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Thomas Herzberg

Mörderisches Verlangen: Wegners schwerste Fälle (7. Teil)

Hamburg Krimi





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Titel

Mörderisches Verlangen

Wegners schwerste Fälle (7. Teil)

von Thomas Herzberg

 

Alle Rechte vorbehalten

Fassung: 1.1

 

Die Geschichte ist frei erfunden. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und/oder realen Handlungen sind rein zufällig. Ebenso sind Namen und Orte zufällig gewählt. Sämtliche Äußerungen, insbesondere in Teilen der wörtlichen Rede, dienen lediglich der glaubhaften und realistischen Darstellung des Geschehens. Ich verurteile jegliche Art von politischem oder sonstigem Extremismus, der Gewalt verherrlicht, zu selbiger auffordert oder auch nur dazu ermuntert!

Besonderen Dank verdienen zwei gute, ganz liebe Bekannte, die mir viele interessante Einblicke in eine schillernde und – mir bis dahin – unbekannte Welt ermöglicht haben. Danke!

 

Und ebenso ein ganz großes Dankeschön an diesen Mann:

Lektorat, Korrektorat: worttaten.de – Michael Lohmann

Inhalt:

 

Vielmehr von Verzweiflung als von Zuversicht getrieben, bricht Wegner nach Dubai auf, um sich an die Fersen von Hausers Mörder zu heften. Detlef Busch und dem neuen Kollegen Frank Schilling hinterlässt er gleich zwei ungelöste Mordfälle, die sich an Grausamkeit noch übertreffen. Immer schneller werden die Kommissare, auf kalten U-Bahnhöfen und in verrauchten Swinger-Clubs, in seltsame Zwischenwelten gezogen, die jeden Tag neue Überraschungen bereithalten ...

(Jeder Wegner-Fall ist eine in sich abgeschlossene Geschichte. Aber natürlich kann es nicht schaden, wenn man auch die vorangegangenen Fälle kennt ...;)

 

Lektorat/Korrektorat: Michael Lohmann - worttaten.de

 

 

 

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Unter meinem Pseudonym "Thore Holmberg":

Ansonsten:

 

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Prolog

 

Wenn er seinem Zeitgefühl trauen konnte, dann kniete er schon über eine halbe Stunde auf dem Betonboden. Jede Unebenheit bohrte sich wie Nadelspitzen in seine Kniescheiben. Wobei die Schmerzen sich mittlerweile in seinem gesamten Körper ausbreiteten. Kein Wunder! Seine Handgelenke waren mit dünnen Seilen an seine Fußknöchel gebunden. Die Knoten so stramm, dass sich nach ein paar Minuten das Blut vor und hinter ihnen aufgestaut hatte. Ein brennendes Prickeln, als ob Hände und Füße platzen wollten.

Aber dafür war er doch gekommen! Für Schmerzen, Demütigung … richtig was auf die Fresse kriegen.

Seinen Leuten in der Firma erzählte er, dass seine immer häufiger vorhandenen Blessuren vom Boxen stammten. Mit großen Augen schauten sie ihn jedes Mal an, wenn er ihnen erklärte, dass dieser Sport eben nicht nur aus Austeilen, sondern auch aus Einstecken bestünde. Wenn diese Narren die Wahrheit wüssten, dürfte die Tatsache, dass ihr Chef sich regelmäßig in Swingerclubs verprügeln ließ, noch Monate später die Gespräche in der Kantine beherrschen.

Die Schmerzen nahmen Ausmaße an, die ihresgleichen suchten. Letztendlich kam es bei diesen Spielchen nicht nur auf das Körperliche an. Es waren vielmehr Worte, Gesten oder Drohungen, die den besonderen Reiz ausmachten. Dazu ein paar erlesene Utensilien oder ein Stiletto, mit dem es sich eine Frau auf seinen Eiern gemütlich machte … das war der Kick. Der Moment, in dem er auch den letzten Funken Selbstkontrolle aufgab und sich einer – ihm häufig völlig unbekannten Person – restlos unterwarf.

