Hans Christian Andersen

MÄRCHEN

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Impressum

Umwelthinweis:

© 2005 Edition Lempertz GmbH

Umschlagentwurf:

Titelbild:

Druck: GGP Media GmbH, Pößneck

Printed and bound in Germany

ISBN: 3-933070-66-X

Vorwort

Hans Christian Andersen (1805 - 1875) schuf mit seinen Erzählungen eine Sammlung der schönsten nordeuropäischen Märchen, die wir Ihnen in diesem Buch vorstellen möchten.

„Die kleine Seejungfrau“, „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“, oder „Der standhafte Zinnsoldat“ sind nur einige seiner bekanntesten Märchen, die zum Schmökern oder Vorlesen einladen. In ihnen verbinden sich romantische Fantasie und große Lebensweisheit mit warmem Empfinden, oftmals einhergehend mit einer Portion Selbstironie, die Anderens Stil so unverwechselbar machen.

Wir haben uns darum bemüht, die gefühlvolle, sensible Erzählweise für sich selbst sprechen zu lassen und Ihnen eine Auswahl der schönsten Werke des dänischen Erzählers zusammenzustellen.

Wir wünschen viel Spaß beim Lesen!

Die Redaktion

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Eine Geschichte aus den Sanddünen

Es ist eine Geschichte aus den jütländischen Sanddünen, die aber nicht in Jütland anhebt, sondern weit weg von dieser nördlichen Halbinsel im Süden, in Spanien beginnt. - Das Meer ist die Fahrstraße zwischen diesen sonnigen Ländern; versetze dich in Gedanken dorthin, hin nach dem sonnigen Spanien! Dort ist es warm und wunderherrlich, dort wachsen die feuerroten Granatblüten zwischen dunklen Lorbeerbäumen; von den Bergen weht ein frischer, labender Wind herab über die Orangengärten, über die prächtigen maurischen Hallen mit ihren goldenen Kuppen und farbigen Wänden; durch die Straßen ziehen Kinder in Prozession mit Lichtern und flatternden Fahnen, und über ihnen erhebt sich hoch und klar der Himmel mit funkelnden Sternen; Gesang und Kastagnetten erklingen, Burschen und Mädchen schwingen sich im Tanze unter blühenden Akazien, während der Bettler auf dem behauenen Marmorsteine sitzt, sich an der saftigen Wassermelone labt, das Leben halb träumend genießt; es ist wie ein herrlicher Traum das Ganze. Sich demselben hingeben, - ja, das taten so recht zwei junge Neuvermählte, und ihnen waren auch alle Güter der Erde gegeben: Gesundheit, froher Sinn, Reichtum und Ehre.

„Wir sind so glücklich, wie es irgendjemand sein kann!“, sprachen sie aus vollster Herzensüberzeugung; doch noch eine Stufe des Glücks könnten sie ersteigen, und zwar wenn Gott ihnen ein Kind, einen Sohn, ihnen ähnlich an Körper und Seele, schenken wollte.

Das glückliche Kind würde mit Jubel begrüßt werden, die größte Sorgfalt und Liebe finden, all des Wohlseins und Reichtums teilhaftig werden, die eine einflussreiche Familie zu spenden vermag.

Wie ein Fest verstrichen ihnen die Tage.

„Das Leben ist ein Gnadengeschenk der Liebe, eine fast unbegreiflich große Gabe!“, sprach die junge Frau. „Und die Fülle der Glückseligkeit soll noch im jenseitigen Leben wachsen, und zwar ewig und immer!“ - Ich fasse diesen Gedanken nicht!“

„Und der Gedanke ist wohl in der Tat auch Übermut der Menschen!“, versetzte der Mann. „Es ist im Grunde ein entsetzlicher Stolz zu glauben, dass man ewig leben - wie Gott werden soll! Waren es doch auch die Worte der Schlange, und sie war der Lüge Urheberin.“

„Du zweifelst doch nicht etwa an einem Leben jenseits, an einem Himmel?“, fragte die junge Frau, und es war als führe zum ersten Mal ein Schatten durch ihr sonniges Gedankenreich.

„Der Glaube verheißt es, die Priester sagen es!“, sprach der junge Mann. „Aber gerade in all meinem Glück fühle ich und erkenne ich, dass es ein Stolz, ein übermütiger Gedanke ist, ein anderes Leben nach diesem, eine fortgesetzte Glückseligkeit zu verlangen, - ist uns nicht in dem Erdendasein so viel gegeben, dass wir wohl zufrieden sein können und sein müssen!“

„Ja, uns ward es gegeben!“, sagte die junge Frau, allein wie vielen Tausenden ist dieses Leben gleichsam nur zur Prüfung; wie viele sind in dieser Welt gleichsam nur zur Armut, zur Schande, zur Krankheit und zum Unglück da; nein, wenn es ein Leben nach diesem gäbe, dann wäre alles auf Erden zu ungleich verteilt, dann wäre Gott nicht die Gerechtigkeit!“

„Der Bettler dort unten hat Freuden, die er eben so sehr schätzt, die ihm ebenso groß dünken, als der König sie in seinem reichen Schloss hat!“, versetzte der Mann. „Und glaubst du nicht, dass das Arbeitstier, das geprügelt wird, hungert und sich zu Tode schleppt, seine schweren Lebenstage empfindet? Das Tier könnte auch ein jenseitiges ewiges Leben fordern, es ein Unrecht heißen, dass es nicht in ein höheres Reich der Schöpfung gestellt wurde!“

„In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen, hat Christus gesagt“, antwortete die junge Frau. „Das Himmelreich ist das Unendliche, wie Gottes Liebe unendlich ist! - Auch das Tier ist ein Geschöpf Gottes, und, - ich glaube fest daran, - kein Leben wird verloren gehen, sondern all die Glückseligkeit genießen, die es empfangen kann und die ihm genügte.“

„Mir aber genügt nun diese Welt!“, rief der Mann, und umschlang seine schöne, liebliche Frau, dampfte seine Zigarette auf dem offenen Balkon, wo die kühle Luft erfüllt war mit dem Duft von Orangen und Nelken; Musik und Kastagnetten erklangen von der Straße herauf, die Sterne flimmerten von oben herab, und zwei Augen voller Liebe, die Augen seiner Frau, schauten ihn mit dem ewigen Leben der Liebe an.

„Eine solche Minute“, sprach er, „ist wohl wert, dass man geboren ist, empfindet und - verschwindet!“, und er lächelte; die junge Frau hob die Hand mit mildem Vorwurf - und der Schatten ihrer Welt war wiederum entschwunden, sie waren gar zu glücklich.

Und alles schien sich ihnen zu fügen, sie schritten vor in Ehre, Wohlsein und Freude; ein Wechsel fand zwar statt, aber nur ein Ortswechsel, keiner im Genusse und in des Lebens Freude und Lust. Der junge Mann wurde von seinem König als Gesandter an den kaiserlichen Hof von Russland entsendet, es war ein Ehrenamt, seine Geburt und seine Kenntnisse gaben ihm ein Recht zu dem Posten; ein großes Vermögen besaß er, seine junge Frau hatte ihm ein nicht geringeres mitgebracht, sie war die Tochter eines reichen, angesehenen Kaufmanns. Eine der größten, besten Schiffe dieses Kaufherrn sollte gerade in diesem Jahre nach Stockholm gehen, es wurde bestimmt, dass es die lieben Kinder, Tochter und Schwiegersohn, nach St. Petersburg führen solle, und an Bord ward alles königlich eingerichtet, reiche Teppiche für die Füße, Seide und Luxus überall.

