ÜBER DIE AUTORIN

 

Tamara McKinley wurde in Australien geboren und verbrachte auch ihre Kindheit im Outback des fünften Kontinents. Heute lebt sie an der Südküste Englands, aber die Sehnsucht treibt sie stets zurück in das weite, wilde Land von dem sie in jedem ihrer Romane faszinierende neue Facetten entfaltet.

Besuchen Sie die Autorin auf ihrer Website www.tamaramckinley.co.uk

Tamara McKinley

Legenden der
Traumzeit

Roman

Aus dem australischen Englisch
von Marion Balkenhol

BASTEI ENTERTAINMENT

 

 

Meine Reise in die Zeit der ersten Besiedlung Australiens, die mit »Träume jenseits des Meeres« begann, war eine Fahrt auf der Achterbahn. Der schwierigste Teil einer jeden Reise ist der erste Schritt, doch nachdem ich ihn getan habe und am Ziel angekommen bin, habe ich das Gefühl, wirklich etwas geleistet zu haben. Ich wusste nicht so recht, ob ich ein so ehrgeiziges Projekt schaffen würde, doch ich habe in den letzten drei Jahren so viel gelernt und weiß inzwischen wirklich zu schätzen, wie viel ich den Menschen verdanke, die mich lieben und mir Mut machen, auch wenn es zäh vorangeht.

Diesen Menschen – und sie wissen, wer gemeint ist – widme ich »Legenden der Traumzeit«. Ohne sie wäre ich nicht so gesegnet.

 

 

Das Vermächtnis von Helden ist die Erinnerung an
einen großen Namen und das Erbe eines großen Beispiels.

Disraeli

PROLOG

Tiefe Verbundenheit

Moonrakers Farm, New South Wales, 1835

Nell Penhalligan erwiderte den Blick ihrer Enkelin und bemühte sich vergeblich um eine finstere Miene. Ruby war ein entzückendes Kind mit einem passenden Namen, denn sie hatte rotes Haar und ein aufbrausendes Temperament. Sie war so wissbegierig und herrisch, wie ihre Mutter Amy mit fünf Jahren gewesen war, und es fiel Nell schwer, angesichts Rubys entschlossenen forschenden Blicks nicht zu lächeln. »So zu starren ist unhöflich«, sagte sie milde.

»Du bist heute sehr alt geworden, Grandma, nicht wahr?« Sie legte den Kopf schief, und die blauen Augen musterten sie eindringlich.

Nell streckte den üppigen Busen vor. »Ich bin siebzig geworden«, sagte sie stolz.

»Das ist noch gar nichts«, schaltete Alice Quince sich ein. »Ich bin schon vierundsiebzig.«

Nell betrachtete die kleine Frau an ihrer Seite. »Ja, aber ich bin gesünder«, entgegnete sie. »Und ich arbeite noch von morgens bis abends.«

»Phh!« Alice schob einige verirrte weiße Haarsträhnen unter ihre Haube zurück. »Das bisschen Waschen und Bügeln ist doch keine Arbeit«, sagte sie herablassend. »Ich helfe noch immer bei der Schafschur mit.«

»Stehst im Weg rum, besser gesagt«, murmelte Nell.

Das Kind hörte neugierig zu. »Warum streitest du dich mit Tante Alice, Grandma?«

»Weil sie die meiste Zeit Unsinn redet«, schnaubte Nell und zog sich den dünnen Schal fester um die runden Schultern. Trotz der brennenden Sonne war ihr kalt. Sie hätte ihr dickeres Tuch mitnehmen sollen, doch sie würde nicht darum bitten – dann würde Alice garantiert spötteln, dass sie auch gar nichts aushalte.

»Und du nicht?«, höhnte Alice. »Du stopfst den Kopf des Kindes mit lauter Quatsch voll – Sachen, die es unmöglich begreifen kann.«

Nell blinzelte Ruby zu, die sie anstrahlte. »Ruby und ich verstehen uns blendend«, erklärte sie. »Besser, sie erfährt die Geschichten von mir als eine entstellte Version von Fremden.«

»Ich glaube kaum, dass es angebracht ist, ihr etwas über deine Zeit als Strafgefangene zu erzählen«, murmelte Alice vor sich hin, während sie die knochigen Schultern als Zeichen ihrer Missbilligung straffte. »Vor allem, wenn man bedenkt, warum du verschifft wurdest.« Ihr funkelnder Blick sprach Bände.

Nells Leben als Londoner Hure hatte mit ihrer Ankunft in Australien geendet. »Du weißt genau, dass ich ihr so was nicht erzähle«, fuhr sie Alice an.

