Cover

Die Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel »Bequest«
bei Headline Publishing Group in London.




1. Auflage 2011
Copyright © 2010 by A. K. Shevchenko
Für die deutschsprachige Ausgabe
Copyright © 2011 by Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg
www.hoca.de
Satz und E-Book-Umsetzung: Dörlemann Satz, Lemförde
ISBN 978-3-455-81007-3







Dem Andenken von Fedir und Rosa

PROLOG

Cambridge, 1. April 2001

»Es liegt an der Beleuchtung«, beruhigt sie sich selbst. »Die gruslige Beleuchtung ist der Grund.« Die Fliesen unterhalb der Leuchtstoffröhre glänzen. Im künstlichen blauen Schimmer, der den Raum erfüllt, wirkt sein Gesicht bleich, die Sommersprossen wirken wie abgewaschen. Sie steht an der Rollbahre und weiß nicht, was sie mit ihren Händen anfangen soll.

Plötzlich verspürt sie den Drang, das Laken glatt zu ziehen, zwei unscheinbare Falten unter seiner Schulter auszubügeln. Als ihre Finger die Rollbahre berühren, zieht sie sie rasch wieder zurück, so kalt kriecht die Kälte des Stahls durch ihre Fingerspitzen, den Arm hinauf bis in die Schultern und dann in den Brustkorb. Eisig ist es hier. Na ja, denkt sie, warum auch nicht. Für diesen Ort ist das ja ganz normal.

Die Tür steht halb offen, und sie sieht einen Mann in einer langen Gummischürze, der mit dem Schlauch eine weitere stählerne Rollbahre abspritzt. Das Wasser ist rosa und schaumig, eine Mischung aus Blut und Reinigungsmittel. Akribisch, verbissen ist der Mann damit beschäftigt, wie so oft die letzten Spuren eines Lebens abzuwaschen. Er richtet den scharfen Strahl in die Ecke, und da fällt ihr ein, dass sie dieses Geräusch schon einmal gehört hat. Regen, der auf ein Blechdach prasselt – letzte Woche, als sie sich versteckten.

Da ist noch ein anderes Geräusch, näher. Klick-klack. Schwarze Schuhe mit marineblauen Schnürsenkeln. Ein rastloses, ungeduldiges Geräusch. Es scheint leicht zu stottern, wie der Sekundenzeiger ihrer Bürouhr, der immer etwas nachhallt, und wie der Besitzer der schwarzen Schuhe, als er wieder ihren Namen ausspricht: »»K-K-Kate …« Sie versucht sich zu erinnern, warum sie hier ist, schaut ihn hilfesuchend an. Er sieht aus wie ein Professor – leicht zerknittert, hintergründig intelligent –, aber so sehen hier, in dieser Universitätsstadt, wahrscheinlich die meisten Polizisten aus.

Heute Morgen am Telefon haben sie noch zusammen gelacht, als er sich mit ihrem ungewöhnlichen Nachnamen abmühte, ein Cluster aus Konsonanten, vermengt mit ein paar derben Vokalen: »Wenn Sie einen Namen nicht aussprechen können, bin es vermutlich ich«, hatte sie zu ihm gesagt. Nett, gleich am Montagmorgen mit einem Fremden herumzuflachsen.

Aber das war im vorigen Leben gewesen, bevor er ihr die Nachricht überbrachte.

Sie bestätigte noch einmal Zeitpunkt und Ort des Treffens, verließ das Büro, nahm einen Zug, dann ein Taxi. Sie hat von diesem Schutzmechanismus gelesen: Menschen im Schockzustand gehen, reden, handeln oft noch eine Weile ganz normal, als wäre nichts passiert. Das Gehirn blockiert die Gefühle. Schlägt einen schweren Deckel drüber zu und wartet.

Seltsam, dass man ausgerechnet Kate darum gebeten hat. Weder ist sie mit ihm verwandt, noch ist sie eine Freundin oder vertritt das Konsulat. Sie ist einfach nur eine x-beliebige Person, von der man sich die Identifizierung seiner Leiche erhofft.

Im Kühlraum merkt sie plötzlich, dass sie zu lange schweigt, obwohl er doch angeblich nur ein Bekannter ist, und so nickt sie hastig. »Ja, er ist es.« Der Detective Inspector blickt sie verdutzt an. In Wirklichkeit hat sie kein Wort herausgebracht. Sie versucht, ihre Stimme wieder in den Griff zu bekommen. »Ja, er ist es.« Als sie seinen unenglischen Namen ausspricht, die rollenden Konsonanten, bleibt ihr die Luft weg.

»Danke, Miss L-L-L …« Er kämpft wieder mit ihrem Namen. »D-d-danke, Kate.«

Dann verlassen sie den Raum und steigen die Treppe zum nachmittagsgrauen Korridor hinauf, und sie stolpert über den Behälter für medizinische Abfälle, in dem ein narzissengelber Plastikbeutel hängt. Warum Gelb? Welch unpassende Farbe für diesen Ort! Sie ist verärgert – und doch auch froh. Froh, dem trostlosen, eisigen Raum, dem Kellergeschoss entronnen zu sein, froh, dass sie zum ersten Mal wieder etwas empfindet.

Der Detective Inspector fährt sich mit den Fingern durchs Haar, verwuschelt es aber noch mehr. Er bombardiert sie mit Fragen, wieder und wieder, bis sie schließlich antwortet.

»Wie gut haben Sie den Verstorbenen gekannt?«

Besser als mich selbst, denkt sie und antwortet laut: »So gut wie gar nicht.«

»Er hat Sie als seine nächste Verwandte in diesem Land bezeichnet – können Sie mir erklären, warum?«

Sie zuckt die Schultern, bemüht sich um eine neutrale Miene. »Keine Ahnung. Vielleicht, weil ich Anwältin bin – jemand, der seine Angelegenheiten regeln konnte, nur für den Fall …«

»Für den Fall, d-d-dass was?« Sein Stottern wird auffälliger, jetzt, da er sie unterbricht.

