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Inhaltsverzeichnis
 
Das Buch
Der Autor
Widmung
Inschrift
 
 
Copyright

Das Buch
Eigentlich hätte aus Raymond Marks ein ganz normaler Junge in einer ganz gewöhnlichen Stadt in Nordengland werden können: ohne Vater, der schon früh das Weite gesucht hat, um das freie Leben eines Musikers zu führen, mit der Mutter, die ihren Sohn liebt, aber nicht versteht, und der Großmutter, die ihren Enkel liebt und versteht, aber ziemlich verrückt ist. Doch der Tag, an dem der elfjährige Raymond in einer Schulpause das »Fliegenfangen« erfindet, ändert alles. Das harmlose Spiel wird katastrophal missverstanden, Raymond fliegt von der Schule und beginnt ein tragikomisches Leben als Außenseiter und Sonderling.
 
»Erinnert an das Beste, was jeder jemals gelesen hat – irgendwo zwischen Der Fänger im Roggen und der Unendlichen Geschichte, dabei so meisterhaft konstruiert wie die Romane von John Irving.« Penthouse
 
»Willy Russell präsentiert mit Raymond Marks einen merkwürdig liebenswerten, verletzlichen und doch starken Helden. Unvergesslich!« Elle

Der Autor
Willy Russell wurde in Whiston, nahe Liverpool, geboren, verließ mit fünfzehn die Schule und war Damenfriseur, Sockenverkäufer und fahrender Folksänger, bevor er ernsthaft zu schreiben begann. Er ist der Autor von erfolgreichen Westend-Musicals wie Educating Rita und Shirley Valentine, für deren Verfilmung er auch oscar-nominierte Drehbücher schrieb. Der Fliegenfänger ist sein erster Roman.

Für Annie

And if you have five seconds to spare
I’ll tell you the story of my life:
Sixteen clumsy and shy
I went to London and I …
Morrissey, »Half a Person«

16. Juni 1991
Birch Services,
M62 Motorway
 
Lieber Morrissey,
 
ich fühl mich total down und deprimiert. Wie eine Straßenlampe ohne Birne oder eine Weihnachtsgans im Advent. Jedenfalls hab ich gedacht, jetzt schreib ich mal ein paar Zeilen an jemand, der mich versteht. Ich weiß, dass du wahrscheinlich gar nicht antworten wirst; ich weiß ja nicht mal, ob dich das hier überhaupt erreicht. Und selbst wenn du mir antworten würdest, würde mich deine Antwort nicht mehr erreichen, weil ich schon weg bin. Obige Adresse ist nämlich eine Raststätte, an der ich vorbeigekommen bin. Wahrscheinlich werf ich diesen Brief nicht mal ein. Ich schreib ihn nämlich in das Heft, in dem ich auch meine Songtexte und Ideen festhalte. So’ne Art Tagebuch wahrscheinlich; obwohl das jetzt gleich so großartig klingt. Jedenfalls schreib ich in dieses Heft, während ich unter lauter Fernfahrern, Touristen, Vertretern und Durchreisenden sitze. Mir kam gerade der Gedanke, dass du vielleicht selber schon mal in dieser Cafeteria warst, vielleicht ganz früher, auf der Heimfahrt von einem Auftritt, du und die Jungs, und ihr habt hier angehalten und einen Tee getrunken. Irgendwie ist das ein Trost, der Gedanke, dass du vielleicht schon mal hier warst, Morrissey, und vielleicht sogar genau am gleichen Tisch gesessen hast wie ich jetzt. Was dir wohl durch den Kopf ging, hier in diesem Selbstbedienungstempel mit seiner Vollkornbrotbar, dem frittierten Kabeljau und dem panierten Schellfisch – auf einer Warmhalteplatte gestrandet, weit, weit weg vom brausenden Meer. Ich sitze hier einem voll fetten Fernfahrer gegenüber, der mich mitgenommen hat. Mir wär’s lieber, der Arsch hätte nicht wegen mir angehalten. Zu Fuß wär ich schneller gewesen. Wir haben von Manchester bis hierher fast zwei Stunden gebraucht, weil er unterwegs an jedem Restaurant und jedem Imbiss aussteigen und was essen muss.
Als ich zu ihm ins Führerhaus kletterte, fragte er: »Wo soll’s denn hingehen?«
Ich sagte: »Grimsby.«
Darauf er: »Was machst du denn da?«
Ich: »Arbeiten.«
Er nickte zu meiner Gitarre hin. »Und als was?«, fragte er lachend. »Straßenmusikant?«
»Nein«, sagte ich. »Ich arbeite auf dem Bau!«
Er machte ein skeptisches Gesicht.
»Dies und das«, sagte ich, »Tee kochen und so.«
Er nickte. Dann fragte er: »Warum fährst du denn zum Arbeiten so weit weg?«
Ich dachte nach. Und dann sagte ich: »Wegen Morrissey.«
»Morris wer?«, fragte er.
»Morrissey«, sagte ich, »nicht Morris wer. Morrissey, der größte lebende Songschreiber. Der war früher mal bei den Smiths.«
»Ach so«, sagte er, »dieses langweilige Arschloch!«
Damit war das Gespräch für mich beendet. Er legte eine Phil-Collins-Kassette ein, furzte ein paar Mal und ich fand, dass das zu dieser Musik ganz gut passte.
Jetzt hat er sich gerade noch eine Speckstulle zwischen die Zähne gestopft und lacht so hemmungslos, dass man den Brei aus zerkautem Brot, Speck und Speichel in seinem Mund sieht. Er findet es rasend komisch, dass ich gesagt hab, ich sei Vegetarier. Darum lacht er jetzt so.
»Ich weiß wirklich nicht, was es zu lachen gibt«, erklärte ich, »alle möglichen Leute sind Vegetarier; George Bernard Shaw war zum Beispiel Vegetarier. Und Mahatma Gandhi! Überhaupt sind die meisten Menschen Vegetarier«, sagte ich, »inklusive Morrissey. Und mir.«
Er kriegte sich gar nicht mehr ein vor Lachen.
»Und deshalb«, schloss ich, »bin ich Vegetarier geworden. Wegen Morrissey.«
Aber das hätte ich mir alles genauso gut sparen können und deshalb hielt ich den Mund und ließ ihn weiterlachen. Was soll man auch zu einem Banausen sagen, der auf Phil Collins und Dire Straits und derlei seichtes Zeug steht? Ich hab jetzt meinen Walkman auf, damit ich wenigstens nicht höre, wie er lacht. Das einzig Positive daran, dass er mich mitgenommen hat, ist: Er ist so fett, dass ich mir im Vergleich echt dünn vorkomme. Ich bin zwar nicht übergewichtig oder so, jedenfalls nicht mehr, Morrissey. Aber obwohl ich heute nicht mehr dick bin, vergesse ich das manchmal und denke immer noch, ich sei ein Schwergewicht. Und ich hasse Bilder von früher, auf denen ich noch dick bin. Fotografien sind wie Computer – sie sagen nie die Wahrheit. Das ist wie bei diesem Bild von Oscar Wilde, Morrissey, du weißt schon, wo er die Stiefel anhat und an der Wand lehnt. Wenn das das einzige noch existierende Bild von Oscar Wilde wär, würde doch jeder denken, er sei dick gewesen, oder? Aber Oscar Wilde war nie dick, nicht innerlich. Und ich war auch nie dick, jedenfalls nicht innerlich. Und wahrscheinlich war das einfach so eine Phase, die Oscar Wilde durchgemacht hat, und er konnte nichts dafür, genauso wenig wie ich. Moby Dick haben sie mich damals genannt! Als wir nach Wythenshawe zogen, steckten sie mich in diese Gesamtschule, wo ich keinen kannte, und es war auch noch mitten im Schuljahr. Ich kam ins Klassenzimmer, und Steven Spanswick hob den Kopf und sagte: »Verdammte Scheiße – da kommt Moby Dick!«
Und die ganze Klasse brach in Gelächter aus, sogar der Lehrer!
Aber das lässt mich jetzt kalt – Spegga Spanswick und Barry Tucknott und Mustapha Golightly und dieser ganze Haufen. Lauter Witzfiguren! Eigentlich bin ich ihnen sogar dankbar. Wegen Typen wie Steve Spanswick und Jackson und solchen Trotteln hab ich damals nämlich meinen ersten Song geschrieben, »Lässt mich kalt«. Der Text ging so:
Lässt mich kalt
Wenn ihr mir eine knallt
Wenn ihr auf meine Nikes rotzt
Oder mir auf mein Skateboard kotzt
Lässt mich kalt
Lässt mich kalt, wenn ihr mich überfallt
Euer Schrott in meinen Ohren schallt
Lässt mich kalt
Wenn ihr mich blöde Fettsau nennt
Euren Ball in meine Eier brennt
Lässt mich kalt
Mir geht so was nicht nah
Denn ich bin gar nicht da
Lässt mich kalt
Im Rückblick kommt mir das schrecklich belehrend und irgendwie allzu simpel vor. Es ist wirklich total peinlich, vorhersehbar und epigonal. Aber schließlich muss jeder Künstler mal irgendwo anfangen, und entscheidend ist doch, dass ich überhaupt angefangen hab, selbst zu schreiben, egal mit was für Texten. O Scheiße, was will Speckfresse denn jetzt schon wieder von mir …?

