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Lucas Timm

Für den Augenblick





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Intro

Für den Augenblick

 

Lucas Timm

 

ISBN-13:   978-1499678031

ISBN-10:   1499678037

 

 

  1. Auflage, Juli 2014

 

©Lucas Timm 2014

Autorenblog/Homepage

www.facebook.com/lucastimmbuch

www.lucastimm.de

 

Covergestaltung: Thomas Juch

Homepage: www.thomas-juch.de

Kontaktmöglichkeit: tjuch@web.de

 

Alle Rechte vorbehalten. Ein Nachdruck oder eine andere Verwertung ist nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors gestattet.

 

Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und unbeabsichtigt.

 

 

 

 

Für Anja

 

 

Prolog

 

„Ich bin schwul. Ich bin schwul. Ich bin schwul.“

Immer und immer wieder kamen mir diese Worte in den Kopf. Und sie fühlten sich gut an - richtig gut.

Lucas Timm, 18 Jahre jung, Verwaltungsbeamter und schwul. Das war doch mal wieder eine schöne Eigenschaft, die mich vom typischen Bild eines Behördenfuzzis abhob, grinste ich zufrieden.

 Warum ich erst Michel treffen musste, um festzustellen, dass man Männer nicht nur körperlich begehren, sondern auch lieben konnte, wissen die Götter – doch die schienen es zumindest wirklich gut mit mir zu meinen.

Der attraktive dunkelhaarige Mann, der nach meinen ersten Einschätzungen fast doppelt so alt war wie ich selbst, ließ das Herz in meiner Brust in Flammen stehen. Schon der Gedanke an ihn überflutete meinen Körper mit einer angenehmen Wärme, deren Intensität in meiner Lendengegend unübersehbare Spuren hinterließ. Dabei hatten wir uns bisher doch nur ein einziges Mal unterhalten. Doch die Tatsache, dass der Geschichtslehrer mir einen Zettel mit seiner Telefonnummer über den Tisch geschoben hatte, bestätigte mich darin, dass auch er ernstes Interesse an einer gemeinsamen Zukunft mit mir hatte. Ein Mann. Ein richtiger, erwachsener Mann. Jemand, der offensichtlich der Meinung war, dass mein Intellekt und mein nach außen hin sicheres Auftreten perfekt in sein Leben passten. 

Vielleicht würde meine Liebe genau die Lücke füllen, die auch in Michels Leben darauf wartete, geschlossen zu werden. Die vielen, vielen Jahre, die er sich auf der Suche nach Zweisamkeit allein im Café Gnosa um die Ohren geschlagen hatte, waren nun endlich vorbei.

Der Gedanke, die Kleinstadt spätestens nach Beendigung meiner Ausbildung weit hinter mir zu lassen und ein aufregendes Leben in Hamburg zu starten, war mit einem Mal in greifbare Nähe gerutscht. Mir war bewusst, dass es bis dahin noch eine Menge zu tun gab. Schließlich bin ich Realist und mache mir nicht vor, dass in meinem Leben alles problemlos über die Bühne geht.

Zum einen musste der richtige Moment gefunden werden, meiner Mum schonend beizubringen, dass ich zeitnah das elterliche Haus verlassen wollte. Zum anderen konnte ich nicht einschätzen, wie sie reagieren würde, wenn ich mit einem Mann zusammenzöge. Einem attraktiven, charmanten und intelligenten Typ, um den sie mich sicherlich beneiden würde. Ich hatte wirklich einen tollen Fang gemacht.

Nur für einen ganz kurzen Augenblick kam mir der Gedanke, eventuell ein wenig naiv mit der ganzen Situation umzugehen. Es wird sicherlich nicht leicht für sie sein, aber da müssen Eltern halt auch mal Stärke beweisen. Es gibt nun wirklich Schlimmeres im Leben. Wieso um Himmels willen sollte meine Mutter ein Problem damit haben, dass ich schon bald ausziehen würde?

 

Kapitel 1

Kapitel 1

 

Das Coming Out ist für die meisten Leute ja auch irgendwie ein Kampf mit sich selbst.

Die schwierige Phase, in der man in sich hineinhört, um die eigene Identität neu zu definieren, konnte ich komplett überspringen.

