so bedenken Sie bitte eines: Andorianische Sitten und Gebräuche unterscheiden sich von den unseren. Ich kam bisher nicht dazu, Sie über gewisse … Aspekte des andorianischen Zusammenlebens zu informieren, auch wenn Sie sicherlich bereits den einen oder anderen Hinweis aufgeschnappt haben. Diese Untersuchung wird äußerst schwierig werden, insbesondere dank Ratsmitglied zh’Thanes Involvierung.«

Beide Männer nickten. Als sie Shars Unterkunft erreichten, erwartete sie niemand vor der Tür, daher berührte Ro die Konsole an der Wand, die die Klingel aktivierte. »Ratsmitglied, hier sind Lieutenant Ro und Dr. Tarses.«

Die Tür glitt auf. Es dauerte einen Moment, bis sich Ros Augen ans Dämmerlicht jenseits der Schwelle gewöhnt hatten und sie zh’Thane ausmachen konnte. Die sonst so makellos auftretende Andorianerin war ein Schatten ihrer selbst. Ihre Frisur war zerzaust, und ihrer Kleidung nach zu urteilen, musste sie die Kunde der Tragödie aus dem Schlaf gerissen haben.

Ro hatte die Schwelle noch nicht überschritten, als zh’Thane warnend die Hand hob. »Wer ist der andere Mann?«

»Sergeant Shul Torem«, antwortete Ro und deutete auf ihren Deputy. »Er ist Forensikexperte und mit den Methoden der Sternenflotte vertraut. Außerdem kann er schweigen.«

Tarses ergriff das Wort. »Ratsmitglied, vielleicht ist es noch nicht zu spät. Wenn Sie mir gestatten, näher zu treten, werde ich versuchen, Thriss zu retten.«

Zh’Thane vollführte eine einladende Geste und wies damit indirekt auf zwei in der Raummitte kauernde Gestalten. Sie hatten die Köpfe geneigt und umklammerten einander. Auf einem Bett lag derweil Thriss, ein regloser Körper. »Sie scheint mir über jede Hilfe hinaus zu sein, Doktor«, sagte zh’Thane. »Sollten Sie etwas bewirken können, nur zu. Aber wahren Sie die Einheit des Körpers! Thriss’ Haut darf nicht verletzt werden.«

Tarses nickte und trat näher, den Trikorder in der Hand und das Medikit über die Schulter geschwungen. Ro und Shul blieben derweil auf der Schwelle stehen.

»Können Sie mir berichten, was vorgefallen ist?«, fragte Ro das Ratsmitglied.

»Dizhei kam in Shars Quartier. Sie fürchtete, Thriss’ Depression könne stärker sein, als sie uns glauben ließ. Als sie Thriss fand, war sie bereits tot. Daraufhin rief sie Anichent und mich, und ich kontaktierte Sie.«

»Gab es Anzeichen eines Kampfes?«, fragte Shul ruhig und sachlich.

»Nein, Deputy. Dizhei hat Thriss geschüttelt, um eine Reaktion von ihr zu bekommen, aber Kampfspuren fanden sich nirgends. Auch keine gefährlichen Objekte oder Ähnliches – abgesehen hiervon.« Zh’Thane zog ein kleines Hypospray aus den Falten ihres Gewandes. »Thriss hielt es umklammert.«

Mit der behandschuhten Rechten nahm Shul den Gegenstand an sich und ließ ihn in einen kleinen Plastikbeutel fallen, den er aus seiner Gürteltasche gezogen hatte. »Hat sonst noch jemand das Gerät berührt?«, fragte er und reichte den Beutel an Dr. Tarses weiter, der bereits mit geöffnetem Trikorder bereitstand.

»Nicht dass ich wüsste. Ich nahm es persönlich aus Thriss’ Hand.«

Ro schaute dem Ratsmitglied tief in die Augen. Zh’Thane hatte von Natur aus etwas Einschüchterndes an sich, und diese Situation war das reinste diplomatische Minenfeld. »Ratsmitglied, wie Sie mir unmissverständlich klarmachten, sind andorianische Sitten und Gebräuche nichts, was mit Außenstehenden zu besprechen sei. Doch mir ist nicht ganz bewusst, was in dieser Situation gebräuchlich ist. Der Vorfall ereignete sich auf Deep Space 9, demnach bin ich … verpflichtet, ihn zu untersuchen. Aber ich will Ihnen und Thriss’ Bündnispartnern nicht unnötig Leid zufügen.«

»Ich weiß Ihre Diskretion zu schätzen, Lieutenant«, erwiderte zh’Thane. »Dies ist in der Tat eine sehr private Angelegenheit, und obwohl ich mir Ihres Verlangens nach Antworten bewusst bin, muss ich darauf bestehen, dass dieser Raum – und der Leichnam der Bündnispartnerin meines Cheis – bis auf Weiteres für das Personal der Station und der Sternenflotte tabu sind.« Shul wollte protestieren, doch sie ließ ihn gar nicht zu Wort kommen. »Ich gewähre Ihnen gern einige Minuten, um die für Sie erforderlichen Daten zu sammeln, doch ich versichere Ihnen, dass es sich bei diesem unglücklichen Vorfall um …« Ihre Stimme brach. Den Blick zur Zimmerdecke gerichtet, sammelte sie sich, bevor sie fortfuhr. »Thriss sah sich einer für sie unerträglichen Situation gegenüber und nahm sich deswegen das Leben. Hier gibt es kein Geheimnis zu entdecken. Es wurde auch kein Verbrechen begangen, abgesehen von dem des Egoismus seitens meines Cheis, durch den dieser sein Bündnis zerriss. Und von Thriss, die dafür sorgte, dass dieses Bündnis keinem ihrer Partner mehr eine Zukunft sein kann.«

