Johanna Spyri


Im Rhonetal

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Klassiker als ebook herausgegeben bei RUTHeBooks, 2016


ISBN: 978-3-945667-74-3


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Sechstes Kapitel



Ein Jahr war vergangen. Die letzten Oktobertage mit ihrem milden Sonnenschein hatten in Hedwigs Herzen das Andenken an die vergangenen sonnigen Herbsttage lebendig wachgerufen. Mit Alice war sie in fortwährendem Verkehr geblieben. Die Reisenden hatten im Frühjahr Italien verlassen und waren nach Norddeutschland gezogen, um da die zahlreichen Verwandten der verstorbenen Mutter aufzusuchen und den Sommer mit ihnen zu verleben. Auf den Spätherbst gedachten sie nach ihrem Sitze in Südfrankreich zurückzukehren. Alice hatte die Waldhügel des Rhonetals in warmem Andenken behalten.

"Nicht die Pinien des Südens", hatte sie geschrieben, "noch die herrlichen Buchenwälder hier auf Rügen haben sich so tief in mein Herz gegraben wie die Wipfel jener dunklen Kastanienbäume, auf welche eine einsame Bank am grünen Bergabhange niederschaut."

Endlich erschien der langersehnte, erste Brief aus der Villa Inglese im Süden. Hedwig öffnete ihn mit bangender Erwartung. Wie mochte Alice nach allen ihren Erfahrungen in der alten Umgebung zu Mute sein? Nach den herzlichen Worten der Begrüßung und den letzten Nachrichten über den Aufenthalt in Deutschland hieß es weiter in dem Briefe:

"Doch nun zu unserer Ankunft in der Heimat und allem seither Erlebten. Kaum hatten wir unsere Villa betreten, als mein Vater sogleich nach seinem Freunde, dem Prediger, ausschickte, der ihm doch über die ganze Zeit der Reise empfindlich gemangelt und ihm das Heimkommen lieb gemacht habe, wie er uns sagte. Pastor A. erschien. Er kam uns allen so schweigsam und zurückhaltend vor, daß es uns schien, die Zeit der Trennung habe ihn uns völlig entfremdet und von uns abgelöst. Es war eine peinliche Stunde. Wie er fortging, sagte ihm mein Vater, nun möge der Pastor nur sein gewohntes Wesen wieder herauskehren; so ginge es nicht, er wisse auch nicht, wie man in der Zeit der Trennung sich hätte fremd werden können, im Gegenteil gedenke er des alten Freundes sich mehr zu freuen als je, nun er der oberflächlichen Beziehungen ein ganzes Jahr durch genug gepflegt habe. Er forderte den Pastor auf, seine alten Gewohnheiten wieder aufzunehmen und uns seine Abende zu schenken. Der Pastor sagte einige ausweichende Worte von 'in Anspruch genommen sein'. Nun ergriff der Vater seine Hand und sagte mit gebieterischer Herzlichkeit: 'Pastor A., für Ihren Sonnabend und Sonntag geben wir Sie frei, die anderen Tage gehören Sie uns; dabei bleiben wir'.

"Pastor A. mußte versprechen, in den nächsten Tagen wiederzukommen und fortzufahren wie in alter Zeit. So saßen wir einige Tage darauf in alter, gewohnter Weise um das Kamin herum, und es war, als könnten einmal noch die vergangenen schönen Tage wiederkommen. Aber alles war doch so anders, als es gewesen war. Pastor A. saß wohl wie ehemals mit gekreuzten Armen in seinem Lehnstuhl, aber er war still, und seine Stimme hatte einen ganz kalten Ton bekommen, vornehmlich, wenn er zu mir sprach, was er freilich nur tat, wenn es die Höflichkeit gebot. Mein Vater saß neben ihn, und erzählte von unserer Reise.

"'Und nun sind wir wieder hier', schloß er seine Erzählung ab, 'und Sie hier wieder zu finden, Pastor, das ist meine Freude. Ohne Sie wäre es doch kaum erfreulich, den Winter hier zu verweilen.'

"Pastor A. sagte einige Worte von Dank, den er meinem Vater schulde, dessen Haus ihm hier im fremden Lande eine Heimat geboten habe, die er nie vergessen werde, auch in der eigenen, alten Heimat nicht, wohin er in kurzer Zeit zu ziehen gedenke, denn er habe einen Ruf nach Schottland angenommen. Mein Vater war so überrascht, daß er einen Augenblick kein Wort sprechen konnte. Dann sprang er auf und lief im Zimmer hin und her. Endlich stellte er sich vor den Pastor hin und rief erregt aus: Haben Sie das wirklich getan, Pastor? Wie konnten Sie! Wie können Sie dies herrliche Land gleich wieder dran geben und die grauen Nebel suchen? Ist Ihnen nicht wohl genug hier? Es ist nicht möglich!'