Mein Schwulsein war mir mit einem Mal vollends bewusst. Ich hatte keinerlei Probleme damit, anders zu sein. Im Grunde gefiel es mir sogar richtig gut.

Natürlich spukten auch mir die unterschiedlichsten Gedanken durch den Kopf.

Speziell die Frage, wem ich von meiner neuen Erkenntnis berichten wollte und vor allem, wann der richtige Zeitpunkt dafür sein würde, machte mich nervös. Innerlich platze ich fast vor Aufregung, jemandem die Neuigkeit mitzuteilen.

Natürlich konnte ich nicht bei jedem mit der Tür ins Haus fallen. Tief in mir drin bemerkte ich auch einen Anflug der Angst, bei Menschen, die mir wichtig waren, auf Ablehnung zu stoßen, aber diese Bedenken schob ich erst einmal völlig beiseite. Selbstverständlich musste ich als erste meine Selenverwandte Undine in mein neues Leben einweihen. Ob sie es sich vielleicht schon gedacht hatte, ohne mich darauf angesprochen zu haben? Das wäre ja ‘n Ding! Immerhin durchschaute sie mich doch sonst immer, wenn ich eine Notlüge benutzte oder versuchte, ein mir anvertrautes Geheimnis für mich zu behalten.

Dringend benötigte ich nun auch einen Rat, wie ich meiner Herzensdame Michaela möglichst schonend beibringen könnte, dass es mit uns aus ist, ohne sie dabei allzu sehr zu verletzen.

Immerhin hatte ich gerade auf diesem Gebiet in der Vergangenheit einige Fehler gemacht, die ich auf keinen Fall wiederholen wollte.

Nachdem ich am Dienstag die Verwaltungsschule hinter mich gebracht hatte, eilte ich zu Hause gleich zum Schuppen und schwang mich auf mein grünes Fahrrad, um Undine die angenehme Neuigkeit zu eröffnen. Mir wehte ein orkanartiger Wind entgegen, als ich über die lange Bahnbrücke strampelte.

Der angenehm warme Luftstrom hatte etwas Befreiendes. Wahrscheinlich hätten auch Hagel und Gewitter mir die Laune nicht vermiesen können. Mein neues Bewusstsein beflügelte mich in allem, was ich tat.

Eine Viertelstunde später überquerte ich das große Waldgrundstück, auf dem das weißgestrichene Einfamilienhaus von Undines Familie hinter ein paar Tannen versteckt war.

Mit jedem Schritt, den ich auf dem mit Moos bewachsenen Plattenweg zurücklegte, wurde ich ein wenig unruhiger. Wie sollte ich das Gespräch anfangen? Die Wahrheit einfach hinausschreien und abwarten, was passieren würde? Auf jeden Fall musste ich Undine klar machen, dass sie die Neuigkeit erst einmal für sich behalten musste. Niemand sollte durch Tratscherei erfahren, was wirklich mit mir los ist. Der Zeitpunkt sollte ganz allein von mir bestimmt werden. Wie bei jedem Besuch ertönte ein lautes Kläffen aus dem Haus, als ich den Klingelknopf drückte. Immer wieder zuckte ich erschrocken zusammen, dabei wusste ich doch, dass mir schlimmstenfalls ein Umwurf auf die kalten Fliesen des Eingangsbereichs bevorstand. Mischlingshündin Sabrina begrüßte mich, indem sie mit ihrer feuchten Schnauze an mir hochsprang. Meine Vorliebe für sabbernde Vierbeiner hielt sich schon immer in Grenzen.

So wirklich habe ich nie verstanden, warum diese Familie sich so für Hunde interessierte. Wir lagen doch auch sonst in den meisten Dingen auf einer Wellenlänge. Ich wollte nach Möglichkeit nichts mit Sabrina zu tun haben. Maßgeblichen Anteil daran hatte auch die Tatsache, dass regelmäßig eine mit Blut verschmierte Decke auf dem Familiensofa lag, wenn die Hündin mal wieder ihre Periode hatte. Die Erinnerung an meine Ex-Freundin aus Wuppertal, die mir mit ihrer Sturzperiode den Einsatz zum Sex versaut hatte, kam mir immer wieder in den Sinn. Immerhin roch sie nicht so extrem.

Mit diesem Thema würde ich mich in Zukunft wohl kaum noch beschäftigen müssen.