»Nur für den Fall.« Sie kann sich nicht mehr auf die Antworten konzentrieren.

»Befinden sich irgendwelche Dinge, die dem Verstorbenen gehörten, in Ihrem Besitz?«

Kate schüttelt den Kopf. Etwas zu heftig vielleicht.

»Wann haben Sie den Verstorbenen zuletzt g-g-gesehen?«

Warum vermeidet er den Namen und sagt immer »der Verstorbene«? Benutzen die eine bestimmte Technik, um einen von der Situation abzulenken, damit man die Fragen ruhig beantwortet, bevor einen der Kummer übermannt?

Der Polizist drängt sie förmlich zum Ausgang, unterschreibt an der Pforte und lässt Kate hinaus. Dass sie nun aber eine Gefangene ist, wird ihr klar, als er sagt: »W-wir werden Sie bald kontaktieren. B-b-bitte verlassen Sie keinesfalls das Land.« Trotz des Stotterns ist dies das nachdrücklichste Bitte, das sie je gehört hat.

Die Welt draußen umfängt sie mit Farben und Formen, doch sie nimmt nicht mehr daran teil.

Sie sieht sich den 3-D-Blockbuster Alltagsleben an.

Ein Krankenwagen rast vorbei und biegt mit quietschenden Reifen links in die Einfahrt der Notaufnahme.

Kate fällt ein, dass dies ja immer noch ein Krankenhaus ist, ein Ort, der eigentlich dazu dienen soll, Leben zu retten.

Ein rothaariger Junge unterhält sich an der Tür des Forschungslabors mit einem japanischen Mädchen, das eine glänzende Nylonjacke trägt. Seine Hände sprechen für ihn. Er ballt sie zu Fäusten, hebt sie vor die Brust, öffnet dann plötzlich die Fäuste, wie ein Magier, der für die Vorstellung trainiert. Der Zauber scheint zu wirken, denn das Mädchen lächelt und nickt, lächelt und nickt, wie eine übergroße Porzellanpuppe.

Daneben versucht ein Mädchen, noch zu jung für eine Ärztin, ihren hellen Kleinwagen unter dem Schild Nur für Angehörige der Universität einzuparken. Der Wagen bockt lärmend. Seine weißen Streifen sind von Rost bedeckt, aber die grüne Motorhaube ist noch unversehrt.

Kate schlendert an dem Magier, der Puppe und dem Kleinwagen vorbei und krümmt sich plötzlich vor Schmerz. Der Schlag in die Magengrube ist so heftig, dass sie sich zusammenkauern muss, gleich hier, hinter einem Polizeiwagen. Etwas schießt ihr heiß die Kehle hoch, flutet brennend durch ihren Körper.

Mein Gott, sie ist nicht bereit dafür. Für seinen Tod, für diese Qual. Und für dieses neue unbekannte Gefühl von Gefahr.

»F-f-falls sich irgendwelche Gegenstände des Verstorbenen in Ihrem Besitz befinden sollten …«, hat der Polizist zu ihr gesagt.

Ja, er hat ihr drei Gegenstände hinterlassen. Nein, er hat ihr diese drei Gegenstände überlassen, und sie ist jetzt ganz auf sich allein gestellt. Etwas aus seinem Traum. Etwas, das sein Land retten soll. Jetzt steht sie da, ohne ihn, aber mit seinem Geheimnis.

»Alles in Ordnung mit Ihnen?« Der Detective Inspector steht vor ihr. Er wirkt besorgt. Selbst das Stottern scheint verschwunden. »Ich bring Sie zum Bahnhof, mit dem Auto sind das nur fünf Minuten.«

»Ich geh zu Fuß«, stößt sie hervor, aber er hält ihr schon die Wagentür auf.

Als sie im Auto sitzt, hallen ihr seine Fragen immer noch in den Ohren, brechen durch das weiße Rauschen des Schmerzes.

»Wo waren Sie gestern zwischen sieben und elf Uhr abends?«

Sie wendet sich ihm zu. »Sie sagten doch, es sei ein Unfall gewesen. Sie verdächtigen doch nicht etwa mich?«

Der Detective Inspector zuckt zusammen und schaut weg, als sei dort vor dem Fenster etwas, das Kate nicht sieht. »Da der toxikologische Bericht keinen eindeutigen Befund ergab … Es könnte sich natürlich um Suizid handeln.«

Er hält inne. Offenbar ärgert er sich über sich selbst; er hat zu viel gesagt. Schweigend fahren sie weiter. »G-g-geben Sie uns B-bescheid, wenn Ihnen etwas einfällt«, sagt er statt »Auf Wiedersehen«.

Sie muss sich bewegen, um zu überleben. Auf dem Bahnsteig bewältigt sie einen Schritt nach dem anderen, setzt die Füße vorsichtig auf den schmutzigen Asphalt. Sie wandert nach Nirgendwo. Ihre Schritte werden schwerer, ihr Herz schlägt schneller. Schneller, schwerer. Schwerer, schneller in einem ganz bestimmten Rhythmus: »Ein-Zug-der-Qual-trägt-mich-da-von …«

Wann geht der nächste Zug nach King’s Cross? Sie muss einsteigen, um von hier wegzukommen, aus dem mit Neonlicht erhellten Raum, weg von dem Mann in jenem Raum, der ihre große Liebe ist … ihre große Liebe war. Sie sieht ihn jetzt ganz deutlich auf dem Bahnsteig: Er geht von ihr weg, streicht sich mit seinen langen, aristokratischen Fingern die Ponyfransen aus der Stirn. Sie ruft seinen Namen, doch als er sich umdreht, ist sein Gesicht ein verschwommener Fleck, wie bei einem Undercover-Zeugen in einem Polizeivideo.