"Dann lief der Vater wieder im Zimmer herum in steigender Aufregung.

"Pastor A. sagte, er habe immer danach verlangt, nach den Hochlanden zurückzukehren, wo er seine Kindheit verlebt habe, der Tausch werde ihm nicht schwer.

"'Was, nach den Hochlanden?' rief mein Vater aus und stand vor Erstaunen mitten in seinem Laufe still. 'Nicht einmal nach Edinburg? Das ginge noch an! Doch nicht nach den Einöden der Trossecks, wo Sie einmal gelebt haben?'

"Das war gerade der Ort, wohin der Pastor berufen war, nach dem er sich auch lange schon gesehnt hatte, wie er sagte, wohin er vor allen anderen gewünscht hatte versetzt zu werden.

"'Gesehnt', brummte mein Vater vor sich hin, 'Jugenderinnerungen, Einbildungen!' Dann brach er wieder los: 'Das ist nichts, Pastor! Bin ich nicht auch ein Schotte? Kenne ich unser Land nicht auch? Glauben Sie mir: ein paar Sommer lang als Junge sich in den Hochlanden herumtreiben und als lebensreifer Mann da sich festsetzen, die endlosen Wintermonate in dieser Abgeschiedenheit eingeschneit in seiner Hütte verleben, das ist zweierlei. Abgetrennt zu sein von allem, was lebt und denkt, wie wollen Sie das fertig bringen? Und dann Sie, Pastor, allein wie Sie stehen, Sie haben ja nicht einmal eine Frau!' Mein Vater hatte sich in volle Aufregung hinein gesteigert, sonst hätte er ihm dies Wort wohl nicht so frei hingeworfen.

"Völlig ruhig entgegnete der Pastor:

"'Die Gegend der Trossecks ist meine Heimat, sie ist mir lieb, und ich freue mich, dahin zu gehen. Als ich die Stelle annahm, wußte ich, daß ich allein dahin gehe und allein da bleiben werde. Ich weiß, daß eine Frau von geistigem Wesen es nicht in jener Einsamkeit aushalten würde, daß sie nicht wüßte, was sie da mit ihrem Leben anfangen sollte, daß es ihr als ein Begrabstein erschiene. Das soll der Mann sich sagen, der sich eine solche Lebensstellung wählt.'

"Mein Vater, der keine Ahnung hatte, wessen Worte Pastor A. wiederholte, sagte nun beschwichtigend:

"'Bah, bah, Pastor, so schlimm ist's nicht, so könnte nur eine Frau reden, die Sie nicht kennt.'

"Pastor A. schwieg. Es trat eine große Stille ein. Nun stand ich auf, hielt Pastor A. meine Hand hin und sagte:

"'Oder eine, die ihr eigen Herz nicht kannte und die des Ihrigen nie wert gewesen wäre. Aber ich bin durch viel Reue und Buße gegangen und habe bitter gelitten um meiner Worte willen. Nun vergeben Sie auch und lassen Sie uns die alten Freunde sein, solange wir Sie noch bei uns behalten dürfen.'

"Pastor A. schaute mich an, als spräche ich eine Sprache, die er erst nach und nach verstehen könnte. Dann ergriff er meine Hand, und dann, dann hat er sie gar nicht wieder losgelassen, und so kam es dahin, daß ich heute seine Verlobte bin, seiner durchaus nicht wert in der Armut meines Wesens, aber unaussprechlich froh und reich durch den Reichtum seines inneren Lebens und die Fülle seiner großen Liebe. Im Frühjahr ziehen wir nach den Hochlanden. Keine Gegend der Erde wäre mir zu einsam an seiner Seite, und was ich mit meinem Leben anfangen kann, weiß ich auch. Wieviel habe ich gelernt auf dem unvergeßlichen Fleckchen Erde im Rhonetal! Es wird ja der Leidenden und Traurigen genug geben unter der Herde von Pastor A., daß auch mir mein Teil zu lindern und zu helfen zufallen wird, und ich kenne keine herzerfreuendere Tätigkeit. Der Vater und Lucy ziehen mit; wenn auch nicht ganz zu uns, so doch in unsere Nähe, auf das alte Gut am Tay. Der Vater sagt, wer einmal mit Pastor A. gelebt habe, der könne nicht mehr ohne ihn sein; so müsse er denn, gern oder ungern, wieder in die Hochland zurück."

