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Inhaltsverzeichnis
 
Buch
Autor
Prolog
 
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebtes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Zehntes Kapitel
Elftes Kapitel
Zwölftes Kapitel
Dreizehntes Kapitel
Vierzehntes Kapitel
Fünfzehntes Kapitel
Sechzehntes Kapitel
Siebzehntes Kapitel
Achtzehntes Kapitel
Neunzehntes Kapitel
Zwanzigstes Kapitel
Einundzwanzigstes Kapitel
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Dreiundzwanzigstes Kapitel
Vierundzwanzigstes Kapitel
Fünfundzwanzigstes Kapitel
Sechsundzwanzigstes Kapitel
Siebenundzwanzigstes Kapitel
Achtundzwanzigstes Kapitel
Neunundzwanzigstes Kapitel
Dreißigstes Kapitel
Einunddreißigstes Kapitel
Zweiunddreißigstes Kapitel
Dreiunddreißigstes Kapitel
Vierunddreißigstes Kapitel
Fünfunddreißigstes Kapitel
Sechsunddreißigstes Kapitel
Siebenunddreißigstes Kapitel
Achtunddreißigstes Kapitel
Neununddreißigstes Kapitel
Vierzigstes Kapitel
Einundvierzigstes Kapitel
Zweiundvierzigstes Kapitel
Dreiundvierzigstes Kapitel
Vierundvierzigstes Kapitel
Fünfundvierzigstes Kapitel
Sechsundvierzigstes Kapitel
Siebenundvierzigstes Kapitel
Achtundvierzigstes Kapitel
Neunundvierzigstes Kapitel
Fünfzigstes Kapitel
Einundfünfzigstes Kapitel
Zweiundfünfzigstes Kapitel
 
Copyright

Buch
Die Öl- und Gasvorräte der Erde gehen rasch zur Neige, und die Suche nach neuen Energiequellen hat sich längst zu einem verzweifelten Wettlauf zwischen den Nationen entwickelt. Doch mit diesem Fund hat niemand gerechnet: geheimnisvolle Kristalle, die aus dem Amazonas-Regenwald stammen und die der sogenannten »kalten Fusion« unterzogen worden sind – einer sauberen und höchst effizienten Form der Energiegewinnung, die man in Wissenschaftskreisen bislang für undurchführbar hielt.
Ein erstes Team aus Forschern und Söldnern, das den Ursprung dieser Kristalle klären soll, macht sich in den Urwald auf – und kehrt nicht mehr zurück.
Danielle Laidlaw, eine junge amerikanische Wissenschaftlerin, soll nun eine zweites Forscherteam in die grüne Hölle von Brasilien führen. Für die Sicherheit dieser Mission ist Hawker zuständig, ein undurchsichtiger Pilot und Ex-CIA-Agent, der allerdings seiner eigenen Agenda zu folgen scheint.
Bald schon wird Laidlaw klar, dass sie nicht die Einzigen sind, die Jagd auf die Kristalle machen – und dass ihr Konkurrent vor nichts zurückschreckt, um sie bei diesem Rennen auszustechen. Doch es sind keine Menschen, die Laidlaw und Hawker am meisten fürchten müssen: Als sie schließlich erkennen, welch uralter und unentrinnbarer Schrecken das erste Team ausgelöscht hat, ist es auch für sie beinahe schon zu spät …

Autor
Der leidenschaftliche Pilot Graham Brown hält Abschlüsse in Aeronautik und Rechtswissenschaften. In den USA gilt er bereits als der neue Shootingstar des intelligenten Thrillers in der Tradition von Michael Crichton. Wie keinem zweiten Autor gelingt es Graham Brown, verblüffende wissenschaftliche Aspekte mit rasanter Nonstop-Action zu einem unwiderstehlichen Hochspannungscocktail zu vermischen. Black Rain ist Graham Browns Debütroman.