Später,
hinten im Lastwagen
eines Teppichlegers,
irgendwo in den Penninen
(wie mir scheint)
 
Lieber Morrissey,
 
ich könnte immer noch vor Scham im Erdboden versinken. Ich kam gar nicht schnell genug aus der Raststätte raus!
Diese Bodenleger fahren nach Halifax und haben gesagt, sie würden mich dort absetzen. Ich weiß nicht mal, ob Halifax auf dem Weg liegt, aber ich wär überallhin mitgefahren, bloß um von der Raststätte wegzukommen.
Ich bin froh, dass das Ganze wenigstens dort passiert ist, wo alle Leute nur auf der Durchreise sind, und dass ich sie deshalb hoffentlich nie wiedersehe!
Da ich ja meinen Walkman aufhatte und an dich schrieb, war mir völlig entgangen, dass das Fettmonster etwas zu mir sagte. Als ich dann den Kopfhörer abnahm, schrie er: »Hey! Schau mal! Schau mal!«
Mein Blick folgte seinem ausgestreckten Zeigefinger. Und da sah ich sie an der Selbstbedienungsmüslitheke stehen. Sie lächelte mich an und winkte mir kurz zu. Und obwohl ich normalerweise nicht so leicht lächle, konnte ich einfach nicht anders und lächelte zurück; denn ich war ihr zwar erst ein einziges Mal am Altglasbehälter an der Bushaltestelle Failsworth Boulevard begegnet, aber ich hatte es nie vergessen, das Mädchen mit den Kastanienaugen. Ich kannte sie nicht und sie kannte mich nicht. Wir standen da in der Schlange, die auf den Bus wartete – sie fast ganz vorn und ich ganz hinten. Erst war ich ein bisschen geschockt, als sie mir einfach so zunickte. Ich muss wohl ziemlich ratlos ausgesehen haben, denn sie lächelte erneut und machte ihre Jeansjacke auf, damit ich ihr T-Shirt sehen konnte. Und jetzt begriff ich. Und lächelte zurück. Sie trug genau das gleiche T-Shirt wie ich! Das gleiche, das ich auch heute trage, das, wo man vorn das Bild von Edith Sitwell sieht und hinten Morrissey draufsteht. Es ist immer toll, wenn man einem andern Morrissey-Fan begegnet. Auch wenn man die Person noch nie gesehen hat, weiß man doch, es gibt etwas Wichtiges, das man mit ihr teilt. Sie rief mir vom vorderen Ende der Schlange etwas zu und zwar: »Wo hat Morrissey seine Tasche verloren?«
Ich lachte. Und sagte: »Das ist ganz leicht: Newport Pagnell!«
Da lachte sie auch und alle Leute in der Schlange starrten uns an, als seien wir bescheuert oder gehörten zu diesen dekadenten, drogenbenebelten Randalierern, über die ständig in der Failsworth Fanfare berichtet wird. Aber das ließ mich kalt. Ließ uns kalt. Wir waren Morrissey-Fans!
Ich sagte: »Für welchen Job hat er sich beim CVJM beworben?«
Sie lachte wieder und sagte: »Das ist doch kinderleicht! Als Rückenschrubber.«
Wir amüsierten uns prächtig an der Bushaltestelle, ich und das Mädchen mit den Kastanienaugen.
»Was hatte Morrissey bei sich«, fragte sie, »als er ins Palace einbrach?«
Wir riefen die Antwort gleichzeitig: »Einen Schwamm! Und einen rostigen Schraubenschlüssel!«
Und dann lachten wir beide. Und da sah ich ihre Augen, sah, dass sie dunkel glänzten wie Kastanien, die man gerade aus der Schale gepellt hat. Ich glaube, ich hab sie angestarrt, denn plötzlich zuckte sie die Achseln. Und dann fragte sie mich: »Hast du zufällig den New-York-Mix von ›This Charming Man‹, den mit dem verdruckten Cover?«
Ich nickte. Und sie sah mich an, als sei sie wirklich tief beeindruckt. Aber dann kam der Bus und irgendjemand hinter ihr meinte, sie solle nicht die ganze Schlange aufhalten. Also ging sie und stieg ein. Hoffentlich hielt sie mich jetzt nicht für eingebildet oder selbstgefällig, weil ich gesagt hatte, dass ich den New-York-Mix von »This Charming Man« mit dem verdruckten Cover besitze. Ich wollte nicht, dass sie mich für einen Wichtigtuer hielt. Als ich in der Schlange weiterrückte, nahm ich mir vor, falls sich im Bus noch ein Gespräch ergab, keinesfalls zu erwähnen, dass ich auch das verdruckte New Yorker Cover von »Hand In Glove« besitze. Vielleicht hätte sie es wirklich protzig oder sogar ein bisschen ordinär gefunden, dass jemand nicht nur eins, sondern gleich zwei der begehrtesten Morrissey-Sammlerstücke besitzt.
Doch es kam zu keinem Gespräch mehr im Bus. Ich kam gar nicht erst rein! Denn als ich endlich beim Fahrer angekommen war, sagte der: »Schluss. Wir sind voll!«, und als ich protestieren wollte, drückte er einfach auf den Hebel und die Türen knallten mir vor der Nase zu.
Danach hab ich es nie mehr gesehen, das Mädchen mit den Kastanienaugen. Nirgends. Ich hoffte immer, dass sie mir mal wieder über den Weg laufen würde, aber ich wusste auch, dass das sehr unwahrscheinlich war, vor allem, weil ich das Haus nur verlasse, wenn es absolut nötig ist. Meistens bin ich ganz glücklich damit, unglücklich in meinem Zimmer zu hocken. Und selbst wenn ich mehr rausginge, wozu mich meine Mam ja dauernd drängt, glaub ich trotzdem nicht, dass es mir noch mal über den Weg gelaufen wär, das Mädchen mit den Kastanienaugen. Ich hatte an ihrem Akzent erkannt, dass sie gar nicht aus Failsworth kam. Also war sie wahrscheinlich an jenem Tag, als ich sie an der Bushaltestelle traf, zum ersten und einzigen Mal in ihrem ganzen Leben in Failsworth gewesen. Deshalb wusste ich, dass ich sie wahrscheinlich nie mehr wiedersehen würde. Und ab und zu dachte ich, ich hätte sie gar nicht wirklich gesehen, sie sei einfach nur der Mensch gewesen, den ich gern gesehen hätte, das Mädchen mit den Kastanienaugen.
