Hans-Joachim Wildner

Der Schlüssel von Schielo

Die Fluchtafel

Prolibris Verlag

Alle Figuren dieses Romans sind vom Autor frei erfunden. Jegliche auch nur entfernte Ähnlichkeit mit realen Personen – lebenden oder toten – und Ereignissen wäre reiner Zufall.

Für meine Großmutter

Gern und mit einem Lächeln erinnere ich mich an meine Großmutter, Marie Räkel. Sie war eine hilfsbereite, liebenswürdige und verständnisvolle Frau, die sich auch mit den Heilkräften der Natur gut auskannte. Viele Anekdoten fallen uns ein, wenn wir an unsere «Kleine Oma» denken. «Weißt du noch, als Kleine Oma…?» Im Gedenken an sie schmunzeln wir manchmal über ihre Eigenarten und spaßigen Missgeschicke. Gottesfürchtigkeit und der Glaube an ein vorbestimmtes Schicksal gaben ihr bis zuletzt Kraft und Lebensmut.

Sie wurde am 10. November 1897 in Schielo geboren.

Ihr widme ich dieses Buch.

1

Marie erschrak, als sie plötzlich merkte, sie würde in die Tiefe stürzen. Es war, als täte die Erde sich auf. Reflexartig versuchte sie, mit den Händen irgendetwas zu greifen, woran sie sich festhalten könnte. Sie griff ins Leere. Angst und Panik überkamen sie. Was war denn nur geschehen? Und dann fiel sie. Wohin? Halt suchend, ruderte sie mit Armen und Beinen, rang nach Luft, wollte schreien. Vergebens. Keinen Ton brachte sie aus ihrem weit aufgerissenen Mund.

Hilflos sank sie in dieses endlose Nichts. Das blanke Entsetzen lähmte ihre Sinne. Die Glieder wurden starr. Ihr Körper war von einem schrecklichen Schmerz durchzogen. Sie fiel – schwerelos – konnte nicht mehr denken.

Irgendwann fühlte sie einen kalten Boden unter ihren nackten Füßen. Sie schaute nach unten und sah sich auf einem Mosaiksteinboden stehen. Ein Gefühl der Erleichterung überkam sie und vertrieb die Panik und den Schmerz. »Ich falle nicht mehr», ging es ihr durch den Kopf. Sie konnte wieder denken, aber längst nicht begreifen, was hier eigentlich mit ihr geschah. Wie konnte es sein, dass sie heil hier angekommen war? Das ging doch nicht mit rechten Dingen zu. Ängstlich blickte sie sich um und erkannte im düsteren Licht schemenhaft die Wände eines großen Raumes. Er musste wirklich riesig sein, wie eine Halle, denn sie stand weit weg von den Mauern. Hoch über ihr wölbte sich eine silbern glänzende Decke, in der sie nur undeutlich das verzerrte Spiegelbild des Bodens erkennen konnte.

Plötzlich wurde die Halle von einem flackernden Licht erhellt. In einem wuchtigen Kamin, weit vor ihr an der Wand, loderte ein Feuer auf. Kerzen auf prächtigen, schmiedeeisernen Wandarmen entzündeten sich wie von Geisterhand. Nun war Marie in der Lage, die ganze Größe des Raumes zu erfassen. Er wirkte wie ein riesiges Kirchenschiff. Das hohe Gewölbe wurde von schweren Säulen getragen. Dazwischen thronten auf halbhohen Sockeln dämonenhafte Statuen mit Fratzengesichtern, die im Licht der Kerzen und des Kaminfeuers gespenstische Schatten auf den Boden und die Wände warfen. Das Mosaikbild des Fußbodens konnte Marie nicht deuten, es sah aus wie eine seltsame Landschaft aus der Vogelperspektive. Marie hatte das Gefühl, über dieser Szenerie zu schweben.

In einigem Abstand vor dem Kamin stand ein wuchtiger, reich verzierter Schreibtisch aus dunklem Holz, auf dem ein schweres Buch aufgeschlagen lag. Und davor, saß da eine Gestalt? Oder war es nur ein Schatten? Nein, es sah aus wie der finstere Eingang eines Tunnels in den Umrissen eines Monsters. Marie wich vor Schreck einen Schritt zurück, als sie darin eine fremdartige Kreatur erkannte. Sie hatte weder Gesicht noch Körper, war nur ein schwarzes Etwas. Sie hatte den Eindruck, durch sie hindurch in eine unendliche Leere zu blicken, ins Nichts, in einen endlosen Abgrund. Marie schauderte es.

«Du bist auserwählt», sagte die Gestalt mit ruhiger, aber kräftiger Stimme, «du gehörst jetzt mir.» In dem hohen Raum klang es so, als würde sie von der Kanzel einer Kathedrale sprechen.

Marie wollte zurückweichen, ihre Beine fühlten sich jedoch an wie Betonklötze. Sie kam nicht von der Stelle.

«Ich bin Luzifer. Komm näher!» Die Kreatur streckte ihr die Hand entgegen und winkte sie heran. «Komm! Hab keine Furcht.» Marie rührte sich nicht. Es graute ihr vor diesem unbegreiflichen Wesen. Was kann das nur sein, dachte sie. «Du wirst gehorchen.» Die Stimme wurde härter. Marie spürte plötzlich eine Kraft im Rücken, die sie nach vorne schob. Sie stemmte sich dagegen, konnte sich aber nicht widersetzen. Als sie vor ihr stand, erhob die Kreatur sich aus dem hölzernen Sessel, nahm das Buch und hielt es ihr vor. Sie erkannte eine Liste mit Namen, in dunkelroter Tinte oder Farbe. «Sie sind mit Blut geschrieben», sagte Luzifer, «dein Name wird darunter stehen, mit deinem Blut, damit der Bund geschlossen ist.»

Marie war gelähmt vor Angst und schaute gebannt zu ihm auf. Ihr Mund wurde ganz trocken, und sie zitterte. Luzifer schaute nach oben und brüllte:

«Was meine Besinnung,

dich zu verdammen,

zu nutzen die Gabe,

den Blitz und die Flammen,

andren zum Schaden,

ist nun deine Bestimmung.»

Die Halle vibrierte. Marie hielt sich die Ohren zu. Das Feuer und die Kerzen loderten hell auf. Plötzlich zuckte sie zusammen. Im rechten Zeigefinger spürte sie einen brennenden Stich. Ihre Fingerspitze blutete aus einer offenen Wunde.

