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KARL JOSEF WALLNER

WIE IST GOTT?

KARL JOSEF WALLNER

WIE IST GOTT?

Die Antwort des christlichen Glaubens

Media Maria Verlag

Imprimatur: Mit Erlaubnis von Abt Gregor Henckel Donnersmarck, Abt des Stiftes Heiligenkreuz, vom 5. August 2010

Bibliografische Information: Deutsche Nationalbibliothek

Die deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Wie ist Gott?

Die Antwort des christlichen Glaubens

Karl Josef Wallner

Media Maria Verlag, 1. Auflage 2010

ISBN 978-3-945401-60-6

© Copyright 2010 by Media Maria Verlag, D-89257 Illertissen

Umschlaggestaltung: Atelier Lehmacher

Satz: Weiß-Freiburg GmbH – Graphik & Buchgestaltung

www.media-maria.de

ISBN 978-3-945401-60-6

INHALT

Einleitung

I. KAPITEL

Der Mensch zu Gott

1.  Gibt es Gott?

2.  Ein Gott – und so viele Religionen?

3.  Alle suchen nach Gott

4.  Lässt Gott sich finden?

II. KAPITEL

Gott zum Menschen

1.  Gott überrascht

2.  Gott sucht den Dialog

3.  Gott spricht sein letztes Wort

4.  Gott öffnet sein Innerstes

III. KAPITEL

Besinnung auf die christliche Gottesantwort

1.  Kirche, werde wesentlich!

2.  Gott hat gesprochen

3.  Gott ist dreifaltige Liebe

4.  Höchste Zeit, über Gott zu reden!

5.  Trinitarischer Eifer in der akademischen Theologie

6.  Besinnung auf das Wesentliche ist Besinnung auf Gott

IV. KAPITEL

Das „Mehr“ des dreifaltigen Gottes

1.  Der dreifaltige Gott ist universal

2.  Der dreifaltige Gott schafft und respektiert Endliches

3.  Der dreifaltige Gott ist selbst endlichkeitsfähig und einigungswillig

4.  Der dreifaltige Gott erlöst uns aus freier Liebe

5.  Der dreifaltige Gott lässt Verschiedenheit als etwas Positives gelten

6.  Der dreifaltige Gott ist die Liebe

7.  Der dreifaltige Gott verpflichtet uns, die besseren „Humanisten“ zu sein

V. KAPITEL

Wer ist Gott, der Vater?

1.  Das Vergessen von Gott, dem Vater

2.  Gründe für das Vergessen von Gott, dem Vater

3.  Die christliche Botschaft von Gott, dem Vater

VI. KAPITEL

Wer ist Gott, der Sohn?

1.  Der Anspruch Christi

2.  Gibt es eine oder viele religiöse Wahrheiten?

4.  Lässt sich die letzte Wahrheit Gottes finden?

5.  Der Einbruch Gottes

6.  Jesus Christus: das Unendliche in der Gestalt des Endlichen

7.  Gott erweist seine Größe im Kleinwerden-Können

8.  Toleranz und Apologetik

VII. KAPITEL

Wer ist der Heilige Geist?

1.  Der große Unbekannte

2.  Im innersten Leben der Dreifaltigkeit

3.  Die „Wir-Person“ in der Dreifaltigkeit

4.  Das schöpferische „Außen Gottes“

5.  Christus, in unseren Herzen gestaltet

VIII. KAPITEL

Gottes Geist konkret: Maria und die Fasslichkeit des Unfassbaren

1.  Der Geist als die Dimension des Unfassbaren in Gott

2.  Der postmoderne Kult um das Geistige

3.  Der Heilige Geist als das „Nach-Außen“ des Inneren Gottes

4.  Die Menschwerdung Gottes in Maria

5.  Maria und die konkrete Offenbarungsgestalt

6.  Die konkrete Kirche als Fortsetzung der Aufgabe Mariens

7.  Die Unfasslichkeit des Geistes in den gestalthaften Zeichen der Concreta catholica

8.  Praktische Folgerungen

IX. KAPITEL

An welchen Gott glauben die Christen?

1.  Christliche Spiritualität und die Religionen der Welt

2.  Wallfahrten: Unser Weg hat ein Ziel

3.  Wir sterben, um zu leben

4.  Der unendliche Wert des Menschen

5.  Das Rätsel des Leidens

6.  Gottes Geist ist in unsere Herzen ausgegossen

X. KAPITEL

Fasziniert von der göttlichen Dreifaltigkeit

1.  Hans Urs von Balthasar – ein „Denker des Katholischen“

2.  Die Wiederentdeckung der Dreifaltigkeit als Thema der Theologie

3.  Die immanente Trinität als Matrix

4.  Die immanente Trinität als ewiges Ereignis des Liebens

5.  Trinität als absolute Liebe

6.  Die göttliche Fülle erscheint im Fragment

7.  Balthasar als Symphoniker der Trinität

Anmerkungen

EINLEITUNG

Wenn jemand geistig weggetreten ist, dann verwenden wir in Österreich dafür die Redewendung: „Jemand steht neben den Schuhen.“ Ich fürchte, dass wir Christen heute wirklich „neben den Schuhen“ stehen, denn wir haben die Substanz unseres Glaubens vergessen. Wir sind von innen wie außen gelähmt, weil wir uns zu sehr mit Themen beschäftigen, die nicht den Kern der Sache betreffen. Was ohne Wesen ist, wird aber verwesen.

Als Kind habe ich meine ersten religiösen Gedanken deshalb gehabt, weil meine Eltern mir abends vor dem Schlafengehen vom „lieben Gott“, der mich liebt und mich behütet, erzählt haben. Sie haben mich das vertrauensvolle Gebet zu dem großen und unsichtbaren Gott gelehrt, von dem sie gesagt haben, dass er mein Vater im Himmel sei. Die „Schuhe“, durch die gelernt habe, religiös zu gehen, das war die Rede von Gott, vom „lieben Gott“. Das Wort „Gott“ ist mir immer nur in der Verbindung mit dem Adjektiv „lieb“ begegnet. So geheimnisvoll dieser „Gott“, zu dem ich da als Kind beten lernte, auch immer war, eines war mir klar: Gott ist ein liebender, ein „lieber Gott“.