Aber heute, als ich diesem Fettmonster von Fernfahrer gegenübersaß, stand sie plötzlich da, mitten in der Cafeteria! Und sie erkannte mich und lächelte mir wieder zu und näherte sich mit ihrem Tablett dem Tisch, an dem ich saß. Doch sie kam nicht an! Sie kam nicht bis zu mir. Denn als sie näher kam, hörte ich plötzlich Speckfresse Fernfahrer sagen: »Ja, Süße, setz dich zu mir. Ich sag dir mal was: So schnell kannst du gar nicht gucken, wie ich dir den Schornstein fege!« Was darauf folgte, Morrissey, war wie die unheimliche Stille nach einer Bombenexplosion. Das Lächeln des Mädchens mit den Kastanienaugen erlosch. Und das Allerschlimmste war, dass sie mich immer noch anschaute, aber jetzt las ich nur noch Schmerz und Kränkung in ihrem Blick, als hätte man sie tödlich verwundet. Sie blickte mich immer noch an, aber jetzt total ernüchtert und enttäuscht, dann blieb sie abrupt stehen, wandte sich ab und ging zu einem andern Tisch, an dem ein älteres Ehepaar sie mit freundlichem Lächeln und wässrigen Augen empfing. Und dann, während ich dasaß, starr vor Schreck über das, was Fernfahrer Speckfresse gerade zu ihr gesagt hatte, wurde mir plötzlich klar: Sie musste ja denken, dass ich und er zusammengehörten! Dass ich jemand war, der so einen Typen wie Fernfahrer Speckfresse kannte! Ich rappelte mich auf und ging zu ihr rüber, um ihr alles zu erklären! Aber da grölte er schon wieder los, lauter dummes primitives Zeug, und sie blickte auf, sah mich kommen und wollte sofort wieder weg. Ich streckte die Hand aus, um sie festzuhalten; ich wollte ihr alles erklären und mich für alles entschuldigen. Doch als meine Hand ihren Arm berührte, riss sie ihn weg und ihr gesamter Müslimix ergoss sich über die beiden Rentner, deren Frühstück aus Speck und Spiegelei jetzt mit Haferflocken, Weizenkeimen und Rosinen garniert war.
»Lass mich in Ruhe«, sagte das Mädchen mit den Kastanienaugen. Und sie stand da und zitterte leicht wie ein im Flug abgeschossenes Vögelchen, in dessen Flügel eine Schrotkugel steckt.
»Ja, mach, dass du weiterkommst! Lass das arme Mädchen in Ruhe!«, fuhr mich die Rentnerin an.
»Und uns auch!«, sagte der Mann. »Schau dir das an!«, sagte er. »Schau bloß, was du angerichtet hast! Den Tee kann ich jetzt nicht mehr trinken. Da schwimmen ja lauter Körner und Obststückchen und alles mögliche Zeug drin rum!«
Ich bot ihm an, einen neuen Tee zu besorgen. Und seiner Frau auch. Ich bot an, ihnen ein neues Frühstück zu bringen. »Und dir auch«, sagte ich zu dem Mädchen. »Dir hol ich eine neue Schale Müslimix.«
Aber sie würdigte mich keines Blickes. Sie starrte nur vor sich auf den Tisch, als sei sie ganz in sich gekehrt. Und sie sagte: »Lass mich in Ruhe. Verschwinde. Hau ab.«
Und daran, wie sie es sagte, merkte ich, dass es zwecklos war, ihr weiter zu widersprechen oder sie überzeugen zu wollen. Ich konnte nur noch murmeln, es tue mir Leid.
Dann drehte ich mich um und ging weg und hätte mir vor Scham und Verlegenheit am liebsten eine Decke über den Kopf gezogen. Ich ging zu meinem Tisch zurück, schnappte mir meine Gitarre und meine Tasche und wollte einfach bloß weg. Aber plötzlich sah ich, dass sich diese wandelnde Obszönität von einem Fernfahrer mein Songbook geklaut hatte! Er hatte es aus meiner Tasche genommen und las meinen Brief an dich, Morrissey, er las ihn und lachte! Ich wollte ihm das Heft aus der Hand reißen, aber er war schneller und hielt es so hoch, dass ich nicht drankam. Und dabei spottete er die ganze Zeit: »Okay, Moby, immer mit der Ruhe, Moby. Was ist denn los, Moby Dick, hat sie dich nicht rangelassen?«
Ich überlegte krampfhaft, was in einer solchen Situation wohl Oscar Wilde getan hätte, welch beißendes Epitheton er wohl geprägt hätte, um seinen Gegner zu demütigen, zu verletzen, zu vernichten … Aber da mir nichts einfiel, schnappte ich mir einfach eine Gabel und stieß sie dem Fettsack in die Hand. Er brüllte wie am Spieß und ließ mein Songbook fallen. Doch als ich mich bückte, um es aufzuheben, rammte er mir voll das Knie ins Gesicht. Ich sah nicht einfach nur Sterne; ich sah die Festbeleuchtung von Blackpool.
Offenbar griffen an diesem Punkt die Teppichleger ein und konnten gerade noch verhindern, dass er mir auf dem Kopf herumtrampelte. Als ich wieder zu mir kam, führte mich einer der Teppichleger zur Tür und der andere trug meine Sachen hinterher. Als wir uns dem Tisch des schönen Mädchens näherten, sagte der Teppichleger, der meine Sachen trug, zu dem Teppichleger, der mich stützte: »Hey, der Kleinen da würde ich’s gern mal so richtig besorgen.«
Und ich hörte sie so widerlich grölend lachen, wie das nur Männer können. Und als ich an ihr vorbeiging, hob das Mädchen mit den Kastanienaugen den Kopf und warf mir einen bitter enttäuschten Blick zu. Da blieb ich stehen, direkt vor ihrem Tisch, und sagte zu ihr: »Ich teile nicht ihre Gedanken und nicht ihr Tun. Du schätzt mich ganz falsch ein. Ich hab nämlich zufällig ein Zölibatsgelübde abgelegt!«
Tja, und so kamen die Teppichleger auf die Idee, dass ich Priesteranwärter sei. Als mir der eine hinten auf den Lastwagen half, entschuldigte sich der andere, der meine Sachen trug, für seine derbe, schlüpfrige Bemerkung. Und jetzt sitze ich auf sechs Rollen geblümtem Plüschvelours und fahr die Bergkette der Penninen rauf. Und die Teppichleger benehmen sich wie Musterknaben und sagen dauernd »Pater« zu mir.
Ich hab Gewissensbisse, weil ich behauptet habe, ich hätte ein Zölibatsgelübde abgelegt. Nicht wegen der Teppichleger, sondern wegen des Mädchens. Jetzt hab ich sie auch noch angelogen, Morrissey. Ich hab nämlich gar nicht extra ein Zölibatsgelübde abgelegt, sondern ich bin einfach so! Zölibatär! So ist das eben. Wasser ist nass. Gras ist grün. Raymond ist zölibatär. Und da dies eine unbestreitbare Tatsache ist, kann ich genauso gut so was wie eine Tugend draus machen. Einmal war ich samstags in der Stadt und da hab ich an der Wand von Kentucky Fried Chicken dieses Graffiti gesehen. Es lautete: »Raymond Marks hat es noch nie getan!« In der gleichen Nacht kam ich mit einer Spraydose zurück und schrieb: »Raymond Marks will es auch gar nicht tun!«
Da hatte ich gerade den Artikel über dich gelesen, Morrissey, wo du dem Interviewer sagst, dass du ein »abgefallener Zölibatär« bist. Das fand ich klasse. Ich wünschte, ich könnte von mir das Gleiche sagen, doch bisher fällt mir der Teil mit dem »zölibatär« leichter als der mit dem »abfallen«. Aber ich mache mir nicht allzu viele Gedanken drüber. Ich hab meine Morrissey-Platten und meine Smiths-Platten und mein Buch mit Oscar-Wilde-Zitaten. Und ich schreib meine Texte und das ist mir total wichtig. Und weißt du, was mir aufgefallen ist, Morrissey, wenn ich was über andere Schriftsteller gelesen oder mir Interviews angehört hab? Viele von ihnen sagen das Gleiche – dass Schreiben letzten Endes besser ist als Sex. Also, wenn das stimmt, geht’s mir super.
 