Undine war äußerst überrascht, mich zu sehen, da ich meinen Besuch an diesem Nachmittag nicht, wie es sonst der Fall war, angekündigt hatte.

„Hey Lucas! Was machst du denn hier? Ich habe gerade Klavier geübt. Nutella-Toast?“

„Und ob. Ich hab dir etwas Wichtiges mitzuteilen und brauche dringend deinen Rat, “ machte ich mich schon einmal ein wenig interessant.

Mit zwei Bechern Kakao und sechs Broten verzogen wir uns kurz darauf in ihr Zimmer.

„Die müssten fürs erste reichen“, sagte Undine, als sie die Teller auf ihren Schreibtisch stellte.

Während sich meine engste Vertraute auf das Bett schmiss, in dem wir noch vor wenigen Jahren Doktorspiele gemacht hatten, legte ich mich ausgestreckt auf den Teppichboden vor dem Schreibtisch.

„Ich habe mich das erste Mal richtig verliebt“, eröffnete ich unser Gespräch mit einem breiten Grinsen.

„Ja, denkst du denn ich bin blind? Das merkt man dir doch seit Tagen an, “ überraschte sie mich ein wenig.

Hatte sie es wirklich die ganze Zeit gewusst?

„War ja kaum zu übersehen, wie du mit Michaela rumgeknutscht hast. Die ist aber auch wirklich eine ganz Liebe, “ triumphierte sie mit ihrer Beobachtungsgabe, ohne zu bemerken, dass sie sich auf dem Holzweg befand.

„Das ist dann auch genau das Problem...“, erhöhte ich die Spannung.

Undine guckte mich ratlos an.

„Aha“, folgerte sie schnell. „Wie heißt sie?“

„Michel!“

Pause.

„Ich habe mich in einen Mann verliebt. Ich bin schwul!“

Die Kinnlade war meiner besten Freundin heruntergefallen, sodass ich die Nutella-Toast-Reste an ihren Backenzähnen sehen konnte. Für einen Moment sagte niemand etwas. Die Stille wurde durch irritiertes Kichern unterbrochen. Dachte sie nun, ich hätte sie verarscht, oder was? Die nächsten Sekunden waren mir sehr unangenehm. Was war das denn bitte für eine Reaktion?

„Das hab ich nun wirklich nicht erwartet“, löste sie die Spannung.

Sie argumentierte mit Frauen, in die ich verliebt war. Dennoch hatte ich das Gefühl, sie hatte nichts dagegen, von nun an einen besten Freund zu haben, der schwul ist.

In erster Linie wollte sie alles genau in Erfahrung bringen. Jedes Detail über Michel und unser erstes Zusammentreffen wurde kommentiert und hinterfragt. Ich war so unwahrscheinlich happy, das erste Mal mit jemandem über die letzten Wochen sprechen zu können. Sie fieberte richtig mit mir mit, als wäre gleichgeschlechtliche Liebe das normalste der Welt.

„Was mach ich jetzt mit Michaela?“, drückte ich kurz darauf die Stimmung.

Auf jeden Fall musste es schnell gehen. Ich wollte sie nicht hinhalten. Inzwischen war ich reif genug, nicht meine Freundin vorzuschicken, so wie ich es damals bei Ines getan hatte, die ein Jahr danach tot in der Badewanne lag. Persönlich ins Gesicht sagen und das Gespräch suchen, wäre sicherlich angebracht, doch entschied ich mich, wie auch schon bei meiner letzten Trennung von meiner Herzdame aus Wuppertal, für einen ehrlichen Brief. So konnte Michaela ein wenig über meine Worte nachdenken und sich vielleicht in mich hineinversetzen, bevor wir uns zusammensetzen würden, um darüber zu reden.

Ich mochte sie unwahrscheinlich gern und wollte sie unter keinen Umständen verletzen.

Sie konnte ja nun wirklich nichts dafür, dass sie kein Mann war.

Zu Hause setzte ich mich an mein rotweißes Schreibpult, auf dem mein C64-Comuter stand und fing an, einen langen, handgeschriebenen Brief zu verfassen, den ich noch am selben Abend heimlich nach Einbruch der Dunkelheit bei ihr in den Kasten steckte.