«Schreib deinen Namen in dieses Buch!», dröhnte es gebieterisch aus des Teufels Kehle. Willenlos setzte Marie ihren blutenden Finger auf das Papier und schrieb jeden Buchstaben unter Schmerzen. Sofort durchzog ein Brennen ihren Körper, und eine seltsame Energie durchströmte sie. Wie von selbst breiteten sich ihre Arme aus, und ihr Blick ging nach oben. Sie traute ihren Augen kaum. An der gewölbten Decke entstand aus der verzerrten Spiegelung des Mosaikbodens ein erkennbares Bild. Marie sah einen Berg, der ihr bekannt und vertraut vorkam: Es war das Brockenplateau, und sie schien vor dem Hexenaltar zu stehen. Gebannt starrte sie hinauf.

Dann verlor sie auf einmal wieder den Boden unter den Füßen und stürzte erneut in die Tiefe. Marie schrie so laut sie konnte.

* * *

Das Licht ging an. Marie saß mit Herzrasen im Bett und hielt ihren blutenden Finger. Er tat fürchterlich weh. Schweißtropfen rollten von ihrer Stirn und vermischten sich mit den Tränen, die in ihren Augen standen.

«Marie, mein Schatz, was ist denn?» Ihre Mutter kam zur Tür herein, setzte sich zu ihr und nahm sie in die Arme. Marie legte den Kopf auf ihre Schulter, weinte laut auf und schluchzte. Es tat gut und befreite von der Angst und dem Schmerz.

«Es ist alles in Ordnung, Liebes. Du hast nur geträumt», versuchte ihre Mutter, sie zu beruhigen. Dann sah sie das Blut an Maries Hand und auf dem Bettlaken.

«Oh, Schatz, du blutest ja, was ist passiert?», fragte sie und hielt rasch ihre Hand unter Maries, damit nicht noch mehr aufs Bett tropfte. «Lass uns gleich ins Bad gehen, wir müssen den Finger verbinden.»

Sie gingen zusammen die Treppe hinunter. Die Hand ihrer Mutter war bereits voller Blut. Unten im Flur stand Maries Vater im Schlafanzug und Hauslatschen.

«Was ist denn los?», fragte er gähnend und kratzte sich in den strubbeligen, schon leicht ergrauten Haaren, «wie spät ist es?»

«Schnell, Torsten, hol den Verbandkasten aus dem Schrank. Marie blutet. Wir brauchen ein Pflaster.»

«Wieso blutet sie, was um Gottes Willen ist passiert?», er war nun hellwach, lief ins Bad und kramte das Verbandszeug aus dem Badezimmerschrank. Einige Toilettenartikel fielen dabei polternd zu Boden. Marie hielt ihren Finger über das Waschbecken, ihre Mutter drehte den Hahn auf. Das Wasser verfärbte sich rot.

«Ein Pflaster reicht nicht», sagte ihr Vater, «die Wunde muss richtig verbunden werden.» Er kramte in dem Holzkästchen herum und holte eine Mullbinde und Wundauflagen heraus. Dann tupfte er die Verletzung vorsichtig mit Desinfektionsmittel ab und legte einen Verband an. «Alles okay, Kleines?», fragte er Marie und strich ihr mit der Hand über das feste, leicht rötlich schimmernde Haar, das sie immer ziemlich kurz trug.

«Ja, ja, Papa, geht schon.»

«Und du, Heike?» Er sah seine Frau an, die ziemlich blass im Gesicht geworden war. «Setz dich auf den Hocker, damit du nicht noch aus den Latschen kippst. Ich mach das hier.»

«Ich kann einfach kein Blut sehen, Torsten», sagte sie und setzte sich auf den Hocker.

«Sooo, fertig.» Zufrieden betrachtete Maries Vater den Verband. «Sieht doch ganz ordentlich aus, oder? Tut’s noch weh?»

Marie hielt ihren dick verbundenen Zeigefinger hoch. «Es puckert ein bisschen», antwortete sie, sah dabei in den Spiegel und erschrak. Was war mit ihren Augen geschehen? Ein seltsam heller, leuchtender Glanz lag darauf. Marie rieb sie mit den Händen und schaute noch einmal hin. Es veränderte sich nichts. Sie blinkerte ein paar Mal. Keine Veränderung. Dann drückte sie die Lider ganz fest zu und öffnete sie wieder. Das Leuchten blieb.

Marie beugte sich zu ihrer Mutter, die noch bleich dasaß und fragte mit zittriger Stimme: «Mama, ist da etwas mit meinen Augen?»

«Was soll damit sein, Kleines? Nein, da ist nichts. Du hast wunderschöne blaue Augen, nur etwas verweint.»

Maries Herz klopfte wieder schneller. Sie konnte es nicht verstehen. Ihre Mutter musste das doch auch sehen.

«Papa? Guckst du mal?»

Ihr Vater nahm zärtlich ihren Kopf zwischen seine Hände und schaute sie mit einem Lächeln an. «Hasilein, du hast die schönen Augen deiner Mutter. Es ist alles in Ordnung damit. Ich mache mir eher Sorgen um deine Verletzung. Wie ist das denn nur passiert?»

«Ich weiß es nicht», antwortete Marie mit weinerlicher Stimme, «wirklich nicht. Ich hatte einen Alptraum, der mir große Angst gemacht hat. Dann war da dieser Schmerz und ich bin aufgewacht.»

«Wovon hast du geträumt?», wollte ihre Mutter wissen.

«Ich kann mich nicht erinnern.» Marie legte ihren Kopf auf Torstens Schulter und schluchzte leise.

«Nun lass mal gut sein», sagte ihr Vater ruhig und drückte sie an sich, «vielleicht hast du dir im Schlaf auf den Finger gebissen. So was soll ja vorkommen. Lasst uns jetzt wieder ins Bett gehen. Morgen ist dein Geburtstag, und zur Schule musst du auch.»

«Morgen ist schon heute», wandte ihre Mutter ein, «es ist bereits nach Mitternacht.» Sie nahm Marie in den Arm. «Herzlichen Glückwunsch zum 13. Geburtstag, mein Schatz.» Sie gab ihr einen Kuss auf die Stirn.