In einer alten Kämpeweise: „Des Königs Sohn von England“, heißt es, auch er segelte am Bord eines köstlichen Schiffes, der Anker war ausgelegt mit rotem Gold, und jedes Tau mit Seide durchflochten, - an dieses Schiff musste man unwillkürlich denken, indem man das aus Spanien sah, denn hier war dieselbe Pracht und auch derselbe Abschiedsgedanke drängte sich einem auf, der Gedanke:

„Gott lasse uns alle in Freuden

Uns wieder zusammenfinden!“

Und der Wind blies schön seewärts an der spanischen Küste, der Abschied war ein kurzer; in wenigen Wochen würden sie das Ziel ihrer Reise erreichen können; aber als sie auf die hohe See kamen, legte sich der Wind, das Meer ward blank und still, die Sterne des Himmels strahlten, es waren gleichsam Festabende, die in der Kajüte verstrichen.

Endlich wünschte man doch, dass es ein wenig Luft und Mitwind geben möchte, allein er blies nicht, und erhob sich ja einmal der Wind, da war er immer der Fahrt entgegen; so vergingen Wochen, ja volle zwei Monde, erst dann stellte sich der rechte Wind ein, er blies aus Südwest; das Schiff ging auf der hohen See zwischen Schottland und Jütland, und der Wind nahm zu, ganz wie in der alten Weise von „Des Königs Sohn von England“.

„Da blies es ein Wetter und Wolkenguss,

Kein Land, keinen Schutz sie fanden,

Und aus sie warfen ihr Ankergold -

Doch der Wind blies westeinwärts auf Dänemark.“

Das ist nun lange, lange her. König Christian VII. saß damals auf dem dänischen Thron und war noch ein junger Mann. Vieles ist seit der Zeit geschehen, vieles hat gewechselt und ist verändert worden; See und Moorland sind in grünende Wiesen verwandelt, Heide ist Ackerland geworden, und im Schutze der Westjüten - Hütte wachsen Büsche, denn sie ducken sich vor dem scharfen Westwind. Man kann sich im westlichen Jütland so recht in die Zeit zurückversetzen, weiter als in die Regierungszeit Christians VII; wie damals, so erstreckt sich auch jetzt in Jütland die braune Heide meilenweit mit ihren Hünengräbern, ihren Lufterscheinungen, mit den sich kreuzenden holperigen und sandigen Wegen; westwärts, wo große Bäche in die Meerbusen münden, breiten sich Wiesen und Moorland aus, umzäunt von hohen Sanddünen, die einer Alpenreihe gleich, sich mit ausgezackten Zipfeln gegen das Meer hin erheben, sie werden nur von hohen Lehmabhängen unterbrochen, von welchen die Fluten Jahr für Jahr solche Riesenbissen abbeißen, dass die jähen Küstenufer, wie durch Erdbeben erschüttert, einstürzen. So sieht es dort noch am heutigen Tage aus, so war es auch vor vielen, vielen Jahren, damals, als die zwei Glücklichen draußen auf dem reichen Schiff segelten.

Es war in den letzten Tagen des September, es war Sonntag und sonniges Wetter, das Läuten der Kirchenglocken am Meerbusen von Nissum rollte in der Luft wie eine tönende Kette dahin; die Gotteshäuser dort sind fast nur aus behauenen Feldsteinen erbaut, jedes ist ein Stückchen Felsen; die Nordsee könnte über sie dahinbrausen, und sie würden stehen bleiben; an der Mehrzahl fehlt der Turm, und die Glocken hängen dann frei hinaus zwischen zwei Balken. - Der Gottesdienst war zu Ende, die Gemeinde trat aus der Kirche auf den Friedhof, wo damals wie heutzutage weder Baum noch Busch zu erblicken war, nicht eine Blume war dort gepflanzt, nicht ein Kranz auf die Gräber hingelegt; knorrige Hügel zeigen an, wo die Toten eingesenkt sind, schneidendes Gras, vom Winde gepeitscht, überwuchert den ganzen Kirchhof: irgendein einzelnes Grab hat vielleicht ein Monument aufzuweisen, das heißt, einen fast verwitterten Holzpflock, zugehauen in der Form eines Sarges, der Holzblock ist dann aus dem Walde der jütländischen Westgegend geholt, und dieser Gegend Wälder ist das wilde Meer, dort wachsen den Küstenbewohner die behauenen Balken, Bohlen und Hölzer, welche die Brandung ihm ans Land führt. Der Wind und die Seenebel verwittern das Holz bald: Ein solcher Holzblock war hier von lieben Händen auf ein Kindergrab hingetragen, und eine der Frauen, die aus der Kirche getreten waren, schritt auf das Grab zu; sie blieb vor diesem stehen und ließ ihre Blicke auf dem verwitterten Monument ruhen; wenige Augenblicke später trat ihr Mann zu ihr; beide sprachen kein Wort, er aber ergriff ihre Hand und sie wanderten vom Grabe auf die braune Heide hinaus, über Moor und Wiese auf die Sanddünen zu; lange Zeit gingen sie schweigend nebeneinander einher.

„Das war heute eine gute Predigt“, sprach der Mann. „Hätte man nicht den lieben Gott, man hätte gar nichts!“ „Ja“, versetzte die Frau, „er schenkt Freude und Betrübnis, und er hat das Recht dazu! - Morgen wäre unser kleiner Knabe fünf Jahre alt gewesen, hätten wir ihn behalten dürfen.“

„Es kommt nichts dabei heraus, dass du trauerst, Frauchen“, sagte der Mann. „Ist der Knabe doch gut davongekommen! Er ist ja dort, wohin zu kommen wir beten!“

Und darauf sprachen sie nichts weiter, sondern schritten auf ihr Haus zwischen den Sanddünen zu. Von einer der letzteren, an welcher das Strandgras den Sand nicht festhielt mit seinem langen Wurzelgeflecht, erhob sich plötzlich eine dicke Rauchwolke; ein Windstoß bohrte sich in die Dünen ein und wirbelte die feinen Sandteilchen hoch auf; noch ein Windstoß, und alle mit Fischen zum Trocknen behangenen und ausgespannten Schnüre schlugen mit Macht gegen die Wand des Häuschens, und alles war wieder still; die Sonne strahlte warm herab.

Mann und Frau traten in das Haus; bald hatten sie sich ihrer Sonntagsanzüge entledigt. Wieder hinaustretend, eilten sie über die Dünen fort, die, wie ungeheure, plötzlich in ihrem Gange aufgehaltene wogen von Sand entstanden; der Sandhafer und das Dünengras mit ihren blaugrünen Halmen verliehen dem weißen Sand einigen Farbenwechsel. Ein paar Nachbarn kamen noch hinzu, man war einander behilflich, die Boote höher in den Sand hinaufzuziehen; der Wind blies jetzt gewaltsamer denn zuvor, er war scharf und kalt, und als sie über die Dünen zurückeilten, wehten ihnen Sand und scharfe Steinchen ins Gesicht, die Wellen türmten sich mit weißen Schaumkronen hoch auf und der Wind schnitt ihnen die oberste Spitze ab, dass der Schaum weit umherspritzte.

