Karl Josef Wallner

Sinn und Glück im Glauben

Gedanken zur christlichen Spiritualität

Karl Josef Wallner

Sinn und Glück im Glauben

Gedanken zur christlichen Spiritualität

Media Maria Verlag

Bibliografische Information: Deutsche Nationalbibliothek Die deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de. abrufbar.

Sinn und Glück im Glauben
– Gedanken zur christlichen Spiritualität –
Karl Josef Wallner
Media Maria Verlag, 1. Auflage 2008
ISBN 978-3-945401-62-0

© Copyright 2008 by Media Maria Verlag, D-89257 Illertissen
www.media-maria.de
Printed in Germany
ISBN 978-3-945401-62-0

Inhalt

Vorwort

1. Kapitel

Ein Weg zur Freude: die Beichte! .

Das Fehlen der Freude

Das Osterlachen

Die Veräußerlichung

Die Krankheit

Die Therapie

Die Heilung

Der Osterjubel

2. Kapitel

Was ist echte christliche Spiritualität?

Viel „Spiritualität“ und wenig Christentum

Der „heilige Zorn“ Balthasars

Die Struktur nichtchristlicher Religiosität

Das unterscheidend Christliche

Christologische Konkretion statt religiöser Abstraktion . . .

Kein Aufstieg!

Keine Technik!

Verfügtsein

Sendung

Trinitarische Erfüllung statt anthropozentrischer Reduktion

Spiritualität ist nicht gleich Spiritualität!

3. Kapitel

Die Erneuerung der Kirche aus der Eucharistie.

Verlust des Mysteriums

Die Krise der Eucharistie als Krise der Kirche

Die Eucharistielehre der Kirche

Gott ist angekommen

Gott ist im Fragment gegenwärtig

Gott wirkt in der Kraft des Geistes

Praktische Folgerungen

4. Kapitel

Die Heilige Kommunion und die Ganzhingabe

Was ist die heilige Kommunion?

Was ist die vollkommene Hingabe des hl. Ludwig Maria Grignion de Montfort?

Das Leben des hl. Grignion de Monfort

Die Schriften

Die barocke Marienfrömmigkeit des „De Maria numquam satis“

Die wahre Marienverehrung ist Christusförmigkeit

Die Ganzhingabe ist eine hervorragende Disposition auf den Kommunionempfang

Die Ganzhingabe ist eine Hilfe zur tieferen Vereinigung mit Christus

Die Ganzhingabe gibt uns apostolische Fruchtbarkeit

5. Kapitel

Der Rosenkranz ist ein Gebet der Kraft

Eine Betrachtung

Der Rosenkranz ist das katholische Gebet schlechthin

Der Rosenkranz ist ein altehrwürdiges und bewährtes Volksgebet

Der Rosenkranz als Gebetsschnur

Der Rosenkranz ist eine meditative biblische Betrachtung

Der Rosenkranz ist ein tiefes geistiges Gebet

Der Rosenkranz ist ein einfaches Gebet

Der Rosenkranz ist aufgrund seines Rhythmus ein intensives Gebet

Der Rosenkranz ist ein Gebet der Liebe

Der Rosenkranz ist gnadenhaft wirkmächtig

6. Kapitel

Die Familie als Abbild der Dreifaltigkeit

Gott im Herzen der Familie

Die Familie ist Abbild der Dreifaltigkeit

Die Familie als sakramentale Hauskirche

Die göttlichen sakramentalen Zeichen inmitten der Familie

Gottes Gegenwart konkret werden lassen

7. Kapitel

Wie kann ich das Unheilige an der Kirche ertragen?

Leiden an der Kirche

Das Ärgernis der Heiligkeit der Kirche

Das Ärgernis der Unheiligkeit der Kirche

Das angstlose Vertrauen

Der „heilige Zorn“

Die „brüderliche Zurechtweisung“

Die Gnade der Sühne

Das Streben nach Heiligkeit

Das mutige Apostolat

Die ausstrahlende Freude

Dank Dir, Mutter Kirche!

Anmerkungen

Vorwort

Ich bin meinen Eltern sehr dankbar, dass sie mir schon von der frühen Kindheit an Gebete beigebracht haben. Das Erste, woran ich mich erinnere, war die Geborgenheit, die ich bei den Abendgebeten mit den Eltern am Bettrand empfand. Allerdings lernt ein Kind mehr über das Gefühl als über den Verstand. Und so war ich jahrelang felsenfest davon überzeugt, dass wir im Vaterunser dem lieben Gott versprechen, einem gewissen „Schuldi“ „gern“ zu vergeben. Als Kind betete und verstand ich: „…wie auch wir vergeben unserem Schuldi gern“. Ich wunderte mich manchmal, wer denn dieser ominöse „Schuldi“ sei, aber damit ließ ich es auch schon bewenden.