Ruby kletterte auf Nells breiten Schoß und schmiegte sich an sie. »Mir gefallen Grandmas Geschichten.« Sie schaute zu Nell auf. »Erzähl mir, wie Tante Alice beinahe von einem Dingo gefressen wurde und wie du ihn totgeschossen hast! Das ist gruselig.«

Alice klappte ihren Fächer auf. »Ich erzähle die Geschichte viel besser als du«, brummte sie. »Schließlich hat der Dingo mich verfolgt.«

»Ja, aber du würdest heute nicht hier stehen, wenn ich nicht so eine gute Schützin wäre«, gab Nell zurück. »Wird es nicht Zeit für dein Nachmittagsschläfchen?«

Alice verengte die braunen Augen zu Schlitzen. »Nicht alle schnarchen sich durch den halben Tag«, konterte sie und erhob sich mühsam mit raschelnden Röcken, die im Sonnenlicht blauschwarz glänzten. »Ich bleibe nicht hier sitzen, während du dir das Ganze zurechtspinnst. Deine Tochter Sarah braucht Hilfe, sie teilt Tee aus.«

Nell sah ihrer Freundin nach, wie sie über die Lichtung humpelte und vorsichtig die Treppe vor dem Haus überwand. Sie wurden beide gebrechlich; obwohl keine von ihnen auch nur im Traum daran dachte, es zuzugeben. Ja, trotz ihres ständigen Gezänks hatte ihr Witwenstand sie im Laufe der Jahre einander nähergebracht, und inzwischen waren sie wie Schwestern. Das Kind auf ihrem Schoß bewegte sich, und sie zuckte zusammen. Ihre Gelenke schmerzten, selbst unter Rubys Fliegengewicht beklagten sie sich. »Gib mir einen Kuss zum Geburtstag, Ruby, und dann geh und hilf deiner Mum!«

»Aber ich will eine Geschichte hören«, schmollte sie.

»Später«, versprach Nell.

»Ich hab dich lieb, Grandma, und Tante Alice auch. Bitte, sei nicht sauer auf sie, denn sie ist wirklich so alt! Bindi sagt, er hört, wie die Geister für sie singen.« Das Kind zog die Stirn kraus. »Aber ich höre niemanden singen, du, Grandma?«

Als Ruby ihr die Arme um den Hals schlang und ihre Wange küsste, überlief Nell ein kalter Schauer. Sie würde mit Bindi reden. Wie konnte dieser Aborigine es wagen, dem Kind mit seinem Aberglauben Angst einzujagen?

»Ruby, mein Liebes«, murmelte sie. »Den einzigen Gesang, den du heute hörst, ist der für mich, wenn ich meinen Kuchen anschneide.« Nell hielt sie fest und genoss die Vitalität des kleinen Mädchens, das sie liebte. »Und jetzt lauf!«, murmelte sie zerstreut.

Das Kind hüpfte auf bloßen Füßen durch das Gras, das rotblonde Haar glänzte, Bänder flatterten. Das Abenteuer des Lebens wartete auf Ruby, und Trauer überfiel Nell, Trauer um ihre eigene verlorene Jugend. Wo waren all die Jahre geblieben? Wie konnten sie entwischen und ihr nur traumähnliche Schnappschüsse eines Lebens hinterlassen, verbracht von einer Nell, die nur wenig Ähnlichkeit mit der alten Frau hatte, die hier saß und sich selbst bedauerte?

Nell ärgerte sich, weil sie ihren Gedanken freien Lauf gelassen hatte. Wild entschlossen, sich von Bindis Aberglauben nicht den Tag verderben zu lassen, lehnte sie sich in das Polster und beobachtete, wie die anderen im Schatten der Bäume Tische aufstellten und die Kinder der Eingeborenen mit Zuckerstangen bestachen und verscheuchten.

Bindi hockte mit den anderen Aborigines am Fluss; die Frauen der Eingeborenen schnatterten wie Kakadus und platschten im Wasser auf der Suche nach den Flusskrebsen, die sie yabbies nannten. Der kleine Junge, dem Nells Mann Billy das Leben gerettet hatte – seine letzte Heldentat –, war inzwischen ein Erwachsener mit grau durchsetztem Haar. Seufzend nahm Nell das Bild in sich auf.

Eukalyptusbäume neigten ihre hellen Stämme über ockergelbe Uferstreifen; ihre Blätter zitterten, wenn bunte Finken hin und her schossen. Der Himmel war klar, das Blau gebleicht von der Hitze, die über dem Horizont flimmerte, und in der Ferne hörte sie das Glucksen des Kookaburra und den traurigen Schrei einer Krähe. Die Szenerie war bezeichnend für das Wesen dieses uralten Landes, das Nell ihr Zuhause nannte; dieser Anblick war vertraut, aber gefährlich trügerisch, denn unter dem heiteren Äußeren verbarg sich eine Grausamkeit, die Nell und Alice zuweilen an den Rand der Verzweiflung getrieben hatte. Doch als Nell ihre Familie betrachtete, empfand sie Zufriedenheit. Das Bemühen, sich diese ursprüngliche Landschaft untertan zu machen, hatte ihrer Familie großen Segen gebracht, auch wenn das einen hohen Preis gefordert hatte.

Ihr Sohn Walter wäre seinem Vater noch ähnlicher, besäße er nicht dunkelrotes Haar. Ihr wurde schwer ums Herz, wenn sie seine geschmeidige, kräftige Figur und den silbrigen Glanz an den Schläfen sah – wie einst bei Billy. Aber trotz dieser Ähnlichkeit mit seinem Vater besaß Walter nicht dessen sorglose Lebenseinstellung; er nahm alles viel zu ernst. Und er bekam noch immer Wutanfälle, obwohl die mit zunehmender Reife seltener geworden waren. Aber wenn er erst einmal in Fahrt war, wahrte seine Familie wohlweislich Abstand. Walter war seit vier Jahren verwitwet und hielt die Zügel auf Moonrakers fest in der Hand. Offenbar war er nicht geneigt, wieder zu heiraten.