Der Abend kam heran, in der Luft tönte ein heranschwellendes Sausen, heulend, klagend, wie eine Heerschar verzweifelter Geister; es übertönte das dröhnende Rollen des Meeres, trotzdem dass das Fischerhaus ganz in dessen Nähe lag. Der Sand schlug an die Fensterscheiben und zuweilen kam ein Windstoß so gewaltsam heran, dass das Häuschen von Grund auf erbebte. Es war finster, doch gegen Mitternacht würde der Mond aufgehen.

Die Luft klärte sich auf, aber der Sturm fuhr in seiner ganzen gewaltigen Macht über das tief aufgewühlte Meer dahin.

Die Fischersleute hatten schon längst das Lager gesucht, allein bei dem Unwetter war nicht daran zu denken, ein Auge zu schließen; - da klopfte es an das Fenster, die Tür tat sich auf und man sprach hinein:

„Ein großes Schiff steht fest auf dem äußersten Riff!“

Mit einem Sprunge waren die Fischersleute vom Lager und sofort in die Kleider gefahren.

Der Mond war aufgegangen, es war hell genug, um zu sehen, hätte man die Augen wegen der Wirbel des Flugsandes auftun können; es war ein Wind, dass man sich auf denselben hätte legen können; nur mit großer Mühe, zwischen den Windstößen dahinkriechend, gelangte man über die Dünen hinweg, und hier nun flog wie Schwanendaunen in der Luft der salzige Gischt und Schaum vom Meere hoch empor, während sich dieses wie ein rollender, kochender Fall gegen die Küste wälzte. Ein geübtes Auge gehörte dazu, um das Fahrzeug draußen zu erblicken; es war ein prächtiger Zweimaster; gerade jetzt hoben die Fluten ihn über das Riff, drei, vier Kabellängen außerhalb des gewöhnlichen Strandweges, es trieb gegen das Land, stieß an das zweite Riff und stand fest. Hilfe zu bringen war eine Unmöglichkeit, die See war zu gewaltig, sie schlug gegen das Schiff und rollte immerfort über dasselbe hinweg. Man glaubte das Notgeschrei, den Angstruf der dem Tode Geweihten zu vernehmen, man gewahrte die emsige, hilflose Tätigkeit an Bord. Jetzt rollte eine Woge heran, die wie ein zermalmendes Felsstück auf das Bugspriet stürzte, - dasselbe ward dem Schiffe entrissen. Das Hinterteil hob sich hoch über die Flut. Zwei Menschen sprangen zu gleicher Zeit, einander umschlingend, in die Fluten; ein Nu - und eine der größten Wellen, die gegen die Dünen rollten, warf einen Körper an die Küste, - es war eine Frau, eine Leiche dachten die Schiffer; einige der Frauen erfassten sie, glaubten noch Leben zu spüren und brachten die Fremde über die Dünen hinweg nach der Fischerhütte. Wie schön und fein war sie, gewiss eine vornehme Dame!

Sie legten sie in das ärmliche Bett, kein Fetzen Leinen war in demselben, ein wollenes Laken war da und das war schön warm.

Das Leben kehrte ihr wieder, aber im Fieber; sie wusste nichts von dem, was geschehen, oder wo sie sich befinde, und so war es ja gerade wohlgetan, denn alles, was ihr lieb und wert, lag auf dem Meeresgrunde; es erging Schiff und Menschen draußen wie die Kampeweise von „des Königs Sohn von England“ singt: „Es war ein Grauen zu sehen -

In Stücke klein das Schiff verwehen.“

Wrackstücke und Späne trieben an das Land; sie war die einzige Überlebende von allen an Bord. Noch fuhr der Wind heulend über die Küste; einige kurze Augenblicke schien sie zu ruhen, aber bald traten Schmerzen ein und ein Angstschrei ertönte von ihren Lippen; sie schlug ihre wunderbar schönen Augen auf, sprach einige Worte - aber niemand verstand sie.

Und sieh, als Lohn des Kampfes und der Schmerzen hielt sie in ihren Armen ein neugeborenes Kind, - ein Kind, das auf einem Prachtlager, umwallt von seidenen Vorhängen hätte ruhen sollen in dem reichen Hause!

Mit Jubel begrüßt zu einem Leben, reich an allen Gütern der Erde hätte es sein sollen, und jetzt hatte es Gott in diesen armen Winkel geboren werden lassen! Nicht einen Kuss bekam es von seiner Mutter.

Die Fischersfrau legte das Kind an die Brust der Mutter, und es lag an einem Herzen, das nicht mehr schlug, - sie war tot. Das Kind, dessen Amme Reichtum und Glück hätte sein sollen, war in die Welt hineingeworfen, von der See in die Sanddünen hineingespült worden, um das Los und die schweren Tage der Armen zu kosten. Und immer kommt uns hier in den Sinn das alte Lied von dem alten englischen Königssohn, in welchem auch der damaligen, durch Ritter und Knappen üblichen Ausplünderung der vom Schiffbruch Geretteten gedacht wird.

Eine Strecke südlich vor der Nissum - Bucht war das Schiff gestrandet. Die harten, unmenschlichen Zeiten, in denen die Bewohner der Westküste Jütlands den Schiffbrüchigen Böses zufügten, wie man erzählt, waren damals schon längst vorüber; Liebe und Mitgefühl, Aufopferung für die Schiffbrüchigen waren dort zu finden, wie sie in unserer Zeit zu finden sind und aus edlen Zügen hervorleuchten; die sterbende Mutter und das elende Kind würden überall, wohin der Wind geweht, Sorgfalt und Pflege gefunden haben, aber nirgends inniger als bei der armen Fischersfrau, die noch gestern schweren Herzens an dem Grabe stand, welches ihr Kind barg, das heute fünf Jahre gefüllt haben würde, wenn Gott ihm zu leben vergönnt hätte.

Niemand wusste, wer die fremde, tote Frau war oder wohl sein könne. Die Wrackstücke des Schiffes sprachen kein Wort hiervon.

In Spanien, in das reiche Haus, ging niemals Brief oder Botschaft über das Geschick der Tochter und des Schwiegersohns ein; sie waren nicht an den Ort ihrer Bestimmung gelangt, heftige Stürme hatten während der letzverflossenen Wochen gerast; man harrte monatelang. - „Total gescheitert. Alle untergegangen!“, das erfuhr man endlich.

Aber in den Dünen bei Huusby, in dem Fischerhause, hatte die reiche spanische Familie nun einen kleinen Sprößling.

Wo Gott Zweien Nahrung beschert, findet der dritte wohl auch eine Mahlzeit, und in der Tiefe des Meeres gibt es schon ein Gericht Fische für einen hungernden Magen. Jürgen nannte man den Knaben.