Als ich dann als Jugendlicher nach jahrelangem unbewusstem Aufsagen der Gebetsformel endlich entdeckte, dass es bei dieser Vaterunser-Bitte um etwas ganz anderes ging – dass es um „unsere Schuldiger“ geht und nicht um einen merkwürdigen „Schuldi“ – saß der Schreck und der Schock tief! Ich ärgerte mich über mich selbst, wie ich nur so dumm sein konnte, so unwissentlich und unreflektiert meine Gebete herunterzusagen.

Diese Beschämung meiner Jugendzeit ermutigt mich, einige Vorträge, die ich zu Glaubensfragen halten durfte, nunmehr in Buchform vorzulegen. Es geht um einige grundlegende Punkte der katholischen Frömmigkeit. Nichts Besonderes. Nichts Neues. Nichts Spekulatives. Ich hoffe, dass es verständlich ist. Denn die Kirche ist kein Verein, der mit unverständlichen Formeln und Riten weit weg ist von unserer Lebenswirklichkeit. Im Gegenteil: Die Kirche weiß um den Weg zur Freude.

Daher hoffe ich, dass sich vielleicht dem einen oder der anderen durch die bunt gemischten Beiträge über Eucharistie und Kommunion, über Beichte und Ganzhingabe, über den Rosenkranz und die Kriterien der christlichen Spiritualität usw. die Augen öffnen – so wie mir damals, als ich das unverstanden Geplapperte, das ich bis dorthin praktizierte, erkannte.

Ihnen allen darf ich daher mit dem Frohmut des Glaubens versprechen, dass dort, wo sich die Geheimnisse des katholischen Glaubens Ihrem Verstand tiefer eröffnen, auch Ihrem Herz ein ungekanntes Glück geschenkt werden wird.

P. Karl Wallner OCist

1. Kapitel

Ein Weg zur Freude: die Beichte!

Das Fehlen der Freude

Wir Christen haben zur Zeit ein Defizit. Als Christus geboren wurde, rief der Engel über dem menschgewordenen Erlöser nicht: „Ich verkünde euch ein großes Problem.“ Nein, er rief: „Ich verkünde euch eine große Freude!“ Das Christentum ist die Religion der erlösten Freude. Aber um diese Freude muss sich offensichtlich jede Generation von Christen neu bemühen, denn nicht erst Nietzsche hat uns Christen gemahnt, dass wir doch erlöster ausschauen sollen. Schon um das Jahr 140 schrieb in Rom ein frischgetaufter Sklave, der nach seiner Bekehrung offensichtlich mit großer Begeisterung Christ war, den Satz: „Der Geist Gottes … verträgt keine Traurigkeit oder Verdrossenheit. Ergib dich also der Fröhlichkeit, die allezeit Gnade findet bei Gott und ihm wohlgefällig ist, und lass es dir in der Heiterkeit gut gehen.“1 Der Name des Sklaven war Hermas, und seine Lehrschrift ist unter dem Namen „Pastor Hermae“ als erste Bußschrift in die kirchliche Literatur eingegangen.

Eine solche Mahnung brauchen wir auch heute, denn die Zeiten, in denen die Christen fröhlich waren, scheinen lange vergangen zu sein. Jeder, der heute ein wenig die kirchliche Situation beobachtet, wird wohl bestätigen müssen, dass sich im kirchlichen Raum die Heiterkeit immer mehr verflüchtigt. Im gleichen Maß, in dem die Freude verloren geht, greifen Frustration, Aggression und Zynismus um sich. Und das schadet der Kirche eminent!

Um das Jahr 200 konnte Tertullian noch zur Verteidigung der Christen anführen, dass sogar die Heiden von ihrer Einheit, ihrem Zusammenstehen, beeindruckt waren, sodass sie mit den Worten auf die Christen hinwiesen: „Seht, wie sie einander lieben!“2 Wenn man manche innerkirchlichen Ereignisse der jüngeren Vergangenheit betrachtet, die Uneinigkeit in manchen Gemeinden, das oftmalige Gerangel zwischen Gläubigen und Priestern, Priestern und Bischöfen, ja dann sogar noch zwischen einzelnen Bischöfen und dem Papst, müsste man eher resigniert konstatieren: „Seht, wie sie miteinander streiten!“