Mit freundlichen Grüßen
Raymond Marks

Aus dem Songbook von
Raymond James Marks
Hinter der Einkaufspassage am Zaun,
riesig hoch und mächtig breit,
steht ein uralter Kastanienbaum
wie aus einer anderen Zeit.
Ich warf einen Stock nach einem Ast,
damit’ne Kastanie runterfällt.
Der Stock fiel herab, erschlug mich fast,
da war mir der Tag vergällt.
Ich nahm den Stock und brach ihn entzwei
und es donnerte schon ganz nah,
als ich sie sagen hörte: »Ray!«,
und ihre Kastanienaugen sah.
Sie sagte sanft: »Versuch’s nicht mehr,
vergebliche Liebesmüh.
Komm Ende Oktober wieder her,
Mitte Juni ist viel zu früh.«
Ich griff nach ihr, sie war ganz nah,
ich griff ins Leere, obwohl ich sie sah,
obwohl ich es ganz genau wusste, ja,
ich weiß, sie war da.
Und so verlegte ich mich aufs Warten,
bis die Schwalben ihre Nester bauten,
bis Schmetterlinge im Sturm erstarrten
und welke Blätter sich im Rinnstein stauten.
Dann ging ich heiter und bereit
zurück zu dem Kastanienbaum,
fand aber nichts! Nur Einsamkeit
wie in einem düsteren Traum.
Das Herz blieb mir beinah stehn,
ich war trauriger als ein Zirkusclown;
Denn was bekam ich zu sehn?
Die hatten den Baum umgehaun!
Ich wandte mich ab wie der Sieger,
dem man den Kampfpreis versagt,
obwohl er gekämpft wie ein Tiger,
und der sich jetzt bitter beklagt.
Alles begann ich zu hassen
wie ein mürrischer Trauerkloß,
wie Deirdre (von Ken Barlow verlassen),
und ich rannte einfach los.
Ich rannte bis an ein Gewässer,
Rochdale-Kanal genannt;
ich machte Schluss, das war besser,
ich war völlig ausgebrannt.
»Morgen« klang für mich öde und hohl,
bald hieß es »in memoriam«.
Ich sagte leise Lebewohl
zu Oscar Wilde und meiner Mam.
Ich watete in das eiskalte Nass,
überall rostiger Schrott,
da hörte ich jemand rufen: »Was
macht denn dieser Dummkopf? O Gott!«
 
Es wurde ganz still, und ich sank wie ein Wrack
in dem dunklen, kalten Sog,
als mich plötzlich jemand am Anorak
aus dem eisigen Wasser zog.
Mein Bett stand in einem weißen Raum,
Licht brannte die ganze Nacht
und jemand sagte, den hat wohl auch
irgend was um den Verstand gebracht.
Ich rief empört: Entlasst mich doch!
Hört mal, das ist nicht fair!
Meinen Verstand, den hab ich noch,
nur meine Kastanien nicht mehr!
Ich erklärte ihnen den Sachverhalt
und gebärdete mich wie toll.
Sie sagten: »Der ist total durchgeknallt«,
und pumpten mit Pillen mich voll.
Sie sagten: »Damit es dir besser geht«,
doch mein Hirn wurde zu Matsch,
und ich saß vor dem Fernseher auf dem Bett
und glotzte irgend’nen Quatsch.
Greisenhaft schlurfte ich durch den Park,
mühsam, als hätte ich Schmerzen,
vom Kummer getroffen bis ins Mark,
im Klub der gebrochenen Herzen.
 
Winter und Frühling gingen vorbei,
auch den Sommer bekam ich kaum mit,
denn entweder war mein Hirn weich wie Brei
oder mürbe wie Biskuit.
Doch dann kam herbstliches Wetter
und ich schlurfte ermattet durchs Laub.
Da war mir, als riefen die Blätter:
»Schau her, du! Hey, bist du taub?«
Ich sammelte meinen Willen,
hob den Kopf und glotzte stier,
und durch den Nebel aus Pillen
sah ich dies hier vor mir:
von einer goldnen Galeone den Bug,
groß wie ein Kastanienbaum.
Erst hielt ich’s für einen Valiumspuk,
einen Tranquilizertraum.
Doch als ich mich in den Unterarm kniff,
damit ich nicht doch den Verstand verlor,
trat plötzlich hinter dem mächtigen Schiff
das kastanienäugige Mädchen hervor.
Sie umschlang mich und flüsterte leise:
»Vertrau mir jederzeit,
wenn du niemals an mir zweifelst,
ist die Rettung nicht mehr weit.«
Ich versprach es ihr leise ins Ohr –
da versank ich in brennendem Schnee.
Flammen schlugen empor
wie ein Horrortrip auf LSD.
In eine Peitsche verwandelte sich
das Mädchen und schlug mich frech,
und als ich nicht losließ, verletzte sie mich
als scharfes, schartiges Blech.
Sie riss mir blutige Fleischfetzen raus,
wie sehr ich auch lauthals jammerte,
sie stach mir beide Augen aus,
während ich sie fest umklammerte.
Und plötzlich war sie ein Skorpion,
zerstach die Arme mir.
Doch ich ließ sie immer noch nicht los,
zweifelte immer noch nicht an ihr.
Sie wurde zu jeder Plage und Not,
zu Atombombe, Hunger und Pest.
Sie trug die Fratze von Grauen und Tod,
doch ich hielt sie immer noch fest.
Dann wurde sie zur gleißenden Glut,
mit der uns die Sonne blendet,
und jetzt verließ mich fast der Mut –
da war meine Marter beendet.
 