Wahrscheinlich war ich zu euphorisch auf mein neues Leben eingestimmt, um die richtigen Worte zu finden. Ich konnte der Trennung aus meiner Sicht einfach nur Gutes abgewinnen. Wir konnten die Situation beide nicht ändern. Aus heutiger Sicht kann ich wohl behaupten, dass meine Worte nicht perfekt gewählt waren. Der zweiseitige Brief endete mit einem Gedicht, dessen letzte Zeile das ausdrückte, was wichtig für mich war: Ich bin frei. Überhaupt ging es in meinen Zeilen viel zu sehr um meine Person. Es war mir wichtig, mich zu erklären, damit sie sicher sein konnte, dass es nicht an ihr lag.

Die Antwort folgte in Form eines cremefarbenen Briefes, der am Donnerstag auf unserem Esstisch lag und mich vorwurfsvoll erwartete. Ich hatte Angst, ihn zu öffnen, wollte es aber gleich hinter mich bringen. Mit einem Becher Kakao zog ich mich in mein Zimmer zurück und öffnete den dicken Umschlag mit den Fingern. Fast hätte ich mich am Papier geschnitten.

Michaela schrieb sich auf acht Seiten ihre Wut und Enttäuschung von der Seele.

Ich hatte sie sehr verletzt. Eine Anhäufung wüster Beschimpfungen war gleichzeitig eine der schönsten Liebeserklärungen, die ich in meinem Leben bekommen habe. Trotz meines Mitgefühls war ich stolz darauf, in den letzten sechs Wochen einen so starken Eindruck bei Michaela hinterlassen zu haben.

Ein schlechtes Gewissen hatte ich nicht. Es war keine Entscheidung, die ich beeinflussen konnte. Obwohl sie meine Lieblingssängerin in unseren Streit hineinzog und beschimpfte, musste ich für einen Moment grinsen:

„Sogar, wenn ich jetzt die blöde Kuh Madonna im Radio höre, muss ich heulen, weil ich an dich denken muss. Es tut so unwahrscheinlich weh.“

Das Kapitel Michaela war für mich abgeschlossen.

Kapitel 2

Die Gedanken an Michel ließen Michaela schneller in Vergessenheit geraten, als gedacht.

Ob die Ähnlichkeit der Namen Zufall oder Schicksal war? Zu Hause wurde nach wenigen Tagen nicht weiter nachgebohrt, warum wir uns nicht mehr trafen. Die Themen Liebe und Sex wurden bei uns schon immer unter den Tisch gekehrt. Das war auch ganz gut so.

Nils und Kai, meine Freunde aus der Verwaltungsschule, nahmen mein Coming Out mit einem Lächeln zur Kenntnis. Sie machten es mir wirklich sehr leicht.

Zwei Tage, nachdem mich dieses nie zuvor verspürte Gefühl heimgesucht hatte und anfing, mein ganzes Leben auf den Kopf zu stellen, wählte ich aufgeregt Michels Telefonnummer.

Am liebsten hätte ich ihn schon früher angerufen, doch hatte ich irgendwo mal gelesen, man solle mindestens zwei Tage warten, wenn man eine Telefonnummer zugesteckt bekommt. Das erhöht die Spannung. Zudem wollte ich noch die Geschichte mit Michaela geregelt haben, bevor ich mich gleich in meine erste Liebesbeziehung mit einem Mann stürzte.

Als das Freizeichen ertönte, bemerkte ich, wie mein Herz eine dreimal so schnelle Melodie in meiner Brust spielte. Voller Angst, nicht die richtigen Worte zu finden, tippte ich nervös mit den Fingern an die beschlagene Fensterscheibe, der nach kaltem Rauch riechenden Zelle.

„König?“, meldete sich die tiefe, vertraute und unwahrscheinlich wärmende Stimme.

Bevor ich antwortete, atmete ich einmal tief ein, da dies die Stimme erotischer klingen lässt.

„Michel. Bist du es? Ich bin es: Lucas aus dem Gnosa“, versuchte ich möglichst gelassen in die Sprechmuschel zu flüstern. Es hörte sich richtig gut an!