Die Originalausgabe erscheint unter dem Titel »Black Rain« bei Bantam, a division of Random House, Inc., New York.

Da kam einer namens Zerstörer, der stach ihnen die Augen aus, und ein anderer namens Jaguar, der verschlang ihr Fleisch. Sie rannten zu den Bäumen, rannten zu den Höhlen. Doch die Bäume konnten sie nicht tragen, und die Höhlen waren jetzt verschlossen.
Und dann kam die Sturzflut, der schwarze Regen, der wie Harz vom Himmel fiel. Es regnete einen ganzen Tag und eine Nacht, und die Erde wurde geschwärzt vom Regen.
 
»Das Ende der Holzpuppen« aus: Popol Vuh – Das heilige Buch der Quiché-Maya

Prolog
Drohend ragte der dunkle Dschungel über ihnen auf. Seine dichten, ineinander verschlungenen Schichten breiteten sich wie Zirkuszelte um die Stämme mächtiger Bäume. Gesättigt vom Regen wuchs er undurchdringlich und unerbittlich, Heimat für Tausende verschiedener Spezies, von denen die meisten nie den Bereich seiner luftigen Höhen verließen. Das Leben fand dort oben statt, hoch im Blätterdach; der Boden war nur für die Schatten da, für das Kriechzeug und das, was gestorben war.
Jack Dixon ließ den Blick von der üppigen Welt über ihm auf den Erdboden unter seinen Füßen sinken. Er kauerte sich nieder und untersuchte die entdeckten Spuren. Die Abdrücke der schweren Stiefel waren leicht zu erkennen, aber sie unterschieden sich geringfügig von denen, die er zuvor gefunden hatte. Die hier gruben sich vorn an der Stiefelspitze tiefer in die Erde, und sie lagen weiter auseinander.
Die Zielpersonen rannten jetzt also. Aber warum?
Er blickte sich um und überlegte, ob er ihnen etwa zu dicht auf die Fersen gerückt und entdeckt worden war. Sein Gefühl sagte ihm, dass es nicht so war. Das verschlungene Unterholz versperrte größtenteils die Sicht, und wo man etwas sah, löste der dunstige Grauschleier alle Entfernungen auf, als würde nichts sonst existieren, keine Welt außerhalb des Blickfelds, nur endlose, mit Moos bewachsene Bäume und Ranken, die schlaff im Nebel hingen und an leere Galgenstricke erinnerten.
Und wenn man ihn entdeckt hätte, wäre er außerdem bereits tot.
Er winkte den Mann, der ihm in einigem Abstand folgte, zu sich heran und zeigte auf die Spuren. »Irgendwas hat sie erschreckt.«
Der zweite Mann, der McCrea hieß, studierte den Abdruck kurz. »Aber nicht wir«, vermutete er.
»Nein«, sagte Dixon und schüttelte den Kopf. »Nicht wir.«
McCrea sah sich nervös um, sein Auge zuckte leicht, aber die beiden Männer wechselten kein Wort mehr. Ihre Sturmgewehre im Anschlag schlichen sie noch langsamer weiter als zuvor.
Fünf Minuten später stießen sie auf das, was Dixon schon zu ahnen begonnen hatte: Vor ihnen lag ein weiteres Opfer, eine frische Beute; sie stank noch nicht, auch wenn die Vögel sie bereits gefunden hatten. Als er an den letzten Sträuchern und Ranken vorbeistrich, flog die Schar der Aasfresser kreischend auf und schwang sich flügelschlagend in die Sicherheit der Bäume.
Dies gab den Blick auf die Leiche eines Mannes frei, der den gleichen Dschungelkampfanzug wie er und McCrea trug. Der Mann lag mit dem Gesicht nach unten, der schlammige Boden um ihn herum war tiefrot, und ein merkwürdiger Geruch, stechend wie Ammoniak oder faulendes Gemüse, hing in der Luft. Sie sahen, dass er angegriffen worden war, aber von wem oder was – das blieb ihnen ein Rätsel.