Wir schlenderten fröhlich Hand in Hand
und keine Ängste drohten
und niemand sah mir jetzt noch an,
dass ich kam aus dem Reich der Toten,
wo Tranquilizer alle Kraft
aus Hirn und Herz dir saugen –
denn jetzt gehörte ich dauerhaft
dem Mädchen mit den Kastanienaugen.
 
RJM

Ein Parkplatz,
A 58,
am Stadtrand
von Halifax
 
Lieber Morrissey,
 
die verrückten Teppichleger haben mich hier rausgelassen. Als ich aus dem Lastwagen kletterte, zeigten sie auf die Stadt und sagten: »So, da wären wir, Pater. Endstation.«
Ich schaute hinaus auf dieses Panorama aus Pizzerien, Fertighäusern mit Fassadenrauputz und verhunzten viktorianischen Gebäuden.
»Das ist Halifax«, verkündete der Fahrer stolz.
»Gut, dass Sie’s sagen«, erwiderte ich. »Ich hätt es fast mit Paris verwechselt!«
Die zwei sahen mich missbilligend an. »Wollen Sie da hin?«, fragte einer von ihnen.
Ich schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte ich, »ich wollte eigentlich nach Grimsby.«
Erst sahen sich die beiden Teppichleger an. Und dann sahen sie voller Mitgefühl mich an. Danach klopfte mir einer von ihnen auf die Schulter und sagte: »Kein Problem, Pater, kein Problem!«
Und sie versicherten mir, bevor sie weiterfuhren, dass mich bestimmt bald jemand mitnehmen würde. Ich kann nur hoffen, dass sie bessere Teppichprofis als Propheten sind! Ich sitze jetzt nämlich schon über zwei Stunden auf diesem verwahrlosten Parkplatz rum und kein Schwein hat mich mitgenommen – nur einmal fuhr ein frisierter Ford Sierra langsam an mir vorbei und zwei aufreizend gut gelaunte Idioten flegelten sich aus den Fenstern, gafften mich an und grölten: »Verpiss dich!« Dann kam ein Kleinbus voller Nonnen, der ebenfalls langsamer wurde, aber als ich mir meine Sachen schnappte und hinrannte, fuhr er weiter und die Barmherzigen Schwestern von Hebden Bridge lachten aus den Fenstern und zeigten mir den Stinkefinger. Da gab ich es auf und setzte mich unter das Straßenschild. So langsam glaube ich echt, ich hätt mit dem Bus nach Grimsby fahren sollen, wie ich’s meiner Mam gesagt hab. Aber irgendwie fand ich es per Anhalter romantischer; ein angemessener Tribut an meine letzten Tage der Freiheit. Doch so allmählich hab ich den Verdacht, dass es ein Fehler war, Vernunft und Vorsicht aufzugeben und mich auf einen Flirt mit der kapriziösen Nymphe des Abenteuers einzulassen.
Ich hasse meinen Drecksonkel Jason! Vorhin hab ich mit Filzstift quer über das Straßenschild geschrieben: »Mein Onkel Jason ist ein Schuft und ein Dieb; er hat meiner Oma ihre Satellitenschüssel geklaut! Und jetzt glotzt er Sky TV, während meine Oma sich in ihrem Bleisarg in einem engen, feindseligen Grab wälzt!« Ich hasse meinen widerlichen Onkel Jason. Wenn er nicht wär, müsste ich nicht in dieses Drecksnest Grimsby fahren.
Ja, ich weiß, vorhin hab ich gesagt, dass ich wegen dir nach Grimsby muss, Morrissey, aber ich wollte dir damit nicht die Schuld in die Schuhe schieben. Du hast bei all dem ja nur eine Zufallsrolle gespielt und ich spreche dich von jeder Schuld an meiner unfreiwilligen Flucht aus Failsworth frei. Was da passiert ist, war allein mein Fehler, das weiß ich. Ich hätt meiner Mam unter keinen Umständen deine Platten vorspielen dürfen. Aber meine Mam war so glücklich! An diesem Samstagabend war meine Mam total glücklich. Das hab ich daran gemerkt, dass sie einen Apfelkuchen backte – nach einem Delia-Smith-Rezept, das sie sich vom Bildschirmtext abgeschrieben hatte. Es waren Zimt und Nelken dran und Zitronenaroma und überhaupt lauter Sachen, die meine Mam normalerweise nie in einen Apfelkuchen reintut. Aber an diesem Abend war meine Mam glücklich. Wenn meine Mam nicht glücklich ist, bleibt der Herd kalt. Dann holt sie bloß irgendwas Tiefgefrorenes aus der Truhe und wärmt es in der Mikrowelle auf, ein freudloses, wenn auch zweckmäßiges, mechanisch ablaufendes Zubereitungsritual. Aber wenn sie Lust zum Backen hat, dann weiß ich, dass es meiner Mam gut geht, dann weiß ich, dass sie glücklich ist.
An jenem Samstagabend sang sie sogar vor sich hin, während sie auf dem Küchentisch Teig knetete. Es war »I’m not in Love«, dieser alte Song von 10 CC. Meine Mam liebt diesen Song. Und ich war glücklich, weil sie glücklich war. Als ich durch die Küche ging, um mir ein Glas Wasser zu holen, hielt sich meine Mam sogar das Wellholz vor den Mund, als wär es ein Mikrophon! Das war einer dieser entsetzlich peinlichen Momente, die man eben immer wieder mal mit seiner Mutter erlebt und bei denen sich einem der Magen zusammenkrampft. Aber Gott sei Dank passierte es in unsrer kleinen Küche, sodass diese hochnotpeinliche Entgleisung meiner Mam niemand mitbekommen hat. Und da es mich freute, dass meine Mam glücklich war, lächelte ich sogar ein bisschen.
Sie hörte auf zu singen und starrte mich neugierig an. »Na so was, Raymond«, sagte sie, »hab ich recht gesehen – du lächelst? Oder hast du bloß ein bisschen geschnuppert?«
Ich sagte: »Dieser Song, den du da gerade gesungen hast. Der ist damals in den Strawberry Studios aufgenommen worden. Das war auch das Studio der Smiths.«
»Ich liebe den Song«, sagte meine Mam und bekam beim Weitersingen einen ganz verträumten Blick. Dann drückte sie den Teig in die Form und sagte: »Aber das ist nicht deine Art von Musik, oder, Raymond?«
Ich zuckte nur die Achseln. »Klingt gar nicht so schlecht«, sagte ich. »Gefällt mir eigentlich ganz gut.«
Meine Mam starrte mich überrascht an. »Im Ernst?«, fragte sie. »Ehrlich?« Und ich merkte, dass ihr meine Zustimmung zu einem Song, den sie liebte, wahnsinnig wichtig war.
»Ja«, sagte ich. »Ist ganz okay. Nicht gerade supertoll, aber okay. Irgendwie ganz witzig, dass immer alles andersrum gemeint ist.«
Da glitt ein reizendes Lächeln über das Gesicht meiner Mam und sie schloss die Augen und sagte voller Leidenschaft: »Oh, ich finde es wunderbar! Ich finde es wunderbar, wie er ihr dauernd sagen will – wie er ihr dauernd sagen will, dass er nicht in sie verliebt ist, und dabei ist er so … dabei ist er so wahnsinnig in sie verliebt, dass er fast umkommt!«
Bei diesen Worten strahlten die Augen meiner Mam vor lauter Glück über so etwas Trauriges. Ich dachte schon, dass ihr jetzt gleich die Tränen übers Gesicht laufen würden, aber sie stieß nur einen Seufzer aus – einen tiefen, traurigen, zufriedenen Seufzer – und verstrich die gequirlten Eier auf dem Apfelkuchen.
»Weißt du, was das bedeutet, Raymond«, sagte sie, »wenn dir plötzlich die Musik gefällt, die sich deine Eltern früher mal angehört haben?«
Mir tat schon Leid, dass ich was zu diesem bescheuerten 10-CC-Song gesagt hatte; ich hätte ja sagen können, dieser eine Song sei ganz okay, aber jetzt musste ich mir doch hoffentlich nicht diese scheiß Bee Gees oder diesen bescheuerten Leo Sayer oder sonst irgendwas von dem seichten Mist anhören, auf den meine Mam nun mal steht.
»Es bedeutet, Raymond«, sagte meine Mam, »dass du … langsam erwachsen wirst.«
Sie stand da und lächelte mich stolz und glücklich und zufrieden an.
Fast wär mir rausgerutscht, dass ich überhaupt keine Lust hätte, erwachsen zu werden. Aber mit so was wollte ich meiner Mam nicht ihre frohe Stimmung verderben. Also meinte ich bloß: »Ich geh dann mal wieder in mein Zimmer, Mam.«
Doch plötzlich sagte sie: »Hey! Warum holst du nicht einfach mal ein paar von deinen Platten und spielst sie mir vor? Du hörst sie ja sonst immer nur in deinem Zimmer!«