«Na ja, es sieht ja nicht so aus, als sei 13 deine Glückszahl, nach diesem nächtlichen Blutbad», flachste ihr Vater, «trotzdem, auch von mir alles Liebe, mein Kleines. Geschenke gibt’s aber erst nach dem Frühstück.»

Ach ja. Ihr Geburtstag, den hatte sie in der Aufregung ganz vergessen. Bei dem Gedanken fühlte sie sich besser.

Maries Mutter holte frische Bettwäsche, ging mit ihr nach oben und bezog das Bett neu. Marie konnte jedoch nicht gleich einschlafen. Was war nur mit ihren Augen?

* * *

Durch die Schlitze der Jalousie fiel Sonnenlicht in Maries Zimmer und zeichnete ein Streifenmuster auf den Boden und das gegenüberliegende Wandregal, was ziemlich überfüllt war mit Büchern, Spielekartons und Plüschmonstern. Von der alten Wandpendeluhr, die Marie von ihrer Großmutter Hilde geerbt hatte, klang ein zartes «Bimm», das eine halbe Stunde verkündete. Marie sah auf den Digitalwecker, der auf dem Nachttisch stand. Erst halb Sieben. Gut, ging es ihr durch den Kopf, genug Zeit, um ohne morgendlichen Stress zum Schulbus zu kommen.

Sie gähnte ausgiebig und reckte sich. Ihre Augen fielen ihr plötzlich wieder ein. Sie zog die obere Schublade ihres Nachttisches auf und holte einen runden Handspiegel heraus. Den brauchte sie manchmal, um vor dem Schlafengehen etwas Salbe auf die Pickel aufzutragen, die sie in letzter Zeit häufiger ärgerten. Sie zauderte etwas, bis sie hineinsah. Es hatte sich über Nacht nichts verändert. Immer noch dieser auffallend schimmernde Glanz in den Augen. Wenn sie nur nicht so leuchten würden, sähen sie ganz schick aus und andere Mädchen würden mich darum beneiden, dachte Marie, aber es scheint ja außer mir niemand zu sehen. Mama und Papa hätten es doch sonst bemerken müssen. Warum sehen sie es nicht? Marie war ziemlich verstört und unterdrückte die aufkommenden Tränen. Sie hatte keine Erklärung dafür, und das machte ihr große Sorgen. «Hoffentlich geht das bald wieder weg», sagte sie zu ihrem Spiegelbild. Marie fühlte sich nicht krank dabei, ganz im Gegenteil, eher frisch und munter, und gucken konnte sie genauso gut wie immer.

Sie stieg aus dem Bett, schlüpfte in ihre Hauslatschen und ging die Holztreppe hinunter. Es roch nach Kaffee und Toast. Als Marie die Küche betrat, stellte ihre Mutter die Kaffeekanne auf dem Tisch ab und drehte sich zu ihr um. «Guten Morgen, Geburtstagskind», begrüßte sie Marie, drückte sie und strich ihr sanft durch das strubbelige Haar. Ihr Vater, der auf der Eckbank unter dem Küchenfenster saß, legte die Zeitung zur Seite, stand auf und umarmte Marie ebenfalls. «Alles Gute für dich, mein Schatz. Was macht dein Finger?»

«Tut nicht mehr weh», beruhigte sie ihn.

«Schön», sagte Torsten. «Geh und mach dich erst mal fertig und hinterher seh ich mir deinen Finger noch einmal an.» Marie ging ins Bad und wickelte den Verband ab. Die Wunde sieht aus wie der Buchstabe L, stellte sie nebenbei fest. Ein Pflaster würde jetzt reichen, denn sie hatte sich gut verschlossen. «Eine kleine Narbe wird wohl bleiben und dich immer an diesen besonderen Geburtstag erinnern», meinte ihr Vater später, als er sich den Finger ansah. Wie Recht er damit hatte, konnte er zu diesem Zeitpunkt kaum erahnen.

«So, nun lasst uns erst einmal frühstücken», schlug Heike vor, «und danach wartet eine Überraschung auf dich, Marie. Torsten steckst du bitte die Kerze für Marie an?», bat sie ihn im gleichen Atemzug. Vor Maries Platz stand eine weiße Geburtstagskerze in einem kleinen Porzellanständer, der mit einem Kranz aus künstlichen Blumen geschmückt war. Heike legte großen Wert auf solche Rituale. «Besondere Anlässe brauchen auch einen besonderen Rahmen», sagte sie.

«Oder eine besondere Kerze», scherzte Torsten und kramte eifrig in einer Schublade herum. «Wo ist denn das Feuerzeug?»

«Sonst lag es doch immer im Schrank», wunderte Heike sich, «in der linken Schublade oben.»

«Ja, sonst, aber heute leider nicht. Wo hast du es wieder hingelegt?»

«Wieso ich? Wer braucht es denn meistens? Du musst mal richtig gucken!», verteidigte sich Heike und war auf dem Weg zum Küchenschrank. Nun wühlten beide in den Schubfächern herum, konnten aber weder Streichhölzer noch Feuerzeug finden. Typisch Mama und Papa, schmunzelte Marie in sich hinein und sah die Kerze vor sich an. Ein Licht, das nicht brennt, dachte sie, wirkt so leblos, wie ein Kamin ohne Feuer.

Dann passierte es. Für einen kurzen Augenblick spürte Marie ein leichtes Kribbeln in den Augen. Es fühlte sich an wie ein schwacher elektrischer Strom, der aus ihnen herausfloss. Für einen Moment sah sie alles in ihrem Blickfeld viel heller und klarer. Es war nicht unangenehm, nur fremdartig und seltsam. Als das sonderbare Kribbeln abrupt endete, brannte plötzlich die Kerze. Marie starrte sprachlos auf das züngelnde Flämmchen vor ihr. Sie schluckte. Das gibt es doch nicht, durchfuhr es sie, vielleicht war das eine Trickkerze, die Papa sich als Geburtstagsspaß ausgedacht hatte. Manchmal überraschte er ja Marie oder ihre Mutter mit solchen lustigen Spielchen, so wie neulich, als er Marie mit einem Trickwürfel, der nur Sechsen würfelte, beim Kniffeln verblüffte. Ja, das musste es sein. Marie lachte. «Eh, super Papa, wie hast du das gemacht.»