Walters vier Jungen rannten umher und standen allen im Weg. Nell lächelte, als deren kleine Kusine Ruby, die Hände in die Hüften gestemmt, mit ihnen schimpfte. Die Jungen waren unruhig wie Fohlen – nur gut, dass ihr Vater diese Energie für das Anwesen nutzbar machte und sie vor Unfug bewahrte.

Nells Blick richtete sich auf das Haus. Moonrakers hatte sich nicht groß verändert, und obwohl sie mit Alice in Jacks Hütte gezogen war, nachdem Walter geheiratet hatte, war es noch immer das Herzstück des Anwesens. Das Haus war als Schutz vor Überflutung und Termiten auf Stützpfeilern errichtet und ein paarmal erweitert worden, um Walters Familie unterzubringen. An der Vorderseite lief eine breite Veranda entlang, Fliegengitter und Fensterläden hielten die Insekten draußen, an den Pfosten und am Dach entlang rankten Rosen. Ein knorriger alter Pfefferbaum spendete zusätzlich Schatten.

Der Schurschuppen war stabil, und obwohl man einige Scheunen umgebaut und die Pferche vergrößert hatte, war ihr Zuhause im Wesentlichen unverändert geblieben. Während Nell dort saß, ein Ruhepol inmitten des Chaos, und die gegenwärtigen Vorgänge beobachtete, blickte sie zugleich in die Vergangenheit.

Die ersten Jahre, in denen sie sich abmühten, das Land zu roden, eine Unterkunft zu errichten, Getreide anzubauen und ihre Schafe zu versorgen, waren hart gewesen; doch Billy und sie sowie Alice und ihr Mann Jack hatten nie den Glauben verloren, dass sie eines Tages die beste Farm in ganz New South Wales haben würden. Sie spürte den vertrauten Schmerz, als sie sich an das Buschfeuer erinnerte, in dem Billy und Jack ihr Leben verloren hatten, und an die schreckliche Überschwemmung, der eine längere Dürreperiode gefolgt war. Alice und sie hatten all das überlebt; sie hatten ihre anfängliche Feindseligkeit zusammen mit ihren Männern zu Grabe getragen und sich auf der Suche nach Trost und Hilfe einander zugewandt.

Sie zwang sich, an glücklichere Zeiten zu denken. Ihr Blick blieb an Niall hängen, und sie lächelte. Der junge Ire hatte vor vielen Jahren ihrer ältesten Tochter Amy den Hof gemacht. Wie unbeholfen und schüchtern er damals in seiner geflickten Hose und den ausgetretenen Stiefeln doch gewesen war! Ein Jugendlicher noch, aber seine Augen hatten nach seinen Jahren als kindlicher Strafgefangener von den Erfahrungen eines misshandelten Menschen gezeugt – ganz anders als der wohlhabende Mann, der gerade mit seinem Schwager Walter sprach, während ihre Kinder um sie herumsprangen. Im Laufe der Jahre hatten Niall und Amy Freude und Leid erfahren, doch die Liebe hatte ihnen darüber hinweggeholfen, und jetzt wohnten sie in dem feinen Haus, das Niall vor kurzem hinter seiner neuen Schmiede in Parramatta gebaut hatte. Niall hatte bewiesen, dass der menschliche Geist, und sei er noch so gepeinigt, nicht zu besiegen war.

Sie betrachtete ihre Enkel, insgesamt zehn, eine beachtliche Zahl, doch damit war die Zukunft für Nialls Schmiede und Walters Moonrakers gesichert. Und die Kinder brachten wieder Leben in diesen alten Ort. Nell beobachtete Ruby, die Jüngste von Amys sechs überlebenden Kindern. Eigentlich sollte sie das Mädchen nicht bevorzugen, doch es hatte etwas an sich, bei dem Nell warm ums Herz wurde. Vielleicht lag es daran, dass die Kleine so gern die Geschichten hörte, die Nell und Alice ihr erzählten, oder daran, dass Ruby zu schätzen wusste, wenn sie beide sich Zeit für sie nahmen, wenn ihre Eltern beschäftigt waren. Wie auch immer, das Kind bereitete Nell und Alice eine Menge Freude.

»Alles in Ordnung, Mum?«

Nell schrak aus ihren Gedanken auf und blickte zu Sarah empor. »Ich zähle nur meine Nachkommen. Welch ein Segen«, antwortete sie. »Ich wünschte, ich hätte ihre Energie.«

Der Blick ihrer Tochter verschattete sich, als sie die Kinder über die Lichtung rennen sah.