»Warum kann ich dein Gesicht nicht erkennen?« Sie gerät in Panik. »Was ist da sonst noch, was ich nicht sehen kann?« Sie erinnert sich an das verlegene Gemurmel des Polizisten: »Da der toxikologische Bericht keinen eindeutigen Befund ergab …«

»Hast du Drogen genommen? Was hab ich sonst noch nicht von dir gewusst? Gibt es einen zweiten Namen? Eine zweite Liebe? Ein zweites Leben?«

Der Zug nähert sich: »Tu-es-für-ihn, tu-es-mit-ihm, tu-es, tues …« Plötzlich ist ihr alles klar. Ihr ist klar, was sie mit seinen Geheimnissen anfangen soll, wo sie die Wahrheit findet. Dazu muss sie sofort ins Ausland fliegen, ein paar Stornierungen vornehmen, ein paar Lügen erfinden …

»Hör zu«, sie benutzt sogar seinen Lieblingsausdruck, um ihn zu überzeugen, »Ich habe keine Wahl, für mich ist das eine Nullvariante. Ich muss gehen. Um den Rest deiner Seele zu finden. Selbst wenn es mich zerstört.«

1

DIE SUCHE

Wie armselig ist ein Gedächtnis, das nur rückwärts funktioniert.

Die Weiße Königin aus Alice hinter den Spiegeln
Lewis Carroll (1832–1898)

 TARAS

1

Moskau, Februar 2001

»Es liegt an der Beleuchtung«, beruhigt er sich selbst. »Die gruslige Beleuchtung ist der Grund.« Die Fliesen unterhalb der Leuchtstoffröhre glänzen. Im künstlichen blauen Schimmer, der den Raum erfüllt, wirkt sein Spiegelbild bleich, die Sommersprossen wirken wie abgewaschen. Taras steht am Ausguss und weiß nicht recht, was er mit seinen Händen anfangen soll.

Der Raum ist schraffiert mit den Schatten der riesigen restlichen Neonlettern von LFA-BANK auf dem Dach des gegenüberliegenden Gebäudes.

Da außer ihm niemand im Waschraum ist, kann Taras in aller Ruhe sein Spiegelbild betrachten, während er sich gründlich die Hände schrubbt: totenblasser Teint, schwarzer Schatten auf der Unterlippe. Die Oberlippe verschwindet unter einem dünnen Streifen weizengelben Bartwuchses. Sieht er mit Schnurrbart tatsächlich älter aus, wie seine Vermieterin behauptet? Und was meinte sie mit »älter«? Reif und distinguiert – oder verhärmt und abgezehrt?

Taras studiert sein Gesicht, ob irgendetwas auf die heutige Entdeckung hindeutet – eine Spur, ein verstecktes Lächeln –, aber aus dem Spiegel starrt ihm nur stumpf diese blasse Maske entgegen. So müde kann er doch nicht sein? »Es liegt eindeutig an der Beleuchtung«, sagt er sich. Tja, und die Hände. »Ich wasche sie mir heute erst zum fünften Mal – ziemlicher Fortschritt im Vergleich zu gestern«, er registriert das ganz objektiv, wie ein Nachhilfelehrer, der zu einem nicht besonders begabten Schüler spricht.

Er streckt die Handflächen aus und betrachtet sie unschlüssig. »Was jetzt? Abtrocknen mit einem Papierhandtuch oder durch den Flur laufen und hektisch flattern wie ein aufgeregter junger Gockel?«

»Treten Sie würdevoll auf, Leutnant Petrenko.« Der Nachhilfelehrer runzelt die Stirn.

Taras verlässt den Waschraum, stößt die Tür mit der Schulter auf und geht auf den behaglichen Lichtschein zu, der am Ende des Flurs aus der Loge des Wachmanns fällt. Die passt gar nicht hierher. Ein Sperrholzverschlag am Eingang eines Bauwerks, in dem jede einzelne Säule ein Monument der Macht darstellt. Auch der Wachmann scheint nicht hierher zu passen. Der Sergeant mit der strengen, ausdruckslosen Miene ist für immer verschwunden. In der Kabine sitzt ein pensionierter Oberst, der aus einer angeschlagenen rotgeblümten Tasse mit Goldrand seinen Kräutertee schlürft. Ein milder Duft nach getrockneten Himbeerblättern, ein vertrauter Kindheitsduft, erfüllt den Verschlag.

Der Wachmann blickt von seiner Iswestija auf.

»So spät noch im Haus, Leutnant Petrenko? Feiern Sie nicht den Tag der Roten Armee?« Der Wachmann lässt sich nichts von seiner Überraschung anmerken. Langes Training. Oder vielmehr, es geht ihn einfach nichts mehr an. Die Zeiten, in denen er die Köpfe anderer Menschen durchleuchtet hat, sind vorbei – er bessert hier nur seine Pension auf.

Was er sich wohl von dem Extrageld kauft?, überlegt Taras und meldet sich ab. Ein amerikanisches Herzspray gegen seine Angina Pectoris? Eine Barbiepuppe für seine Enkelin?

Vermutlich wird ein ehemaliger KGB-Oberst nur schwer damit fertig, dass man jetzt alles, wirklich alles, kriegen kann. Engpässe und leere Regale waren während der Sowjetzeit sein Vorsprung gewesen, sein Schlüssel zur Macht: »Wir haben es, aber sie haben es nicht. Wir haben den Zugang, die Kanäle, den Einfluss, sie nicht.« Jetzt unterscheiden sich »wir« und »sie« nur noch durch Zahlen. Freiheit und Wahlmöglichkeit, solange man genug Geld besitzt.

Taras muss unbedingt mit jemandem reden, er ist so aufgewühlt. Auf ihn wartet nur seine leere Wohnung, und das eigene Spiegelbild ist kein besonders fesselnder Gesprächspartner.

»Sie können offenbar auch nicht feiern«, setzt er an. »Der Tag der Roten Armee ist doch auch Ihr Tag.«

»Nicht mehr.« Der Oberst zuckt die Achseln und beäugt Taras über den Brillenrand hinweg. »Außerdem kann ich mich, obwohl sie ihn schon vor fast zehn Jahren in ›Tag der Verteidiger des Vaterlands‹ umbenannt haben, immer noch nicht daran gewöhnen.«

»Dieser Duft – trinken Sie Himbeertee?« Taras beschließt, das Thema zu wechseln.

