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Based upon

Star Trek and Star Trek: The Next Generation

created by Gene Roddenberry

Star Trek: Deep Space Nine

created by Rick Berman & Michael Piller

Star Trek: Voyager

created by Rick Berman & Michael Piller & Jeri Taylor

Star Trek: Enterprise

created by Rick Berman & Brannon Braga

Ins Deutsche übertragen von

Stephanie Pannen

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Die deutsche Ausgabe von STAR TREK – DESTINY: GÖTTER DER NACHT wird herausgegeben von Amigo Grafik, Teinacher Straße 72, 71634 Ludwigsburg.

Herausgeber: Andreas Mergenthaler und Hardy Hellstern, Übersetzung: Stephanie Pannen;

verantwortlicher Redakteur und Lektorat: Markus Rohde; Lektorat: Anika Klüver und Gisela Schell;

redaktionelle Mitarbeit: Julian Wangler; Satz: Amigo Grafik; Cover Artwork: Martin Frei.

Titel der Originalausgabe: STAR TREK – DESTINY: GODS OF NIGHT

German translation copyright © 2010 by Amigo Grafik GbR.

Original English language edition copyright © 2008 by CBS Studios Inc. All rights reserved.

© 2010 Paramount Pictures Corporation. All Rights Reserved.

™®© 2010 CBS Studios Inc. STAR TREK and related marks and logos are trademarks of CBS Studios Inc.

This book is published by arrangement with Pocket Books, a Division of Simon & Schuster, Inc., pursuant to an exclusive license from CBS Studios Inc.

ISBN 978-3-942649-71-1 April 2011

WWW.CROSS-CULT.DE • WWW.STARTREKROMANE.DE

Für Mom und Dad, die mir mehr gaben, als ich jemals zurückzahlen kann.

HISTORISCHE ANMERKUNG

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Der Prolog spielt 2373 (nach dem Alten Kalender), ungefähr eine Woche nach den in der Star Trek – Deep Space Nine-Episode »Kinder der Zeit« geschilderten Ereignissen. Die Haupthandlung von »Götter der Nacht« spielt im Februar des Jahres 2381, ungefähr sechzehn Monate nach dem Film Star Trek – Nemesis. Die Rückblicke beginnen 2156 und gehen bis 2168.

Der Krieg findet immer einen Ausweg.

– Bertold Brecht, »Mutter Courage und ihre Kinder«, Bild 6

2373

PROLOG

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Sie war eine leblose Hülle – ihr Rücken gebrochen, ihre Haut zerrissen, ihr riesiger Leib halb im fließenden Sand einer berghohen Düne begraben – und sie war sogar noch schöner, als Jadzia Dax sie in Erinnerung hatte.

Ihr zweiter Wirt, Tobin Dax, war Zeuge gewesen, als das Erdenraumschiff Columbia NX-02 vor mehr als zweihundert Jahren sein Raumdock verlassen hatte. Natürlich konnte zu diesem Zeitpunkt niemand ahnen, dass es seine letzte Mission werden würde. Tobin hatte damals die Kalibrierung ihrer rechten Warpspulen überwacht. Jadzia überkam ein Anflug von Nostalgie, während sie auf dem Bug des abgestürzten Schiffes stand. Sie betrachtete seine zerschmetterte rechte Gondel, die sich an ihrem Mittelpunkt verbogen hatte und teilweise von den trockenen Wellen der Wüste erobert worden war.

Ingenieure der Defiant schwärmten über die Primärhülle der Columbia. Wenn sie nicht gerade ihre Gesichter vor dem heißen Wüstenwind abschirmten, zeichneten sie Trikordermessungen auf. Hinter ihnen lagen die zarten Spitzen einer verlassenen Landschaft, ein Ausblick auf weizengelbe Dünen, geformt von den unaufhörlichen Gezeiten anabatischer Winde, karg und einsam unter einem bleichen Himmel.

Jadzia konnte sich glücklich schätzen, dass Captain Sisko bereit gewesen war, eine weitere Planetenerforschung zu bewilligen, so kurz nachdem Jadzia sie auf Gaia versehentlich in Gefahr gebracht hatte. Dort waren aufgrund der wechselhaften Launen eines Liebenden achttausend Leben ausgelöscht worden. Die Besatzung brannte darauf, so schnell wie möglich nach Deep Space 9 zurückzukehren. Doch Dax’ Neugier war, sobald sie einmal geweckt wurde, unstillbar, und ein Flackern einer Sensormessung hatte sie zu diesem namenlosen, unbewohnten Planeten gelockt.

Ein plötzlicher Windstoß blies ihr den langen, dunklen Pferdeschwanz über die Schulter. Sie strich ihn zurück, während sie in den blendenden, scharlachroten Schein der aufgehenden Sonnen blinzelte. Ein Lichtschimmer in menschlicher Form, wenige Meter von ihr entfernt, trug noch zu der Helligkeit bei. Das hohe Summen des Transporterstrahls wurde vom tiefen Heulen des Windes übertönt. Als das Geräusch und der Schimmer verebbt waren, kam der Umriss Benjamin Siskos durch die verbogenen Hüllenplatten auf sie zu.