Nell konnte Sarahs Bedauern nachvollziehen, denn ihre Jüngste hatte nie geheiratet. Sie sorgte für ihren verwitweten Zwillingsbruder und seine Jungen, und nun, mit zweiundvierzig, würde sie wahrscheinlich nie mehr die Freuden der Mutterschaft erleben. »Wo ist Alice?«

Sarah strich mit den Händen über die Schürze, die blauen Augen gegen die Sonne zusammengekniffen. »Sie erteilt vom Küchenstuhl aus Befehle wie ein Hauptfeldwebel«, antwortete sie kichernd. »Ich bin überrascht, dass du deinen Senf nicht auch noch dazugibst. Das machst du doch sonst auch.«

»Eigentlich sollte ich an meinem Geburtstag nicht arbeiten. Aber wenn Alice im Weg ist, schaffe ich sie raus.«

Sarah lachte. »Bleib, wo du bist, Mum! Wir brauchen keinen neuen Streit, wenn so viel zu tun ist.«

Nell machte es sich wieder in den Polstern bequem. Sie hatte eigentlich nicht die Kraft, mit Alice zu streiten, und es war angenehm, hier im Halbschatten zu sitzen. »Hol mir meinen dickeren Schal, Liebes! Der Wind ist ein bisschen frisch.«

Bald hatte Nell den flauschigen Schal um die Schultern, und sie wollte schon um eine Tasse Tee bitten, als von der anderen Seite des Flusses Rufe ertönten. Nialls Familie war zu Pferde oder mit Fuhrwerken angekommen, eine ganze Schar, begleitet von Dudelsack und Fiedeln. Sofort hob sich ihre Laune, denn die Iren hatten immer etwas zu erzählen, ein Lied auf den Lippen oder ein Instrument, mit dem sie aufspielten, und ihr gefiel, wie gern sie feierten.

Sie überquerten die Brücke über den Fluss, die in der letzten, fünf Jahre anhaltenden Trockenheit ziemlich in Mitleidenschaft gezogen worden war. Niall hatte seine Mutter oder seine Schwestern daheim nie vergessen; er hatte sie und seine Schwäger finanziell unterstützt, hatte ihnen die Überfahrt von Irland nach Australien bezahlt und ihnen Arbeit gesucht. Die meisten waren in Parramatta oder in der Umgebung der Stadt geblieben und waren regelmäßige, gern gesehene Besucher auf Moonrakers.

»Hilf mir aufstehen!«, befahl sie. »Es ist mein Fest, und ich sitze hier mutterseelenallein rum.«

Mühsam kam Nell auf die Beine. Sie brauchte eine Weile, um Atem zu schöpfen und ihre Haube zu richten. Es war eine alte, doch sie hatte die Bänder erneuert und sie mit ein paar Akazienzweigen geschmückt, die ihrem grünen Kleid schmeichelten. Sie war zwar alt, doch das war keine Entschuldigung, Maßstäbe herunterzuschrauben. Sie hatte nichts übrig für schwarze Trauerkleidung und schlichte Hauben, wie Alice sie bevorzugte, doch Alice hatte auch nie ein Auge für Abenteuer gehabt. Sie wartete, bis Sarah ihren Fächer und die gehäkelten Handschuhe aufgehoben hatte, hakte sich bei ihr unter und steuerte den Tisch an.

»Das ist schon dein drittes Kuchenstück.«

Nell hielt mitten im Kauen inne. »Wenigstens habe ich immer noch genug Zähne im Mund, um zu essen, was ich will.«

»Weshalb du so dick bist.« Alice zog ihre Lippen ein.

»Pff! Immer noch besser, als mager zu sein – das macht so alt. Außerdem pustet der leiseste Windhauch dich weg.«

Alice verzog das Gesicht. »Um dich von der Stelle zu bewegen, müsste schon ein Hurrikan kommen«, brummelte sie. »Mich wundert, dass der Stuhl noch nicht zusammengebrochen ist.«

»Mein Billy hat die Sachen für die Ewigkeit gebaut.« Sie aß ihren Kuchen auf und überlegte, ob sie noch ein Stück nehmen sollte.

Alice überraschte sie und hielt dem nichts entgegen. »Ja«, seufzte sie. »Billy kannte noch den Wert guter Handwerkskunst. Mein Jack natürlich auch. Unser kleines Haus am Fluss wird noch stehen, wenn wir längst nicht mehr sind.«

»Jetzt wirst du trübsinnig«, sagte Nell. Bindis Gerede über »Gesänge« und der abwesende Ausdruck in den Augen ihrer Freundin beunruhigten sie.

Alice hatte ihre Bemerkung offenbar nicht gehört. »Weißt du noch, unser erster Streit über die Schafe?«

Nell war sich nicht sicher, wohin das führen sollte. Diese erste Auseinandersetzung hatte nur wenige Minuten nach der Ankunft von Alice auf Moonrakers stattgefunden und ihnen nachhaltig vor Augen geführt, dass sie Frauen unterschiedlicher Herkunft waren. Die Feindseligkeit, die sie an jenem Tag füreinander empfunden hatten, hatte jahrelang angehalten. »Ich war ein Mordsweib, das steht fest«, erklärte sie zögernd.