Um ihn herum war es stockfinster. Dieser Darkroom war der einzige in Hamburg, der seinen Namen tatsächlich verdiente. Das hing hauptsächlich damit zusammen, dass es am Eingang sogar eine Art Schleuse gab. Erst wenn man die Eingangstür hinter sich geschlossen hatte, war es möglich, die zweite zu öffnen. Dieser Umstand garantierte totale Finsternis im Inneren des Raums. Viele Paare nutzten solche Gegebenheiten, um völlig anonym ihre ersten Berührungsängste zu verlieren. Von nichts als Dunkelheit umgeben, taute manch einer derart schnell auf, dass er sich beim Hinausgehen vor sich selbst erschreckte. Hinzu kam, dass diese einzigartige Kulisse in Hamburger SM-Kreisen immer mehr als Geheimtipp gehandelt wurde. Schließlich war er selbst nur durch ein Forum im Internet darauf gestoßen. Die Verabredung zum gemeinsamen Spiel hatte er mit Ichbinböse41 über dieselbe Plattform getroffen. In diesem Stadium wusste man in der Regel nicht einmal, ob es sich auf der anderen Seite um eine Frau oder einen Mann handelte. Man bestimmte Zeit und Ort, tauschte sich über Vorlieben oder No-Gos aus und ließ die Sache danach einfach auf sich zukommen. Leider kam es viel zu häufig vor, dass solche Verabredungen nicht eingehalten wurden; die wenigsten hielten es für nötig abzusagen.

In diesem Fall jedoch war es anders. Punkt Mitternacht hatte er wie verabredet den Darkroom aufgesucht. Nicht mal eine Minute dauerte es, bis er die Tür hörte und ihm ein leises Atmen verriet, dass sich eine weitere Person im Raum befand. Eilig waren seine Hände mit den Füßen verbunden, sein Mund zugeklebt und seine Eier mit einer seltsamen Apparatur zusammengequetscht.

Nicht ein einziges Wort war während der Vorbereitungen gefallen. Als er wenig später erneut die Tür hörte, wurde klar, dass Ichbinböse41 ihn zunächst ein bisschen vorglühen lassen wollte.

Nach ein paar Minuten – seine Kniescheiben bettelten um Erlösung – hatte er überlegt, ob er sich einfach zur Seite fallen lassen sollte. Aber das hätte übel enden können. Denn ohne Arme oder Beine, die einen solchen Fall abfangen oder ausbalancieren konnten, würde er vermutlich direkt mit dem Gesicht aufschlagen. Und ob ihm seine Kollegen derartige Verletzungen noch als Auswirkungen des Boxens abkauften, war mehr als fraglich.

 

Ein leises Klicken vor ihm kündigte an, dass gleich wieder jemand den Darkroom betreten würde. Es folgte ein dumpfes Scharren, von dem er glaubte, dass es zur zweiten Tür gehörte. Er lauschte in die Stille hinein, riss sogar die Augen auf, obwohl das mehr als albern war. Seine Lippen zuckten unter dem dicken Klebeband, das fürchterlich nach Lösungsmitteln roch. Immer mehr versuchte er seinen eigenen Atem zu reduzieren, um den der anderen Person hören zu können. Aber mit jedem Atemzug gab seine Nase ein leises Pfeifen von sich, das jedes andere Geräusch überdeckte. Nach einer Weile hätte er keinen Cent mehr darauf gewettet, dass sich tatsächlich noch eine weitere Person im Raum befand. Vielleicht hatte Er oder Sie es sich anders überlegt. War aus Angst vor der Dunkelheit umgedreht, um stattdessen Sauna oder Whirlpool zu genießen.

Oder war es doch Ichbinböse41? Wollte sein neuer Herr es schon beim Vorspiel so weit auf die Spitze treiben?