»O nein.« Die Miene des Obersts hellt sich auf. »Der wird aus den Blättern wilder Erdbeeren gemacht. Die wachsen in rauen Mengen auf meiner Datscha. Das nennt man optimale Verwertung, Leutnant Petrenko. Alles findet Verwendung: Meine Enkelin pflückt die Beeren, Walentina Nikolajewna, meine bessere Hälfte, sammelt und trocknet die Blätter. Ich sage Ihnen, dieser Tee hat magische Wirkung. Ich trinke ihn schon länger, seit wir wilde Erdbeeren pflanzen, und hab entdeckt, dass er noch mehr Krankheiten heilt, als in den Ratgebern steht. Das Geheimnis besteht darin, die Blätter Ende Mai zu pflücken, wenn sie noch ganz frisch sind, in vollem Saft …« Und ehe Taras sich’s versieht, hängt er fest, nickt nur von Zeit zu Zeit, schon wieder auf die Rolle des Zuhörers beschränkt.

»Und natürlich sollte man nicht vergessen, wie segensreich sich der Tee auf ein gewisses Männerproblem auswirkt …« Der Oberst macht eine Pause.

Er ist gar nicht so alt, denkt Taras. Pensionierung bedeutet in dieser Organisation nicht, dass man alt ist. Er nutzt die Pause, um den Redefluss des Obersts zu unterbrechen. »Faszinierend – aber ich muss jetzt los. Bald geht die letzte Metro.« Das Echo seiner Schritte in der riesigen Eingangshalle klingt, als folgte hoch über ihm im Dunkel ein Riese jeder seiner Bewegungen.

Schon der messingne Türgriff warnt Taras vor den draußen herrschenden Temperaturen. Als er die Tür öffnet, atmet er die nächtliche Moskauer Winterluft und überquert flott den verlassenen Platz, ohne auf Autos zu achten – zu spät für den Berufsverkehr und zu kalt. Ein Blizzard fegt über den Platz, Taras läuft durch wild wirbelnden Schnee. Er kneift die Augen zusammen, seine Nasenspitze ist taub vor Kälte, noch drei Minuten, dann taucht er in den warmen Luftstrom ein. Er liebt die Moskauer Metro. Die marmorgraue Würde der Station Majakowskaja; den patriotischen roten Granit der Pawelezkaja; die nostalgisch-erbaulichen Fresken mit glücklichen ukrainischen Bauern in der Station Kiewskaja … Jedes Mal, wenn er eine Münze in den Schlitz steckt, die Rolltreppe betritt, in die U-Bahn steigt, hat er das Gefühl, jemand übernehme die Führung über sein Leben. Weise den Weg; helfe ihm; halte ihn. Nur hier während dieser Fahrten gesteht er sich ein, dass alles in seinem Leben bloß noch Ersatz ist – ein billiges Surrogat. Wie die zichorienbraune Plörre, die sie in der Kantine als koffeinfreien Kaffee verkaufen. Kein Kick, kaum Geschmack, stets enttäuschend. Und wenn man bedenkt, dass er jetzt zwei Jahre älter ist als Jesus zum Zeitpunkt seines Todes!

Taras arbeitet für den FSB – den Inlandsgeheimdienst der Russischen Föderation –, ist aber im Archiv gelandet, statt bei der Spionageabwehr-Einheit, von der er träumte.

Konzentriert, entschlossen, guter Stratege stand in der Abschlussbeurteilung der Akademie. Aber da stand noch etwas anderes – ein Wort, das all seine Träume durchkreuzte. Nationaliät: ukrainisch.

Er hatte an der Mokauer FSB-Akademie am Mitschurinski-Prospekt studiert, und am Ende seiner Studienzeit war die Ukraine zum Feind geworden. Wer hätte das voraussehen können?

Sehr zum Neid seiner ehemaligen Kommilitonen lebt er zwar in der Hauptstadt, gibt aber den größten Teil seines mageren Gehalts für ein schäbiges Einzimmerapartment aus – in Tschertanowo, einer Schlafstadt aus lauter identischen Häuserblocks am Rande Moskaus, in der Nähe der Ringstraße.

Gut, er wirkt viel jünger, als er ist – noch spannt sich über seinen Oberarmmuskeln der Stoff des T-Shirts, noch werfen ihm hübsche Mädchen auf der Straße Blicke zu –, aber was könnte er einer Freundin bieten, wenn er eine hätte? Etwa das Bettsofa mit den kaputten Federn?

Einer richtigen Freundin natürlich. Lusja, die kleine Verkäuferin vom Gemüsestand an der Ecke, zählt ja nicht. Erst hatten sie damals über eine Ananas geplaudert, dann waren sie auf überteuerte Mandarinen gekommen und schließlich auf andere, verbotene Früchte.

Vier Jahre schneller Gelegenheitssex, angeheizt durch billigen Wein. Wenn sie betrunken war, hatte sie ihn damals oft gefragt, wie er sich eigentlich die Zukunft vorstelle und ob sie irgendwann zusammenziehen würden. Gelegentlich denkt er seufzend zurück an ihre Brustwarzen, an ihren schelmischen Blick, wenn sie ihm eine Tüte mit Äpfeln reichte und so tat, als wäre er ein x-beliebiger Kunde …

Andererseits ist es eine ziemliche Erleichterung, abends keinen Gedanken mehr daran verschwenden zu müssen, ob Lusjas Hände, je nach Lieferplan, heute nach Bananen oder nach verfaultem Kohl riechen werden, wenn sie ihn umarmt.

