Hannah Kaiser

 

Der Kuss von Vergissmeinnicht

 

Liebesroman

 

 

 

  1. Auflage März 2014

 

Copyright 2014 Hannah Kaiser

Covergestaltung: Catrin Sommer www.rausch-gold.com

Coverfoto Schuhe / Vergissmeinnicht: www.shutterstock.com,

Bildnummer: 11319646 sowie Bildnumer 47450992

Coverfoto Uhr: Snoop Fotografie

Lektorat: Lena Berg

Korrektorat: SW Korrekturen e.U. swkorrekturen@outlook.com

 

 

 

 

 

 

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form sind vorbehalten. Dies gilt ebenso für das Recht der mechanischen, elektronischen und fotografischen Vervielfältigung und der Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

 

 

 

 

Die Handlung und handelnden Personen, sowie alle Namen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden und/oder realen Personen bzw. Vereinen ist rein zufällig.

 

hannah.kaiser79@gmx.de

 

Kapitel 1

 

Dafür, dass kalendarisch schon seit Wochen Frühling herrscht, ist es immer noch viel zu kalt. Ich habe nichts gegen den Winter, wirklich nicht. Aber dieser war zu hart und zu lang und es macht den Anschein, als ob er einfach kein Ende nehmen wolle. Selbst meine Katze hat heute kein sonderliches Interesse daran, das Haus zu verlassen. Sie streckt nur kurz ihre Nase vor die Tür, bevor sie ihr noch verbliebenes Auge unwillig zukneift und wieder zurück ins Haus schleicht, um es sich auf dem Sofa bequem zu machen. Gerne würde ich ihr dort sofort wieder Gesellschaft leisten, aber meine dauerbetrunkene Nachbarin hat irgendetwas entdeckt, das sie dazu veranlasst, laut zu schreien.

Zögerlich schließe ich die Tür hinter mir und wickle mich enger in meine warme Strickjacke. Miz Mary hat recht: Im Haus ist es heute eindeutig behaglicher als draußen. Doch mein verdammtes Helfersyndrom lässt mich doch nicht in Ruhe auf dem Sofa sitzen, wenn ich Rosies lautes Klagen bis hierher höre. Also gehe ich der Sache lieber auf den Grund.

Ich brauche nicht lange, bis ich sie entdeckt habe – sie sitzt gleich am Straßenrand, nur wenige Meter vor meinem Haus. Wobei der Begriff „Straße“ für das Stück Weg, das mittlerweile aus mehr Schlaglöchern als intaktem Straßenbelag besteht, genauso übertrieben ist, wie der Begriff „Haus“ für die baufällige Bruchbude, in der ich wohne. Hier wohnen die Menschen, die selbst um in der Vorstadt zu wohnen noch zu arm sind. Da die wenigsten hier genug Geld verdienen, um überhaupt Steuern zu bezahlen, wird hier eben auch nichts getan, was die Investition von Steuergeldern erfordern würde. Zumindest ist die Umgebung schön: gleich hinter der nächsten Häuserreihe beginnt ein wunderschönes Waldstück.

Genau dort entdecke ich Rosie vor einem kleinen Abhang sitzen und ein Gebüsch anheulen.

„Rosie? Was ist los?“ Mit wenigen Schritten bin ich bei ihr und sie dreht ihr zerknittertes Gesicht zu mir und reißt den Mund auf, sodass ich die letzten fünf verbliebenen Zähne in ihrem Kiefer erkennen kann.

„Tot! Er ist tot! Er ist tot! Der Herrgott hat einen toten Engel zu uns geschickt, um uns zu warnen. Das Ende ist nah! Oh Heilige Jungfrau Maria, das Ende ist nah!“ Am ganzen Körper zitternd wirft sie sich auf den Boden und umklammert mit ihrer dürren Hand erstaunlich kraftvoll meinen rechten Knöchel und brabbelt dabei etwas, das wie Auszüge des Vaterunser klingt. Ihr Murmeln wird immer wieder von einem angstvollen Wimmern unterbrochen.

Ich schaue auf ihren Hinterkopf und das strähnige, graue Haar, das eng daran klebt. Als sie sich bewegt, um meinen Knöchel noch ein bisschen enger zu umklammern, weht eine Woge ihres Geruchs zu mir herüber. Sie riecht muffig, süßlich nach Talkum, nach Urin, zu viel billigem Alkohol und nach ungewaschener, alter Frau. Auch wenn ich mich dabei mies fühle, muss ich mich überwinden, um ihr den Kopf zu tätscheln und habe sofort das dringende Bedürfnis, mir die Hände zu waschen.

„Ist ja gut, Rosie“, murmle ich beruhigend, während ich ihr widerwillig übers Haar streichle.

Dann sehe ich, was sie in solch einen Aufruhr versetzt hat: Halb hinter einem Busch versteckt und völlig verdreckt liegt eine reglose Gestalt neben einem ziemlich ramponierten Mountainbike.

„Oh verdammt!“, fluche ich und bereue im selben Moment meine schlechte Selbstbeherrschung, da Rosie nun, statt weiterzujammern, laut zu brüllen beginnt.

