Hannah Kaiser

 

Zimtzucker

 

Liebesroman

 

 

 

  1. Auflage November 2014

 

Copyright 2014 Hannah Kaiser

Covergestaltung: Catrin Sommer www.rausch-gold.com

Fotos: Hannah Kaiser

Grafiken: shutterstock.com, Bildnummern 75845206 und 124797484

Lektorat: Alexandra Balzer

Korrektorat: Brigitte Melchers

 

 

 

 

 

 

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form sind vorbehalten. Dies gilt ebenso für das Recht der mechanischen, elektronischen und fotografischen Vervielfältigung und der Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

 

Die Handlung und handelnden Personen, sowie alle Namen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden und/oder realen Personen bzw. Vereinen ist rein zufällig.

 

hannah.kaiser79@gmx.de

 

 

 

Kapitel 1

 

„Bist du dir sicher, dass du das machen willst, Sarah?“ Mein Bruder wirft mir einen besorgten Seitenblick zu und setzt gleichzeitig den Blinker seines Autos, um anschließend weiterhin der Beschilderung zum Flughafen zu folgen.

„Ich kann die beiden einfach nicht im Stich lassen!“ Unruhig spiele ich am Verschluss meiner Handtasche herum, während die vertrauten Straßenzüge Bostons am Fenster an mir vorbeiziehen. Doch heute kommen sie mir merkwürdig fremd vor. Ein kalter Schauer läuft über meinen Rücken und ich raffe fröstelnd den dünnen Mantel über meiner Brust enger zusammen. Es hat angefangen zu regnen.

„Es ist ja nun auch nicht so, als hätte dein Dad sich immer wieder aufs Neue als Vater des Jahres qualifiziert“, bemerkt Grayson trocken und runzelt nachdenklich die Stirn. Seufzend betrachte ich sein Gesicht mit den bernsteinfarbenen Augen, die meinen so ähnlich sind. Er räuspert sich, bevor er wieder zu sprechen beginnt. „Du bist deinem Vater nichts schuldig. Das weißt du, oder?“

„Natürlich weiß ich das.“ Unsere Väter sind nicht identisch, weil unserer Mutter selten ein Mann lange gut genug gewesen ist. Dann ist sie weiter zum nächsten gezogen. Ich habe meinen Dad früher bloß in den Ferien oder ab und an am Wochenende gesehen. Er hat immer viel gearbeitet und Midway und Boston trennen mehrere Flugstunden.

Und dennoch … mein Vater ist mein Vater. Und – was noch viel gravierender ist – Rachel ist meine kleine Schwester. Auch wenn wir nicht viel Kontakt zueinander haben, haben wir ein herzliches Verhältnis und ich fühle mich ihr gegenüber irgendwie in der Pflicht. Das meine ich nicht negativ. Sie ist Teil meiner Familie und ich will für sie da sein, wenn ich davon ausgehe, dass sie mich braucht.

Grayson seufzt schwer. Niemand auf der Welt steht mir so nah wie mein großer Bruder.

„Soll ich vielleicht mitkommen?“ Er scheint sich Sorgen um mich zu machen, was ich gar nicht so wirklich nachvollziehen kann. Aber wir stehen einander eben sehr nah.

„Und Cherry mit den Hochzeitsvorbereitungen alleine lassen? Sie wird dir was ganz anderes erzählen, wenn du das machst. Und mir ebenso. Und zwar zu Recht!“ Jetzt ist es an mir, schwer zu seufzen. „Ich schaffe das, okay? Es ist ja schließlich nicht meine Mutter, die gestorben ist.“

„Ich verstehe nur immer noch nicht, warum du unbedingt hinfahren und auch noch dableiben willst.“

 

Als ich später im Flugzeug sitze, denke ich die ganze Zeit über diese Frage nach. Wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, dann ist Rachel nicht der einzige Grund.

Natürlich wäre ich auf jeden Fall zu meinem Vater und meiner Schwester geflogen. Aber so makaber das auch klingen mag – ich bin froh, dass ich eine Aufgabe habe. Der Gedanke erscheint mir in diesem Zusammenhang so grausam und herzlos, dass ich mich schon ganz elend fühle. Doch es ist wirklich so – im Moment hält mich nichts mehr in Boston.

Meine Arbeit als Theaterpädagogin mit Jugendlichen einer Schule inmitten eines sozialen Brennpunktes ist einfach wegrationalisiert worden. Ich habe diesen Job geliebt und die Kids ebenso und hätte auch ohne Bezahlung weitergemacht – aber da hat die Versicherung der Schule mir einen Strich durch die Rechnung gemacht. Egal, was ich versucht habe, es war nichts zu machen.

Mir fällt das noch schwerer, als ich mir vorher ausgemalt hätte. Es hinterlässt eine Lücke in meinem Leben, von der ich momentan nicht weiß, wie ich sie füllen soll.

 

Als das Flugzeug landet, ist es 21:30 Uhr, bis ich mein Gepäck habe nach zweiundzwanzig Uhr.

Bis zum Haus meines Vaters sind es von hier aus noch über achtzig Kilometer.

Ein wenig irritiert schaue ich die Dame hinter dem Schalter des einzigen noch geöffneten Autoverleihs an.

„Sie haben nur noch zwei Wagen da? Wie kann das denn passieren?“

Leicht desinteressiert zuckt sie mit den Schultern, bevor sie auf der Tastatur ihres Computers herumtippt. Kurz frage ich mich, wie man mit solch langen Fingernägeln überhaupt vernünftig tippen kann, aber sie reißt mich schnell aus meinen Gedanken.

