Violetta Stern

Nachbarschaftsdienste

Erotischer Roman

Teil 1

© Violetta Stern 2014
2. überarbeitete Auflage 2015

Violetta Stern

c/o Papyrus Autoren-Club

Pettenkoferstr. 16-18

10247 Berlin

nachricht@violetta-stern.de

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Coverdesign: Alexander Kopainski

www.kopainski-artwork.weebly.com

Coverfoto: Mayer George

Bildquelle: shutterstock

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eBook-Erstellung: Corinna Rindlisbacher

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Dies gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen über das Internet.

Inhalt

Ein Hinweis vorweg: Diese Geschichte enthält erotische Inhalte, die nur für Leser ab 18 Jahren geeignet sind.

*******

Wenn das Haus, in dem man wohnt, so hellhörig ist, dass man von den Nachbarn alles mitbekommt, kann das total nerven. Oder sehr lustvoll sein.

*******

Josis neuer Nachbar Simon ist auf den ersten Blick kein Traumtyp – grob, unfreundlich und ein wenig verlottert. Doch er führt ein munteres Liebesleben, an dem Josi dank der dünnen Wände im Haus regen Anteil nimmt. Und so sehr der Mann sie nervt, wenn sie ihm im Treppenhaus begegnet, so sehr regt er ihre Fantasie an, sobald sie im Bett liegt.

Als auch Josi Simons Charme verfällt, beginnt für sie ein aufregendes Spiel um Macht und Unterwerfung. Doch dann geschieht etwas, das alles in einem neuen Licht erscheinen lässt. Voller Angst fragt Josi sich plötzlich, wer der Mann eigentlich ist, den sie so vertrauensvoll in ihr Bett gelassen hat.

Dies ist der erste, in sich abgeschlossene, Teil einer hinreißenden Geschichte mit viel Herz und prickelnder Erotik.

Inhaltsverzeichnis
Prolog
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
Oliver
12
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18
19
Epilog
Teil 2 (Leseprobe)
Über die Autorin

Prolog

Sie lag nackt vor ihm auf dem Bett, die Augen verbunden, die Knie zur Brust gezogen, die Hände in den Kniekehlen verschränkt und gefesselt. Es war eine simple Fesselung, die dennoch große Wirkung erzielte. Nichts blieb hier verborgen, sie musste sich ihm in schonungsloser Offenheit präsentieren und tiefe Einblicke gewähren.

Zufrieden betrachtete er sein Werk und studierte eingehend ihren wohlgeformten Körper mit der hellen, makellosen Haut. Die breiter werdende Linie von ihren Oberschenkeln bis hin zu den Pobacken, die in dieser Position aufregend straff und prall erschienen. Die feuchte Spalte, die verlockend und einladend glänzte und an deren Anblick er sich kaum sattsehen konnte, ein wenig tiefer die enge Rosette, die dunkel und nicht minder verführerisch schimmerte.

Ihre Brüste wurden von den Beinen verdeckt, aber wenn er sich seitlich neben das Bett stellte, sah er, wie weich und voll sie waren und wie steil sich die kleinen Nippel aufgerichtet hatten.

Zuletzt glitt sein Blick über ihr hübsches Gesicht, das, halb verborgen hinter dem schwarzen Seidenschal, sehr entspannt wirkte und umrahmt wurde von glänzenden braunen Haaren, die in fließendem Schwung über das Kopfkissen fielen.

Lieber Himmel, war sie schön! Er begehrte sie so sehr, dass es kaum auszuhalten war. Er wollte sie besitzen, jede Faser ihres Körpers – und alles andere auch. Alles sollte ihm gehören, ihm zur Verfügung stehen, willig und demütig.

Er brauchte die totale Kontrolle über sie. Nur so würde er dieses beängstigende Gefühl ertragen können, das sich mit atemberaubender Geschwindigkeit in ihm ausgebreitet hatte, seit er sie zum ersten Mal gesehen hatte.

Sanft beugte er sich über sie und drückte ihr einen kleinen, feuchten Kuss auf die Lippen. Bereitwillig kam sie ihm entgegen, öffnete leicht ihren Mund und gewährte ihm Einlass. Doch er beließ es bei der zarten Berührung und zog sich wieder zurück.

Ein leichtes Lächeln lag auf ihrem Gesicht, die Lippen immer noch willig für ihn geöffnet. Sie wirkte so glücklich und so hingebungsvoll, dass es ihm den Atem nahm. Er wusste, dass sie bereit für ihn war.

Erregt umfasste er seinen harten Schwanz und rieb ihn genüsslich. Das Spiel begann.

1

»Josi, wo bleibt dein Text?«

Melissa besaß die unangenehme Angewohnheit, mit schriller Stimme quer durch die ganze Redaktion zu brüllen, wenn sie etwas von einem wollte. Und sie wollte oft was.

»Ist gleich fertig«, rief ich munter zurück. Das war, gelinde gesagt, ein wenig übertrieben. Genau genommen bestand der Text für meine Kolumne bis jetzt nur aus einer Überschrift und ein paar wirren, zusammenhanglosen Sätzen. Seufzend vergrub ich mich hinter dem Monitor meines Rechners.

»Warum immer mehr Frauen auf SM stehen«, stand ganz oben auf dem Bildschirm. Seit Shades of Grey härtere Erotik salonfähig gemacht hatte, wollte alle Welt ständig damit unterhalten werden. Unfassbar, was dieses Buch angerichtet hatte. Millionen Frauen waren begeistert, ihre Männer verwirrt – und unsere Redaktion in zwei Lager gespalten.

»Der Trend hält an. Darum müssen wir dazu auch immer wieder was bringen«, sagte Melissa Lahnstein, die Chefredakteurin der Annabella. »Daran kommen wir nicht vorbei.«

»Allmählich kann ich es nicht mehr hören«, stöhnte Lea aus dem Kulturressort. »Gibt es nicht mal originellere Aufhänger für Erotikthemen?«

»Es ist ein Phänomen«, stellte Anja fest, die für Psychologie zuständig war. »Gab es jemals ein Buch, das den Buch- und Erotikmarkt derart verändert hat?«

»Warum zur Hölle lesen die Leute dieses ganze Zeug?«, fragte ich.