Doch das Gottesgeheimnis und die überwältigende Gnadenmacht dieses faszinierenden Wesens namens Gott spielt für uns Christen heute scheinbar keine Rolle mehr. Wir haben andere Themen. Unter dem Thema „Kirche“ etwa fällt uns alles Mögliche ein, leider vorwiegend Negatives: Zölibat, Moral, Bischofsernennungen, Frauenpriestertum, Missbrauch usw. Die Religion, die vor über 2000 Jahren mit dem Engelsruf über Bethlehem in diese Welt eingetreten war: „Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude!“ (Lk 2,10), erweckt derzeit nicht den Eindruck, als könnte man durch sie Freude und Lebensglück finden. Wir haben uns innerkirchlich nebensächliche Frustthemen wie mächtige Balken vor den Kopf gebunden – oder binden lassen. Wer aber ein Brett vor dem Kopf hat, der kann weder sich selbst noch anderen helfen (vgl. Mt 7,3ff; Lk 6,41f).

Ich erinnere mich noch, wie die Botschaft vom „lieben Gott“, die dann später nicht nur durch meine Eltern und Großmütter, sondern auch durch Pfarrer und Religionslehrer in mein kindliches Herz getragen wurde, ein Gefühl von Geborgenheit und Fülle ausgelöst hat. Ist nicht Gott das Eigentliche und Letzte, dessen wir alle bedürfen? Von dem – leider pantheistisch angewehten – deutschen Mystiker Jakob Böhme stammt das durchaus kluge Wort: „Der Mensch hat Heimweh, weil er Heimweh ist.“ Als Gymnasiast hat mich Augustinus mit seiner Werther’schen Sehnsucht nach Gott begeistert, und ebenso fasziniert mich heute noch, dass es so etwas wie eine kirchenamtliche Lehre gibt, die tatsächlich davon ausgeht, dass jeder Mensch von Natur aus religiös ist. Wir sind dazu verurteilt, Heimweh nach einer letzten großen Heimat zu haben, weil wir von Natur aus „Heimweh sind“.

Und darum schmerzt es mich, dass wir derzeit thematisch „neben den Schuhen“ stehen. Als Jugendseelsorger mache ich die Feststellung, dass religiöses Desinteresse und spirituelle Abgestumpftheit oft nur Fassade sind; dahinter verbirgt sich ein unstillbares Vakuum. Auch der anhaltende Boom der postmodernen Esoterik ist für mich ein Beweis dafür, dass die Menschen unausrottbar religiös sind. Sie suchen nach einem Weg in die letzte Heimat, weil sie spüren, dass sie hier auf Erden „elend“ sind. „Elend“ kommt von „außer Land“ und entspricht dem lateinischen exsilium, von der Heimat verbannt. Die Suche nach einem Weg in das Eigentliche gehört zur Programmatik unserer menschlichen Existenz. Und die Religionen sind solche Wege. Darum wurde der christliche Glaube zuerst schlicht „der Weg“ genannt (Apg 9,2; 19,9.23; 22,4.14.22). Der Weg, den wir Christen gehen und den wir anderen zu weisen haben, ist der Weg zu Gott, den uns Christus eröffnet hat.

In diesem Buch geht es um Gott. Keine Sorge, ich werde in diesem Buch nicht so tun, als könnte ich Ihnen Gott beweisen. Das brauche ich auch gar nicht, denn diese „Arbeit“ erledigt Gott ja selbst: Er beweist seine Existenz durch die Werke, die er geschaffen hat. Von nichts kommt nichts; von nichts kann niemals etwas kommen! (vgl. Röm 1,13). Und seit er im Alten Testament Menschen angesprochen hat und sein „Wort“ im Neuen Bund selbst Mensch geworden ist, wissen wir ja, dass er ein sprechender Gott ist. Gott ist kommunikativ – wenn wir ihn nur lassen! Die bescheidene Aufgabe von uns Theologen besteht darin, zu einer Offenheit des Denkens anzuregen.1 Und das ist heute notwendiger denn je! Für viele Menschen, selbst für gläubige, ist Gott nur ein „Irgendetwas“. Die Redewendung „Irgendetwas wird es schon geben“ ist aber theologisch unerträglich, denn das Wesen des christlichen Glaubens besteht ja darin, dass Gott sich geoffenbart hat. Unser Gott ist kein schweigendes und im Jenseits sich verbergendes „Irgendetwas“, das uns Menschen mit einer sinnlosen Religiosität quält, dass wir ihn „ertasten und (er)finden“ müssten (Apg 17,27). Christlicher Glaube ist das Staunen darüber, dass Gott uns sein innerstes Wesen zugekehrt hat, und dieses Wesen ist dreifaltige Liebe.

Hier geht es nicht um die Frage „Ob es Gott gibt“, denn dazu braucht man keine Religion, das sagt einem ja das vernünftige Denken. Darum sind auch mindestens neunundneunzig Prozent der Menschheit faktisch in irgendeiner Form religiös, religiös im weitesten Sinn. Hier geht es um die Frage „Wie ist Gott?“ Der christliche Glaube verkündet ja einen Gott, der sich uns nicht entzieht, sondern der sich offenbart; der nicht schweigt, sondern der uns anruft; der sich nicht versteckt, sondern liebend auf uns zugeht. Der Gott, an den wir glauben, ist kein „Irgendetwas“, sondern er ist der Eine, der zugleich Vater, Sohn und Heiliger Geist ist. Gott ist dreifaltig. Achtung: Es handelt sich nicht um ein systematisches Lehrbuch über den christlichen Gottesbegriff, dazu gibt es Besseres, Prägnanteres und Theologischeres. Ich verstehe dieses Buch als eine Art Appetizer, um den Leser auf den Geschmack zu bringen, sich tiefer mit der christlichen Gottesoffenbarung, vor allem auch mit der Dreifaltigkeit auseinanderzusetzen.2 Die einzelnen Kapitel habe ich deshalb auch so verfasst, dass man sie unabhängig voneinander lesen kann und sie doch immer den Blick auf das große Ganze freigeben.

