Josephine Siebe


Die Schloßkinder auf Rabenburg


Ein Buch für die Jugend

Impressum



Klassiker als ebook herausgegeben bei RUTHeBooks, 2016


ISBN: 978-3-944869-13-1


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Kapitel 16 - Bragis Tod



Am nächsten Tag ging Herr von Tracht zur frühen Nachmittagsstunde allein in den Wald. Um diese Zeit ruhte er sonst. Heute trieb ihn die Sorge und Unruhe hinaus in die Stille. Doch im Walde war es auch lauter als sonst um diese Stunde, und selbst das Lied der Waldseele wurde mitunter übertönt durch das vielerlei Schreien, Zwitschern und Zirpen der Vögel, durch das Raunen und Rauschen der hohen Bäume. Die Raben ruhten nicht nach ihrem langen Fluge, hierhin und dahin flatterten sie, die Krähen krächzten laut, denn es bekümmerte sie, daß sie bei dem Fluge nicht hatten dabei sein dürfen. Sie ärgerten sich auch alle über die Huckebeine, die sich vor Stolz über ihr vornehmes Geschlecht noch mehr denn je aufplusterten.

Nur Bragi saß schweigend auf seiner Eiche im stillen Tälchen. Über dem glänzte der Himmel saphirblau, die Sonne liebkoste jedes Blatt, jeden seinen Grashalm, und die Schmetterlinge hielten wieder einmal heitere Zwiesprache mit den Blumen des Tälchens. Bragi sah nichts von der heiteren Schönheit des Sommertages, er saß aus dem untersten Ast der Eiche, dort saß er, seit er von dem großen Fluge zurückgekehrt war. Muna, die Gute, hatte ihm Speise gebracht, doch er hatte nichts angerührt, ihre Fragen blieben unbeantwortet und als Muna Bragi so unbeweglich sah, da dachte sie in ihrem Herzen: Bragi wird sterben. Es ist wohl ein schlimmes Schicksal, das dem Lande droht. Und dann flog sie zu Rara und Kara und die drei stimmten leise ein uraltes Lied an, das nur sie kannten. Muna hatte es den Schwestern gelehrt:

"Wehe, wir Raben,
Schweres Schicksal wir tragen.
Wir sehen,
Wir hören
Was noch verborgen
Blieb den Blicken
Der mächtigen Menschen.
Wehe uns, wehe!
Schicksalsvögel wir sind.
Wollen wir weise warnen,
Schelten schrill unsere Stimmen
Die törichten Menschen.
Wehe uns, wehe!"

Hörte Bragi das Lied?

Er rührte sich nicht, auch als der Herr des Waldes in das Tälchen kam, blieb er sitzen. Der trat zu ihm heran, strich sacht über das schwarze Gefieder und sagte halblaut: "mir ist's als wären wir zwei alte Bekannte." Da sah ihn Bragi an und Herr von Tracht erstaunte über den klugen Blick des alten Vogels. Er setzte sich auf die Steine, neben der Eiche, da war sein Kopf neben dem Bragis und unverwandt hielt der seinen Blick auf ihn gerichtet. "Du siehst mich an, als wüßtest du, was vorgeht in der Welt," murmelte er. "Sag' es mir, flogst du gestern über meine Burg, weißt du, was dem Lande droht?"

"Wie seltsam klingt Bragis Stimme!" rief Rara ihrem Manne zu. Sie beugte sich weit aus dem Nest, aber was Bragi da unten krächzte, verstand sie nicht. Verstand es denn der Herr des Waldes?

Der saß auf den Trümmern des Hauses, das einst seinen Vorfahren Schutz in schwerer Not geboten hatte, und er lauschte der Stimme neben sich. Was war es, das Bragi dem alten Herrn erzählte?

Von Gunnar und Segimer kündete er, wie einst die neue Lehre den alten Glauben überwunden hatte. Kannte denn der Burgherr die alte Sage noch nicht? Er kannte sie wohl, aber es war ihm doch, als höre er sie zum ersten Male. Den Pflegesohn hatte Gunnar verstoßen und hatte ihm dann doch das andere Denken verziehen.

Andere Zeiten, andere Gedanken. Herr von Tracht dachte an den Pflegesohn Christian, der kein Soldat, der ein Kaufmann hatte werden wollen, und der manches veraltet genannt, was sein Pflegevater hochhielt. Und wie er nach darüber nachsann, begann Bragi von Herrn Reinmar am Bühl zu erzählen. Ja, kannte denn der Herr der Burg nicht ihrer Gründung Geschichte? Doch, er kannte sie wohl, aber er hatte lange nicht an Herrn Reinmar gedacht, an sein tapferes Wiederaufbauen.