Zh’Thane signalisierte Ro und Shul mit einer Geste, den Raum zu durchsuchen, und bat den Computer um mehr Licht. Während Shul die Szenerie in Augenschein nahm, widmete sich Ro Dizhei und Anichent, die noch immer auf dem Boden kauerten. Beide wirkten, als meditierten sie stumm. Ihre Antennen waren gesenkt wie die Stängel verwelkter Blumen. Die Gesichter zu Boden gerichtet, umklammerten sich die jungen Andorianer und blieben doch reglos wie Statuen. Striemen blauen Blutes, noch immer feucht, glitzerten auf ihren blanken Armen und, wie Ro erkannte, auf ihren Fingerspitzen.

Ro trat ans Bett, wo Dr. Tarses Thriss gerade scannte. »Ich fürchte, hier ist alle Hoffnung verloren, Ro«, sagte er leise. »Was auch immer sie getötet hat, machte seine Sache gründlich. Ich kann nicht mal mehr Rückstände neuroelektrischer Aktivität oder Muskelkontraktionen feststellen.«

»Wir haben das Hypospray, das zh’Thane in ihrer Hand fand«, sagte Ro und warf ihm einen schnellen Blick zu. »Vielleicht liefert es uns einen Hinweis darauf, wie sie starb.« Da der Doktor mit den Einstellungen seiner Trikorderanzeige beschäftigt zu sein schien, sah sie sich auf dem Bett nach weiteren Spuren um. Wie das Ratsmitglied gesagt hatte, wies nichts auf einen Kampf hin. Keine der Vasen und Skulpturen in der Nähe und am Kopfende des Bettes war beschädigt. Ro hob Thriss’ Kopf an, inspizierte ihre Fingernägel. Nirgends Blut – Thriss hatte ihre Partner definitiv nicht angegriffen. Dizhei und Anichent mussten sich vor lauter Trauer selbst verletzt haben.

Nach einigen Sekunden räusperte sich Dr. Tarses. Ro und zh’Thane sahen ihn an. »Es erweckt in der Tat den Anschein, als sei die Substanz im Inneren des Hyposprays für ihren Tod verantwortlich«, vermeldete er leise. »Arithrazin.«

Ro stutzte. »Wird das nicht verwendet, um Theta-Strahlungsschäden zu behandeln? Wie die der Europani-Flüchtlinge?«

»Richtig.« Tarses nickte. »Aber für eine derartige Wirkung muss der Patient auch entsprechende Schäden haben. Für sich genommen – und in entsprechend großer Dosierung – befällt Arithrazin schnell das Nervensystem. Das erklärt auch, warum ich vor etwa einer Stunde einige Arithrazin-Ampullen vermisste …«

Eine Regung der beiden Knienden ließ Ro zusammenfahren. In Erinnerung an Thriss’ Ausbruch in Quarks Bar spannte sie schon die Muskeln an, doch weder Anichent noch Dizhei schienen aktuell eine Bedrohung darzustellen. Beide wirkten am Boden zerstört.

»Ich schätze, damit sind Ihre unmittelbaren Fragen beantwortet, Lieutenant«, sagte zh’Thane an Ro gewandt. Sie hielt die Hände hinter dem Rücken verschränkt, vermutlich um das Ausmaß ihrer Trauer zu verbergen.

Ro nickte Shul und Tarses zu, um sie zum Aufbruch zu animieren. »Selbstverständlich, Ratsmitglied. Ich schätze, für den Moment haben wir alles. Kann ich Ihnen irgendwie helfen … etwa bei Begräbnisvorbereitungen?«

»Nein. Und ich muss wiederholen, dass dieses Quartier für alle Stationsangehörigen tabu ist.« Zh’Thane warf Ro einen warnenden Blick zu. »Wenn nötig, werde ich Colonel Kira kontaktieren, um diese Bedingung durchzusetzen. Bezüglich des weiteren Vorgehens melde ich mich bei Ihnen, sobald Bedarf für Ihre Hilfe besteht.«

Ro missfiel der nahezu drohende Tonfall des Ratsmitglieds, doch dies war nicht der Moment, um ihn zu thematisieren. »Ich werde Colonel Kira persönlich unterrichten und meinen Stab anweisen, Ihre Bitte zu beherzigen.«

»Wir werden eine Stasiskammer für Thriss’ Leichnam benötigen«, sagte zh’Thane, als hätte die Sicherheitschefin nicht gesprochen. »Bitte lassen Sie sie schnellstmöglich herbringen. Diskret!«

»Natürlich.« Ro sah zu Tarses, der nahezu unmerklich nickte. Dann trat auch sie zurück zur Tür – peinlich darauf bedacht, Anichent und Dizhei nicht zu nahe zu kommen. Beide kauerten nach wie vor in der Raummitte und schienen das Geschehen um sie herum nicht wahrzunehmen. Ro sprach sie an. »Mein aufrichtiges Beileid. Der Verlust Ihrer Bündnispart…«

Anichent sprang auf wie ein wahnsinniger Targ. Mit wildem Blick hechtete er auf sie zu, und Spucke flog aus seinem Mund. Er knurrte, wie Ro noch nie ein Wesen hatte knurren hören. Erschrocken wich sie zurück und hob abwehrend die Arme.