Natürlich erinnerte sich der Geschichtslehrer an mich, doch flossen seine Worte auf Entfernung nicht so, wie ich es mir erhofft hatte. Vielleicht war er nicht allein und sein bester schwuler Freund, nebst dickem, schwulem Kater lauschte unserem Gespräch? Sicherlich hatte er jemanden zu sich nach Hause eingeladen, der ihn ablenkte, bis ich mich endlich meldete. Ich musste bei seinen kurzen Antworten die Fäden in die Hand nehmen, was mir nicht sonderlich schwer fiel. Ohne weiter auf meinen erotischen Tonfall zu achten, redete ich einfach drauf los und hatte den Anschein, den Traummann am anderen Ende der Leitung gut zu unterhalten. Nach ein paar Minuten war ein Wiedersehen ausgemacht.

„Freitag passt mir gut. Siebzehn Uhr vor dem Café Gnosa. Ich freue mich drauf. Bis dann!“ , beendete er das Gespräch.

Mit einem wohligen Bauchgefühl schlenderte ich durch die Stadt zurück nach Hause.

Noch zwei Tage warten. Das würde ich nun auch noch aushalten. Schon wieder hatte er den blöden Satz „Ich kann dich sicherlich gut mit der schwulen Szene vertraut machen“, erwähnt.

„Schwule Szene“ - was um Himmels Willen meinte er denn damit? Ich mochte den Begriff nicht. Es hörte sich so nach einer Untergrundorganisation an. Will er mich etwa in irgendwelche Keller zerren und als Frau verkleidet auf den Strich schicken? Ich wollte mich mit dem Begriff nicht weiter auseinandersetzen und dachte wieder an seinen süßen, dicken Po und die angenehme Stimme, die ich noch immer im Ohr hatte. Die Bilder in meinem Kopf zeigten uns zwei bei Kerzenschein auf seinem Sofa. Sein Geruch hing mir sowieso schon seit Tagen in der Nase. Ich wollte an ihm riechen und nicht noch zwei Tage warten, bis dieser Moment kommen sollte.

Am Freitag saß ich nach einem Stück Marzipantorte im Gnosa dann tatsächlich auf seinem gemütlichen Sofa. In einem alten Fahrstuhl mit einer Schiebetür aus Holz und einem Spiegel an der Stirnseite, schwebten wir gen Himmel. Genauer gesagt in den dritten Stock seiner Altbauwohnung mit Alsterblick. Der antike Lift war der erste Raum, in dem wir ganz allein waren. Wie gern hätte ich mich um seinen Hals geworfen, doch traute ich mich noch nicht.

Michel, der mit seinen neunundvierzig Jahren übrigens nur wenige Monate jünger war, als meine Mutter, hauste in einer absolut durchgestylten Mietwohnung, wie ich sie bisher nur aus amerikanischen Fernsehserien kannte. Vom Flur trat man direkt in das helle Wohnzimmer, das in der Mitte durch einen großen Glasschreibtisch unterteilt war.

In der rechten Hälfte stand ein rotes Sofa mit einem kleinen Couchtisch aus gebeiztem Holz.

Die linke Hälfte des Raumes diente als Esszimmer. Belesen war er selbstverständlich auch. Diverse Bücherregale mit Schinken über Kunst und höherer Literatur zierten die Mehrzahl der Wände. Über dem Sofa hing ein großes Bild meines Lieblingsmalers: Nighthawks von Edward Hopper. Sein bekanntestes Werk zeigt eine Bar von außen. Durch die großen Fenster des Eckhauses sieht man drei Personen mittleren Alters und einen Angestellten.

Die Einsamkeit, die dieses Bild ausstrahlt, versetzt mich in angenehme Melancholie.

Gefühlsmäßig schienen wir auf einer Wellenlänge zu sein, wobei ich wirkliche Verlorenheit bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht gefühlt hatte.

Wir sprachen über das Bild, wie zwei Erwachsene. Überhaupt hatte ich das Gefühl, mit Michel auf einer Stufe zu stehen. Trotz des gewaltigen Altersunterschieds nahm er mich total ernst. Als ich anfing, mir dabei dennoch ein wenig doof vorzukommen, entschuldigte ich mich für einen Moment, um im Badezimmer noch einmal unauffällig mein Aussehen zu kontrollieren. Entlang des langen Flures hingen diverse Kunstdrucke. Nicht ganz unbeabsichtigt verwechselte ich die Tür zum Bad mit der des Schlafzimmers.