„Sie haben den Fahrer des Autotransporters, der uns die Mietfahrzeuge immer bringt, mit 3,0 Promille erwischt und wir können so schnell keinen anderen mehr auftreiben. Also sind nur noch die beiden Autos da.“ Erneutes Getippe folgt, bevor sie wieder leicht genervt ihre Aufmerksamkeit auf mich richtet. „Also, wollen Sie nun den Spark oder den Colorado?“

„Den Colorado!“ Darüber muss ich nicht lange nachdenken, ich habe viel zu viel Gepäck für den kleinen Spark, schließlich habe ich geplant, mehrere Wochen bei Dad und Rachel zu bleiben. Außerdem fahre ich gerne große Autos, sie umgeben mich mit dem Gefühl von Sicherheit.

Während ich noch in meiner Handtasche nach meiner Kreditkarte suche, höre ich jemanden unterdrückt fluchen. Ich könnte schwören, dass der Mann hinter mir etwas von beschissenster Tag des Jahres dicht gefolgt von dämliche Alte murmelt. Stirnrunzelnd drehe ich mich zu ihm um, in der festen Absicht, mich mehr oder weniger freundlich zu erkundigen, ob er gerade von mir gesprochen hat. Doch der Blick, den ich dabei aus einem Paar unterschiedlich farbiger Augen ernte, ist so mörderisch, dass ich es mir umgehend anders überlege. Lieber ein lebendiger Feigling als ein toter Held – das ist ein Motto, mit dem ich stets gut gefahren bin.

Mit einem kurzen Kopfschütteln wühle ich weiter in dem Chaos meiner Handtasche, bis ich endlich meine Brieftasche gefunden habe, um der Dame von der Autovermietung das kleine Stück Plastik zu überreichen.

In der Zeit, in der sie meine Daten in den Computer eingibt, drehe ich mich ein bisschen nach rechts, um den Mann hinter mir aus den Augenwinkeln neugierig zu betrachten. Er schaut zur Seite und scheint grimmig eine Werbetafel zu betrachten. Eigentlich ist er ziemlich gut aussehend. Groß, muskulös, blondes, leicht gelocktes Haar. Wenn ich für den Film arbeiten und einen historischen Highland-Krieger brauchen würde – er würde auf meiner Liste ganz oben stehen.

Ein unwillkürliches Lächeln versucht sich auf meinem Gesicht auszubreiten, während ich ihn mir im Schottenrock vorstelle. Das wäre das perfekte Outfit für ihn und würde super zu den verschränkten Armen und der ärgerlichen steilen Falte zwischen seinen Augenbrauen inklusive der finsteren Miene passen.

Leider arbeite ich nicht beim Film und ich persönlich mag es lieber, wenn Männer mich zum einen nicht als alt und schon gar nicht als dämlich bezeichnen, wenigstens ein paar Manieren und außerdem zumindest ein Minimum an Freundlichkeit an den Tag legen. Da ist es mir auch egal, ob er unter dem Kilt eventuell keine Unterwäsche trägt. Bei diesem Gedanken bleiben meine Augen an seinem Schritt hängen, ohne dass ich es beabsichtigt hätte. Wahrscheinlich hatte ich einfach viel zu lange keinen engeren Kontakt mehr zu einem Mann … Als würde er meinen Blick auf sich spüren können, dreht er sich auf einmal zu mir und ich setze ein entschuldigendes Lächeln auf, das er nicht erwidert.

Unhöflicher Scheißkerl!

 

Eine Viertelstunde später stehe ich auf dem Parkplatz der Autovermietung. Es hat wieder zu regnen begonnen – das schlechte Wetter scheint mich heute zu verfolgen. Von einem Himmel, der noch schwärzer als schwarz wirkt, fallen unablässig dicke Tropfen herunter, und auch das Glitzern des Regens im fahlen Licht der Parkplatzbeleuchtung kann weder das trostlose Wetter noch meine unbehagliche Stimmung abmildern. Meine Gedanken schweifen unablässig zu meinem Dad und meiner kleinen Schwester. Mein Vater klang am Telefon recht gefasst, aber ich bin mir sicher, dass es schwer für ihn ist. Er ist ein beherrschter Mann, der nur selten Gefühle zeigt. Ich weiß, dass es um seine Beziehung zu Christina nicht immer zum Besten stand. Dennoch hat er sie auf seine Art sehr geliebt. Und Rachel … Sie ist fünfzehn und hat nun keine Mutter mehr. Und das in einer Phase, in der ein Mädchen wirklich dringend eine Mutter braucht.

Der Parkplatzbereich der Mietwagenfirma ist zum Glück fast leer, sodass ich das entsprechende Fahrzeug schnell gefunden habe. Vor dem hässlichen Maschendrahtzaun und im kalten Licht der Parkplatzbeleuchtung empfinde ich so ein Auto fast als einen gemütlichen Rückzugsort.

Frierend und müde verstaue ich mein Gepäck auf der Rückbank des dunkelroten Pick-ups. Mit einem Kopfschütteln betrachte ich die große Ladefläche. Warum bitte vermietet man am Flughafen ausgerechnet einen Pick-up? Und auch noch einen ohne Abdeckung? Was soll man da mit der Ladefläche anfangen?

Falls ich ein Reh überfahren sollte, kann ich es zumindest transportieren und unser morgiges Mittagessen ist gesichert.

Lächelnd stelle ich mir vor, wie Editha, die alte Haushälterin meines Vaters, die Hände über dem Kopf zusammenschlägt, wenn ich sie mit der Zubereitung einer solchen Beute beauftrage, und ich fühle mich ein kleines bisschen besser.