Wie viel wußte doch Bragi. Er kannte auch die Geschichte der Flüchtlinge, die in diesem Tal vor den Feinden sich verborgen hatten. Er kannte sie so gut wie Herr von Tracht selbst und der dachte: sonderbar ist es doch, daß mir der Rabe alle die alten Geschichten erzählt, es ist beinahe, als ob er mich mahnen wollte, den Mut nicht zu verlieren. Vielleicht weiß er auch von den goldenen Ringen, die meine Urgroßeltern Anno 1813 dem Vaterlande opferten, damals als sieben Jahre Fremdherrschaft über dem Lande lag. Und er dachte an die Briefe der Urgroßmutter, die er besaß und in denen immer wieder zu lesen stand: "Wir harren aus, wir verlieren den Mut nicht, unser Vaterland kann nicht untergehen."

"Du alter Gesell," rief er plötzlich, "mit siebzehn Jahren zog ich 1870 hinaus, ich focht bei Sedan mit und ich weiß, wir werden wieder siegen!"

Es ging ein Schauer durch den Wald, so laut und weh gellte Bragis Stimme. Die Raben erschraken, was verkündete ihnen Bragi "der Weise". Seltsam war es, sie hörten ihn alle rufen, es verstand aber keiner seine Sprache. Nur einer hörte, was Bragi redete, das war der Herr des Waldes und der saß gebeugt auf den Steinen, saß da, als brause ein ungeheures Wetter über ihn hinweg.

Um diese Nachmittagsstunde ging einer auf dem stillen Waldweg, den vor einem Jahr Dieter und Gundula gegangen waren, der Rabenburg zu. Doch als er die vor sich auftauchen sah, schlug er einen Seitenweg ein, und als er es tat, schalt er sich selbst feige. Er wußte doch, er mußte auf die Burg gehen, aber trotzdem schritt er erst in den schmalen Zickzackpfad ein, der zu dem stillen Tälchen führte. Wer dem goldete der Abendsonne Schein, als er es betrat und als er so aus dem Dämmer des Waldes heraustrat, blendete ihn erst das klare Licht. Er blieb stehen und sah in das Tälchen hinein, da sah er unter der ältesten Eiche jemand sitzen, den er suchte und dem zu begegnen er doch bangte.

Herr von Tracht wußte gar nicht, wie viele Stunden er im stillen Tal der Flüchtlinge gesessen und Bragi gelauscht hatte. Oder hatte der gar nicht gesprochen? Hätte er vielleicht nur von all den alten Geschichten und der schweren Zukunft geträumt?

Der fremde Schritt schreckte den Waldherrn auf, er rieb sich die Augen und er mußte sich erst besinnen, wo er eigentlich war. Da sah er einen Fremden nicht weit von sich stehen, dessen Gesicht war überflutet vom Schein der Abendsonne und Herr von Tracht mußte plötzlich denken, so stand wohl einst Segimer der Abtrünnige, vor seinem Pflegevater.

"Christian," rief er, "kommst du endlich wieder!"

"Vater!" Da kniete Christian von Tracht neben seinem Pflegevater unter der alten Eiche und der blickte ihn ohne Zorn milde an. "Ich habe auf dich gewartet," sagte er. "Ich dachte, jetzt müßtest du kommen, jetzt, wo es vielleicht Krieg gibt."

"Nicht nur vielleicht, es ist entschieden, Vater. Ich war in England, da spürte ich es und kam noch zur rechten Zeit heim."

"Und willst du mit in den Krieg ziehen?"

"Ja, Vater!"

"Und wolltest doch immer kein Soldat sein?"

"Ich denke noch so, Vater, aber ich kenne meine Pflicht. Deutschland in Not, da fehlt kein ehrlicher Mann!"

Herr von Tracht sagte nichts, er hielt nur des Pflegesohns Hand fest umschlungen und er dachte an die Tage, die nun kommen würden, ernste, trübe, schwere Tage. Hatte er nicht vorhin eine Stimme neben sich über Deutschlands Schicksal klagen hören? Er sah sich um, wo war der Rabe hingekommen? Der saß nicht mehr auf dem Ast, aber da bückte sich Christian von Tracht plötzlich und hob einen schwarzen Vogel auf. "Ein toter Rabe liegt hier," sagte er, "er ist noch ganz warm, er muß eben gestorben sein!"

Bragi, der Weise, war tot.