Im Rücken des Mannes steckte der abgebrochene Rest eines Eingeborenenspeers, doch weitere, schrecklichere Wunden ließen auf einen anderen Feind schließen: Bissspuren und Stellen, wo ganze Stücke Fleisch herausgerissen waren, parallele Schnitte, die quer über die Brust verliefen, und am schlimmsten: Der rechte Arm und die Schulter des Mannes fehlten, sie waren ihm mit unvorstellbarer Gewalt aus dem Leib gerissen worden. Geblieben waren nur zerfetzte Sehnen und blutige Knochenstücke.
Dixon betrachtete den Schauplatz, beunruhigt, aber zuletzt auch mit einem rechthaberischen Gefühl. »Das hast du jetzt davon«, sprach er den Toten an, »dass du mich im Stich lassen wolltest.«
»Verdammt«, fluchte McCrea neben ihm, »was zum Teufel …«
»Die Schweinehunde haben ihn fertiggemacht«, sagte Dixon. »Das spart uns die Mühe.«
Die Schweinehunde waren Eingeborene, die als Chollokwan bekannt waren, ein Stamm, der die Truppe zermürbte, seit sie auf der Westseite des Flusses waren. In einigen Scharmützeln vor Wochen hatten Dixon und seine Männer ein halbes Dutzend der angreifenden Eingeborenen niedergeschossen, und seither war Ruhe gewesen. Offenbar hatte die Wirkung nachgelassen.
»Durchsuch ihn«, befahl Dixon.
McCrea kniete sich neben den Toten und begann seine Taschen zu durchstöbern. Da er nichts fand, holte er ein kleines Gerät aus seiner eigenen Ausrüstung und schwenkte es über die Leiche und dann über den Rucksack des Mannes. Es begann langsam zu ticken, und als er sich der richtigen Stelle näherte, wurde daraus ein hektisches Klickern.
»Ich wusste, er hat sie«, sagte Dixon.
McCrea legte den Geigerzähler beiseite und öffnete den Rucksack des Toten. Doch ehe er etwas fand, drang ein schriller Schrei aus den Tiefen des Urwalds und hallte durch die Bäume.
McCrea blickte auf.
»Nur ein Vogel«, sagte Dixon.
»Es klingt wie …«
Dixon sah ihn finster an. »Es ist weit entfernt«, knurrte er. »Jetzt hol diese verdammten Steine und wir machen, dass wir hier wegkommen.«
Unter dem Gewicht von Dixons Blick machte sich McCrea wieder an die Arbeit und klaubte bald einen schmutzigen Stofffetzen aus dem Durcheinander des Rucksacks. Er schlug ihn auf, und einige kleine Steine kamen zum Vorschein, geringfügig größer als Zuckerwürfel, aber zwölfseitig und matt metallisch glänzend. Neben ihnen lag ein zerkratzter, farbloser Kristall.
Dixon betrachtete die Steine, den Kristall und dann das gepeinigte Gesicht seines früheren Schutzbefohlenen. »Dieb«, murmelte er schließlich; eine letzte Anklage, ein Grabspruch an einen Verräter, der nie ein richtiges Grab sehen würde.
McCrea faltete das Bündel wieder zusammen, und Dixon nahm es an sich.
»Seine Papiere auch«, sagte Dixon.
Widerwillig hielt ihm McCrea Brieftasche und Pass des Mannes hin. Genau in dem Moment, in dem Dixon sie ihm aus der Hand nahm, ertönte der schrille Schrei wieder.
Ein zweiter Ruf antwortete diesmal, näher, lauter; ein klagender Laut, der für sich genommen schon wie eine Strafe wirkte, als würde er das Gehör umgehen und direkt ins Gehirn eindringen.
»Das ist verdammt noch mal kein Vogel«, sagte McCrea und stand auf.