„Es ist gewiss ein Judenkind“, hieß es, „es sieht so schwarz aus!“ „Es könnte auch ein Italiener oder Spanier sein“, sagte der Pfarrer. Der Fischersfrau schien es aber, als seien diese drei Nationen ganz gleich, und sie tröstete sich mit dem Gedanken, dass das Kind als Christ getauft war.

Der Knabe gedieh, das adelige Blut blieb warm und kräftigte sich bei der ärmlichen Kost, er wuchs heran in dem geringen Hause; der dänische Dialekt, wie ihn der Westjüte spricht, wurde seine Sprache. Der Granatkern aus dem Boden Spaniens wurde eine Strandhaferpflanze auf der Küste von Westjütland; dazu kann ein Mensch es bringen! An diese Heimat klammerte er sich an mit den jahrelangen Wurzeln seines Lebens. Hunger und Kälte, Drangsal und Not armer Leute sollte er kennenlernen, aber auch der Armen Freude genießen.

Das Kindesalter hat für jeden seine Lichthöhen, die später durch das ganze Leben hindurchstrahlen. Wie hatte er es vollauf zu Freude und Spiel; die ganze Küste, meilenweit, lag voll Spielzeug; sie war ein Mosaik von Geröll, rot wie Korallen, gelb wie Bernstein, und weiß und gerundet, als seien es Vogeleier, alle Farben und alle geschliffen und geglättet vom Meere. Selbst das gebleichte Fischfilet, die im Winde getrockneten Wasserpflanzen des Seetang schimmern, weiß, lang und schmal, wie leinene Bänder, flatternd zwischen den Steinen, waren wie alles zum Spielen und zur Freude für das Auge und die Gedanken; und der Knabe war ein aufgeweckter Kopf, viele und große Fähigkeiten wohnten ihm inne. Wie leicht behielt er im Gedächtnis die Geschichten und Lieder, die er hörte, und fingerfertig war er! Aus Steinen und Muschelschalen setzte er ganze Schiffe und Bilder zusammen, mit denen man die Stube ausputzen konnte; er verstand es auch, seine Gedanken merkwürdig in einem Stecken auszuschnitzen, sagte die Pflegemutter, und der Knabe war doch noch sehr jung und klein! Herrlich klang seine Stimme, jede Melodie floss sogleich von seiner Zunge. Viele Saiten waren in der Brust gestimmt, die hätten in die Welt hinausklingen können, wenn er anderswohin gestellt worden wäre, als in das Fischerhaus an der Nordsee.

Eines Tages strandete wieder ein Schiff hier; unter anderem schwamm eine Kiste mit seltenen Blumenzwiebeln ans Land; einige wurden in den Kochtopf getan, man glaubte sie wären genießbar; andere lagen und vermoderten im Sande, sie gelangten nicht zu ihrer Bestimmung, die Farbenpracht zu entfalten, die ihnen innewohnte, - würde es wohl Jürgen besser ergehen? Die Blumenzwiebeln hatten bald ihre Rolle ausgespielt, er aber hatte noch Jahre seiner Lehrzeit vor sich.

Weder ihm noch irgendeinem anderen fiel es auf, wie einsam und einförmig der Tag auf ihrer Scholle verstrich - war doch vollauf zu tun und zu sehen. Das Meer selbst war ein großes Lehrbuch, jeden Tag bot es ein neues Blatt dar, Meeresstille, Brandung, Kälte und Sturm; Strandungen waren die Glanzpunkte; der Kirchenbesuch war ein Festbesuch. Doch von den Festbesuchen zeichnete sich im Fischerhause selbst namentlich einer aus, welcher besonders willkommen war, er wiederholte sich zwei Mal jährlich; es war der Besuch des Bruders von Jürgens Pflegemutter, des Aalbauers aus Fjaltring, oben in der Nähe des Bowberges; er kam in einem rot angestrichenen, mit Aalen gefüllten Wagen, der verschlossen und verdeckt war wie eine Kiste und bemalt mit blauen und weißen Tulpen; er wurde von zwei fahlgelben Ochsen gezogen und Jürgen durfte die Ochsen lenken.

Der Aalbauer war der gute Kopf, der fröhliche Gast; er führte einen Lägel voll Branntwein bei sich. Jedermann bekam aus demselben ein Schnapsglas oder eine Obertasse voll, wenn es an einem Schnapsglase fehlte, selbst Jürgen bekam so viel wie ein großer Fingerhut voll, damit er den fetten Aal halten könne, sagte der Aalbauer und erzählte dann immer dieselbe Geschichte wieder, und wenn man ihm darob zulächelte, erzählte er sie denselben Zuhörern sofort noch einmal. Da Jürgen während einer ganzen Kindheit und selbst später aus dieser Geschichte des Aalbauers mehrere Redensarten gebrauchte und überhaupt die Geschichte vielfach zur Anwendung brachte, so müssen wir sie wohl einmal mit anhören.

„In die Bucht gingen die Aale, und die Aalmutter sagte zu ihren Töchtern, die sei um Erlaubnis baten, die Bucht eine kleine Strecke hinaufgehen zu dürfen: „Geht nicht zu weit, der hässliche Aalstängler könnte leicht kommen und euch alle insgesamt wegschnappen!“ - Allein sie gingen zu weit hinauf und von den acht Töchtern kehrten nur drei zur Aalmutter wieder zurück, und diese jammerten: „Wir gingen bloß ein wenig vor die Türe, als gleich der hässliche Aalstängler kam und fünf unserer Geschwister zu Tode stach.“ - „Die kommen schon wieder!“, sprach die Aalmutter. „Nein“, sagten die Töchter, „denn er zog ihnen die Haut ab, schnitt sie entzwei und briet sie.“ - „Sie kehren schon wieder!“, fuhr die Aalmutter fort „Nein“, sagten die Töchter, „denn er verspeiste sie:“ - „Sie kommen schon wieder!“, sagte die Aalmutter. - „Aber er trank Branntwein darauf!“, versetzten die Töchter. - „Au, au! Dann kehren sie nimmer wieder!“, heulte die Aalmutter. „Der Branntwein begräbt die Aale.“

„Und deshalb muss man immer seinen Schnaps Branntwein zu dem Gerichte trinken!“, sagte der Aalbauer.

Und diese Geschichte wurde der Flittergoldfaden, der humoristische Faden im Leben Jürgens. Auch er wollte gern ein wenig vor die Türe gehen, und ein wenig die Bucht hinauf, das heißt, mit einem Schiffe in die Welt hinaus, und die Mutter sprach wie der Aalbauer: „Es gibt so viele schlechte Menschen, Aalstängler!“ Doch ein wenig über die Sanddünen hinaus, nur ein wenig in die Heide hinein müsse er, und das gelang ihm denn auch. Vier fröhliche Tage, die lichtesten seiner Kindheit, rollten sich auf, die ganze Herrlichkeit und Schönheit Jütlands, alle Freuden wie aller Sonnenschein der Heimat lagen in diesen; er sollte zu einem Festgelage, - freilich war es ein Leichenschmaus.