Der Mietwagen riecht nach einer Mischung aus Leder und Apfellufterfrischer, nicht unangenehm, jedoch auch nicht sonderlich heimelig. Als ich den Motor starte, wird der Regen noch stärker und prasselt in einem steten Stakkato auf das Wagendach. Seufzend schalte ich die Sitzheizung an und lasse das Auto langsam vom Parkplatz rollen. Dabei kann ich gerade noch aus den Augenwinkeln erkennen, wie der unhöfliche Highlander verzweifelt versucht, zwei riesige Sporttaschen in den Kofferraum des winzigen Sparks zu bekommen und dabei pitschnass geregnet wird.

Das kommt davon. Karma und so …

Um mein eigenes Karma sollte ich mir allerdings auch ein paar Gedanken machen – so gehässig zu sein ist bestimmt nicht gerade zuträglich.

 

+++

Der Tag war beschissen gelaufen. Ein einziges Desaster. Sein Chef, der ihn noch nie so richtig leiden konnte, hat ihn in letzter Zeit besonders auf dem Kieker, was er sich nicht erklären kann. Klar, die Ergebnisse könnten im Moment wirklich deutlich besser sein. Aber das Verhalten seines Chefs geht weit über den normalen Frust über ein paar verlorene Spiele hinaus. Da muss noch etwas anderes dahinterstecken.

Und als wäre es nicht schon schlimm genug, dass er früher zurückfliegen musste, weil irgendein Volltrottel in sein Büro eingebrochen ist: Sich jetzt noch in diese Sardinenbüchse von Kleinwagen quetschen zu müssen und das alles bei strömendem Regen, das setzt dem Ganzen echt die Krone auf.

Ärgerlich schaut er der blöden Tussi hinterher, die ihm den letzten brauchbaren Leihwagen vor der Nase weggeschnappt hat.

Sie wirkte gleich auf den ersten Blick nach Geld. Nicht, dass er nicht selbst genug davon hätte, doch manchmal kann man Menschen ansehen, wenn sie bereits mit Reichtum groß geworden sind. Ihr Gang, ihr Outfit, die perfekt sitzende Frisur, bei der nicht eine Locke ihres braunen Haares illegal ihren Platz verlässt ... Solche Frauen machen immer bloß Ärger. Obwohl dieses Exemplar verflucht attraktiv gewesen ist. Kurvenreich und üppig. Die Wartezeit damit zu verbringen, auf ihren prallen Hintern in dem eng anliegenden Bleistiftrock zu glotzen, hat ihm durchaus gefallen. Genau wie ihr klassisch-schönes Gesicht mit den ungewöhnlichen goldbraunen Augen. Normalerweise hätte er vielleicht ... Aber heute Abend steht ihm danach wirklich nicht der Sinn.

Mit knirschenden Zähnen versucht er seine Reisetasche im Kofferraum zu verstauen, nur um sich dabei die Fingerknöchel zu stoßen.

Verdammt!

Solche Autos sind einfach nicht für Menschen wie ihn gemacht. Er braucht Platz und Raum und nicht irgendetwas Parkplatzfindungsfreundliches.

Frustriert tritt er gegen den hinteren Reifen. Besser geht es ihm danach allerdings nicht, stattdessen tun ihm jetzt auch noch die Zehen weh.

Ziemlich durchnässt und gänzlich frustriert faltet er sich soweit zusammen, dass er irgendwie hinters Steuer passt.

Nachdem er den Motor gestartet hat und es im Innenraum langsam warm wird, greift er noch einmal nach seinem Handy. Nach kurzem Zögern drückt er schließlich auf Wahlwiederholung.

Es klingelt ein paar Mal, bevor sein Anruf entgegen genommen wird. Das erste was er hört ist Musik im Hintergrund, gefolgt von der lallenden Stimme eines ihm unbekannten männlichen Teenagers.

„Hallo?“

Eric McLeod verdreht die Augen.

„Ich würde gerne meinen Sohn sprechen.“ Seine Stimme ist bestimmend und schneidend, ein Befehl, keine Bitte. Leider ist sein Gesprächspartner anscheinend zu betrunken, um sich davon beeindrucken zu lassen.

Erics Zähneknirschen ist mittlerweile so laut geworden, dass er damit innehält. Sein Zahnarzt schlägt jedes Mal die Hände über dem Kopf zusammen, wenn er da ist und murmelt etwas von einem frühzeitigen Gebiss, falls er so weiter machen würde.

Nach mehreren Minuten hört er endlich seinen Sohn.

„Daddy? Bist du das?“ Diesmal schwingt eine leichte Panik in der Stimme mit, die aus dem Telefon kommt. Eric registriert es mit einiger Genugtuung.

„Travis“, knurrt er ins Telefon. „Ich hatte dir, glaube ich, ziemlich deutlich zu verstehen gegeben, dass du keine Party geben sollst. Wolltest du nicht eigentlich bei Logan übernachten?“ Kurz ist er sich nicht sicher, ob er wirklich Lust hat, sich die Ausreden seines Sohnes anzuhören. Er hatte ohnehin schon geahnt, dass er sich nicht an ihre Vereinbarungen gehalten hat. Und bei allem Verständnis – diesmal wird es Folgen haben. Als Travis zu stottern anfängt, würgt er ihn einfach ab. „Ich bin in spätestens drei Stunden zu Hause, Sohn! Gnade dir Gott, wenn bis dahin nicht alle Gäste verschwunden sind und außerdem aufgeräumt ist.“

Ohne eine Antwort abzuwarten, legt er mit entschlossener Miene auf und pfeffert sein Handy mit soviel Schwung auf den kleinen Beifahrersitz, dass es herunterfällt. Beim Versuch, es wieder aus dem Fußraum hervorzuangeln, stößt er sich schmerzhaft den Kopf.