»Was für ein Fund, alter Mann«, sagte er, doch seine Stimmung wirkte gedämpft. Unter normalen Umständen würde ihn eine solche Entdeckung freuen, aber für sie alle war die Wunde der kürzlichen Ereignisse noch zu frisch und die Kriegsgefahr zu drohend, als dass sie daran wirklich Freude finden konnten. Er sah sich um und fragte dann: »Wie geht es voran?«

»Langsam«, antwortete Dax. »Unsere Ausrüstung war zur Aufklärung gedacht, nicht zur Bergung.« Sie setzte sich in Bewegung und nickte ihm zu, damit er ihr folgte. »Wir haben ungewöhnlichen subatomaren Schaden an der Hülle entdeckt. Ich bin noch nicht sicher, was das bedeutet. Alles, was wir sicher sagen können, ist, dass die Columbia seit über zweihundert Jahren hier ist.« Sie kamen am vorderen Rand der Primärhülle an, wo die Wucht des Aufpralls die metallische Haut des Raumschiffs abgezogen und das darunter liegende Duraniumraumfachwerk freigelegt hatte. Dort war von den Ingenieuren der Defiant eine breite Rampe mit einer leichten Steigung installiert worden, weil die ursprünglichen Personalluken alle mit verwehtem Sand verstopft waren.

Während sie in das Schiff hinabstiegen, fragte Sisko: »Konnten Sie jemanden von der Besatzung identifizieren?« Die Echos ihrer Schritte klangen gedämpft, gefangen in der Vertiefung unter der Rampe.

»Wir haben keine Leichen gefunden«, sagte Dax über das disharmonische Geheul des Windes hinweg. »Keine Überreste jedweder Art.« Ihre Schritte scharrten über den sandbedeckten Boden, während sie ihn zum Zentrum des Schiffes führte.

Der staubige Nebel in der Luft wurde in unregelmäßigen Winkeln von schmalen Sonnenstrahlen durchbrochen, die sich in das dunkle Wrack verirrt hatten. Sie entfernten sich immer weiter vom spärlichen Licht und drangen tiefer in die düsteren Schatten des D-Decks vor. Plötzlich hatte Dax den Eindruck, dass sie aus den Augenwinkeln hinter den abgerundeten Schotten kurz blaues Licht aufblitzen sah. Aber als sie ihren Kopf drehte, um danach zu suchen, fand sie nur Dunkelheit. Sie tat das Flackern als Nachbilder ab, die ihre Netzhaut getäuscht hatten, während sich ihre Augen an die Dunkelheit im Inneren des Schiffes gewöhnten.

»Ist es möglich«, fragte Sisko und stieg vorsichtig über eine eingestürzte Schottstrebe, »dass sie das Schiff zurückgelassen und sich irgendwo auf dem Planeten niedergelassen haben?«

»Vielleicht«, sagte Dax. »Aber ein Großteil ihrer Ausrüstung ist noch an Bord.« Sie schob sich an einem Durcheinander herunterhängender Kabel vorbei und hielt sie für Sisko, der ihr folgte, beiseite. »Diese Wüste erstreckt sich neunhundert Kilometer in jede Richtung«, fuhr sie fort. »Unter uns gesagt, glaube ich nicht, dass sie mit nicht mehr als ihrer Kleidung am Leib sehr weit gekommen sind.«

»Ein gutes Argument, aber ich denke, diese Überlegung ist rein hypothetisch.« Sisko bog in einen anderen Gang ein, der voller Spinnweben war, und schreckte damit eine dicke Brut kleiner, aber tödlich aussehender, heimischer Gliederfüßer auf. Die zehnbeinigen Kreaturen flohen hastig in die Risse zwischen Schott und Boden. Er und Dax gingen weiter. »Ich habe nicht erwartet, in einem zweihundert Jahre alten Wrack Überlebende zu finden, aber ich würde gerne wissen, was ein altes Warp-fünf-Schiff der Erde hier im Gamma-Quadranten zu suchen hat.«

»Dann sind wir schon zwei«, sagte Dax. Als sie um eine weitere Ecke in eine Sackgasse gingen, trafen sie auf Miles O’Brien, der unter einem niedrig hängenden Gewirr aus Drähten und veralteten Schaltkreisen herumkroch. Dabei handelte es sich um Überreste einer Steuerkonsole für den Hauptcomputer der Columbia. »Chief«, rief Dax, um ihn von ihrer Ankunft in Kenntnis zu setzen. »Schon was erreicht?«

»Noch nicht«, sagte der stämmige Ingenieur. Sein kurzgeschnittenes, lockiges Haar war vor Schweiß und Staub ganz matt. Die beiden Offiziere stellten sich hinter ihn, während er in seinem ruppigen, irischen Akzent fortfuhr: »Das verdammte Ding gehört in ein Museum, sag ich Ihnen. Unsere Trikorder können nicht mit ihm sprechen und ich finde keinen Adapter in der Datenbank der Defiant, der in diese Anschlüsse passt.«

Sisko kniete sich neben O’Brien und benutzte seine rechte Hand, um sich auf der linken Schulter des Chiefs abzustützen. Der Captain strich sich über seinen drahtigen Kinnbart und fragte: »Sind die Speicherbänke intakt?«

O’Brien fing an zu prusten, hielt sich dann jedoch zurück. »Nun, sie sind hier«, sagte er. »Ob sie funktionieren ... wer weiß? Mit den Teilen, die wir hier haben, kann ich sie nicht einmal starten.«

Dax fragte: »Wie lange wird es dauern, einen Adapter zu bauen?«

»Nur für die Energie?«, fragte O’Brien. »Drei Stunden, vielleicht vier. Ich muss da noch etwas recherchieren, damit es mit unserem EPS-Netz funktioniert.« Er wandte sich von dem gordischen Knoten aus Elektronik ab, um Dax und Sisko anzusehen. »An ihre Daten heranzukommen, wird die wirkliche Herausforderung werden. Seit über einem Jahrhundert hat niemand mehr mit einem Kern wie diesem gearbeitet.«

»Nennen Sie mir eine Zahl, Chief«, sagte Sisko. »Wie lange?«

O’Brien zuckte mit den Schultern. »Mindestens ein paar Tage.«

Siskos Kiefer versteifte sich und die Sorgenfalten auf seiner braunen Stirn wurden tiefer, während er sein Missfallen mit einem Stirnrunzeln ausdrückte. »Das ist nicht die Antwort, die ich hören wollte.«

»Mehr kann ich nicht tun«, erwiderte O’Brien.