»Sie mögen Geschichten mit viel Sex«, sagte Melissa. »Das war schon immer so. Und wenn es noch ein bisschen Herzschmerz dazugibt, sind sie nicht mehr zu halten.«

»Früher konnten die Leute gute von schlechten Büchern unterscheiden«, brummte Lea.

Ich hob zweifelnd die Augenbrauen. »Ich glaube nicht, dass sich daran etwas geändert hat. Früher gab es nur kein Internet und darum konnte so ein Hype nicht entstehen.«

»Es ist das Fremde, das Unbekannte, das Verbotene, was die Menschen reizt«, glaubte Anja.

Ich hob erneut die Augenbrauen. »Na, von verboten und unbekannt kann ja wohl längst nicht mehr die Rede sein. Heute weiß doch jedes fünfzehnjährige Mädchen über Erotik mehr, als unsere Eltern in ihrem ganzen Leben erfahren haben.«

»Da täuschst du dich«, behauptete Melissa. »In der Großstadt mag das so sein. Die meisten Leute leben aber irgendwo in Kleinkleckersdorf, wo sie sich nicht mal trauen, Kondome im Drogeriemarkt zu kaufen, weil die Kassiererin sie kennt. Für solche Leute ist die Vorstellung wahnsinnig aufregend, dass eine Frau sich einem Mann unterwirft und von ihm den Hintern versohlen lässt.« Sie lächelte triumphierend in die Runde. »Und darum werden wir uns dem Thema wieder einmal widmen – ob ihr wollt oder nicht.«

Ich wollte nicht. Aber was half es? Jetzt saß ich vor meinem Bildschirm und musste mir irgendwie einen Text aus den Fingern saugen. Ich rieb mir die Augen und gähnte.

»Müde?«, fragte Lea, die mir gegenübersaß, mitfühlend.

Ich nickte. »Wahrscheinlich habe ich darum so eine Leere im Hirn. Ich kann nicht denken, wenn ich müde bin.«

»Immer noch der Kleine von nebenan?«

Wieder nickte ich. »Angeblich zahnt er gerade.« Ich kämpfte gegen den übermächtigen Drang an, die Augen zu schließen. »Aber genau genommen zahnt dieses Kind, seit es auf der Welt ist. Jedenfalls hört es sich so an.«

Das Haus, in dem ich wohnte, war wahnsinnig hellhörig. Seit einem Jahr hatten meine Nachbarn ein Kind, dessen Zimmer an mein Schlafzimmer grenzte. Sie hätten die Wiege mit dem Kleinen auch direkt neben mein Bett stellen können, das hätte keinen Unterschied gemacht.

»Aber der Spuk ist bald vorbei.« Ich löschte ein paar besonders sinnlose Sätze. »Die Nachbarn ziehen aus.«

»Hurra!« Lea grinste breit. »Ich hoffe allerdings für dich, dass die dreiköpfige Familie nicht durch eine sechsköpfige abgelöst wird.«

»Nein, sicher nicht. Dafür sind die Wohnungen zu klein.«

»Interessant wäre doch ein Mann«, fuhr Lea fort. »Ruhig, freundlich, hilfsbereit – und natürlich Single und sehr attraktiv.«

Lea wusste, dass ich seit drei Jahren keinen festen Partner mehr hatte und mich von einem armseligen Abenteuer zum nächsten hangelte, wobei das letzte nun auch schon geraume Zeit zurücklag. Ich hatte schon so lange keinen Sex mehr gehabt, dass ich kaum noch wusste, was das überhaupt war. Genau genommen war es eine Schande, dass ausgerechnet ich für die Annabella über Liebe, Lust und Leidenschaft schrieb.

Ich seufzte versonnen: »Oh ja, das wäre was! So ein richtig supersexy supernetter Kerl.«

»Josi! Dein Text!« Melissas schrille Stimme ließ mich erneut aufschrecken.

Fieberhaft, ohne nachzudenken, begann ich zu schreiben:

»Neulich lud mich eine Freundin zu einer Dessous-Party ein. Dort, so erklärte sie unverblümt, könne man nicht nur hübsche Wäsche, sondern auch Dildos und andere Sextoys erstehen. Eine andere Freundin erzählte mir, sie sei mit ihrem Mann kürzlich in einem Swingerclub gewesen. ›Das war gar nicht so schlimm, wie ich immer dachte‹, behauptete sie. Blümchensex scheint ausgedient zu haben. Kuscheln und Zärtlichkeiten tauschen? Langweilig. Die gute alte Missionarsstellung? Fantasielos. Die Erotikshops verzeichnen einen enormen Zuwachs an Handschellen und anderen Sextoys. In deutschen Schlafzimmern wird aufgerüstet.«

Ich hatte wahrhaftig schon bedeutend bessere Kolumnen verfasst, aber ich machte das Beste aus der Situation, und nachdem Melissa noch dreimal meinen Text eingefordert hatte – jedes Mal mit einer noch schrilleren Stimme, sofern das überhaupt möglich war –, schickte ich ihn ihr endlich rüber. Danach herrschte Ruhe in unserer Redaktion. Ich atmete erleichtert auf.

Als ich nach Hause kam, stand vor dem Haus ein Transporter und im Treppenhaus traf ich auf zwei Männer, die eine Kommode nach unten schleppten. Aha, der Auszug der Nachbarn war bereits in vollem Gange. Ich hatte erst in einigen Tagen damit gerechnet, da der Monat noch nicht ganz um war. Aber je eher der kleine Schreihals fort war, umso besser.