"Ein Schicksalsvogel!" Herr von Tracht nahm den toten Bragi sacht dem Sohne aus der Hand, er streichelte das schwarze Gefieder, fühlte, ob nicht noch Leben in ihm wäre. Aber Bragis kleines tapferes Herz war gebrochen.

"Willst du ihn mitnehmen und ausstopfen lassen?" fragte Christian.

Sein Pflegevater schüttelte den Kopf. "Er soll hier in dem Walde ruhen, wo er gelebt hat." Und mit der scharfen Spitze seines Stockes warf Herr von Tracht etwas Erde auf, er legte Bragi in die kleine Grube, warf die Erde wieder darüber, dann hob er einen großen Stein auf und deckte ihn darüber, daneben steckte er einen Eichenzweig. "Nun ruht er in einem Hünengrabs wie die alten Helden der Vorzeit," sagte er nachdenklich.

Miteinander verließen die beiden Männer das Tal der Flüchtlinge, ihnen nach tönte lautes klagendes Geschrei. Die Raben flogen alle zusammen, "Bragi ist tot, Bragi ist tot," gellte ihr Klageruf durch den Wald. Und auf der Eiche, unter der Bragi begraben lag, sammelten sich die schwarzen Vögel und bis tief in den sinkenden Abend hinein klagten sie um den weisesten ihres Geschlechtes.

Das Klagerufen tönte den beiden Männern nach, die durch den Wald heimwärts schritten. Sie achteten nicht darauf, sie redeten von kommenden Tagen und ihrer Schwere. Am Burgtor blieb Herr von Tracht stehen. "Geh du voran zur Mutter," sagte er zu dem Pflegesohn, "seitdem sie dich im Walde hat singen hören, wartet sie Tag um Tag auf dich."

Da ging Christian von Tracht zu der gütigen Frau, die ihm Mutter gewesen war, und Frau Susanne nahm ihn an ihr Herz wie einst. Justus kam herbei, die Kinder drängten sich halb scheu, halb froh hinzu und eine Weile sang die Freude laut auf der Rabenburg.

Der Burgherr aber stand draußen vor dem Tor und las wieder den alten Spruch des frommen Ahnherren:

"In Trübsal und in Not,
Im Leben und im Tod
Verlaß uns nicht. HERR GOTT!"

wiederholte er andächtig.

Da tönte ein Klingen und Brausen von Untersberg herauf. Glockenklänge schwangen durch die Luft. Ernst, tief hallte und dröhnte es. über Deutschland war der Krieg hereingebrochen.

Inhalt



Kapitel 1 - Der Abschied von der glücklichen Insel

Kapitel 2 - In der neuen Heimat

Kapitel 3 - Das stille Tal der Flüchtlinge

Kapitel 4 - Was Bragi, der Weise, erzählt

Kapitel 5 - Herr Christian hütet die Schafe

Kapitel 6 - In Untersberg

Kapitel 7 - Ein heiterer Regentag

Kapitel 8 - Krachkrachs unfreiwillige Reise

Kapitel 9 - Purzel bleibt Purzel

Kapitel 10 - Wie die Rabenburg zu ihrem Namen kam

Kapitel 11 - Die vielgetreue Schwester

Kapitel 12 - Jahreswende

Kapitel 13 - Frühlingssturm und Feuersnot

Kapitel 14 - Pfingstfreude

Kapitel 15 - Der große Rabenflug


Kapitel 16 - Bragis Tod

 

Kapitel 1 - Der Abschied von der glücklichen Insel



Irgendwo im deutschen Land, lieblich von den Wellen eines Flusses umspült, liegt eine kleine Insel, die Rabeninsel genannt. Sie trägt ihren Namen nach den vielen, vielen Rabenkrähen, die auf ihren Bäumen horsten. So viele sind es, daß Baum an Baum mit Nestern besetzt ist und wenn die Vögel abends heimkehren, ist es, als zögen dunkle Wetterwolken daher. Die Luft ist dann erfüllt von einem lauten Geschrei, die Menschen, die in der Nähe wohnen, beklagen sich wohl und meinen, es wären der Vögel zu viele auf der Insel. Sie wissen nichts davon, wie sehr den Krähen ihre Insel gefällt, denen ist sie ihr Königreich und den Ruhm dieser kleinen, grünen Insel verkünden die Vögel im Süden und Norden, in Ost und West. Voll Sehnsucht erzählen sie sich von dem schönen Eiland und preisen jene glücklich, denen die Insel Heimat ist.