Sisko seufzte schwer, ließ seine Schultern hängen und schien sich dem Unvermeidlichen zu fügen. »Also gut«, sagte er. »Bleiben Sie dran, Chief. Lassen Sie es uns wissen, wenn Sie Fortschritte machen.«

»Aye, Sir.« O’Brien, machte sich wieder an die Arbeit.

Dax und Sisko gingen den Weg zurück, den sie gekommen waren, und an einer Kreuzung trafen sie auf Major Kira. Die bajoranische Frau hatte die Suchtrupps angeführt, die die Überreste der Besatzung finden sollten. Ihre rostrote Uniform war mit dunkelgrauen Schlieren aus Schmutz und Ruß beschmiert und auf ihrem kurzgeschnittenen roten Haar lag eine dünne Staubschicht. »Wir haben unsere Durchsuchung beendet«, sagte sie. Sie warf einen nervösen Blick den Gang hinunter. »Keine Spur von der Mannschaft oder sonst jemandem.«

»Was ist mit Kampfschäden?«, fragte Sisko. »Vielleicht wurden sie geentert und gefangen genommen.«

Kira schüttelte schnell den Kopf. »Das glaube ich nicht. Alle Schäden, die ich gesehen habe, passen zu einem Absturz. Es gibt keine Explosionsspuren an den inneren Schotten, keine Anzeichen von Beschuss. Was auch immer hier geschehen ist, es war kein Feuergefecht.« Sie nickte in Richtung des Ausgangs und fügte hinzu: »Können wir jetzt hier raus?«

»Was ist los, Major?«, fragte Sisko, den Kiras sichtliche Beunruhigung aufmerksam gemacht hatte.

Die bajoranische Frau warf einen weiteren Blick in den Gang hinter ihr und runzelte die Stirn, als sie sich Sisko und Dax wieder zuwandte. »Da drinnen ist etwas«, sagte sie. »Ich kann es nicht erklären, aber ich fühle es.« Sie sah argwöhnisch nach oben und fügte hinzu: »Ein Borhyas beobachtet uns.«

Sisko protestierte. »Ein Geist?« So tolerant er Kiras religiösen Überzeugungen gegenüber auch zu sein versuchte, wurde er doch manchmal von ihrer Neigung zum Aberglauben zur Verzweiflung getrieben. »Wollen Sie mir wirklich erzählen, dass Sie glauben, dass es auf diesem Schiff spukt?«

»Ich weiß es nicht«, sagte Kira, die frustriert darüber zu sein schien, dass sie ihre Instinkte gegenüber ihren Freunden rechtfertigen musste. »Aber ich habe Dinge gehört und ich habe gespürt, wie sich meine Nackenhaare aufgestellt haben und ich habe in der Dunkelheit Lichter flackern sehen ...«

Dax fiel ihr ins Wort: »Blaue Lichter?«

»Ja!«, sagte Kira und klang durch Dax’ Bestätigung ganz aufgeregt.

Sisko schüttelte den Kopf und ging weiter. »Ich habe genug gehört«, sagte er. »Lassen Sie uns zur Defiant zurückkehren.«

Kira und Dax folgten ihm zurück in den Bereich, durch den sie die Columbia betreten hatten. Sisko bewegte sich im Eilschritt und Dax musste sich bemühen, mit ihm mitzuhalten, während er auf den oberen Bereich der Rampe zuging.

»Benjamin«, sagte Dax, »ich finde, wir sollten eine gründlichere Untersuchung dieses Schiffes vornehmen. Wenn ich ein wenig mehr Zeit hätte, könnten der Chief und ich vielleicht eine Möglichkeit finden, um die Traktorstrahlen der Defiant dazu zu benutzen, die Columbia zurück in den Orbit zu befördern und ...« Sie wurde von einem Piepsen aus Siskos Kommunikator unterbrochen, dem Worfs Stimme folgte.

»Defiant an Captain Sisko«, sagte Worf über den Komm-Kanal.

Sisko antwortete, ohne stehenzubleiben. »Was gibt es?«

»Die Langstreckensensoren haben zwei Jem’Hadar-Kriegsschiffe entdeckt, die sich diesem System nähern«, sagte Worf. »Voraussichtliche Ankunftszeit ist in neun Minuten.«

»Lösen Sie Gelben Alarm aus und beginnen Sie damit, die Ingenieure hochzubeamen«, sagte Sisko, während er die Rampe hinauf ins blendende Sonnenlicht kletterte. »Warten Sie auf meinen Befehl, das Kommandoteam hochzubeamen.«

»Bestätigt«, erwiderte Worf. »Defiant Ende.«

Als sie wieder auf der durch den Absturz verformten Hülle standen, hielt Sisko an und wandte sich Dax zu. »Tut mir leid, alter Mann. Die Bergung muss warten.«