Ich zuckte die Achseln und sagte: »Ich dachte, so was gefällt dir nicht.«
»Woher soll ich denn wissen, ob es mir gefällt?«, meinte sie. »Du lässt mich ja nie zuhören, jedenfalls nicht richtig. Ich hör es immer nur durch deine Zimmertür. Wer weiß, vielleicht würden mir deine Platten ja gefallen? Immerhin gefällt dir meine Musik, warum soll mir nicht auch deine gefallen? Weißt du was, Raymond? Ich schieb jetzt den Kuchen in den Ofen und dann setze ich mich zu dir und höre sie mir an, diese … wie heißen sie noch mal?«
»The Smiths«, sagte ich.
»The Smiths«, sagte sie. »Wir setzen uns zusammen und hören uns The Smiths an.«
Ich war skeptisch, äußerst skeptisch. Aber mir war klar, dass meine Mam sich wahnsinnig über diese Mutter-Sohn-Gemeinschaft freute und sie unbedingt weiter ausbauen wollte. Und ich wollte sie einfach nicht traurig machen. Also wischte ich meine Zweifel beiseite, ging in mein Zimmer und holte die Kassetten.
Meine Mam saß auf der Sofakante, strich ihren Rock glatt und gab sich alle Mühe, so auszusehen wie die Mütter in der Fernsehwerbung – frisch und fröhlich, in der perfekten Pose entzückter Erwartung.
»Na los, Raymond«, sagte sie strahlend. »Dann lass mal hören, was die für einen Sound draufhaben!«
Ich sagte nichts. Ich schämte mich nur insgeheim für sie. Dann drückte ich die Play-Taste und schaute krampfhaft woanders hin, während meine Mam auf dem Sofa saß, zu »This Charming Man« lächelnd den Kopf bewegte und mit den Fingern den Takt klopfte.
Sie sagte: »Das ist aber schön, Raymond! Schön, wie der Gitarre spielt, nicht?«
»Du musst auf den Text achten«, erwiderte ich.
»Tu ich ja«, sagte sie. »Tu ich ja.« Sie lauschte wieder eine Weile. »Er hat eine schöne Stimme, nicht wahr?«, sagte sie. »Der Leadsänger, irgendwie ungewöhnlich, aber wirklich eine schöne Stimme.«
»Das ist Morrissey«, sagte ich. »Er schreibt die Texte. Er ist toll.«
»Was sagt er da?«, fragte meine Mam und neigte den Kopf zum Kassettenrekorder hin.
»Ich würde ja gern weggehen heute Abend, aber ich hab nichts anzuziehen«, erklärte ich.
»Genauso geht’s mir auch manchmal«, sagte meine Mam. »Ist das nicht toll? Da schreibt jemand so einen Song – jemand, dem man noch nie begegnet ist – und er drückt mit diesem Song einfach … einfach genau das aus, was man von sich selber kennt.«
»Ja, das ist eben Morrissey, Mam!«, sagte ich und spürte, wie mich eine ganz ungewohnte Erregung packte. »Der kann es. Weil er ein Dichter ist, kann er alles für uns in Worte fassen. Gefällt es dir wirklich, oder sagst du’s nur so?«
»Es gefällt mir wirklich, Raymond«, erwiderte sie und stand auf, als die Kassette zu Ende war. »Es gefällt mir sogar sehr.«
Und weil es aus dem Backofen nach dem frischen Apfelkuchen duftete und weil ich einfach froh war, dass ich eine Mam hatte, die etwas mit den Smiths anfangen konnte, sagte ich ganz begeistert: »Wenn du willst, spiel ich dir noch was anderes von denen vor!«
Meine Mam schaute kurz in Richtung Küche. »Na gut«, meinte sie dann und setzte sich wieder hin. »Aber ich darf auf keinen Fall meinen Apfelkuchen vergessen.«
Ich spielte »Barbarism Begins at Home« und »Hairdresser on Fire«, »Heaven Knows I’m Miserable Now« und »Girlfriend In a Coma«. Und während die Songs liefen, erzählte ich meiner Mam alles über The Smiths und über dich, Morrissey, und über die Songs und was sie bedeuten und wie toll sie sind und was sie beeinflusst hat und wo sie aufgenommen wurden und so weiter. Und ich sagte dauernd: »Hör dir das an, Mam, das ist doch super!« und »Hör dir mal diesen Text an, Mam, ist der nicht toll?«
Wahrscheinlich hab ich mich einfach von meiner Begeisterung mitreißen lassen. Unbedachterweise spielte ich ihr sogar »The Vicar In a Tutu« vor. In meinem missionarischen Eifer merkte ich gar nicht, dass meine Mam mich auf einmal fragend und besorgt ansah und dass sie jetzt nicht mehr den Takt mitklopfte, sondern vielmehr nervös an ihrem Rock herumzupfte. Und als ich vorspulte und sagte: »Aber warte erst, bis du das hörst, Mam, jetzt kommt ›The Death of a Disco Dancer‹«, da erwiderte meine Mam: »Entschuldige, Raymond, aber ich glaub nicht, dass ich davon noch mehr hören will!«
»Doch«, erwiderte ich, »das gefällt dir bestimmt, Mam, es heißt ›The Death of a Disco Dancer‹.«
Aber als ich auf die Playtaste drückte, sprang meine Mam auf, rannte in die Küche und schrie: »O verdammt, Raymond, mein Apfelkuchen!«
Ich schaltete den Kassettenrekorder aus.
Als ich in die Küche kam, stand meine Mam da und starrte auf ein schwarz verkohltes Katastrophengebiet, das mal ein appetitlicher Apfelkuchen gewesen war. Meine Mam ließ den Kopf hängen und ich sah eine Träne runtertropfen. Die Träne fiel zischend auf die verkohlte Kruste. Ich sagte: »Mam, ist doch nur ein Apfelkuchen, das macht doch nichts. Wir können uns doch eine Packung Angel’s Delight aufmachen!«
Da sagte meine Mam: »Es ist nicht der Kuchen, Raymond!« Sie sah mich an und schluchzte: »Ach Junge, warum hörst du nur solche Musik?«
»Weil ich sie mag«, erwiderte ich.
»Aber das ist doch morbide, Raymond«, sagte sie, »absolut morbide.«
»Morrissey ist nicht morbide«, erklärte ich. »Er ist nicht auf morbide Weise morbide.«
»Nicht morbide?«, rief meine Mam. »Nicht morbide? If a ten ton truck should kill the both of us … to die by your side, the privilege, the pleasure is mine! Das soll nicht morbide sein, Raymond? Nicht mor- Oh Mother, I can feel the soil falling over my head! Heaven knows how miserable I feel
»Heaven knows I’m miserable now!«, korrigierte ich.
»Das ist ja auch kein Wunder, verdammt noch mal, Raymond«, sagte sie. »Mir ist selber ganz elend, nachdem ich mir das angehört hab. Nicht morbide? Man kriegt ja direkt Lust, sich umzubringen. Und es ist nicht nur morbide«, sagte sie, »es ist auch kriminell: Lifting some lead off the roof of the Holy Name church! Was ist denn das für ein Song, Raymond?«
»Ein toller Song!«, sagte ich. »Du verstehst ihn bloß nicht. Und er ist nicht auf die Art morbide, wie du denkst! Morbide zu sein heißt nicht, dass man unglücklich ist. Man kann total glücklich sein, wenn man traurig ist – so wie Morrissey, so wie ich!«
Ich ging wieder ins Wohnzimmer, sammelte alle meine Kassetten ein und steckte sie in die Hüllen zurück. Als ich mich umdrehte, stand meine Mam da und schüttelte besorgt den Kopf. Ihre Lippen zitterten.
»Raymond, mein Junge«, sagte sie, »ich dachte, die Phase sei längst vorbei; ich dachte, das hätten wir hinter uns. Ich hatte schon geglaubt, du seist jetzt ein normaler Junge; ich hab gedacht, du bist normal geworden, Raymond.«
Und genau das konnte ich einfach nicht mehr hören. Ich wusste, es war der Wunsch meiner Mam, dass ich normal sein sollte. Nichts freute sie so sehr, wie wenn ich mich den andern anpasste.
Dauernd machte sie irgendwelche Anspielungen. Jedes Mal, wenn im Fernsehen die NatWest-Werbung mit diesem dämlichen Studenten kam, sagte sie: »Wär das nicht mal eine nette Frisur für dich, Raymond?«, oder »So ein Jackett würde dir auch stehen, Raymond, ganz bestimmt!«
Der größte Wunsch meiner Mam war, dass ich eines Tages wie durch ein Wunder aus meiner Verpuppung schlüpfen und mich zu dem entwickeln würde, was unter der Brechreiz erregenden Bezeichnung junger Mensch bekannt ist. Aber ich würde nie ein junger Mensch werden. Ich hasse junge Menschen; sie haben Studentenausweise, lachen zu schrill und stehen auf Steve Wright und seinen kümmerlichen Haufen. Ich wär lieber ein toter Mensch als ein junger Mensch. Unterm Strich ist da vermutlich sowieso kein großer Unterschied.