Shul zog den Phaser, richtete ihn auf Anichent, doch der Andorianer blieb sofort reglos stehen. Sabber lief aus seinem Mund, und seine Brust hob und senkte sich schnell. Ro signalisierte Shul, zu warten, und streckte die andere Hand dem jungen Anichent entgegen.

»Bitte gehen Sie«, sagte zh’Thane leise, die dem Vorfall den Rücken zuwandte. »Wie Sie sehen, hat Shars Entschluss, sein Bündnis zu missachten, nicht nur Thriss’ Leben zerstört. Mein Chei riss dadurch auch Anichent und Dizhei ins Verderben.«

Schweigend zogen sich Ro und die anderen zurück. Erst auf der Promenade, wo lebendiges Treiben die Todesatmosphäre zu verbannen schien, fanden sie wieder Worte.

KAPITEL 2

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Blaues Feuer schnitt durch die unebene Hülle des schlanken Schiffes, das gerade vor den Attacken seiner Verfolger fliehen wollte. Die Disruptorwaffen des Gegners waren an der Außenhülle des Raumers angebracht, wodurch sie den Bewegungen ihres kleineren Opfers mühelos folgen konnten.

Das gejagte Schiff beschleunigte dennoch. Die züngelnden Feuer seines internen Antriebssystems wurden unnatürlich hell. Wieder schlug eine Salve ein, riss ein Loch in seine Hülle, doch der Pilot des kleinen Gefährts zögerte nicht. Geschickt wich er der nächsten Energieentladung aus – und geriet Augenblicke später in eine weitere, die seinem Schiff noch mehr Schaden zufügte.

Verwundet kämpfte es weiter und hielt auf eine weniger ungeschützte Region des Alls zu, in der Eiskometen, jahrhundertealte Trabanten, im Licht des fernen Primärsterns dieses Systems glitzerten.

Dann erschien direkt vor dem Flüchtenden ein weiteres Schiff. Es kam aus der Oort-Wolke des Systems: ein großes, graues, nahezu ebenes Gefährt, von dem rechts und links blau aufleuchtende Ausbuchtungen abgingen. Auf seiner Hülle ließ sich die Signatur NX-74205 ausmachen, die von mehreren Lichtern angestrahlt wurde.

Das beschädigte Schiff glitt zur Seite, um dem Neuankömmling auszuweichen, kassierte jedoch gleich wieder einen Disruptortreffer am Bug. Molekularfeuer tanzten über die Hülle des mittlerweile fast als Wrack durchgehenden Gefährts. Es hielt auf den Neuzugang zu und zog eine kristalline Bahn austretender Gase hinter sich her.

Kurz zuvor

Ensign Thirishar ch’Thane saß nahezu im Dunkeln allein auf dem Boden des Quartiers, das er sich mit Nog teilte, und lauschte der Stille. Ihm war, als spende die Ruhe und Schwärze ihm Trost. Nog befand sich mit Lieutenant Dax und Dr. Bashir auf Erkundungsmission und würde erst in Stunden zurück sein – vermutlich erst nach dem Schichtwechsel.

Das einzige Licht im Zimmer stammte von einer Holoaufnahme einer lachenden Thriss, die von dem kleinen Tisch aus auf ihn niederschien. Sie zeigte einige kurze Momente, eine Endlosschleife aus lautlosem Lachen und dem sorglosen Zurückwerfen ihres platinweißen Haares. Es anzusehen, kam schon einer Folter gleich.

Doch er war es ihr schuldig. Ihr, Dizhei und Anichent. Er schuldete es jedem Andorianer, der je gewagt hatte, auf eine bessere Zukunft zu hoffen.

Shar brachte es nicht über sich, wegzuschauen. Bisher hatte er nur Ezri über Thriss’ Selbstmord informiert. Er wusste, dass sie es für sich behielt. Doch würden Nog und die anderen Besatzungsmitglieder nicht bald ahnen, was ihn bedrückte? Vermutlich hatte Shar Nog durch seine Bitte, dem Erkundungsflug der Sagan nicht beiwohnen zu müssen, schon Grund genug geliefert, etwas zu vermuten.

Plötzlich erklang die Sirene des Gelben Alarms, und über der Tür blinkte ein Licht rhythmisch auf. Shar betrachtete es nachdenklich und war überrascht, wie wenig es ihn kümmerte. Hatte er etwa begonnen, aus demselben Becher der Verzweiflung zu trinken, dem Thriss und seine Zukunft zum Opfer gefallen waren?

Commander Elias Vaughn beugte sich auf seinem Sessel vor und strich sich gedankenverloren über den grauen Bart. Sein Blick ruhte auf dem Brückenmonitor der Defiant und dem Bild eines großen, voluminösen Schiffes, das auf ein kleineres, grazileres Modell feuerte. Den Blessuren auf den Hüllen beider Schiffe nach zu urteilen, hatten sie schon diverse Schlachten durchlitten.

»Was machen die Kontaktversuche?«, rief Vaughn Lieutenant Sam Bowers zu, der die Taktikstation besetzte.

»Kein Glück, Sir«, antwortete dieser kopfschüttelnd. »Ich rufe sie auf allen Frequenzen, doch nichts dringt durch.«

»Bringen Sie uns näher ran, Ensign Lankford«, sagte Vaughn und nickte der blonden Frau am Steuer zu. Dann drehte er den Kopf, um über die Schulter zur Taktik zu sprechen. »Halten Sie die Schilde bereit, Mr. Bowers. Die Situation ist nicht gerade entspannt, und solange wir nicht wissen, was hier vor sich geht, steht unser eigener Schutz an erster Stelle.«

»Aye, Sir«, bestätigte Bowers.