Kira fragte: »Sollen wir Sprengladungen platzieren?« Dax und Sisko reagierten mit verwirrten Gesichtsausdrücken, sodass Kira eine Erläuterung nachschob. »Um zu verhindern, dass die Jem’Hadar das Schiff erbeuten.«

»Ich bezweifle, dass sie mehr als wir finden werden«, sagte Sisko. »Die Columbia ist über zweihundert Jahre alt, Major – und genau genommen handelt es sich nicht einmal um ein Schiff der Föderation.« Er hob seinen Arm, um seine Augen vor den Morgensonnen zu schützen. »Außerdem hat sie ihr Geheimnis nun schon so lange gehütet. Ich denke, wir können es dabei belassen.«

Dax sah zu, wie er auf den Gipfel der Primärhülle stieg. Überall um ihn herum verschwanden die Ingenieure in Gruppen von vier oder fünf Personen in einem leuchtenden Schimmer und wurden zurück auf die Defiant transportiert, die den Planeten umkreiste. Die Umrisse von Siskos Körper lösten sich im Schein der Sonnen auf, bis der Captain nicht mehr als ein Schemen vor einem Himmel aus Feuer war. Kira ging neben ihm, so vertraut und ungezwungen wie jemand, der schon immer dort gewesen war.

Siskos Stimme kam aus Dax’ Kommunikator. »Kommandoteam, bereiten Sie sich darauf vor, hochgebeamt zu werden.«

Die zerstörte, graue Columbia lag unter Dax’ Füßen, ein leeres Grab, das unerzählte Geheimnisse hütete. Es schmerzte sie, diese Mysterien zu verlassen, bevor sie Zeit hatte, sie zu enträtseln ... aber das Dominion war auf dem Vormarsch und der Krieg stellte seine eigenen Bedingungen.

2381

KAPITEL 1

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Captain Ezri Dax stand auf dem Bug der Columbia und hoffte inständig, dass sich ihre Rückkehr zum Wrack nicht als Fehler erweisen würde. Die Sternenflotte konnte sich zu diesem Zeitpunkt keine Fehler erlauben.

Ingenieure und wissenschaftliche Spezialisten ihrer Besatzung schwärmten über das verfallene Warp-fünf-Schiff. Seine Hülle war durch die unermüdliche Umschichtung der Wüste teilweise begraben, so wie sie es von ihrem letzten Besuch als Jadzia Dax vor mehr als sieben Jahren in Erinnerung hatte. Die Nachmittagssonnen brannten mit fast greifbarer Macht und die Hitze stand flirrend über der Hülle des Wracks, die durch reflektiertes Licht funkelte. Dax’ Hände, die normalerweise so kalt wie die aller anderen vereinigten Trill waren, fühlten sich warm und schwitzig an.

Lieutenant Gruhn Helkara, Dax’ Senior-Wissenschaftsoffizier auf dem Raumschiff Aventine, stieg die Rampe durch den Hüllenriss hinauf und kam lächelnd auf sie zu. Es war ein Ausdruck, den man nicht oft auf dem mit herabhängenden Falten versehenen Gesicht des dürren Zakdorns sah.

»Gute Neuigkeiten, Captain«, sagte er, sobald er sich in angemessenem Gesprächsabstand befand. »Der Umwandler funktioniert jetzt. Leishman wird nun den Computer der Columbia starten. Ich dachte, Sie wollen sich das vielleicht anschauen.«

»Nein danke, Gruhn«, sagte Dax. »Ich bevorzuge es, hier oben zu bleiben.«

Das Amt des Captains brachte einige Vorteile mit sich. Einer bestand darin, dass sie sich vor ihren Kollegen nicht länger rechtfertigen musste, wenn sie etwas nicht tun wollte. Das ersparte ihr die mögliche Peinlichkeit, zugeben zu müssen, dass die erste Inspektion der Columbia heute Morgen eine Gänsehaut bei ihr verursacht hatte. Als sie das D-Deck betreten hatte, war sie sich ziemlich sicher gewesen, dass ihr die gleichen blauen Blitze erschienen waren wie auch schon vor sieben Jahren.

Dennoch hatten mehrere Sensormessungen und Trikorderüberprüfungen nichts Ungewöhnliches an Bord der Columbia ergeben. Vielleicht war es nur ihre Einbildung gewesen oder eine Lichttäuschung, aber sie hatte das gleiche galvanische Kribbeln gespürt, das Kira beschrieben hatte, und sie war von dem Wunsch überwältigt worden, so schnell wie möglich aus den stygischen Gängen des Wracks zu verschwinden.

Sie hatte die Sicherheitsmitarbeiter auf dem Planeten verdoppelt, aber kein Wort darüber verloren, dass es in dem Schiff spuken könnte. Das Amt des Captains brachte leider auch den Nachteil mit sich, den Anschein von Rationalität ständig aufrecht erhalten zu müssen. Geister zu sehen passte da nicht hinein – kein bisschen.

Helkara blinzelte in den glutweißen Himmel und wischte sich den Schweiß von der hohen Stirn. »Bei den Göttern«, sagte er und brach damit das lange, betretene Schweigen, »ist es hier draußen etwa wirklich noch heißer geworden?«

»Ja«, erwiderte Dax, »das ist es.« Sie nickte in Richtung der Auswölbung des Brückenmoduls des Schiffes. »Begleiten Sie mich ein Stück.«

Die beiden schlenderten den sanften Anstieg an der Hülle der Columbia hinauf, während sie fortfuhr: »Wie weit sind Sie mit Ihren metallurgischen Analysen?«

»Fast fertig, Sir. Sie hatten ...« Er unterbrach sich selbst. »Entschuldigung. Jadzia Dax hatte recht. Wir haben eine molekulare Verzerrung im Raumfachwerk gefunden, die auf intensive subräumliche Belastung hinweist.«

Dax war begierig auf die Einzelheiten. »Was war die Ursache?«

»Schwer zu sagen«, meinte Helkara.