„So eine verdammte Scheiße!“

Wütend schlägt er mehrfach auf das Lenkrad ein, bevor er endlich losfährt.

Dieser Tag kann kaum noch schlimmer werden! Zum Glück ist er schon fast vorbei.

+++

 

 

 

Kapitel 2

 

Das schlechte Wetter bildet die optimale Kulisse zu meinen trüben Gedanken. Stellenweise kann ich vor lauter Regen kaum noch etwas erkennen. Fröstelnd starre ich auf die Sturzbäche, die an der Frontscheibe herunter rinnen, und auf die Scheibenwischer, die selbst auf höchster Geschwindigkeit den Wassermassen nicht mehr Herr werden können.

Je näher ich dem Haus meines Vaters komme, desto unwohler fühle ich mich. Die gesamte Fahrt zerbreche ich mir den Kopf darüber, was ich zu meinem Dad und Rachel bloß sagen soll, wenn ich ihnen später gegenüberstehe.

Als der Dauerregen mal eine kurze Pause einlegt, halte ich an einer Tankstelle an, um mir eine Cola und ein Stück Brownie zu kaufen. Ich bin so schrecklich müde und hoffe, dass die Kalorien sowie das Koffein mich ein bisschen wach halten werden. Das Licht in der Tankstelle ist hartweiß und so grell, dass ich blinzeln muss, als ich hereinkomme. Solch eine Beleuchtung ist für niemanden schmeichelhaft und für eine in die Jahre gekommene Tankstelle schon gar nicht. Verblichene Farben, graue Böden und weiß lackierte Metallregale, an denen überall die Farbe abblättert, dominieren das Innere des kleinen Gebäudes. Gekrönt wird das Ganze von einem langhaarigen Kerl mit einer Halbglatze und einer unvorteilhaften Hornbrille. In meiner Stimmung und bei diesen Lichtverhältnissen wirkt es hier, als würde jeden Moment ein blutrünstiger Mord geschehen. So fix ich nur kann, bringe ich meine Einkäufe zur Kasse, um diesen unfreundlichen Ort schnellstmöglich wieder zu verlassen. Ich suche in meiner Handtasche nach Kleingeld, als ich das leise Klingeln der Tür höre, das verkündet, dass noch jemand hereingekommen ist. Da ich die Fantasien mit dem blutrünstigen Mord nicht aus meinem Kopf bekomme, traue ich mich kaum, mich umzusehen. Erst recht nicht, als ich bemerke, dass plötzlich jemand hinter mir steht.

Ich bezahle voller Hektik, und als ich mich umdrehe, pralle ich mit einer raumfordernden Front aus Muskeln und grimmiger Miene zusammen. Erschrocken ziehe ich scharf Luft ein und gebe ein leicht panisches Geräusch von mir. Meine Cola kann ich gerade noch so am Herunterfallen hindern, doch mein Wechselgeld landet laut scheppernd auf dem Fußboden. Während meine freie Hand zu meinem rasenden Herzen wandert, trifft mein Blick auf ein verschiedenfarbiges Paar Augen, das mich grimmig mustert. Dieser Typ scheint mich heute wohl zu verfolgen. Kommentarlos bückt er sich, um das heruntergefallene Kleingeld für mich einzusammeln. Als sich sein Hemd über seinem Rücken spannt, komme ich nicht umhin, mir einzugestehen, dass seine Muskeln wirklich beeindruckend sind. Als er sich langsam wieder aufrichtet und mir kommentarlos mein Kleingeld in die Hand drückt, ist sein Blick seltsam intensiv. Ich kann spüren, wie sich die feinen Härchen in meinem Nacken aufrichten, und sich meine Atmung deutlich beschleunigt.

Einen Dank sowie eine Entschuldigung murmelnd stehle ich mich an seiner Seite vorbei und gehe zurück zu meinem Wagen. Ich habe heute den Kopf weder für Flirts noch für Streitereien frei und schon gar nicht für einen Typen, der wirkt, als hätte er in beidem jede Menge Erfahrung.

Obwohl ich mich eigentlich auf das süße, schokoladige Stück Kuchen gefreut hatte, habe ich nun plötzlich keinen Appetit mehr. Nach ein paar wenigen Schlucken Cola starte ich mein Auto und biege wieder auf den Highway ab.

Auf der Weiterfahrt nehme ich lächelnd wahr, dass mich der seltsame Highlander mit seinem kleinen Autochen versucht zu überholen. Normalerweise würde ich jetzt kräftig aufs Gas treten, bloß um ihn zu ärgern, aber die Cola hat mich offenkundig mild gestimmt.

Mal abgesehen davon habe ich es heute nicht eilig.

Dennoch kommt man in der Regel, auch wenn man langsam fährt, irgendwann mal an seinem Ziel an.

 

Da ich keinen Schlüssel habe, bin ich froh, dass das große eiserne Tor, das zum Grundstück meines Vaters führt, geöffnet ist, als ich ankomme. Ich würde um diese Zeit nur sehr ungern noch klingeln müssen. Morgen muss ich unbedingt daran denken, ihn um den Code zu bitten, damit ich ohne Hilfe hereinkommen kann, solange ich hier bin.

Der weiße Kies, der den Wegbelag bis zum Haus bildet, leuchtet vom Licht der kleinen Laternen angestrahlt hell in der Nacht und knirscht unter den Reifen des Autos. Ich parke direkt vor dem Haus, auch wenn es eine große Garage gibt. Ich habe heute Nacht keine Lust mehr, auch nur einen Meter weiter zu laufen als unbedingt nötig.