Die Turbolifttür öffnete sich zischend, und Vaughn sah seine Tochter. Ensign Prynn Tenmei, die sich noch das Uniformoberteil glattstrich, eilte auf die Brücke. Für einen kurzen Moment trafen sich ihre Blicke.

»Bedaure, Sie in der Mittagspause zu stören, Ensign«, sagte Vaughn und fuhr sich über den Mund.

Tenmei verstand den Hinweis und wischte sich schnell die Reste der roten Soße von der Unterlippe. Dann nahm sie ihren Posten am Steuer ein. Lankford machte ihr Platz und trat zum Rand der Brücke.

»Ich frage mich, worum es bei diesem Kampf überhaupt geht«, sagte Vaughn zu niemand Speziellem.

Auf dem Monitor tanzte elektrische Energie über das schwer beschädigte fremde Schiff, das mit verblüffender Geschwindigkeit auf sie zuhielt.

»Scheint, als wollte es in unserem Schoß landen«, kommentierte Tenmei trocken.

»Ausweichmanöver!«, befahl Vaughn. Sofort kippte die Defiant zur Seite, und die Brückenbesatzung kippte mit, denn die internen Trägheitsdämpfer brauchten einen Sekundenbruchteil, um sich der abrupten Bewegung anzupassen.

Ein weiterer Sekundenbruchteil verging, bis etwas gegen die Defiant prallte. Vaughn hörte ein unmissverständliches, reißendes Geräusch. Es kam von bugwärts, aus der Nähe der Navigationsdeflektoren.

»Schilde halten!«, rief Bowers. »Das Verfolgerschiff hat uns mit einem Streifschuss bedacht.«

Vaughn beschloss, später darüber nachzudenken, ob dieser Angriff absichtlich geschehen war. »Schäden?«, bellte er.

»Die Waffen des Verfolgers konnten uns nichts anhaben«, antwortete Bowers.

Tenmei sah auf ihr Display. »Aber die Beinahekollision kostete uns die vordere Zielerfassungssensorik.«

»Wie steht es um das beschädigte fremde Schiff?«, fragte Vaughn und drehte sich zur Wissenschaftsstation um.

»Es hat den Kontakt mit unseren Schilden überlebt und ist nun auf dem Weg in die Oort-Wolke, Captain«, sagte Kurt Hunter, der Wissenschaftsspezialist. Der eifrig wirkende Jungoffizier sah auf seine Anzeigen, bevor er fortfuhr. »Allerdings verliert es rapide an Energie, zweifellos als Folge der in diesem Kampf erlittenen Schäden. Meinen Scans zufolge sind beide Schiffe nur sehr begrenzt warpfähig.«

»Na, ich kann die Mitglieder der unterlegenen Partei schlecht sterben lassen, ohne zu wissen, worum es hier geht«, sagte Vaughn. »Mr. Bowers, ich muss mit jemandem da draußen sprechen. Schnell.«

»Ich rufe sie nach wie vor auf allen bekannten Gamma-Quadrant-Frequenzen«, sagte Bowers. »Und auf den meisten Alphas. Bisher scheint niemand … Warten Sie, ich empfange etwas.«

Plötzlich wandelte sich die Monitoranzeige. Auf das Bild des endlos ruhigen Alls folgte das totale Chaos. Vaughn erhaschte ein paar Blicke auf etwas, das eine Schiffsbrücke sein mochte. Gut ein halbes Dutzend gepanzerter, insektoider Kreaturen schien sie zu bemannen. Sie waren offenkundig der Panik nahe, und einige schrien in Richtung des Monitors. Die Köpfe der Wesen – schmal und von Chitin umgeben – saßen auf dürren langen Körpern mit drei Beinen. Die Kreaturen liefen hektisch umher, und manche von ihnen krabbelten sogar kopfüber an der Decke entlang.

»Ich versuche, ihre Worte zu verstehen, Captain«, meldete Bowers, »aber der Universalübersetzer hat es nicht gerade leicht.«

»Sie sind jedenfalls ziemlich aufgebracht«, sagte Vaughn, der Mitleid für die gebeutelten Insektoiden empfand. In seinen knapp acht Jahrzehnten als Sternenflottenoffizier hatte er mehr als genug ähnliche Situationen durchlebt, um zu wissen, wie sie sich fühlen mussten. »Von welchem der Schiffe stammen diese Bilder?«

»Von dem, das nicht auf uns schießt, Sir.« Bowers drückte auf diverse Knöpfe und hielt sich an der Konsole fest, als das Schiff zur Seite glitt. »Schilde halten nach wie vor. Der Angreifer bedient sich einer Art Disruptorwaffe. Uns kann sie nicht viel anhaben, aber das kleinere Schiff hat deutlich weniger gute Schilde.«

Abermals beugte Vaughn sich auf seinem Sitz vor. Tenmei berührte ihre Konsole, woraufhin sich die Bildschirmdarstellung teilte. Ein kleineres Bild im Bild zeigte weiterhin die unverständlichen Fremden, die panisch auf ihrer Brücke umherliefen, während der restliche Monitor das angreifende Schiff nebst Beute zeigte.

»Rufen Sie den Angreifer noch mal«, sagte Vaughn.

»Keine Antwort, Sir«, meldete Bowers nach knapp einer Minute. »Doch, Moment. Sie schießen wieder!«

Vaughn sah, wie die gleißenden Disruptorstrahlen durch die Dunkelheit schnitten. Ihren Ursprüngen nach zu urteilen, war klar, dass der Angreifer mehrere auf der Hülle montierte Waffen haben musste.