Ein wohlhabender Verwandter der Fischerfamilie war gestorben; das Gehöft lag tief im Lande, ostwärts, einen Strich gegen Norden, wie es hieß. Vater und Mutter mussten dorthin, Jürgen sollte mit. Von den Dünen gelangten sie über Heide und Moorland an die grünen Wiese, wo der Skjärnfluss sich Bahn bricht, der Fluss mit den vielen Aalen, wo Aalmutter mit ihren Töchtern wohnte, die von schlechten Menschen gefangen und zerschnitten wurden; doch gar oft hatten die Menschen gegen ihre Mitmenschen nicht besser gehandelt; auch Herr Ritter Bugge wurde von bösen Menschen ermordet, und wie gut man ihn selbst nannte, wollte er doch den Baumeister - wie es in einer alten Legende heißt - totschlagen, der ihm sein Schloss mit den dicken Mauern und Turm errichtete, wo Jürgen mit seinen Pflegeeltern stand und wo der Fluss in die Bucht fällt. Die Auffahrt auf den Schlosswall war noch übrig; rote, zerbröckelte Mauerstücke lagen rings umher. Hier hatte Ritter Bugge, als der Baumeister ihn verlassen, zu seinem Knappen gesagt: „Gehe ihm nach und sage: Meister, der Turm wackelt! Wendet er sich um, schlägst du ihn tot und nimmst ihm das Geld ab, das ich ihm gab; wendet er sich aber nicht um, lässt du ihn in Frieden ziehen!“ Der Knapper gehorchte, und der Baumeister antwortete und sah sich nicht um: „Der Turm wackelt bei Leibe nicht, allein einmal wird aus dem Westen ein Mann in einem blauen Mantel kommen, er wird ihn zum Wackeln bringen!“, und so geschah es hundert Jahre später: Die Nordsee brach ein und der Turm brach zusammen; doch der damalige Besitzer des Schlosses, Prebjörn Gyldenstjerne, baute höher hinauf, wo die Wiese aufhört, ein neues Schloss, und das steht heute noch, - es ist Nörre Vosborg.

An diesem vorüber ging die Reise Jürgens und seiner Pflegeeltern; während der langen Winterabende hatte man ihm davon erzählt, jetzt sah er den Herrenhof mit seinen doppelten Gräben, mit Bäumen und Gebüsch; der Wall, mit Farnkräutern überwuchert, erhob sich innerhalb des Grabens; aber das schönste waren die hohen Linden, die bis an die Dachfenster reichten und die Luft mit süßem Dufte erfüllten. In einer Ecke des Gartens gegen Nordwesten stand ein großer Busch mit Blüten, gleich Winterschnee im Sommergrün; es war ein Holunderbusch, der erste, welchen Jürgen so hatte blühen sehen; den und die Linden vergaß er nie, die Kinderseele barg diese Erinnerungen voll Duft und Herrlichkeit für den alten Mann.

Von Nörre Vosburg an, wo der Holunder blühte, ging es bequemer weiter, denn sie trafen andere Gäste, die auch zu der Leichenfeier sollten und die zu Wagen waren; zwar mussten alle drei hinten im Wagen auf einer kleinen Kiste sitzen, allein es sei doch besser, als zu gehen, meinten sie. Die Reise ging nun zu Wagen über die holperige Heide dahin; die Ochsen, die den Wagen zogen, blieben dann und wann stehen, wo ein frischer Rasenfleck zwischen dem Heidekraut zum Vorschein kam; die Sonne schien warm, und es war wunderlich zu sehen, wie weit in der Ferne gleichsam ein Rauch wogte, und dieser Rauch war doch klarer als die Luft, er war durchsichtig, es schien als rollten und tanzten die Lichtstrahlen über die Heide dahin.

„Das ist der Lokemann, der seine Schafherde treibt“, hieß es, und das war genug gesagt, um die Fantasie Jürgens zu erwecken; ihm schien es, als führen sie nun in das Land der Märchen hinein, und sie waren doch in der Wirklichkeit.

Wie war es hier still! Weit und groß dehnte sich die Heide, aber gleich einem köstlichen Teppiche aus; das Heidekraut blühte, die zypressengrünen Wachholderbüsche und die frischen Eichenschößlinge ragten gleich Bouquets in der Heide hervor; wie einladend, um sich hier zu tummeln, wenn nur nicht die vielen giftigen Nattern da gewesen wären; von diesen sprach man, und von den vielen Wölfen, die einst hier waren, weshalb auch der Kreis noch Wolfsburg - Kreis hieß. Der alte Mann, der die Ochsen lenkte, erzählte, dass zu Lebzeiten seines Vaters die Pferde hier oft einen harten Kampf gegen die jetzt ausgerotteten wilden Tiere hatten bestehen müssen, und dass er eines Morgens, als er hierher kam, um die Pferde zu holen, eines von ihnen gefunden habe, wie es mit beiden Vorderfüßen auf einem Wolfe gestanden, den es getötet hatte, wie aber auch das Fleisch von den Beinen des Pferdes ganz heruntergebissen war.

Zu schnell ging der Weg über die Heide und den tiefen Sand. Sie hielten vor dem Trauerhause, woselbst es vollauf Gäste gab, drinnen und draußen; Wagen reihte sich an Wagen, Pferde und Ochsen gingen auf der mageren Weide umher; große Sanddünen, wie zu Hause an der Nordsee, erhoben sich hinter dem Gehöfte und erstreckten sich weit und breit; wie waren die hier heraufgekommen, drei Meilen ins Land hinein und ebenso hoch und groß wie die an der Meeresküste? Der Wind hatte sie gehoben und getragen, auch sie hatten ihre Geschichte.

Psalmen wurden gesungen, einige alte Leute weinten auch, sonst war alles fröhlich und vergnügt, wie es Jürgen schien, Essen und Trinken gab es in Hülle und Fülle; die herrlichsten fetten Aale, und auf diese musste man Branntwein gießen; „das fesselt den Aal“, hatte der Aalbauer gesagt, und die Worte wurden freilich hier zur Tat.

Jürgen ging hier ein und aus; am dritten Tage fühlte er sich wie zu Hause, wie in dem Fischerhause an den Sanddünen, wo er seine früheren Tage alle verlebt hatte. Hier an der Heide war freilich ein ganz anderer Reichtum, hier wucherten Blumen und Blaubeeren und Heidelbeeren, so groß und süß und in solcher Menge, dass sie beim Auftreten zergingen und das Heidekraut von dem roten Safte troff.

Hier ein Hünengrab, dort ein zweites; Rauchsäulen erhoben sich in die stille Luft, es sei der Heidebrand, hieß es, der leuchtete schön am späten Abend.

Jetzt kam der vierte Tag heran, und mit dem ging der Leichenschmaus zu Ende - nun ging es wieder von den Landdünen in die Stranddünen.

