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Bibliographische Information der
Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese
Publikation in der deutschen Nationalbibliographie;
detaillierte bibliographische Angaben sind im Internet über
http://dnb.ddb.de
abrufbar.

1. Auflage
© Militzke Verlag GmbH, Leipzig 2011
Lektorat: Lydia Benecke, Julia Lössl
Umschlaggestaltung: Ralf Thielicke
Umschlagfoto: © Mark Benecke (Domgrabung, Köln, 2005)
Layout und Satz: Ralf Thielicke
eBook-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

Fonteinbettung der Schrift Biolinum nach Richtlinie der GPL.

ISBN 978-3-86189-790-3

www.militzke.de

Mit tiefem Respekt vor meinen Klienten.
M.B.

Vorwort

Ich bin ein Fan vom Bram Stokers „Dracula“. Nicht wegen der Vampire, sondern weil sein Roman zusammengeflickt ist aus Tagebucheinträgen, Berichten, Beschreibungen der damals abgefahrensten Apparate und deren Verwendung, objektiven Beobachtungen und dem unmöglichsten Quatsch, den sich ein Mensch nur ausdenken kann.

Ein solches Buch haben meine MitarbeiterInnen, KollegInnen, Freund Innen und meine Frau hier zusammengetragen. Es ist voller Stilbrüche, mosaikartig und genauso bunt und verrückt wie unser forensischer Alltag.

Geschrieben haben wir es, weil wir auf Veranstaltungen sehr oft nach persönlichen Dingen oder Erlebnissen vor Ort gefragt werden, für die eine Vorlesung, ein Vortrag oder ein Kurs keine Zeit lassen. Hier sind sie also: Die Interviews mit Oma und Opa, eine Menge Fotos, Berichte aus Indien, Moskau und New York, Kurse, meine ersten wissenschaftlichen Versuche mit Tintenfischen, was das alles mit Forensik zu tun hat, sowie einige Fälle, die ich noch nie zu Ende erzählt habe.

Es gibt allerdings einen Unterschied zu Bram Stokers Buch: Alles ist wirklich passiert. Manchmal glauben wir es selber nicht. Aber so ist das eben – die Wirklichkeit ist spannender als jeder Roman.

Mark Benecke

P.S.: Die Fußnoten finden sich ganz hinten im Buch, ebenso die Namen der FotografInnen..

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Oma und Opa erzählen über Beneckes Kindheit

versucht unbayerische Original- sowie übersetzte, hochdeutsche Version, 30. Dezember 2009, Bruckmühl, Bayern

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Mark Benecke mit seinen Großeltern und seinem genetischen Vater im bayerischen Esszimmer.

Oma: Mit vier Jahren hatte er mal eine Rotznase. Ich konnte das nicht mit ansehen, denn er war sonst sehr reinlich, und dann habe ich mir ein Taschentuch gesucht. Dabei habe ich in seine Hosentasche gefasst und wollte ein Taschentuch herausholen, und was ziehe ich mit heraus? Fünf Regenwürmer, eine Spinne.

Mit vier Jahren hatte er mal a Rotznasen. I konnt’ des ned mit ansehen, denn er war sonst sehr reinlich, und dann hab’ i mir ein Taschentuch gesucht. Da hab’ i in seine Hosentasche reing’langt und wollt’ ein Taschentuch rausholen und was geht mit? Fünf Regenwürmer, eine Spinne.

Volker1› Hinweis: Ein Weberknecht oder eine richtige Hausspinne?

Oma: Ich weiß es nicht, ich kenne mich damit nicht so aus.

I woaß es ned, i kenn mi da ned so aus.

Lydia2› Hinweis: Gibt es dafür noch mehr Beispiele? Hat Mark sonst mal etwas gemacht, das mit etwas Verrücktem oder Neugierigem zu tun hat?

Volker: Wir hatten ein Schwimmbecken, das man aufblasen kann. Da saß er gern drin und hat die Fliegen, die darin ertrunken sind, herausgefischt. Daran kann ich mich noch erinnern.

Mir hom a Schwimmbecken g’habt, das man aufblosen kann. Da is er gern drinnen g’sessen. Und da hat er da die Fliegen, die da allawei ertrunken sind, die hat er da so raus g’nomma. Da konn i mi no erinnern.

Oma: Alle meine Marmeladengläser sind abhanden gekommen, denn in jedem saß ein Tier, das man auch noch füttern musste.

Meine sämtlichen Marmeladengläser sann abhanden ’kommen, weil in jedem Marmeladenglas hats irgend ein Tier drin g’habt, des musstest’ füttern.

Mark: Zum Beispiel?

Oma: Kaulquappen zum Beispiel oder alles mögliche, sogar mit einer Leiter darin. Da hat er beobachtet, ob das Tier hinauf oder hinunter krabbelt.

Ja, Kaulquappen, gell, alles mögliche, sogar mit einer Leiter versehen. Da hat er gschaut, ob er rauf oder runter geht.

Opa: Der Grüne, das war der Wetterfrosch. Die anderen Tiere waren ja mehr oder weniger von den alten Häusern, aus dem Keller, der sehr feucht war. Außerdem fehlten die Kellerfenster. Auf der Schattenseite lebten die Quappen und die grauen Frösche. Die mögen keine Sonne.

Wir waren auch selbst auf einer Alm, die nicht uns, sondern einem Freund gehörte. Dort sind wir alle beide voraus marschiert, ganz laut. Ich habe gesagt, sie sollten ein bisschen ruhig sein, denn das Schauen und Schreien macht die Vögel wild. Alle sind weggeflogen.

Dann kamen wir zu den frisch gefällten Bäumen. Er fragte mich: „Was ist das? Da sind lauter Ringe drin.“ Und ich darauf: „Ja, setz dich hin, zählen kannst du ja. Zähle bis in die Mitte, jeder Ring steht für ein Jahr!“

Das kannten die alles nicht. Deswegen ist man nicht gleich dumm, wohlgemerkt, aber für Kinder muss man ein bisschen Interesse zeigen und auch etwas erklären.

Der Grüne, ja, das ist der Wetterfrosch. Das andere waren ja mehr oder weniger … von den alten Häusern … da war der Keller – mo ko’ sog’n – bei siebzig Prozent Feuchtigkeit g’wesen. Und dann waren die Kellerfenster raus. Und auf der Schattenseite, da haben sich die Quappen, die grauen Frösche, g’halten. Die mögen koa Sonne und nix. Mir hom auch selber a Alm besessen, ned Eigentum, sondern, wenn a Freund da g’wes’n ist, sind wir auch da g’wes’n. Und dann sind alle beide voraus marschiert, ganz laut. Da sog i, seids a bissl ruhig, sog i, vor lauter Schau’n und Schrei’n macht’s die Vögel wild. Ois is davo’ flog’n! Dann samma an an frischen Baumschlag gekommen, da war’n die Bäume gefällt. Dann hat er g’sogt: „Was ist das? Lauter Ringe drin!” Da sog i: „Ja, setz di hin, zählen kannst’ ja. Jetzt zählst von da bis in die Mitte rein. Jeder Ring is a Jahr!“ Des kannten die ois ned. Deswegen is ma ned dumm, also wohlgemerkt, aber für Kinder muss man a bissl Interesse zeigen und a bissl erklären.