Dixon erwiderte nichts, aber insgeheim gab er ihm recht. Sie hatten diesen Ruf schon gehört, damals beim Tempel, kurz bevor alles zum Teufel ging. Er war nicht glücklich darüber, ihn ein weiteres Mal zu hören.
Er steckte den Stofffetzen mit den Steinen darin in die Tasche und schloss den Griff fester um das Gewehr. Die Adern an seinen kräftigen Unterarmen traten hervor, und seine Augen huschten von einem Fleck zum anderen. Plötzlich bereitete ihm der Nebel Sorge, ebenso wie die Bäume, die die Sicht versperrten und ihm soeben selbst noch Deckung geboten hatten. Es war kein gutes Gelände, wenn man derjenige war, an den sich jemand heranschlich.
»Wir sind zu lange geblieben«, murmelte McCrea neben ihm.
Dixon beachtete ihn nicht. Er zog eine Machete aus der Scheide an seiner Hüfte, ging mit dem Gewehr in der einen Hand und der langen Klinge in der anderen voraus. Er stieß durch die Farnwedel und blieb dann stehen.
Neben einer Spur aus dunklem Blut sah er neue Spuren auf dem Urwaldboden, lange, zweizackige Vertiefungen, als hätte jemand eine Stimmgabel in die Erde gestoßen und dann nach vorn gezogen. Sosehr er sich auch bemühte, Dixon fiel nichts ein, was einen solchen Abdruck hinterließ.
Als er sich niederkauerte, um die Spur zu untersuchen, hallte der durchdringende Schrei wieder durch den Wald, raste wie eine Welle über sie hinweg.
»Wir müssen hier raus«, sagte McCrea.
»Still«, erwiderte Dixon und studierte die Spuren.
»Mann, merkst du es denn nicht? Es passiert schon wieder.«
»Halt die Klappe!«, befahl Dixon. Er bemühte sich um Konzentration. Weglaufen würde in den Tod führen, aber bleiben … Etwas stimmte nicht mit dieser Gegend, eine Erkenntnis, die er zu spät gewann: Menschen waren hier nicht die Jäger, sondern die Gejagten.
Irgendwo weit vor ihm hörte Dixon Bewegung, leise wie der Flügelschlag einer Eule, aber auf Bodenniveau. Er setzte das Gewehr an die Schulter.
»Dixon«, flehte McCrea.
Das Geräusch kam auf sie zu, schneller jetzt, es raste durch den Wald, aber mit leichtem Tritt.
»Dixon, bitte!«
Dixon erhob sich, bereit zu feuern, aber das Geräusch wich nach links aus. Er fuhr herum, schoss und rief, während im selben Moment ein dunkler Schemen durch die Bäume brach. »McCrea!«
Der Schuss hallte laut durch den Wald, ein feiner roter Sprühregen verteilte sich über die Blätter, aber da war nichts mehr, was er treffen konnte: kein Ziel, kein Feind, kein McCrea, nur die Farnwedel, die leise schwankten und von einem Film aus Menschenblut überzogen waren.
Dixon starrte auf das Blut, das von den Blättern tropfte. »McCrea!«, rief er.
Er lauschte nach Kampfgeräuschen, hörte aber keine. McCrea war nicht mehr, tot und verschwunden wie all die anderen. Nur dass es diesmal genau vor seiner Nase passiert war.
Dixon begann zurückzuweichen. Er war gewiss keine ängstliche Natur, aber er spürte, wie sein Herz hämmerte und der Fluchtreflex immer stärker wurde. Er blickte in die eine Richtung, dann in eine andere. Er begann sich mit gemessenen Schritten zu bewegen, doch bald wurde er immer schneller, und als die Schreie erneut durch den Wald hallten, rannte er nur noch.
In panischer Angst stürmte er vorwärts, brach wie ein Stier durchs Unterholz und stolperte über Ranken, in denen sich seine Füße verfingen. Er drehte sich zum Geräusch unsichtbarer Bewegungen um, mal hierhin, mal dorthin, schrie wütend und feuerte in die Bäume.