Zu meiner Überraschung war dieser wichtige Raum meines Gastgebers eher sparsam möbliert. Ein Futon war Blickfang des kleinen Raumes. Die rote, offenbar frisch bezogene Bettwäsche wirkte frivol und anregend. Wieso ich an ein chinesisches Massagestudio denken musste, weiß ich nicht. Erst im Badezimmer bemerkte ich beim Träumen von einer gemeinsamen Nacht im fernöstlichen Nest, dass sein Schlafplatz mit zwei Bettdecken und mehreren Kopfkissen ausgestattet war. Sollte es heute schon so weit gehen?

So, wie es aussah, hatte Michel bereits alles durchtrieben vorbereitet. Sogar zwei Handtücher hingen einladend neben dem Waschbecken.

Schon bei dem Gedanken, an das, was noch kommen würde, erhärtete mein Schwanz in der Hose. Ich legte ihn nach oben, sodass der Saum meiner Unterhose ihn vorerst in Zaum halten würde. Im richtigen Moment würde ich den Tiger frei lassen!

Das Wohnzimmer lockte mit Kerzenschein und angenehmer Musik. Alles lief so, wie ich es mir erträumt hatte. Verlegen von so viel Gefühlsduselei machte ich mich erst einmal über den Stapel CDs her, der sich auf dem Lautsprecher neben der Stereoanlage befand. Aus den Boxen erklang „Bete Noir“ von Bryan Ferry. Neben der aufgeklappten Hülle befanden sich Alben von Marc Almond und dem Communards.

Michel saß auf dem Sofa und schenkte uns Tee ein. Der liebliche Geruch lockte mich neben ihn. Noch nie konnte ich mich groß für diesen Trunk begeistern, doch an diesem Abend passte alles zusammen. Während ich ihm aufgeregt von meinen ersten Coming Out - Gesprächen berichtete, berührten sich unsere Finger nicht ganz unbeabsichtigt.

Ich musste mich zusammenreißen, um nicht irgendwelchen Blödsinn von mir zu geben, da mein Hirn immer wieder das Verlangen nach körperlicher Vereinigung an mein Sprachzentrum schickte. Am liebsten hätte ich laut gerufen: „Greif doch endlich zu und küss mich!“

Mein Körper brannte vor Sehnsucht nach Berührung. Als mir die Sache langsam zu bunt wurde und ich gerade zum Landeanflug auf seine Lippen ansetzen wollte, wurde überraschend das Thema Beziehung angeschnitten. Allerdings ging es hierbei in keinster Weise um mich.

„Mein Freund trinkt übrigens genauso gern Tee wie du“, zerstörte er mit gewohnter Gelassenheit den Augenblick. Mit einem Mal hätte ich den Tee, der mir in der letzten Sekunde tatsächlich noch geschmeckt hatte, am liebsten ausgekotzt. Es ist schwer, die Empfindung von Ohnmacht, die mich auf einmal zu überrennen drohte, in Worte zu fassen. Mein Körper sackte in sich zusammen. Ich war richtig geschockt.

Der Mann, mit dem ich den Rest meines Lebens verbringen wollte, hatte einen Freund?

Eine richtige Beziehung? Das konnte doch nicht angehen. Wieso hatte er mir überhaupt seine Telefonnummer gegeben? Michel muss mir im selben Moment Entsetzen angesehen haben:

„Hatte ich dir noch nichts von Sören erzählt?“

Es fiel mir schwer, mich zusammenzureißen. Bloß nicht anfangen zu heulen.

Augen zu und durch. Seine Worte erreichten mich nicht mehr. Ich fühlte mich wie eine Maus, die mit einem großen Stück Edamer unter einer Käseglocke gefangen war und wusste, dass sie in wenigen Sekunden ersticken würde. Ich musste durchatmen und verzog mich noch einmal auf Toilette, wo ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten konnte. Das Gesicht im Spiegel tat mir leid. Es flehte nach Berührung und Umarmung. Die Tränen liefen mir über die Wangen. Wie konnte ich nur davon ausgegangen sein, dass ein so toller Mann Single ist.

Mit entschlossenem Blick sah ich meinem Abbild tief in die Augen und fasste einen Entschluss: Ich werde um Michel König kämpfen.