Als Kind konnte ich mir nicht vorstellen, dass es dieses Etwas namens „Gott“ außerhalb der adjektivischen Beschreibung „der liebe Gott“ gibt. Das war die Vorgabe aus der klugen Glaubenserziehung, die mir durch meine Eltern, die geistlichen Kindergartenschwestern und Religionslehrer geschenkt wurde. Doch warum Gott tatsächlich immer und unaufgebbar „der liebe Gott“ ist, das hat sich mir erst im Kennenlernen des Glaubens erschlossen. Erst mit dem Nachdenken über Gott hat sich mir in wunderbarer Klarheit und einleuchtender Helligkeit enthüllt, warum Gott tatsächlich „der liebe Gott“ ist: Gott ist „lieb“, ja, er ist „die Liebe“, weil er es von Ewigkeit in sich ist; weil er sich als Vater, Sohn und Heiliger Geist in dieser Welt als „die Liebe“ geoffenbart hat. Gott ist „der liebe Gott“, weil er der „dreifaltige Gott“ ist.

Ich muss den Leser meines Plädoyers, sich intensiver mit dem Gott der christlichen Offenbarung, also mit dem dreifaltigen Gott, auseinanderzusetzen, allerdings noch warnen. Wenn ein Zisterzienser über Trinität schreibt, dann mahnt ein Blick in die Theologiegeschichte zur Vorsicht. Unser uralter, schon im Jahr 1098 gegründeter Mönchsorden hat in seiner langen Geschichte keinen einzigen lehramtlich verurteilten Häretiker hervorgebracht, mit einer Ausnahme. Die Irrlehre bezog sich ausgerechnet auf die Dreifaltigkeit und wurde von dem berühmten Abt Joachim von Fiore in Kalabrien († 1202) vorgetragen. Joachim, der ein frommer Abt war, betrieb eine merkwürdige, fast mathematische Schriftauslegung; er entwickelte eine Geschichtstheologie, mit der er die mittelalterliche Kirche noch Jahrzehnte nach seinem Tod in Atem hielt. Joachim lehrte, dass es gemäß den drei göttlichen Personen auch drei Stufen in der Heilsgeschichte gebe: das Alte Testament sei die Zeit des Vaters gewesen, das Neue Testament und die Zeit der Kirche sei dem Sohn zuzuordnen. Und schließlich gebe es da noch in baldiger Zukunft die Zeit des Heiligen Geistes, die Joachim mit dem 1000-jährigen Friedensreich auf Erden aus der Apokalypse (vgl. Offb 20,2–6) gleichsetzte: also eine irdische Heilszeit, in der auf Erden totale Gerechtigkeit herrschen, bevor dann endgültig das geistige Himmelreich anbrechen wird. Die heiligste Dreifaltigkeit war hier als Logisierungsprinzip für die Weltgeschichte missbraucht worden … Joachim starb fromm im Jahr 1202, dreizehn Jahre später, 1215, verurteilte ihn das Vierte Laterankonzil unter dem großen Innozenz III. wegen dieser allzu plumpen Trinitätstheologie.3

Das kirchliche Lehramt konzipierte gegen Joachim eine der genialsten Formulierungen der Theologiegeschichte: Die Unähnlichkeit zwischen Gott und Welt ist immer größer als die Ähnlichkeit.4 Gefährlich wurde die Drei-Reiche-Lehre Joachims aber erst später, als sie von fanatischen Gruppen der Armutsbewegung des 13. Jahrhunderts aufgenommen wurde. Die Spiritualen beriefen sich auf die joachimitische Verheißung einer utopischen Geistesgesellschaft, um Aufruhr gegen Staat und Kirche zu predigen. Thomas von Aquin traf fünfzig Jahre später den Nagel auf den Kopf, als er von Joachim sagte, dass dieser fromme Abt von der Trinität nichts verstanden habe. Aber so harmlos war Abt Joachim nicht, denn er hatte Gott und die Geschichte systematisiert, und das ist genau der Grundfehler der neuzeitlichen „Irrlehren“. Henri de Lubac hat jedenfalls ein zweibändiges Werk über die „Geistige Nachkommenschaft des Joachim“5 geschrieben: Er führt Hegel, Marx und Hitler auf Joachim zurück. Kein Wunder also, dass wir Zisterzienser angeblich im Spätmittelalter das „Privileg“ erhielten, am Sonntag nach Pfingsten, am Dreifaltigkeitssonntag, nicht predigen zu müssen; freilich nicht so sehr wegen Joachim, sondern propter complexam materiam (wegen des allzu schwierigen Gegenstandes). Man traute uns Zisterziensern einfach nicht zu, etwas Kluges und Richtiges über die Dreifaltigkeit zu sagen …

Joachims Simplifizierungen standen mir immer warnend vor Augen, als ich dieses Buch geschrieben habe. Ich hätte es aber nicht über mich gebracht, es nicht zu schreiben. Es ist mir auch bewusst, dass ich mich manchmal wiederhole und dass manches einer gründlicheren Ausargumentierung bedurft hätte. Über Gott zu reden, über den dreifaltigen Gott der christlichen Offenbarung, ist mir ein Herzensanliegen. Vielleicht ist einiges zu sehr Plädoyer statt akademischer Abhandlung geworden. Aber meine Sorge um das Verdämmern des christlichen Gottesglaubens lässt mir keine Wahl. Ich gestehe auch, dass es mir natürlich darum geht, dass der Leser mehr über den christlichen Gottesbegriff erfährt oder zumindest mehr darüber nachdenkt, was sich hinter „Vater“, „Sohn“ und „Heiligem Geist“ verbirgt. Als Mönch, der täglich mehrere Stunden beim Chorgebet den dreifaltigen Gott lobt und preist, besteht mein eigentliches Herzensanliegen aber nicht darin, nur das Glaubenswissen zu mehren. Nein, mein eigentliches Anliegen ist es, zur anbetenden Ehrfurcht hinzuführen: Ehrfurcht vor dem Gott, der sich geoffenbart hat, der uns liebt, der dreifaltig ist.6

Jeden Psalm beschließen wir Mönche, indem wir uns tief verneigen und den Lobpreis des Gloria Patri singen: „Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war im Anfang so auch jetzt und alle Zeit und in Ewigkeit. Amen.“ Ich hoffe, dass dieses Buch vielen Lesern einen Anstoß geben wird, sich des christlichen Gottesglaubens gewisser zu werden und den einen und einzigen Gott, der dreifaltig die Liebe ist, vor allem und in allem anzubeten. Ich liebe Gott einfach zu sehr, als dass ich es ertragen könnte, dass wir Christen noch länger „neben den Schuhen“ stehen. Die Schuhe, die ich hier biete, damit wir unseren Weg in dieser Welt als Christen fröhlich weitergehen können, sind vertieftes Glaubenswissen und lebendige Gläubigkeit. Und dann: Gehen wir!