Erleichtert schloss ich meine Wohnungstür hinter mir. Ich hängte meinen Mantel auf einen Kleiderbügel an der Garderobe, zog die schwarzen Wildlederstiefel von Gabor aus, legte Schuhspanner ein und stellte sie in den Schuhschrank. Anschließend mixte ich mir eine Caipirinha und ließ mich damit auf mein Sofa sinken. Das war mein abendliches Entspannungsritual: Einen Drink mixen, Füße hochlegen, durchatmen. Diese halbe Stunde war mir heilig. Danach konnte das Abendprogramm beginnen – mit was auch immer.

Ich sah mich zufrieden in meinem Wohnzimmer um. Die Möbel waren erlesene Designerstücke, für die ich lange gespart hatte. Eine Kommode aus gebürstetem, rot lackiertem Metall, eine Bogenlampe im 50er-Jahre-Retrodesign, ein Rolf-Benz-Sofa aus weißem Leder. Für jedes dieser schönen Stücke hatte ich drei alte, klapprige Teile aus meinen Studentenjahren entsorgt. Ich mochte es puristisch und elegant.

Nebenan ertönte lautes Gepolter. Jetzt musste ich nur noch ein bisschen Umzugslärm ertragen und dann herrschte hoffentlich wieder Ruhe hier im Haus.

Früher hatte in der Nachbarwohnung eine alte Frau gelebt, die so leise gewesen war, dass mir gar nicht aufgefallen war, wie hellhörig es in diesem Haus eigentlich war. Dann war das junge Paar eingezogen. Nette Leute, aber eben deutlich lauter als die alte Dame. Nachts drangen häufig lustvolle Töne zu mir herüber. Die Frau seufzte und stöhnte vor Verlangen. Ihr Mann, von dem ich selten etwas mitbekam, schien seine Sache gut zu machen. Manchmal, in einsamen Nächten, stellte ich mir vor, dass ich hinübergehen und mitmachen würde. Ich stellte mir vor, dass Sex zu dritt wahnsinnig aufregend sein musste. Das waren erregende Nächte, in denen ich mich mit brennendem Verlangen nach einem Mann sehnte.

Doch dann wurden die lustvollen Schreie der Frau vom Brüllen ihres Babys abgelöst. Es war vorbei mit dem Vergnügen.

An einem regnerischen Samstag Anfang November stand erneut ein Transporter vor dem Haus, als ich mittags vom Einkaufen heimkam. Eine Frau hob eine Stehlampe aus dem Wagen, ein hässliches, billiges IKEA-Teil mit wackeligem Ständer und einem Schirm aus Plastik.

»Hallo«, sagte ich. »Ziehen Sie hier ein?«

»Nein, ich helfe nur. Mein Freund Simon ist der neue Mieter.« Sie nickte freundlich und schien noch etwas sagen zu wollen. Aber da ertönte eine Stimme aus dem Inneren des Transporters und ein älterer Mann reichte ihr eine Kiste an, die offenbar recht schwer war. Leise fluchend stellte sie die Kiste auf den Boden und stemmte ihre Hände anklagend in den Rücken. Zu allem Überfluss fing es nun auch noch an zu regnen.

Ich machte, dass ich fortkam, bevor mich noch jemand zum Mithelfen nötigte. Im Treppenhaus traf ich auf zwei Männer, die sich mit hochroten Gesichtern mit einer Waschmaschine abschleppten. Ich wartete, bis die beiden unter Stöhnen und Schnaufen verschwunden waren, dann folgte ich ihnen hinauf in den zweiten Stock und schloss meine Wohnung auf.

Ich zog meine Stiefel aus, hängte den Mantel auf und räumte meine Einkäufe aus. Den Nachmittag verbrachte ich mit Aufräumen und Putzen.

Ein Mann würde also mein neuer Nachbar werden. Simon Irgendwer. War es einer der Kerle, die sich mit der Waschmaschine abgemüht hatten? Ich hatte sie mir nicht so genau angesehen und wusste gar nicht mehr, wie sie aussahen.

Als ich mit den Hausarbeiten fertig war, streckte ich mich auf meinem Sofa aus und klickte mich auf dem Smartphone durch meine Facebook-Timeline. Die Anspannung einer anstrengenden Arbeitswoche fiel langsam von mir ab und in das Gefühl von Trägheit, das meine Glieder schwer werden ließ, mischte sich eine leise Sehnsucht nach … ja, wonach eigentlich? Nach Nähe? Lust? Liebe? Es war wohl alles zusammen und noch ein wenig mehr. Immer häufiger spürte ich in letzter Zeit eine gewisse Unzufriedenheit. Dabei hatte ich doch einen erfüllenden Job. Ich arbeitete seit zwei Jahren bei der Annabella, einem der führenden Frauenmagazine auf dem Markt. Ich schrieb über Lust und Liebe und tat dabei abgeklärt, erfahren und wahnsinnig selbstbewusst. Schließlich war ich keine zwanzig mehr, ich wusste, wovon ich schrieb. Mit 32 Jahren, einem überdurchschnittlichen Einkommen (nun ja, knapp überdurchschnittlich – wie viele andere tolle Jobs in der Medienbranche wurde auch meiner recht bescheiden bezahlt) und einem glücklichen Singleleben repräsentierte ich unsere Zielgruppe perfekt. Meine Artikel über Online-Dates, flüchtige Affären und die Suche nach Mr Right schrieb ich im Grunde für mich selbst.

»One-Night-Stands sind in der Regel überflüssige Aktionen«, hatte ich einmal geschrieben. »Aufbrezeln, Small Talk halten, raus aus den Klamotten, rein in die Kiste – für was? Für ein bisschen Körpernähe und ein wenig Lust. Meistens sogar ziemlich wenig Lust, denn sonst würde man das Ganze wiederholen und es wäre kein One-Night-Stand mehr. In Wahrheit sind diese einmaligen Geschichten totale Pleiten, über die niemand gerne spricht.«

Auch ich hatte einige solcher Pleiten erlebt und nicht gerne darüber gesprochen. Für meine Freundinnen und Kolleginnen besaßen diese schrägen Affären zwar großen Unterhaltungswert. Für mich selbst wurden sie jedoch erst unterhaltsam, wenn alles vorüber war und ich mit anderen darüber lachen konnte. Vorher war ich frustriert und genervt, manchmal auch verletzt.