Ein bekanntes Sprichwort lautet: „Mit einem Tropfen Honig fängt man mehr Fliegen als mit einem Fass Essig!“ Was in der Kirche oft an Frustration und Spaltung betrieben wird, ist eine programmatische Form der Antiwerbung. Kein Wirtschaftsunternehmen würde auf die Idee kommen, sein Produkt so zu präsentieren wie sich die Kirche präsentiert. Vom Bildschirm strahlen uns im Zwanzig-Sekundentakt in den Werbespots „liabe Madeln“ und „fesche Buam“3 entgegen. Es ist offensichtlich: „Die Kinder dieser Welt sind im Umgang mit ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichtes“ (Lk 16,8). Denn ein Produkt, das lächelnd angepriesen wird, kauft man gerne. Wir hingegen – und das ist unsere eigentliche Tragödie – präsentieren unser Christentum in einem frustrierenden Streit wider die Einheit und wider das Evangelium, in endlosem Gerede über Immer-wieder-Dasselbe. Was soll man denn einem griesgrämigen und verhärmten Kirchenfunktionär abkaufen? Seinen Frust? Nein, ein solches Christentum weckt keine Begeisterung! Man hat das Gefühl, hier läuft eine Art Antiprogramm zu der so notwendigen Neuevangelisierung: statt Mission nach außen, Frustration nach innen.

Und was für eine Chance hätten wir doch mit unserem „Produkt“, um bei dem Vokabular der Wirtschaft zu bleiben! Gerade in der heutigen Zeit der technisch produzierten inneren Leere, des postmodernen oder vielleicht sogar schon postsäkularen Vakuums! Wir haben ja nicht irgendein Produkt anzubieten, sondern unser Geschenk an die Welt von heute ist die Fülle der Freude selbst. Der Herr will, dass seine Freude in uns sei und dass unsere Freude vollkommen werde (Joh 15,11). Hat er nicht auch zugesagt, dass er eine Freude schenken werde, die niemand von uns nehmen wird?! (Joh 16,22). Es wäre für die Menschen attraktiver, wenn wir ihnen durch unser innerkirchliches Verhalten beweisen würden, dass es schön und beglückend ist, Christ zu sein.

Keine Frage also: wir brauchen eine erneuerte Freude, wir brauchen die Freude, die das Urgeschenk des Heiligen Geistes ist, wie Paulus schreibt: „Die Frucht des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung“ (Gal 5,22).

Das Osterlachen

Ich möchte im Folgenden einen konkreten Weg zur christlichen Freude aufzeigen. Da fällt mir zunächst in dieser gegenwärtigen depressiven Stimmung unweigerlich der mittelalterliche Brauch des „Risus paschalis“ ein: der Brauch des Ostergelächters. In der Zeit vom 14. bis 17. Jahrhundert war dieser Brauch im süddeutschen Raum sogar quasi-offiziell in der Liturgie verankert.4 In der Osterzeit war es üblich, dass der Priester in seine Osterpredigt einen Scherz, eine Anekdote, einen Witz oder sonst ein lustiges „Ostermärlein“ einflocht, sodass die Gläubigen hellauf lachen mussten. Es konnte eine lustige Schilderung der Höllenfahrt, eine theatralische pointenreiche Erzählung des Sieges Christi über Tod und Teufel oder sonst eine belustigende Ausdeutung des Ostergedankens sein.

Für den Prediger war das ein sehr dankbarer Brauch, denn wer freut sich nicht, wenn sein Publikum lacht. Auch die Gläubigen waren nach den Entbehrungen des Winters und der Askese der Fastenzeit dankbar für eine Aufheiterung. Für den Prediger war es aber bald auch herausfordernd, denn naturgemäß war das österliche Thema Tod und Auferstehung bald ausgeschöpft, sodass man nach neuen Motiven suchen musste. Und schon bald stellten sich Missbräuche ein: Es wurden belanglose Witze gebracht, oft nützten die Prediger die Narrenfreiheit der Osterpredigt, um mit missliebigen Gläubigen abzurechnen und sie lächerlich zu machen. Oft verdrehten sie – um der billigen Pointe willen – biblische Inhalte. So erzählte ein Pfarrer seinen Gläubigen ausführlich, mit welchen Mitteln der Apostel Petrus die Wirte um die Zeche betrogen hätte.5 Ein anderer Pfarrer holte zu einem persönlichen Befreiungsschlag aus und erzählte, wie die Männer unter dem Pantoffel der Frauen stünden, um dann dazu überzuleiten, dass auch er von seiner Haushälterin beherrscht werde. Es fehlen nicht die Zeugnisse, dass sogar zweideutige Witze von der Kanzel herab erzählt wurden, sodass der schöne Brauch zu einer skurrilen Peinlichkeit verkam.