Es war an einem Sommermorgen zu der Stunde, da Tag und Nacht sich scheiden. Im Osten schimmerte erst ein schwaches Rot am Himmel, denn die Sonne ruhte noch. Aber die Vögel waren schon wach. Da und dort grüßte ein helles Zwitschern den anbrechenden Tag, im nahen Dorf krähten zwei Hähne um die Wette und am Flußufer schwätzten lustig ein paar Wasservögel. Dazwischen lauschten die Vögel aber immer wieder hinüber nach der Rabeninsel und einer rief es dem andern wieder und wieder zu: "Heute ziehen sie, heute ziehen sie!"

Auf der Insel herrschte ein ungewöhnliches Leben. Von Ast zu Ast, von Baum zu Baum flatterten die schwarzen Vögel. Keiner blieb in seinem Nest. Aber das sonst so gelle Gekrächze klang nicht froh der Sonne entgegen, nur dumpfe, dunkle Schreie wurden laut und selbst der jüngste Nestling wagte kein Jauchzen. Im Osten war das Rot tiefer geworden, da ertönte plötzlich vom höchsten Baum der Insel herab ein durchdringender Ruf: "Die Sonne geht auf, die Zeit ist da!" Die Königin Rikra war es, die ihre Getreuen zusammenrief.

Die Vögel der Insel flogen herbei. Selbst die Jungen, die erst ein paar Flatterstunden hinter sich hatten, nahmen alle ihre Kraft zusammen, um eine der fünf hohen Ulmen zu erreichen, die den höchsten Baum der Insel, Wächtern gleich, umstanden. Auf die Ulmen ließen sich alle nieder und die Bäume wurden schwarz von den vielen Vögeln, die darauf saßen.

Rikra sprach. Sie verkündete, daß uraltes Gesetz gebot, von Zeit zu Zeit müsse ein Teil der Vögel die Insel verlassen und sich eine neue Heimat suchen.

"Warum?" krächzte eine junge Rabenkrähe erschrocken, "warum ist das so?"

"Kinder müssen nicht immer warum fragen," murmelte die Urgroßmutter der Kleinen, doch sie gab ihr Antwort. "Unser Volk darf nicht zu groß werden, weil uns die neidischen Menschen sonst nicht ungestört hier hausen ließen, darum müssen immer welche von uns in die Fremde ziehen. Nun sei still, jetzt sammeln sich die Auswanderer."

Von den fünf Bäumen empor schwang sich eine Anzahl Vögel in die Luft! mit einem lauten, schrillen Weheruf taten sie es und laut tönten ihnen die Klagen nach. Von jedem Baum der Insel mußten ein oder zwei Familien die Heimat verlassen, durch das Los waren sie bestimmt worden und sie klagten nun traurig! "O du schöne Ulme, wir müssen dich verlassen, du liebliche Buche, die du uns Heimat warst, wir sehen dich nicht wieder."

"Klagt nicht, fliegt!" krächzte Rikra, die Königin, streng. Sie tat hart, weil ihr das Herz fast brach vor Leid um ihre lieben Landeskinder, "Fliegt auf, fliegt auf!" rief sie.

Da breiteten alle Vögel, die scheiden mußten, ihre Flügel aus und stiegen über der Insel empor, als schwarze Wolke standen sie eine Weile über ihrem Heimatland. "Lebt wohl, lebt wohl!" riefen die Zurückbleibenden, "vergeßt uns nicht in der Fremde."

"Und ihr uns auch nicht, ihr uns auch nicht," baten die Auswanderer. Sie schwebten still über der lieblichen Insel, die sie nun für immer verlassen sollten. Die lag unter ihnen wie ein Garten, sie sahen in ihre nun leeren Nester hinein, in denen es so warm, so wohlig gewesen war und etliche riefen schmerzlich: "Wir ertragen es nicht!" Sie schlugen mit den Flügeln und wollten wieder zurückfliegen, doch da mahnte Rikra streng: "Fliegt, es ist Zeit, die Sonne geht auf!"

Im Osten schimmerte und glitzerte es und von den Ufern herüber ertönte es jubelnd: "Die Sonne geht auf!" In den Lüften und in dem nahen Dorf hallte der Ruf nach: "Die Sonne geht auf!"

"Fliegt, fliegt!" mahnten die auf der Insel klagend. Da teilten sich die Auswanderer in vier Züge und mit einem letzten, schrillen Abschiedsschrei flogen sie davon, jeder Schwarm in einer anderen Himmelsrichtung, denn so wollte es das alte Gesetz.