„Die Verdammnis wird über euch kommen!“, schreit sie in voller Lautstärke. „Über euch alle!“

Meinen Versuch, sie hektisch abzuschütteln, quittiert sie mit noch lauterem Gekreische und langsam aber sicher werde ich ärgerlich.

„Rosie, lass mich jetzt los!“ Ich atme tief durch und schüttle mein Bein etwas stärker. Aber erst, als ich so energisch zu schütteln beginne, dass ihr vermutlich schlecht davon wird, lässt sie mich endlich los.

Ich sehe zu, dass ich möglichst schnell aus ihrer direkten Reichweite komme, damit sie es sich nicht sofort wieder anders überlegen kann, und renne zu der reglosen Gestalt hinter dem Gestrüpp aus Wacholder und Efeu. Mit klopfendem Herzen beuge ich mich über den bewusstlosen Mann und unterziehe ihn einer ersten Inspektion.

Wie geht man noch mal vor, wenn man eine Person nach einem Unfall findet?

Wenn mein Erste-Hilfe-Kurs nur nicht schon so lange her wäre …

Der Mann scheint bis auf ein paar Schürfwunden auf den Armen und im Gesicht und eine aufgeplatzte Lippe unverletzt. Ich kann erkennen, dass er noch atmet und auch sein Puls schlägt kräftig und lebendig gegen meine Finger, als ich seine Halsschlagader ertaste. Dass ich dafür mehrere Versuche brauche, liegt wohl vor allem an meinen zitternden Händen. Er lebt, daran besteht kein Zweifel. Erleichtert atme ich auf und mein Herzschlag beruhigt sich wieder ein bisschen.

Die Fahrradkleidung, die der Mann trägt, sieht aus, als hätte sie ein Vermögen gekostet. Vielleicht hat das Budget anschließend für einen Helm nicht mehr ausgereicht, ich kann zumindest weit und breit keinen entdecken.

Männer! Hauptsache, sie sehen cool aus …

Kopfschüttelnd versuche ich mich ein wenig zu sammeln und überlege, was ich als Nächstes machen muss.

Ich strecke meine Hand aus und berühre ihn vorsichtig an der Schulter.

„Sir? Können Sie mich hören?“

Keine Reaktion.

Bei meinem nächsten Versuch bin ich energischer und panischer.

„Hallo? Hören Sie mich?“

Diesmal funktioniert es zum Glück. Ich sehe, wie seine Augenlider zu flattern beginnen, bevor sie sich langsam öffnen, und ich komme nicht umhin zu bemerken, dass sie erstaunlich blau sind. Sie haben die intensive Farbe von Vergissmeinnicht, unterbrochen von dunkelblauen Strahlen, die sich von der Pupille nach außen ziehen. Jetzt, wo ich ihn ein bisschen genauer betrachte, weiß ich plötzlich auch, was Rosie meinte, als sie vorhin von einem Engel sprach: Der Mann, der hier vor mir im Schmutz liegt, ist fast schon auffällig schön. Vielleicht Anfang bis Mitte dreißig, dunkelbraunes Haar, ebenmäßige, männliche Gesichtszüge mit dem Hauch eines Bartschattens, ein perfekt geformter Mund. Nur eine alte Narbe, die beinahe senkrecht durch seine rechte Augenbraue verläuft, ist ein eindeutiges Anzeichen dafür, dass er wohl doch recht irdischer Natur ist.

Einen Moment lang starre ich ihn an, dann schüttle ich entschlossen den Kopf, um mich selbst ins Hier und Jetzt zurückzuholen. Im Moment gibt es wirklich Wichtigeres, als sein gutes Aussehen zu bewundern.

„Geht es Ihnen gut, Sir?“

Sein Blick fixiert meinen, während er sich langsam aufsetzt und sich dabei stöhnend den Kopf hält.

„Ich glaube schon …“, murmelt er und schaut sich dann leicht irritiert um. „Ich weiß nur nicht, wo ich hier bin.“

„Wissen Sie denn, was passiert ist?“

„Nein“, antwortet er nach einer nachdenklichen Pause und sieht dabei so aus, als ob ihm das unangenehm wäre. Gleichzeitig versucht er aufzustehen, aber ich halte ihn davon ab.

„Vielleicht bleiben Sie erst noch einen Moment sitzen …“ Er ist nämlich verdächtig blass um die Nase und ich fände es nicht ganz so hübsch, wenn ich ihn auffangen müsste. Er ist erstaunlich muskulös und vermutlich wiegt er annähernd das Doppelte von mir, das würde ganz sicher weder für ihn noch für mich sonderlich gut ausgehen.

Noch etwas benommen streicht er sich mit einer Hand durch seinen perfekten Haarschnitt. Rosies hysterisches Gejammer ist mittlerweile zu einem leisen Wehklagen abgeklungen, anscheinend beruhigt sie sich langsam, als sie sieht, dass ihr Engel doch noch am Leben ist.

Während sie sich uns nun vorsichtig nähert, streckt sie ihre Hand nach dem Mann aus. Ich sehe seinen entsetzten Blick, als sich ihre vor Schmutz starrende Hand immer weiter nähert. In der Tat sind Rosies Aussehen und auch ihr Geruch nichts für zarte Gemüter. Und mir fällt auch kein Begriff ein, mit dem ich ihren Zustand noch irgendwie nett umschreiben könnte: Sie ist schlicht und ergreifend dreckig und stinkt.