Sie runzelte die Stirn. »Mit anderen Worten, Sie wissen es nicht.«

»Nun, ich bin noch nicht bereit, dieses Zugeständnis zu machen. Ich habe vielleicht noch nicht genügend Daten, um eine Hypothese zu bilden, aber meine Tests haben mehrere offensichtliche Antworten ausgeschlossen.«

»Welche zum Beispiel?«

»Extreme Warpgeschwindigkeiten«, antwortete Helkara, während sie um einen großen Riss herumgingen, an dem sich zwei angrenzende Hüllenplatten heftig nach innen gebogen hatten. »Wurmlöcher. Quanten-Slipstream-Wirbel. Iconianische Portale. Zeitreisen. Oh, und die Q.«

Sie seufzte. »Das lässt uns nicht mehr viel, mit dem wir weitermachen können.«

»Nein, das tut es nicht«, sagte er. »Aber ich liebe Herausforderungen.«

Dax merkte, dass er sich bemühte, nicht schneller zu sein als sie. Seine Beine waren länger als ihre, und er neigte dazu, flott zu gehen. Sie beschleunigte ihren Gang. »Bleiben Sie dran, Gruhn.« Sie erreichten den Gipfel der Untertassensektion. »Irgendetwas hat dieses Schiff durch die Galaxis bewegt. Ich muss wissen warum, und das bald.«

»Verstanden, Captain.« Helkara ging weiter nach achtern auf eine Horde Ingenieure zu. Diese bauten eine sperrige Ansammlung von Maschinen auf, die eine gründlichere Analyse der bizarr verzerrten subatomaren Strukturen der Columbia liefern würden.

Erinnerungen fegten durch Ezris Gedanken wie Sandteufel über die Dünen. Jadzia hatte die umfassenden Eigentümlichkeiten, die die Sensoren der Defiant in der Hülle der Columbia gefunden hatten, ausführlich beschrieben, und sie hatte die Sternenflotte über ihre Theorie informiert, dass die Messungen ein Hinweis auf eine neue Art von subräumlichem Phänomen sein könnten. Admiral Howe von der Forschungsabteilung der Sternenflotte hatte ihr versichert, dass ihr Bericht untersucht werden würde. Doch als ungefähr zwei Monate später der Dominion-Krieg ausbrach, wurde ihre Forderung nach Bergung auf Eis gelegt – und in einen virtuellen Papierkorb für eingestellte Projekte des Sternenflottenkommandos geworfen.

Und dort blieb sie fast acht Jahre lang vergessen, bis Ezri Dax dem Sternenflottenkommando einen Grund lieferte, sich daran zu erinnern. Die Bergung der Columbia war aus dem gleichen Grund zu einer Dringlichkeit geworden, aus dem sie zuerst beiseite geschoben worden war: Es tobte ein Krieg. Vor sieben Jahren war der Feind das Dominion gewesen. Dieses Mal waren es die Borg.

Die Angriffe hatten vor fünf Wochen begonnen und alle durchorganisierten Grenzverteidigungen und Frühwarnnetzwerke überwunden. Ohne Hinweise auf Transwarp-Aktivität, Wurmlöcher oder Portale waren im Herzen des Föderationsraumes Borgkuben aufgetaucht und hatten Überraschungsangriffe auf mehrere Welten gestartet. Die Aventine war plötzlich mitten in ihrem ersten Kampf gewesen, um das Acamar-System vor der Auslöschung durch die Borg zu bewahren. Nach der Schlacht war mehr als ein Drittel der Schiffsbesatzung – einschließlich des Captains und des Ersten Offiziers – tot, und so war es am zweiten Offizier Lieutenant Commander Ezri Dax gewesen, das Kommando zu übernehmen.

Eine Woche und drei Borgangriffe später war Ezri von der Sternenflotte offiziell zum Captain der Aventine ernannt worden. Inzwischen hatte sie sich an Jadzias These bezüglich der Columbia erinnert und der Sternenflotte ihren sieben Jahre alten Bericht ins Gedächtnis gerufen. Ein Warp-fünf-Schiff war in den geschätzten zehn Jahren nach seinem Verschwinden mehr als fünfundsiebzigtausend Lichtjahre weit gereist – eine Entfernung, für die die Columbia aus eigener Kraft mehr als dreihundertfünfzig Jahre gebraucht hätte.

Ezri hatte dem Sternenflottenkommando versichert, dass die Aufklärung des Rätsels, wie die Columbia die Galaxis ohne den Gebrauch der bekannten Antriebsmethoden durchqueren konnte, möglicherweise etwas Licht darauf werfen würde, wie genau die Borg dazu in der Lage waren. Das war eine kleine Übertreibung ihrerseits gewesen. Sie konnte nicht versprechen, dass es ihrer Mannschaft gelingen würde, eine schlüssige Erklärung dafür zu finden, wie die Columbia an diesen abgelegenen, verlassenen Ort gekommen war, oder ob es irgendeine Verbindung zu der jüngsten Serie von Borgeinfällen in Föderationsraum gab. Es hatte vermutlich Jahre gedauert, bis die Columbia dort angekommen war, während es im Fall der Borg so schien, als ob sie nahezu unmittelbare Übergänge von ihrem Heimatterritorium im Delta-Quadranten durchführen konnten. Die Verbindung war allenfalls dürftig.