Alice schloß, noch einmal in warmer Weise der Tage im Rhonetale gedenkend, an die sich für sie die tiefst bewegenden, ihr innerstes Leben umgestaltenden Erinnerungen knüpften. In keinem ihrer Briefe hatte sie des lebensfrohen Gefährten aus jenen Tagen vergessen, auch in diesem fragte sie mit Herzlichkeit nach ihm.

Von dem Baron hatte Hedwig lange Zeit keine Kunde mehr, bis sie endlich durch eine gemeinsame Bekannte hörte, er sei zum großen Leiden und Kummer seiner Mutter für immer nach Amerika gegangen.

Wieder war das Jahr herum; wieder lag der Herbsthauch auf den Gefilden und erregte in Hedwigs Herzen Erinnerungen an vergangene Tage, als sie über die Gartenhecke hin nach den fallenden roten Blättern schaute. Der Brief, den ihr eben das Mädchen übergab, stimmte völlig zu ihren Gedanken: es war die Hand des alten Freundes, von dem sie so lange nicht einen Ton mehr vernommen hatte.

Der Brief kam nicht aus Amerika. Hedwig las: "Der alten Freundin eine frohe Botschaft zu verkünden, ergreife ich die Feder; für die schlimmen lasse ich sie lieber liegen. Ich war nach fernen Landen gezogen, weil ich es daheim nicht mehr aushalten konnte. Fort mußte ich ... am liebsten über den Ozean. So tat ich. Aber ich bin herumgeholt worden. Erst ging unser Schiff fröhlich dahin, das Meer wogte im Sonnenschein, und ich sagte: Woge nur immer höher und trage mich so weit weg, daß ich gar nichts mehr weiß von allem, was dahinten liegt! Dann kam ein Sturm über uns hereingebrochen, den keiner vergessen wird, der ihn mit erlebt hat. Wir waren alle unseres Endes gewärtig. Da wird es einem armen Menschenwesen elend zu Mute. Ich lag unten in meiner Kabine; die Wogen brüllten ringsum und drangen herein. Ich sagte mir: Es ist der Tod, wenn nicht Gott im Himmel uns noch helfen will. Und ich wollte beten und sagen, ich habe ja auch meine Pflicht getan und recht gelebt und wollte es weiter tun; nun solle Er mir auch beistehen in der Not. Aber vor mir stieg das gerade Gegenteil von alle dem auf, und aus allen Zeiten meines Lebens stand alles Unrecht und schlechte Tun, das ich lange vergessen hatte, auf einmal klar vor meinen Augen und fing an mich zu brennen im Gewissen, so daß ich in große Angst geriet und es in mir stöhnte: 'Es hilft dir nichts mehr, du fährst ins Verderben.' Da kam mir wie ein Licht das Wort ins Herz, das mir einmal Eindruck gemacht hatte: 'Doch, ich weiß etwas, das helfen kann' und ich fiel auf meine Knie nieder und rief: 'Ach, lieber Gott, sei du dem armen Sünder gnädig!' Es war ein Gebet aus der Tiefe heraus, das können Sie mir glauben.

"Wir wurden gerettet. Wie wir ans Land stiegen, war mir, als lägen Jahre hinter mir, seit ich die Heimat verlassen hatte, und als sei ich ein anderer, als da ich drüben abgereist war. Was wollte ich da tun im fremden Lande? Warum war ich denn fort von dort, wo mir wohl sein konnte und wo ich daheim war? Warum war ich von der Mutter weggelaufen, die nun einsam drüben saß und weinte? So fragte ich mich und setzte mich hin und tat gerade dasselbe, was drüben die Mutter tat. Nur wieder heim, war mein einziger Wunsch. Ihn gleich auszuführen, ging ja nicht an; aber mich für Jahre oder für immer im fremden Lande niederzulassen, wie ich gedacht hatte, davon konnte keine Rede mehr sein. Ich brachte ein Jahr drüben zu, es wurde mir lang genug; aber gelernt habe ich manches und weiß auch für mein ganzes Leben, daß der die Heimat zu schätzen weiß, den einmal das Heimweh bis auf die Knochen abgezehrt hat. Was ich in den Todesschrecken der Sturmnacht auf dem Schiffe gelernt, das habe ich seither auch nicht wieder vergessen und will es, so mir Gott helfe! mein Leben lang im Gedächtnis behalten! Aber als ich endlich wieder auf meinem heimatlichen Boden stand, da war mir, als müsse ich allen um den Hals fallen, die auch darauf standen.