Mit gerunzelter Stirn betrachte ich das weiß getünchte Haus mit dem roten Dach und den grünen Türen, das mir sonst immer so einladend erscheint, heute aber finster und abweisend auf mich wirkt. Meine Finger sind seltsam klamm, während ich nach meiner Handtasche greife und noch einmal tief durchatme, um mich für die Begegnung mit meinem Vater sowie meiner Schwester zu wappnen.

Kaum dass ich die Fahrertür geöffnet habe, geht die Haustür auf und Editha kommt mir entgegen. Sie sieht müde und abgespannt aus, auf ihrem ohnehin schon nicht mehr ganz glatten Gesicht haben sich tiefe Sorgenfalten gebildet. Wie immer trägt sie eine schwarze Hose zu einer weißen Bluse. Als sie auf mich zukommt, erkenne ich, dass beides wie erwartet tadellos gebügelt ist.

Sie ergreift meine beiden Hände, blickt mir kurz ins Gesicht und drückt mich dann an ihren dünnen Körper.

„Sarah, Liebes! Wie gut, dass du da bist!“ Das leicht rollende R gibt den einzigen Hinweis darauf, dass eigentlich Spanisch ihre Muttersprache ist, ansonsten ist ihre Aussprache tadellos. Sie hält mich immer noch fest und ich erwidere ihre Umarmung. Sie riecht nach demselben Parfüm, das sie schon verwendet, seit ich sie als Kleinkind das erste Mal getroffen habe. Wie immer paart sich der Duft mit einer Mischung aus Kuchen, Braten und Zitronenscheuermilch.

Nur sehr langsam löst sich Editha wieder von mir und auch bloß, um mich an beiden Ellenbogen zu umfassen und mich somit auf genau dem richtigen Abstand zu halten, um mein Gesicht betrachten zu können.

„Du siehst müde aus, mi guapa!Meine Hübsche – so nennt sie mich schon seit Kindertagen und ihr Kosename für mich verfehlt seine Trost spendende Wirkung auch heute nicht; ich muss lächeln.

„Du machst ebenfalls den Eindruck, als könntest du ein paar Stunden Schlaf vertragen, Editha.“

Ihr Lächeln ist halbherzig.

„Ich kann nicht schlafen, seit der Unfall passiert ist. Zu viele Sorgen. Vielleicht ist es besser, jetzt wo du da bist …“

Besorgt runzle ich die Stirn.

„Wie geht es meinem Vater denn?“

Editha lässt mich los und streicht sich eine Strähne ihres mit Silberfäden durchsetzten schwarzen Haares aus dem Gesicht, die sich aus ihrem strengen Knoten gelöst hat.

„Am besten siehst du selbst nach ihm. Er wartet auf dich.“

Ich folge ihr über die kurze Eingangstreppe durch den Flur. Das Haus erscheint heute seltsam ruhig; die Stille wird nur vom Klappern meiner Absätze auf dem Marmorfußboden unterbrochen, Edithas Gummisohlen erzeugen kaum ein Geräusch.

Vor dem Arbeitszimmer bleibt sie stehen und klopft an, wartet das leise „Herein“ meines Vaters ab, bevor sie mir die Tür öffnet. Ihr formelles Benehmen sorgt dafür, dass ich mich noch ein bisschen unbehaglicher fühle. Sonst ist sie nicht so zurückhaltend.

Sein Arbeitszimmer wirkt wie immer. Massive Regale voller grauer Aktenordner, eine Vitrine mit seinen Eishockeytrophäen. Bilder in silbernen Rahmen auf seinem Schreibtisch, dazu der kalte Geruch nach Pfeifentabak und Leder in Kombination mit seinem dezenten Aftershave.

Mein Vater sitzt hinter seinem großen Schreibtisch und lächelt, als ich hereinkomme. Dennoch wirkt er, als wäre er um Jahre gealtert, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben – dabei ist das gerade einmal vier Monate her. Die Falten in seiner hohen, aristokratisch anmutenden Stirn sind tiefer geworden und ich könnte schwören, dass seine Haare bei unserem letzten Aufeinandertreffen noch längst nicht so grau waren. Um seine Nase und seinen sonst so energischen Mund hat sich ein angespannter Zug gebildet, der ihn gleichzeitig unendlich müde scheinen lässt.

„Sarah!“ Er streckt die Arme nach mir aus, und als ich zu ihm gehe, um ihn zu umarmen, stolpere ich beinahe über sein Gipsbein.

Schweigend halten wir uns eine Weile fest. Erst als Editha mit einem Tablett voll Tee und Sandwiches hereinkommt, lassen wir einander wieder los.

„Wie geht’s dir, Daddy?“ Ich komme mir blöd bei dieser Frage vor, vielleicht weil ich die Antwort darauf eigentlich schon kenne.

Mein Vater zuckt leicht mit den Schultern.