Oma: Natur fand er schon immer gut. Am Anfang deines Berufslebens habe ich gesagt: „Mark, ich kann das nicht verstehen. Wie kann man einen solchen Beruf lernen? Ekelst du dich nicht vor den Toten?“ Darauf hast du zu mir gesagt: „Oma, wenn du eine Leber brätst, kaufst du die lebendig oder tot?“ Hahahaha!

Am Anfang von deinem Beruf, wo’s da g’sessen bist, da hob i g’sogt: „Mark, i konn des ned verstehn. Wie kommer a so an Beruf lernen? Ekelt dir ned vor de Totn?” Dann hosd du zu mir g’sogt: „Oma, wenn Du eine Leber brätst, kaufst Du die lebendig oder tot?” Hahahaha!

Volker: Wie alt war er denn da? Wann war das? War er da schon zwanzig?

Wie oid war ern da an Anfang? Wann wor des? Warer da scho zwanz’g?

Oma: Das war, als er nur auf Besuch war, gewohnt hat er da schon nicht mehr hier. Wann bist du denn eingestiegen als Biologe?

Da worer scho z’Bsuach do, da warer scho nimmer da. Wann bistn du eistieg’n ois Biolog’?

Mark: Mit zweiundzwanzig habe ich das erste Mal in der Rechtsmedizin gearbeitet.

Volker: War das der Fall, in dem es um den Pfarrer ging? Nein, das ist noch nicht so lange her.

War das mit dem Pfarrer der Fall? Naa, des is no ned so lang her.

Mark: Das war mit siebenundzwanzig oder so.

Volker: Das war der erste Fall?

Des wor der erste Fall?

Mark: Das war der erste Fall, wo mich ein Richter mal während der Verhandlung beauftragt hat. Stimmt. Ja.

IAMGE

die dpa meldete:

„Geyer-Prozess: Insektenexperte trägt Gutachten vor. Der in New York arbeitende deutsche Diplombiologe Mark Benecke trägt am 10.3.1998 im Landgericht in Braunschweig sein Gutachten über drei bei der Leiche von Veronika Geyer-Iwand gefundene Maden vor. Damit soll in dem Indizienprozeß gegen den wegen Totschlags an seiner Ehefrau angeklagten Pastor Klaus Geyer der mögliche Todeszeitpunkt des Opfers festgestellt werden.“

Oma: Da habe ich dich zum ersten Mal im Anzug gesehen, ja. Und das zweite Mal war erst jetzt, als Laudator mit Anzug und Krawatte. [Also zwölf Jahre später, bei der Preisverleihung der CORINE, im ZDF, M.B.]

Da hob i di zum ersten moi im Onzug g’sehn, ja. Und des zwoate Foto war jetzt ois Laudator mit Anzug und Krawatte.

Mark: Habt ihr das im Fernsehen gesehen? Das war mein PARTEI-Anzug von C&A.

Opa: Ich bin kein Freund von Schlips und Kragen. Aber wenn nun einmal die Umgebung nach so etwas verlangt, sollte man etwas mitschwimmen; dann musst du dich schlauerweise anpassen.

I bin a koa Freind von Schlips und Krogn, gej. Aber wenn hoid amoi die Umgebung ned anderes ist, und du mogst a bissei mitschwimmen, dann musst’ di da schlauerweise anpassen.

Lydia: Manchmal!

Opa: Das hilft nichts. Ich gehe auch so in geschlossene Gesellschaften. Da komm ich rein und wenn alle begrüßt sind, dauert es meist keine halbe Stunde – dann hat sich das gegeben. Wir beide waren auf Teneriffa, der ganze Speisesaal war voll, mit sechshundert Personen: Keiner hat das Sakko ausgezogen, alle saßen bei dreißig Grad Wärme drinnen und haben geschwitzt und gegessen. Sepp Kober, von nebenan, sagte: „Du, ich bin doch nicht verrückt. Ich setzte mich doch nicht mit dem Sakko zum Essen.“ Dann sind wir aufgestanden, haben es ausgezogen und über den Stuhl gehängt. Es hat keine zehn Minuten gedauert, da saßen siebzig Prozent und mehr im Hemd und haben gegessen, und von dem Tag an habe ich das immer so gemacht.

Des heift nix. Hernach, i geh a nei in eine geschlossene Gesellschaft. Da komm i nei, wenn alle begrüßt san, nocha dauerts keine hoibe Stund – dann is des weg. Wir warn beide auf Teneriffa, der ganze Speisesaal mit sechshundert Personen: Koanar hat des Sakko ausg’zog’n, alle san drin gsitzt bei dreißig Grad Wärme und hom g’schwitzt und g’essen. Der Kober Sepp von nebenan sogd: „Du, schaug amoi, I werd do ned verrückt sei, I setz mi do ned daher mit am Sakko, zum Essen.” Da sammer aufg’schdanden, homs auszogn und übern Stui g’hängt. Koane zehn Minuten hods dauert, da warn siebzig Prozent und mehr im Hemd drin g’sessen und hom g’essen, und von dem Tag iss immer so g’wen.

Oma: Das muss für dich als Psychologin doch auch interessant sein, oder?

Des muss für di do ois Psychologin a interessant sein, oder?

Lydia: Watt? Öh …

Oma: Die Menschenkenntnisse und so!

Lydia: Ich finde Menschen superinteressant. Deswegen bin ich auch so neugierig, hähä. Apropos … ich habe noch eine Frage, die passt eigentlich ganz gut, nämlich: Als Mark noch ein Kind war, welchen Beruf haben Sie gedacht, würde Mark mal machen? Hatten Sie da eine Idee?

Volker: Also, eine Idee hatte ich eigentlich nicht. Weil mit drei Jahren hat er noch nicht so …

Oiso, a Idee hob I eign’tlich koane g’hobt. Weil, mit drei Johr’n, da hodder no ned so…

Oma: Da hatte er außer Tante Ritas Schäferhund keinen Freund.

Da hod er ausser am Tante Rita Ihr’n Schäferhund hodder da koan Freind ghobt.

Opa: Dann hat er sich vor die Hundehütte gesetzt und dem Hund Schokolade gegeben. Und dann hat er die Schokolade gegessen.

Da hod er si vor die Hundehütte hig’sitzt, da hodder eam an Schoklad ge’m, und dann hod er den Schoklad g’essen.

Oma: Er hat in der Hundehütte drin gesessen und herausgeschaut.

Da hod er in der Hundehütte drin g’sessen und rausg’schaut.

Opa: Nein, draußen hat er gesessen.

Na, draus is er g’sessen.

Oma: Nein, er hat herausgeschaut!

Na, er hod raus gschaugt!