„Unsere sind doch die richtigen!“, sagte der alte Fischer, Jürgens Pflegevater. „Diese hier haben keine Macht.“

Und man sprach davon, wie die Sanddünen ins Land hineingekommen waren, und das war alles sehr begreiflich. An der Küste war eine Leiche aufgefunden worden, die Bauern hatten sie auf dem Kirchhofe begraben, und von da an begann der Sandflug, das Meer brach gewaltsam ein; ein kluger Mann im Kirchspiele riet, das Grab zu öffnen und nachzusehen, ob nicht der Begrabene da läge und an seinen Daumen lutsche, denn alsdann wäre er ein Meermann, den sie begraben hätten, und das Meer würde nicht ruhen, bis es ihn wieder geholt habe; das Grab wurde geöffnet, - er lag richtig da und lutschte an den Daumen, und nun legten sie ihn auf einen Karren, spannten zwei Ochsen vor denselben und wie von einer Natter gebissen jagten sie nun dahin mit dem Meermanne über Heide und Moorland in das Meer hinaus, - da hielt der Flugsand inne, aber die Dünen standen noch da. Dieses alles hörte und behielt Jürgen im Gedächtnis aus den glücklichsten Tagen seiner Kindheit, den Tagen des Leichenschmauses.

Wie herrlich war es, in fremde Gegenden zu kommen und fremde Menschen zu sehen, und er sollte noch weiter kommen. Er war keine vierzehn Jahre, noch ein Kind; er ging mit einem Schiffe, kam hinaus, zu erfahren, was die Welt gibt; böses Wetter, starken Seegang, bösen Sinn, harte Menschen lernte er kennen; er ward Schiffsjunge! Schlechte Kost, kalte Nächte, Prügel und Faustschläge gab es; da spürte er ein etwas in seinem hochadeligen, spanischen Blute, das gleichsam aufwallte und bittere, böse Worte ihm um die Lippen schäumten, - allein es sei doch wohl am klügsten, sie wieder zu verschlucken, und das war ein Gefühl, wie es dem Aal zu Mute sein muss, wenn ihm das Fell abgestreift, er zerschnitten und auf die Bratpfanne gelegt wird.

„Ich komme wieder!“, sprach es in seinem Inneren. Er sah die spanische Küste, das Vaterland seiner Eltern, die Stadt selbst, wo sie in Wohlstand und Glück gelebt hatten, sah er, aber er wusste nichts von Heimat und Geschlecht, sein Geschlecht wusste noch viel weniger von ihm.

Der arme Schiffsjunge durfte auch nicht ans Land gehen, - doch an dem letzten Tage, an welchem das Schiff hier im Hafen lag, gelangte er ans Land; es sollten verschiedene Einkäufe gemacht werden, und er sollte dieselben an Bord tragen.

Da stand nun Jürgen in schlechten Kleidern, die sahen aus als wären sie im Graben gewaschen und im Schornstein getrocknet; zum ersten Mal sah er, der Dünenbewohner, eine große Stadt. Wie waren doch die Häuser gedrängt hier, andere dort, es war wie ein ganzer Malstrom von Städtern und Bauern, von Mönchen und Soldaten, ein Schreien und Rufen, ein Klingen von beglockten Eseln und Mauleseln, die Kirchglocken läuteten gar dazwischen! Sang und Klang, Hämmern und Klopfen untereinander, jede Profession hatte ihre Werkstatt in dem Hausflur oder auf dem Bürgersteig, und dazu brannte die Sonne so heiß, die Luft war so schwül, es war als befände man sich in einem Backofen voller Mistkäfer, Maikäfer, Bienen und Fliegen, es summte und brummte; Jürgen wusste weder wo er ging noch stand. Da erblickter er gerade vor sich das mächtige Portal des Doms, die Lichter strahlten heraus aus den dunklen Wölbungen und ein Duft von Räucherungen strömte ihm entgegen. Selbst der ärmste Bettler in Lumpen wagte sich die Treppe hinan in den Tempel. Der Matrose, dem Jürgen beigegeben war, nahm den Weg durch die Kirche, und Jürgen stand im Heiligtum. Bunte Bilder strahlten auf goldenen Grunde; die Gottesmutter mit dem Jesuskinde stand auf dem Altare, umgeben von Lichtern und Blumen, Priester in festlichen Gewändern sangen und schön geschmückte Chorknaben schwenkten die silbernen Rauchfässer; welche Herrlichkeit, welche Pracht sah er hier, es durchströmte seine Seele, es überwältigte ihn; die Kirche und der Glaube seiner Eltern umfingen ihn und schlugen einen Akkord in seiner Seele an, dass ihm Tränen in die Augen traten.

Von der Kirche ging es auf den Marktplatz, hier bekam er eine Menge Esswaren zu tragen; der Weg bis zum Hafen war kein kurzer, müde und überwältigt von den wechselnden eindrücken, ruhte er einige Augenblicke vor einem prächtigen Hause mit marmornen Säulen, Statuen und breiten Treppenaufgängen aus; hier lehnte er seine Last an die Mauer an; da trat ein galonnierter Türsteher hervor, hob seinen silberbeschlagenen Stock gegen ihn auf und jagte ihn fort, ihn - den Enkel des Hauses; aber das wusste niemand dort, er selbst am allerwenigsten. Und nachher ging es wieder an Bord, Knuffe und harte Worte, wenig Schlaf und viel Arbeit - so hatte er denn auch das versucht! Und es soll gar gut sein, in der Jugend Böses leiden, sagt man, - ja, wenn das Alter dann Gutes bringt.

Seine Verdingzeit auf dem Schiffe war abgelaufen, das Fahrzeug lag wieder bei Ringkjöbing in Jütland; er kam ans Land und nach Hause in die Sanddünen bei Huusby, allein die Pflegemutter war gestorben, während er auf der Reise gewesen war.

Ein strenger Winter folgte dem Sommer; Schneestürme jagten über Meer und Land dahin, und man hatte Mühe, irgendwohin zu gelangen. Wie verschieden war doch alles in dieser Welt verteilt! Hier heftige Kälte und Schneestürme, während im spanischen Lande brennende Sonnenglut und starke Hitze war; - und doch, wenn es hier in der Heimat einmal einen recht frostklaren Tag gab und Jürgen die Schwäne zu Scharen über das Meer landeinwärts nach Vosburg hinaufziehen sah, schien es ihm doch, als wenn man hier am leichtesten atme, und auch hier war herrlicher Sommer! In Gedanken sah er dann die Heide blühen und wuchern mit reifen, saftigen Beeren, sah den Holunder und die Linden bei Vosborg in Blüten stehen; dorthin musste er doch noch einmal.

Der Frühling kam heran, die Fischerei begann, Jürgen war dabei ein tätiger Gehilfe, er war im verflossenen Jahre gewachsen. Er war flink bei der Arbeit, voll Leben und verstand zu schwimmen, das Wasser zu treten, sich zu wenden und zu tummeln draußen in den Fluten. Oft warnte man ihn, sich vor den Makrelen - Scharen zu hüten, - die packen den besten Schwimmer, ziehen ihn hinab, fressen ihn auf und fort ist er; aber das wurde Jürgens Los nicht.