Da ich befürchte, dass Rosie einen Nervenzusammenbruch bekommt und rund um die Uhr die Reiter der Apokalypse befürchten wird, sollte ihr angeblicher Engel womöglich ihre Hand zurückschlagen, greife ich in letzter Sekunde ein.

Obwohl sie das zwanghafte Beten, das dem vermutlich gefolgt wäre, zumindest vom Saufen abgehalten hätte …

„Rosie, wärst du so nett und würdest Fred holen, damit er mir hilft, den Engel hier ins Krankenhaus zu bringen?“

Ich bin mir nicht sicher, ob sie es bis zu Fred schafft – meistens findet sie unterwegs irgendetwas, das sie ablenkt. Aber immerhin erspare ich ihr ebenso wie mir eine Menge Stress und Gejammer.

„Danke“, murmelt der Mann vor mir und lächelt kurz, was sein ganzes Gesicht zum Strahlen bringt. Der Moment ist nur von kurzer Dauer, dann verzieht er schon wieder schmerzhaft das Gesicht. „Lächeln sollte ich heute wohl besser bleiben lassen.“ Seine Hand wandert zu seiner aufgeplatzten Lippe und betastet sie vorsichtig.

„Das wäre aber sehr schade …“, rutscht es mir heraus und ich spüre, wie ich umgehend rot werde.

Ich bleibe völlig cool, wenn jemand ohnmächtig herumliegt. Aber wenn ich etwas Nettes sage, werde ich verlegen. Manchmal mache ich mir ernsthafte Sorgen um meinen Geisteszustand.

Leider sieht er tatsächlich absolut hinreißend aus, wenn er lächelt.

Als könne der Mann meine Gedanken lesen, legt er den Kopf leicht schief und lächelt noch einmal, bereut es aber anscheinend im selben Moment und zuckt erneut zusammen. Allzu lernfähig ist er wohl nicht.

„Kommen Sie, ich fahre Sie ins Krankenhaus“, sage ich, um vom Thema abzulenken. Ich bin der Meinung, dass er sich dort lieber untersuchen lassen sollte.

Vorsichtig helfe ich ihm beim Aufstehen und als er sich komplett aufgerichtet hat, fällt mir auf, dass er bestimmt zwei Meter groß ist. Und er ist wirklich beeindruckend muskulös, die enge und völlig durchnässte Radbekleidung schmiegt sich an ihn wie eine zweite Haut und lässt wenig Raum für Spekulationen.

„Sie sollten sich etwas überziehen, bevor wir ins Krankenhaus fahren, Sie holen sich sonst noch den Tod …“

In meinem alten Auto ist die Heizung kaputt und die Fahrt bis zum Krankenhaus dauert über eine halbe Stunde. Sich in seiner dünnen, nassen Sportkleidung in mein Auto zu setzen, ist bestimmt keine gute Idee.

Zum Glück kommt in diesem Moment Fred hinzu, Rosie scheint ihn, ganz entgegen meiner Erwartung, tatsächlich informiert zu haben.

Er begleitet uns in mein Haus und achtet darauf, dass der Unbekannte nicht umfällt.

„Kannst du ihm ein paar trockene Klamotten leihen, Fred? Dann bringe ich ihn ins Krankenhaus.“

„Willst du ihn selbst fahren oder soll ich einen Krankenwagen rufen?“

„Ich fahre ihn schnell selbst. Bis der Krankenwagen hier ist, sind wir längst da.“

Mit einem so großen Auto wie einem Krankenwagen sind einige der Wege hier nur schwer passierbar. Wenn ich selbst fahre, sind wir viel schneller.

„Okay. Bin gleich wieder da.“

Kurz darauf kommt Fred zurück und bringt Jeans, ein T-Shirt und ein warmes Flanellhemd mit. Gemeinsam helfen wir unserem Unfallopfer beim Umziehen, weil er offensichtlich immer noch etwas wacklig auf den Beinen ist. Die geliehenen Sachen sind ihm zu kurz und zu weit – wäre der perfekte Haarschnitt nicht, könnte man jetzt fast glauben, er sei von hier.

 

„Ich bin übrigens June“, sage ich, als wir im Auto sitzen und ich den Motor starte.

„Und ich bin … ich weiß es nicht.“

Sein vergissmeinnichtblauer Blick trifft den meinen und ich kann sehen, wie erschrocken er gerade über sich selbst ist.

 

 

Kapitel 2

 

Die Notaufnahme riecht nach einer Mischung von Angstschweiß, Desinfektionsmittel und billigem Zitronenlufterfrischer. Der Geruch weckt Erinnerungen in mir. An damals, als wir mit meinem Vater hierhergekommen sind, weil er plötzlich seine rechte Körperhälfte nicht mehr bewegen konnte. Es sind keine positiven Erinnerungen. Ich versuche sie zu verscheuchen, während wir darauf warten, dass endlich jemand Zeit für uns hat. Hier scheint heute die Hölle los zu sein, es herrscht hektisches Treiben, immer wieder rennen Ärzte und Schwestern aufgeregt hin und her. Am Wochenende kommen eben auch selbst die Leute noch ins Krankenhaus, die eigentlich gut genug versichert sind, um einen Hausarzt aufzusuchen. Es dauert ziemlich lange, bis uns jemand Beachtung schenkt. Ich warte vorsichtshalber, nicht dass mein Mr. Vergissmeinnicht hinterher, verwirrt wie er ist, aus dem Krankenhaus läuft und überfahren wird oder so etwas in der Art.