Unter den Rabenkrähen, die nach Westen flogen, waren drei Schwestern. Sie waren vornehmen Stammes und der Königin verwandt. Weil die Jüngste der Königin Rikra besonderer Liebling war, wurde sie das Rikralein genannt, die beiden anderen Schwestern hießen Rara und Kara. Diese drei Schwestern waren nicht durch das Los zur Auswanderung bestimmt worden, aber auf dem Baume, der ihr Nest trug, wohnte eine Familie, die das Los traf. Nun war da die Krähenmutter krank, und außerdem war der jüngste Sohn flügellahm. Groß war darum der Schmerz des Krähenvaters gewesen, der nicht wußte, wie er mit dem flügellahmen Sohn und der kranken Frau eine weite Reise unternehmen sollte. Doch Gesetz war Gesetz und sie alle wußten, keine Bitte würde helfen. Der Jammer ihrer lieben Nachbarn rührte die drei schönen Schwestern, Rara, Kara und das Rikralein. Weil sie elternlos waren und nicht sehr viele Verwandte besaßen, beschlossen sie, für ihre Nachbarn auszuwandern. Sie trugen der Königin, ihrer Muhme, die Sache vor und die Bitte der drei erregte das höchste Erstaunen. Denn alle Vögel, die auf der Rabeninsel wohnten, liebten die Heimat über alles und noch nie hatte jemand freiwillig die Insel verlassen.

"Habt ihr es euch auch recht überlegt?" hatte die Königin gefragt. "Wißt ihr auch, daß ihr nie wiederkehren dürft, wenn ihr jetzt die Heimat verlaßt."

"Wir tragen die Heimat immer im Herzen," hatte Rara, die Älteste, erwidert. "Wir haben unsere Freunde so lieb, daß wir das Opfer gern bringen," gab Kara zur Antwort.

Das Rikralein aber hatte seine Flügel ausgebreitet und gerufen:

"Wo meine Schwestern sind, soll meine Heimat sein!"

Da hatte die Königin Rikra mit schwerem Herzen ihre Einwilligung gegeben. Sie liebte ihre jungen Muhmen, die so gut wie schön waren und ließ sie ungern scheiden, aber sie wollte die Guttat der drei nicht hindern.

Die drei Schwestern flogen dem Zuge voran, der nach Westen eilte. Sie hielten sich immer zusammen und wie sie so durch die schimmernde Luft schwebten, waren sie von solcher Schönheit, daß fremde Vögel, die dem Zuge begegneten, erstaunt zueinander sagten: "Seht die drei, saht ihr je so schöne Krähen?"

Das Gefieder der Schwestern war blauschwarz, so wie manchmal der Himmel der Winternächte ist und ihre Flügel waren breiter, als die ihrer Genossinnen. Das Rikralein trug am linken Fuß einen goldenen Ring, den hatte der Krähenvater den drei Schwestern zum Andenken gegeben. Er selbst hatte ihn von einem Urahnen ererbt und hatte das Kleinod immer behütet, denn die Raben und Krähen lieben goldene und silberne Dinge.

Die Auswanderer flogen still in den hellen Sommertag hinein. Sie flogen über Wiesen, Felder und Wälder, über Städte und Dörfer hinweg immerzu und rasteten nicht bis zum Abend. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang mußten sie fliegen, ehe sie sich nach einer Heimat umschauen durften, so lautete das Gebot der Königin. Es dunkelte schon als sie über einen großen Wald dahinflogen, da rief Rara: "Hier laßt uns ruhen für diese Nacht."

Die anderen waren damit zufrieden und alle mitsammen ließen sich auf einer großen Tanne nieder. Sie saßen alle dicht nebeneinander, denn viele von ihnen fürchteten sich in der Fremde. Nur die drei Schwestern saßen hoch auf der höchsten Spitze der Tanne wie auf einem Wachtturm.

Die Bewohner des Waldes hatten die fremden Gäste wohl kommen hören, jene, die geschlafen hatten, waren munter geworden, sie fürchteten einen Überfall und ihre Stimmen klangen hart und böse den müden Auswanderern entgegen! "Was wollt ihr hier? Woher kommt ihr?"

Rara gab Antwort und Kara fügte hinzu: "Wir tun euch nichts."

"Nein, bestimmt nicht, wir lieben den Frieden!" rief das Rikralein.

"Waren das Krähen, die da sprachen?" fragte eine Stimme von einem anderen Baume her und die Augen einer großen Eule glühten geheimnisvoll durch das Dunkel.

"Freilich, Krähen waren es," schnarrte ein Eichelhäher. Er musterte hochmütig und verächtlich die fremden Gäste. "Was wollen die hier?" schalt er, "die müssen hinaus, sie gehören nicht in unseren Wald, hinaus, hinaus mit ihnen!"