«Was gemacht?» Er unterbrach das Suchen und sah zu Marie, die auf die brennende Kerze zeigte. «Du kleiner Schlawiner, du. Hast das Feuerzeug versteckt, und wir suchen uns schwindelig. Na, dann können wir ja endlich frühstücken», sagte er und setzte sich zurück auf die Eckbank.

«Nun tu mal nicht so, Papa, ich kenne dich doch. Das war wieder einer deiner Scherzartikel. Gib’s zu!» Heike brachte den Kaffee und eine Tasse Kakao für Marie.

«Diesmal wirklich nicht, ehrlich. Aber das Feuerzeug legst du nachher wieder an seinen Platz. Okay?», antwortete er, nahm sich eine Scheibe Toast, angelte mit der Messerspitze etwas Honig aus dem Glas und bestrich sie damit.

«Ich habe aber kein …» Marie sprach nicht weiter. Sie griff das Honigglas und tauchte einen Löffel hinein. Dann ließ sie den Honig in Kringeln auf ihren Toast fließen und kam ins Grübeln über die wundersame Kerzenflamme. Kein Scherzartikel von Papa, kein Feuerzeug und trotzdem brennt die Kerze. Komisch, sehr komisch sogar. Vielleicht Zauberei, oder ein Wunder?, dachte Marie ziemlich irritiert und starrte vor sich hin.

Ihre Mutter bemerkte wohl, dass Marie etwas bedrückte. «Ist alles in Ordnung mit dir, Marie? Tut der Finger wieder weh?»

«Nein, nein, Mama. Alles okay», antwortete sie rasch, aber sie fühlte, dass an diesem Morgen etwas anders war, genau genommen schon seit letzter Nacht. Es passierte etwas, wofür sie absolut keine Erklärung fand. Was geschieht hier eigentlich?, dachte sie, ich verstehe das nicht. Alles war so unwirklich. «Bekomme ich jetzt meine Überraschung?», fragte sie, um sich von diesen Gedanken zu befreien.

«Na klar! Dann geh mal ins Wohnzimmer», forderte ihre Mutter sie auf.

Marie lief gleich los. Ihre Eltern folgten ihr. Vor dem breiten Terrassenfenster stand ein nagelneues Trekkingrad mit 27-Gang Kettenschaltung und hydraulischen Scheibenbremsen. Um den Lenker war eine große rote Schleife gebunden. Marie testete gleich die Lenkergriffe und probierte die Klingel und die Bremshebel. «Oh, toll, Mama und Papa», rief sie begeistert, «das habe ich mir so gewünscht. Danke!» Sie ging zu ihren Eltern und umarmte sie voller Freude. Ihre bedrückenden Gedanken waren verschwunden. Alles schien nun wieder gut und normal zu sein.

«Du hast noch etwas übersehen. Sieh mal auf dem Gepäckträger!», sagte Torsten. Dort lag ein kleines Päckchen. Marie öffnete es und holte ein dunkelblaues Sweatshirt heraus, das Heike selbst genäht hatte. Die Bündchen waren rot-grün gestreift, und ein grünes Monsterbild war aufgestickt.

«Oh super, das sieht ja so toll aus, Mama. Ich zieh es gleich heute zur Schule an. Die anderen werden Augen machen.» Marie gab ihrer Mutter einen Kuss auf die Wange, streifte sich das Sweatshirt über, ging zum Spiegel an der Flurgarderobe und betrachtete sich von allen Seiten. Sie gefiel sich darin. Ein Glück, dass ihre Mutter so schöne Sachen nähen konnte. Fast jede freie Minute verbrachte sie an der Nähmaschine. Wenn Torsten, der Lokführer bei den Harzer Schmalspurbahnen war, Spätschicht hatte, saß sie in ihrem kleinen Nähzimmer im Dachgeschoss. Sie arbeitete halbtags im Alten- und Pflegeheim als Küchenhilfe, und so blieb ihr genügend Zeit für ihr nützliches Hobby. Es machte sie immer sehr stolz, wenn Marie oder Torsten die selbstgenähten Sachen trugen. Marie wurde in der Schule oft für ihre einzigartigen Klamotten bewundert. Sie strahlte und fühlte sich wohl in diesem Augenblick.

«So, nun müssen wir uns aber langsam fertigmachen», erinnerte Maries Mutter daran, dass dieser Freitag nicht nur Geburtstag, sondern auch noch ein Arbeitstag und Schultag war. Sie gingen wieder zurück in die Küche. Heike schmierte Brote zum Mitnehmen für Marie und ihren Mann.

Dann hörten sie die Gartenpforte quietschen. «Felix kommt», rief Marie und sprang auf.

Ihr Vater blickte erstaunt über die Zeitung und fragte: «Woher willst du das wissen?»

«Das höre ich am Quietschton der Gartenpforte», behauptete Marie und ging hinaus in den Korridor.

«Ach ja, wirklich?», fragte Torsten ziemlich verwundert. «Na, mit der Nummer könntest du im Fernsehen bei Wetten dass auftreten», meinte er und frotzelte weiter: «Wetten, dass Marie Stöber am Quietschen der Pforte erkennt, wer zu Besuch kommt?» Er musste laut lachen.

«Wetten dass!», erwiderte Marie. Es klingelte, und als sie die Haustür öffnete, stand draußen Felix.

«Alles Gute zum Geburtstag, Marie», sagte er, umarmte sie flüchtig und gab ihr ein kleines eingewickeltes Geschenk in die Hand. «Was ist mit deinem Finger passiert», wollte er wissen, als er ihren Verband bemerkte.

«Weiß ich selber nicht genau, erzähle ich dir nachher.» Marie und Felix waren Freunde, ebenso wie ihre Eltern, die sich eine halbe Ewigkeit kannten. Maries und Felix’ Vater waren zusammen in die Schule gegangen und hatten so manche Jungenstreiche gemeinsam ausgeheckt. Ihre feste Freundschaft verband auch später ihre Familien. Marie und Felix hatten schon als Kleinkinder zusammen gespielt und verstanden sich immer noch gut. Felix war zwei Jahre älter als Marie und für sie wie ein großer Bruder. Sie konnte sich jederzeit auf ihn verlassen, besonders wenn sie mal Hilfe in der Schule brauchte. Entweder zur Nachhilfe oder wenn einige zickige Mitschülerinnen sich mal wieder über ihre drei Sommersprossen auf der Nase und die struppigen Haare lustig machten. Zwei Wirbel am Hinterkopf ließen jeden Frisierversuch scheitern und hatten schon so manchen Friseur zur Verzweiflung gebracht. «Du hast eine einzigartige Naturfrisur», sagte ihre Mutter immer. «Ich mag dich so leiden», tröstete Felix sie immer, wenn sie gehänselt wurde, «das ist sowieso die einzige Frisur, die dir steht.» Felix wohnte auch in Schielo, am Hutberg, nicht weit von den Stöbers weg, die in der Schulstraße ihr Haus hatten.