Er hatte schon aufgegeben, sich seinem aberwitzigen Schicksal gefügt – wochentags schloss der Club gegen eins –, da vernahm er unmittelbar neben seinem linken Ohr ein leises, schabendes Geräusch. Etwa so, als ob jemand ein Rasiermesser an einem Lederriemen schärfte.

Augenblicklich spürte er die pure Geilheit in sich aufsteigen, die in solchen Momenten insbesondere vom Nichtwissen angefacht wird. Sein Kopfkino verwöhnte ihn bereits mit allen möglichen zu erwartenden Szenarien.

Eins war klar: Auf Blümchensex oder Vanille – so nannte man in der Szene alles, auf das die Attribute normal oder 08/15 zutrafen – würde es definitiv nicht hinauslaufen.

Wieder lauschte er in die Stille hinein und versuchte eine Bestätigung zu finden für seine Annahme. Er spürte, dass sein gesamter Körper heftig zu schwitzen begann. Selbst die vorher so strammen Knoten an seinen Handgelenken ließen sich millimeterweise bewegen, weil sie auf seiner feuchten Haut immer weniger Halt fanden. Erneut ein schabendes Geräusch, das nur von irgendeiner Art Klinge stammen konnte. Jetzt spürte er eine Hand, die sanft durch seine Haare strich. Plötzlich jedoch packten die Finger zu und rissen seinen Kopf ruckartig nach hinten.

Endlich! Es geht los …

Nur einen Atemzug später fühlte er, wie sich etwas höllisch Scharfes gegen seinen Kehlkopf drückte und ganz langsam, von einem heftigen Brennen begleitet, über seine Haut fuhr. Er glaubte bereits zu spüren, dass Blut über seine Brust lief.

Während sich sein Verstand noch damit beschäftigte, ob dies schon der Zeitpunkt wäre, um die Sache mit dem vereinbarten Codewort zu beenden, fühlte er, dass der Druck der Klinge sogar zunahm.

Verdammt! Auf welches Sicherheits-Wort hatten sie noch mal geeinigt?

Das letzte Geräusch in seinem Leben – es klang, als ob jemand einen rohen Braten mit einem entschlossenen Schnitt in der Mitte teilte – nahm er nicht einmal mehr richtig wahr. Sein Inneres hatte sich der Umgebung angepasst: totale und endgültige Finsternis.

 

1

 

Wie an jedem Morgen herrschte auf dem Hamburger Flughafen das blanke Chaos. Hunderte von Bussen, Taxis und neuerdings auch U-Bahnen spuckten unaufhörlich weitere Massen aus, die so schnell wie möglich die schöne Hansestadt per Flugzeug verlassen wollten.

Detlef Busch zog einen riesigen Trolley hinter Wegner her, der immer wieder stehenblieb, um das Treiben rundherum kopfschüttelnd zu mustern. Erneut starrte er jetzt auf die riesigen Anzeigetafeln und schaute danach zu Busch, der sich ein Lachen kaum verkneifen konnte.

»Mit dem ersten Fliegen ist es wie mit dem ersten Sex, Cheffe! Die meisten Gedanken macht man sich, bevor es losgeht.«

Wegner funkelte seinen jungen Kollegen wütend an.

»So ein Mist kann auch nur einer erzählen, der von beidem keine Ahnung hat. Wie ging es Ihnen denn vor Ihrem ersten Mal?«

»Reden Sie vom Fliegen oder …«

»Natürlich vom Fliegen, Klugscheißer! Der Rest interessiert mich nicht.«

»Kann mich nicht wirklich daran erinnern, aber mittlerweile mag ich es. Manchmal hat man sogar Glück und es gibt was Leckeres zu essen.«

Die beiden Kommissare umkurvten eine Gruppe Asiaten, die augenscheinlich keine Ahnung hatten, wohin sie überhaupt wollten.

»Da vorne steht was von Gate 17«, vermeldete Wegner, nachdem er ein weiteres Mal ausführlich die Anzeigetafeln studiert hatte.