"Laßt sie in Frieden, das sind vornehme Gäste," rief die Eule. "Ich höre es an den Stimmen, die klingen dunkel und tief, so reden die vom edlen Geschlecht der Kolkraben."

Rara, Kara und das Rikralein neigten demütig die glänzenden, schwarzen Köpfe, sie schwiegen still. Aber ihre Gefährten redeten. Weil die Eule der Schwestern vornehmes Geschlecht erkannt hatte, wurden sie mutig, ihr Stolz erwachte, nun kamen sie sich nicht mehr als Bettler und Eindringlinge vor. Sie erzählten von der Insel und der drei Schwestern Guttat. Während sie sprachen, verstummten allmählich die harten, bösen Rufe im Walde, alle Stimmen schwiegen zuletzt, nur manchmal flatterte und huschte es, immer mehr Tiere kamen herbei, um den Erzählungen der Rabenkrähen zu lauschen. Schauernd fühlten sie alle, wie traurig es war, heimatlos zu sein und sie bewunderten den Opfermut der Schwestern. Als die Fremden verstummt waren, kamen von da und dort aus dem Dunkel Rufe: "Wir müssen ihnen helfen!"

"Schnickschnack," schnarrte die Eule, "eure Hilfe ist einen Grashalm wert. Geht zu Bett, es ist Zeit, laßt unseren Gästen Ruhe. Die sind müde und wollen schlafen."

Obgleich sie alle die Eule etwas grob fanden, taten sie doch nach ihren Worten und allmählich wurde es ganz still im Walde. Nur die drei Schwestern schliefen nicht. Sie saßen dicht aneinandergeschmiegt und erzählten sich flüsternd von ihrer schönen Heimat. Und als sie so redeten, rauschte es auf einmal neben ihnen, die Eule war es, die zu ihnen kam. Die glühte sie mit ihren großen Augen unheimlich an, aber die Schwestern merkten bald, die Eule meinte es gut mit ihnen. Die schnarrte: "So, nun rückt zu mir heran, jetzt wollen wir mal vernünftig reden, da das dumme Gesindel schläft. Ich weiß mancherlei, viel mehr als in einen solchen Habichts- oder Nußhäherkopf hineingeht, und mehr als ihr wißt. Ziellos in die Welt hineinfliegen hat keinen Zweck, ich will euch einen guten Rat geben, wohin ihr euren Flug richten sollt."

Da neigten sich die drei Schwestern dankbar, denn sie hatten es gelernt, den Worten alter, erfahrener Leute ehrfurchtsvoll zu lauschen. Die Eule nickte, so gefiel es ihr. Sie setzte sich breit und aufgeplustert vor die Schwestern hin und sagte ihnen: "Wenn ihr morgen früh diesen Wald überfliegt, werdet ihr eine große Stadt liegen sehen, über die müßt ihr hinwegeilen, immer dem Westen zu. Ihr seht dann unten glänzende, schmale schimmernde Wege, die Menschen nennen sie Bahnschienen. An ihnen müßt ihr immer entlang fliegen über Berge und Wälder hinweg, bis ihr an einen kleinen Ort kommt, durch den drei Bäche fließen. Jeder Bach treibt etliche Mühlen in drei langen, schmalen Tälern. Durch das Tal, das nordwärts führt, fliegt ihr und dort werdet ihr ein altes Schloß auf einem Berge liegen sehen. Vielleicht findet ihr dort eine Heimat. Man hat es mir gesagt, daß es dort wenige eures Geschlechts gäbe. Einst hauste in den Wäldern ein schlimmer Förster, der alle Krähen erschossen hat, darum war die Gegend lange verrufen. Doch die Menschen, die jetzt dort wohnen, stellen den Krähen nicht mehr nach und ihr findet darum wohl leichter Wohnung und Nahrung und niemand vertreibt euch."

Die Schwestern dankten sehr für den guten Rat und die Eule rollte und kollerte vergnügt ihre glühenden Augen, klappte den Schnabel auf und zu und sah so verschmitzt und listig aus, daß Rara, Kara und das Rikralein dachten: "Was hat sie nur, sie verbirgt uns etwas?" Sie waren aber alle drei nun sehr müde geworden, die Augen fielen ihnen fast zu und die Eule sagte: "Schlaft jetzt und morgen mit Sonnenaufgang zieht ihr in eure neue Heimat, ich will jetzt noch auf die Mäusejagd fliegen."