Pater Karl Wallner

Zisterzienserabtei Stift Heiligenkreuz

I. KAPITEL

DER MENSCH ZU GOTT

1. Gibt es Gott?

Gibt es Gott? Bis vor Kurzem fürchtete man in der Kirche noch, dass die große Herausforderung der Zukunft der Atheismus sein würde, die Leugnung und Verneinung Gottes. Es scheint anders zu kommen. Inzwischen hat sich die Situation radikal verändert. Die Frage, ob es etwas Jenseitiges, etwas Göttliches gibt, wird heute von den meisten Menschen mit großer Selbstverständlichkeit bejaht. In Umfragen bezeichnen sich immer mehr Menschen als „religiös“. Die Wiederentdeckung der Religiosität ist ein fester Bestandteil jenes Lebensgefühls, dem man den Namen „Postmoderne“ gegeben hat.

Der überraschende Neuaufbruch in die Religiosität freut natürlich auch die Christen, stellt für sie aber auch eine neue Herausforderung dar. Da Religiosität „in“ ist, hat sich eine Art „Jahrmarkt“ der religiösen Angebote entwickelt: Das Angebot reicht von östlicher Meditation über die abenteuerlichen Ideologien mancher Sekten bis hin zum kommerziellen Handel mit abergläubischen Praktiken. Spiritismus und Okkultismus sind salonfähige Gesprächsthemen geworden; und die Sensation des Spirituellen und Religiösen, aber ebenso des Exotischen und Abnormalen, wird auch in den Medien breitgetreten. Der moderne Theologe Johann Baptist Metz hat die neue Mentalität treffend charakterisiert, wenn er von „Religiosität ohne Gott“ spricht. Religiosität ist vielfach nur ein erbauliches Gefühl oder ein wohliges Nervenkribbeln. Bei vielen beschränkt sich Religiosität auch auf die belanglose Feststellung: „Irgendetwas wird es schon geben.“ Die heutige neue Religiosität atmet die Grundstruktur des postmodernen Denkens. Dieses steht nicht nur allem „Ideologischen“ skeptisch gegenüber, sondern auch allem Grundsätzlichen und Prinzipiellen. Letztlich mündet solches Denken in reiner Beliebigkeit. Die Mentalität: „Gut ist, was gefällt und Spaß macht“, wurde von Denkern wie Jürgen Habermas mit Recht als Defizit, ja als Gefahr kritisiert.7 Und Papst Benedikt XVI. hat oftmals vor einer „Diktatur der Beliebigkeit und des Relativismus“ gewarnt.

Im religiösen Bereich äußert sich die Konturlosigkeit im Wesentlichen oft so, dass inmitten des Gewirrs von beliebigen religiösen Vorstellungen und Praktiken die Frage nach der letzten Wahrheit Gottes schon gar nicht mehr gestellt wird. Themen wie: „Kann man erkennen, wie Gott ist? Was verstehen wir eigentlich unter dem, was wir Gott nennen?“, werden erst gar nicht aufgegriffen. Die Frage, welche die Religionen zu beantworten haben, lautet aber nicht nur: „Gibt es Gott?“ Denn die Frage nach der Existenz Gottes ist – sogar nach der Lehre der Kirche – sehr einfach und sehr klar mit Ja zu beantworten. Das ist nicht das Problem. Es genügt auch nicht dabei stehen zu bleiben, sich das Gefühl „Gott“ zu gönnen, weil man dies subjektiv als eine Bereicherung empfindet.8 Die allesentscheidende Frage, die es zu beantworten gilt, die jedoch kaum gestellt wird, lautet doch: „Wie ist Gott?“ Es ist die Frage nach dem Wesen Gottes, nach der Art und Weise seines Seins, die heute entweder kaum gestellt oder deren Beantwortung verweigert wird. Gott ist zum „Irgendetwas-wird-es-schon-Geben“ geworden. Und genau das ist die Herausforderung, die sich dem Christentum heute stellt.

Ist es egal, wie Gott ist? Ist es bedeutungslos, wie sich der Mensch Gott vorstellt? Auf dem „Jahrmarkt“ der Religionen ist das Christentum heute zu einem Angebot unter vielen anderen geworden. Viele Menschen wissen gar nicht mehr, warum sie eigentlich Christen sind und was die Besonderheit des Christentums ist. Viele wenden sich auch von der Kirche ab, weil diese das innere religiöse Gottesbedürfnis der Menschen nicht oder zu wenig artikuliert. In der Öffentlichkeit herrscht oft der Eindruck, dass eher die neuen Weisen und Gurus mit Kompetenz über Gott sprechen, während man in der Kirche über Strukturen und Äußerlichkeiten sonderlichster Art diskutiert. Dieser Eindruck der Veräußerlichung ist von großem Schaden, denn so kommt das Einzigartige des christlichen Glaubens nicht zur Geltung.

Die spezifische Grundlage des Christentums liegt nämlich gerade in einer tiefen Erkenntnis des Wesens Gottes. Auf die Frage: „Wie ist Gott?“, vermag das Christentum auf eine einzigartige Weise Antwort zu geben. Warum? Weil der Glaube an Christus der Glaube an die Selbstenthüllung Gottes ist. Christusglaube ist Glaube an die Enthüllung des innersten Wesens Gottes. „Enthüllung“ heißt auf Griechisch „Apokalypse“, herkömmlich wird dies mit dem deutschen Wort „Offenbarung“ wiedergegeben.

Das Christentum ist eine Offenbarungsreligion und hat deshalb etwas über Gott zu sagen. Der Christ darf mit ehrfürchtigem Staunen einen faszinierenden Blick auf das Innerste Gottes selbst werfen, da uns in Christus „der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Abbild seines Wesens“ (Hebr 1,3) begegnet. Wir wollen aufzeigen, dass diese göttliche Offenbarung das Fundament des christlichen Glaubens darstellt und seine Einzigartigkeit begründet. Wir wollen auch die Frage stellen, wie diese Offenbarung vor sich geht und was sie im Kern von Gottes Identität enthüllt.