Plötzlich flackerte das Bild, und das Schiff wackelte mit. »Schilde auf neunzig Prozent gefallen«, sagte Bowers.

Also war ihr Treffer vorhin kein Versehen, dachte Vaughn. Die wollen uns hier nicht. Weshalb?

»Ermutigen wir sie doch mal zum Rückzug. Mr. Bowers, Ensign Merimark, zielen Sie auf die Waffensysteme. Wenn ich nicht irre, befinden sie sich auf der Schiffshülle – drei an der Oberseite, zwei am Rumpf.«

Der junge Ensign nahm den Posten an der zweiten taktischen Konsole neben Bowers ein, der bereits grinsend zur Tat schritt. »Gutes Auge, Captain. Ziele sind erfasst.«

Vaughn kniff die Lider leicht zusammen. »Feuer.«

Eine Salve schoss aus den Phaserkanonen auf den Angreifer zu. Binnen Sekunden hatte sie ihren Bestimmungsort gefunden, und fünf kleine, genau platzierte Explosionen erhellten die Hülle des anderen Schiffes. Darüber hinaus schien es keinerlei Schäden davonzutragen.

»Guter Schuss«, lobte Vaughn die beiden taktischen Offiziere hinter sich. Im Geiste zählte er die Sekunden mit. Fünf. Vier. Drei. Zwei. Eins.

»Captain, die Angreifer wenden und ändern den Kurs«, meldete Tenmei. »Soll ich sie verfolgen?«

»Nein, Ensign. Ein Schiff ist in Nöten, und das ist wichtiger. Außerdem wissen wir nicht, was diesen Angriff und die Verfolgung der Fremden verursachte.« Vaughn wandte sich an Bowers, der seine Konsole mit ruhiger Genauigkeit bediente und eine Hand am Ohrstöpsel hatte. Sein konzentrierter Gesichtsausdruck sprach Bände. »Mr. Bowers, wird die Übertragung mittlerweile verständlicher?«

»Ich empfange jede Menge Kauderwelsch, Sir. Einiges davon auf ziemlich unüblichen Frequenzen. Der Universalübersetzer scheint diese Sprache nicht knacken zu können.«

Hunter ergriff das Wort. »Captain, einige der Fremden wirken verwundet. Ob wir sie verstehen oder nicht, sie brauchen vermutlich unsere Hilfe.« Er berührte einige Tasten, bis wieder nur das Bild der verängstigten Fremden den Monitor ausfüllte.

Vaughn betrachtete es und stellte fest, dass Hunter richtigliegen musste. Im Hintergrund stolperten einige der Wesen und hielten Gliedmaße umklammert, die mit dunkler Flüssigkeit benetzt waren. Diese schien Wunden in ihrem Exoskelett zu entströmen. Ein Insektoide beugte sich über einen gefallenen Kameraden, offensichtlich bemüht, dessen Verletzungen zu versorgen.

Vaughn betätigte eine Taste in seiner Armlehne und öffnete einen Komm-Kanal. »Schwester Richter, trommeln Sie so viele Mediziner zusammen, wie Sie finden können. Sie bekommen Besuch, der zum Teil sehr mitgenommen wirkt. Ensign Gordimer, bitte schicken Sie einen bewaffneten Sicherheitstrupp zur Krankenstation. Chief Chao, bereiten Sie sich vor, auf Lieutenant Bowers’ Signal einige Verwundete dorthin zu beamen.« Dann sah er zu Bowers und nickte knapp.

Der taktische Offizier begann, die Transporterkoordinaten zu ermitteln. Schon bald verschwanden die ersten Wesen auf dem Monitor in glitzerndem Licht, was ihre Kameraden noch mehr entsetzte.

»Ach, verflucht!« Vaughn verzog das Gesicht und schlug sich an die Stirn. »Mr. Bowers, senden Sie ihnen Livebilder aus der Krankenstation, damit sie sehen, dass wir sie retten und nicht entführen wollen. Und versuchen Sie weiterhin, ein Gespräch zu ermöglichen.«

»Ja, Sir«, bestätigte Bowers und machte sich umgehend an die Arbeit.

Vaughn wandte sich wieder zur vorderen Brückenhälfte. »Prynn … Ensign Tenmei, bitte stellen Sie fest, wo sich das Shuttle Sagan befindet. Schaffen Sie es mir schnellstens zurück an Bord. Dr. Bashir hat sich den perfekten Zeitpunkt für seine Erkundungsmission ausgesucht.« Seufzend lehnte er sich auf dem Sitz des Captains zurück und sah auf den Bildschirm voller panischer, zitternder Insektoiden. Das Motiv erinnerte peinlich genau an eine humoristische Holoaufnahme für Kinder, die er in jungen Jahren gesehen hatte.

»Ich kann die Sagan nicht rufen, Captain«, unterbrach Tenmei seine kurze Atempause. »Genauer gesagt finde ich sie nicht einmal.«

Und plötzlich war Komik das Letzte, wonach Elias Vaughn der Sinn stand.

KAPITEL 3

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Colonel Kira Nerys hatte gehofft, unbemerkt über die Promenade huschen zu können. Sie war gerade von Bajor und einem Besuch bei Kasidy Yates zurückgekehrt, und befürchtete, sämtliche Krisen des Quadranten mochten sich in ihrer Abwesenheit auf ihrem Bürotisch gestapelt haben. Als eine trockene, leicht reptilisch klingende Stimme an ihr Ohr drang, kostete es sie alle Mühe, sie nicht zu ignorieren.