Mit dem Humor war es im 16. Jahrhundert ohnehin aus anderen Gründen vorbei: Er lag weder den strengen Humanisten noch den eifrigen Reformatoren. Gerade sie sahen im „Risus paschalis“ einen Angriff auf den reinen Glauben und einen typischen Brauch der Papisten und bekämpften ihn auf das Heftigste – was die Auswüchse anbelangt – sicher mit Recht! Die Veräußerlichung einerseits sowie die vertiefte Frömmigkeitshaltung des katholischen Barock andererseits versetzten dem Brauch des Ostergelächters dann auch innerkirchlich den Todesstoß. Ab dem 17. Jahrhundert fand sich der Brauch nur noch sporadisch, und humorvolle, ja kabarettistische Prediger wie Abraham a Sancta Clara waren von da an die Ausnahme.

Die Veräußerlichung

Zurück in die Gegenwart. Die lebensfreudige und zugleich ewigkeitssehnsüchtige Zeit des Mittelalters ist natürlich vorbei, und ich möchte hier auch nicht einem mittelalterlichen Brauch nachtrauern. Sehr wohl aber möchte ich ein Plädoyer für eine neue Form des Osterlachens halten. Um ein äußeres Lachen und weltliches Scherzen kann es nicht gehen. Denn klerikale Witzbücher gibt es genug, die allesamt davon leben, dass die Sphäre der Kirche zu einem exotischen fremden Planeten inmitten der säkularen Wüste der Einheits-Mc- Donald’s-Kultur geworden ist. Die wahre katholische Fröhlichkeit finden wir tiefer, nämlich in jener Glaubenshaltung, aus welcher der versunkene Brauch des „Risus paschalis“ entsprungen ist.

Ich möchte hier ein Plädoyer für die innerliche Freude halten, ein Plädoyer für das Osterlächeln des Herzens. Dabei liegt die Betonung ganz auf „innerlich“. Was uns heute nämlich fehlt, ist dieses Innerliche, dieses innere Verständnis für das, was Christsein eigentlich ausmacht. Man könnte auch sagen: unser Problem ist, dass wir veräußerlicht sind.

Ich darf mich hier auf den deutschen Theologen Johann Baptist Metz beziehen, der durch seine theologischen Entwicklungen eine geniale Sensibilität für die jeweilige Zeit-Atmosphäre bewiesen hat. Metz erstellte die Analyse, dass die Kirche zuviel über sich selbst redet, jedoch zuwenig von ihrer innersten Mitte verkündet: nämlich von Gott. Nach Metz ist die gegenwärtige Krise keine Kirchenkrise, sondern eine Gotteskrise. Weil das gegenwärtige Christentum vom Wesentlichen schweigt, darf es auch nicht verwundern, wenn die Menschen denken, wir hätten nur Unwesentliches zu bieten!

Das Bild, das die Menschen von uns haben, ist entstellt und veräußerlicht. Entsprechend behandeln uns dann die Menschen: Sie wollen in unseren schönen Kirchen getauft und gefirmt werden sowie eine kirchliche Begräbnisfeier erhalten. Sie wollen – fallweise zumindest noch – eine ultraromantische Hochzeitszeremonie erleben. Dabei sind ihnen die Farbe des Blumenschmuckes, der Schnitt des Brautkleides und die Foto- und Filmaufnahmen weit wichtiger als die Gnade, die Gott zu einem lebenslänglichen Glücklichwerden schenken möchte. Und bei der Erstkommunion gibt es in manchen Gemeinden regelrecht sich bekämpfende Fraktionen über so „existentielle“ Fragen wie die Regelung, ob die Kinder eigene Kleidchen oder einheitliche Kutten tragen sollen… Das sind nur die Symptome. Die Krankheit, die dahinter steckt, heißt Veräußerlichung: In den Augen vieler Menschen ist die Kirche ein äußerlicher Trachten- und Zeremonienverein für familiäre Bedarfsfälle geworden.