Alles, was Dax hatte, war eine Ahnung, und der folgte sie. Wenn sie richtig lag, wäre es ein ausgezeichneter Beginn für ihr erstes Kommando. Wenn sie im Unrecht war, würde dies wahrscheinlich auch ihr letztes Kommando gewesen sein.

Ihr Moment der Selbstprüfung wurde von einer sanften Vibration und einem melodischen Doppelton unterbrochen, der aus ihrem Kommunikator kam. »Aventine an Captain Dax«, sagte ihr Erster Offizier, Commander Sam Bowers.

»Was gibt es, Sam?«, fragte sie.

Er klang erschöpft. »Wir haben eine weitere Dringlichkeitsbotschaft vom Sternenflottenkommando erhalten«, sagte er. »Ich denke, Sie sollten sie sich ansehen. Sie stammt von Admiral Nechayev, und sie erwartet eine Antwort.«

Und die Axt fällt, sinnierte Dax. »Also gut, Sam, beamen Sie mich hoch. Ich werde sie in meinem Bereitschaftsraum annehmen.«

»Aye Sir. Bereitmachen für Transport.«

Dax drehte sich noch einmal zum Bug der Columbia um und unterdrückte die Furcht, die über sie gekommen war, als sie von Nechayevs Nachricht gehört hatte. Es konnte sich um alles handeln: eine taktische Besprechung, neue Informationen von der Forschungsabteilung über die Columbia, aktualisierte Einzelheiten über den experimentellen Slipstream-Antrieb der Aventine ... aber Dax war nicht so naiv, gute Neuigkeiten zu erwarten.

Während sie spürte, wie der Transporterstrahl sie einhüllte, befürchtete sie, dass sie die Columbia abermals aufgeben musste, bevor sie ihre Geheimnisse lüften konnte.

Commander Sam Bowers war noch nicht lange genug an Bord der Aventine, um mehr als eine Handvoll der über siebenhundertfünfzig Besatzungsmitglieder beim Namen zu kennen. Daher war er dankbar, dass Ezri einige der Senior-Offiziere unter ihren ehemaligen Kollegen von Deep Space 9 ausgesucht hatte. Er hatte Dax bereits zugesagt, ihr Erster Offizier zu sein, als er erfuhr, dass Dr. Simon Tarses in der Position des Chefarztes mit ihm an Bord kommen würde und dass Lieutenant Mikaela Leishman als neue Chefingenieurin von der Defiant zur Aventine wechselte.

Er versuchte, nicht daran zu denken, dass ihre Vorgänger vor Kurzem alle in heftigen Kämpfen mit den Borg umgekommen waren. Er entschied, dass es besser war, sich auf die bemerkenswerte Gelegenheit zu konzentrieren, die dieser Wechsel darstellte.

Die Aventine war eines von sieben neuen, experimentellen Raumschiffen der Vesta-Klasse. Sie war als vielseitig einsetzbares Forschungsschiff entworfen worden und ihre hochmoderne Waffentechnik machte sie zu einem der wenigen Schiffe der Flotte, die einen bescheidenen Schutz gegen die Borg darstellten. Ihre Schwesterschiffe verteidigten die Kernsysteme der Föderation – Sol, Vulkan, Andor und Tellar –, während die Aventine einen Abstecher durch das bajoranische Wurmloch zu den unbewohnten Welten im Gamma-Quadranten gemacht hatte, was Bowers für eine wenig aussichtsreiche Mission hielt.

Er ging um eine Kurve und erwartete, vor einem Turbolift zu stehen, fand sich aber stattdessen in einer Sackgasse wieder. Offensichtlich ist es nicht nur die Mannschaft, die du nicht kennst, schalt er sich selbst, während er sich umdrehte und nach dem nächsten Turbolift suchte. Drei Wochen an Bord und du verirrst dich immer noch auf den unteren Decks. Reiß dich zusammen, Mann.

Der Klang gedämpfter Stimmen führte Bowers weiter den Gang hinunter. Zwei Junior-Offiziere, ein bärtiger Tellarit und eine menschliche Frau mit kastanienbraunem Haar, standen vor einem Turboliftzugang und sprachen in düsterem Tonfall miteinander. Der Tellarit warf einen Blick auf Bowers, der weiter entfernt im Gang stand. Seine Begleiterin blickte an ihm vorbei, erkannte den Grund für sein Schweigen und verstummte ebenfalls. Bowers blieb hinter den beiden stehen. Sie bemühten sich, lässig zu wirken, vermieden aber dennoch jeden Augenkontakt mit ihm.

Bowers nahm es nicht persönlich. Er hatte dieses Verhalten schon einmal während des Dominion-Krieges beobachtet. Diese beiden Offiziere hatten vor fünf Wochen während der Schlacht bei Acamar auf der Aventine gedient; mehr als zweihundertfünfzig ihrer Kameraden waren in diesem kurzen Gefecht gefallen. Und obwohl Bowers nun der neue Erste Offizier und ein bewährter Veteran mit fast fünfundzwanzig Jahren Erfahrung war, musste er in ihren Augen wohl lediglich »einer der Ersatzleute« sein.