Mit kaltem Wasser wischte ich mir die Trauer aus dem Gesicht, um das Gefecht um den Mann, den der Himmel für mich bestimmt hatte, anzutreten. Zwar blieben weitere flüchtige Berührungen an diesem Abend aus, doch erfuhr ich viele interessante Dinge über Michel, die mich darin bestärkten, dass er der Richtige für mich war. Der größte Triumph war eine nicht zu kurze Umarmung zum Abschied. Innig drückten wir unsere Körper aneinander, sodass ich jeden einzelnen Muskel seines Oberkörpers spüren konnte. Am liebsten hätte ich ihn nie wieder losgelassen. Mit einem Mal überrannte mich die verdrängte Traurigkeit, ich riss mich los und verschwand im Fahrstuhl. Ich war allein – unwahrscheinlich allein.

Die nächsten Treffen verliefen anders als geplant. Während ich mir angewöhnte, vor jedem Satz tief einzuatmen, um eine erotischere Stimme zu bekommen und so charmant, sexy und unwiderstehlich auftrat wie nur möglich, schien der erfahrene Szene-Prediger relativ unbeeindruckt zu bleiben.

Sicherlich gab es Momente, in denen unsere Blicke sich vereinten und das Feuer loderte, doch waren diese die Ausnahme. Den größten Freundschaftsbeweis erhielt ich in Form eines antiken, französischen Modebuchs und ausrangierter Klamotten.

Die enge Lederhose, zwei zerschlissene Jeans und die amerikanische Jacke, die laut Michel ein Originalstück der US- Army war, passten ihm nicht mehr. Bei meiner schlanken Statur saßen die Teile wie angegossen. Es war fast wie eine körperliche Vereinigung, als ich den Stoff, der in den vergangenen Jahren seine Lenden umschmiegt hatte, auf meiner Haut spürte.

„So solltest du losziehen, wenn du demnächst die schwule Szene unsicher machst“, drückte Michel im nächsten Moment meine Stimmung auf den Boden der Tatsachen zurück.

Es machte ihm anscheinend überhaupt nichts aus, mich an jemand anderen zu verlieren. Viel schlimmer noch: Wie ein Zuhälter präparierte er mich allem Anschein nach für eine gelungene Partnervermittlung.

Obwohl er es nett meinte und ich seine Erfahrungen und Tipps nicht missen möchte, tat die langsam erdrückende Gewissheit weh, vom Mann meiner Träume nicht begehrt oder geliebt zu werden. Im Widerspruch zu seinem Handeln tauschten wir Fotos voneinander aus und lagen uns von Zeit zu Zeit in den Armen und hielten uns aneinander fest – einfach so.

Es gab weder Küsse, noch Hosenspielchen. Die empfundene Geborgenheit machte mich glücklich und überflügelte bei weitem den Wunsch nach körperlicher Vereinigung.

Mein Herz und mein Verstand waren sich sicher, dass Michel mich liebte. Eine Trennung von seinem Freund Sören oder zumindest eine innige Affäre schienen nicht in Betracht zu kommen.

So gut wie möglich, versuchte ich die zweite Zahnbürste über dem Waschbecken auszublenden, genauso wie den lilafarbenen Schal an der Garderobe, der sicherlich meinem Rivalen gehörte. Er war wie ein Phantom, zu dem es kein Gesicht gab.

Überraschend stand ich dem Hassobjekt eines Tages im Flur der Wohnung gegenüber.

Immerhin hatte der Eindringling bereits seinen langen, braunen Mantel angezogen, um die Wohnung zu verlassen. Während er Michel einen weibischen Kuss direkt auf den Mund verpasste, musterte ich ihn angeekelt.

Mit geschätztem einen Meter neunzig überragte Sören uns beide. Dafür, dass er nur drei Jahre älter war als ich, sah er doch recht verbraucht aus. Ich verwarf schnell den Gedanken, dass Michel ihn durch zu starken Sexualtrieb nicht genug schlafen ließ. Die blonden Haare und der große Altersunterschied bestärkten mich in der Annahme, dass ich genau dem Bild von Mann entsprach, dem der Lehrer verfallen war. Die tuntige Art seines Partners ließ ihn neben mir geradezu verblassen. Zu meiner Verwunderung behandelte er mich ganz normal. Beim Schließen der Wohnungstür zwinkerte er mir sogar kurz zu. Ob er Michel vertraute oder einfach nur dumm war? Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich ihm die hässliche Brille von der Nase geschlagen und den schlaksigen Körper anschließend in der Alster versenkt. Ohne Sören wären die Dinge geklärt.