Als endlich ein Arzt Zeit für uns findet, macht er uns gleich klar, dass er nur wenig Zeit hat und scheint auch sonst nicht sonderlich motiviert. Er untersucht meinen Unbekannten nur sehr oberflächlich, stellt ihm ein paar Fragen und zuckt anschließend leicht gelangweilt mit den Schultern.

„Er hat eine leichte Gehirnerschütterung. Ansonsten kann ich nichts feststellen. Und ohne Krankenversicherung kann ich ihn ohnehin nicht hierbehalten, wenn er nichts Akutes hat.“ Der Arzt redet nur mit mir, als wäre ich mit einem kleinen Kind hier aufgekreuzt, dem man keine weitere Beachtung schenken muss, und nicht mit einem erwachsenen Mann. Und es zeigt Wirkung: Mr. Vergissmeinnicht sitzt stumm neben mir, als hätte er neben seinem Gedächtnis auch noch seine Stimme verloren.

„Er kann sich nicht daran erinnern, wer er ist!“, werfe ich ein, aber den lieben Onkel Doktor interessiert das wenig bis gar nicht.

„Das können sie doch alle nicht, wenn sie nicht versichert sind …“ Sein Blick wandert über die schäbige Jeans und das abgetragene Hemd. „Damit wir sie hierbehalten müssen, obwohl es nicht notwendig ist. Darauf fallen wir hier schon lange nicht mehr herein.“

Arroganter Oberklassenschnösel!

Bevor ich auch noch irgendetwas erwidern kann, geht er einfach weg und lässt uns allein stehen. Hin- und hergerissen zwischen Empörung und Ratlosigkeit schaue ich dem Arzt hinterher, bevor ich mich seufzend zu meinem Schützling umdrehe.

„Herzlich willkommen in der Unterschicht“, murmle ich dem ebenfalls ziemlich ratlos dreinschauenden gefallenen Engel zu. „Komm, wir fahren zur Polizei. Vielleicht wissen die ja weiter.“

 

Auch der Besuch dort erweist sich jedoch schnell als nicht sonderlich hilfreich. Der zuständige Officer mustert uns kritisch und zuckt dann gelangweilt mit den Schultern, während er einen Becher mit Kaffee zur Seite schiebt und die Unterlagen zu sortieren beginnt, die auf seinem Tisch herumliegen.

„Wenn Sie nicht wissen, wer er ist, Ma’am …“ Er sieht mich nicht an, während er mit mir spricht, und irgendwie gelingt es ihm, das „Ma’am“ wie ein Schimpfwort klingen zu lassen. „ … dann kann ich auch nicht viel machen. Ich könnte höchstens mal im Obdachlosenheim anrufen und fragen, ob sie dort noch einen Platz für die Nacht für ihn haben.“

„Das kann doch nicht Ihr Ernst sein!“ Endlich hat auch der Unbekannte seine Sprache wiedergefunden und er klingt ärgerlich. „Es muss doch irgendeine Möglichkeit geben …“

Er kommt nicht mehr dazu, den Satz zu Ende zu führen, weil der Officer mittendrin nach dem klingelnden Telefon greift und uns ignoriert.

Ich seufze tief. Auch wenn mir eigentlich eher nach unkontrolliertem Schreien zumute ist.

Stattdessen seufze ich noch einmal und schließe kurz die Augen. Es hilft ja nichts. Selbst wenn ich diesen Idioten vor mir jetzt anschreien würde, würde ihn das weder freundlicher noch schlauer machen. Oder weniger verbohrt. Mir hingegen würde es vermutlich eine Nacht in einer Arrestzelle einbringen und Mr. Vergissmeinnicht eine Nacht im Obdachlosenheim oder unter der nächsten Brücke.

Also reiße ich mich zusammen und schlucke meinen Ärger hinunter.

„Danke schön, Officer“, verlässt zuckersüß meinen Mund.

Fick dich, du Arschloch“, bildet sich in meinem Gehirn. Aber ich schaffe es gerade noch, das für mich zu behalten.

Schließlich drehe ich mich um, verlasse hocherhobenen Hauptes die Wache und bedeute meinem Unbekannten, mit mir mitzukommen. Draußen atme ich erst einmal tief durch. Kurz wünsche ich mir, Raucherin zu sein. Sich jetzt eine Zigarette anzuzünden müsste herrlich sein. Leider gehört Rauchen nicht zu meinen Lastern. Dafür aber Fluchen. Und was soll ich sagen: Es ist mindestens genauso befreiend, wie ich es mir vorstelle, in dieser Situation eine Zigarette zu rauchen. Gesünder ist es obendrein.

Nur – ich muss es zugeben – sonderlich taktvoll ist es nicht. Denn als ich kurz innehalte, um eigentlich nur Kräfte für die nächsten Flüche zu sammeln, fällt mein Blick auf das Gesicht meines Unbekannten. Wie schrecklich die ganze Situation wohl für ihn sein muss!