»Colonel Kira, haben Sie einen Moment Zeit?«, fragte der Cardassianer und schloss zu ihr auf.

»Selbstverständlich, Gul Macet. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?« Irgendwie erleichterte es sie, dem Büro fürs Erste entgehen zu dürfen. Sie lächelte sogar – was ihr in Gegenwart Macets, der vielleicht nicht moralisch, aber doch optisch ein Double Gul Dukats war, mit jedem Versuch leichter fiel. Dennoch blieb ihr Verhältnis angespannt.

»Ich wollte auf unsere frühere Unterhaltung über die cardassianisch-bajoranischen Friedensverhandlungen zurückkommen. Diese sind nun schon seit zwei Wochen unterbrochen. Zwei Wochen, in dessen Verlauf ich Botschafterin Lang mit leeren Händen zurück nach Cardassia Prime befördern musste.«

Dies war Kira nicht neu, auch wenn sie kaum glauben mochte, dass zwei Wochen derart schnell verstreichen konnten. »Und doch sind Sie zurück«, sagte sie nickend. »Auch ohne die Botschafterin.«

»Um mein Möglichstes zu versuchen, damit sie und unsere anderen Volksvertreter schnellstens wieder an den Verhandlungstisch gebeten werden. Ich wartete geduldig, während Sie – wie ich vermute – die Ministerkammer unter Druck setzten. Doch, Colonel, wie lange muss ich noch warten? Wie lange muss mein Volk noch warten?« Macet riss die Augen auf, wie es Cardassianer oft taten, wenn sie etwas Provokatives gesagt hatten und eine Erwiderung erwarteten.

Die Frage überraschte Kira genauso wenig, wie es Macets wachsende Ungeduld konnte. Schon kurz nachdem Vizepremierministerin Asarem Wadeen die frischgebackene cardassianische Diplomatin Natima Lang bei den Friedensgesprächen hatte auflaufen lassen – was zu deren Unterbrechung führte –, bat Macet Kira, Einfluss auf Premierminister Shakaar Edon auszuüben und jeden politischen Gefallen einzufordern, der ihr möglich war.

Guter Scherz, dachte sie nun. Bajors Unnachgiebigkeit war ein Problem, das sich – wie sie mittlerweile nur zu gut wusste – bis in höchste Regierungskreise erstreckte. Die Schuld für das Verhandlungsfiasko lag nicht bei Asarem, sondern bei Shakaar. Allerdings durfte Kira dies Macet nicht enthüllen, Vertrauen hin oder her.

Der Cardassianer räusperte sich. »Nun?«

Seufzend schüttelte sie den Kopf, und ihr Lächeln verblasste. »Ich fürchte, wir werden noch eine Weile ausharren müssen.«

»Eine Weile«, wiederholte Macet und kniff die Lider enger zusammen.

»Eine sehr kurze Weile, falls Sie das tröstet.«

»Ah. Sie meinen, bis nach Bajors Föderationsbeitritt. Dann gehen die Gespräche weiter, allerdings unter der Federführung der Föderation.«

Ein Kloß formte sich in Kiras Hals. Diese Sache gefiel ihr ebenso wenig wie Macet. »Ich fürchte schon«, sagte sie, die Stimme kaum mehr als ein heiseres Flüstern.

Ein langer Moment verging, ohne dass Macet etwas sagte. Dann ergriff er wieder das Wort. »Es enttäuscht mich, Sie so sprechen zu hören, Colonel. Insbesondere, da Sie für den Einfluss bekannt sind, den Sie auf säkularer und klerikaler Ebene auf die Führer Ihrer Welt ausüben können.«

»Sie irren sich, Macet.« Abermals schüttelte sie den Kopf. »Sie wissen genau, was es für eine Bajoranerin bedeutet, als Befleckt zu gelten. Selbst die säkularen Autoritäten haben wenig Verwendung für jemanden, der der Glaubensgemeinschaft verwiesen wurde.«

Macets Lächeln schien ermutigend gemeint zu sein. »Ah, der Glaube. Daran mangelt es Ihnen nicht, Colonel – Sie besitzen ihn in Mengen, die nur von Ihrer Demut übertroffen werden. Ihr privater Glaube vermag ganze Welten zu bewegen.«

Kira konnte sich eines bitteren Lächelns nicht erwehren. »Welten sind eine Sache, Minister eine ganz andere.« Insbesondere Shakaar, dachte sie. Macets deprimiertes Gesicht ließ sie fortfahren. »Hören Sie, ich weiß, wie sehr Sie einen Schlussstrich unter die ganze Bajor-Cardassia-Angelegenheit ziehen wollen – und zwar bevor die Föderation die hiesige Diplomatie übernimmt. Ich empfinde genauso.«

»Es ist der einzige Weg zu ehrlicher Verständigung«, sagte Macet nachdenklich, auch wenn seine Züge einen nahezu bedrohlichen Ausdruck annahmen, »und zu dauerhaftem Frieden.«

Kira bemühte sich, die Bilder von gewaltbereiten, paranoiden zukünftigen Cardassianer-Generationen , die wiederkehrten, um Bajor erneut zu quälen, aus ihrem Geist zu vertreiben. Sie nickte. »Ganz meine Meinung, Macet. Doch der Premierminister und die Ministerin scheinen dieser Angelegenheit nicht die gleiche Dringlichkeit beizumessen wie wir. Sie haben kein Problem damit, ein paar Monate auszusitzen.«