Oma, Opa, Volker: [uneiniges Stimmengewirr]

Mark: Wir haben ja noch alte Fotoalben …

Oma: Die Fotos hat die Mutter! Mark: Ich guck dort mal. Oma: Eines ist dabei, oder hat das die Rita noch, da schaut dein Kopf aus der Hundehütte raus.

Oans is dabei. Oder hods d’Rita no? Da schaust mi’m Kopf aus der Hundehütten naus.

Mark: Wir können die Rita ja gleich mal fragen. Lydia: Hatte er eigentlich Freunde als kleines Kind, mit denen er gespielt hat? Oma: Nein.

Naaa …

Opa: Im Kindergarten war er nicht, oder?

Im Kindergarten wor er ned, oder?

Oma: Nein, im Kindergarten war er nicht.

Na, im Kindergarten wor er ned.

Volker: In Rosenheim war er eigentlich auch nicht oft.

In Rosenheim, da wor eigentlich a ned fui.

Lydia: Und da waren keine Kinder?

Volker: Da waren keine Kinder. Die waren alle schon größer. Moment, da gab es die Inge Schmäh mit der Christine…

Da worn koane Kinder. Die warn alle schon größer. Momentamoi, da war die Schmäh Inge mit der Christine …

Lydia: War die denn auch so klein?

Volker: Ich überlege.

I bin am überleg’n.

Opa: Ich weiß das auch nicht mehr.

I woass des aa nimmer.

Mark: Ist nicht so wichtig.

Lydia: Wir haben noch eine Frage: Beschreibt Mark bitte mit drei Eigenschaften. Drei Wörter. Drei typische Eigenschaften, wo man sagen würde: Das ist typisch für ihn.

Volker: Typisch…

Lydia: Was beschreibt ihn gut?

Volker: Das kann man schlecht beschreiben. Zuerst ist er genau. Das ist sehr wichtig, oder?

Des kommer jetzt schlecht sog’n. Weil zerst amoi muss er genau sei. Des ist sehr sensibel, oder?

Lydia: Ah! Das ist gut, okay.

Volker: Und dann soll er ein bisschen über den Dingen stehen.

Und dann muss er a bissl über den Dingen stehen.

Lydia: Das bedeutet?

Volker: Dass er sich nicht alles zu sehr zu Herzen nimmt. Das sag ich jetzt in Bezug auf die Arbeit. Was gibt es noch? Was können wir noch über Mark sagen?

Dass er sich nicht alles zu sehr zu Herzen nimmt. Des moin I jetz, für die Arbeit. Was hommer no? Was kommer no sog’n vom Mark?

Oma: Was er ist?

Wos er is?

Lydia: Ja, Eigenschaften!

Oma: Ein Charmeur!

A Charmeur!

Volker: Das ist keine Eigenschaft!

Des is koa Eigenschaft!

Lydia: Das reicht schon3› Hinweis. Dann machen wir noch ein Gruppenbild. Danke schön!

Mama und Papa erzählen auch …

Finden Sie es nicht eklig, dass ihr Sohn mit Maden und Leichen arbeitet?

Wie viele Menschen hatten wir anfangs damit Probleme. Nachdem wir uns aber immer mehr für seine Arbeit interessierten, fanden wir seinen Beruf außergewöhnlich und spannend – aber keinesfalls eklig. Spannend ist zum Beispiel, dass Mark durch seinen Beruf und anhand von Maden, Käfern etc. den Todeszeitpunkt ermitteln und erforschen kann.

Welche Tipps haben Sie für Eltern, die auch so ein komisches Kind haben, das vielleicht erst 8 Jahre alt ist?

Seine Interessen ernst nehmen – viel in der Natur unternehmen und erklären – zusammen Bücher lesen (z.B. aus der Reihe „Was ist was?“) und nicht so viel allein am Computer sitzen lassen.

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Mark Benecke mit seinen Eltern, Köln, 2011

Können Sie sich an irgendeine lustige Geschichte erinnern, die schon früh das naturwissenschaftliche Interesse Ihres Sohnes gezeigt hat?

Käfer, Regenwürmer etc. waren schon seit frühesten Kindertagen interessant für ihn. Ein tolles Exemplar eines Hirschkäfers aus einem Spanien-Urlaub war lange Zeit sein Lieblingsobjekt, bis ihn leider die Katze zum Spielen entdeckte. Dafür hätte er der Katze am liebsten den Hals umgedreht.

Wie erklären sie sich die rätselhafte Vorliebe ihres Sohnes für Kaiserschmarrn?

Das war schon immer das Lieblingsgericht der Männer der Familie, wohl daher, weil die Mutter aus Bayern kommt und den Schmarrn besonders gut zubereiten kann. Außerdem, was kann es für einen Vegetarier Besseres geben?

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Erstes Labor im Institut für Rechtsmedizin Köln; man beachte die von Marks Mutter aus einem Dirndl oder Sofa-Bezug genähte Sezier-Besteck-Tasche, ca. 1996.

Von einsamen Seefahrern und gemeinsamen Häfen

Lydia und Mark Benecke

Lydia Benecke wurde im polnischen Bytom (Beuthen) geboren und wuchs seit ihrem fünften Lebensjahr im Ruhrgebiet auf. Sie studierte Psychologie mit den Nebenfächern Psychopathologie und Forensik und schrieb ihre Diplomarbeit über Persönlichkeitseigenschaften von Sadomasochisten. Berufserfahrungen sammelt(e) sie schon vor und während ihres Studiums in verschiedenen psychologischen und psychiatrischen Einrichtungen. Sie arbeitet(e) mit an unterschiedlichen psychischen Störungen leidenden Menschen sowie mit Gewalt- und Sexualstraftätern. Ihre Interessensschwerpunkte sind Persönlichkeitsstörungen, Sexualität, Traumastörungen, Kri minalpsychologie, die psychologischen Betrachtungen von Subkulturen (unter anderem BDSM, Gothic, Vampyre) und abergläubischen Überzeugungen. Zurzeit arbeitet sie als selbstständige Diplompsychologin mit mehreren Tätigkeitsfeldern in Beratung, Therapie, Forschung und Bildung (www.benecke-psychology.com). Sie ist freie Mitarbeiterin bei Benecke International Forensic Research & Consulting, Mitautorin der Bücher Vampire unter uns! Band 1 und 2 sowie des im Herbst 2011 erscheinenden Buches Aus der Dunkelkammer des Bösen. Unter anderem hält sie Kri minalpsychologiekurse für Studenten und schreibt eine psychologische Kolumne für Deutschlands bedeutendste BDSM – Zeitschrift Schlagzeilen.

 

 

Ich weiß nicht wie du heißt
Doch ich weiß dass es dich gibt
Ich weiß dass irgendwann
irgendwer mich liebt.

(Rammstein)

Todesermittlungen-Fachtagung in Bremen 2011. Ein mir unbekannter, neben mir stehender Polizeibeamter schaut auf mein Namensschild und sagt. „Lydia Benecke?“ Kurzes Zögern und ein Blick von meinen roten Haaren über meine schwarzen Klamotten bis hinunter zu meinen mit Rosen bestickten Doc Martens. „Bist du die Schwester, Frau oder Tochter von Mark?“ Ich verkneife mir ein lautes Lachen und sage: die Frau.