Deshalb sagte ich zu meiner Mam: »Ich bin nicht normal! Ich will nicht normal sein! Ich hasse Normalität! Ich geh jetzt in mein Zimmer.«
Als ich die Tür zumachte, hörte ich sie noch rufen: »Du kannst nicht dein ganzes Leben in deinem Zimmer zubringen, Raymond!«
Aber ich hätte eigentlich ganz gern mein Leben in meinem Zimmer zugebracht. Ich mag mein Zimmer. Und vielleicht wär ich noch immer in meinem Zimmer, wenn meine Mam damals nicht zu meinem Drecksonkel Jason gelaufen wär. Dann wär alles wieder gut geworden. Ich wär irgendwann wieder aus meinem Zimmer rausgekommen und hätte meine Mam gefragt, ob es jetzt Toast und Milchkaffee gibt. Und dann hätte sie mir einen ihrer Blicke zugeworfen – à la total genervte Kassiererin -, aber am Ende wär alles wieder gut geworden. Wir hätten uns mit Toast und Milchkaffee vor die Glotze gehockt und alles wär wieder gut gewesen.
Aber es kam anders, denn als meine Mam von meinen verabscheuenswürdigen Verwandten zurückkehrte, stand sie bloß da, zog nicht mal den Mantel aus und starrte mich voller Argwohn und Zweifel an.
Ich fragte: »Wie wär’s mit Toast und Milchkaffee?«
Aber sie starrte einfach durch mich hindurch. »Ich hab schon bei Onkel Jason Kaffee getrunken«, sagte sie. »Raymond, bist du homosexuell?«
Ich sah sie an. »Dann also nur Toast?«, fragte ich.
»Ich will keinen Toast, Raymond!«, sagte sie. »Tante Fay hat Schinkenpfannkuchen gemacht. Antworte mir! Ich will die Wahrheit wissen, bist du homosexuell?«
»Wer hat das denn behauptet?«, fragte ich sie.
»Das geht dich nichts an. Ich will nur wissen, ob es wahr ist.«
Ich sagte nichts. Ich dachte bloß daran, dass meine Mam mich verraten und mit meinem Drecksonkel Jason über mich geredet hatte; obwohl sie wusste, dass dieser Schuft die Satellitenschüssel meiner Oma gestohlen hatte. Ich sah meine Mam vor mir, wie sie auf Tante Fays glatt gebürstetem Dralon-Puff saß, eingezwängt zwischen meinem schäbigen, schuftigen Onkel auf der einen Seite und meiner fiesen Tante Fay auf der andern, während sie zu dritt Schinkenpfannkuchen mampften und über meine sexuelle Veranlagung spekulierten.
Ich sagte: »Homosexuell sein ist doch nichts Schlimmes.«
Sie sagte: »Das hab ich auch nie behauptet, Raymond; ich will nur wissen, was du bist.«
Ich sagte: »Du weißt doch, was ich bin.«
Ich sah sie nur an und zuckte die Achseln. Mit den Tränen kämpfend sagte ich: »Ich bin einfach nur ein Junge, das ist alles. Ich bin just a boy with a thorn in his side, wie es bei Morrissey heißt!«
Meine Mam stand da und starrte mich an wie ein unlösbares Rätsel. Und ich starrte zurück und wünschte mir, sie würde mich in den Arm nehmen und fest an sich drücken und sie würde sagen, dass es falsch von ihr war, zu Onkel Jason zu gehen, diesem gemeinen Dieb. Ich wünschte mir, sie würde mich zum Lachen bringen und mir irgendwas Lustiges über Tante Fays venezianische Badesuite von Texas Homecare erzählen. Ich wollte, dass meine Mam auf meiner Seite war. Ich wollte bei Toast und Milchkaffee neben ihr sitzen, meinetwegen sogar ein »junger Mensch« sein und ihr erklären, dass ich nicht homosexuell war, nur ein Junge, der offenbar große Probleme hatte, heterosexuell zu werden. Ich wünschte mir, meine Mam würde mich einfach in den Arm nehmen und mich verstehen. Aber sie sah mich nur an; sie sah mich an wie damals, vor vielen Jahren, als diese Sache am Kanal passiert war. Und als das kleine Mädchen vermisst wurde.
Ich fragte: »Warum starrst du mich so an?«
Aber meine Mam schüttelte nur langsam und traurig den Kopf wie eine leidgeprüfte Frau. »Mein Gott«, seufzte sie, als sie ihren Mantel auszog. »Mein Gott, mein Gott!«
Und weil ich es nicht ertragen konnte, dass meine Mam so verzweifelt war, und weil ich sie um jeden Preis glücklich sehen wollte, erklärte ich mich bereit, nach Grimsby zu gehen!
Diese Idee stammte nämlich von meinem Drecksonkel Jason. Er kam am nächsten Tag vorbei und erzählte meiner Mam von einem Kumpel, der am Stadtrand von Grimsby arbeitete und eine Multiplexanlage mit zweiunddreißig Kinos und allen möglichen Dienstleistungen baute, einschließlich größerer Ladengeschäfte, umweltfreundlich gestalteter Parkplätze, schicker Fastfood-Restaurants und einem Lokal mit Seefahrerambiente, untergebracht in der von einem Architekten entworfenen Nachbildung eines Fischtrawlers. Und um meinem Onkel Jason einen Gefallen zu tun, war dieser Kumpel offenbar bereit, mir zu einem Start ins Leben zu verhelfen. Anfangs sollte ich nur ein bisschen mithelfen, Tee kochen und so. Doch wenn ich mich bewährte, hatte ich Aufstiegschancen, durfte Ziegel schleppen und kriegte die Chance, richtig Geld zu verdienen. Meine Mam sagte, damit seien alle Probleme gelöst, denn ein Job sei genau das, was mir schon lange fehle, weil ich dann endlich mal aus dem Haus und mit andern Menschen zusammenkäme. Ich starrte sie ungläubig an. Ich wollte keinen Job. Ich wollte nicht mit andern Menschen zusammenkommen. Ich mag Menschen nicht. Meiner Ansicht nach handelt es sich beim Menschen um eine stark überschätzte Spezies und das gilt insbesondere für Menschen auf Baustellen. Ich hasse Baustellen; es ist eine wohl bekannte Tatsache, dass Baustellen Schmelztiegel der Gewalt sind – dort wimmelt es nur so von oberflächlichen Vollidioten, die schwitzen und fluchen und sich »Mami, ich hab dich lieb« auf ihre knorrigen Knöchel tätowieren lassen. Ich wollte nicht auf diese verdammte Baustelle. Ich wollte keinen Job, verdammt noch mal. Mich machte es vollkommen glücklich, als Versager in Failsworth zu leben. Aber meine Mam strahlte übers ganze Gesicht, als teile sie mir eben mit, dass man mir den Literaturnobelpreis verliehen habe.
»Das ist die Chance für dich, Raymond!«, sagte sie. »Das ist die Chance, die du schon lange verdient hast. Komm«, sagte sie, »zieh dich an, ich lad dich zur Feier des Tages zu einem richtig schönen Sonntagsessen ein!«
Und dann nahm mich meine Mam in den Arm. Und es war, als sei aller Kummer von ihr abgefallen. Durch die Freude wirkte sie richtig mädchenhaft. Und so kam es, dass ich – als sie mir einen Kuss auf die Wange drückte und fragte: »Ist das nicht toll, Raymond? Ist das nicht toll?«, antwortete: »Ja, Mam, das ist toll.«
Und die ganze Woche über, je näher der Tag meiner Abreise rückte, duftete es immer köstlicher nach den leckersten Gourmetgerichten, die sie extra für mich kochte. Normalerweise beklagte sich meine Mam ja ständig, dass ich Vegetarier bin, und meinte, es sei eine Strafe, für mich zu kochen. Aber in der Woche vor meiner Abreise schüttete sie das reinste vegetarische Füllhorn über mich aus und jede einzelne Mahlzeit wurde voller Liebe, Glück und Zukunftshoffnung gekocht und serviert. Deshalb konnte ich nichts sagen und nichts tun. Ich konnte nur beten, dass Grimsby urplötzlich von einer barmherzigen Flutwelle verschlungen würde oder dass diese Stadt und ihr im Entstehen begriffener Multiplex-Palast mit zweiunddreißig Kinos durch ein Erdbeben oder die Atombombe vernichtet würde. Aber da das grässliche Grimsby in den Morgennachrichten mit keinem Wort erwähnt wurde, muss ich leider davon ausgehen, dass es immer noch steht (und dass ich mir langsam überlegen muss, wie ich hinkomme).
Doch ich bleibe immer, Morrissey,
mit freundlichen Grüßen
dein Raymond Marks