Die Beziehung zu meinem letzten Freund, Tim, war auseinandergegangen, als er einen Job in London annahm. Wir hatten es nicht geschafft, die Entfernung zu überbrücken, und aus der räumlichen Distanz war zunehmend auch eine emotionale geworden. Unsere Beziehung hatte vier Jahre gedauert und ich hatte ab einem gewissen Punkt immer angenommen, wir würden ewig zusammenbleiben und eines Tages heiraten und eine Familie gründen. Dass alles anders kam, hatte mich lange Zeit sehr traurig gestimmt.

Vor Tim war ich nur mit zwei Männern zusammen gewesen, beide Male recht kurz, dennoch war auch hier viel Herz im Spiel gewesen. Mit einem Mann ins Bett zu gehen, ohne ihn zu lieben, war überhaupt nicht mein Ding – bis Tim und ich uns trennten. Dann begann eine Phase des Experimentierens, ich meldete mich bei einer Singlebörse im Internet an und hatte einige mehr oder weniger aufregende Abenteuer. Doch glücklich machte mich das auch nicht. Irgendwann gab ich die Jagd wieder auf.

Ich starrte in den dunklen Novemberabend hinaus. Nebenan war Stille eingekehrt. Der Umzug war erfreulich rasch über die Bühne gegangen. Regen prasselte gegen die Fensterscheiben. Wollte ich da wirklich noch mal raus? Aber ja, ich war mit Lea verabredet und froh, dass ich den Abend nicht alleine verbringen musste.

Ich ging ins Badezimmer und machte mich zum Ausgehen zurecht, schminkte meine Augen und Lippen neu, löste die Spange, mit der ich die Haare tagsüber hochgesteckt hatte, und bürstete meine Haare so lange, bis sie in weichen Wellen über meine Schultern fielen.

Bei der Wahl meines Parfüm zögerte ich einen Moment. Sollte ich All About Eve von Joop nehmen, das fruchtig und frisch roch und das ich seit Jahren trug? Oder Symphonie, das neue Parfüm von Peter Laurentius? Der Duft war etwas schwerer und sinnlicher und eigentlich eher etwas für besondere Momente. Aber ich mochte die aufregende Mischung aus Jasmin, Veilchen und Pfirsich mit einem Hauch von Sandelholz sehr gern. Warum also sollte ich nicht meine Kollegin damit erfreuen? Zumal sie genauso verrückt wie ich hinter den Proben des neuen Laurentiusduftes her gewesen war, die Ayse, unsere Beautyredakteurin, kürzlich in der Redaktion verteilt hatte.

Ich schlüpfte in meine neuen, schwarzen Ankleboots mit Schnürung von Belmondo. Die hatte ich erst zweimal getragen und mit der kleinen Plateausohle und den schmalen, 12 cm hohen Absätzen wirkten sie sehr elegant zu meinem kurzen, bordeauxroten Wollkleid von Sandro.

Abschließend musterte ich mich prüfend in meinem großen Spiegel im Schlafzimmer, der bis zum Boden reichte. Mein ovales Gesicht wurde von dicken, braunen Haaren eingerahmt, die grünbraunen Augen wanderten streng und selbstkritisch über meinen schlanken Körper. Ich fand meine Hüften etwas zu ausladend, meinen Po zu rund und meinen Mund zu groß. Allerdings kaschierte das Kleid einige körperliche Unzulänglichkeiten recht gut. So schlecht sah das alles gar nicht aus.

Wie die meisten Frauen war ich selten zufrieden mit meinem Äußeren, und seit sich kein Mann mehr für mich interessierte, zweifelte ich noch mehr als ohnehin schon daran. Lea hatte mal behauptet, ich sei die hübscheste Frau der ganzen Redaktion. »Außer Ayse«, fügte sie hinzu, »aber die schafft das auch nur, weil sie jeden Tag zehn Stunden im Bad steht. Du hingegen bist von Natur aus schön.« Ich hatte damals gelacht und irgendwas Albernes erwidert, um meine Verlegenheit zu überspielen. Ich glaubte Lea ohnehin nicht.

Im Treppenhaus lehnte auf dem unteren Treppenabsatz ein Mann an der Wand und tippte auf seinem Handy herum. War es einer der Umzugsmänner? Ich war mir nicht sicher. Hatten die zwei mit der Waschmaschine nicht hellere Haare gehabt? Dieser hier hatte dunkles, fast schwarzes Haar, das ihm in zerzausten Locken ins Gesicht hing.

Er schaute kurz auf, als ich die Stufen herabstieg, wobei sein Blick verschlossen und abweisend war.

»Hallo«, sagte ich. »Bist du Simon? Ich meine, ziehst du hier ein?«

Er sah so aus, als sei es angebracht, ihn gleich zu duzen. Schätzungsweise Mitte dreißig, groß und schlank, in ausgebeulten Jeans und einem offenen Parka, unter dem ein T-Shirt mit buntem Aufdruck hervorlugte (Ed Hardy war doch längst out, aber das war sicher kein Originalshirt – oder etwa doch?).

»Ich ziehe hier ein, ja.« In seiner Stimme lag ein leichtes Zögern und einen Moment lang wirkte er etwas unschlüssig, als müsse er sich überwinden, weiterzusprechen. Oder als müsse er erst mal überlegen, wer er eigentlich war. Doch dann stieß er sich von der Wand ab und reichte mir die Hand zu einem festen, energischen Händedruck. »Simon. Simon Franke.«

Dieser Mann konnte zupacken, keine Frage.