Macet schaute die Promenade hinab und in die sternendurchzogene Schwärze jenseits der Fenster in der oberen Etage hinaus. Sein Gesichtsausdruck war deprimiert, und es lag Schmerz in seinen Augen. »Ich muss Ihnen nicht sagen, wie verzweifelt die Lage daheim auf Cardassia Prime ist. Wie viele Kinder die grauenvollen letzten Kriegsstunden überstanden, nur um jetzt einer der grassierenden Seuchen zum Opfer zu fallen.«

Beim Gedanken an Cardassias darbenden Nachwuchs kam Kira die verstorbene Tora Ziyal wieder in den Sinn, deren künstlerischen Nachlass Botschafterin Lang Bajor zum Geschenk gemacht hatte. Die Friedensgeste war dank Shakaar und seinem Werkzeug Asarem jedoch wirkungslos verpufft, und das schmerzte Kira besonders. Ziyals Gemälde und Zeichnungen, Werke von exquisiter Schönheit und starker Ausdruckskraft, waren in Elim Garaks altem Schneiderladen ausgestellt worden, bis ein gesichtsloser Cardassianer-Hasser viele von ihnen vernichtete.

Macet fuhr fort. »Ironisch, nicht wahr? Soweit ich zurückdenken kann, hielten wir Cardassianer uns für weiter entwickelt als das Volk Bajors. Wir glaubten, Ihnen intellektuell, kulturell, politisch, einfach auf jede erdenkliche Weise überlegen zu sein. Nach allem, was geschah – nach dem großen Opfer, das der Dominion-Krieg Cardassia für seine Sünden abverlangte –, rächt sich Bajor nicht durch Krieg an uns, sondern durch politisches Ränkespiel. Ihre Minister halten Ihr Volk nicht nur davon ab, einen wahren und dauerhaften Frieden zu erreichen. Sie bestätigen vielleicht sogar einige der ältesten und hässlichsten Vorurteile der Cardassianer. Guten Tag, Colonel.«

Bevor Kira etwas erwidern konnte, verschwand Macet im Treiben auf der Promenade. Und er hat recht, dachte sie. Mit großer Trauer in der Seele setzte sie ihren Weg zur Ops fort. Wenn schon professionelle Diplomaten keinen Konsens finden, welche Hoffnung besteht dann noch für den Rest von uns?

Sie näherte sich gerade dem Turbolift, als sich ihr zwei Bajoraner näherten – eine alte Frau und ein jüngerer Mann. Sie trugen Kapuzen, allerdings nicht im Stil der Geistlichen und Gläubigen ihres Volkes. Kira wappnete sich. Seit sie Ohalus Prophezeiungen ins zivile bajoranische Komm-Netz hochgeladen hatte, waren ihre Begegnungen mit den meisten Bajoranern eher frostiger Natur gewesen – dank der Befleckung, mit der sie Vedek Yevir Linjarin gestraft hatte.

»Colonel Kira«, sagte der Mann. »Dürfen wir Sie um einen Moment Ihrer Zeit bitten?«

»Ich bin bereits spät dran und muss zu einem Termin«, erwiderte sie und dachte voller Grauen an den Berg an Arbeit, der sie erwarten mochte. »Vielleicht kann Ihnen einer meiner Offiziere weiterhelfen.«

»Es dauert nur einen Augenblick«, sagte die Frau. Dann strich sie ihre Kapuze zurück, und der Mann tat es ihr gleich. Kira konnte ihre Ohren sehen. Ihre schmuckfreien Ohren.

Diese Personen trugen nicht den Ohrring, der Bajors Glauben repräsentierte. Kira merkte kaum, wie ihre eigene Hand zu ihrem rechten Ohr glitt, wo in den Tagen vor der Befleckung ebensolcher Schmuck gehangen hatte.

»Danke, dass Sie uns Ohalus Wahrheiten offenbarten«, sagte der Mann. »Unser Leben wurde stets von den Tempellehren geleitet, doch die Prophezeiungen, die Sie verbreiteten, beantworten so viele weitere Fragen. Sie haben uns geholfen, neue Schritte auf unserem spirituellen Weg zu gehen.«

»Die prophetische Weisheit darf nicht das Monopol einer einzelnen Glaubensgruppe sein«, ergänzte die Frau. »Sie wurde schon viel zu lange verschwiegen. Sie aber halfen, sie auszusprechen. Bitte trauern Sie nicht um Ihren Status in der bajoranischen Glaubensgemeinschaft. Ihr Pagh ist stärker als das.«

»Sie zeigten uns einen Pfad auf, den uns die Mächtigen viel zu lange vorenthielten«, fuhr der Mann fort. »Die Propheten sind mit Ihnen.«

Lächelnd zogen sie ihre Kapuzen wieder auf und setzten ihren Weg über die Promenade fort. Verblüfft starrte Kira ihnen nach. Was war das denn?

Das Blut zischte auf seinem Arm, brannte sich durch seinen schwarzen Overall und in seine Haut, doch Taran’atar ignorierte den Schmerz. Er führte den abgetrennten Arm der Kreatur wie eine Keule, und die Klauen an seinem Ende fungierten als tödliche Stacheln.

Der Jem’Hadar spürte, dass einer der riesigen Gliederfüßer ihn von hinten anspringen wollte, warf sich zur Seite und zog die Beine an. In jüngeren Jahren wäre er schlicht stehen geblieben und hätte den Angriff ausgehalten, doch mittlerweile hatte er Gegner aus dreiundvierzig verschiedenen Spezies bezwungen und dabei einiges über Kampfstil und -strategie gelernt.