An einem sonnigen Samstagmorgen lag ich in der Badewanne und konnte durch das Fenster den blauen Himmel sehen. Das einladende Wetter war von meinem Gemütszustand weit entfernt. Meine Gedanken kreisten um das letzte Treffen mit Michel, indem ich ihn das erste Mal direkt mit meiner Liebe konfrontiert hatte. Mit Tränen in den Augen offenbarte ich ihm mein Leiden. Es war ein direkter Versuch, ihn für mich zu gewinnen. Die Situation war für mich unerträglich geworden.

„Ich habe einen Partner. Jetzt schon seit vier Jahren. So etwas gibt man nicht so schnell auf. Als schwuler Mann ist es nicht so einfach. Das wirst du sicherlich auch noch feststellen“, bestätigte er meine Befürchtungen. Seine Worte schmerzten, obwohl mir seine Stimme starke Zuneigung vermittelte.

Als ich das neue Shampoo vom Badewannenrand nahm, um mir die Haare einzuseifen, zog mir ein vertrauter Geruch in die Nase. Im dem Moment, in dem ich den schwarzen Deckel von der grünen Plastikflasche zog, war ich in einer anderen Welt.

Das, was ich erschnüffelte war identisch mit der Note von Michels Aftershave.

Während ich mir den Kopf einrieb, überrannte mich ein Gefühl von tiefer Traurigkeit, das sich in einem bitteren Weinkrampf den Weg aus meinem Körper suchte. Wut und Schwermut ließen das Badewasser, das mir ein Gefühl von Nähe und Geborgenheit gegeben sollte, zu einem Eismeer werden. Mir wurde klar, dass ich mich von dem Gedanken verabschieden musste, in Michel den Mann fürs Leben gefunden zu haben.

Der Entschluss, einen Strich zu ziehen, um mich selbst nicht länger zu quälen, kam von ganz allein. So konnte es nicht weitergehen.

Ein letztes Mal fuhr ich wenige Tage später mit dem alten, mir inzwischen vertrauten, Fahrstuhl in den dritten Stock und klingelte an der Tür von Herrn König.

In der Tasche hatte ich einen Brief, in dem ich ihm für seine Starthilfe in Punkto schwule Szene dankte. Meine traurigen Worte legte ich nach ungewohnt kurzem Besuch an den Platz in seiner Wohnung, den ich nie erkunden durfte: Das große Bett! Hinzu legte ich zwei Marc Almond-CDs, die ich in seiner Sammlung noch nicht gesehen hatte.

Mein Brief sollte ihm klarmachen, dass es so auf Dauer nicht weitergehen konnte. Genauer gesagt, war es der letzte Versuch, ihn für mich zu gewinnen. Nimm mich ganz oder du verlierst mich.

Kurz nachdem ich zu Hause war, klingelte das Telefon. Es war das erste Mal, dass Michel mich anrief. Normalerweise ging der Kontakt von mir aus, was sicherlich auch etwas damit zu tun hatte, dass ich noch keine eigene Wohnung hatte.

Mein Traummann hatte kurz nach unserer letzten, innigen Umarmung den Brief gefunden.

„Was machst du denn für Sachen? Hast du dir das auch gut überlegt? Ich möchte deine Freundschaft nicht einfach verlieren. Du bist mir wirklich ans Herz gewachsen “, flehte er geradezu, meine Entscheidung noch einmal zu überdenken. Als Löwe-Geborener entscheidet man sich nicht um. Man tut das, was richtig ist. Dementsprechend nüchtern fielen meine Worte aus. Die Klarheit, die ich brauchte, um nach vorne zu sehen, hatte ich nun. Weitere Treffen und Telefonate waren ausgeschlossen.

Am nächsten Wochenende schnappte ich mir die aufgezeichneten Szenepläne und machte mich auf, die Theorie, die ich von meinem erfahrenen Lehrer gelernt hatte, in die Praxis umzusetzen. Hamburger Jungs, macht Euch bereit! Es geht los! Ich komme!