»Josephine Kettelbach.«

Wieder dieses eigenartige Zögern, als müsse er sich zwingen, das Gespräch mit mir fortzusetzen. »Ulkiger Name. Stammst du aus Bayern oder so?« Auch er duzte mich ganz selbstverständlich, mit einem schnodderigen, abfälligen Tonfall.

»Nein. Wieso?«

Er grinste herablassend, wobei in seinem Mund sehr weiße, sehr gerade Zähne sichtbar wurden. »Keine Ahnung. Dein Name klingt irgendwie so.«

»Aha. Tja, gegen Namen kann man leider nichts machen.« Ich schnaubte verächtlich. »Kann ja nicht jeder Simon Franke heißen. Wobei – zum Glück heißt nicht jeder Simon Franke«, fügte ich spitz hinzu.

Daraufhin presste der Kerl die Lippen zusammen und wandte sich schweigend ab. Sehr schön! Es hatte dem Spaßvogel die Sprache verschlagen. Ich schob mich mit einem Gefühl großer Befriedigung an ihm vorbei.

»Dann mal noch viel Spaß beim Einziehen«, rief ich über die Schulter zurück und hoffte, dass meine Worte genauso abfällig wie sein Lachen geklungen hatten.

Ich eilte so schnell die Treppe hinab, wie es meine Schuhe zuließen. Kommst du aus Bayern? Was war denn das für eine bescheuerte Frage? Überhaupt – was war das für ein dämlicher Typ? Na, mit dem würde ich sicher keine innigen nachbarschaftlichen Kontakte pflegen, so viel war schon mal sicher. Mister Supersexy-Supernett sah eindeutig anders aus.

Empört machte ich meinem Unmut Luft, als ich mit Lea im Chamäleon saß, unserer Lieblingsbar.

»Ich glaube, mein neuer Nachbar ist ein ziemlicher Idiot.«

»Warum denn?«

»Er hat mich gefragt, ob ich aus Bayern stamme, weil mein Name so klingt.«

»Und – tust du es?« Lea wirkte amüsiert. Kurze, mahagonifarbene Locken umspielten ihr schmales, reizvolles Gesicht, in dem ihre sehr ausdrucksstarken großen, grünen Augen leuchteten. Ich persönlich fand ja, Lea sei die Hübscheste unter uns Annabella-Ladys, aber davon wollte sie genauso wenig wissen wie ich von ihren Komplimenten. Waren Männer eigentlich auch so dämlich wie wir Frauen?

»Natürlich nicht, das weißt du doch«, sagte ich ungeduldig. »Meine Mutter stammt aus Westfalen, mein Vater aus Bremen. Ich selbst habe mein ganzes Leben hier in Hamburg verbracht. Keine Ahnung, wo der Name Kettelbach herkommt, vielleicht gab es da wirklich mal süddeutsche Vorfahren, wer weiß. Ist aber auch wurscht. Es hat mich nur genervt, wie dieser Kerl das gesagt hat. Es klang so abwertend.«

Lea nippte an ihrem Wein. »Vielleicht war das nur ein etwas plumper Versuch, sich an dich ranzumachen.«

»Dann hat er sich aber selten dämlich angestellt. Ehrlich, Lea, so einen bescheuerten Spruch habe ich überhaupt noch nie gehört.«

Lea kicherte amüsiert. »Von ihm oder von mir?«

»Von ihm natürlich.« Ich stieß ihr meinen Ellbogen in die Seite und kicherte mit. »Wobei deiner auch nicht sonderlich weitsichtig klang.«

»Das liegt nicht an mir, sondern an den Männern«, behauptete Lea, und jetzt lachte sie so sehr, dass sie sich beinah an ihrem Wein verschluckte.

Ich lehnte mich zurück. Wie gut es tat, mit Lea, die für mich viel mehr Freundin als Kollegin war, hier zu sitzen und herumzualbern. Zur Hölle mit Männern wie Simon Franke! Da blieb ich doch lieber alleine, statt mich mit solchen Dummköpfen herumzuplagen.

2

Eine gute Woche später klingelte es an meiner Wohnungstür. Dieser seltsame Simon Franke stand davor, eine Flasche Rotwein in der Hand. Ich starrte ihn fragend an.

»Hi!« Er grinste. »Ich dachte mir, nach unserem etwas verunglückten Kennenlernen ist es vielleicht angebracht, noch mal ganz offiziell meinen Einstand als neuer Nachbar zu geben.«

»Oh.« Ich starrte immer noch. Ich war noch nicht lange zuhause und überlegte gerade, ob ich mir zum Abendessen einen Salat machen oder nur etwas Obst essen sollte. Dazu wollte ich ein paar Folgen Grey’s Anatomy auf DVD gucken. Anstandsbesuche meines Nachbarn sah mein Abendprogramm nicht vor.

Simon Franke stand abwartend in der Tür. Er sah nicht viel anders aus als bei seinem Einzug: unordentliche Haare, verwaschenes T-Shirt, ausgebeulte Jeans, Sneakers. Immerhin waren seine Hände sauber und das T-Shirt wies keine Schweißflecken auf. Er war mir neulich nicht sonderlich freundlich und aufgeschlossen vorgekommen. Was hatte wohl seinen plötzlichen Sinneswandel bewirkt?

»Äh … ja, dann komm doch mal rein.« Endlich kam Bewegung in mich, ich trat zur Seite und gab den Weg für Simon frei. Er ließ sich auf dem Sofa im Wohnzimmer nieder, ich holte Gläser und einen Flaschenöffner.

»Soll ich?«, fragte er mit Blick auf die Flasche.

»Danke, das kriege ich noch selbst hin«, erwiderte ich kühl und befreite die Weinflasche souverän von ihrem Korken. Für so was brauchte ich keinen Mann. Ich brauchte überhaupt für gar nichts einen Mann.

Ich schenkte den Wein aus und reichte Simon ein Glas.

»Auf gute Nachbarschaft«, sagte ich eine Spur milder und prostete ihm zu.

»Auf gute Nachbarschaft.« Er lächelte und sah dabei überraschend attraktiv aus.