»Verschwindet! Lasst mich in Frieden!«, schrie er.
Im Laufen hörte er Bewegung, die Stimmen von Eingeborenen, Schritte, Laubwerk, das zertreten wurde, und die Geräusche kamen immer näher.
Er stürzte, fiel auf Hände und Knie und kam um sich schießend wieder hoch. Dennoch traf ihn eine dunkle Gestalt wie ein Blitz und ließ ihn durch die Luft segeln. In seinem Taumelflug erhaschte er einen kurzen Blick auf seinen Angreifer, bevor dieser wieder in den Wald verschwand. Acht Männer tot, und das war die erste Sichtung ihres Mörders, dessen Haut wie polierter, geschwärzter Knochen war.
Er krachte auf die Erde, geistesgegenwärtig genug, seine Waffe nicht loszulassen, obwohl ihm ein grässlicher Schmerz ins Bein fuhr. Schreiend vor Qual wälzte er sich herum. Die Knochen eines Unterschenkels waren gebrochen, das Schienbein ragte durch die Haut. Laufen war jetzt keine Option mehr, er konnte wahrscheinlich nicht einmal mehr gehen.
Er stützte sich unter furchtbaren Schmerzen auf und krabbelte mit Hilfe seines gesunden Beins rückwärts, bis er einen breiten, grauen Baumstamm erreichte. An dessen Stamm gelehnt, überprüfte er mit zitternden Händen sein Gewehr. Nachdem er sich überzeugt hatte, dass es funktionierte, klemmte er es fest in eine Armbeuge und machte sich auf das unvermeidliche und schmerzhafte Ende gefasst.
Bald schon zitterte er, die Kräfte verließen ihn. Sein Kopf schwankte und kippte nach hinten. Seine Augen blickten zum schwindenden Licht hinauf, und die Baumwipfel bewegten sich in einem Windhauch, den er nicht spürte.
Stille umgab ihn, unterbrochen nur von seinem schwerfälligen Atem. Eine Minute verging ohne Zwischenfall, dann eine weitere. Und während die Sekunden verrannen, betete Jack Dixon darum, allein sterben zu dürfen, langsam in einen endlosen, friedlichen Schlaf hinüberzugleiten. Nach einer weiteren Minute begann er sogar Hoffnung zu spüren.
Und dann hallte dieser bittere Schrei wieder durch die Tiefen des Amazonasgebiets und ließ sein Herz erstarren.

Erstes Kapitel
Das kleine Café thronte auf einem Felsvorsprung am Straßenrand und blickte auf den Fluss hinaus, der zehn Meter darunter floss. Es wurde hauptsächlich von Einheimischen besucht, da es so weit abseits der ausgetretenen Pfade lag, dass es Touristen selten fanden; gelegentlich ein Rucksackreisender und die Glücklichen unter jenen, die sich verlaufen hatten.
Danielle Laidlaw saß allein auf der Terrasse an einem Tisch mit Blick aufs Wasser. Sie sah die Nachmittagssonne langsam am Himmel sinken und ihre Strahlen Spuren flüssigen Goldes auf den Flusslauf malen. Es war ein wunderschöner Anblick, und sie genoss ihn schon viel zu lange.
Ihr Blick wanderte vom Fluss über die Terrasse bis ins Innere des Cafés. In der Nachmittagshitze war es so gut wie leer. Jedenfalls war nichts von dem Mann zu sehen, auf den sie wartete und der sich gegen seine Gewohnheit verspätete.
Mit flinken Händen holte sie einen Blackberry hervor und schickte eine nicht allzu subtile Nachricht los. Sie lautete: Wo zum Teufel steckst du?
Ehe sie auf »Senden« drücken konnte, sah sie ihn im Eingangsbereich des Cafés mit einem Kellner sprechen.