2. Ein Gott – und so viele Religionen?

Gibt es wirklich eine Einzigartigkeit des christlichen Glaubens? Das ist eine schwierige Frage, denn selbst überzeugte Christen haben heute oft ein schlechtes Gefühl, wenn sie von der „Besonderheit“ ihres Glaubens reden hören. Viel Böses haben Christen Menschen anderen Glaubens angetan, weil sie sich hochmütig für etwas „Besseres“ gehalten haben. Wo eine Religion von ihrer Einzigartigkeit spricht, wird sie bald der Intoleranz verdächtigt. Und doch muss es ja etwas geben, das die christliche Religion charakterisiert – ohne sie gleich überheblich zu machen.

Wenn das Gespräch auf die Verschiedenartigkeit der Religionen kommt, fällt oft der Satz: „Es kann nur einen Gott geben.“ Das ist eine Feststellung, die in ihrem Kern durchaus richtig ist. Es kann tatsächlich nur einen einzigen Gott geben. Eine Vielzahl von Göttern etwa muss schon aus Vernunftgründen abgelehnt werden. Der Monotheismus ist schon philosophisch aus einem einfachen Grund einzufordern: Gott ist absolut und unbegrenzt, deshalb kann es nicht zwei oder mehrere Absolute und Unbegrenzte nebeneinander geben; sie würden sich gegenseitig beschränken.

Der genannte Satz: „Es kann nur einen Gott geben“, hat aber meist eine ganz andere Aussageabsicht. Man möchte damit nicht nur die Einzigkeit Gottes ausdrücken, sondern vor allem, dass es für alle Religionen einen Einheitspunkt gibt. Tatsache ist ja, dass es nur einen einzigen Gott geben kann. Tatsache ist aber auch, dass es viele und unterschiedliche Religionen gibt. Wenn es aber nur einen Gott gibt, dann heißt das, dass alle Religionen auf unterschiedliche Weise diesem einen Gott dienen. Das bedeutet weiter, dass sich alle Religionen in diesem Punkt treffen: sie zielen auf die Verehrung des einen Gottes, sie wollen dem erhabenen Schöpfer dienen. „Es kann nur einen Gott geben“ heißt also, dass alle Religionen einen gemeinsamen Bezugspunkt haben: die Verehrung des einen Gottes, wie unterschiedlich auch immer diese ausfallen mag.

Bis zu diesem Punkt kann der Christ mit gutem Gewissen mithalten. Das Zweite Vatikanische Konzil hat ausdrücklich betont, dass alle Religionen „Heiliges und Wahres“ enthalten. Es gibt tatsächlich eine grundlegende Gemeinsamkeit zwischen allen Religionen: das ist die Gottesverehrung. In der Gottesverehrung, im Gebet zu Gott, wissen sich die Christen eins mit allen anderen Religionen. Und weil jede religiöse Gottesverehrung sich auf diesen gemeinsamen Bezugspunkt ausrichtet, auf den Gott, der Urgrund von allem ist, konnte Papst Johannes Paul II. mit Vertretern aller Religionen in Assisi ein Gebetstreffen abhalten. Jede religiöse Anbetung zielt auf den einen Gott.

„Es kann nur einen Gott geben.“ Viele Menschen, die sich auf die Einzigkeit Gottes und die Gemeinsamkeit unter den Religionen in ihrer Hinordnung auf Gott berufen, meinen damit aber noch etwas anderes. Und hier beginnen für uns Christen die Schwierigkeiten. Oft wird nämlich zugleich unterstellt, dass alle Religionen im Prinzip gleich sind. Äußere Unterschiede seien nur kulturell oder geschichtlich bedingt, im Kern gebe es aber keinen Wesensunterschied. Darin steckt auch die Behauptung, dass der Mensch gar nicht fähig sei zu erkennen, welche der vielen Religionen Gott nun wirklich in Wahrheit erkannt habe; so habe eben jede Religion ein Detail des immensen göttlichen Geheimnisses erfasst; jede Religion – auch das Christentum – ist dann nur Fragment einer allgemeinen Religiosität. Keine Religion kann dann den Wahrheitsanspruch erheben, auch nicht das Christentum.

Gotthold Ephraim Lessing hat diese vermeintliche Ununterscheidbarkeit der Religionen durch seine berühmte Ringparabel von 1779 für alle Zeiten in eine literarische Form gebracht. Lessing wirft dort die Frage auf, welche Religion die wahre sei. Die Antwort des „weisen Nathan“ fällt ganz im Sinne der rationalistischen Aufklärung des 18. Jahrhunderts aus: Ein Mann, der sich nicht entscheiden kann, welchem seiner drei Söhne er seinen Ring vermachen soll, lässt zwei identische Ringe anfertigen. Die beiden Duplikate sind von derartig täuschender Gleichheit, dass das Original nicht mehr ausfindig gemacht werden kann. Resultat der Parabel: Die Religionen sind ununterscheidbar gleich.

Lessing behauptet damit, dass keine Religion ihren Anspruch auf die wahre Erkenntnis Gottes nachweisen kann. Damit stehen alle Religionen auf einer Ebene. Die Folgerung, die der „weise Nathan“ daraus zieht, ist die Forderung nach Toleranz: Toleranz unter den Religionen, weil keine einen größeren Anspruch erheben kann als die andere. Religiöse Toleranz ist – auch aus christlicher Sicht – positiv. Aber in der Praxis ergibt sich aus der Toleranzforderung der Ringparabel eine zweite Folgerung: das ist faktisch die Gleichgültigkeit gegenüber der wahren Religion. Und hier beginnt für die Christen das Problem!

Ein Gott und so viele Religionen! Und keine kann sich – zumindest nach der Behauptung Lessings – als wahr ausweisen. Das ist die Situation der Neuzeit: religiöser Relativismus, ein Gewirr von Religionen, doch die Frage nach der Wahrheit Gottes wird nicht gestellt. Dazu kommt, dass in den Religionen eine Fülle von unterschiedlichsten Vorstellungen zu finden sind, die voneinander nicht nur abweichen, sondern oft einander entgegengesetzt sind: Der Hinduismus kennt eine Vielzahl von Göttern; für den Buddhismus gibt es nur einen namenlosen göttlichen Urgrund; die Christen beten einen Gekreuzigten als Gottes Sohn an; die Schintoisten glauben, dass in den Ahnen göttlicher Geist lebt usw. Es darf nicht verwundern, dass bei diesem unüberschaubaren Gewirr von religiösen Vorstellungen viele die Flucht in die Gleichgültigkeit antreten. Andere dagegen stellen sich auf dem Jahrmarkt der Religionen ein eigenes Sortiment zusammen, jeder nach seinem Geschmack: ein bisschen Reinkarnation, ein bisschen Evangelium, ein bisschen Esoterik usw.