Die Folgen dieser Veräußerlichung sind dramatisch: Im selben Maß, in dem die Hochzeiten immer pompöser werden, werden die Ehen immer jämmerlicher. Im selben Maß, in dem man Sakramente „als Recht“ einfordert, wird das gnadenhafte Leben aus den Sakramenten immer armseliger. Im selben Maß, in dem man sich lautstark in innerkirchlichen Fragen profiliert, verschweigt man den Glauben dort, wo er verkündet und bezeugt werden müsste: im Alltag, im Familienleben, in der Kindererziehung, eben „in der Welt von heute“, wohin das 2. Vatikanische Konzil eigentlich die Getauften und Gefirmten mutig entsenden wollte.

Auch das Kokettieren mit dem Zeitgeist in vielen Fragen der Wertorientierung ist ein Symptom der Veräußerlichung. Es muss doch jedem, der einigermaßen das Evangelium kennt und um die Geschichte der Kirche durch über zwei Jahrtausende weiß, klar sein, dass der christliche Glaube bleibend Ecken und Kanten hat, an denen sich der Zeitgeist zu allen Zeiten gerieben hat und reiben wird. Bestimmte Glaubensinhalte können ganz einfach nie den Applaus der Masse finden: etwa das Leiden als Heilsweg; die Ehrfurcht gegenüber Gott; die Selbstlosigkeit in der Nächstenliebe; die Liebe als Hingabe und nicht als selbstsüchtige Befriedigung der Lust; die Selbstbeherrschung und Tugendhaftigkeit; die Würde und Unantastbarkeit menschlichen Lebens usw.

Ich behaupte also, dass die Wurzel in der Veräußerlichung liegt, denn diese schließt den Heiligen Geist aus, der ja nicht im menschenförmigen Tun, Schaffen und Machen wohnt. Wenn wir Christen diesen Geist nicht an und in uns wirken lassen, werden wir an und in der Kirche keine wahre Freude finden. Paulus sagt ja sehr deutlich: „Die Frucht des Geistes ist Liebe, Freude, Friede…“ (Gal 5,22). Damit nähern wir uns langsam dem Kern der Sache, dem Punkt, wo die Freude stattfinden muss: wir nähern uns unserem eigenen Herzen.

Die Krankheit

Wenn wir alle Veräußerlichung ablegen und innerlich ganz auf Gott schauen, dann stellt sich die Frage: Warum soll ich mich über Gott freuen? Die Antwort hat Paulus in einer der schönsten Formulierungen des Neuen Testamentes gegeben: „Ich lebe im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat“ (Gal 2,20). Paulus hat mit diesem persönlichsten Satz seiner Briefe das Wesen des Christseins definiert: Christ sein heißt, im Glauben an den Sohn Gottes zu leben, der mir seine Liebe darin erwiesen hat, dass er sich für mich hingegeben hat.

Die Rede von Gottes Liebe ist keine leere Phrase. Gottes Liebe ist in dem erwiesen, was Gott an uns gewirkt hat: nämlich Erlösung, meine Erlösung. Papst Johannes Paul II. hat in seiner Lehre Christus so sehr als „Redemptor“ betont: als Erlöser, als Heiland, als Retter. Das Geheimnis des Erlöstseins durch Jesus Christus muss aber jeder Mensch für sich selbst erfassen: Christus ist nicht ein abstraktes Erlösungsprinzip, sondern er muss ganz konkret angenommen werden von jedem Einzelnen als „mein Retter“, „mein Erlöser“. Bewusst hat Johannes Paul II. den Titel „Redemptor Hominis“ für seine Antrittsenzyklika gewählt. Der Singular „Erlöser des Menschen“ ist programmatisch gemeint: Christus ist Erlöser des Menschen, jedes einzelnen Menschen. Und Benedikt XVI. ist ganz in dieser Linie zum unermüdlichen Künder der Notwendigkeit einer persönlichen Freundschaft mit Jesus Christus geworden.

Wie erfährt der einzelne Mensch – also wie erfahre ich – konkret die Erlösung durch Christus? Wo geschieht in meinem Innersten real, wirklich, konkret und tatsächlich Erlösung und Heil, sodass ich zur Freude befreit werde? Wo begegne ich dem liebenden Gott, der zu mir ganz persönlich spricht: „Siehe, ich mache alles neu“ (Offb 21,5)? Kein Zweifel: das Ereignis, in dem jeder Er-Lösung ganz real in seinem Leben erfahren darf, ist das Sakrament der Buße, die heilige Beichte.

Warum gibt es so viel Frustration, Zynismus und Kritiksucht, so viel Verhärtung in der Kirche? Ich fürchte, dass der Grund letztlich darin liegt, dass wir Christen – und selbst viele Priester – nur selten, zu oberflächlich oder leider oft gar nicht mehr zur Beichte gehen. Deshalb veräußerlichen wir, kühlen wir ab. Es fehlt uns die persönliche Tiefenerfahrung des Erlöstseins.