Ganz eindeutig hatte ich auch schon mal sensiblere Momente. Allerdings bin ich, wenn ich ganz ehrlich sein soll, mit der ganzen Situation gerade ein bisschen überfordert. Eigentlich war ich davon ausgegangen, dass ich ihn ins Krankenhaus bringe und das war es dann mit meiner guten Tat für den Tag. Was mache ich denn jetzt? Ihn einfach mit nach Hause nehmen, wie einen … zugelaufenen Hund? Auf der Straße kann ich ihn ja schlecht lassen. Andererseits weiß ich nichts über ihn, rein gar nichts. Vielleicht ist er ja ein entlaufener Triebtäter, ein psychopathischer Massenmörder oder zumindest ein fieser Betrüger, der nur hinter meinem … okay, hinter meinem Geld wird er wohl eher nicht her sein, weil ich gar keins habe. Aber ansonsten: Was weiß ich denn?

Auf alle Fälle weiß ich, dass ich weniger schlechte Krimiserien schauen sollte. Nur dass mir diese Erkenntnis im Moment kein Stückchen weiterhilft.

Letztendlich siegt dann mein Helferinstinkt über meine Ängste.

„Wir bekommen das schon hin“, murmle ich, als wir schließlich wieder in meinem Auto sitzen.

Er atmet tief ein und wieder aus, reibt sich mit beiden Händen über das Gesicht und lächelt. Wenn er dabei nicht so entsetzlich mutlos aussehen würde, würde mir bei seinem Lächeln bestimmt das Herz stehen bleiben. Er sieht aus wie ein verwegener Pirat, wenn er so lächelt. Auch wenn er gerade ein bisschen so wirkt, als hätte er seine allererste Schlacht verloren.

„Geht es deiner Lippe schon besser?“ Er ist gar nicht mehr zusammengezuckt.

Statt einer Antwort lächelt er noch einmal und ich bin so fasziniert davon, dass ich beinahe über eine rote Ampel fahre.

 

Kapitel 3

 

Ich halte vor meinem etwas baufälligen, kleinen Haus an und komme mir irgendwie seltsam dabei vor, Mr. Vergissmeinnicht hierhin mitzunehmen. Obwohl er mittlerweile ja eigentlich passend gekleidet ist, ist mir trotzdem klar, dass er hier nicht hingehört. Ich möchte fast wetten, dass er normalerweise um Wohngegenden wie diese einen weiten Bogen macht. Dass er sein Auto von innen verriegelt und unwillkürlich schneller fährt, wenn er es doch mal nicht vermeiden kann, hier entlangzufahren.

Dementsprechend zögerlich steigt er nun aus. Ich weiß nicht so recht, ob ich über sein Verhalten amüsiert oder deswegen beleidigt sein soll, entscheide mich dann aber für Ersteres. Schon allein, weil sich das besser anfühlt.

Ich weiß, dass mein Haus von außen nicht sehr einladend aussieht. Aber von innen ist es hell und sauber und ich achte immer penibel darauf, dass es auch so bleibt.

 

Mein Mr. Vergissmeinnicht ist sehr verschlossen. Vermutlich wäre ich das in seiner Situation auch. Es ist bestimmt nicht einfach, bei einer völlig Fremden zu stranden und sich an nichts erinnern zu können. Aber ich glaube, es ist auch einfach seine Art. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er aus der Oberschicht kommt. Seine Art und Weise, sich auszudrücken, sich zu bewegen, zu sprechen – all das schreit nur so nach Oberklasse. Genau wie das teure Mountainbike mit der entsprechenden Kleidung. Nicht zu vergessen seine Armbanduhr. Wer sich so eine Uhr leisten kann und es sich obendrein leisten kann, sie bedenkenlos beim Radfahren zu tragen, stammt mit Sicherheit nicht aus ärmlichen Verhältnissen.

„Du solltest mal deine Sachen durchsuchen, vielleicht findet sich ja irgendein Hinweis auf deine Identität? Ein Schlüssel, ein Ausweis …“ Ich deute auf den kleinen Stapel Kleidung, der über einem Stuhl hängt.

Gemeinsam machen wir uns auf die Suche, finden aber rein gar nichts. Eigentlich hätte mich das auch gewundert, denn die Fahrradkleidung war sehr eng und ich habe ziemlich genau hingesehen; hätte er größere Gegenstände in den Taschen gehabt, wäre mir das bestimmt aufgefallen, aber einen Versuch war es immerhin wert.

„Und die Armbanduhr? Hat sie vielleicht eine Gravur?“

„Machst du so etwas öfter?“ In seiner Wange bildet sich ein kleines Grübchen.

„Leuten hinterherspionieren? Klar, in Wirklichkeit bin ich Agentin.“

Er lacht leise. „Keine sehr gute offenbar, wenn meine Identität immer noch unbekannt ist.“

„Wenn du weiter so vorlaut bist, kannst du gleich im Garten schlafen. Dann bist du morgen nicht nur ein Unbekannter, sondern ein erfrorener Unbekannter!“

Seine Uhr ist leider nicht graviert und hilft uns auch nicht weiter.

Ratlos schauen wir uns an.