»Du warst damals ganz schön eingebildet«, überlegte Alice. »Und das bist du auch heute noch.« Ihre hellbraunen Augen zwinkerten, als Nell auffuhr. »Aber ich schätze, wir können es miteinander aufnehmen, und ich muss zugeben, ich habe deine Kabbeleien immer genossen.«

Nell hob eine Augenbraue und strich Krümel von ihrem Busen. Die Augen ihres Gegenübers ließen noch immer die jüngere Alice erkennen, doch ihr Gesicht war nach den zahllosen Jahren in der gnadenlosen Sonne zerfurcht, die Hände waren knorrig, und ihre Magerkeit wurde von dem locker sitzenden Kleid nur noch betont. Das Alter und die Elemente der Natur hatten ihr übel mitgespielt. »Du wirst doch jetzt nicht nachsichtig mit mir, oder?«

Alice schüttelte den Kopf, dass die gebundenen Bänder ihrer Strohhaube flatterten. »Ich denke nur gerade, es war ein Glück, dass wir uns hatten – und wie viel wir zusammen erreicht haben.« Sie deutete mit dem Kopf auf die fröhliche Kakophonie aus Geschnatter und Gelächter am anderen Ende des Tisches, wo Ruby selig auf dem Knie ihres Vetters Finn hockte und ihn bewundernd anschaute. »Danke, dass du deine Familie mit mir geteilt hast. Es wäre ein einsames Alter gewesen ohne eigene Kinder.«

»Jetzt wirst du aber sentimental«, sagte Nell verärgert. Diese ungewöhnliche Zurschaustellung von Gefühlen störte sie. Schon wollte sie ihren Stuhl zurückstoßen, als Alice ihren Arm packte.

»Du bist meine beste Freundin«, sagte sie leise. »Streite nicht mit mir, Nell, nur dieses eine Mal in deinem Leben!«

Nell spürte einen Stich. Alice benahm sich höchst merkwürdig, und in ihrer Stimme lag eine gewisse Dringlichkeit, die sie seit Jahren nicht gehört hatte. Als wäre sie sich bewusst, dass die Zeit knapp wurde und sie Frieden schließen musste, bevor es zu spät war. Vielleicht war Bindis Aberglaube doch nicht so dumm, wie sie angenommen hatte?

Der Gedanke, dass sie die Freundin verlieren könnte, war erschütternd. Sanft ergriff Nell die verkrüppelte Hand, denn sie wusste, wie sehr Alice unter Arthritis zu leiden hatte, auch wenn sie es sich nur selten anmerken ließ. »Ich weiß nicht, worum es hier eigentlich geht«, sagte sie leise. »Wir beide haben uns doch immer gestritten – das hat uns aufrecht gehalten. Glaub nur nicht, dass ich dich nicht liebe, weil ich dich eine alberne, alte Närrin nenne.« Sie schluckte den Kloß in ihrem Hals herunter und zwang sich zu lächeln. »Aber wag bloß nicht, jemandem zu erzählen, dass ich das gesagt habe! Sonst erzähle ich denen, wie du zusammengebrochen bist, als Henry Carlton starb.«

Alice wurde rot und zog ihre Hand mit einem Ruck weg. »Bin ich nicht.«

Nell nickte zufrieden, nachdem Alice wieder ihr gewohntes schroffes Wesen zeigte. »Ich habe dich gehört«, sagte sie triumphierend. »Hast wie ein liebeskrankes Mädchen in deine Kissen geschluchzt.«

»Obwohl du schändlich mit ihm geflirtet hast, war Henry mein Kavalier, nicht deiner. Um ihn zu trauern war mein gutes Recht.« Alice funkelte Nell an, hielt die zornige Miene jedoch nicht lange durch und begann zu lächeln. »Oh, aber er hat gut ausgesehen, was?«

Nell grinste. »Stimmt. Und klug war er auch. Ohne ihn wären wir nicht halb so gut zurechtgekommen.«

Sie verfielen in ein angenehmes Schweigen, während die Geräusche der Party in den Hintergrund traten und ihre Erinnerungen übermächtig wurden. Henry Carlton hatte neue Wärme in ihr Leben gebracht, nachdem sie verwitwet waren, und seine Abwesenheit machte sich noch immer deutlich bemerkbar. Seine Freundschaft und Anleitung war von unschätzbarem Wert gewesen, seine Lieferung von Zuchtschafen aus Südafrika hatte die Qualität ihres Merinobestandes gesichert nach der schrecklichen Dürre, die andere in die Knie gezwungen hatte.

»Manchmal denke ich, wir haben zu lange gelebt«, sagte Alice seufzend.

»Dummes Zeug!«, platzte Nell heraus. »Wie kann jemand zu lange leben?«

»Wir sind fast die Letzten unserer Generation, Nell, und jedes Jahr bringt neue Todesnachrichten. Das ist irgendwie ungerecht.«

Nell hatte die Nase voll. Sie umklammerte die Stuhllehnen und hievte sich mühsam in den Stand. »Ich jedenfalls hab nicht vor, den verdammten Löffel abzugeben«, fuhr sie Alice an. »Du kannst versauern, wenn du willst, aber solange ich noch Luft zum Atmen habe, werde ich mich amüsieren.« Sie klopfte auf den Tisch, um auf sich aufmerksam zu machen. »Spielt Musik«, befahl sie, »ich will tanzen.«

»Mach dich nicht lächerlich, Mutter!«, bellte Walter. »Das gehört sich nicht für eine Frau in deinem Alter. Außerdem hält dein Herz das nicht mehr aus.«