»Zuerst müssen wir Ihren Koffer loswerden und Sie durch die Sicherheitskontrolle schleusen. Danach geht’s erst zum Gate, Cheffe.«

Wieder musterte Wegner Busch eine ganze Weile kritisch. Was jetzt kommen würde, konnte sich der junge Kommissar lebhaft vorstellen. Selbst den genauen Wortlaut hätte er vorhersagen können.

»Sicherheitskontrolle? Ich bin Polizist!«

Busch stöhnte genervt. »Das haben wir doch wirklich hundert Mal besprochen, Cheffe. Hier ticken die Uhren anders. Das ist ein Flughafen, da haben unsere Dienstausweise kaum Bedeutung.«

 

Eine Viertelstunde später steuerte Wegner zielsicher auf den Schalter der Personenkontrolle zu. Die junge Frau dahinter schaute den Hauptkommissar erwartungsfroh an; sie schien auf irgendetwas zu warten.

Busch drängte sich an seinem Chef vorbei und zog eine Mappe mit einem ganzen Stapel Reiseunterlagen heraus. Jetzt griff er nach dem ersten Blatt und hielt es der Frau vor die Nase.

»Bitteschön, seine Bordkarte. Außerdem …« Er holte sein Dienstausweis aus der Jackentasche. »… ich muss Herrn Wegner noch bis zum Gate begleiten.«

Die Frau hinter dem Schalter musterte die beiden Männer. Vermutlich glaubte sie, dass es sich bei Wegner um einen Verbrecher handelte.

Busch schüttelte lachend den Kopf.

»Nicht, was Sie denken …! Ich will nur sicher sein, dass er auch wirklich einsteigt. Ist sein erstes Mal heute.«

Die Frau schien zu verstehen und machte eine Handbewegung, die den beiden Kommissaren galt.

»Dann wünsche ich einen guten Flug«, prustete sie lachend hervor. »So schlimm ist es gar nicht.«

 

»Kommt man nach Dubai wirklich nur mit dem Flugzeug?«, erkundigte sich Wegner zum gefühlt hundertsten Mal. »Kann man nicht doch mit dem Auto oder wenigstens mit dem Zug fahren?« Der Hauptkommissar wirkte nervös. Zum ersten Mal, seitdem Busch ihn kannte, hatte er das Gefühl, dass sein Chef eine wunde Stelle hatte.

»Nur, wenn Sie zwei Wochen Zeit haben. Fliegen ist die schnellste, einfachste und sicherste Möglichkeit. Ich habe Ihnen doch die Statistiken gezeigt … mit dem Auto ist es um ein Vielfaches gefährlicher.«

»Ich scheiß’ auf Ihre Statistiken. Sie müssen sich ja nicht in so einen Vogel setzen, wo vorne einer sitzt, der am Abend davor besoffen ’ne Stewardess gevögelt hat.«

»Gibt es eigentlich irgendeinen Berufsstand, über den Sie was Gutes zu sagen hätten?« Busch grinste.

Wegner schien zu überlegen. »Wir hatten mal einen Klempner, mit dem ich ganz zufrieden war, bis der Arsch beim letzten Mal das halbe Bad überflutet hat.«

 

Ein paar Minuten später saßen die beiden Kommissare vor Gate 17. In etwa einer Stunde sollte der Lufthansa-Flug nach Dubai starten. Wegner fummelte unaufhörlich an seinen Taschen herum. Holte hier etwas heraus, um es woanders wieder zu versenken. Dann zog er seine Brieftasche hervor und griff nach der Kreditkarte, die ganz vorne steckte.