Genau genommen sah er sogar richtig gut aus, stellte ich jetzt fest – wenn man mal von der Frisur absah. Er war groß, sicher deutlich über einsachtzig, mit schmalem, ein wenig kantigem Gesicht und einem kräftigen Kinn. Mit dem Dreitagebart, den er heute trug, wirkte er sehr männlich. Dazu passten auch die kräftigen Bizeps, die unter den Ärmeln des T-Shirts hervorschauten. Der Mann musste eine Menge Zeit im Fitnessstudio verbringen. Aber das Ergebnis konnte sich sehen lassen, es war sehr … erotisch, wie ich widerstrebend zugeben musste.

Der Wein schmeckte hervorragend. Ich war keine Kennerin, konnte aber durchaus einen guten von einem schlechten Wein unterscheiden, und dieser Burgunder war exzellent. Wenigstens in der Wahl seiner Getränke besaß Simon Franke Geschmack.

Ich setzte mich aufs Sofa. Mein ohnehin recht kurzes Kleid rutschte ein Stück nach oben. Simon starrte unverhohlen auf meine nackten Beine. Automatisch presste ich sie zusammen. Ich fand meine Oberschenkel zwar zu dick, war aber trotzdem stolz auf meine insgesamt kräftigen und straffen Beine, denen man ansah, dass auch ich regelmäßig ins Fitnessstudio ging. Trotzdem musste Simon Franke mir nicht auf die nackten Schenkel starren.

»Tut mir leid, falls ich dich neulich gekränkt habe«, sagte er mit entwaffnender Offenheit. »Das war keine Absicht. Ich war einfach nur überrascht. Andere Frauen heißen Petra Schmidt. Mit Josephine Kettelbach hatte ich nicht gerechnet.«

»Josi.«

»Josi?«

»Ja, so nennen mich die meisten Leute.«

»Aha. Na dann – auf dein Wohl, Josi.« Im Gegensatz zu mir sprach er meinen Namen englisch aus, Dschosi. Dabei grinste er sehr jungenhaft und sehr charmant.

Ich runzelte die Stirn, sagte aber nichts weiter.

»Wohnst du schon lange hier?«, fragte er.

»Vier Jahre.«

»Dann ist es wohl nett hier.«

»Sehr.« Ich pries ein wenig die Vorzüge des Hauses an. Freundliche Nachbarn, zentrale Lage, aber dennoch ruhig. Sonnige, helle Wohnungen, die für Hamburger Verhältnisse bezahlbar waren. Ich wohnte gern hier in Bahrenfeld. Simon hörte aufmerksam zu, stellte zwischendrin ein paar Fragen und entpuppte sich als überraschend angenehmer Gesprächspartner.

»Und, Dschosi, was machst du beruflich?«, fragte er und betonte meinen Namen dabei übertrieben.

»Ich bin Journalistin und arbeite für eine Frauenzeitschrift.« Ich grinste herablassend, weil mir klar war, dass das nicht gerade Simons Welt war. »Mode, Beauty, Liebe – das volle Programm.«

»Frauenzeitschrift? Aha.« Simon nickte höflich. »Bei welcher denn?«

»Annabella

Er nickte wieder, diesmal wissend. »Kenne ich.«

»Tatsächlich?«

Wieder dieses jungenhafte Grinsen. »Die kennt doch jeder. Allerdings lese ich sie nicht.«

»Natürlich nicht. Ist ja auch für Frauen.«

»Eben. Aber ich kenne jede Menge Frauen, die sie lesen.«

Zählte Simons Freundin auch zu diesen Frauen? Ich konnte mich gar nicht mehr genau an sie erinnern. Sie wirkte sehr unscheinbar.

»Und du?«, fragte ich, weniger aus Neugier, sondern mehr, um die Unterhaltung in Schwung zu halten. »Was machst du so?«

»Ich arbeite bei Greenpeace.«

»Ach!« Ich dachte an Leute, die sich an Atomkraftwerke ketteten oder sich mit winzigen Schlauchbooten riesigen Walfangflotten entgegenstellten. »Dann gehörst du also zu den Leuten, die die Welt retten.«

Simon lachte. »Ganz genau.«

Er streckte sich und strahlte dabei große Zufriedenheit aus. Sein T-Shirt rutschte hoch und legte ein Stück flachen Bauch frei, der noch sommerlich gebräunt war, obwohl wir bereits November hatten. Ich erhaschte einen flüchtigen Blick auf ein Band feiner, dunkler Haare, das sich vom Bauchnabel abwärts kräuselte.

Wirklich sehr sexy, das musste ich zugeben.

Bald darauf verabschiedete sich Simon Franke.

Ich ging in die Küche, machte mir einen Tomatensalat und trank den restlichen Wein dazu. Endlich hatte ich wieder meine Ruhe.

Später am Abend hörte ich, dass Simon Besuch bekam. War das seine Freundin? Noch später, als ich gerade im Begriff war, ins Bett zu gehen, hörte ich den lauten Singsang einer Frau, die sich in Ekstase befand. Das war eindeutig Simon Frankes Freundin. Für eine so unscheinbare Frau klang sie erstaunlich lustvoll.

Ich stand reglos da und lauschte ihrem Gesang, bis es vorbei war. Die Zeiten des Sex-zum-Mithörens waren also wieder angebrochen.

Ich griff nach dem Buch auf meinem Nachttisch, aber ich konnte mich nicht richtig konzentrieren. Nebenan schien es noch weiterzugehen. Stimmengemurmel, Lachen, Stöhnen – diesmal eindeutig von ihm –, dann wieder dieser Singsang. Unfassbar, aber die Frau sang tatsächlich beim Orgasmus. Ich legte mein Buch auf den Nachttisch zurück und schaltete das Licht aus.