Sie erspähte zuerst sein silbergraues Haar und dann das zerfurchte Gesicht, als er sich in ihre Richtung umdrehte. Er kam zu ihr, piekfein gekleidet wie immer mit schwarzer Hose, einem offenen, farbigen Hemd und marineblauer Smokingjacke. Sie wunderte sich, wie er bei der Hitze und Luftfeuchtigkeit Zentralbrasiliens solche Kleidung tragen konnte, doch Arnold Moore war eben kein Mann für Kompromisse, nicht einmal gegenüber den Anforderungen der Natur.
Als er sich setzte, nahm Danielle eine gewisse Müdigkeit an ihm wahr; er wirkte weniger schneidig als sonst.
»Du kommst zu spät«, sagte sie. »Hattest du Probleme, das Café zu finden?«
Er schürzte die Lippen, als wäre allein der Gedanke lächerlich. »Natürlich nicht«, sagte er. »Ich habe einfach gefragt, wo ich wohl eine schlecht gelaunte, aber schöne dunkelhaarige Frau finden könnte, die hundertmal in der Minute verärgert auf ihren Blackberry schaut. Zu meiner Überraschung haben mir nur sieben verschiedene Leute den Weg zu dir gewiesen.«
Sie lächelte über seine spitze Bemerkung und spürte die Augen des Personals auf ihnen beiden, wie es oft der Fall war. Sie war einunddreißig, groß und schlank, mit hohen Wangenknochen und glänzendem, kastanienbraunem Haar, und er war doppelt so alt, grauhaarig und kultiviert, beinahe europäisch in seinem Auftreten. Wer sie zusammen sah, tippte oft darauf, dass sie seine Geliebte, Vorzeigefrau oder, weniger zynisch, vielleicht eine Tochter oder Nichte war, aber sie war nichts dergleichen. Danielle war Moores Arbeitspartnerin, sein Schützling und einer der wenigen Menschen auf der ganzen Welt, denen er traute.
Als hochrangige Außendienstmitarbeiter einer amerikanischen Organisation, des National Research Institute oder NRI, waren die beiden schon viel zusammen in der Welt umhergereist und hatten von der Wiederinbetriebnahme einiger Ölfelder im Baltikum bis zur Produktion von Nano-röhren in Tokio alles Mögliche studiert. Allein im vergangenen Jahr hatten sie elf verschiedene Länder besucht und waren sogar in Venedig gewesen, wo das NRI als Partner der italienischen Regierung an einem Projekt zum Schutz der Lagunenstadt durch riesige Meerestore beteiligt war.
Ihre Aufgabe bestand darin, innovative, spektakuläre Projekte zu untersuchen und zu entscheiden, welche Technologien gegebenenfalls für die Vereinigten Staaten von Wert sein könnten. Dann sollten sie durch eine Kombination verschiedener Mittel, die vom Aufbau von Beziehungen über wohl platzierte Anreize und Schmiergelder bis zu regelrechtem Diebstahl reichten, alles an sich bringen, was von Interesse für das Land sein konnte.
Zu diesem Zweck verbrachten Danielle und Moore einen großen Teil ihrer Tage in modernsten Labors oder auf illustren Seminaren. Ihre Nächte ähnelten denen des Jetsets, sie besuchten Staatsempfänge und aufwändige Feste von Konzernen und reichen Unternehmern. Anders als in den meisten Berufen, ließen sich hier Glamour und Erfolg häufig unter einen Hut bringen. Die Brasilienmission erwies sich bislang jedoch als eine Art Ausnahme.
Das Interesse des NRI an dem Land hatte mit nichts zu tun, was dort geplant, entwickelt oder produziert wurde. Tatsächlich betraf es die Vergangenheit ebenso sehr wie die Zukunft, angefangen mit einer Reihe von Artefakten, die vor fast einem Jahrhundert aus dem Amazonasgebiet geborgen worden waren: Kristalle, angeblich im tiefsten Urwald von einem amerikanischen Entdecker namens Blackjack Martin eingetauscht.