»Und es ist wirklich in Ordnung? Die Sache wird nicht billig, darauf können Sie sich verlassen.«

Busch stöhnte genervt. Sein Blick hatte sich auf irgendetwas in weiter Ferne fokussiert. Kurz darauf begann er leise: »Das mit Hauser ist erst drei Wochen her, aber es vergeht immer noch kein Tag, an dem ich nicht an ihn denke.« Busch rutschte auf seinem Plastiksessel herum, schien jedoch keine bequeme Position zu finden. »Jaja, ich kannte ihn nur kurze Zeit und bei Weitem nicht so gut wie Sie ihn gekannt haben. Aber trotzdem, selbst die paar Monate haben ausgereicht, um ihn zu mögen … ihn als Freund zu akzeptieren. Außerdem war er einer der besten Polizisten, die ich je getroffen habe.«

Als Busch sich zur Seite drehte, sah er, dass Wegner schwer schluckte. Seine Augen hatten diesen feuchten Glanz angenommen. Wie schon so oft in den letzten Wochen.

»Ja, es ist in Ordnung!«, fauchte Busch viel zu laut. »Sie wissen ganz genau, was mir Geld bedeutet. Ich habe A genug davon und B können Sie vorne gar nicht so viel ausgeben wie an jedem Monatsersten hinten wieder dazukommt.«

»Dann lasse ich es mir auf Ihre Kosten gut gehen, Busch. Wir werden ja sehen, wann Sie diesen Entschluss zum ersten Mal bereuen.«

 

Eine weitere Viertelstunde später hatten die Kommissare alles Wichtige besprochen. Während Wegner sich nach Dubai aufmachte, ließ er in der Mordkommission einen Haufen Arbeit zurück. Ein paar Tage zuvor war eine Putzkolonne im Darkroom eines Swingerclubs auf eine Männerleiche gestoßen. Die Ermittlungen gestalteten sich schwierig, insbesondere, weil Wegner sich beharrlich weigerte, womöglich selbst in diesem Milieu tätig zu werden. Es blieb also ohnehin an Detlef Busch und ihrem neuen Kollegen Frank Schilling hängen, in dieser Sache weiterzukommen.

»Ich hab’ auch noch den Fall mit der Toten am U-Bahnhof Sternschanze. Weiß gar nicht, wie ich nebenbei auch noch unseren verwirrten Swinger ausfindig machen soll.«

Busch war aufgestanden. Der Abschied stand unmittelbar bevor.

Wegner erhob sich ebenfalls. Fast hätte man den Eindruck haben können, dass er seinen jungen Kollegen sogar umarmen wollte. Er schien sich jedoch eines Besseren zu besinnen und streckte stattdessen nur die Hand aus.

»Teilt euch auf! Der Schilling wohnt doch bei Mutti und hat ohnehin kein Privatleben. Der freut sich, wenn er mal rauskommt.«

»Also soll er die Sache mit den Swingerclubs übernehmen, ja?« Busch atmete erleichtert aus.

»Klar! Vielleicht wird der Kerl auch verträglicher, wenn er mal’n bisschen Druck ablassen kann.« Wegner lachte röhrend, was die anderen Fluggäste rundherum aufschauen ließ. »Ihr bekommt das schon hin, da bin ich mir ganz sicher. Außerdem brauche ich Sie in ständiger Bereitschaft, falls ich auf irgendetwas stoße. Die Suche nach Hausers Mörder hat so lange absolute Priorität, bis wir das Schwein gefunden haben. Alles andere rückt ins zweite Glied. Ist das klar?«

»Sonnenklar, Cheffe !«

2

 

Ein Vormittag wie jeder andere. Er lag auf seinem Bett und räkelte sich. Den Laptop hatte er neben sich auf den Nachttisch gestellt. Noch immer flimmerte ein Pornofilm auf dem Bildschirm. Egal, auf welcher der einschlägigen Seiten er sich bewegte: überall derselbe Schund. Dieser Mist reizte ihn schon lange nicht mehr.

Letztendlich kein Wunder!

Wie sollte man auch den immer gleichen Akt auf eine Weise darstellen, die es zuvor noch nicht gegeben hatte. Sie trieben es drinnen, draußen, im Handstand, in Zügen, Flugzeugen, Taxis … im Endeffekt überall und auf jede Weise, die man sich nur vorstellen konnte. Neuerdings waren sogar Zeichentrick- und Zombiepornos angesagt. Es würde nicht mehr lange dauern, bis die milliardenschwere Industrie den Weltraum für sich aufschloss.