Lydia und Mark:

Wir werden öfter für Geschwister gehalten, denn „ihr redet ja beide so schnell, und gestikuliert so viel dabei, und ihr lauft so alternativ gekleidet herum“. Öfter kommt auch die Frage, wie zwei so viel und schnell sprechende Menschen es überhaupt schaffen, sich miteinander zu unterhalten und ob uns nicht die Themen ausgehen. Das passiert in der Tat nie, denn wenn man private Interessen sowohl ins Berufsleben als auch in die Beziehung einfließen lassen kann, hat man einen ziemlich unerschöpflichen Pool an gemeinsamen Gesprächsthemen und Unternehmungen. Ein echter Vorteil für die Ehe übrigens, denn psychologische Studien belegen, dass Paare umso länger zusammen bleiben, desto mehr gemeinsame Interessen, Einstellungen und Eigenschaften vorhanden sind. Umso mehr Gemeinsamkeiten, desto größer ist aber auch die Wahrscheinlichkeit, dass man sich irgendwo begegnet. So war es dann auch bei uns.

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Lydia und Mark Benecke im Gruselschloss, 2010

Lydia:

2003 schrieb mir ein Bekannter ins Gästebuch meiner damaligen Homepage, dass in meiner Heimatstadt Bottrop ein Vortrag stattfindet, der sicher interessant für mich wäre. „Du findest doch Kriminalfälle so spannend und liest viele Bücher darüber. Heute sah ich in der Zeitung, dass ein Kriminalbiologe sein Buch über Kriminalfälle in Bottrop vorstellt, da hab ich direkt an dich gedacht.“ Ich schrieb mir Uhrzeit und Veranstaltungsort auf und fuhr mit einem Freund hin. Von Mark Benecke hatte ich noch nie etwas gehört.

Marks Vortrag handelte von Serienmördern – einem meiner Lieblingsthemen. Ich fand es super, dass hier jemand mal sachlich über die Fälle sprach, ohne das in vielen „Real-Crime-Büchern“ vorkommende „diese Monster sind so gruselig, mich mit denen zu beschäftigen erfüllt mich mit Abscheu“-Gelaber einiger Autoren. Diese wollen scheinbar um jeden Preis verhindern, sich mit einer sachlicheren Haltung beim Leser persönlich unbeliebt zu machen. Einige – wie der ehemalige New Yorker Polizeibeamte Vernon Gerberth, den wir von der AAFS – Tagung (siehe Foto auf Seite 58) kennen, ertragen ihren Job auch nur, indem sie daran festhalten, von Gott persönlich zur Bekämpfung des Bösen in der Welt beauftragt worden zu sein.

Ich dachte mir jedenfalls nach Marks Vortrag, „dieser wie ein Computernerd aussehende Junge in seinem komischen Holzfällerhemd hat die richtige Einstellung, wie sympathisch“. Ich kaufte sofort sein Buch, um es mir signieren zu lassen.

Mark:

Beim Signieren redeten wir kurz, Lydias schwarze Klamotten fielen mir positiv auf. Sie sagte, dass sie Psychologie studiere und auch mal im forensischen Bereich arbeiten wolle. Ich bat sie, kurz stehen zu bleiben, drückte einem Mann meine Kamera in die Hand und ließ ihn ein Foto von der auf eine Buchsignatur wartenden Schlange machen, während Lydia gerade mit meinem Buch neben mir ganz vorn stand.

Lydia:

Bis heute erzählt er mir: „Ich fand dich schon damals nett und wollte gerne ein Foto mit dir zusammen machen.“ Ein Charmeur ist er ja, das wissen schließlich selbst seine bayrischen Großeltern (siehe Seite 19).

 

I don’t know who you are
I know that you exist
Sometimes love seems so far
Your love I can’t dismiss.

 

Lydia:

Das hätte auch schon das Ende dieser Geschichte sein können, wenn nicht einige Zeit später der Freund von mir, der mich zu Marks Vortrag begleitet hatte, Mark wegen einiger Sachinformationen zu Todesarten hätte befragen wollen. Er traute sich aber nicht, eine E-Mail an Mark zu schreiben. Da er bei dem Vortrag nicht mit Mark geredet hatte, ich aber schon, sollte ich die Anfrage übernehmen. Das tat ich und hieraus entwickelte sich – „von Hölzken auf Stöcksken“ – ein kontinuierlicher und reger Mailkontakt über die nächsten Jahre. Wir tauschten uns unter anderem über Kriminalfälle, die Beklopptheit von Kreationisten, Vampi/yre und allerlei Subkulturgedöns aus. Auch damals gingen uns die Themen nie aus, ganz im Gegenteil.

Mark:

Parallel dazu liefen wir uns an unterschiedlichen Orten immer wieder über den Weg, beispielsweise bei den Rhein-Ruhr-Skeptikern im Unperfekthaus Essen – bis heute eine unserer Lieblingslocations –, wo sich mehr oder weniger kauzige Wissenschaftler oder Wissenschaftsinteressierte kritisch mit abergläubischen Überzeugungen auseinandersetzen. Auch innerhalb der Rhein-Ruhr-Gothicszene begegneten wir uns hier und da, wie beim Amphi-Festival in Köln oder beim Blutengelkonzert im Eventschloss Pulp in Duisburg. Lydias damalige kleine Clique und ich nutzten solche zufälligen Treffen zu angeregten Gesprächen beim Abendausklang.

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Seit Jahren ein gemeinsamer Hafen mitten in Köln: Das schwarze Amphi-Festival am Tanzbrunnen, 2006.

Lydia:

Ab und zu lud Mark uns dann ein, wenn er mal wieder einen Vortrag in der Nähe hielt, und wir fuhren hin. Vor einem Vortrag im Ruhrgebiet trafen wir uns mit Mark in meiner damaligen Wohnung auf einen Tee. Mark kam aus dem Staunen nicht mehr heraus: „Deine Wohnung ist die polnische Mädchenversion von meiner Wohnung“, witzelte er.

Mark:

Lydias Wohnung war meiner durchaus in vielen Dingen ähnlich – nur noch wesentlich vollgestopfter als meine – mit Kram aus verschiedenen Kulturen und Zeiten, Gruftitrash und Horrorstuff. Den meisten Platz besetzten ebenso wie bei mir Zuhause Bücher, die thematisch sortiert waren. Auch die Themen in den Buchregalen zeigten erstaunliche Übereinstimmungen mit meiner privater Bibliothek: Kriminalfälle, Vampirismus, Aberglaube und Skeptizismus, Psychologie, Sexualität und BDSM, Sagen und Legenden, geschichtliche und philosophische Bücher.