Die Eule nahm Abschied und die Schwestern schliefen wirklich ein und sie träumten von der schönen, verlassenen Heimat. Sie meinten wirklich, sie wären noch auf der Insel und sie mußten sich am anderen Morgen erst besinnen, daß sie ja in der Fremde waren. Doch der Tag stieg sonnig empor, er lockte zum Flug im blauen Luftmeer und über der Lust des Fliegens vergaßen die Auswanderer etwas ihren Kummer. Sie flogen wie die drei Schwestern sie nach der Eule Rat führten, über den Wald hinweg, über Felder und flaches Land und dann sahen sie unter sich eine Stadt liegen. Türmereich und wohlhäbig breitete sie sich in einer weiten, fruchtbaren Ebene aus. Im Westen zog sich auch der Wald bis dicht an die Stadt heran. Nun jauchzten die Krähen, das war der rechte Weg. Sie flogen und flogen immerzu, rastlos. Sie überflogen die Stadt, die groß war und deren Straßen weit in das Land hinauszeigten. Und wenn die Krähen dachten, nun hat's ein Ende, dann kamen noch einmal Häuser und Gärten und wieder Häuser, aber endlich kam doch der Wald. Schmale, schimmernde Wege liefen dort hindurch, die Schienenstränge der Bahn waren es, so wie es die Eule erzählt hatte.

Tief herab flogen die Auswanderer, sie mußten sich die Bahn doch näher anschauen und gerade, als sie dicht über dem Bahndamm schwebten, sauste und brauste ein Zug heran. Gellend schrien die Vögel auf, sie stiegen hoch, der dicke Rauch der Lokomotive hüllte sie ganz ein und sie kreischten laut vor Schreck und Angst. Aber dann, als der Zug vorbei war, ärgerten sie sich, sie schämten sich auch ein wenig und Rara rief: "Auf, auf, wir wollen ihm nachfliegen!"

"So ist's recht, so ist's recht," jubelten die anderen und wie eine schwarze Wetterwolke zogen die Krähen dem Zuge nach. Aus dem Walde rannte der hinaus, lief über ein Stück Wiesenland, dann pustete er an einem Flusse dahin, aber, vielleicht weil ihm der Fluß mit seinem eintönigen Rauschen langweilig war, drehte er sich geschwind um und eilte ächzend einen Berg hinauf. Puff, puff, ruch, ruch, war das schwer! Der lange Zug keuchte und die Krähen über ihm lachten. "Warum fliegst du denn nicht? Heioh, heioh, wie dumm!"

"Fliegen, das können nur wir," jauchzte das Rikralein. Es begann in der Luft zu tanzen, es stieg kreisend hoch, ließ sich herabfallen drehte sich lachend im Kreise und die anderen wirbelten um es herum.

Die Schwestern mahnten: "Wir müssen weiter." Dann flogen sie ein Stück weiter und sie vergaßen darüber völlig, daß sie heimatlos waren und nicht wußten, wo sie am Abend schlafen würden.

Und dann kam jäh etwas Furchtbares. Die Krähen hatten jetzt wieder den Zug ein Stück überholt und kreischten spöttisch hinab: "Fliege doch, fliege doch!" als sich auf einmal über ihnen ein schreckliches Getöse erhob. Zugleich sahen sie, wie andere Vögel in wilder Eile flohen, sich im Walde versteckten und angstvoll hin- und herflatterten. Sie sahen, wie selbst ein paar Habichte die Flucht ergriffen und als sie zitternd in die Höhe blickten, sahen sie über sich einen ungeheuren, hellen Vogel schweben, ein riesiges Tier. Es hatte eine dröhnende Stimme, mit der brüllte es immerzu, es brüllte so laut, daß unten die Menschen, die im Zuge fuhren, emporsahen. Die schrien auch laut, aber sie schienen gar nicht ängstlich zu sein, denn sie lachten und nickten, sie schwenkten weiße Tücher und riefen: "Hurra, ein Luftschiff!"

Und wunderlich, aus dem brüllenden Riesenvogel heraus sahen auch Menschen, die lachten und nickten auch, sie schwenkten auch weiße Tücher und jubelten: "Wir fliegen, wir fliegen!"

Die Krähen wären wohl so wild und angstvoll entflohen wie die anderen Vögel, wenn Rara und Kara, die beiden älteren Schwestern, nicht zur Ruhe ermahnt hätten. "Wir kennen den Vogel," mahnten sie, "wir sahen ihn schon einmal, er tut uns nichts, haltet euch nur alle an unserer Seite."

Die anderen gehorchten. Stumm senkten sie sich alle zur Erde nieder auf einen Baum, den Rara mit scharfen Augen als leer von Nestern erspäht hatte. Es wohnten auch keine Vögel darauf, nur ein paar Eichhörnchen, die scheltend und fauchend auf die fremden Gäste losfuhren. Aber als die Schwestern baten: "Ach, laßt uns hier nur kurze Rast halten," gaben sie sich zufrieden.