„Gibt es gar nichts, woran du dich erinnern kannst? Einen Namen, eine Telefonnummer, irgendeinen Hinweis, irgendetwas, wonach wir suchen könnten?“

„Ich versuche mich schon die ganze Zeit zu erinnern – aber da ist nichts. Absolut nichts.“ Er schüttelt verzweifelt den Kopf und ich bin völlig ratlos. Was mache ich denn nur mit ihm?

Schließlich koche ich Tee, wir setzen uns aufs Sofa und ich schalte den Fernseher ein. Das erspart uns peinliches Schweigen, zumal er gerade nicht so aussieht, als wäre ihm sonderlich nach Reden zumute.

Während nun irgendwelche Samstagnachmittagsshows über den Bildschirm flimmern, beschäftige ich mich damit, ihn heimlich aus den Augenwinkeln heraus zu beobachten.

Selbst in den abgetragenen, schlecht sitzenden Sachen sieht er irgendwie noch aristokratisch aus. Sehr verwunderlich, dass das weder im Krankenhaus noch bei der Polizei aufgefallen ist. Er wirkt wie verkleidet in diesen Klamotten.

Ich frage mich, was er wohl beruflich macht. Bestimmt irgendetwas, bei dem er jeden Tag die teuersten Anzüge tragen und sich furchtbar wichtig fühlen kann. Vielleicht ist er das auch in seinem Beruf. Wichtig, meine ich. Bestimmt sogar.

Trotz seiner Misere hat er immer noch etwas Selbstbewusstes, eine gewisse Ausstrahlung, wie sie sonst nur Leute an den Tag legen, die es gewohnt sind, dass ihnen alles gelingt und jeder macht, was sie verlangen. Er hat die Ausstrahlung eines Menschen, der sich selten unterordnen muss.

Außerdem ist er attraktiv. Das ist mir zwar vorher schon aufgefallen, aber hier, in meinem eigenen Wohnzimmer, fällt es mir noch viel mehr auf. Die strahlend blauen Augen, der schöne Mund mit diesem energischen Zug … Ich möchte wetten, dass er bei den Frauen mehr als gut ankommt.

Wie es sich wohl anfühlt, diesen Mund zu küssen? Und wie er wohl im Bett ist?

Ich schüttle den Kopf, um diese Gedanken wieder zu vertreiben, um die Bilder zu zerstören, die sich darin gebildet haben.

Aber als er sich kurz zu mir umdreht und mich ansieht, spüre ich trotzdem, dass ich rot werde.

Er kann keine Gedanken lesen, June! Egal was du denkst, er kann es nicht wissen.

Gleichwohl ist mir das Ganze auf einmal peinlich.

Und als er träge lächelt und sich danach wieder auf dem Sofa zurücklehnt, irgendwie … viel zu zufrieden mit sich selbst, da bin ich mir nicht mehr ganz so sicher, ob er nicht vielleicht doch Gedankenlesen kann ...

Es ist komisch, einen Fremden im Haus zu haben, auch wenn er extrem schweigsam ist, sodass ich ihn eigentlich kaum bemerken würde. Eigentlich. Denn tatsächlich bin ich mir seiner Anwesenheit nur allzu bewusst. Er gehört zu den Menschen, die einen Raum dominieren und mit ihrer Präsenz erfüllen, wenn sie ihn einfach nur betreten. Er braucht gar nichts zu machen – man merkt sofort, dass er da ist und ich empfinde es als nahezu unmöglich, mich seiner Präsenz zu entziehen.

Der Fernseher läuft und ich gebe beinahe krampfhaft vor, dem Programm zu folgen, aber mein Blick wandert immer wieder nachdenklich zu ihm. Genau wie meine Gedanken.

Irgendwann steht er auf und geht zu dem Bücherregal hinüber, das beinahe eine halbe Wand in meinem Wohnzimmer einnimmt.

„Darf ich?“, fragt er, halb an mich und halb an das Regal gewandt.

„Aber natürlich“, beeile ich mich zu antworten, obwohl ich es eigentlich nicht leiden kann, wenn jemand an meine Bücher geht. Ich bin da ziemlich empfindlich und wenn jemand Eselsohren als Lesezeichen hineinmacht oder sie auf irgendeine andere Weise nicht pfleglich behandelt, verursacht mir das fast schon körperliche Schmerzen.

Interessiert beobachte ich, wie mein Unbekannter am Regal vorbeigeht und beinahe zärtlich über die bunten Buchrücken streicht. Ich bin ziemlich optimistisch, dass ich bei ihm keine groben Misshandlungen meiner Bücher befürchten muss.

Irgendwann verharrt seine Hand und er zieht Tolstois Krieg und Frieden hervor. Ich lächle innerlich. Wenn ich hätte raten müssen, was ihn interessiert, hätte ich genau auf dieses Buch getippt.

„Kennst du es schon?“ Ich beobachte, wie er sich wieder zurück in den Sessel setzt und seine langen Beine ausstreckt.

„Ja, ich kenne es schon.“ Erstaunt sieht er mich plötzlich an. „Ich kann mich an den kompletten Inhalt und sogar an Zitate erinnern.“

„Das ist doch gut.“ Aufmunternd nicke ich ihm zu und er erwidert mein Nicken, bevor er sich in seine Lektüre vertieft.