Respekt muss man sich verdienen, rief er sich ins Gedächtnis. Sei einfach geduldig. Er bemerkte einen flüchtigen Seitenblick des Tellariten. »Guten Morgen«, sagte Bowers und bemühte sich, nicht zu munter zu wirken.

Der tellaritische Ensign war mürrisch. »Es ist bereits Nachmittag, Sir.«

Naja, zumindest ein Anfang, sagte sich Bowers. Dann öffnete sich der Turbolift und er folgte den beiden jungen Offizieren hinein. Die Frau rief ein nummeriertes Deck im Maschinenbereich auf und Bowers sagte einfach: »Brücke.« Er fühlte sich ein wenig schuldig dafür, ihnen Umstände zu bereiten. Er und die beiden Ingenieure hatten praktisch zwei entgegengesetzte Ziele, aber wegen seines Ranges und Ziels eilte der Turbolift direkt zur Brücke, und die Junior-Offiziere wurden ungefragt mitgeschleppt.

Er warf der jungen Frau einen Blick zu und lächelte sie verlegen an. »Tut mir leid.«

»Schon okay, Sir, so etwas kommt eben vor«, erwiderte sie. Die gleiche Sache war Bowers selbst unzählige Male passiert, als er noch ein Junior-Offizier gewesen war. Es war nur eines von vielen kleinen Ärgernissen, mit denen jeder, der auf einem Raumschiff lebte, umzugehen lernen musste.

Die Türen öffneten sich mit einem leisen Zischen und Bowers betrat die Brücke der Aventine. Sein Auftreten strotzte vor purem Selbstvertrauen und Autorität. Die Brückenoffiziere der Beta-Schicht waren auf ihren Posten. Leise, halbmusikalische Resonanztöne von ihren Konsolen unterstrichen das tiefe Summen der Maschinen durch das Deck.

Lieutenant Lonnoc Kedair, die Sicherheitschefin des Schiffes, befand sich auf dem zentralen Sitz im hinteren Bereich der Brücke. Die hochgewachsene takaranische Frau erhob sich und räumte ihren Platz, als Bowers sich ihr von links näherte. »Sir.«

Er nickte. »Ich bin bereit, Sie abzulösen, Lieutenant.«

Eine formellere Herangehensweise an das Brückenprotokoll war Bowers Bedingung gewesen, diesen Job anzunehmen, und Captain Dax hatte zugestimmt.

»Ich bin bereit, abgelöst zu werden, Sir«, erwiderte Kedair und folgte damit dem altmodischen Protokoll für die Wachablösung. Sie nahm ein Padd von der Lehne des Kommandosessels und übergab das flache Gerät an Bowers.

»Die Bergungsoperationen für die Columbia gehen planmäßig voran«, fuhr sie fort. »Keine Kontakte in Sensorreichweite und alle Systeme arbeiten innerhalb normaler Parameter, obwohl es einige Berichte von der Planetenoberfläche gab, die ich gerne überprüfen möchte.«

Bowers sah vom Padd auf. »Berichte welcher Art?«

Ein gequältes Lächeln machte sich auf ihrem schuppigen Gesicht breit. »Von der Art, die mich denken lässt, dass unsere Teams erschöpfter sind, als sie zugeben.«

Er lächelte zurück und tippte sich durch ein paar Datenbildschirme, um die Kommunikationsprotokolle der Einsatzteams auf dem Planeten zu finden. »Wieso haben Sie diesen Eindruck?«

»Ich habe zwei zufällige Berichte verglichen, die in einem Abstand von elf Stunden von zwei verschiedenen Ingenieuren zu den Akten gelegt wurden.« Sie schien zu beschämt, um weiterzusprechen. »Sie behaupten, dass es im Wrack der Columbia spukt, Sir.«

»Vielleicht tut es das«, sagte Bowers mit ernstem Gesichtsausdruck. »Ich habe wahrlich schon seltsamere Sachen gesehen.«

Kedairs Gesicht lief dunkelgrün an. »Ich habe nicht vor, dem Glauben der Mannschaft an das Übernatürliche zu frönen. Ich will nur sichergehen, dass keiner unserer Ingenieure Wahnvorstellungen hat.«

»Schön und gut.« Bowers warf einen Blick über seine Schulter. »Ist der Captain im Bereitschaftsraum?«

»Aye, Sir«, antwortete Kedair. »Sie spricht schon seit fast einer halben Stunde mit Admiral Nechayev über das Komm-System.«

Das kann nichts Gutes bedeuten, dachte Bowers. »Hervorragend«, sagte er zu Kedair. »Lieutenant, ich löse Sie ab.«

»Ich bin abgelöst«, erwiderte Kedair. »Erlaubnis an Land gehen zu dürfen, Sir?«

»Erlaubnis erteilt. Aber halten Sie es kurz, wir brauchen Sie vielleicht für die Wache der Gamma-Schicht.«

Sie nickte. »Verstanden, Sir.« Dann drehte sie sich um und ging mit großen, schnellen Schritten zum Turbolift.

Gerade als sich Bowers in den Kommandosessel gesetzt hatte, ertönte ein doppeltes Piepsen aus den Deckenlautsprechern, gefolgt von Captain Dax’ Stimme: »Dax an Commander Bowers. Bitte melden Sie sich in meinem Bereitschaftsraum.« Die Verbindung wurde knackend unterbrochen. Bowers erhob sich und richtete seine Uniform, bevor er sich an den taktischen Offizier der Beta-Schicht wandte, eine deltanische Frau, die, seit er an Bord gekommen war, jeden Tag erneut seine Aufmerksamkeit erregt hatte. »Lieutenant Kandel«, sagte er in einem sachlichen Tonfall, »Sie haben das Kommando.«

»Aye, Sir« erwiderte Kandel. Sie nickte einem jungen Offizier an der zusätzlichen taktischen Station zu. Der junge Mann ging zu Kandels Posten hinüber, während sie die Brücke überquerte, um den mittleren Platz einzunehmen. Das alles geschah mit glatter, stiller Effizienz.