Die Kreatur landete. Gespreizte Füße an spindeldürren Beinen federten ihren Fall ab. Obwohl es individuelle Unterschiede gab, gehörten Taran’atars aktuelle Widersacher alle derselben Spezies an. Es waren überdimensionierte Arthropoden mit zwei Armen, zwei Beinen und einem langen Schwanz. Ein schwarzer natürlicher Panzer umhüllte ihre drei Meter großen Leiber, und aus ihren Mäulern – langgezogene Gebilde mit Fangzähnen, von denen der Schleim tropfte – drang ein Schrei, der allein die meisten Humanoiden schon in Angst und Schrecken versetzt hätte.

Taran’atar hatte bereits vier dieser Kreaturen erledigt, doch mindestens sechs weitere krochen noch durch diese dunkle Schlucht – vielleicht sogar mehr. Er wusste nicht, ob er alle gesehen hatte. Aufgrund des ätzenden Blutes seiner Widersacher musste er besondere Vorsicht walten lassen. Er hegte keinerlei Absicht, die nächsten Tage damit zu verschwenden, sich von Säurewunden zu erholen.

Gerade als er mit seiner Armkeule nach rechts ausholte und die Kreatur seiner Bewegung folgte, streckte Taran’atar die Beine aus und nahm einen Fuß des Wesens in die Zange. Sofort verlor sein Gegner das Gleichgewicht. Der Jem’Hadar ergriff einen Stein und zerschmetterte ihm mit einem einzigen, brutalen Hieb den Schädel. Der Todesschrei des Wesens hallte von den Wänden der Schlucht wider.

Ohrenbetäubender Lärm folgte ihm. Schatten kamen in Bewegung, entfalteten sich, und weitere Kreaturen schrien in Taran’atars Richtung. Der Krieger hatte sich verzählt, denn das da waren mindestens noch ein Dutzend – und sie waren wütend! Von den Felshängen kamen sie auf ihn zu, und er stellte sich ihnen. Augenblicklich schlug er zwei von ihnen aneinander, sodass sie sich gegenseitig ihre Hauer in die Leiber rammten und grünes Sekret auf den steinigen Boden tropfte. Taran’atar duckte sich unter ihren sterbenden Körpern hinweg und sah sich prompt einem weiteren Wesen gegenüber, das im Angriffssprung begriffen war. Mit aller Kraft hieb er dem Gegner die Armkeule entgegen, trieb sie durch den Hals und brach ihm das Genick. Obwohl die Kreatur dadurch bewegungsunfähig war, landete sie doch mit vollem Gewicht auf dem Jem’Hadar. Blut brannte sich in seine Hand, durch die graue Haut und ins darunterliegende weiche Fleisch.

Die Kreatur öffnete unterdessen ihr Maul und schnappte nach seinem Gesicht! Beunruhigend scharfe Zähne eines weiter innen liegenden zweiten Gebisses reckten sich ihm plötzlich entgegen. Taran’atar blieb keine Wahl. Da er beide Hände benötigte, um die Klauen und das Maul dieses Biests auf Abstand zu halten, konnte er nicht anders, als selbst den Mund aufzureißen, weiter als sein Angreifer, und das zweite Gebiss einfach abzubeißen. Er spürte, wie es zwischen seinen Zähnen zerbrach. Beißendes Sekret spritzte ihm ins Gesicht. Sofort schob er das Wesen von sich, riss ihm die provisorische Keule aus dem Leib und spuckte den abscheulichen Körperteil aus, den er ihm zerbissen hatte.

Der Rest der Kreaturen hing spinnengleich von den Wänden. Sie schienen dem furchtlosen Jem’Hadar allmählich vorsichtiger zu begegnen. Taran’atar öffnete den Mund und stieß einen Schrei aus, der durch die ganze Schlucht hallte.

»Hey, Kumpel.«

Er wirbelte herum, suchte nach dem Ursprung dieser Stimme und fand einen Mann. Er stand auf einem der Felsvorsprünge – ein grauhaariger Mensch in schwarz-weißer Kleidung – und war von Licht umgeben, aus dem Gesprächsfetzen und Musik zu dringen schienen.

»Macht’s Ihnen was aus, Ihr Gebrüll ein Stück weit runterzufahren? Sie übertönen meine Band. Und um ehrlich zu sein, machen Sie einigen der Riesenportemonnaies auf Beinen Angst.«

Taran’atar wollte gerade etwas erwidern, als ihn eines der Wesen von hinten ansprang und seine Brust mit kalten Klauen umklammerte. Er griff hinter sich, bekam den langen Kopf des Wesens zu packen und riss es mit einem Ruck über seinen Rücken. Das Biest landete im Dreck, und Taran’atar setzte nach. Er ließ die Hand niederfahren und trennte dem Angreifer mit einem einzigen Hieb den Schädel vom Leib.

Dann sah er auf. Der Mensch trat gerade zurück ins Licht, was sich bei näherer Betrachtung als eine Art Tür entpuppte. Irrte er sich, oder murmelte der Mann dabei etwas? Es hörte sich an wie: »Junge, Junge … Und ich dachte, Worf hätte ein Problem mit Holosuite-Gewalt gehabt.«

Odo hatte den Jem’Hadar in den Alpha-Quadranten geschickt, damit er dort unter Humanoiden lebte und deren oft unverständliche Art zu begreifen lernte. Doch es gab Momente – diesen zum Beispiel –, in denen Taran’atar zweifelte, dieses Ziel je erreichen zu können.