Martin war in erster Linie ein Glücksjäger gewesen, dem es um Ruhm und Reichtum ging. Aber sein Streben nach diesen Dingen hatte ihn in die entlegensten Winkel des Globus geführt. Eine solche Expedition war ein jahrelanger Marsch in die Tiefen des Amazonasgebietes gewesen, den er 1926 begonnen hatte. Die Gegenstände, die er von dort zurückbrachte, hatten damals nur flüchtiges Interesse geweckt und verstaubten in den Kellern diverser Museen. Jedenfalls bis eine zufällige Begegnung mit einem von ihnen und eine Untersuchung mit modernen Instrumenten das Interesse des NRI geweckt hatten.
Seither waren Danielle und Arnold Moore in Brasilien und versuchten erfolglos, Blackjack Martins Spur zu finden. Nach vielen fruchtlosen Monaten glaubte Danielle nun endlich auf etwas gestoßen zu sein, das ihnen weiterhelfen würde.
»Ich habe gute Neuigkeiten«, sagte sie. »Und ich möchte dir etwas zeigen.«
Moore griff nach einer Stoffserviette und faltete sie auf. »Und ich habe schlechte Neuigkeiten«, sagte er. »Direkt aus dem Mund unseres Direktors.«
Er sagte es in einem leicht angewiderten Tonfall. Sie bemerkte in Moores Gesicht eine Spur Resignation, Verbitterung über eine weitere verlorene Auseinandersetzung oder irgendeinen neuen absurden Befehl, den man ihm gegen seine hartnäckigen Einwände erteilt hatte – ein Vorkommnis, das bei diesem besonderen Auftrag bedauerlicherweise schon zur Routine geworden war.
»Was ist jetzt passiert?«, fragte Danielle.
Moore schüttelte den Kopf. »Du zuerst. Vielleicht ist das, was ich dir zu sagen habe, nach einer positiven Neuigkeit weniger schmerzhaft.«
»Also gut«, sagte sie und griff in eine kleine Ledertasche, die auf dem Boden stand. Sie zog einen flachen grauen Stein heraus und legte ihn vor Moore auf den Tisch. »Sieh dir den mal an.«
Der Stein war etwa rechtwinklig, rund fünf Zentimeter dick, mit unregelmäßigen Kanten auf drei Seiten und einer planen Oberfläche, etwas größer als eine Postkarte. Er verjüngte sich an einem Ende und war mit verwitterten Symbolen bedeckt, darunter einem, das an einen Totenschädel erinnerte, und anderen, die Tiere darzustellen schienen.
Moore nahm ihr den Stein aus der Hand und hielt ihn auf Armeslänge von sich. Er kniff die Augen zusammen, ehe er sich dem Notwendigen beugte, eine Zweistärkenbrille aus der Tasche zog und sie auf die richtige Stelle am Ende seiner Nase setzte.
»Hieroglyphen«, bemerkte er.
»Und eindeutig welche der Maya-Kultur«, sagte sie.
Moore nickte und drehte den Stein in der Sonne, um ihn besser begutachten zu können. Dabei fingen die Kanten der Hieroglyphen das Licht ein. »Schau dir das an«, flüsterte er vor sich hin. »Was für ein Anblick.«
»Wirf einen Blick auf die rechte obere Ecke«, sagte Danielle. »Erkennst du es?«
Moore studierte die Hieroglyphe, und ein Lächeln stahl sich auf sein Gesicht, als er das Muster zu erkennen begann. »Dasselbe Zeichen, das wir auf Blackjack Martins Wiege gesehen haben«, sagte er. »Xibalba: die Unterwelt.«
Danielle zog triumphierend die Augenbrauen hoch. Wenn sie recht hatten, war das der erste echte Beweis für das, was Martin in seinen wilden Tagebüchern beschrieben hatte. »Schwer zu glauben, nicht wahr?«
»Ja«, sagte er. »Sehr schwer.« Er sah sie misstrauisch an. »Woher hast du das?«
»Ich habe es von einem Holzhändler gekauft, der seine Arbeitstrupps flussaufwärts geführt hat, um illegal Hartholz zu schlagen. Hauptsächlich Mahagoni.«
Mahagoni war eine wichtige Wirtschaftspflanze im Amazonasgebiet, aber die Bäume wuchsen langsam, und die in leicht zugänglichen Gegenden waren längst gefällt. Andere waren geschützt. Als Folge davon drangen die Holzfäller immer weiter flussaufwärts in unberührte Landstriche vor, um die Bäume illegal zu schlagen. Mit der Zeit führte sie dieses Geschäft an Orte, an die sonst so gut wie niemand kam.