Freilich, die Not mit der Beichte ist heute groß, und die Ursachen sind sehr komplex. Wer geht schon gerne beichten!? Dabei ist das Bußsakrament – schon rein äußerlich betrachtet – eine uralte Form der Psychotherapie: das Sakrament der seelischen Befreiung, der Erleichterung und des Freiwerdens. Der als Priester wirkende Psychotherapeut Jörg Müller hat folgende Zeilen getextet: „Ein Christ, der nicht nach innen horcht / und sein Gewissen nicht erforscht, / verliert in seiner Innenwelt / den Überblick – und legt für Geld / sich auf der Psycho-Couch dann flach. / Dann holt er das Versäumte nach!“6

Doch leider: Während die Couches der Psychologen und Psychotherapeuten heute immer stärker frequentiert werden, verstauben viele Beichtstühle. Dort, wo eigentlich die Seele durch göttliche Gnade gesäubert werden sollte, deponiert man vielfach Staubsauger, Besen, Kübel und sonstige Putzmittel. Auch das ist ein Zeichen für die latente und allgegenwärtige Veräußerlichung: Denn während der äußerliche Kirchenputz nach wie vor gründlich durchgeführt wird und viele Kirchen im Glanz immer teurerer Restaurierungen erstrahlen, fehlt eben dieses fröhliche Strahlen in den Gesichtern derer, die Gott in diesen Kirchen loben und preisen sollten.

Die Kirche hat von Christus den Auftrag erhalten, alle Krankheiten zu heilen, auch die Motivations- und Freudlosigkeit. Auch auf Frustration und Melancholie bezieht sich der Befehl des Herrn an seine Jünger: „Heilt alle Krankheiten und Leiden!“ (Mt 10,1). Am Ostermorgen gibt Jesus den Aposteln die Verheißung: „Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert“ (Joh 20,23). Und er bettet diese Stiftung des Bußsakramentes in eine mehrmalige Zusage ein: „Friede sei mit euch!“ Wenn die Sünden vergeben sind, tritt der Zustand des Schaloms ein, des versöhnten Friedens mit Gott und den Menschen.

Die Therapie

Wir brauchen die Beichte, um uns die Freude zurückzuerobern! Der genannte Brauch des „Risus paschalis“ ist eine Art historischer Beweis, denn das liturgische Osterlachen entstand zu einer Zeit, in der sich die Beichte in großem Stil als persönliche Bußform durchsetzte. Nach der Bußhaltung der Fastenzeit und nach der Mühe der Beichte machte sich dann zu Ostern gleichsam kollektiv und explosiv die fröhliche Atmosphäre der Erlösung Luft. Die Gemeinde lachte; sie lachte, weil die Gläubigen in ihrer eigenen Umkehr erfahren hatten, wie gut Gott ist und wie schön ein versöhntes Leben sein kann. Die Beichte ist die Therapie Gottes gegen jede Form der Frustration seiner Gläubigen.

Diese Therapie der seelischen Heilung setzt allerdings eines voraus: die Erkenntnis der Sünden und die Annahme dieser Sünden. Und das ist genau das, was uns heutigen Menschen nicht liegt: sich selbst – und damit seine Schwäche – anzunehmen! Von Anfang an liegt im Menschen die Sucht, gut dazustehen. In der Erzählung des Sündenfalls wird das äußerst illustrativ beschrieben: Es ist die Erzählung von der großen Ausrede. Adam schob die Schuld auf Eva: „Die Frau, die du mir beigesellt hast, die war es!“ Eva schob die Schuld auf die Schlange. Und es sind immer die anderen schuld. Die Folge der Ursünde ist der Hochmut, seine Fehler nicht eingestehen zu wollen.

Das Abschieben von Negativem auf andere ist heute zu einer umfassenden gesellschaftlichen Mentalität geworden. Die Frankfurter Schule in den 60er-Jahren propagierte die „Kritikfähigkeit“ als höchstes Ideal des selbstbefreiten Menschen. Gemeint war natürlich immer: Kritisch-Sein gegenüber dem anderen, nie gegenüber sich selbst. Und kritisch sind wir wirklich geworden! Kritisch gegenüber allem und jedem, solange es der andere ist. Auf diese Weise wurde die Blindheit gegenüber den eigenen Fehlern gefördert. Immer haben die anderen Schuld. Wie oft erleben Seelsorger, dass es bei Ehekrisen offensichtlich nur noch die Schuld „des anderen“ gibt. Wie ungeniert, ja schamlos, lässt man sich in übelster Weise in anonymisierten Internetforen über die Verantwortungsträger in Welt und Kirche aus: Schuld und Sünde überall – aber nicht bei sich selbst.