Seit sie weg ist, bleibt Taras nur noch, auf seinem Weg von der U-Bahn-Station zum Hochhaus die pletschewje – die »Schultermädchen« – zu betrachten. Diese Teenager hängen an der Ringstraße rum, ziehen ihre Synthetikjacken über die Miniröcke herunter und warten darauf, dass irgendein Lastwagen anhält. Sie fahren von Stadt zu Stadt, in der trügerischen Geborgenheit von Kama-Lkws, gegen eine schnelle Dienstleistung – irgendwo am dunklen Straßenrand legen sie dem Trucker die mageren Beine über die Schultern. Letztes Jahr hat Taras eine von ihnen abgeschleppt. Na ja, fast. Selbst dieser Vorstoß war zum Scheitern verurteilt.

Eins der Mädchen hatte ihm damals unter ihren Ponyfransen hervor Blicke zugeworfen, als er vorüberging. Sie hatte die feuchten, haselnussbraunen Augen eines kranken Hündchens. Er sprach nicht mit ihr – nickte ihr nur zu: Komm mit! Und doch lächelte sie (schüchtern oder triumphierend – schwer zu sagen im Dämmerlicht des frühen Winterabends) und trottete hinter ihm her, den schmalen Pfad im Schnee entlang; sie zog die Schultern hoch, verfolgte jede seiner Bewegungen, schniefte laut. Plötzlich wurde ihm klar, dass sie vermutlich noch minderjährig war, egal was sie behauptete, und dass sie sich, wenn er sie mit in seine Wohnung nahm, womöglich an die Adresse erinnern und vielleicht sogar zurückkommen und ihn erpressen würde.

»Toller Karriereschritt, Taras!«, gratulierte er sich selbst. »Na los, setz für ein flüchtiges Verlangen deine Zukunft aufs Spiel!« Also drehte er sich um und scheuchte sie mit einer Handbewegung weg. Sie blieb stehen, starrte ihn unsicher an, trat von einem Fuß auf den anderen. Er wiederholte die Geste. Erst jetzt kapierte sie, brach in eine Flut heiserer Beschimpfungen aus und stampfte mit der abgewetzten Stiefelspitze in den Schnee. Taras sah ihr nach, wie sie zur Ringstraße zurückschlurfte. Sie waren sich ziemlich ähnlich, er und sie: die gleiche brennende Sehnsucht nach einem anderen Leben, die gleiche Einsamkeit des Provinzlers in einer großen Stadt.

Allerdings gab es einen entscheidenden Unterschied: Sie hatte schon früh kapituliert, während er beschlossen hatte zu kämpfen, dank seiner Ausbildung an der Akademie.

Erkenne deinen Feind, lautete ein fünf Lektionen umfassender Kurs an der Akademie, den er bis heute ziemlich effektiv findet.

Erster Schritt: Identifiziere deinen Feind. Werde dir klar über sein Angriffsziel und seine Waffen, analysiere seine Taktik.

Der erste Schritt war leicht. Der Feind: die Megametropole. Das Ziel des Feindes: gleichgültiges Verschlingen von Opfern aus der Provinz. Seine Waffen: Isolation, verhasster Job, alte Erinnerungen. Seine Taktik: langsames Ersticken von Träumen und Ambitionen.

Schritt zwei: Um den Feind zu bekämpfen, muss man sich auf die Aufgabenstellung konzentrieren, nicht auf die Wut, den Groll, den man empfindet. Der Schlüssel heißt Selbstdisziplin.

Er führt Krieg mit dieser Stadt, bewegt sich von einem Tag zum nächsten, von einer Aufgabe zur nächsten, gepolstert durch ein Kissen aus Atemdampf, wenn er bei Frost am Sonntagmorgen im Freischwimmbecken Luft holt, getröstet durch untertitelte amerikanische Filme, die er sich an zwei Abenden die Woche aus einer Videothek leiht.

Im Großen und Ganzen kommt Taras gut klar … bis auf die Erinnerungen. Die Erinnerungen sind das Schlimmste. Gegen die kommt er viel schwerer an. Sie sind unsichtbar, überfallen ihn aus dem Hinterhalt, wenn er es am wenigsten erwartet: treffen ihn mit einer Melodie, schweben mit einem Duft auf ihn zu, streifen in einer Menschenmenge an ihm vorbei.

Doch Taras hat eine Möglichkeit entdeckt, ihnen zu widerstehen. Drei Abende die Woche, nach einer vierzigminütigen Fahrt im knallvollen Bus, betritt er den Club, zieht die Boxhandschuhe über und konzentriert sich auf seinen linken Haken, seinen rechten Aufwärtshaken. Hier braucht er nur noch daran zu denken, woher der nächste Schlag kommt.

Seine Existenz in dieser Stadt ist seine Vorbereitung auf Aktion. Er hat es sich zur Gewohnheit gemacht, das Leben dieser Stadt zu beobachten, ihre Bewegungsmechanismen und ihre Fehler, ihre Opfer. Zum Beispiel jetzt, in diesem Moment, könnte er kurz trainieren. Die U-Bahn beschleunigt ihr Tempo. Mit halbgeschlossenen Augen scannt Taras die Passagiere – das hat er sich in der Akademie so angewöhnt. Ein Paar in der Ecke – er flüstert ihr etwas ins Ohr, lehnt sich ein bisschen zu weit hinüber. Fettleibig, schütteres Haar, widerlich. Nervös, mit blaugefrorenen Händen, zerknüllt das Mädchen die weiße Mohairmütze auf ihrem Schoß. Sie lacht, wirft leicht den Kopf zurück. Ganz klar, wo sie heute Abend landen wird.

Der U-Bahn-Waggon holpert, und der Junge gegenüber (schwarze Lederjacke, zu dünn für eine Februarnacht) rutscht vom Sitz. Er hievt sich mit einem Ruck wieder hoch. Mit glasigem Blick starrt er durch Taras hindurch in ein schwarzes Tunnelloch. Er schaukelt in synkopischem Rhythmus vor und zurück. Noch nicht süchtig, urteilt Taras, steht am Anfang.