Müde erhob er sich, um ins Bad zu schlurfen. Irgendwann musste der Tag ja beginnen. Obwohl niemand auf ihn wartete. Kein Chef, keine Freundin, nicht mal ein Freund. Unterm Strich nichts, was die Bezeichnung Leben auch nur ansatzweise verdient hatte. Wen wunderte es da, dass sein Motor regelmäßig erst um die Mittagszeit herum auf Drehzahl kam?

Außer, es gab etwas, das ihn reizte. So wie in den letzten Wochen.

Die Zähne geputzt, das Gesicht flüchtig gewaschen, schlurfte er hinter seinen kleinen Küchentresen, auf dem wenigstens die röchelnde Kaffeemaschine auf ihn wartete.

Ein schwacher Trost!

Der Blick in den Kühlschrank wirkte nicht minder frustrierend. Die wenigen Überreste von Wurst, Käse und Butter waren verschimmelt. Wenn er tatsächlich frühstücken wollte, dann bliebe ihm nichts anderes übrig, als sich auf den Weg in den Supermarkt zu machen. Bei der Gelegenheit könnte er sich auch gleich ein paar Kippen und die Morgenpost holen.

Die Artikel über seinen ersten Mord rückten von Tag zu Tag weiter nach hinten. Trotzdem schien die Hamburger Bevölkerung noch immer wissen zu wollen, wer für den Mord an einer jungen Büroangestellten auf dem U-Bahnhof Sternschanze verantwortlich war.

Wochenlang hatte er der jungen Frau fast jeden Morgen aufgelauert. Hatte sie beobachtet und ihre Gewohnheiten studiert. Er war ihr sogar bis zur Haustür gefolgt, um zu erfahren, wo sie wohnte. Er wusste, wann sie aufstand, wo sie arbeitete und konnte sogar sagen, wann sie am Abend den Weg ins Bett suchte. In all der Zeit hatte er sich gefühlt, als ob er ein Teil ihres Lebens wäre. Fast so, wie bei einem Paar, das den Alltag, Sorgen, Nöte, aber auch schöne Momente miteinander teilte.

An jenem Morgen, als er endlich den Lohn für all seine Mühen einstreichen wollte, lief am Ende alles ganz anders als geplant. Gewehrt hatte sich das Miststück, ihn gekratzt und sogar gebissen, nachdem er sie gepackt hatte und hinter die Absperrung an den Gleisen zerren wollte. Als sein Verstand ihm meldete, dass es kaum so wie geplant ablaufen würde, war es danach einfach mit ihm durchgegangen. Wie sonst war es zu erklären, dass er die Frau zuerst ohnmächtig geschlagen und dann auf die Gleise geworfen hatte.

Die heranrauschende U2 – so stand es zumindest in einem Zeitungsbericht vom nächsten Morgen – hatte den Körper der Frau glatt in der Mitte geteilt. Der Lokführer kam mit einem Schock ins Krankenhau. Ein gutes Dutzend Reisende musste am Bahnsteig psychologisch behandelt werden.

Zu diesem Zeitpunkt war er schon lange zu Hause angekommen ... mit leeren Händen. Reue empfand er nicht. Vielmehr das Verlangen, es beim nächsten Mal besser zu machen. Mehr Zeit in die Vorbereitung zu investieren. Den Ort, seine Vorgehensweise und die Tat gründlicher zu planen.

 

***

 

Zum Abschied hatte Detlef Busch Wegner mehrfach auf die Schulter geklopft und seinen Chef dann wie ein ängstliches Kind zurückgelassen, dem die erste mehrtägige Klassenfahrt bevorstand.