Sie betrachtete ihren Sohn. Er lief Gefahr, sich aufzublasen, und das Bedürfnis, ihn zurechtzuweisen, war unwiderstehlich. »Ob es sich gehört oder nicht, die alte Pumpe hier schlägt immer noch. Ein bisschen Übung wird ihr guttun – und dir würde es auch nicht schaden«, fuhr sie ihn an und nahm seinen Leibesumfang in Augenschein. Sie wandte sich an Nialls Neffen, einen hübschen, ungefähr fünfzehnjährigen Jungen mit grünen Augen und pechschwarzen Locken. »Wie wär’s, Finn?«

Finnbar Cleary ergriff Nells Hand, und seine Augen strahlten fröhlich, als er sich formvollendet verbeugte. »Es wäre mir ein Vergnügen, mit dem Geburtstagskind zu tanzen, aber sicher. Und ein Walzer scheint mir angemessen zu sein für die Gelegenheit. Der Tanz ist in Europa der letzte Schrei.« Die anderen nahmen rasch Fiedeln, Dudelsack und die große tellerförmige Trommel zur Hand, die man mit einem Stock in Gestalt eines Knochens schlug, um den Rhythmus vorzugeben.

»Mutter! Ich verbiete es!« Walters Gesicht war puterrot.

»Du kannst verbieten, was du willst. Ich bin alt genug und kann tun, was mir gefällt.« Nell zwinkerte Finn zu und nahm mit ihm die Tanzhaltung ein. »Beachte ihn gar nicht!«, flüsterte sie. »Walter war schon immer ein Wichtigtuer.«

Seit Jahren hatte sie nicht mehr getanzt, und das Gefühl eines starken Arms um sich, einer warmen Hand, die sich um die Finger schließt, ließ sie die Unannehmlichkeiten des Alters vergessen, und während er sie langsam führte, atmete sie den Geruch seines frisch gewaschenen Hemdes ein und fühlte sich wieder jung.

Die Fiedeln spielten ihre beschwingte Melodie zu den beklemmenden Tönen des Dudelsacks, während die Trommel Füße und Herz anregte. Am Ende des Tanzes war Nell außer Atem, und ihr war schwindelig. Sie erlaubte Finn, sie zu ihrem Platz zu bringen, und ließ sich auf das Polster fallen. »Das hat Spaß gemacht«, keuchte sie, fächerte ihrem erhitzten Gesicht Luft zu und atmete schwer.

»Das Vergnügen war ganz meinerseits.« Er vollführte eine Verbeugung, und eine dunkle Locke fiel über seine Augen. Er strich sie zurück, zwinkerte ihr zu und schloss sich den anderen an, die einen wilden Freudentanz aufführten.

»Er hat Glück gehabt, dass du keinen Herzinfarkt bekommen hast«, murmelte Alice.

»Wenigstens hab ich’s versucht«, entgegnete Nell, die noch immer um Atem rang. »Wie ich sehe, machst du nicht mit.«

»Ich bin vernünftiger.« Alice zog den Schal noch fester um ihre knochigen Schultern. »Du wirst mich nicht dabei erwischen, wie ich eine Närrin aus mir mache mit einem Jungen, der mein Enkel sein könnte.«

»Wie gut, dass er dich dann nicht aufgefordert hat.«

»Bin zu alt für so einen Unsinn«, erwiderte Alice. Ihr Ausdruck wurde milder, als sie sah, dass Finn seine Kusine Ruby durch eine schnelle Polka wirbelte. »Aber er ist ein gut aussehender junger Kerl, da gebe ich dir recht.«

»Er gleicht Billy so sehr, obwohl sie nicht verwandt sind«, seufzte Nell. »Sogar die Haare fallen ihm in die Augen wie Bill.«

Alice trank schweigend ihre Limonade. Ihr Fuß wippte im Takt mit, und ihr Blick folgte den Tänzern eine Weile, bevor sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf Nell richtete. »Ich bin froh, dass dir dein Fest gefällt, und ich beneide dich um deine Vitalität. Um ganz ehrlich zu sein, hätte ich liebend gern getanzt.« Sie lächelte liebevoll, als sie aufstand und Nell einen Kuss auf die Wange drückte. »Herzlichen Glückwunsch, Nell!«

»Wohin willst du? Das Fest ist noch nicht vorbei.«

Alice tätschelte ihre Schulter. »Ich bin müde«, sagte sie. »Zeit für mich, ins Bett zu gehen. Aber es war ein wunderschöner Tag, Nell. Wirklich wunderschön.«

Nell war versucht, ihr zu folgen, um sich zu vergewissern, dass sie ihren Weg im Dunkeln fand. Doch sie musste sich eingestehen, dass Alice den Weg ebenso gut kannte wie sie und dass ihre Freundin nach dem langen, geschäftigen Tag etwas Ruhe brauchte. Sie schaute Alice hinterher, bis sie in der Dunkelheit verschwunden war, und widmete ihre Aufmerksamkeit dann wieder den Tanzenden. Sie wurden rauflustig; die enormen Mengen Rum und Bier trugen zu deren Begeisterung bei, doch nicht unbedingt zu ihrem Geschick, während sie über das Gras wirbelten und taumelten. Selbst Walter war so gelöst, dass er sich immerhin das Jackett ausgezogen hatte und zur Musik in die Hände klatschte.