Lydia:

Während Mark staunend dasaß, kommentierte meine älteste Freundin Vanessa grinsend: „Lydia weiß sogar immer, wenn man sie nach einem Thema fragt, in welchem ihrer Bücher etwas dazu steht, und vor allem, wo in diesem Gerümpel hier das Buch zu finden ist.“

„Das mach ich auch so“, merkte Mark gar nicht überrascht an.

 

Ich warte hier
Don’t die before I do
Ich warte hier
Stirb nicht vor mir.

 

Lydia und Mark:

Wenn man sich immer wieder an denselben Orten begegnet, zufällig dasselbe Essen und Trinken bestellt, sich über seine Lebenswelten virtuell und persönlich so intensiv über Jahre austauscht, immer mehr gemeinsame Freunde und gemeinsame Projekte hat, dann merkt man irgendwann, dass das alles kein Zufall sein kann oder sein sollte. So ging es uns also. Wir kennen uns gefühlt schon ein Leben lang, haben auch in unseren Lebensgeschichten teilweise erschreckend viele Gemeinsamkeiten entdeckt und sind irgendwann an der Einsicht, dass wir unsere Leben nun auch ganz gemeinsam verbringen wollen, nicht mehr vorbeigekommen. Wie es mit unserer gemeinsamen Geschichte weiter geht, darauf sind wir selbst vielleicht am meisten gespannt. Auf jeden Fall segeln wir jetzt zusammen auf den durchgeknallten, wilden und wunderschönen Wellen des Lebens und sind glücklich darüber, uns nicht nur das Schiff, sondern auch die inzwischen gemeinsamen Heimathäfen dieser Welt zu teilen.

Mit herzlichem Dank und vielen Grüßen an RAMMSTEIN, deren Lied „Stirb nicht vor mir“4› Hinweis einer von vielen Denkanstößen war, dank derer unser gemeinsames Schiff nun segelt.

In zwölf Tagen um die halbe Welt: Mark und Lydia Benecke auf forensischer Tour

Lydia Benecke

An einem kalten Februarmorgen brechen wir zum Kölner Hauptbahnhof auf. Am Vortag bin ich direkt von meiner Arbeit als Psychologin in einer Psychiatrie im Ruhrgebiet nach Köln gefahren, wo ich abends ankam. In der Nacht vor der Abreise war ich noch lange mit Vorbereitungen beschäftigt, weshalb ich die Reise schon im Erschöpfungszustand antrete.

Es ist kurz nach fünf Uhr, der ICE zum Frankfurter Flughafen ist im wahrsten Sinne des Wortes gähnend leer, sodass wir unmerklich einschlafen. Abrupt werde ich wach, als ich die Ansage „Nächster Halt Frankfurt Hauptbahnhof“ höre. Wir haben die letzte Haltestelle, den Flughafen, verschlafen. Na das fängt ja gut an, denke ich. Also nix wie raus am Hauptbahnhof und mit der Straßenbahn zurück gen Flughafen. In diesem Moment sehe ich ein, dass Marks oft nervender Grundsatz, bei Reisen immer mindestens zwei Stunden mögliche Verzögerungszeit einzuplanen, zwar unbequem aber notwendig ist.

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So fangen die Kongress-Reisen an. In Lydias Händen: die Posterrolle.

Bei der Sicherheitskontrolle am Flughafen werde ich – wie eigentlich immer – dazu aufgefordert, mit meinem Laptop und einem Sicherheits beamten in ein Hinterzimmer zu gehen, wo das Gerät auf Drogen und Sprengstoff untersucht wird. Scheinbar rufen das Tragen eines Gothic-Outfits und ein dazu passender großer Aufkleber mit Vampirinnen auf dem Laptop beim Flughafenpersonal – egal in welchem Land – stets Assoziationen mit Drogenkonsum und/oder Terrorismus hervor. Umso amüsanter finde ich es, dass wir dieses Klischee schon diverse Male widerlegen konnten und die Sicherheitsleute oft bezüglich unserer Berufe ins Staunen brachten. So fragte auch der nette Beamte vom Frankfurter Flughafen „Na, seid ihr Tattoo-Künstler oder sowas?“ Mit der Antwort „Ich bin Psychologin und er ist Biologe“, rechnen Sicherheitsleute bei unserem Anblick nie. Schönes Beispiel dafür, wie falsch der erste Eindruck von Menschen sein kann.

Die Flugreise beginnt fast schon rituell mit Tomatensaft, einer Priese Salz und Pfeffer.

Warum Tomatensaft im Flugzeug einfach besser schmeckt

Wie vom deutschen Fraunhofer-Institut herausgefunden, schmeckt Tomatensaft am Boden und auf Flughöhe sehr unterschiedlich. Die Aroma-Chemikerin Burdack-Freitag erklärte in einem Interview für das österreichische Nachrichtenportal Vorarlberg Online: „Tomatensaft wurde bei Normaldruck deutlich schlechter benotet als bei Niederdruck. Er wurde als muffig beschrieben. Oben traten angenehm fruchtige Gerüche und süße, kühlende Geschmackseindrücke in den Vordergrund“5› Hinweis.

Vom Rest des etwa achtstündigen Fluges bekommen wir nichts mit, wir schlafen mal wieder durch. Das tun wir in Flugzeugen und Zügen öfter, weil ich nur 1,58 Meter klein bin und mich (eine genetische Eigenschaft, die ich von meiner Oma geerbt habe) wie ein Faltregenschirm zusammenklappen kann, ohne dass es für mich unbequem wird. Deutlich erholter als die meisten Mitreisenden kommen wir also in New York an.

Am Flughafen warten wir auf das Gepäck. Da auch im letzten Jahr unsere Koffer in den USA auf dem Weg zum Kongress der American Academy of Forensic Sciences durchsucht worden sind, rechnen wir auch heute mit einer erneuten Verzögerung. Schließlich erscheint mein Koffer, Marks Koffer hingegen bleibt verschwunden. Ein Gepäckband am Frankfurter Flughafen habe gebrannt, so teilt man uns mit, und deshalb haben einige Koffer gar nicht erst das Flugzeug erreicht. Mark bekommt ein Überlebenspaket, bestehend aus einem weißen XXL-T-Shirt und einer Miniration Waschzeug. Der Koffer soll am nächsten Tag ins Hostel nachgeliefert werden, teilt uns das Flugpersonal routiniert mit, das derlei Vorfälle gewohnt zu sein scheint.

Wir gehen zur Subway, wo ein junger Mann am Ticket-Automaten neben uns erst einige Male verstohlen zu Mark herüberschaut und dann fragt: „Bist du nicht der … Mark Benecke?“ Mark bejaht und der Mann beginnt sofort begeistert zu erzählen, wo er Mark schon live gesehen hat. Er nimmt dieselbe Bahn wie wir, setzt sich neben uns und erzählt, als sei er ein alter Bekannter. So fragt er auch, ob wir am Abend schon etwas vorhaben, da er gern mit uns „einen Trinken gehen“ würde, was Mark freundlich ablehnt.