Marie wickelte das kleine Geschenk aus und freute sich über ein giftgrünes Plüschmonster und das kleine Büchlein «Aufstand der Monster«. «Danke, Felix, das passt gut zu meinem neuen Pulli.» Marie zeigte auf die aufgestickte Figur. «Auf das Buch bin ich sehr gespannt», fügte sie hinzu. Wie Marie auf diese ausgefallene Sammelleidenschaft für skurrile bis kitschige Plüschfiguren kam, wusste sie selbst nicht so genau. Sie fand sie jedenfalls niedlich und kein bisschen hässlich. Marie zog Felix an der Hand ins Wohnzimmer und präsentierte ihm stolz das neue Fahrrad.

«Wow, echtes Hammerbike», staunte Felix und begutachtete es von allen Seiten. «Wir sollten mal wieder eine Tour machen», sagte Felix, während sie gemeinsam in die Küche gingen. «Hallo», grüßte er freundlich. Heike und Torsten fingen an zu kichern und mussten dann laut loslachen. «Was gibt es denn zu lachen», fragte Felix etwas verstört.

«Lacht ihr über mich?»

«Nein, Felix, entschuldige», sagte Heike, «wir lachen wegen einer lustigen Wette, die Marie gerade gewonnen hat.»

«Verstehe ich nicht», antwortete Felix.

«Musst du auch nicht. Ich erklär’s dir im Bus. Wir sollten jetzt los», drängelte Marie.

«Schreibt ihr heute nicht eine Mathearbeit?», erkundigte sich ihr Vater noch schnell.

«Ja leider», nörgelte Marie, «ich hasse Mathe.»

«Bitte streng dich an, du weißt, was auf dem Spiel steht», ermahnte er sie im ernsten Ton.

Marie wollte nach dem Realschulabschluss weiter zum Gymnasium gehen und danach gerne Lehrerin werden, aber dazu musste sie ihre Noten deutlich verbessern. «Ich gebe mein Bestes», versprach sie, nahm ihren Schulranzen und pustete ihre Geburtstagskerze aus. «Vergiss die Schokoküsse für deine Klasse nicht!», rief ihre Mutter und drückte ihr eine Plastiktasche in die Hand. Dann verließen sie die Küche. In der Tür schaute Marie noch einmal zurück. Die Kerzenflamme blieb erloschen, eine kleine, dunkle Rauchfahne stieg leicht gekräuselt über dem Docht auf.

* * *

Auf dem Weg zur Bushaltestelle hatte Marie so ein merkwürdig beklemmendes Gefühl, beobachtet zu werden, das sie sich nicht erklären konnte. Sie blieb stehen und schaute zurück, ob ihnen jemand folgte. Aber niemand war zu sehen.

«Was ist denn?», fragte Felix verwundert.

«Ach, nichts», wiegelte sie ab und ging weiter. Ein Stück nur, dann stoppte sie erneut, denn etwas, was sie nicht benennen konnte, drängte sie, nach oben zu gucken. Direkt über ihnen entdeckte sie einen schwarzen Punkt am wolkenlosen Himmel. Er erinnerte sie an ein Auge, das auf sie herunterschaute. So etwas hatte sie noch nie gesehen.

«Was ist das da oben, Felix?» Marie zeigte nur auf den Fleck. «Wo ist was? Ich kann nichts erkennen», sagte er und suchte den Himmel ab.

«Na dort, der schwarze Punkt», erklärte Marie.

«Ich glaube, du musst mal deine Augen testen lassen», meinte er. «Ich kann nichts entdecken. Vielleicht war da ein Wetterballon?»

Marie konnte das nicht begreifen. Er sieht es nicht, dachte sie. Was war mit ihren Augen nicht in Ordnung?

Der Schulbus rumpelte und schaukelte auf dem groben und welligen Kopfsteinpflaster des Neudorfer Weges in Harzgerode. Vor dem Schulgelände der Sekundarschule fuhr er über die unbefestigte Wendespur und hielt auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Marie und Felix stiegen mit den anderen aus und gingen geradewegs über den Schulhof in das Schulgebäude.

Es war noch eine von diesen Typenschulen in Plattenbauweise aus DDR-Zeiten mit dem unverwechselbaren Charme einer Kaserne. Daran änderte auch das bunte Graffitibild in der kleinen Pausenhalle nichts, in die man durch den Eingang im Erdgeschoss gelangte. Hier trafen sich die Schüler in den Pausen oder vor Unterrichtsbeginn. Nadine Voss, Maries Klassenkameradin, stand dort bereits mit drei weiteren Mädchen. Sie tratschten lauthals miteinander. Als Marie und Felix die Halle betraten, wurden ihre Stimmen leiser.

Marie spürte die Blicke, die sie und Felix musterten. Sie wusste, dass sie mit ihrem neuen Sweatshirt die Aufmerksamkeit der anderen auf sich zog. Das gab ihr ein Gefühl der Überlegenheit, das sie in diesem Augenblick genoss. Besonders gegenüber Nadine, die jede Gelegenheit nutzte, um Marie zu triezen und zu demütigen. Sie hatte ein Auge auf Felix geworfen und gönnte Marie die Freundschaft mit ihm nicht. Nadine war die Schönheit der Schule, mit ihren langen blonden Haaren, blau-grünen Augen und dunklen Augenbrauen. Die engen Röhrenjeans betonten ihre schlanken Beine und zogen die Blicke der Jungen magisch an. Nur Felix’ nicht. Der interessierte sich mehr für Mathematik und Physik als für hübsche Mädchen.

«Oooh, seht mal, die Mutti hat unserem Wuschelkopf wieder etwas Neues genäht. Na, damit wirst du auch keinen Schönheitspreis gewinnen», stichelte sie und sah Marie abfällig an. Die anderen kicherten. Dann stellte sie sich Felix in den Weg und sagte mit auffordernder Stimme: «Hallo Felix, seh ich dich in der großen Pause?»