Würde das Schuldbekenntnis der Messe diesem Trend angepasst werden, dann müsste man statt dem „mea culpa“ for- mulieren: „tua culpa, tua culpa, tua maxima culpa“: durch deine Schuld, durch deine Schuld, durch deine große Schuld… Damit geht eine tragische Charakterverformung einher, die Jesus mit den Worten entlarvt hat: „Was siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, das Brett aber vor deinem eigenen Kopf bemerkst du nicht“ (vgl. Mt 7,3). Das eigene Ich stilisiert sich in dem Maß zur obersten Bewertungsinstanz der anderen hoch, wie es zugleich unfähig wird, sich selbst realistisch einzuschätzen. Das „Ego“ wird nicht nur blind gegenüber sich selbst, es setzt sich auf den Thron der Selbstgefälligkeit und wartet auf seine Anbeter. Doch alle anderen sitzen ebenfalls auf ihren Thronen, sodass niemand da ist, der dieses Ich anzubeten bereit wäre. In Ermangelung fremder Wertschätzung bleibt dem egozentrischen Menschen nichts anderes übrig als einen Minderwertigkeitskomplex zu entwickeln.

Merkwürdig: man sollte eigentlich davon ausgehen, dass die Menschen, die keine eigenen Fehler mehr kennen, glücklich und zufrieden wären. Es sind ja doch immer nur die anderen schuld. Das eigene Ich müsste dabei doch eigentlich fein herauskommen. Aber nein, die Menschen sind unzufriedener und neurotischer als je zuvor. Warum? Weil hier ein zerstörerischer Mechanismus waltet! Johannes hatte diese Dämonie beim Namen genannt. Er sprach von Lüge und Selbstbetrug: „Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, führen wir uns selbst in die Irre, und die Wahrheit ist nicht in uns“ (1 Joh 1,8).

So gerät der kritisch-gewordene Egozentriker in Nöte und Lebensängste. Und gerade hier schließt sich der Circulus vitiosus, der Kreislauf der Perversion: Denn gerade hier raten manche Psychotherapeuten dem über die Welt und sich selbst frustrierten Menschen nichts anderes, als dass er sich in seinen Beklemmungen und Minderwertigkeitsgefühlen immer nur suggerieren solle: „Ich bin gut, ich kann alles, ich bin stark, ich bewältige alles, ich bin der Beste usw.!“ Eine fatale Therapie, denn keine vordergründige Suggestion kann die hintergründige Last der Sünde und der Unordnung jemals heilen. So wird man nicht frei, sondern der über die Welt Frustrierte gerät immer tiefer in die Gefangenschaft des eigenen Ichs. Er wird immer trauriger und verzagter.

Doch es gibt Heilung. Bruder Ephraim, der Gründer der lebendigen „Gemeinschaft der Seligpreisungen“, trifft den Punkt, wenn er formuliert: „Das Problem ist, dass der Mensch sein eigenes Herz nicht kennt. Oder vielmehr, dass er dunkle Bereiche vor sich selbst verbirgt, die seine Seele verwüsten, die er aber als verborgene Schuld beibehält.“7 Man könnte das alte Sprichwort zitieren: „Selbsterkenntnis ist der beste Weg zur Besserung.“ Die ehrliche Selbsterkenntnis, das Annehmen der eigenen Begrenztheit und Fehlerhaftigkeit ist eine große Gnade!

Damit soll jedoch die Behandlung durch Psychiater und Psychotherapeuten in keiner Weise abgewertet werden. Es gibt psychische Erkrankungen wie z. B. Depressionen, Neurosen, Psychosen usw., bei denen unbedingt ein Fachmediziner zu Rate gezogen werden muss. Die Priester sollten entsprechend ausgebildet sein, dass sie erkennen, ob eine psychotherapeutische Behandlung notwendig ist. Aber die Psychotherapie kann die Seelsorge nicht ersetzen. Anders als im bloßen therapeutischen Gespräch oder in der neuromedizinischen Behandlung wirkt in der sakramentalen Beichte eine Kraft heilend und vergebend: Gott!