Beim Nachbar in der Düne war ein Knabe namens Martin, mit welchem Jürgen sich gut vertrug, und beide nahmen auf einem und demselben Schiffe nach Norwegen Dienst, gingen auch zusammen nach Holland, und sie hatten nie Zank miteinander; aber der Zank kann einmal leicht kommen, und ist man von Natur heftig, so zeigt man leicht etwas zu starke Gebärden, und das tat Jürgen auf einmal bei einer Gelegenheit, wo sie an Bord in Streit gerieten über gar nichts. Sie saßen gerade hinter der Kajüte und aßen aus einem tönernen Teller, welchen sie zwischen sich gestellt hatten; Jürgen hielt sein Taschenmesser in der Hand, er hob dasselbe gegen Martin und wurde zu gleicher Zeit kreideweiß und sah hässlich aus den Augen. Und Martin sagte nur:

„Ah so, du bist von der Art, die das Messer

gebrauchen möchte!“

Kaum war das gesprochen, so fiel auch die Hand Jürgens herab, er erwiderte keine Silbe, aß weiter und ging darauf wieder zu seiner Arbeit; als sie wieder ausruhten, trat er auf Martin zu und sagte: „Schlage mich nur geradezu ins Gesicht! Ich habe es verdient! Ich habe gleichsam einen Topf in mir, der überkocht!“

„Lass das nun gut sein!“, sprach Martin, und darauf waren sie fast doppelt so gute Freunde wie vordem; ja, als sie später nach Hause in die Dünen und zum Erzählen der Erlebnisse gelangten, wurde auch dieses erzählt, und Martin sagte, Jürgen wäre zwar heftig, aber er sei ein guter Kerl.

Jung und gesund waren sie beide, wohl gewachsen und stark, aber Jürgen war der geschmeidigste.

In Norwegen ziehen die Bauersleute auf die Berge und führen das Vieh auf die Höhen, um es weiden zu lassen; an der Westküste Jütlands hat man zwischen den Sanddünen Hütten errichtet, die von Schiffswracks gezimmert, mit Heidetorf und Heidekraut gedeckt sind. Schlafstellen befinden sich ringsum in denselben, und hier schläft und wohnt das Fischervolk während der ersten Frühlingszeit. Jeder Fischer hat seine Gehilfin, seine „Schaffnerin“, wie sie genannt wird, deren Tun darin besteht, die Witterung an die Fischhaken zu stecken, die Fischer, wenn sie ans Land kommen, mit Warmbier zu empfangen und ihnen Essen zu schaffen, wenn sie ermüdet und hungrig in die Hütte zurückkehren. Ferner schleppen die Schaffnerinnen die Fische vom Boote weg, schneiden sie auf, „nehmen sie aus“ und haben viel zu tun.

Jürgen, dessen Vater, ein paar andere Fischer und deren Schaffnerinnen, hatten eine Hütte gemeinschaftlich; Martin wohnte in der Nachbarhütte.

Eines von den Mädchen, namens Else, hatte Jürgen von Kindheit auf gekannt, sie sahen sich gern und hatten in vielen Stücken denselben Sinn; aber anzusehen, im Äußeren, waren sie ganz und gar verschieden: Er war braun, sie war weiß und hatte flachsgelbes Haar und Augen so blau wie das Meer beim Sonnenschein.

Eines Tages als sie zusammengingen und Jürgen ihre Hand in der seinigen hielt, recht fest und innig hielt, sagte sie zu ihm: „Jürgen, ich habe etwas auf dem Herzen! - Lass mich Schaffnerin bei dir sein, denn du bist mir wie ein Bruder, Martin aber, der mich gemietet hat, - er und ich sind Liebesleute, - doch das brauchst du den anderen nicht zu erzählen.“

Und es war Jürgen, als wenn der Flugsand sich unter ihm bewege, er sagte kein Wort, aber er nickte mit dem Kopfe, und das bedeutet ja so viel als Ja; mehr war nicht nötig; allein er fühlte mit einem Male in seinem Herzen, dass er Martin nicht ausstehen könne - und je länger er darüber nachsann, in solcher Weise hatte er früher nie an Else gedacht, desto klarer wurde es ihm, dass Martin ihm das Einzige, das er lieb hatte, gestohlen, und das war freilich Else, jetzt war es ihm plötzlich klar.

Ist die See einigermaßen in Bewegung und die Fischer kehren in ihrem großen Boote zurück, dann sieh einmal, wie sie über die Riffe hinwegsetzen: Einer der Leute steht aufrecht im Vorderteile des Bootes, die anderen geben auf diesen Acht, sitzend, die Ruder in der Hand, welche sie vor dem Riff so gebrauchen, als wollten sie nicht ans Land, sondern in die See hinaus, bis endlich derjenige, der im Boote aufrechtsteht, ihnen das Zeichen gibt, dass jetzt die größere Woge herankommt, die das Boot über das Riff hebt; und das Boot wird nun auch gehoben, dermaßen gehoben, vom Lande aus sein Kiel erblickt; im nächsten Nu ist das ganze Fahrzeug von den vor ihm sich erhebenden Wellen gänzlich dem Auge entrückt, weder Boot noch Leute noch Mast sind zu sehen, man könnte glauben, das Meer habe sie insgesamt verschlungen, - wenige Augenblicke aber, und sie tauchen so empor, als krieche ein großes Seetier die Woge hinan, die Ruderstangen bewegen sich, als habe das Tier Beine; beim zweiten und dritten Riff geht es wie beim ersten, und nun springen die Fischer ins Wasser, ziehen das Boot ans Land, jeder Wellenschlag ist ihnen behilflich und bringt es einen guten Ruck vorwärts, bis sie es endlich aus dem Bereich der Brandung heraushaben.

Eine falsche Order vor dem Riff, ein Zaudern, und sie scheitern unfehlbar.

„So würde es mit mir vorbei sein, und auch mit Martin!“ - Der Gedanke überkam Jürgen draußen auf der See, wo gerade sein Pflegevater ernstlich erkrankt war. Das Fieber packte ihn, wenige Ruderschläge vor dem Riff sprang er vom Sitze auf und stellte sich in das Vorderteil.

„Vater, lass mich vor!“, sprach er und sein Blick schweifte über Martin und über die Wogen dahin, aber indem jede Ruderstange sich bei den kräftigen Zügen bewegte und er an die größte Woge herankam, sah er das blasse Antlitz seines Vaters und - vermochte nicht, seiner bösen Eingebung zu gehorchen. Das Boot kam gut über das Riff und aufs Land, allein der böse Gedanke blieb ihm im Blute, und dieser kochte und kochte jede kleine Faser der Bitterkeit wieder auf, die in seiner Erinnerung aus der Zeit der Kameradschaft zurückgeblieben war, doch vermochte er nicht, die Faser zusammenzuspinnnen, und so unterließ er es. Martin hatte ihn „spoliert“, das fühlte er, und das genügte freilich, ihn zu hassen. Einige der Fischer bemerkten das wohl, Martin selbst nicht; er war, wie früher, dienstwillig und gesprächig, das Letztere ein wenig zu sehr.

Jürgens Pflegevater musste das Bett hüten, und es wurde sein Totenbett, die Woche darauf starb er - und nun bekam Jürgen als Erbe das Häuschen hinter den Dünen, zwar ein geringes Haus, immerhin aber etwas, so viel besaß Martin nicht.

„Jetzt wirst du doch keinen Seedienst mehr nehmen, Jürgen? Wirst wohl jetzt immer bei uns hier bleiben?“, sprach einer der alten Fischer.