"Und so fuhr ich am sonnigen Morgen die Straße hinauf, wo rechts das Haus der Mutter steht, und links steht auch eins. Und wie ich bei diesem an die Fenster hinaufschaue, da seh' ich auf dem Balkon ein Mägdlein stehen, dem fielen die Ringellocken über die Achseln herunter wie lauter Gold in dem hellen Sonnenschein, und das Mägdlein erkennt mich und lacht und winkt mit Augen und Händen und ist das lieblichste Wesen, das je die Sonne beschienen hat. Und ich lache und winke wieder, und wir winken noch einmal, und dann geht's rechts und hinein zur Mutter.

"Und nun dieses Willkommen und diese Freudentränen! Denn ich fiel der guten Mutter als völlige Überraschung ins Haus, und mitten drin sag' ich: 'Da hast du mich wieder, Mütterchen, und weil es dir Freude macht, so will ich denn auch gleich heiraten.' Schreckenbleich hält sie einen Augenblick inne. 'O mein einziges Kind', ruft sie aus, 'so hast du dein Herz in Amerika ...'

"'Nein, nein, Mütterchen, so weit weg nicht', sag' ich; 'nur drüben hab' ich's, bei Nachbars Lili, und wenn dir's recht ist, so holen wir sie 'mal gleich herüber.' Nun kamen die Freudentränen erst recht, und von Zeit zu Zeit kommen sie seither immer wieder, wenn mich Mütterchen ansieht und dabei die Hände faltet, so als dankte sie leise. Und zu danken haben wir auch Ursache, sind wir doch die drei glücklichsten Menschen auf diesem Erdenrund. Und nun kommen Sie nur bald nach Deutschland, uns alle drei zusammen zu sehen! In der Schweiz bin ich gewesen, Gott weiß es, und Sie wissen es auch! Aber meine kleine, prächtige Lili muß ich Ihnen durchaus zeigen; ich gebe Ihnen mein Ehrenwort darauf, sie wird Ihr Herz in fünf Minuten gewinnen. Und nun ist's an Ihnen, zu erzählen, lassen Sie mich nicht lange warten!

In bleibender Freundschaft

Ihr
O. v. K."

* * * * *


Um die waldigen Hügel im Rhonetale haucht noch alljährlich der Herbst seinen duftigen Farbenschmelz. Am Waldsaume hoch oben steht noch die alte Bank und schaut auf dieselbe Schönheit nieder, die sie von Jahr zu Jahr erneut gesehen, und hinter dem Kastanienwald am einsamen Abhang steht eine andere noch, auf welche dunkle Baumwipfel und graue Felsen blicken und ihr von alter Zeit erzählen.

Unter dem Kirschbaum am Wiesenwege sitzt aber nicht mehr das lahme Kind. Seine Hülle liegt draußen auf dem sonnigen Gottesacker unter dem grünen Rasen. Die weißen Schmetterlinge schweben wonnig auf und nieder um den stillen Grabhügel, als wollten sie des Kindes Los verkünden, das, seiner kranken Hülle entflohen, mit entfesselten Schwingen zum neuen, sonnigen Leben erwachen durfte.

Inhalt




Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

 

Erstes Kapitel



Auf den schmalen Kieswegen im Garten am stillen Landhaus, das seit uralter Zeit ins Tal herniederschaute, schritt das achtjährige Töchterchen des Hausherrn auf und nieder, die Wege sichtlich in der Erwartung irgend eines Ereignisses messend, denn von Zeit zu Zeit stand es aufhorchend still, dann ging es wieder weiter rundum.

Jetzt ertönte in der Ferne das Rollen von Wagenrädern; in hohen Sprüngen rannte das Kind durch den Garten der schmalen Fahrstraße zu, die am Hause vorbeiführte. Hier stand es still und schaute die Straße hinab nach der Stelle hin, wo gleich ein Pferdekopf, oder deren zwei, in Sicht kommen mußten, gefolgt von einer Kutsche, die Besuch bringen sollte. Diesmal hatte die Erwartende keinen Begriff davon, wer die Fremden sein möchten. Am Abend vorher war ein Brief angekommen, der den Besuch ansagte; das Kind hatte einen Namen nennen gehört, der ihm ganz unbekannt war. Alle seine zahlreichen weiteren Fragen über die Sache waren in der allgemeinen Überraschung und in den sofort sich anbahnenden Vorbereitungen zum Empfang des Besuches unbeachtet verklungen. Um so spannender war die Erwartung, und etwas Besonderes mußte an dem Besuch sein, denn oben im Zimmer stand alles bereit, jemanden zu empfangen, der weit herkam und einer festlichen Begrüßung würdig war.