»Grandma, ich bin müde«, sagte Ruby und lehnte sich an Nells Schenkel. »Erzähl mir eine Geschichte.«

Nell nahm sie auf den Schoß. Rubys Locken waren ein einziger Wirrwarr, die Bänder hatte sie längst verloren, Finger und Mund klebten vom Kuchen. Sie lächelte, als sie das kleine Mädchen an sich drückte. »Es war einmal vor ganz langer Zeit, als ich jünger war als deine Mummy, da begab ich mich auf ein Abenteuer«, sagte sie leise. »Ich segelte mit einem großen Schiff, das viele Masten hatte, an denen die Matrosen wie Beutelratten bis an die Spitze hinaufkletterten. Das Schiff hat mich von England in dieses Land gebracht, in dem noch nie Weiße gelebt hatten. Damals war es hier ziemlich beängstigend. Das Land war dicht mit Bäumen bewachsen und voller fremdartiger Tiere; und schwarze Männer, die Speere warfen, lebten hier. Es gab keine Häuser, und wir mussten die Ackerflächen roden, um unsere Nahrung anzubauen.« Sie rückte das Kind in eine angenehmere Lage. »Aber keiner von uns wusste, wie man Weizen anbaut, und nach zwei Jahren waren wir halb verhungert. Billy war für die Vorratslager der Regierung verantwortlich, doch das änderte auch nichts daran, und wir mussten mit dem auskommen, was wir fangen oder sammeln konnten.«

»Erzähl mir was von Grandpa Billy!«, murmelte das Kind mit dem Daumen im Mund.

»Billy war groß und sah umwerfend aus. Mit einem Zwinkern in den Augen und einem starken Arm, der mich führte«, flüsterte Nell mit weicher Stimme, je deutlicher die Erinnerungen wurden.

»So wie Finn«, brummelte das Kind. »Wenn ich einmal groß bin, heirate ich Finn, und dann werden wir so wie du und Grandpa.«

Nell lächelte, denn Ruby hatte ihre Liebe zu Finn schon oft kundgetan. »Das wäre wunderbar«, erwiderte sie. »Aber ich habe dir gerade von Billy erzählt. Er hat mich gerettet, als ein furchtbarer Kampf am Strand stattfand, an dem Tag, an dem ich mit den anderen Frauen an Land gegangen bin, und wir sind viele Jahre zusammengeblieben. Er hat mit Onkel Jack Moonrakers gebaut, und hier ist deine Mummy geboren.«

»Sie schläft, Mum«, flüsterte Amy und küsste Nell auf die Wange. »Ich bringe sie ins Bett.«

Nell berührte das Gesicht ihrer Tochter und lächelte. »Der Gedanke ans Bett hat was«, gab sie zu. »Ich glaube, ich gehe auch rein.«

Amy hievte sich Ruby auf die Hüfte, wobei sich ihr kupferfarbenes Haar mit Rubys verhedderte und im Kerzenlicht glänzte. »Bleib hier, ich hole dich, wenn ich das Kind hingelegt habe.«

»Nicht nötig. Ich kenne den Weg.« Sie küsste Amy, liebkoste die weiche, schlummernde Wange ihrer geliebten Ruby und lächelte. »Danke für das Fest! Ich habe mich köstlich amüsiert.«

Amy kicherte, als sie einen Blick zu Niall hinüberwarf, der alle mit einem irischen Lied erfreute. »Morgen werden ein paar Leute einen dicken Kopf haben; aber ja, es war ein schöner Tag.«

Nell nahm den ihr angebotenen Arm und ließ sich aus dem Sessel hochziehen. Als Amy auf das Haus zuging, warf Nell noch einen längeren Blick auf die Versammelten, bevor sie sich abwandte. Das Fest schien noch nicht zu Ende zu gehen, doch die kleine Hütte am Fluss und das bequeme Bett warteten auf sie.

Die Klänge der Feier hallten durch die Stille und wurden leiser, je weiter sie am Flussufer entlangtippelte. Nach all den Jahren kam es Nell noch immer komisch vor, nicht zum Haus und in das Schlafzimmer zurückzukehren, das sie mit Billy geteilt hatte. Deshalb blieb sie einen Augenblick stehen, um zu verschnaufen. Da sah sie, dass sich der Mond auf dem Wasser spiegelte. Diese Spiegelung hatte Billy einst inspiriert, den Ort Moonrakers zu nennen, und sie lächelte, als ihr einfiel, wie der ehemalige Schmuggler über seine Schlauheit gebrüllt hatte vor Lachen. »Oh, Billy«, murmelte sie. »Du fehlst mir so!«

Ein Rascheln im Buschwerk ließ sie zusammenfahren. »Wer ist da?«, krächzte sie.

»Bindi, Missus.« Der Aborigine trat aus dem Dunkel, sein wilder Haarschopf glitzerte silbrig im Mondschein.