 

Später sitzt er am Tisch und schneidet akribisch genau das Gemüse klein, während ich am Herd stehe und koche. Ich denke, er hat das noch nicht sehr oft gemacht, aber er schneidet alles akkurat in die richtige Größe – großes motorisches Geschick gehört ja auch wirklich nicht dazu.

Als er fertig ist, nehme ich Pilze und Zucchini von seinem Brett und gebe sie zu den Zwiebeln und der Hähnchenbrust mit in die Pfanne. Die Stücke haben wirklich alle genau die gleiche Größe, ich bin nie so pedantisch. Hoffentlich stört ihn das nicht.

Irgendwie bin ich in seiner Gegenwart merkwürdig unsicher und komme mir plump und unbeholfen vor. Dabei ist ja eigentlich er derjenige, der Hilfe braucht – es müsste umgekehrt sein. Während ich am Herd stehe und ihm meine Rückseite präsentiere, frage ich mich, ob mein Hintern wohl aus seiner Perspektive sehr dick aussieht.

Kann dir das nicht eigentlich total egal sein, June?

Um auf andere Gedanken zu kommen, nehme ich ein paar Gewürze aus dem Schrank und schmecke das Essen ab, gebe noch etwas Salz hinzu und probiere erneut.

„Kochst du gern?“, fragt er mich, während ich mich wieder dem Umrühren widme. Ich zucke zusammen, als ich so unvermittelt seine Stimme höre. Die meiste Zeit hat er geschwiegen, seit ich ihn heute gefunden habe. Ich wollte ihn gerade danach fragen, was er gerne isst, in der Hoffnung, dadurch etwas über ihn herausfinden zu können. Aber ich stelle es mir so frustrierend vor, auf so eine Frage keine Antwort zu wissen, dass ich beschließe, das Thema erst einmal ein bisschen ruhen zu lassen.

 

+++

Sie sieht hübsch aus, während sie da am Herd steht, in sich ruhend, routiniert. Ohnehin ist sie eine hübsche Frau. Auch wenn ihr Name eigentlich gar nicht zu ihr passt. Sie ist viel mehr Herbst als Sommer. Ihre blasse Haut, die braunen Augen, die Haare in einem hellen Kastanienrot – das alles erinnert an herbstlich verfärbte Laubwälder vor wolkenverhangenen Himmeln, nicht an helle, heiße Junitage. Und ihr Blick, als sie sich jetzt langsam zu ihm umdreht, sieht auch eher nachdenklich umwölkt aus, ein grauer, aber schöner Herbsttag. Genau wie ihre Stimme, weich und tief. Ihre Bewegungen sind ruhig und routiniert. Gerade eben, beim Kochen, hat sie vor sich hin gesummt. Sie kann noch nicht sehr alt sein, höchstens Ende zwanzig, trotzdem hat sie etwas in ihrem Ausdruck, das sie viel älter wirken lässt. Wie ein Mensch, der mehr Verantwortung tragen muss, als ihm guttut.

„Meistens koche ich gern, ja“, sagt sie jetzt und er braucht einen Moment, bis ihm überhaupt wieder einfällt, dass er ihr diese Frage gestellt hat, zu sehr war er damit beschäftigt, auf ihren Hintern zu starren, der in dieser Jeans wirklich gut zur Geltung kommt. Sie ist nicht wirklich schlank, aber trotzdem weit davon entfernt dick zu sein. Ganz anders als die Frauen, die er sonst kennt … Wobei: Was kennt er denn sonst für Frauen? Selbst daran kann er sich nicht erinnern.

Müde reibt er sich die Augen. Nicht zu wissen, wer man ist, macht unglaublich hilflos. Und Hilflosigkeit, das kann er mit Gewissheit sagen, ist ein Zustand, den er auf den Tod nicht ausstehen kann.

Sein Kopf dröhnt und er sehnt sich nach Ruhe. Die ganze Situation ist so merkwürdig. Man kann seinen Haustürschlüssel verlieren, sein Handy und vermutlich sogar seinen Kopf. Aber alle persönlichen Erinnerungen zu verlieren, das ist ein Zustand, der sich so surreal anfühlt, dass er keine Worte dafür finden kann.

+++

 

Das Abendessen verbringen wir, so wie fast schon den ganzen Tag, mehr oder weniger schweigend. Unsere Konversation beschränkt sich auf das Allernötigste und besteht aus kaum mehr als „bitte“ oder „danke“. Die ganze Situation fühlt sich skurril an. Da sitzt ein Mann an meinem Tisch, der über sich selbst genauso wenig zu wissen scheint, wie ich über ihn weiß. Über was soll man sich da unterhalten, wenn man nicht immer nur darüber sprechen will, ob er sich nicht vielleicht doch an irgendetwas erinnern kann? Und ich kann mir nicht vorstellen, dass das ein Thema ist, über das man sich gerne permanent unterhalten möchte.

Seine Tischmanieren sind absolut tadellos, was mich nicht sonderlich überrascht.

„Danke für das Essen“, sagt er, nachdem er seinen Teller geleert hat. „Es war wirklich köstlich.“ Ich bin mir zwar nicht ganz sicher, ob er das wirklich so meint oder ob er einfach nur höflich sein will, aber ich freue mich trotzdem über das Kompliment. Obendrein bin ich von der Menge beeindruckt, die er verschlungen hat. Seine Radtour heute muss wohl ein bisschen größer gewesen sein und sein Unfall scheint seinen Appetit nicht beeinträchtigt zu haben.