„Ich habe Schmerzen. Und ich vermisse Christina.“ Das darauffolgende Kopfschütteln wirkt unendlich traurig. In meinen Augen sammeln sich Tränen. „Es hat in Strömen geregnet und sie ist auf der nassen Fahrbahn ins Schleudern gekommen. Und direkt gegen den Brückenpfeiler geprallt. Wenn ich nur selbst gefahren wäre, statt Champagner zu trinken und sie fahren zu lassen …“ Einen Moment ist sein Gesicht völlig regungslos und ich bin mir sicher, dass mein starker, stolzer Vater mit den Tränen ringt, bevor sich seine Körperhaltung wieder strafft. „Aber das Leben muss weitergehen“, sagt er entschlossen, nachdem er sich aufgerichtet hat. „Rachel vermisst sie noch viel mehr als ich. Sie ist fast noch ein Kind und sie hat gerade ihre Mutter verloren. Ich will nicht, dass sie auch noch den Eindruck hat, keinen Vater mehr zu haben, weil ich nur noch mit Trauern beschäftigt bin.“ Ich kann den Schmerz in seinen Augen erkennen, doch ich finde keine Worte, um ihn zu mindern. Wie auch? Seine Frau, ich denke, die einzige, die er wirklich geliebt hat, ist tot. Seine kleine Tochter, die er ebenfalls liebt, trauert um ihre Mutter. Nichts, was ich sagen könnte, könnte ihm diesen Schmerz nehmen. Also bleibe ich schlicht bei ihm sitzen. Ohne weitere Worte leeren wir das Tablett, das Editha uns gebracht hat, und sind auf unsere eigene Art füreinander da.

Seine Trauer ist stumm, beherrscht und typisch mein Vater. Wenn man ihn nicht genau kennen, nicht genauer hinsehen würde, dann könnte man fast denken, er würde einfach so weitermachen wie vorher.

Aber es sind die Nuancen, die grauen Haare, die Müdigkeit in seinem Blick, die einen erkennen lassen, wie sehr ihn das alles in Wirklichkeit mitnimmt.

Ich kann nichts anderes tun, als für ihn da zu sein. Für ihn und für Rachel. Alles andere muss wahrscheinlich die Zeit bringen, die bekanntlich alle Wunden heilt. Oder doch zumindest die meisten von ihnen.

Später, als ich im Bett liege, bin ich so erschöpft, dass ich gleich einschlafe. Und wenn ich davon überzeugt war, von Tod und Trauer zu träumen, kommt es völlig anders, als ich gedacht hatte: Das Einzige, von dem ich bewusst träume, ist ein Paar verschiedenfarbiger Augen, das mich überallhin verfolgt.

 

Meine Schwester Rachel sehe ich erst am nächsten Morgen, ich wollte sie gestern nicht mehr aufwecken. Sie sitzt mit strähnigem Haar schweigend am Esstisch, während wir frühstücken, und würdigt mich, nach einer kurzen Begrüßung, keines weiteren Blickes mehr.

Das arme Mädchen tut mir so leid. Es muss wahnsinnig schwer für sie sein, ich vermute, noch schwerer als für meinen Vater – wenn es überhaupt möglich ist, ein Leid gegen das andere abzuwägen. Ich mochte ihre Mutter und ich weiß, dass sie ein sehr enges Verhältnis zu ihr hatte. Als ob die Pubertät, in der Rachel momentan steckt, an sich nicht schon anstrengend genug wäre. Wenn man auch noch um seine Mutter trauern muss, stelle ich es mir nahezu unerträglich vor.

Hilflos beobachte ich, wie sie nach dem Frühstück vom elegant gedeckten Tisch aufsteht, um auf ihr Zimmer zu gehen und bis zur nächsten gemeinsamen Mahlzeit nicht wieder herauszukommen. Zweimal klopfe ich bei ihr an, strecke meinen Kopf herein und frage sie, ob sie irgendetwas braucht. Aber sie schüttelt nur stumm den Kopf, ohne mich überhaupt wirklich beachtet zu haben. Stattdessen hat sie Kopfhörer auf den Ohren und starrt aus dem Fenster.

„Was macht sie da den lieben langen Tag?“, frage ich Editha später flüsternd. Diese zuckt resignierend mit den Schultern.

„Ich weiß es nicht, guapa. Trauern, vermute ich. Doch dein Vater meint, wir sollen sie einfach in Ruhe lassen.“

Ich bin mir nicht ganz so sicher, ob das die richtige Maßnahme ist, aber ich wage es im Moment auch noch nicht, mich in diesem Punkt einzumischen. Schließlich bin ich hier, um meinem Vater zu helfen und nicht, um seine Erziehung zu kritisieren. Außerdem sollte er seine Tochter besser kennen, als ich es tue, so selten, wie wir uns nur sehen.

Vielleicht ist es gut für sie, ein bisschen alleine zu sein. Schließlich muss jeder Mensch auf seine eigene Art und Weise mit Verlusten klarkommen.

 

+++

Eric McLeod ist es gewohnt, dass alle auf ihn hören. Das ist seit Jahren so. Er hat schnell gelernt, sich durchzusetzen. Als Teamchef, als Trainer, immer. Ausgewachsene, durchtrainierte Männer beginnen zu zittern, wenn er seine Stimme erhebt.

Bloß bei seinem eigenen Sohn scheint es nicht zu funktionieren.

Travis schafft es zwar, so zerknirscht dreinzublicken, dass Eric fast ein schlechtes Gewissen bekommt, wenn er wegen irgendetwas mit ihm schimpft, doch es bleibt immer folgenlos.

Langsam aber sicher fragt er sich, ob es wirklich so eine kluge Idee gewesen ist, ihn zu sich zu nehmen, während Madison mit ihrem Partner, den Eric immer nur den verrückten Professor nennt, in Brasilien beschäftigt ist, um irgendwelche uralten Grabstätten zu erforschen. Das Gefühl, dass ihm die Sache entgleitet … nein, dass ihm sein Sohn entgleitet, erschreckt ihn.

Andererseits muss es doch möglich sein, einen sechzehnjährigen Jungen halbwegs unter Kontrolle zu bekommen!

Müde reibt er sich über die Augen und inspiziert anschließend die sündhaft teure Stereoanlage, die er sich selbst letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt hat. Zwar war alles andere, als Eric gestern Nacht zu Hause eingetroffen ist, halbwegs aufgeräumt, aber die Anlage ist heute Morgen nicht mehr angesprungen.