3. Alle suchen nach Gott

In dieser Situation stellen wir also die Frage nach dem entscheidend Christlichen. Vielleicht zeigt sich bei näherem Nachdenken doch, dass das Christentum nicht nur eine beliebige Religion unter anderen ist. Wenn wir nach dem Unterschied fragen, dann müssen wir zuerst das Kennzeichen der Religiosität an sich klären, also das Prinzip, welches allen Religionen gemeinsam zu eigen ist. Wenn wir das Gemeinsame bei den nichtchristlichen Religionen entdeckt haben, können wir das entscheidend und spezifisch Christliche herausarbeiten.

Es ist die Überzeugung der alten Kirchenlehrer, dass der Mensch im innersten Herzen gottessehnsüchtig ist. Der Mensch kann nicht anders, er hat in sich ein geistiges Vakuum, eine Unerfülltheit, die danach ruft, von einem Unendlichen ausgefüllt und geheilt zu werden. Berühmt und vielzitiert ist etwa das Wort des heiligen Augustinus († 430) aus seinen Confessiones: Inquietum est cor nostrum, donec requiescat in te („Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir [Gott]“).9 Kurz: Der Mensch ist kraft einer naturhaften Veranlagung religiös. Thomas von Aquin († 1274) nennt diese innere Veranlagung desiderium naturale videndi Deum (die „naturhafte Sehnsucht nach Gott“). Gerade im vergangenen 20. Jahrhundert hat die katholische Theologie diese alte Erkenntnis aufgegriffen und sie in den Mittelpunkt gestellt. Vor allem der prägende deutsche Jesuitentheologe Karl Rahner († 1984) hat die Idee von der naturhaften Veranlagung des Menschen auf Gott hin aufgegriffen und sie mit einem Begriff des Philosophen Immanuel Kant in Verbindung gebracht. Rahner entdeckte nämlich im Menschen eine Art Dynamismus, einen beständigen Drang nach einem Mehr, nach einem Größeren, nach einem Unendlichen. Das Vordergründige befriedigt ja den Menschen höchstens kurzfristig. In seiner Tiefe erstreckt sich menschliche Sehnsucht über den Horizont des Irdischen hinaus, will permanent die Grenzen des Endlichen zum Unendlichen hin transzendieren (überschreiten). Der menschliche Geist greift stets nach Gott aus.

Rahner nennt diese Eigenschaft die „Transzendentalität“ des Menschen; und diese transzendentale bzw. religiöse Dimension des menschlichen Geistes ist für ihn sogar konstitutiv für das Menschsein des Menschen und unterscheidet ihn grundlegend vom Tier. Einen rein natürlichen Menschen, der nichts mit Gott zu tun haben könnte, gibt es also nach Rahner gar nicht: schon das bloße Faktum, dass der Mensch seine Existenz als geistiges Wesen vollzieht – egal ob er ausdrücklich nach Gott fragt oder sich dieser Frage verschließt – ist ein von Gott her ,,übernatürlich“ ermöglichtes Tun. Zwei Gedanken Rahners sind diesbezüglich noch bemerkenswert. Zum einen behauptet er, dass selbst der Atheist Gott indirekt anerkennt, weil auch die bewusste Leugnung Gottes ein geistiger Akt ist, der auf den unendlichen Horizont hin ausgerichtet ist, also auf Gott. Zum anderen ist für Rahner die transzendentale Hinordnung schon immer von Christus her ermöglicht, sodass sie unter bestimmten Bedingungen als „christlich“ gelten kann, selbst wenn der Mensch nicht ausdrücklich an Christus glaubt. Das ist die – allerdings umstrittene – These vom „anonymen Christentum“. Jedenfalls ist der menschliche Geist nach katholischer Lehre eine Art inneres „Organ“, das den Menschen grundsätzlich auf Gott hinordnet.

Wenn auch jeder Mensch von Natur aus religiös ist, so handelt es sich bei dieser Religiosität doch erst um eine bloße Hinordnung. Man könnte den Menschen mit dem Parabolspiegel einer Satellitenanlage vergleichen, der sich der unermesslichen Weite des Weltalls entgegenstreckt. Ebenso ist der Mensch von Natur aus ein Lauschender. Die Frage ist aber dann noch nicht beantwortet: Welche Töne aus der Unendlichkeit, aus der Jenseitigkeit Gottes, werden empfangen?

Offenbar ist es so, dass aus der Unendlichkeit eine Fülle von Tönen herüberklingt, denn sonst könnte man die Vielzahl der religiösen Vorstellungen nicht erklären. Offensichtlich ist, dass es besonders Hellhörige gibt, die ein besonderes Talent haben, die fernen Töne aufzufangen und anderen mitzuteilen. Die Menschheitsgeschichte kennt unzählige solcher religiös hellhörigen Menschen. Zu ihnen gehören sicher die bekannten Stifter der Weltreligionen, die allesamt Lauschende und Sinnsuchende waren: Prinz Gautama Siddhartha, der im meditativen Durchschauen zum Erleuchteten (Buddha) wurde; die übrigen Weisen des Ostens wie etwa Laotse und Konfuzius, dazu die Dichter der Veden; ebenso aber Mohammed, der Handelsreisende, der nach langen Jahren der Suche, des Zweifels und der Fragen seine Gotteserkenntnisse niederschrieb. Am Anfang jeder Religion steht ein Suchender, der gewissermaßen die Schwingungen der Ewigkeit erlauscht und diese in Worte und Bilder fasst, um sie anderen mitzuteilen.