«Kann schon sein, dass du mich siehst», antwortete Felix, «ich bin ja nicht unsichtbar. Verabredet bin ich aber mit Marie. Mir ist nämlich ein kluger Wuschelkopf lieber als eine dumme Gans.»

«Pöh!», machte Nadine beleidigt, warf ihren Kopf in den Nacken und drehte sich zurück zu den drei anderen Mädchen.

Felix wandte sich von ihr ab und ging mit Marie die Treppe hinauf zu den Klassenräumen. «Bis nachher, und ärgere dich nicht über diese arrogante Zicke.»

«Die kann mich mal», sagte Marie und öffnete die Tür zu ihrem Klassenzimmer, «trotzdem Danke.»

«Guten Morgen alle zusammen», begrüßte Frau Heinemann ihre Klasse und legte ihren braunen Aktenkoffer auf das Pult. Sie war Mitte 50, etwas rundlich mit brünett gefärbten, halblangen Haaren. Ihr kleiner Mund mit den schmalen Lippen war immer mit hellrotem Lippenstift deutlich überzeichnet. Die schwarze Hornbrille verlieh ihr eine ansehnliche Autorität, die zu ihrem straffen Unterrichtsstil passte. Sie unterrichtete Mathematik, Deutsch und Geographie. Trotz ihrer Strenge war sie nicht unbeliebt, denn sie galt bei ihren Schülern als gerecht und wusste den Unterrichtsstoff interessant und verständlich zu vermitteln.

«Mooorgen», antwortete die Klasse noch etwas verschlafen. Sie ließ die Kofferverschlüsse aufschnappen, nahm das Klassenbuch, ihren silbernen Kugelschreiber und einige Blätter heraus, schloss den Deckel wieder und stellte den Koffer neben das Pult. Dann sah sie Marie an, lächelte und ging auf sie zu. Marie hatte den Fensterplatz in der zweiten Reihe. «Wir freuen uns heute über ein Geburtstagskind», verkündete sie und reichte Marie die Hand. «Herzlichen Glückwunsch und alles Gute.»

«Danke, Frau Heinemann», sagte Marie etwas verlegen und gab ihr die Plastiktasche. «Ich habe für alle Schokoküsse mitgebracht.»

«Die stellen wir in der Pause aufs Pult, dann kann sich jeder bedienen», schlug Frau Heinemann vor.

«Sind die nicht schrecklich ungesund?», wandte Nadine stichelnd ein.

Kann die nicht einfach mal ihren Mund halten, dachte Marie und war sauer. Doch Frau Heinemann antwortete: «Ein oder zwei Schokoküsse werden nicht gleich unsere Gesundheit ruinieren.» Dann bat sie die Klasse aufzustehen und mit ihr das Geburtstagslied «Happy birthday» zu singen. Marie durfte sitzen bleiben. Die Schüler bemühten sich redlich, die Melodie zu treffen, aber es klang eher wie ein ungleichmäßig gekurbelter Leierkasten mit Chorbegleitung. Marie griente etwas verlegen und schaute in die Runde. Vor ihr links, in der ersten Bank, stand Nadine und blickte stumm zu Boden. Nach dem Lied setzten sich alle wieder.

«Na, ja», kommentierte Frau Heinemann den Chorgesang, «kommen wir lieber zurück zum Unterricht. Ich habe ja für heute einen Mathetest angekündigt.» Ein unruhiges Raunen ging durch die Reihen. In der letzten Bank meldete sich Jürgen mit dem lockeren und vorlauten Mundwerk, der von seinen Mitschülern deswegen «Klassenkasper» genannt wurde.

«Was ist, Jürgen?», fragte Frau Heinemann mit einem festen Blick.

«Ich beantrage, den Test um eine Woche zu verschieben, wegen Benachteiligung durch zu kurze Vorbereitungszeit», sagte er und erntete den Beifall seiner Klassenkameraden.

«Abgelehnt, aber netter Versuch. Du kannst froh sein, dass ich Arbeiten überhaupt ankündige», stellte Frau Heinemann klar und fuhr fort: «Es verschwindet alles vom Tisch. Taschenrechner, Handy und sonstiges elektronisches Gerät. Das würde euch nur ablenken. Lediglich ein Stift, ein Geodreieck und unbeschriebenes Papier dürfen benutzt werden. Vergesst nicht eure Namen auf die Blätter zu schreiben. Es sind sechs Aufgaben. Zeit bis …», sie schaute auf die Uhr, «… fünf nach neun.» Sie schrieb die Abgabezeit noch auf die Tafel, dann verteilte sie die Aufgabenblätter.

Marie nahm mit zittriger Hand das Blatt entgegen und las die erste Aufgabe: Berechne die Unbekannte x: Darunter stand eine Gleichung mit Brüchen. Bruchrechnung war für Marie der Horror, die hatte sie nie richtig kapiert. Sie las die zweite Aufgabe. Vereinfache folgende Summen mit Hilfe der binomischen Formeln. Oh, Gott, dachte Marie, das geht mal wieder voll daneben. Vielleicht die dritte Aufgabe? Zeichne den Graphen folgender Funktion in ein Koordinatensystem. Ich glaube, die kann ich, freute sie sich, nahm ihr Lineal und setzte den Stift an. Aber für die restlichen Aufgaben wusste Marie absolut keinen Lösungsweg. Hilfesuchend blickte sie zu Frau Heinemann, die hinter dem Pult saß und in einem Buch las. Die würde mir jetzt bestimmt nicht helfen, dachte Marie enttäuscht. Ich sollte meinen Berufswunsch noch einmal überdenken, überlegte sie und starrte verzweifelt auf das Aufgabenblatt. Eine will ich wenigstens noch schaffen, nur noch eine, nahm sie sich entschlossen vor, konzentrierte sich von Neuem fest auf die erste Aufgabe und drückte den Kugelschreiber auf das Papier.