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Benecke mit seinen Helden in der Manhattener U-Bahn (2009)

Solche Situationen kommen in ähnlicher Form in Deutschland öfter vor, besonders in Ostdeutschland, wo viele Menschen Mark von seiner wöchentlichen Sendung bei Radio Eins (Radio Berlin Brandenburg) und von seinen Live-Shows kennen. So kommt die Frage von Fans beim Büchersignieren, „erinnerst du dich nicht an mich, ich hab doch schon in Stadt X und Stadt Y ein Buch von dir signieren lassen“, bei jeder Show mindestens zwei Mal vor. Diese Menschen bedenken nicht, dass bei etwa 5.000 Buchsignaturen und dazugehörigen Kurzgesprächen im Jahr eine Erinnerung an einzelne Personen nicht möglich ist. Anfangs fand ich solche Begebenheiten noch unterhaltsam und interessant. Mit der Zeit erzeugen sie aber schon ein etwas befremdliches Gefühl, wenn Menschen Mark manchmal in teilweise persönliche und lange Gespräche verwickeln wollen, egal, ob wir grade beim Frühstücken im Dunkin’ Donuts in Berlin oder beim Abendessen in einer Dönerbude in Hamburg sitzen.

Parasoziale Beziehungen – Der Promi von Nebenan

Seitdem Fernseher Einzug in die Wohnzimmer der Allgemeinbevölkerung gefunden haben, hat sich ein für Medienpsychologen interessanter Effekt entwickelt. Menschen, die öfter im Fernsehen zu sehen sind, werden im echten Leben gelegentlich von ihnen unbekannten Personen angesprochen, die sich so verhalten, als würden sie einen guten Bekannten treffen. Beispielsweise erzählen die fremden Menschen direkt und ungefragt persönliche Dinge aus ihrem Leben und stellen der aus dem Fernsehen bekannten Person ebenfalls teilweise sehr persönliche Fragen. Dies liegt daran, dass das menschliche Gehirn auf sehr schnell automatisch ablaufende Erkennung bekannter und unbekannter Gesichter ausgerichtet ist. Während der Menschheitsentwicklung hat es sich als Vorteil erwiesen, bekannte, zum eigene Stamm gehörende Menschen rasch von fremden, möglicherweise feindlich gesinnten zu unterschieden. Diese Unterscheidung geschieht unbewusst und hat starke Folgen darauf, wie man sich anderen gegenüber verhält. Personen, die häufig im Fernsehen gesehen werden, werden vom Gehirn als Bekannte mit allen Eigenschaften, die der Zuschauer im Fernseher wahrnimmt, abgespeichert. Dem Zuschauer ist (meistens) bewusst, dass er die Person aus dem Fernsehen nicht wirklich kennt. Sein automatisches Gefühl einen Bekannten zu sehen führt aber unbewusst dazu, dass er sich deutlich distanzloser verhält, als es einem eigentlich unbekannten Menschen gegenüber angemessen wäre.

Obwohl ich mich über derlei Vorfälle in der Regel nicht mehr wundere, überrascht es mich doch, dieses Phänomen nun sogar in New York zu erleben.

Kurz darauf kommen wir im Hostel – einem altmodischen Gebäude im East Village – an. Die erstaunlich gut erhaltene Inneneinrichtung erweckt den Eindruck, man sei ins frühe zwanzigste Jahrhundert zurückgereist, was wir sehr gemütlich finden.

Da wir vom Flug noch relativ ausgeruht sind, erledigen wir den touristischen Teil des New York-Aufenthalts direkt, schlendern etwas durch die Gegend und gehen, als es schon dunkel ist, zum Empire State Building. Mark findet Sightseeing langweilig, aber wir finden auf Reisen immer einen Kompromiss, damit ich stets einige obligatorische, klischeehafte Touristenfotos für meine Verwandten in Polen machen kann. Glücklicherweise sind verhältnismäßig wenige Touristen da, sodass wir „nur“ ungefähr zwei Stunden anstehen, wobei wir insgesamt drei riesige, abgesehen von der Menschenschlange fast leere Räume durchqueren, die mit labyrinthähnlichen Absperrband durchzogen sind. Wie lange ein Tourist hier an steht, wenn die Schlange an manchen Tagen sogar bis vor das Gebäude reicht, mag man sich lieber nicht ausmalen. Der romantische Ausblick über das hell erleuchtete New York unterm Sternenhimmel entschädigt uns.

Am nächsten Morgen wird der verschwundene Koffer erfreulicherweise tatsächlich ins Hostel nachgeliefert. Das feiern wir gleich bei einem leckeren Frühstück am St. Marks Place mit süß belegten Bagels und „Orio Cheesecake“ (Käsekuchen, in den amerikanische Schokokekse eingebacken sind). Der St. Marks Place ist ohnehin der Dreh- und Angelpunkt unseres New York-Aufenthalts. Dies liegt einerseits daran, dass die dort gebotene Läden-, Farb- und Geruchszusammenstellung einzigartig ist. Für Menschen, die intensive und vielfältige Reize ansprechend finden, ist der St. Marks Place so perfekt wie sonst nur das Amsterdamer Rotlichtviertel.

Experience Seeking – Die Sucht nach Neuem

Menschen, die intensive und sich abwechselnde Reize auffällig stark in ihrem Leben suchen, werden in der Psychologie als Experience Seeker (deutsch: „Erfahrungen-Sucher“) bezeichnet. Das Persönlichkeitsmerkmal „Experience Seeking“ beschreibt die bei manchen Menschen stark ausgeprägte Verhaltenstendenz, immer wieder neue Eindrücke zu sammeln und neue Erfahrungen zu machen – beispielsweise durch einen unkonventionellen Lebensstil, Umgang mit sozial auffälligen Randgruppen, Experimentieren mit Drogen, Vorliebe für ungewöhnliche Speisen und Getränke, häufige Reisen, überdurchschnittlich viele Sexualpartner und das Experimentieren mit verschiedenen Sexualpraktiken, Bevorzugen ungewöhnlicher Kunst und Musik, Neigung zu Tätowierungen und Piercings und Ähnlichem.

Darüber hinaus ist es der Ort, an dem Mark in den Neunzigern zwei Jahre lebte und den er auch deshalb sehr schätzt. Das vermittelt er mir auch deutlich, indem er immer, wenn wir dort sind, in Erinnerungen schwelgend erzählt: „Schau mal Lydia, da habe ich gerne Comics gekauft, dort hab ich mein erstes Piercing machen lassen, in dem Laden da hab ich gern gegessen, wenn ich Geld dafür hatte, an dem Kiosk dort habe ich immer meine Fotos entwickelt.“ So geht das die ganze Zeit, was ich aber sehr cool und sympathisch finde, weil es mir vorkommt, als würde er mich wie in einer Zeitreise an seinem damaligen Leben teilhaben lassen.