4. Lässt Gott sich finden?

Aus der Religiosität, aus der Sensibilität der Gottsuche Einzelner entwickelt sich eine Religion. Diese Behauptung ist heute leicht nachzuprüfen, da wir in einer höchst „religionsproduktiven“ Zeit leben, in der die Zahl der neuen Sekten beständig wächst. Aber genau hier setzt die Schwierigkeit ein: Religion entsteht dort, wo die Religiosität sich in Bilder, Erzählungen und Vorstellungen über Gott umsetzt. Die Frage lautet aber: Wie kommt der Mensch dazu, seine persönliche Gotteserfahrung als authentisch auszugeben? Ist das nicht ein vermessenes Unternehmen? Darf der Mensch sich eigentlich prinzipiell herausnehmen, das unendliche Geheimnis Gottes in begrenzte Begriffe zu fassen? Und ebenso drängend ist die Frage nach der Sicherheit: Welche Garantien gibt es eigentlich, dass gerade die Vorstellung von Gott, welche diese oder jene Religion vertritt, die richtige ist?

Schon in der Antike, in der es auch von Gottesvorstellungen nur so wimmelte, gab es massive Kritik an der Religion. Ist Religion nicht einfach ein Wunschbild, eine Selbstproduktion der menschlichen Fantasie? Entwirft sich der Mensch nicht genau das Bild von Gott, das seinen eigenen menschlichen Wünschen und Fantasien am ehesten entspricht?

Der griechische Philosoph Xenophanes von Kolophon (ca. 570-470 vor Christus) ist gleichsam der „Stammvater der Religionskritik“: „Der Mensch glaubt, die Götter hätten seine eigene Beschaffenheit, die gleiche Gestalt, die gleiche Stimme und ähnliche Kleidung. Der Äthiopier denkt, die Nase der Götter sei platt und schwarz; der Bulgare stellt sich Gott blauäugig und blond vor. Doch wenn die Löwen und Ochsen Hände hätten, wenn sie malen und handwerken könnten, dann würden die Rosse die Götter als Rosse malen, die Rinder sie gleich Rindern, je nach dem eigenen Aussehen …“10 Im 19. Jahrhundert wurde diese bemerkenswerte Kritik von dem Philosophen Ludwig Feuerbach aufgegriffen. Für ihn ist Religion einfach nur die „Projektion“ menschlicher Eigenschaften auf ein erfundenes übergroßes Etwas, eine imaginäre Aufblähung irdischer Fantasien.11

Natürlich wäre dem einiges entgegenzuhalten, aber in einem Punkt haben Xenophanes und Feuerbach auch vom christlichen Standpunkt aus recht: Der menschliche Geist mag zwar hingeordnet sein auf Gott, er mag auch tatsächlich erkennen können, dass es Gott gibt. Aber er kann von sich aus letztlich nicht erkennen, wie Gott ist. Und deshalb ist es ein zweifelhaftes Unterfangen, wenn der Mensch in Bezug auf Gott so tut, als könne er von sich aus seiner habhaft werden. Nicht von ungefähr steht am Beginn der Offenbarung – im Alten Testament – das strenge Verbot, sich ein Bild von Gott zu machen (vgl. Ex 20,4). Ein selbstentworfenes Gottesbild könnte die Erhabenheit Gottes, seine Unbegreiflichkeit, eben sein göttliches Wesen, niemals ausdrücken, es bliebe immer – in den Worten der Schrift - ein Götzenbild.

Um das Wesen der nichtchristlichen Religionen zu beschreiben, hat der Theologe Hans Urs von Balthasar († 1988) das Bild einer Symphonie verwendet: Die Menschen lauschen von Natur aus zwar auf die Töne, die aus der Ewigkeitssphäre herüberklingen, aber sie hören äußerst unvollkommen. Und so erlauscht jede Religion oder Philosophie bestenfalls eine Stimme, einen Takt der gewaltigen Symphonie Gottes. Die Melodien der Religionen sind Fragment, Bruchstück oder Partitur. Sie bleiben menschlich und sind deshalb im Einzelnen kläglich. Die Menschheit mit ihrer Vielzahl von Religionen gleicht einem Orchester auf Probe. Balthasar gewinnt dieser Situation aber gerade auch etwas Positives ab. Jeder kennt diese Situation im Konzertsaal: Die einzelnen Instrumente spielen sich ein, üben noch schnell ihre Melodie; da schrillt es laut auf, dort klingt leise ein Bass: ein Stimmengewirr ohne Ordnung, ein Chaos. Aber immerhin: Es liegt doch in der ganzen Atmosphäre, in diesem Gewirr, schon eine prickelnde Spannung, eine Ahnung von dem Ereignis, das alles ordnet: wenn der göttliche Dirigent selbst die Bühne der Welt betritt.

II. KAPITEL

GOTT ZUM MENSCHEN

1. Gott überrascht

Die Religionen lassen etwas ahnen; sie richten den Menschen auf Gott aus, aber sie können ihm nicht die Sicherheit des Erkennens geben. Das Wesen der Religion ist die Hinordnung auf Gott, so formuliert es schon Thomas von Aquin. Das Wesen des Christentums aber ist etwas anderes, nämlich der Eintritt Gottes in diese Welt. Das bedeutet, dass es einen Unterschied zwischen dem Christentum und den anderen Religionen gibt, der geradezu fundamental ist. Er betrifft nicht nur Nebensächlichkeiten, etwa die kultischen Formen oder die Weise des Gebetes. Der Unterschied liegt in der „Struktur“, in der zugrundeliegenden Richtung.

Der reformierte Schweizer Theologe Karl Barth († 1968) betonte diesen strukturellen Unterschied so stark, dass er das Christentum gar nicht mehr als „Religion“ bezeichnet wissen wollte; von seinem Wesen her sei Christentum etwas so radikal anderes, dass man es nicht „Religion“ nennen könne. „Religion“ ist nach Barth der Weg des Menschen zu Gott, die Suche des Menschen nach Gott, die Hinwendung des Menschen zu Gott. Und Christentum sei das genaue Gegenteil, nämlich der Weg Gottes zum Menschen, die Suche Gottes nach dem Menschen, die Hinwendung Gottes zum Menschen. In der Religion transzendiert der Mensch in die Sphäre des Göttlichen, im Christentum transzendiert Gott zu uns Menschen.

Diesen Gedanken Barths darf man sicher nicht übertreiben, denn es besteht kein schroffer Gegensatz zwischen dem Christentum und den übrigen Religionen. Die grundlegende Gemeinsamkeit in der Hinordnung des Menschen auf Gott, die das Christentum auch mit den nichtchristlichen Religionen verbindet, wurde bereits erwähnt. Übrigens gibt es gerade für Christen, die das Spezifische ihres Glaubens tief erkannt haben, keinen Grund zur Intoleranz. Im Gegenteil: Je tiefer ein Christ das Wesen seines Glaubens erfasst und verinnerlicht, desto mehr muss er sich der Toleranz verpflichtet wissen. Denn das Wesen des Christentums liegt darin, dass Gott sich in Christus als absolute Liebe offenbart und alle Gläubigen zu solcher Liebe verpflichtet.