Während er in die Hocke geht, um die Sache genauer unter die Lupe zu nehmen, knackt sein rechtes Knie vernehmlich. Für eine Sekunde verzieht er schmerzhaft das Gesicht. Manchmal vergisst er, dass er keine zwanzig mehr ist und eine nicht gerade körperschonende Karriere als Profisportler hinter sich hat. Dann entdeckt er den Fleck auf seiner kostbaren Anlage. Oder genauer: Er entdeckt den nahezu die komplette Oberfläche überziehenden, klebrigen Film auf dem schwarzen Würfel. Verdutzt beugt er sich vor, um vorsichtig daran zu riechen.

Das ist ganz eindeutig Bier!

„Travis!“, brüllt er so laut durchs Haus, dass er um ein Haar selbst zusammenzuckt. Als sein Sohn daraufhin am oberen Treppenabsatz erscheint und wirkt wie ein geprügelter Hundewelpe, hat Eric bereits wieder ein schlechtes Gewissen.

+++

 

 

 

Kapitel 3

 

Jeden Tag versuche ich mehrfach mit Rachel zu reden, aber sie lässt mich nicht. Ich biete ihr an, mit ihr zum Shopping zu fahren, mit ihr ins Kino zu gehen, einfach nur einen Tee mit ihr zu trinken und sonst nichts zu tun.

„Ich mag keinen Tee.“ Ihr Ausdruck hat dieses Trotzige, als würde sie jeden Moment die Augen verdrehen, und ich bin beinahe froh, dass sie sich zumindest diesbezüglich wie ein völlig normaler Teenager zu verhalten scheint.

„Dann trinken wir eben Kakao. Oder Kaffee. Oder meinetwegen auch ein Glas Wasser. Oder Cola …“ Obwohl ihr Blick nicht besser wird und zu dem Trotz auch noch eine verbitterte Entschlossenheit auf ihre Miene tritt, will ich nicht aufgeben. Ich stehe mit hängenden Armen in der geöffneten Tür ihres Zimmers und betrachte diesen seltsam aufgeräumten Raum mit dem großen weißen Bett, auf dem sie sitzt und entsetzlich verloren aussieht.

Rachel setzt sich nun auf und beugt sich vor, fast schon angriffslustig, während ihre so müde wirkenden grauen Augen ein gefährliches Funkeln annehmen.

„Ich brauche euer verdammtes Mitleid nicht. Alles, was ich brauche, ist meine Ruhe. Und jetzt geh bitte.“ Anschließend dreht sie mir ihren schmalen Rücken mit den hängenden Schultern zu. Sie hat abgenommen. Der dünne Stoff ihres grauen T-Shirts ist nicht in der Lage, ihre deutlich hervortretenden Schulterblätter zu verstecken.

Eine ganze Weile betrachte ich sie sorgenvoll. Dann gehe ich zu ihr hin. Ich bin darauf vorbereitet, dass sie mich wegstößt und anschreit, dennoch nehme ich sie einfach in den Arm und ziehe ihr die Kopfhörer von den Ohren. Ihr Kopf wandert zu mir herum und sie schaut mich an, beinahe resignierend, was ich noch schlimmer finde, als wenn sie mich anschreien würde. Mein Herz fühlt sich wie zugeschnürt an. Rachel kommt mir manchmal so schrecklich emotionslos vor. Es würde mir viel besser gehen, wenn sie weinen würde. Oder schreien. Und ihr vermutlich auch.

„Ich hab dich lieb, kleine Schwester“, flüstere ich in ihr Ohr, bevor ich sie loslasse und ihr Zimmer verlasse. Kurz überlege ich, ob ich mich noch einmal umdrehen soll, aber ich will lieber nicht sehen, dass sie höchstwahrscheinlich immer noch völlig regungslos dasitzt.

Egal, was mein Vater auch erzählen mag, ich kann mir nicht vorstellen, dass es gesund und heilsam für Rachel sein kann, sich dermaßen abzukapseln.

Genauso wenig, wie ich mir vorstellen kann, dass es gesund für meinen Vater ist, sich in seiner Arbeit zu verkriechen und so zu tun, als wäre nie etwas geschehen. So alt und müde er auch wirkt, ich habe ihn noch nicht einmal weinen sehen seit ich hier bin.

 

Das Abendessen verläuft genauso schweigend wie auch sonst. Während Rachel stumm in ihrem Essen herumstochert, Editha jedes Mal gottergeben seufzt, sobald sie den Raum betritt, steht mein Vater zigmal auf, um irgendwelche Anrufe entgegenzunehmen.

Ich frage mich, ob er ernsthaft denkt, es würde allen anderen weniger ausmachen, wenn er dabei vom Tisch aufsteht, statt am Platz zu telefonieren. Im eigentlich gemütlichen Esszimmer ist es ohnehin so mucksmäuschenstill, dass wir jedes Wort mitbekommen.

„Nein, ich will den Bonus trotzdem zahlen. Dabei geht es schließlich um die letzte Saison und nicht um diese.“ Zwischen den Augenbrauen meines Vaters bildet sich eine steile Falte. „Nein.“ Die Falte vertieft sich und seine Stimme wird lauter. Rachel zuckt kurz zusammen, bevor sie mit ihrer Gabel eine Erbse platt drückt, als sei diese an allem Unglück der Welt schuld und müsse dringend eliminiert werden. „Ich weiß, dass wir im Moment ständig verlieren! Niemand weiß das besser als ich. Schließlich gehört mir das verdammte Team!“ Er schlägt mit der geballten Faust auf das hell gebeizte Sideboard, sodass die Blumen in der Vase darauf zu zittern beginnen. Rachel bearbeitet nun ein Stück Kartoffel, ohne auch nur einen Bissen davon zu essen. Falls das überhaupt noch steigerungsfähig ist, wirkt sie heute noch blasser und stiller als sonst, während mein Vater noch schlechter gelaunt zu sein scheint.