Neben ihm vergräbt ein Mann mit Hirschlederhut den Kopf in der Zeitung. Hut und Hirschledermantel sind teuer, aber altmodisch. Der Mann stützt sich mit dem Ellbogen auf eine Lackledermappe mit abgestoßenen Kanten. Ein leitender Ingenieur, vielleicht sogar ein Fabrikdirektor – irgendetwas Militärisches, vermutet Taras. Der hatte früher einen schwarzen Wolga mit Chauffeur. Jetzt, da die Aufträge zurückgegangen sind, nimmt er die Metro und verbirgt verlegen sein Gesicht. Bei der Zeitung, die er angeblich liest, handelt es sich um Argumenty i Fakty.

Argumente und Fakten. Das ist jetzt Taras’ Job. Fakten studieren und Argumente liefern.

Als der FSB vor sieben Jahren seine neue »Politik der Transparenz« verkündete, empfahlen interne Memos, dass es im Sinne einer präventiven Maßnahme nur vernünftig sei, die Akten, zu denen die Öffentlichkeit Zugang habe, einer »sorgfältigen Überprüfung« zu unterziehen. Was, wenn ein sensationsgeiler Journalist, ohne die Folgen zu bedenken, für eine Sekunde skandalträchtigen Ruhms ein paar Fakten herausklaubte? Irgendjemandem fiel ein, dass Leutnant Petrenko, der im Juni direkt von der Akademie zum Geheimdienst gekommen war, einen Abschluss als Historiker hatte, und so wurde Taras ins Archiv geschickt, um die Dossiers des NKWD zu durchsuchen, der sinistren Vorläuferorganisation des KGB. Zeugin der von Stalins Paranoia beherrschten Epoche, der Schauprozesse der Euphorie eines Landes, des nationalen Terrors.

Von der Tragödie der Stalinherrschaft hatte er erst auf der Universität erfahren. Im Geschichtsunterricht in der Schule war nie davon gesprochen worden, aber dort hatte er sowieso nichts gelernt. Die Schule in seinem abgelegenen Bergdorf hatte aus einem einzigen großen Raum bestanden, in einer schäbigen, strohgedeckten chata, einem alten ukrainischen Haus. Dort waren ein Dutzend Kinder aller Alterstufen von einem alten Lehrer unterrichtet worden, der ihnen von allem ein bisschen was beibrachte und sich mehr auf sein schwindendes Gedächtnis als auf die zerfetzten Schulbücher verließ.

Jeweils am ersten Schultag im September wurden die Schüler vom brechreizerregenden Gestank der billigen schwarzen Farbe empfangen, mit der man die Kritzeleien auf den Pulten frisch übermalt hatte. Die weißgetünchten Wände der Dorfschule waren kahl, bis auf ein Lenin-Porträt über der Tafel und zwei verblasste Botanikplakate, die an der Wand gegenüber dem Fenster hingen und die blätternde Tünche verbargen. Taras hasste die Schule. Er studierte jedes Detail der Botanikplakate, zählte die rostigen Reißzwecken, die das Wachstuch über den Fenstersimsen fixierten, und sehnte das Läuten der Schulglocke herbei, das ihm die Freiheit schenkte, die Chance, durch die verschlafene Dorfstraße zu laufen. Vorbei an der riesigen Pfütze, die nie austrocknete; vorbei an dem baufälligen zweistöckigen Haus der bäuerlichen Zentralgenossenschaft, an dem eine verblichene Fahne wehte; vorbei am Dorfladen, an dem stets ein Vorhängeschloss hing; vorbei an schwarzen und gelbbraunen Hennen und rotznasigen Kleinkindern, die sich im Staub tummelten. Und dann auf den Pfad, der in die Frische der feuchten, nach Pilzen duftenden Wälder führte, zur schiefen, strohgedeckten Hütte, zu seinem geheimen Platz am Ende des Gemüsebeets, hinter den Mais- und Sonnenblumenfeldern. Dort lag er dann auf dem Rücken, betrachtete den endlosen Himmel über sich, träumte von der Zeit, wenn er ein Held sein würde, wenn er wegfahren würde, weit fort von hier, nur diesen Wolken nach, seinen Träumen nach, und …

Dieser freie Geist ist immer noch da, tief drinnen. Während seiner Archivstunden hebt er oft den müden Blick von dem Gekrakel in den Akten, von den hastig getippten Urteilen, und blickt auf die verhasste grüne Wand, riecht die vertraute billige Farbe und fühlt sich verurteilt, genau wie die Menschen, deren Schicksale sich hier vor ihm auftürmen. Diese Akten umweht eine dem Untergang geweihte Unendlichkeit. Statt weniger zu werden, vermehren sie sich, vervielfältigen sie sich, klonen sie die immer gleichen Phrasen: zehn Jahre ohne das Recht, Briefe zu schreiben oder zu empfangen … zum Tod durch Erschießen verurteilt … fünfzehn Jahre Zwangsarbeit in einem strengen Umerziehungslager … Kinder von Volksfeinden kommen ins Waisenhaus …

Und er hört sie auch. Nicht immer, nicht jeden Tag. Doch wenn er überarbeitet ist, wenn es in den Fluren des Archivs ganz still ist, hört er ein fernes Echo. Wimmerndes Flehen um Gnade, leise Geständnisse, zögernder Verrat. All diese Emotionen rauben ihm die Kraft, als kümmere er sich um Sterbenskranke. Nur dass es bei der Pflege Sterbenskranker irgendwann ein Ende gibt.

Die Akte, die er heute Morgen aus dem Regal gezogen hat, Fall N 1247, sah ganz genauso aus wie die anderen – dick, mit gelben Seiten, mit einer ordentlich gebundenen Schleife aus ausgefranstem Baumwollband. Der Titel in der linken oberen Ecke klang nach Sensation und Abenteuer – einer Geschichte, nach der sich Journalisten die Finger lecken würden. Taras jedoch hatte das kaltgelassen. All diese Akten begannen wie Krimis, aber dann enthielten die meisten doch nichts als gruslige Verhörprotokolle, und es ging um unschuldige Menschen, die oft nur aufgrund des anonymen Briefs eines »wohlmeinenden Bürgers« verhaftet worden waren.