Plötzlich spürte sie wieder dieses elektrisierende Kribbeln in den Augen. Nicht schon wieder, flehte Marie im Stillen, bitte nicht jetzt. Doch dann sah sie die Gleichung klar vor sich und erinnerte sich auf einmal genau an ähnliche Übungen, die im Unterricht besprochen worden waren. Wie von Geisterhand geführt, schrieb sie die Lösung auf das Blatt. Marie konnte es nicht fassen. So nahm sie sich Aufgabe für Aufgabe vor. Als sie fertig war, schaute sie sich um. Es war mucksmäuschenstill im Klassenraum, die anderen brüteten noch mit feurigen Wangen über der Arbeit. Frau Heinemann blätterte entspannt in ihrem Buch.

Marie ordnete die beschriebenen Blätter, legte sie vor sich ab und sah auf ihre Armbanduhr. Es war zehn vor neun. Noch so viel Zeit, dachte sie und guckte erleichtert aus dem Fenster in den blauen Himmel dieses schönen Vorfrühlingstages. Sie suchte nach dem merkwürdigen schwarzen Punkt. Er war verschwunden. Ein Flugzeug zeichnete eine weiße Linie auf das tiefe Blau.

Unbegreifliche Dinge waren heute passiert, ging es ihr durch den Kopf. Zuerst der Albtraum, aus dem sie mit einem blutenden Finger und geheimnisvoll glänzenden Augen erwacht war. Dann eine Kerze, die sich selbst entzündete, und nun auch noch eine Mathearbeit, die sich wie von allein schrieb. Das kann doch alles nicht mit rechten Dingen …

«Langsam fertig werden, Zeit ist gleich um», rief Frau Heinemann in den Raum und holte Marie damit abrupt in die Realität zurück. Langsam wurde es wieder lebhaft in der Klasse, es raschelte und polterte. «Bitte abgeben. Nichts geht mehr», sagte Frau Heinemann, ging durch die Reihen, sammelte die Arbeiten ein und verstaute sie in ihrem Aktenkoffer. «Ich denke, nach dieser Anstrengung schmecken Maries Schokoküsse besonders gut», meinte sie dann und stellte die Schachteln geöffnet auf das Pult.

Alle stürmten nach vorne. Sogar Nadine. Offensichtlich war ihre Lust auf eine leckere Süßigkeit größer als ihre Gesundheitsbedenken. Marie blieb auf ihrem Platz sitzen. «Ach, nur diese Billigmarke. Na ja, aber man will nicht unhöflich sein», bemerkte Nadine überheblich und nahm sich einen Schokokuss aus der Packung.

Marie kochte vor Empörung. «Soll sie ihn sich doch ins Gesicht schmieren», sagte sie leise zu sich und sah Nadine wütend und entschlossen an. In ihren Augen fing es wieder an zu kribbeln.

Gerade wollte Nadine den Schokokuss zum Mund führen, da machte ihre Hand eine Bewegung nach oben und drückte ihr den von Schokolade ummantelten klebrig-süßen Schaum genau auf die Nase. Der runde Waffelboden blieb auf ihrer Nasenspitze kleben, die jetzt wie eine Schweinenase aussah. Nadine stand wie erstarrt vor dem Pult und blickte völlig perplex stur geradeaus. Die ganze Klasse brüllte vor Lachen, selbst Frau Heinemann konnte sich ein Schmunzeln hinter vorgehaltener Hand nicht verkneifen, und Nadine lief heulend nach draußen.

Marie aber war nicht zum Lachen zumute. Sie stierte wie geistesabwesend durch die weiße Wand des Klassenraumes hinaus ins Leere und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Diese rätselhaften Ereignisse gingen offenbar von ihr aus. Seit ihre Augen sich letzte Nacht verändert hatten, passierten diese Dinge, die sie zwar wollte, aber die normalerweise gar nicht passieren konnten. Das war wie Zauberei, wie Hexerei, aber so etwas gab es doch nur in Märchen und Geistergeschichten. Angst überkam sie, Angst vor sich selbst. War sie vielleicht geisteskrank? Spielte das kranke Bewusstsein ihr etwas Unwirkliches vor? Ja, so musste es sein, das war die einzige Erklärung: Sie war geisteskrank. Marie erschrak.

Was sollte sie jetzt nur tun? Mit ihren Eltern darüber reden? Nein, bloß nicht, dachte sie. Die würden sie deshalb vielleicht nicht mehr lieben können und sie in eine Anstalt bringen. Wer möchte schon ein geisteskrankes Kind haben? Konnte sie mit Felix darüber sprechen, oder würde er ihr dann aus dem Wege gehen? Marie fühlte sich in diesem Augenblick allein und hilflos. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, die sie aber sogleich mit einem Taschentuch trocknete. Sie wollte nicht, dass jemand fragte, was mit ihr sei, sie hätte sonst wahrscheinlich laut losgeheult. Irgendjemandem musste sie sich anvertrauen und mit ihm darüber reden. Aber mit wem? Felix war ein wirklicher Freund, mit ihm konnte sie über ihre Probleme sprechen. Sie musste es nur richtig vorbereiten, dann würde er es verstehen und weiter zu ihr halten. Sie fasste einen Entschluss.

* * *

Die Gartenpforte sang im vertrauten Quietschton, als Marie von der Schule zurückkam. Mit dem Ranzen in der Hand lief sie über den Kiesweg, der unter ihren Schuhen knirschte, betrat den kleinen Vorbau und ging ins Haus. Es roch intensiv nach Pfannkuchen. «Hi Mama, ich bin da», rief sie im Korridor und drückte die Haustür ins Schloss. Sie stellte ihre Schulsachen neben die Flurgarderobe und ging in die Küche.

«Hallo Schatz, ich habe heute dein Lieblingsgericht gemacht: Pfannkuchen mit Apfelmus.»

«Hab ich längst gerochen. Super», freute sich Marie. Ihre Mutter stand am Herd und goss gerade eine Kelle Teig in die Pfanne. Es zischte laut. Marie bekam einen Kuss auf die Wange. «Sind gleich fertig, kannst dich schon hinsetzen», sagte Heike.

Am liebsten saß Marie an der schmalen Seite der Eckbank. Von hier sah man in den Vorgarten mit den niedrigen Rosenbüschen, die den Kiesweg säumten, und mit dem Mandelbäumchen, das bereits erste Blüten trieb. Und man konnte die Straße beobachten, bis hin zu der dicken Eiche, an dem Platz, wo die Pfarrgasse in die Schulstraße mündete. Die kleine Bank unter der riesigen Baumkrone war ein beliebter Treffpunkt für die wenigen Jugendlichen, die es in diesem beschaulichen Ort noch gab. Man traf sich dort zum Quatschen oder zum Quatschmachen. Sonst war wenig los in den Straßen, man sah immer nur dieselben Autos, dieselben Trecker und dieselben Leute aus der Nachbarschaft. Wen auch sonst, dachte Marie, Schielo ist zu klein, um sich fremd zu sein, und Gäste verlaufen sich selten hierher.