Die Heilung

Aber es gibt noch ein Hindernis für die Beichte: das ist die Scham. Viele Menschen wissen ja doch instinktiv – trotz der großen Verführung zum Selbstbetrug – um ihre Sünden. Auch aus der berüchtigten Ausrede: „Ich geh nicht beichten, Herr

Pfarrer, denn da würde ich Sie ja den ganzen Tag beschäftigen!“, kann man noch sehr gut ein unterschwelliges Sündenbewusstsein heraushören. Instinktiv ist Sündenerkenntnis da, aber zugleich verhindert eine falsche Scham, sich ehrlich und offen der Barmherzigkeit Gottes anzuvertrauen.

Viele haben auch eine missverständliche Vorstellung von der Haltung der Kirche und der Priester zur Sünde. Sie denken, die Kirche verachte oder verdamme den Sünder. Das ist falsch. Die Haltung der Kirche zur Sünde entspricht der Haltung, die Gott selbst der Sünde gegenüber einnimmt: Gott hasst die Sünde und warnt davor, er verabscheut zutiefst das Böse. Aber – wenn die Sünde einmal geschehen ist, und der Mensch sie erkennt und bekennt, ist es derselbe Gott, der dem Sünder mit unermesslicher Barmherzigkeit entgegenkommt. In der Beichte wird der Sünder nicht verurteilt, sondern losgesprochen, nicht verdammt, sondern erlöst und gerettet.

Diese barmherzige Haltung der Kirche, die die Sünde schon entmächtigt weiß, kommt in einem Witz zum Ausdruck, den ich Ihnen nicht vorenthalten möchte, auch wenn er einen „unökumenischen“ Beigeschmack hat: Ein Mann hatte im Zorn seine Frau ermordet. Die Bluttat blieb unentdeckt, doch eben deshalb belastete sie das Gewissen des Mörders. Gewissensbisse quälten ihn Tag und Nacht, sodass er es nicht länger ertragen konnte. Er begann, Trost und Erleichterung für seine inneren Qualen zu suchen und wandte sich zuerst an einen muslimischen Geistlichen. „Meister, helfen Sie mir, ich habe gemordet!“ Der Imam wich erschrocken zurück und anwortete sorgenvoll: „Schwer ist Deine Sünde, und sie fordert Bestrafung und Vergeltung. Allah allein, der Hocherhabene, er wird Dir vergelten nach Deinen Taten. Ich kann Dir nicht helfen.“ Und ungetröstet ging der Mann seines Weges. – Das schlechte Gewissen trieb ihn sodann zu einem Guru, einem Könner der Meditation, der in die esoterischen Lehren eingeweiht war: „Meister, helfen Sie mir, ich habe gemordet!“ Der erhabene Meister unterbrach vor Schreck sogar seine Meditation und sprach dann salbungsvoll die weisen Worte: „Mein Sohn, alles Leben ist Schein. Es gibt weder gut noch böse, Du bist nicht schuld. Durchschaue den Schein und lass Dich von Deinen Taten nicht beunruhigen, auch sie sind nur Schein! Meditiere und erkenne Dich selbst.“ Nun, jedenfalls ging der Mann wieder ungetröstet weg. – Schließlich landete er in einer katholischen Kirche. Im Beichtstuhl brannte Licht. Der Mann überwand sich, ging hinein und kniete nieder. Verzweifelt und angstvoll stammelte er: „Hochwürden, bitte helfen Sie mir, ich habe gemordet.“ Für einen Augenblick war es ganz still hinter dem Gitter des Beichtstuhls, man hörte, wie der Priester schluckte. Doch dann tönte seine sanfte und gütige Stimme aus der Finsternis des Beichtstuhls und fragte: „Wie oft, mein Sohn, wie oft?“

Diese Geschichte möchte sagen: Die Sünde, selbst die grausamste, brutalste und abscheulichste, ist in die Erlösung Christi eingeschlossen, ist von der Barmherzigkeit des Gekreuzigten umschlossen und darin schon potentiell vergeben und verziehen. Jede Sünde kann daher versenkt werden in dem unendlichen Meer der göttlichen Barmherzigkeit. Deshalb ist für uns die Sünde nicht die große unverzeihliche Tragödie, von der man sich durch irgendwelche Kulte und Riten krampfhaft selbst befreien muss. Wir können die Haltung der Kirche so beschreiben: Wenn die Sünde nicht eingestanden wird, muss die Kirche mahnen und warnen. Wenn die Sünde erkannt und bekannt wird, ändert sich das Verhalten der Kirche, und sie wird zur barmherzigen Mutter, die tröstet, verzeiht und aufrichtet. Von Augustinus stammt die Formulierung: „Hasse den Irrtum, aber liebe den Irrenden!“