Behutsam umfasste ich meine Brüste, wog sie sanft in meinen Händen, presste sie ein wenig zusammen, strich mit einem Finger zart über ihre Knospen. Ein Prickeln erfasste meinen ganzen Körper und ballte sich tief in meiner Mitte zusammen. Aufseufzend gab ich mich ganz diesem Gefühl süßer Lust hin, bis mich allein das Berühren meiner Brüste erzittern ließ.

Nebenan wurde wieder lauter gestöhnt, diesmal im Duett. Ich schob eine Hand zwischen meine Beine, verrieb meine feuchte Wärme und streichelte mein kleines Paradies, erst behutsam, dann fester, schneller.

Die Geräusche hinter der Wand regten meine Fantasie an. Ich stellte mir vor, wie Simon Franke es wild und leidenschaftlich mit seiner unscheinbaren Freundin trieb, wie er sie von hinten nahm, während ihm die dunklen Haare ins Gesicht fielen.

Lodernde Hitze schlug über mir zusammen, ich seufzte auf vor Verlangen und blieb anschließend einen Moment regungslos liegen, während ich dem feinen Nachbeben nachspürte.

Doch ich hörte nicht auf, das empfindsame Fleisch zwischen meinen Schenkeln zu berühren und genoss die Erregung, die mich nun in sanften Wellen erfasste, wonnig und intensiv. Diesmal ließ ich mir viel Zeit und gab mich ganz meinen Fantasien hin, in denen Simon Franke nun nicht nur seine Freundin auf die vielfältigsten Weisen verwöhnte, sondern auch mich.

Als es vorbei war, erfasste mich ein schales Gefühl. Wieso baute ich diesen Simon in meine Fantasien ein? Einen unfreundlichen Weltverbesserer, der schäbige Klamotten trug und sich die Haare nicht kämmte. Der erst dumme Sprüche machte und dann versuchte, sich mit teurem Wein einzuschleimen. Das lag sicher nur daran, dass ich so lange keinen Sex mehr gehabt hatte.

Müde rollte ich mich auf die Seite, dankbar, dass der Weltverbesserer und seine Liebste auch endlich Ruhe gaben, und schlief erschöpft ein.

3

Insgesamt bekam ich von meinem neuen Nachbarn nicht viel mit, er schien kaum zuhause zu sein. Offenbar verbrachte er seinen Feierabend und seine Nächte lieber bei seiner Freundin. Ich war darüber nicht traurig – obwohl mich die lustvollen Geräusche von nebenan durchaus stimulierten und mich veranlassten, meinen Vibrator aus der hintersten Ecke des Nachttischs hervorzuholen.

Ich hatte ihn lange nicht benutzt, weil er mich mehr nervte als erfreute. Die Batterien gaben meistens genau dann den Geist auf, wenn ich mich kurz vor einem Höhepunkt befand. Außerdem war der kleine Motor mit den Jahren so laut geworden, dass ich fürchtete, das ganze Haus werde mitbekommen, was ich da trieb.

Doch nun kaufte ich ein Zehnerpack Batterien und gab dem Gummiding eine zweite Chance.

Eines Tages begegnete ich im Treppenhaus einer Frau mit langen blonden Haaren und üppigem Dekolleté, das mit bunten Tätowierungen geschmückt war, die aus einem sehr tiefen Ausschnitt hervorschauten. Später vernahm ich die üblichen Lustschreie aus Simon Frankes Wohnung. Oho! Vernaschte er etwa die vollbusige Blondine, während die unscheinbare Liebste anderswo die Welt rettete?

Ich lauschte angestrengt, um den Verlauf des Abends mitzuverfolgen. Und tatsächlich, einige Zeit später verließ jemand Simons Wohnung. Ich schaute aus dem Fenster und sah die Blondine gerade aus dem Haus treten.

Als ich am nächsten Morgen zur Arbeit aufbrach, kam Simon ebenfalls aus seiner Tür heraus. Er trug Funktionskleidung – Fleecejacke und Cargohosen aus einem robusten Stoff – und sah so aus, als wolle er zum Wandern gehen.

»Na, geht’s mal wieder los, die Welt retten?«, fragte ich.

Simon bedachte mich mit einem finsteren Blick und stellte statt einer Antwort eine Gegenfrage: »Und gibst du heute wieder lebenswichtige Schminktipps?«

Auch ich stellte eine neue Frage, statt eine Antwort zu geben: »Die blonde junge Frau da gestern Abend war aber nicht deine Freundin, oder?«

Simon wirkte erstaunt, keineswegs aber schuldbewusst. »Nein, war sie nicht. Warum?«

»Dann hoffe ich, es hat wenigstens Spaß gemacht.«

Immer noch Erstaunen, wenn nicht gar Misstrauen, aber keine Spur von Reue in seinem Gesicht. Typisch Öko, dachte ich, die Welt verbessern wollen, aber die eigene Freundin nach Strich und Faden verarschen.

»Die Wände sind in diesem Haus ziemlich dünn«, sagte ich nachdrücklich. Simon reagierte immer noch nicht. Wie blöd war der Kerl eigentlich?

»Ich habe euch gehört«, fügte ich ungeduldig hinzu.

Jetzt begriff er endlich, was ich meinte. Er wirkte ein wenig verlegen, aber immer noch nicht schuldbewusst. »Oh …«

»Ja, genau: Oh!« Ich zog vielsagend die Augenbrauen hoch.

Aber statt dass Simon mich nun bat, um Himmels willen seiner Freundin nichts davon zu erzählen, das mit dem Blondchen sei auch bloß eine einmalige Geschichte gewesen, und überhaupt, in Wahrheit sei das alles ein riesengroßes Missverständnis, sagte er sehr gelassen:

»Tut mir leid, wenn wir dich belästigt haben. Ich wusste nicht, dass du mich in meinem Schlafzimmer belauschst. Und da du dir ja offenbar eine Menge Gedanken über mich machst: Nein, ich betrüge niemanden. Ich ziehe sehr … ähm … offene Beziehungen vor. Sind damit alle Unklarheiten beseitigt?«

»Oh … ah … na dann …«

Jetzt verschlug es mir die Sprache. Statt peinlich berührt zu sein, wirkte Simon eher genervt von meiner Neugier. Ich hatte ihn nicht blamiert, sondern mich selbst als Lauscherin an der Wand bloßgestellt, die ihren Stab über Leute brach, die sie gar nicht kannte. Ich wurde rot vor Scham, nicht er.