"Ausruhen dürft ihr," sagten die Eichhörnchen, "nur Nester bauen, das ist verboten!"

Das ungeheure Tier rauschte vorüber, aber noch lange, lange hörten die Vögel seine dröhnende Stimme und wagten deshalb nicht, aufzufliegen um ihre Reise fortzusetzen. Endlich taten sie es doch. Die Eichhörnchen brummten: "Es ist auch Zeit, das war ein langer Besuch" und die Krähen sagten zueinander: "Gut, daß wir hier nicht zu wohnen brauchen, ach in der Heimat war es freundlicher, da kannten uns alle und niemand schalt uns ungebetene Gäste."

Sie stiegen nun wieder hoch empor, spähten nach dem schmalen, schimmernden Schienenweg aus und flogen dann der glänzenden Spur nach, der neuen, unbekannten Heimat entgegen. Ihre Herzen waren ihnen schwer und selbst die drei Schwestern klagten: "Wie ist es traurig, in der Fremde zu sein!"

Kapitel 2 - In der neuen Heimat



Zwei Kinder, Bruder und Schwester, saßen unter vielen fremden Menschen in dem Zuge, den die Krähen überflogen. Das Mädel hatte silberblondes Haar, und sein Gesicht sah blaß und zart aus; es glich einer weißen, feinen Gartenblume. Der Knabe war kräftiger, blühender, er hatte dunklere Haare, doch seine Augen waren gerade so blau und strahlend wie die der Schwester. Die Kinder saßen still nebeneinander und blickten zum Fenster hinaus, manchmal sah die blasse Schwester den Bruder an, dann nickte der und sagte: "Hab' keine Angst, Gundel, ich bin ja bei dir!"

Darauf lächelte die Kleine zuversichtlich und schmiegte sich noch ein wenig fester an den Bruder an. Dann und wann versuchte jemand von den Mitreisenden mit den Kindern ein Gespräch anzufangen. Woher sie kämen, wohin sie wollten, warum sie so allein reisten? Doch die beiden gaben nicht viel Antwort und die Fremden gaben das Fragen immer bald wieder auf. Bei jeder Station sah der Knabe emsig in sein Taschenbüchlein und die Schwester fragte: "Sind wir bald da?"

"Noch nicht, noch nicht," erwiderte der Bruder, bis er endlich rief: "Auf der nächsten Station steigen wir aus!" Ganz eilfertig holte der Knabe ein bescheidenes Handköfferlein aus dem Gepäcknetz, suchte Mäntel und Schirme zusammen und sagte immer wieder: "Gleich sind wir da!"

"Na, so schnell geht's noch nicht," brummte ein dicker Herr, der den beiden gegenüber saß, "der Zug hält erst in P., bis dahin fahren wir noch gut eine halbe Stunde."

"Wir steigen in Friedebach aus," sagte der Knabe sehr höflich und bescheiden.

"Dort hält der Zug nicht."

"Doch, hier steht's," rief der Knabe nun eifrig und hielt sein Taschenbüchlein dem dicken Herrn hin. Der sah hinein, schüttelte mit dem Kopf und sagte trocken: "Da steht's schon, aber es stimmt nicht. Ich fahre oft hier, der Zug hält in Friedebach nicht, es ist ein Schnellzug."

Die Kinder sahen sich erschrocken an, Gundel wurde noch blässer vor Schreck, aber der Bruder meinte rasch: "Er wird schon halten der Herr Rat hat es doch gesagt."

"Er hält nicht," rief der dicke Herr nun ärgerlich und bat den Schaffner herbei, der eben durch den Wagen ging. Der kam, betrachtete die Fahrkarten der Kinder und sagte: "Ja, ihr hättet in L. umsteigen müssen, der Zug geht weiter, er hält wirklich nicht in Friedebach."

Gundel brach in Tränen aus, aber der Bruder hielt sich tapfer und fragte wie ein alter erfahrener Reisender, wie er wohl nach Friedebach käme? "Mit dem nächsten Zug, nach drei Stunden geht einer von P. zurück," gab der Schaffner Auskunft. "Aber freilich nachzahlen müßt ihr in P., was das Billet mehr kostet, auch ein neues nach Friedebach lösen."

In die schmalen seinen Gesichter stieg dunkle Glut. Die beiden sahen sich verlegen an und endlich sagte der Knabe leise, beschämt: "Wir haben kein Geld."