Das war aber nicht nach Jürgens Sinn, er dachte gerade daran, sich wieder ein wenig in der Welt umzuschauen. Der Aalbauer aus Fjaltring hatte einen Ohm in Alt - Skagen, derselbe war Fischer, aber zugleich ein wohlhabender Kaufmann, der Schiffe in der See hatte; der sollte ein recht alter, lieber Mann sein, in dessen Dienst zu treten wäre wohl nicht übel. Alt - Skagen liegt im Hochnorden Jütlands, so weit von den Huusby - Dünen entfernt, wie man hier zu Lande nur kommen kann, und das war es gerade, was Jürgen am meisten gefiel; er wollte nicht einmal bis zur Hochzeit Elses und Martins hierblieben, die in einigen Wochen stattfinden sollte.

Es sei unklug, die Gegend zu verlassen, meinte der alte Fischer; Jürgen habe ja jetzt ein Haus, Else würde noch gesonnen sein, ihn lieber zu nehmen als Martin.

Jürgen antwortete hierauf so unzusammenhängend, dass es nicht leicht war, aus seiner Rede klug zu werden, aber der Alte führte ihm Else zu; sie sprach wenig, aber das sagte sie:

„Du hast jetzt ein Haus, das muss bedacht werden.“

Und Jürgen bedachte vieles.

Das Meer hat schwere Wogen, das Menschenherz hat noch schwerere; viele Gedanken, starke und schwache, gingen Jürgen wirr durch Kopf und Sinn, und er fragte Else:

„Wenn nun Martin ein Haus hätte, so wie ich, wen nähmst du dann am liebsten?“

„Aber Martin hat keines und wird auch keines kriegen!“

„Aber denken wir uns, dass er eines bekäme!“

„Ja, dann nähme ich wohl Martin, denn so ist mir jetzt ums Herz, - aber davon kann man doch nicht leben!“

Und Jürgen dachte darüber die ganze Nacht hindurch nach. Ein Etwas gärte in seinem Innern, er selbst vermochte nicht recht, es sich klar zu machen, aber er hatte einen Gedanken, der stärker war als seine Liebe zu Else; - und so ging er zu Martin, und was er dort sagte und tat, war wohl überlegt; er überließ Martin unter den billigsten Bedingungen das Haus, er selbst wollte wieder zur See gehen, weil es ihm so gelüste. Und Else küsste ihn mitten auf den Mund, als sie das erfuhr, denn sie zog ja Martin allen vor. In der frühen Morgenstunde wollte Jürgen fort. Am Abend vorher, es war schon spät, überkam ihn die Lust, Martin noch einmal zu besuchen; er ging, und zwischen den Dünen begegnete ihm der alte Fischer, dem seine Abreise nicht gefiel. Der Alte witzelte über Martin und meinte, das ginge nicht mit rechten Dingen zu, dass alle Mädchen „den so gern hätten.“ Jürgen schlug diese Rede in den Wind, sagte dem Alten Lebewohl und ging auf das Haus zu, wo Martin wohnte; darinnen vernahm er lautes Gerede, Martin war nicht allein; Jürgen schwankte deshalb in seinem Vorsatze, mit Else mochte er am wenigsten zusammentreffen, und als er sich das recht überlegte, mochte er auch nicht, dass Martin sich noch einmal bei ihm bedanke, und er kehrte wieder um.

Am folgenden Morgen, vor Tagesanbruch, schnürte er seinen Ranzen, nahm sein hölzernes Ess - Stäbchen zur Hand und schritt zwischen den Sanddünen hindurch auf den Strandweg zu; der Weg hier war leichter zu gehen als der schwerere Sandweg, und außerdem kürzer, denn er wollte erst nach Fjaltring bei Bowberg, wo der Aalbauer wohnte, dem er einen Besuch versprochen hatte.

Das Meer lag blank und blau vor ihm, Muschelschalen und Donchylien, das Spielzeug seiner Kindheit, knirschte ihm unter den Füßen. Während er so dahinschritt, begann plötzlich seine Nase zu bluten, ein geringfügiges Ereignis, das aber auch seine Bedeutung haben kann; ein paar große Blutstropfen fielen auf einen seiner Ärmel, er wischte sie ab, stillte das Blut wieder, und es schien ihm, als habe der Blutverlust ihm ordentlich Kopf und Sinn erleichtert. Im Sande blühte hin und wieder Meerkohl, er brach einen Stengel desselben und steckte ihn auf seinen Hut, fröhlich und guter Dinge wollte er sein, ging es doch in die weite Welt, „ein wenig vor die Tür, die Bucht hinan“, wie die jungen Aale gesagt. „Hütet euch vor den bösen Menschen, die euch fangen, das Fell abziehen, entzweischneiden und auf die Bratpfanne legen!“, wiederholte er in seinem stillen Sinn und lächelte dabei; er käme wohl schon mit heiler Haut durch die Welt, denn frischer Mut ist eine gute Wehr!

Die Sonne stand schon hoch, als er sich der schmalen Einfahrt der Nissum - Bucht näherte; er blickte zurück und sah eine weite Strecke hinter sich zwei Reiter heransprengen und diese noch von anderen Leuten begleitet, meinte aber, das ginge ihn nichts an.

Die Fähre lag auf der entgegengesetzten Seite der Bucht; Jürgen rief den Fährmann heraus, und als dieser mit dem Boote herüberkam, stieg er zu ihm ein; doch ehe er noch die halbe Strecke der Überfahrt zurückgelegt, kamen die Männer, die so eilig hinter ihm geritten, heran, riefen der Fähre zu, drohten und nannten den Namen der Obrigkeit. Jürgen begriff nicht, wozu, allein er meinte, es sei am besten, umzukehren, nahm selbst die eine Ruderstange zur Hand und ruderte zurück; in demselben Nu, wo das Boot wieder ans Land anlegte, sprangen die Leute auch in dasselbe hinab, und ehe er sichs versah, schlangen sie einen Strick um seine Hände.

„Deine böse Tat wird dich das Leben kosten!“, sprachen sie. „Gut, dass wir dich fassten!“

Man beschuldigte ihn nichts Geringeren als eines Mordes; - man habe Martin tot mit einem Messerstich durch den Hals aufgefunden; einer der Fischer sei gestern spät am Abend Jürgen begegnet, der sich zu Martin begeben; es sei dies nicht das erste Mal, dass Jürgen das Messer gegen Martin gehoben, das wisse man, er müsse der Mörder sein; die Stadt und das Gericht waren weit entfernt, der Wind dorthin entgegen, aber um nach der Fährstelle und über die Bucht zu gelangen, brauchte man keine halbe Stunde, von dort sei nur eine Viertelmeile nach Nörre Vosburg, das ein großes Schloss mit Wällen und Graben war. Einer der Fischer, ein Bruder des Großknechts dort, war einer der Reiter, und derselbe meinte, man könne wohl auswirken, dass Jürgen bis auf Weiteres in das Loch auf Vosborg gesteckt würde, wo die Zigeunerin Langemarthe bis zu ihrer Hinrichtung gesessen hatte.