Fall N 1247 schien keine Ausnahme zu sein. Die beiden ersten Dokumente mit dem verwischten Doppeladler-Stempel der russischen Geheimpolizei waren mit weißem Wachsfaden an den dicken Karton geheftet. Taras überprüfte die Daten: März 1749 … Juli 1749 … Die Worte, aufgereiht wie seltsam geformte Perlen, in Unmengen von Briefen, gehörten längst nicht mehr zum Sprachgebrauch. Taras überflog rasch den Inhalt. Der Aktenordner enthielt Berichte über drei Jahrhunderte hinweg, alle durch den gleichen Familiennamen verknüpft. Zweihundertfünfzig Jahre Überwachung, dachte er. Das musste ja ein wichtiger Fall gewesen sein, wenn er all die Kleinarbeit wert gewesen war und all den Papierkram!

Dann folgten die üblichen Berichte, die die Mitglieder besagter Familie als Volksfeinde und englische Spione entlarvten, verurteilt zu Zwangsarbeit wegen Vaterlandsverrats.

Dezember 1923: Verhaftung eines Volksverräters – des ukrainischen Botschafters in Wien

November 1937: Bericht über Verhaftung und Verhör Anatolij Polubotoks, Professor der Angewandten Mathematik an der Universität Kiew

Der letzte Bericht in der Akte war datiert von März 1962. Taras griff schon nach dem Stempel Geheim, wie bei allen noch nicht abgeschlossenen Fällen – als er mitten in der Bewegung innehielt. Er betrachtete die Signatur unter dem Bericht – zu vertraut, um sie zu übersehen. War das … Konnte es wirklich sein … Er rechnete rasch nach. Ja. Sein Chef war damals etwa vierundzwanzig Jahre alt gewesen, also musste es sich um einen seiner ersten Fälle handeln.

Taras schlug die Akte von neuem auf. Er bemerkte, dass der Wachsfaden nur locker um die Dokumente lag. Hatte jemand ein paar Seiten entnommen? Taras blätterte zurück zur Innenseite des Aktendeckels, zur Liste der Personen, die vor ihm an dem Fall gearbeitet hatten, mit Titeln, Daten, Zeitangaben. Archivare arbeiten ja meist sehr exakt, insbesondere NKWD-Archivare. Das Register enthielt siebzehn Namen – überraschend wenige, wenn man bedachte, dass der Fall ja noch gar nicht abgeschlossen war. Als Nächstes verglich Taras sorgfältig jedes einzelne Dokument mit dem Inhaltsverzeichnis auf der Deckblattinnenseite. Er brauchte zwei Stunden, um festzustellen, dass drei Dokumente fehlten. Er las die Kurzbeschreibung der Dokumente auf der Rückseite der Akte.

Drei entscheidende, überwältigende Dokumente – mit historischer Sprengkraft – fehlten.

Da gewissenhaft immer wieder neues Beweismaterial in die Akte aufgenommen worden war, hatte niemand das Verschwinden einiger früherer Dokumente bemerkt; niemand hatte den kompletten Ordner überprüft. Bis jetzt. Falls jemand diese Dokumente gestohlen hatte, um sie später zu verwenden … Taras rechnete schnell nach. Der Zeitraum für diese »spätere Verwendung« hatte vor zehn Jahren begonnen.

Taras las den Namen des Archivars neben dem Datum des 17. November 1942, dann lehnte er sich in seinem Stuhl zurück, stemmte die Füße gegen die Wand und kippelte. Er verschränkte die Hände hinter dem Kopf, schloss die Augen und bedankte sich grinsend bei der Glücksgöttin Fortuna, die ihm hier seine große Chance bot. In Gedanken baute er schon eine Treppe, die ihn zu seiner neuen Karriere führte, zu faszinierenden Aufgaben, eine Möglichkeit, von hier zu entkommen.

Es ist die Chance seines Lebens, und er wird sie sich nicht entgehen lassen. Nicht jetzt. Nicht mit dieser Signatur unter dem Bericht vom März 1962. Nicht mit diesem Namen neben dem Datum des 17. November 1942. Er weiß, wo er die fehlenden Teile des Puzzles findet. Oder zumindest, wo er mit der Suche beginnen kann.

Jetzt gewinnt sein »Maulwurfdasein« im Archiv eine völlig neue Bedeutung: Er hat die ganze Zeit still vor sich hin gegraben und auf den richtigen Moment gewartet. Falls er diese sieben fehlenden Seiten fände und in die Waagschale der heutigen Politik würfe, wögen sie weit schwerer als die Debatten der Parlamentarier und die Tabellen der Wirtschaftswissenschaftler. Diese Seiten würden das politische Gleichgewicht in Europa kippen, die Geschichte verändern – und er, Taras, wäre dabei einer der Hauptakteure.

Taras tritt aus der Wärme der Metro auf die winterliche Straße hinaus. Während des zehnminütigen Wegs nach Hause knirscht der Pulverschnee unter seinen Füßen. Rasch läuft Taras auf seinen stinkenden, finsteren Wohnblock zu. Der Müllschacht quillt über. Jemand hat mal wieder die Glühbirne am Vordach herausgeschraubt. Taras fährt mit dem Lift in den siebten Stock und fragt sich, wie man es schafft, Graffiti so tief ins Plastik zu ritzen. Endlich steht er vor seiner Wohnung, öffnet die Tür und marschiert schnurstracks ins Bad. Diesmal registriert er gar nicht, dass er sich die Hände wäscht – so spät am Abend lässt die Selbstkontrolle nach.