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Benecke in New York, St. Mark’s Place, 1998

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Ohne Führerschein geht auch in Manhatten …, 1998

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Im Institut für Rechtsmedizin der Stadt New York, 1998

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Mit US-Plastikkittel vor der Rechtsmedizin New York (Chief Medical Examiner), 1998

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Im Yaffa Cafe, East Village, Marks damaligem Wohnzimmer, 1998

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Marks „Garten“, Souterrain, St. Mark’s Place, New York, 1998

Mit Klaus Fehling im „Garten“

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Vor dem Piercingstudio gegenüber

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Design aus der Altkleidertonne, Stimmung gehoben

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Harte Kerls mit kurviger Dame aus Stein im Hintergrund

Eng, aber gemütlich: Zu Hause in New York, 1997

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Nach dem Frühstück fahren wir nach Williamsburg (ein Stadtteil von Brooklyn), wo wir uns in einem Tattoostudio mit Yasha Young treffen. Sie ist die Besitzerin der Strychnin Gallery in New York, London und Berlin. Mark bespricht mit ihr ein geplantes Fotoprojekt und fotografiert dann begeistert das für ein Tattoo studio ungewöhnliche Ambiente: Ein frischer, edel wirkender Blumenstrauß ziert einen ebenso edlen Tresen, hinter dem ein Elvis-Gemälde hängt. Alles ist betont sauber und hochwertig mit einem Touch von Luxus. Damit steht die Ausstattung des Studios in deutlichem Kontrast zum umliegenden Stadtteil, durch den wir nach unserem Besuch bei Yasha spazieren: Heruntergekommene Häuser, eine große Wiese, auf der Kinder spielen. Einige Meter weiter beginnt eine ebenso heruntergekommene, wenn auch belebte, Einkaufsstraße, auf der allerlei osteuropäische Sprachen, jedoch kaum englisch zu hören ist. Ich fühle mich fast wie in Polen, meinem zweiten Heimatland, und daher ziemlich wohl in dieser Gegend.

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Dreizehn Jahre später: Benecke vor seiner alten Wohnung

Mit der Subway geht es zurück nach Manhattan, wo wir Essie besuchen, eine Freundin, die unter anderem als Türsteherin der Mercury Lounge arbeitet. Der Club ist ganz in der Nähe von Katz’s Delicatessen. Dieses Lokal, in das wir auf dem Weg reinschauen, ist international berühmt, seit Meg Ryan 1989 im Film Harry und Sally einen Orgasmus während des Essens überzeugend vortäuschte. Heutzutage bekommt man dort abends keinen freien Platz mehr, da die Besucher sich scheinbar immer noch eine zutiefst befriedigende Mahlzeit versprechen. Ich gebe meinen Plan, bei Katz’s Delicatessen ein „Kosher-Style Sandwich“ zu erwerben, also auf. Stattdessen überraschen wir Essie am Club-Eingang, während sie gerade junge Möchtegern-Gangsta Rapper, die ein bis zwei Köpfe größer sind als sie selbst, abfertigt. Sie begrüßt uns auf die für mich immer noch ungewohnte, typisch amerikanische, überschwänglich herzliche Art und wir begießen das Wiedersehen mit einem Glas Wodka.

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Mit Essie, der zweiten Frau der Welt, die sich die Zunge spalten ließ, im New Yorker Untergrund, wo sie nachts als Türsteherin arbeitet (tagsüber ist sie Bürokraft).

Essie ist einer der coolsten Menschen, die ich kenne. Sie war die zweite Person in der modernen, westlichen Welt, die sich die Zunge spalten ließ, hat einen künstlerisch atemberaubend schön und einzigartig tätowierten Körper, arbeitet tagsüber in einem Büro und nachts an den Wochen enden als Türsteherin. Den 11. September 2001 hat sie nach einer Nachtschicht in ihrer Wohnung ziemlich nah am World Trade Center einfach verschlafen. Ich wundere mich nicht, dass Mark sie während seiner Zeit in New York kennen gelernt hat. Solche Menschen treffen wir oft, denn es gibt einfach Orte auf der Welt, wo Freaks aller Art (wie auch wir) willkommener sind als anderswo. New York ist definitiv einer dieser Orte, ebenso wie die beispielsweise von uns ebenso geschätzten Städte Köln, Berlin, Amsterdam, London und Leipzig während des Wave Gothic Treffens.

Wir wollen Essie an diesem Abend aber nicht lange bei der Arbeit stören und die Musik trifft auch nicht wirklich unseren Geschmack, so dass wir uns mit ihr für den nächsten Abend verabreden – dann in Ruhe auf einen „After Work Drink“.

Da der Abend noch jung ist und wir in Partystimmung sind, schauen wir im Internet nach spontanen Ausgehmöglichkeiten. Dabei finden wir unter anderem die Ankündigung einer SM – Party, veranstaltet von einer BDSM – Gruppe, die Mark noch aus seiner Zeit im East Village kennt. Diese Party weckt mein Interesse, da ich mich mit der deutschen BDSM – Szene im Rahmen meiner Diplomarbeit intensiv beschäftigt habe. Mark möchte mal sehen, was sich dort in den letzten zehn Jahren so verändert hat, also ist die Entscheidung für die Abendgestaltung schnell getroffen.

BDSM-Szene

Als ich während des Psychologie-Studiums darüber nachdachte, zu welchem Thema ich meine Diplomarbeit schreiben könnte, war ich von Anfang an auf der Suche nach Gebieten in der Psychologie, die noch nicht gut erforscht sind. Dabei kam ich bald auf den Bereich der menschlichen Sexualität, die insgesamt während des Studiums nur sehr zaghaft bis gar nicht behandelt wird. Nach einigem Überlegen beschloss ich, meine Diplomarbeit zum Thema BDSM zu schreiben, weil hier der aktuelle Forschungsstand grauselig schlecht ist und das, obwohl in jedem Sexualratgeber und Sexshop Tipps und Utensilien angeboten werden, die zum Bereich BDSM gehören. Die meisten Menschen denken bei dem Begriff an das Klischee von Manager verhauenden Dominas. So einfach ist das, wie bei den meisten Dingen im Leben, aber nicht.

Der Begriff BDSM fasst mit sechs englischen Stichworten unterschiedliche sexuelle Vorlieben zusammen, die bei einer Person einzeln auftreten können, sich aber bei vielen Menschen in verschiedenen Kombinationen überschneiden. „Bondage“ bezeichnet die Fesselung eines Partners, „Discipline“ eine Disziplinierung in Form von Schlägen mit der Hand oder einem Schlagwerkzeug, „Dominance“ die (gefühlsmäßige) Beherrschung und „Submission“ die (gefühlsmäßige) Unterwerfung eines Partners, „Sadism“ die Schmerzzufügung und „Masochism“ die Schmerzerduldung. Anhand dieser Begriffe wird klar, dass BDSM – Praktiken nicht nur körperlich, sondern (vor allem) auch psychisch und emotional von den Beteiligten erlebt werden. Das bewusst erzeugte Machtgefälle beruht auf Freiwilligkeit beider Seiten und besteht nur solange, wie es die Beteiligten in ihrem Denken und Fühlen aufrechterhalten wollen.