„Hast du Schmerzen, Dad?“, frage ich, als er sich zurück zu uns an den Tisch setzt. Sein Blick fliegt zu mir, als würde er erst jetzt wieder wahrnehmen, dass ich überhaupt da bin und ich frage mich, was heute nur mit ihm los ist.

„Alles wie immer …“, zischt er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Dann ist es einen Moment ganz still am Tisch. Rachel hat aufgehört, ihr Gemüse zu massakrieren; ich höre einen Moment auf zu atmen, ohne zu wissen warum. Das Ticken der alten Standuhr erscheint plötzlich dröhnend laut und die Anspannung lässt sich förmlich greifen. Verwundert betrachte ich Rachel, deren Kopf schlagartig nach oben zuckt, bevor sie meinem Vater einen Blick zuwirft, der ihn eigentlich zu Eis erstarren lassen müsste.

Als ihr Besteck klappernd auf den Teller fällt, zucke ich erschreckt zusammen, während Rachel so schnell vom Tisch aufsteht, dass ihr Stuhl umkippt. Ohne uns noch eines weiteren Blickes zu würdigen oder gar eine Erklärung abzugeben, verlässt sie wutschnaubend den Raum.

Die einzige Reaktion meines Vaters ist ein fast unmerkliches Kopfschütteln, bevor er sich wieder seiner Mahlzeit widmet. Im Gegensatz zu ihm ist mir der Appetit vergangen. Ich schiebe das Besteck von mir, murmle eine Entschuldigung und gehe hinter Rachel her, um herauszufinden, was sie so sehr verärgert hat.

Weit komme ich dabei nicht, denn ihre Zimmertür ist zum ersten Mal abgeschlossen. Von innen dröhnt so laute Musik heraus, dass mein Klopfen garantiert zwischen dem Wummern der Bässe untergeht.

 

Erst am nächsten Morgen, bei einem Blick in meinen Kalender, erahne ich den Grund für ihre Wut. Ihre Mom Christina hätte heute Geburtstag gehabt. Und während mein Vater so getan hat, als wäre alles wie immer, hatte sie sich diesen Tag wohl verständlicherweise irgendwie anders vorgestellt. Editha hat bestimmt daran gedacht, aber sie ist meinem Vater gegenüber sehr zurückhaltend und mischt sich in solche Dinge nicht ein.

Ich nehme mir fest vor, mit meinem Vater zu reden. Es kann so mit den beiden nicht weitergehen. Leider ist er den ganzen Tag außer Haus, um sich um den Ab- und Verkauf von großen Immobilien und diversen Firmen zu kümmern, und auch in den nächsten Tagen kommt er abends erst so spät heim, dass ich meistens schon längst schlafe.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 4

 

„Du weißt, dass du noch zu Hause bleiben kannst, wenn du möchtest?“

Ich betrachte einen kurzen Moment Rachels blasses Gesicht, bevor ich wieder auf die graue Straße vor mir schaue. Im Inneren des Autos ist es warm und behaglich, während es draußen ungemütlich und nebelig ist.

„Ich will aber gerne wieder zur Schule gehen. Es sagen schließlich immer alle, dass das Leben trotzdem weitergehen muss.“ In ihrer Stimme schwingt für eine Fünfzehnjährige viel zu viel Bitterkeit mit und es schnürt mir das Herz zu, sie so zu sehen. Ich würde sie gerne in die Arme nehmen, beschützen, ihren Schmerz irgendwie lindern können.

Meine feste Absicht war es, meinem Vater und vor allem Rachel zu helfen und beizustehen, als ich hergekommen bin. Doch nach fast zwei Wochen muss ich zugeben, dass mir meine mir selbst auferlegten Aufgaben nicht wirklich gelingen.

Mein Dad vergräbt sich in Arbeit; Rachel vergräbt sich den ganzen Tag in ihrem Zimmer und hört mit Kopfhörern Musik. Es hat sich nichts verändert. Bei meinem Vater ist dieses Verhalten durchaus normal. Aber um meine kleine Schwester, die früher lebensfroh und lustig war und geredet hat wie ein Wasserfall, mache ich mir zunehmend mehr Sorgen.

Sie hat gerade ihre Mutter verloren, lass ihr ein bisschen Zeit!

 

Ihr Zeit zu lassen, erweist sich allerdings als täglich härter werdende Geduldsprobe. Während sie direkt nach meiner Ankunft schon wenig gesprochen hat, sagt sie nun nahezu gar nichts mehr. Sie verlässt ihr Zimmer nach wie vor nur noch, wenn sie zur Schule muss oder wir sie zwingen, mit uns zusammen die Mahlzeiten einzunehmen. Dabei stochert sie lustlos auf ihrem Teller herum und hält den Kopf so, dass die dunklen Haare ihr ins Gesicht fallen, um Selbiges zu verbergen. Wenn Daddy oder ich es wagen, das Wort an sie zu richten und ihr eine Frage zu stellen, antwortet sie mit ihrem neuen Lieblingswort, oder vielmehr ihrem Lieblingslaut:

Hmpf.

„Rachel, wie war es heute in der Schule?“

„Hmpf.“

„Möchtest du noch ein bisschen Salat?“

„Hmpf.“

„Was hältst du davon, heute Abend ins Kino zu gehen?“

„Hmpf.“

Es ist zum Haare raufen.