Das Christentum ist seinem Wesen nach eine Offenbarungsreligion. Was aber ist Offenbarung im christlichen Sinn? Es gibt andere Religionen, die behaupten, durch „Offenbarungen“ Kenntnisse über das Geheimnis Gottes erworben zu haben. So erlebte angeblich auch Mohammed mehrmals Offenbarungen; der Engel Gabriel soll ihm den Koran geoffenbart haben. Auch die meisten neuen religiösen Bewegungen und Sekten berufen sich auf göttliche Offenbarungen. Beispielsweise behauptet der Gründer der Mormonen, Joseph Smith, ein Engel habe ihm das Buch Mormon übergeben, worin eine neue Offenbarung enthalten sei. Daher ist es notwendig, das spezifisch christliche Profil von „Offenbarung“ zu beschreiben.

Schon das Alte Testament ist voll von Offenbarungserlebnissen. Und ein erster Blick zeigt, dass all diesen Begebenheiten gewisse Merkmale gemeinsam sind. Zunächst fällt auf, dass Offenbarung immer in Form einer Überraschung geschieht: Gott kommt ungefragt und unerwartet. Er bricht in das Leben ein mit einer Dynamik, die einer Überrumpelung gleicht. Ob es sich um Abraham handelt, der als Greis noch heimgesucht wird, um zum Stammvater einer großen Menge gemacht zu werden (vgl. Gen 17,5); oder um Moses, der von den Weiden seines Schwiegervaters Jitro durch den namenlosen Gott, der da heißt „Ich bin der ‚Ich-bin-da’“ (Ex 3,14), weggeholt wird. Die Reihe ließe sich endlos fortsetzen. Die erste Reaktion ist immer ein Überrascht-Werden und ein Erschrecken.

Natürlich waren die Propheten, die großen Gestalten des Alten Testamentes, schon vor ihrer Berufung wohl durchaus religiöse Menschen. Aber nirgends wird uns berichtet, dass sie die Offenbarung Gottes gleichsam meditativ herbeigesehnt oder gar rituell herbeibeschworen hätten. Im Gegenteil: In der Berufungsgeschichte des jungen Samuel im Tempel von Schilo (vgl. 1 Sam 3) wird dieses Unerwartete der Gottesoffenbarung ausführlich geschildert: Dreimal wird der junge Samuel von Gott angesprochen. Dreimal kommt ihm nicht einmal in den Sinn, dass es Gott sein könnte, er weckt vielmehr den alten Priester Eli aus dem Schlaf.

Der von Gottes Offenbarung getroffene Mensch reagiert überrascht und nicht selten sogar abwehrend. Jeremia wehrt sich gegen Gottes Ruf: „Ach, mein Gott und Herr, ich kann doch nicht reden, ich bin ja noch so jung“ (Jer 1,6); und Jesaja, der von der Vision des Thronsaales Gottes überwältigt wird, ruft aus: „Weh mir, ich bin verloren“ (Jes 6,5). Die Liste derer, die auf das Angesprochen-Werden durch Gott mit Erschrecken reagierten, ließe sich lange fortsetzen: Sie reicht von Jona, der sogar davonläuft, über das Erschrecken Mariens beim Gruß des Engels, über die spontane Berufung der Jünger am Seeufer von Galiläa, bis hin zum Sturz des Paulus vor den Toren von Damaskus.

Diese menschliche Reaktion verbürgt uns etwas Entscheidendes: dass nämlich wirklich Gott es ist, der in seiner Souveränität den Menschen von sich her anspricht. Die Initiative liegt bei Gott, und seine Zuwendung zum Menschen erfolgt nach der Art eines unvorhergesehenen Einbruchs: Das Göttliche bricht mitten hinein in das Alltagsleben des Menschen. Es scheint nochmals wichtig, diese Besonderheit mit den anderen Religionen zu vergleichen: Offenbarung im biblischen Sinn beginnt nicht dort, wo der Mensch sich an Gott heranmeditiert, sondern die Bewegung ist umgekehrt. Gott kommt von sich aus beim Menschen an: frei, souverän und unerwartet. Das Johannesevangelium bringt diese Priorität der Zuwendung Gottes auf den Punkt: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt“ (Joh 15,16).

2. Gott sucht den Dialog

Gott trifft auf den Menschen und der Mensch erschauert bis in Mark und Bein. Am Anfang der Offenbarung steht also das überraschende Handeln Gottes. Und doch vollzieht sich die Offenbarung nicht eingleisig. Die Aktion Gottes erfordert sehr wohl auch die Reaktion des Menschen. Das Moment der menschlichen Mitarbeit tritt gerade in der alttestamentlichen Offenbarung deutlich hervor: Gott tritt zwar mit überwältigender Souveränität an den Menschen heran, aber er vergewaltigt seine Freiheit nicht. In der Offenbarung Gottes liegt immer auch eine Einladung zur freien Mitarbeit, bis hin zum Bund. Gott spricht den Menschen an, um ihn zum Mitarbeiter an seiner Offenbarung zu machen, das ist der personale Aspekt des Offenbarungsgeschehens. Das Zweite Vatikanische Konzil formuliert treffend, dass in der Offenbarung „der unsichtbare Gott aus überströmender Liebe die Menschen wie Freunde anredet und mit ihnen freundschaftlichen Umgang pflegt …“12

Der Mensch wird also seiner Freiheit nicht beraubt, sondern darin geradezu erst konstituiert. Im Alten Testament ist uns an etlichen Stellen die Antwort überliefert, mit der die angesprochenen Menschen auf Gottes Ruf reagieren. Es handelt sich um eine Art feststehende Formel, die auf Hebräisch Hinenih lautet, das heißt schlicht: „Hier bin ich!“ Bis in die heutige Liturgie hinein wird diese Formel verwendet, etwa bei Priesterweihen oder bei der Gelübdeablegung. Die Kandidaten werden mit ihrem Namen aufgerufen und antworten mit der lateinischen Wort Adsum,