„Wie geht es deiner Lippe? Und der Beule?“ Ich betrachte ihn kritisch, es wäre mir deutlich lieber gewesen, wenn er aufgrund seiner Verletzungen zur Beobachtung im Krankenhaus geblieben wäre. Aber ich kann außer dem Gedächtnisverlust nichts Auffälliges an ihm feststellen. Na ja, Auffälliges schon, jede Menge davon, aber nichts, was auf eine Verschlechterung seines Gesundheitszustandes hinweisen würde.

„Alles in Ordnung, tut kaum noch weh.“ Sein Lächeln bleibt halbherzig und ich bleibe unsicher. Noch immer fühle ich mich ziemlich überfordert und entschließe mich zum Rückzug. Vielleicht kommt sein Gedächtnis ja von selbst wieder, wenn er sich ein bisschen ausgeruht hat und von dem ganzen Schock ein bisschen erholen konnte. Und wenn nicht … Ja, dann weiß ich auch nicht so wirklich, was wir machen sollen. Aber ganz sicher weiß ich, dass die Wahrscheinlichkeit, heute Abend noch eine Lösung zu finden, sehr gering ist.

„Ich … richte dir dann mal das Sofa her.“ Es ist eigentlich noch zu früh, um schlafen zu gehen, doch ich habe das Gefühl, ein bisschen Zeit für mich allein zu brauchen. Mich überfordert der gesamte Tag heute und ich bin müde und will meine Ruhe haben, auch wenn das wohl nicht auf gute Gastgeberqualitäten schließen lässt.

Kaum habe ich ein Laken über das Sofa geworfen und eine Decke zurechtgelegt, springt meine Katze auf das improvisierte Bett und sieht mich aus ihrem einen Auge zufrieden an.

„Miz Mary, runter da!“ Ich will sie verscheuchen, werde aber zurückgehalten.

„Lass sie ruhig. Es ist ja eigentlich ihr Schlafplatz, den ich da bekomme.“ Als hätte sie ihn verstanden, rollt sie sich zufrieden am Fußende zusammen und beginnt zu schnurren. „Warum heißt sie eigentlich ausgerechnet Miz Mary?“

Ich beobachte ihn, wie er sich zu ihr setzt und sie hinter den Ohren zu kraulen beginnt.

„Sie hatte schon nur ein Auge, als ich sie gefunden habe. Ich vermute, sie hat sich mit irgendwem geprügelt, der größer und stärker war als sie. Halb verhungert war sie auch. Trotzdem hat sie furchtbar gekämpft, als ich sie einfangen wollte. Meine kleine Piratenkatze!“

„Dann heißt sie nach Miss Mary Read? Der Piratin?“

Erstaunt sehe ich ihn an. Die kennt normalerweise niemand.

„Ganz genau …“, murmle ich nachdenklich, während Mary es sich jetzt auf seinem Schoß bequem macht.

Eigentlich sieht er auch ein bisschen aus wie ein Pirat. Ein ziemlich attraktiver Pirat. Die Narbe, die seine Augenbraue ziert, ist an der rechten Seite und somit auf der gleichen Seite, an der Marys Auge fehlt. Irgendwie wirken die beiden, als hätten sie im selben Kampf gekämpft, während sie da so nebeneinandersitzen. Sie passen gut zusammen.

 

Später liege ich im Bett und frage mich, warum ich nicht auf dem Sofa geblieben bin. Miz Mary hat es gut. Die kleine Verräterin scheint heute lieber an seinem Fußende zu schlafen, statt mir hier Gesellschaft zu leisten.

 

+++

Den ganzen Tag hatte er sich gewünscht, endlich allein sein zu können. Nicht etwa, weil June eine unangenehme Gesellschaft wäre, ganz im Gegenteil. Aber er hatte darauf gehofft, dass er sich erinnern könnte, wenn er ein bisschen zur Ruhe käme. An irgendetwas Persönliches, das über ein paar Fetzen von Kindheitserinnerungen hinausgeht.

Er kann die erste Reihe der Elemente des Periodensystems aufsagen. Er weiß die Vorwahlen von New York, Boston und Seattle sowie von diversen anderen Städten. Er könnte in fünf verschiedenen Sprachen einen extrastarken Kaffee bestellen. Und sogar an den Inhalt aus Tolstois Krieg und Frieden kann er sich erinnern.

Aber er kann sich nicht daran erinnern, wie er heißt. Oder wann er Geburtstag hat. Auch nicht daran, wie seine Eltern heißen und ob er vielleicht verheiratet ist und Kinder hat. Da ist nichts, einfach gar nichts.

Fluchend steht er vom Sofa auf und holt sich in der Küche ein Glas Wasser.

Anschließend zieht er sich einen Stuhl ans Fenster und blickt auf die menschenleere Straße und das Haus gegenüber und versucht, in den Fenstern irgendetwas zu erkennen. Alles ist besser, als allein auf dem Sofa zu liegen, sich das Gehirn zu zermartern und doch nicht zu finden, wonach man sucht.