Vom Flughafen war Busch in Richtung Innenstadt aufgebrochen. Er hatte einen Termin bei der Hamburger Hochbahn und hoffte, dass ihm die Aufnahmen vom Bahnsteig weiterhelfen würden. Hinweise oder gar Zeugen, die das schreckliche Verbrechen beobachtet hatten, gab es nicht. Also konzentrierten sich seine Hoffnungen darauf, dass der Täter den Kameras auf dem U-Bahnhof Sternschanze vor das Objektiv gelaufen war. Ferner hatte ihm der Fahrdienstleiter auch sämtliche Aufnahmen vom Gelände rund um den U-Bahnhof herum versprochen. Wenn all diese Hinweise keine neue Spur ergaben, dann dürfte es schwierig werden, den Täter schnell zu finden.

Busch war gerade auf die Willy-Brandt-Straße abgebogen, als sein Handy klingelte. Cheffe, strahlte es ihm auf dem Display entgegen.

»Ja, bitte?«

»Die Frau hier im Bistro will die Kreditkarte haben«, begann Wegner flüsternd. »Wenn ich der die Karte gebe, dann hat die doch Nummer …«

»Cheffe!«

»Ich kann doch nicht …«

»Sie geben der Frau jetzt einfach die Karte!«, entfuhr es Busch genervt. »Geben Sie ihr die Karte … wenn mir später etwas auf den Abrechnungen verdächtig vorkommt, dann kümmere ich mich schon darum.«

Wegner brummte am anderen Ende der Leitung, wollte offensichtlich weiter protestieren.

»Geben Sie ihr die Karte, verdammt!«

»Ich zahl’ bar«, klang es dumpf. Danach ein Piepton, der Busch verriet, dass sein Chef das Gespräch beendet hatte. Er konnte nur hoffen, dass die Mitteilung trotzdem angekommen war und Wegner sich zukünftig nicht mehr um derlei Dinge sorgte.

 

Vor der Zentrale der Hamburger Hochbahn suchte Busch fast fünf Minuten nach einem Parkplatz. Wie er es von seinem Chef gelernt hatte, legte er am Ende seinen Dienstausweis auf das Armaturenbrett und ließ den Wagen in zweiter Reihe stehen.

Eilig hechtete er die Treppen hinauf, um atemlos das Büro der Fahrdienstleitung zu erreichen. Die drei Männer hinter dem Tresen musterten ihn, als ob ein Außerirdischer ihre Ruhe gestört hätte.

»Busch, Kripo Hamburg. Ich bin mit Herrn Jensen verabredet.«

Einer der Männer schlurfte bereits auf den Tresen zu. Seine Hand langte in eine Schublade und kehrte mit einer CD zurück.

»Jensen, Moin! Ist alles drauf ... bitteschön.«

»Und warum hat das so lange gedauert?«, erkundigte sich Busch verärgert. Es gab Momente, in denen er sich vor sich selbst erschreckte. Von Tag zu Tag mutierte er immer mehr zu einer Kopie von Wegner.

Jensens Miene verfinsterte sich augenblicklich. Jetzt trat er sogar einen Schritt zurück und musterte sein Gegenüber.

Busch versuchte, möglichst unbeeindruckt zu wirken. Er legte die CD vor sich auf den Tresen und holte Luft.

Jensen antwortete nicht. Stattdessen drehte er sich um und suchte die Blicke seiner Kollegen, denen diese Unterhaltung Freude zu bereiten schien.

Statt seine Zeit mit weiteren Diskussionen zu verschwenden, schnappte sich Busch die CD, machte auf dem Absatz kehrt und ließ drei kopfschüttelnde Männer zurück.

Vor der Zentrale der Hamburger Hochbahn hatten sich gleich drei Politessen versammelt, die Busch’ Dienstwagen mit verärgerten Gesichtern beäugten. Als der junge Kommissar hinzukam, empfingen sie ihn ebenso kopfschüttelnd wie ihn zuvor die Männer verabschiedet hatten.

alles drauf

Wir stehen noch auf dem Boden. Ist es normal, dass es unter meinen Füßen so knarrt und rumpelt?

Abschicken

An der übernächsten Ampel brummte sein Handy erneut. Wegners Antwort beschränkte sich auf ein einziges Wort: Arschloch!