Er spult die allabendliche Routine ab: Kessel an, Butter und Käse aus dem Kühlschrank, Brot aus der Plastiktüte. Dann sitzt er am Küchentisch, zwischen Wand und Fenstersims geklemmt, stützt das Kinn in seine feuchten Handflächen und starrt aus dem Fenster, während er darauf wartet, dass das Wasser kocht. Die Schreie aus der Wohnung unter ihm werden lauter, man hört Glas splittern, Türen schlagen, man hört ein Kind, das irgendetwas stammelnd hervorstößt – nein, herausweint. »Die haben wieder vergessen, sich um Wasja zu kümmern, diese Säufer, und jetzt bettelt er um etwas zu essen«, denkt Taras.

Was für ein Tag der Roten Armee – in der winzigen Küche eine Tasse Tee zu trinken und dem Streit der Nachbarn zu lauschen. Vielleicht hätte er sich mit seinen Kumpels von der Akademie treffen sollen – heute ist ihr Jahrestreffen. Aber die werden sicherlich über ihre Kinder und kürzlich absolvierte Auslandsreisen reden und über Beförderungen – das sind so die Insiderthemen, von denen er noch nichts versteht.

Bald, vielleicht schon in sechs Monaten, wird er von seinem Spezialeinsatz zurück sein und dann an anspruchsvolleren Aufgaben arbeiten. Vielleicht an der Beziehung zu einer treuen Freundin? Sie wird freundlich und geduldig sein und hübsch, aber auf eine stille, unaufdringliche Art. Eine Ärztin? Nein, die hätte Schichtdienst oder wäre abends unterwegs zu Hausbesuchen. Er will, dass sie ihn daheim erwartet.

Eine Journalistin? Gefährlich, weil die reden würde. Eine Lehrerin wäre ideal. Sie würden noch ein Weilchen hier in dieser Wohnung leben, bis er sich etwas Größeres und Besseres leisten kann, und sie würde verständnisvoll nicken, wenn er sagt: »Ich muss wieder los. Keine Ahnung, wann ich zurück bin – vielleicht heute Abend, vielleicht nächste Woche.«

Und wenn er nach Hause kommt und von unten, schon vom Weg aus, zum dritten Fenster im siebten Stock hinaufschaut, wird sie am Küchentisch sitzen und Aufsätze korrigieren. Und all die Nachbarn vom Wohnblock gegenüber werden sie durchs Fenster sehen und denken: Ihr Mann ist weg, aber sie sitzt zu Hause und wartet auf ihn – was für ein Glückspilz!

Ein Beutel mit billigem indischem Tee, zwei Stückchen Würfelzucker rein – auch ein alltägliches Ritual. Taras trinkt einen Schluck Tee, schaut aus dem Fenster. Niemand hier zieht die Vorhänge zu, obwohl die Gebäude unbehaglich eng beisammenstehen. Das Haus lebt seine Daily Soap und bereitet sich auf die Nacht vor. Taras kennt die Mitwirkenden und ihre Rollen nur zu gut. Vierter Stock, drittes Fenster von links – ein Mann in Unterhemd und Jogginghose liegt auf dem Sofa und scheucht mit einem Wink zwei Schulmädchen vom Fernseher weg. Eigentlich dürften sie so spät gar nicht mehr wach sein, aber ihrem Vater ist das egal. Ihre Mutter arbeitet vermutlich als fahrende Händlerin, wie dies jetzt viele Moskauer Mütter tun: Sie reisen in die Türkei, schleppen von dort schwere Reisetaschen voller Klamotten an, verkaufen sie in Russland auf irgendeinem Markt und fahren wieder zurück in die Türkei. Sie ernähren die Familie und bekommen ihre Kinder kaum zu Gesicht.

Sechster Stock, das Fenster gegenüber: Sie zieht nie die Vorhänge zu, wenn sie dort am Fenstersims im BH vor dem Spiegel sitzt. Eine alternde, einsame Frau, die sich mit routinierten kreisförmigen Bewegungen abschminkt.

Fünfter Stock, zweites Fenster von rechts – sie streiten wieder. Oder vielmehr, er prügelt sie wieder. Taras kann ihren Gesichtsausdruck nicht erkennen, aber er stellt ihn sich unterwürfig vor, schmerzverzerrt, wenn die schweren Fäuste ihren Kiefer treffen. Warum schafft sie es nicht, ihn zu verlassen? Soweit Taras sieht, sind keine Kinder da, und die kahlen Wände und das rote, aufgedunsene Gesicht des Mannes lassen den Schluss zu, dass der Großteil des Geldes für Wodka draufgeht. Wie so viele russische Frauen ist auch sie in einer von alten Volksweisheiten geölten Tretmühle gefangen: »Wenn er mich schlägt, dann liebt er mich.« – »Lieber einen schlechten Ehemann als gar keinen.« Ist ihr denn nicht klar, dass sie eine andere Wahl hat?

Taras denkt an die Akte, die er heute auf dem Schreibtisch liegen hatte. Argumente und Fakten. Er kennt die Fakten, jetzt muss er nur noch die Argumente liefern. Die Wahl, die er treffen muss, ist schwerer als die Wahl der Frau von gegenüber. Er überlegt, welche Optionen er hat – im Grunde nicht viele.

Er kann die Informationen hinausposaunen. Er kann sie verkaufen. Oder für sich behalten.

Die beiden ersten Optionen würden das Leben von Millionen Menschen verändern. Die dritte Option betrifft nur ihn und sein Gewissen. Er beschließt, dem Rat von Oberst Surikow zu folgen, seinem Dozenten an der Akademie: »Wenn man nicht die ganze Operation im Blick hat, sollte man klein anfangen und sich erst dann Gedanken machen, wenn der Zeitpunkt dafür gekommen ist.«

Er wird also mit einer Zeile der Akte N 1247 beginnen, mit dem Namen des Archivars neben dem Datum vom 17. November 1942. Dies bedeutet einen Abstecher in seine Jugendzeit, in die Stadt, in der er studiert hat. Nur noch ein Telefonat, bevor er fährt, um sicherzugehen, dass sie noch lebt. Er könnte sie nächsten Samstag besuchen. Ein ruhiges Wochenende, Erinnerungen an die Studentenzeit. Und es braucht niemand etwas davon zu wissen. Noch nicht.