»Was zum Teufel fällt dir ein, mir so einen Schrecken einzujagen?«

Furchen entstanden auf seiner breiten Stirn, und die bernsteinfarbenen Augen blickten verwirrt. »Bindi wartet auf Missus. Bringe Sie sicher nach Hause.«

»Ich kenne meinen Heimweg, danke, Bindi. Ich bin ihn weiß Gott oft genug gegangen.« Sie lächelte und bedauerte, ihn so schroff abgefertigt zu haben. Sie kannte ihn seit seiner Geburt, und er gehörte ebenso zu Moonrakers wie sie. »Geh wieder zum Fest zurück!«, sagte sie. »Und kein Wort mehr über Gesänge zu Ruby. Das versteht sie nicht und beunruhigt sie nur.«

Der bernsteinfarbene Blick war hypnotisierend. »Missus versteht«, sagte er. Dann nickte er wie zur Bestätigung seiner Feststellung, bevor er mit der Dunkelheit verschmolz.

Nells Herz schlug zu schnell, und das Atmen fiel ihr schwer. Bindi hatte sie erschreckt, ohne Zweifel – warum zum Teufel musste er alles mit diesem Blick verderben? Sie schauderte und machte die kühle nächtliche Brise dafür verantwortlich, während sie ihren Weg fortsetzte. Sie war wütend über sich selbst, weil sie sich so leicht aus der Fassung bringen ließ, und wütend über Bindi, weil er so wirres Zeug daherredete. Der Aberglaube der Eingeborenen, dass der Tod mit einem Lied von den Geistern komme, wurde von manchen für ziemlich romantisch gehalten – doch in ihrem Alter war er beunruhigend. Und obwohl sie kein Wort davon glaubte, ertappte sie sich dabei, wie sie auf die Geräusche in der Nacht lauschte für den Fall, dass man die Geister doch im Dunkeln flüstern hörte.

Wie erwartet brannte kein Licht, das sie die flachen Stufen hinaufgeleitet hätte, aber als sie sich auf die Veranda zog, erkannte sie, dass Alice in ihrem Sessel saß. Sie blieb stehen, um Atem zu schöpfen. »Hattest du nicht gesagt, du wolltest ins Bett gehen?«

Sie erhielt keine Antwort. »Komm schon, Alice, du kannst hier nicht schlafen. Es ist kühl. Du holst dir noch eine Erkältung.« Sie ergriff die Hand der anderen Frau und sank mit einem Aufschrei der Qual in den Sessel neben ihr. Alice war in einen Schlaf gesunken, aus dem sie nie wieder erwachen würde.

Nell schlug das Herz bis zum Hals, als sie die leblosen Finger packte und hinzunehmen versuchte, was passiert war. »Du hast es gewusst, nicht wahr?«, murmelte sie vor sich hin. »So wie Bindi. Alles, was du gesagt hast, unsere gemeinsamen Erinnerungen, das war deine Art, dich zu verabschieden.«

Tränen rannen über ihre Wangen. Sie blinzelte in den Mond, der hoch über ihr in einem Meer von Sternen schwamm. »Oh, Alice«, schluchzte sie. »Mit wem soll ich denn jetzt streiten, verdammt noch mal?«

Sie verlor jegliches Zeitgefühl, während sie die Hand ihrer Freundin hielt und dem Lauf des Mondes über den Himmel folgte. Ihr Herz hämmerte, und sie war nach dem langen Weg und dem Schreck, den Bindi ihr eingejagt hatte, noch immer außer Atem. Sie hatte so viele Jahre mit Alice gemeinsam verbracht, sie hatten sich gezankt, aber auch gefeiert wie ein altes Ehepaar, doch auch in den finstersten Zeiten hatte ihre gegenseitige Liebe und ihr Respekt nie nachgelassen. Sie hatten wie eine Person gelebt und gearbeitet, und es war ungerecht von Alice, einfach so zu verschwinden – und sie in dieser schrecklichen Stille, in dieser Leere alleinzulassen.

Doch als der Mond tiefer sank und Nells Tränen versiegten, glaubte sie den schwachen Klang von Gesängen in der nächtlichen Brise zu vernehmen. Sie waren schön, und ein großer Friede senkte sich über sie, denn sie erkannte, dass sie heimgerufen wurde. »Jack ist bei dir, nicht wahr, Alice? Kannst du meinen Billy sehen?«

»Ich bin hier, Liebling.« Die leise Stimme kam aus der Dunkelheit. Er tauchte in einen hellen, vom Mond beleuchteten Fleck ein, sein dunkles Haar fiel ihm in die Augen, und er setzte das gemächliche, reizende Lächeln auf, das sie nie vergessen hatte. »Du hast doch nicht geglaubt, ich würde dich allein lassen, Nell, oder?«

»Billy!«, seufzte sie, erhob sich aus dem Sessel und ergriff seine ausgestreckten Hände.

»Komm, Nell! Es wird Zeit.«

Sie warf einen Blick über ihre Schulter auf Moonrakers, wo ihre Familie schlief.

»Wir werden gemeinsam auf sie aufpassen«, sagte Billy und zog sie an sich, »weil ich weiß, dass du die kleine Ruby nicht aus den Augen lassen willst.«

Beim Blick in seine Augen spürte sie die reinste Freude, und als er sie in das blendende Leuchten führte, folgte sie ihm mit dem geschmeidigen Schritt einer jungen, verliebten Frau.

ERSTER TEIL

Auf der Heimreise

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