Unter Menschen, die BDSM – Elemente mit ihrer sexuellen Neigung entsprechenden Partnern ausleben, gelten strenge Verhaltens-Regeln. Die handelnden Personen müssen in der Lage sein, sich für das, was sie praktizieren frei und vernünftig zu entscheiden. Einvernehmlichkeit und gegenseitiger Respekt, Vertrauen und Sympathie füreinander sind die Ausgangsbedingungen für jede Form von BDSM – Handlungen. Im Gegensatz zu typischen Vorurteilen hat BDSM weder mit roher Gewalt noch mit Missachtung des Gegenüber zu tun. Menschen die BDSM miteinander praktizieren, kommunizieren vorher ausführlich miteinander über die möglichen gewünschten Verhaltensweisen und vor allem auch über ihre persönlichen Grenzen. Es werden Safewords (deutsch: Sicherheitsworte) festgelegt, mit denen der devote (sich unterordnende) Partner Handlungen des dominanten Partners beeinflussen oder sofort beenden kann. Der devote Partner legt also die „Spielregeln“ fest. Auch wird vorausgesetzt, dass die Beteiligten sich zunächst über gesundheitliche Vorsichtsmaßnahmen informieren, sodass eine ernste gesundheitliche Schädigung ausgeschlossen werden kann. Hierfür werden vielfältige Informationsmöglichkeiten im Internet, in Büchern und bei Szene-Treffen zur Verfügung gestellt.

Viele Menschen, zu deren sexuellen Vorlieben BDSM – Praktiken gehören, tauschen sich mit Gleichgesinnten entweder nur im Internet oder auch bei Stammtischen und Workshops aus. Besonders Menschen, die damit beginnen, sich mit ihrer BDSM – Neigung auseinander zu setzen, sind anfangs wegen der gesellschaftlich weitverbreiteten Vorurteile gegen sie verunsichert. Daher finden sie es hilfreich, andere Menschen zu treffen, die die selbe Neigung haben und mit denen sie offen über die Möglichkeiten des Auslebens ihrer Phantasien sprechen können. Es besteht auch die Möglichkeit, Partys in speziell dafür eingerichteten Clubs zu besuchen, wo sadomasochistische Praktiken ausgelebt werden. Viele bleiben auch über längere Zeit mehr oder weniger aktiv in der so genannten „BDSM – Szene“, da sie sich in diesem Umfeld nicht verstellen und ihre Neigung als einen normalen Bestandteil ihrer Persönlichkeit frei zeigen und leben können. Hier besteht eine deutliche Ähnlichkeit zur Entwicklung in der Homosexuellen-Bewegung. Es wird allerdings noch viele Jahre dauern, bis die Öffentlichkeit Menschen mit BDSM – Neigung auch nur ansatzweise in einer ähnlichen Form akzeptieren wird, wie homosexuelle Menschen.

Die Gelegenheit, auch einen Einblick in die New Yorker BDSM – Szene zu bekommen, möchte ich mir nicht entgehen lassen. Erfahrungsgemäß ist ein schickes Gothic-Outfit bei solchen Veranstaltungen nie verkehrt – wie gut, wenn man so was grundsätzlich und überall dabei hat. Mit dem Taxi fahren wir zur angegebenen Adresse, einer düsteren, leeren Straße. Den Eingang zu finden, erweist sich als schwierig, da wir uns inmitten dunkler Büro- und Lagergebäude befinden. Einige Zeit irren wir suchend umher, bevor ein wie ein Cowboy aussehender Amerikaner – kurz frage ich mich, ob wir in einem David Lynch-Film gelandet sind – uns fragt, ob wir auch zu der Party wollen. Hier erweisen sich unsere schwarzen Klamotten als hilfreiches Identifikationsmerkmal.

Die Veranstaltung hat das Motto „Mardi Gras“ (die amerikanische Version von Karneval), wovon man beim Betreten der fensterlosen Innenräume allerdings nicht viel bemerkt. An einer Bar und umherstehenden Tischen sitzen hauptsächlich Männer zwischen Mitte Vierzig und Mitte Sechzig. Einige tragen Cowboyoutfits, andere Straßenkleidung oder schlichte Lederklamotten. Anders als bei vergleichbaren Veranstaltungen in Deutschland scheint es hier keine vorgegebenen Kleidungsregeln zu geben. Über den Tischen hängen Fernseher, auf denen Spankingvideos (Darstellungen des Schlagens auf das bekleidete oder entblößte Gesäß) laufen. Es gibt ein Fingerfood-Buffet aus Chicken Nuggets, Fleischbällchen, Gemüsestückchen und verschiedenen Dips. Die Räumlichkeiten sind mit Liebe zum Detail altmodisch eingerichtet, sodass die SM – Geräte wie Pranger, Streckbank und Ähnliches sehr gut ins Gesamtbild passen. Die Ausstattung wirkt hochwertiger als es in vielen deutschen Örtlichkeiten vergleichbarer Art der Fall ist. Gegen ein Uhr treffen zunehmend auch jüngere Gäste (etwa zwischen zwanzig und dreißig) ein. Diese sind im etwas edleren Studentenstyle gekleidet.

Beim Umhergehen in den unterschiedlichen Räumen sieht man kleine Menschengruppen, die an den Gerätschaften hantierenden Paaren zuschauen. Die Zuschauer verhalten sich relativ leise, während die handelnden Paare teilweise ernst, teilweise aber auch neckisch miteinander sprechend verschiedene sadomasochistische Praktiken ausüben. Die Atmosphäre ist sehr entspannt und wir kommen sogar mit einer Domina ins Gespräch, die neben uns einen Cocktail trinkt und vom örtlichen Hersteller für SM – Zubehör schwärmt. So lassen wir in gemütlicher Atmosphäre den Abend ausklingen.

Der nächste Tag ist für einen Besuch bei Jeanne Youngston vorgesehen, einer schlanken, drahtigen Dame Mitte Achtzig, die allein das Penthouse eines luxuriösen Hochhauses am Washington Square Park mitten im vormals coolsten Teil Manhattans bewohnt. Die Gattin des verstorbenen Hollywood-Film-Produzenten und zweifachen Oscar-Gewinners Robert Youngson (bester Kurzfilm 1956 und 1957) beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Vampiren und sammelt begeistert alles, was sie zum Thema findet. Dementsprechend ähnelt ihre Wohnung auch eher einem vollgestellten Dachboden. Zwischen überquellenden Buchregalen, Vampire darstellenden Figürchen, Bildchen und sonstigen Gegenständen, führt ein schmaler Gang von der Eingangstür zu mehreren Sitzgelegenheiten im kleinen Wohnzimmer. Hinter diesen lässt sich ein großflächiger Balkon betreten, der in drei Himmelsrichtungen einen unfassbar schönen Ausblick auf die Stadt bietet. Marks Kommentar zur Aussicht: „Siehst du da drüben, da stand das World Trade Center.“ Jeanne hatte von genau diesem Balkon aus seinerzeit beeindruckende Fotos vom brennenden und einstürzenden WTC gemacht.