Sie mochte diesen friedlichen Ort, der abseits aller Hektik inmitten von Feldern und Wald lag. Hier war alles so natürlich, so übersichtlich, so sicher und vertraut. Das würde sie gänzlich verlieren, wenn sich herausstellen sollte, dass sie geisteskrank war. Man würde sie in eine Anstalt bringen und ihr Leben völlig verändern. Quälende Phantasien gingen ihr wieder durch den Kopf. Würde Felix weiter zu ihr stehen und ihr helfen? Hoffentlich gelingt es mir, ihm etwas von diesen rätselhaften Erscheinungen zu zeigen, dachte Marie besorgt.

«Marie! ... Mariechen!? ... Hallooo!»

Marie wurde aus ihren Gedanken gerissen und drehte sich um. «Ja, Mama?»

«Was ist los mit dir, du bist so abwesend? Gab’s Ärger in der Schule?»

«Nein, nein, alles in Ordnung, Mama.»

Heike stellte den Teller mit den Pfannkuchen auf den Tisch. «Ein paar müssen aber für Papa übrig bleiben», ermahnte sie Marie, die sich den ersten gleich nahm und dick mit Apfelmus bestrich.

«Wie war der Mathetest?», erkundigte sich Heike. «Eigentlich ganz okay. Ich habe ein gutes Gefühl», sagte Marie und war wieder etwas entspannter, aber sie aß nicht so viel von ihrem Lieblingsgericht wie sonst. Alles war heute anders, sogar die Pfannkuchen. Unablässig gingen ihr wirre Gedanken durch den Kopf. Sollte sie sich vielleicht doch ihrer Mutter anvertrauen?

«Mama», sprach sie ihre Mutter zaghaft an, «ist wirklich nichts mit meinen Augen?»

Heike nahm ihre Hand und sah sie an. «Kindchen, nein. Wirklich nicht. Was soll denn damit sein? Möchtest du vielleicht zum Augenarzt gehen?»

«Kein Arzt, nein», wiegelte Marie rasch ab, «der verpasst mir am Ende eine hässliche Brille. Lieber nicht, ich kann noch gut gucken.»

«Wie du meinst», sagte Heike und räumte das Geschirr weg.

Marie wollte jetzt einfach so schnell wie möglich auf ihr Zimmer und versuchen, noch einmal ohne Feuer eine Kerze zu entzünden. Sie musste herausfinden, was heute Morgen wirklich geschehen war. «Wo sind eigentlich die Teelichter, Mama?»

Heike wunderte sich über diese Frage. «Wozu brauchst du Teelichter?», wollte sie wissen.

«Mensch Mama, lass mich doch einfach mal was ausprobieren, ohne dass ich dir lange Erklärungen abgeben muss», antwortete Marie gereizt.

«Ist ja gut, ich frag ja schon nicht mehr. Sieh mal in Papas Werkstatt im Schrank nach, da müssten welche sein.» Heike räumte den Tisch ab und ergänzte: «Übrigens, heute Nachmittag kommt Felix mit seinen Eltern zum Kaffeetrinken.»

«Schön», antwortete Marie nebenbei und lief zum Hinterausgang. Ein Nebengebäude, das früher einmal ein Schweinestall gewesen war, hatte Torsten zur Werkstatt ausgebaut. Marie schob den Riegel der alten Stalltür zur Seite und ging hinein. Es war düster in dem Raum, der nur kleine Fenster hatte. Staubverschmutzte Spinnweben hingen davor. Auf der betagten Hobelbank lagen allerlei Werkzeuge und Holzabschnitte. Marie öffnete den großen Holzschrank, dessen Tür arg klemmte. Mit einem kräftigen Ruck riss sie die Tür auf. Eine Maus kam plötzlich herausgesprungen und lief panisch auf dem Fußboden herum, bevor sie unter der Werkbank verschwand. Marie erschrak, schrie aus voller Kehle und rannte aus der Werkstatt. Heike, von dem Schrei ebenfalls aufgeschreckt, kam eilig herbei. Marie versteckte sich sofort hinter ihrem Rücken und umklammerte sie.

«Was ist denn los, Marie, hat dich ein Geist erschreckt?»

«Eine Maus, Mama, eine eklige Maus», schrie Marie und konnte sich kaum beruhigen.

«Seit wann ekelst du dich vor Mäusen?» Heike war völlig perplex. «Das ist ja ganz neu. Sonst hast du sie in der Hand gefüttert, sehr zum Ärger von Papa.»

«Ich geh da nie wieder rein», sagte Marie und lief ins Haus. Heike kam nach und brachte die Teelichter mit. Wortlos ging Marie damit auf ihr Zimmer.

Sie schmiss sich aufs Bett und starrte zur Decke. Wieso ekle ich mich plötzlich vor Mäusen?, dachte sie. Der bloße Gedanke an diese Tiere war ihr unangenehm. Was war nur mit ihr los? «Es hört nicht auf, es hört einfach nicht auf. Ich versteh das nicht. Was kommt denn noch alles? Hat sich die ganze Welt gegen mich verschworen?», sagte sie halblaut vor sich hin.

Sie stand auf, stellte das Teelicht auf den Briefbeschwerer aus Marmor und setzte sich entschlossen auf den Schreibtischstuhl davor. Dann blickte sie auf den Kerzendocht und zeigte in einer heftigen Bewegung mit dem Zeigefinger darauf. «Du sollst brennen!», beschwor sie die kleine Kerze. Es passierte nichts. «Teelicht, brenne!», versuchte sie es noch einmal. Kein Flämmchen entzündete sich, und Marie freute sich darüber. Vielleicht hatte ja doch alles eine ganz natürliche Erklärung. Ein zufriedenes Lächeln huschte über ihr Gesicht, sie lehnte sich entspannt zurück und stellte sich vor, wie eine gelbe Flamme über dem Teelicht flackerte.

Dann musste sie wieder lachen, aber es war ein weinerliches