Eine Bank,
Halifax,
West Yorkshire
 
Lieber Morrisey,
 
ich hab am Fahrkartenschalter ein Ticket nach Grimsby verlangt.
Der Verkäufer sagte: »Das macht dann bitte fünfzehn Pfund neunzig.«
Ich erwiderte: »Fünfzehn Pfund neunzig?«
Er nickte.
»Aber mit dem Bus sind es nur neun Pfund fünfzig«, sagte ich, »und das ab Manchester!«
Er sagte: »Wollen Sie jetzt das Ticket oder nicht?«
Ich fragte ihn, ob es nicht auch billigere Tickets nach Grimsby gebe. Ich sagte, ich wäre sogar bereit, im Gepäckwagen mitzufahren, wenn das weniger kosten würde.
Aber er antwortete: »Hey, wie oft soll ich’s noch sagen? Mir ist es egal, ob Sie im Gepäckwagen, auf dem Klo oder meinetwegen auch auf dem Dach mitfahren, es kostet fünfzehn Pfund neunzig. Klar? Fünfzehn Pfund neunzig!«
Ich sah ihn an und sagte: »Und ich dachte immer, Verbrechen lohnt sich nicht.«
»Was sind denn Sie für einer?«, antwortete er. »Irgend so’n Scheißkomiker oder was?«
»Ich?«, sagte ich. »Fünfzehn Pfund neunzig nach Grimsby! Wenn hier einer Witze macht, dann Sie
Jetzt senkte er die Stimme und fragte: »Hey! Wollen Sie jetzt das verdammte Ticket haben oder nicht?«
»Es geht nicht darum, was ich will!«, antwortete ich. »Es ist schon schlimm genug, dass man überhaupt nach Grimsby muss, aber für dieses Privileg dann auch noch so geschröpft zu werden …!«
Jetzt wurde er richtig sauer und warf das Ticket verächtlich in die Luft. »Dann wollen Sie’s also nicht?«
»Ich will es nicht«, sagte ich, »aber ich brauch es!«