»Schönen Tag noch«, sagte Simon, nickte mir kurz zu und eilte mit wenigen Sätzen die Treppe hinab.

»Dir auch«, murmelte ich und folgte ihm langsam. Ich brauchte noch ein wenig, um mich wieder abzukühlen.

Zu meiner Überraschung wartete Simon unten an der Haustür auf mich.

»Du machst dir zu viele Gedanken, Josi«, sagte er und hielt mir die Tür auf.

»Scheint so.« Ich versuchte, meine Verlegenheit zu überspielen. »Tut mir echt leid, da bin ich wohl voll ins Fettnäpfchen getreten.«

»Dann sind wir ja jetzt quitt.« Simon grinste schief.

In der gerade aufgehenden Novembersonne leuchteten seine Augen warm. Sie waren braun, stellte ich fest.

»Hab einen schönen Tag«, sagte er.

Seine Stimme klang überraschend sanft und er berührte mich leicht am Arm, bevor er davoneilte.

Als ich auf dem Weg zur Tiefgarage war, um mein Auto zu holen, überholte mich Simon auf seinem Fahrrad. Ich sah ihm hinterher, wie er mit wehenden Haaren und halsbrecherischer Geschwindigkeit über die Kreuzung an der Ecke schoss.

Kurz darauf brauste ein schwarzer Porsche aus der Tiefgarage und jagte mit dröhnenden Motoren die Straße hinab, als wolle er Simon auf seinem Fahrrad verfolgen. Ich erhaschte einen flüchtigen Blick auf den Fahrer. Groß, bullig, sehr kurz geschnittene Haare, an den Seiten rasiert. Und ein Gesicht zum Fürchten. Auch dieser Prolet wohnte seit einiger Zeit in meinem Haus, oben im vierten Stock. Auf der Klingelleiste an der Haustür stand nur »Kaminski«, keine Ahnung, wie er mit Vornamen hieß, wir hatten einander nie vorgestellt. Wo nahm dieser Kerl wohl das Geld für so ein Auto her? Sicher kaum auf legalem Weg.

Meine Nachbarschaft schien zunehmend zu verrohen, wie ich schaudernd feststellte. Vielleicht sollte ich mal über einen Umzug nachdenken.

Doch zunächst dachte ich über offene Beziehungen nach. Was genau bedeutete das? Freies Vögeln für alle? Wie ließ sich das mit Liebe vereinbaren? Gehörte dazu nicht so etwas wie Exklusivität? Nein, stellte ich fest, das war kein Konzept für mich. Ich wollte in einer Beziehung die Königin sein, mir keine Gedanken um Nebenbuhlerinnen machen müssen, ich wollte wissen, wo mein Platz war – und der des Mannes an meiner Seite. Aber immerhin inspirierte mich mein kleines Gespräch mit Simon zu einer meiner nächsten Kolumnen.

Simon Franke nahm sich meinen Hinweis auf die dünnen Wände offenbar zu Herzen. Ich hörte in der nächsten Zeit kaum noch Geräusche von nebenan. Entweder hatte er nur noch auswärts Sex, oder er hielt seinen Frauen den Mund zu, wenn sie außer Kontrolle gerieten. Diese Vorstellung fand ich ausgesprochen interessant und ich ertappte mich dabei, wie ich sie in einer meiner nächsten Verwöhnfantasien einbaute. Simon Franke knebelte eine Frau und verführte sie dann so raffiniert, dass sie vor Lust verging.

Vielleicht, dachte ich, während mein Vibrator laut brummend durch meine Spalte fuhr, sollte Simon sie nicht nur knebeln, sondern auch fesseln. Dann war sie ihm vollkommen ausgeliefert.

Das Jahr ging zur Neige. Kurz vor Weihnachten begegnete ich Simon Franke vor unserem Haus. Es wehte ein eisiger Wind, der durch meinen eleganten, aber viel zu dünnen Wollmantel blies und feinen Schnee vor sich hertrieb. Wie Nadelspitzen stachen die winzigen Eiskristalle in meine Gesichtshaut. Ich war heilfroh, ins Warme zu kommen, obwohl es von der Garage bis zum Hauseingang nur wenige Meter waren.

»Bei dem Wetter lässt man aber auch keinen Hund vor die Tür, was?«, sagte ich zu Simon.

Er trug eine dicke Daunenjacke, durch die vermutlich nicht der leiseste Lufthauch drang. Sein Gesicht war unter einer Skimütze und einem Schal fast verschwunden. Auf dem Rücken trug er einen großen Rucksack.

»Schweinewetter, ja«, bestätigte er, und als wir ins Licht des Treppenhauses traten, sah ich, dass sein Gesicht gerötet war und er trotz seiner warmen Kleidung völlig verfroren aussah.

»Wo kommst du denn her?«, fragte ich. »Lass mich raten: Du hast Thunfischjäger auf der Elbe vertrieben.«

Simon drehte sich von mir weg und öffnete seinen Briefkasten.

»Josi«, sagte er und seine Stimme klang sehr genervt, »es gibt keinen Thunfisch in der Elbe.«

»Weiß ich doch. Das war ein Scherz.«

»Aha.«

»Meine Güte!« Jetzt war es an mir, genervt zu sein. »Nur weil ich etwas mehr Wert auf mein Äußeres lege als du und bei einer Frauenzeitschrift arbeite, heißt das noch lange nicht, dass ich total unterbelichtet bin.«

Simon, der sich schon halb der Treppe zugewandt hatte, blieb stehen. Jetzt erst sah ich, dass er tiefe Schatten unter den Augen hatte und völlig übermüdet wirkte.