Wie ein Uhrwerk, dachte Bowers mit Genugtuung.

Er ging zu Dax’ Bereitschaftsraum. Als er sich näherte, glitt die Tür auf und schloss sich hinter ihm, nachdem er hindurchgegangen war. Captain Dax stand hinter ihrem Schreibtisch und blickte durch ein Panoramafenster aus transparentem Aluminium auf die düstere Sphäre des Planeten.

Obwohl er Dax seit Jahren kannte, war Bowers immer noch darüber erstaunt, wie jung sie aussah. Ezri war mehr als ein Dutzend Jahre jünger als er, und er musste sich manchmal daran erinnern, dass ihr der Dax-Symbiont, der in ihrem Inneren lebte – und dessen Bewusstsein mit dem ihren vereinigt war –, Zugang zu dem Wissen mehrerer Lebenszeiten gab.

Da sie allein waren, ließ Bowers das formelle Auftreten hinter sich, das er vor der Mannschaft aufrecht erhielt. »Was ist los? Dreht uns die Sternenflotte den Hahn zu?«

»Das hätten sie ebenso gut tun können«, sagte Dax. Sie seufzte und drehte sich zu ihm um. Sie klang verärgert. »Wir haben vierundzwanzig Stunden, um unsere Bergung abzuschließen und zum Wurmloch zurückzukehren. Admiral Jellico will, dass wir Teil einer Flotte werden, die Trill verteidigt.«

»Warum die Planänderung?«

Dax gab schnell ein paar Befehle in das virtuelle Interface ihres Schreibtisches ein. Über dem Tisch erschien eine holografische Projektion. Laut den Identifikationszeichen an seiner Unterseite war es ein visuelles Sensorprotokoll des Sternenflottenraumschiffs U.S.S. Amargosa. Es gab nicht viel zu sehen – nur einen kurzen, farbenprächtigen Austausch von Waffenfeuer mit einem Borg-Kubus, gefolgt von einem Lichtblitz, grauem Rauschen und dann nichts mehr.

»Die Amargosa ist eines von fünf Schiffen, die wir in den letzten sechzehn Stunden verloren haben«, sagte Dax. »Alle im Onias-Sektor und alle durch die Borg. Niemand weiß, ob es der gleiche Borg-Kubus war, der die fünf Schiffe zerstört hat.«

»Wenn es das Werk eines einzigen Kubus war, könnte es sich um einen neuen Späher handeln«, erwiderte Bowers. »Ein weiterer Test unserer Verteidigung.«

»Doch wenn dem nicht so ist, hat die Invasion gerade begonnen – und wir spielen hier draußen im Sand.« Ezri schüttelte frustriert ihren Kopf und setzte sich hinter ihren Schreibtisch. »So oder so müssen wir bis morgen den Orbit verlassen, daher können wir die Bergung der Columbia erstmal vergessen. Wir brauchen ein neues Missionsprofil.«

Bowers verschränkte seine Arme und dachte laut nach. »Unser Hauptziel ist es, herauszufinden, wie die Columbia hierher gekommen ist, und unsere größte Chance, das zu erreichen, besteht darin, ihren Computerkern zu analysieren. Wir könnten ihn hochbeamen, aber dann müssten wir sein Kommando-Interface hier nachbauen, und das könnte Tage dauern, da das nicht eingeplant war. Aber wenn Leishmans und Helkaras Adapter funktionieren, können wir ihn an Ort und Stelle lassen und seine Speicherbänke bis zum Morgen herunterladen.«

»Und dann können wir die Daten auf dem Rückweg analysieren«, sagte Dax und beendete damit seine Gedanken. »Nicht meine erste Wahl, aber es muss reichen.« Sie sah zu ihm auf. »Dann packen wir es mal an. Bevor wir diesen Planeten verlassen, will ich wissen, was mit diesem Schiff passiert ist.«

In der Dunkelheit war Hunger.

Das Verlangen war ein stummer Schmerz im weißen Nebel des Bewusstseins – eine Sehnsucht nach Hitze, nach Leben, nach Festigkeit.

Geist und Anwesenheit, das Wesentliche seines Selbst, waren im Stein gefangen, seine Freiheit ein Traum, der aufgegeben und vergessen worden war, zusammen mit seinem Namen und seiner Erinnerung.

Es war nichts außer dem ungelöschten Durst dieses Moments, unbelastet von Identität oder der Bindung an eine Vergangenheit. Alles, was es kannte, waren Wege des letzten Widerstands, dem Stoßen und Ziehen der Urkräfte und der eisigen Leere in seinem eigenen Kern – dem alles verschlingenden Schlund.

So lange Zeit war da nichts gewesen außer der Kälte des leeren Raums, der schwachen Nahrung aus Photonen. Eine flüchtige Energiewelle hatte es aus seiner tödlichen Ruhe geweckt und war dann ungekostet verschwunden. Nun war es in einem traumähnlichen Glanz wiedergekehrt.

Zu guter Letzt war es an der Zeit.

Nach Äonen des Verzichts würde der Hunger nun gestillt werden.

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