»Wie tief drin war er?«
»Acht Tagesreisen von hier, eine Strecke, die wir wahrscheinlich in vier oder fünf Tagen schaffen könnten.«
Während Moore den Stein mit zunehmender Bewunderung studierte, fühlte sich Danielle von frischer Energie durchströmt. Es war ein Widerhall ihrer Empfindungen, als sie den Stein selbst zum ersten Mal betrachtet hatte – und es war etwas, das sie beide dringend nötig hatten.
Seit ihrer Ankunft vor Monaten hatten ihre Bemühungen, Blackjack Martins Route zu finden, sie zunehmend frustriert. Es lag nicht am Fehlen von Angaben, die gab es reichlich, aber sie waren oft widersprüchlich, und bisher waren echte Hinweise, die Martins Entdeckung stützten, leider ausgeblieben. Bis jetzt, dachte sie.
»Wusste der Mann, was er dir verkauft hat?«, fragte Moore und drehte den Stein um.
»Im Großen und Ganzen ja, aber ohne die Besonderheiten. Er weiß aber, woher er stammt, und behauptet, einen wesentlich größeren Stein in der Nähe gesehen zu haben, der ähnliche Zeichen aufwies. Offenbar war dieser andere Stein zu schwer, als dass er ihn tragen konnte, deshalb nahm er den hier.«
Sie sah zu, wie Moore über die scharfen Ränder auf der Rückseite des Steins fuhr. Der Rest war verhältnismäßig glatt und verwittert.
»Frische Bruchstelle«, sagte er. »Ich frage mich, ob er dieses Stück von dem größeren abgeschlagen hat«, sagte Moore.
»Genau das dachte ich auch.«
Moore blickte auf. »Was hat er dir sonst noch erzählt?«
»Er sagte, sie hätten ein paar Angehörige des Nuree-Stammes angeheuert, die als Führer flussaufwärts fungierten. Einer der Indianer habe ihm den größeren Stein gezeigt, als sie am Ufer eines kleinen Nebenflusses entlangmarschierten. Sie behandeln ihn als eine Art Markierung, die die Grenze eines Gebiets anzeigt, das sie für verflucht halten. Dahinter liegen offenbar schreckliche Dinge, Schatten, schwärzer als die Nacht, ein Stamm, der mit den Geistern verkehrt und wilde Tiere beherrscht, und eine Mauer, die aus den Gebeinen von Menschen besteht.«
Das waren Volksmärchen, sonst kaum verlässlich, aber in diesem Fall hatten sie Grund, ihnen Glauben zu schenken. Eine der wenigen Landmarken, die Blackjack Martin in seinen Reiseaufzeichnungen beschrieb, war nämlich ein Ort, den er die Schädelmauer nannte. Wenn sie die fanden, konnten sie möglicherweise seinen übrigen Schritten folgen und die Quelle der Gegenstände ausfindig machen, die er mit zurückgebracht hatte. Und wenn sie das schafften …
»Eine Mauer aus Gebeinen …«, wiederholte Moore.
Sie nickte.
»Wäre ein gewaltiger Schritt«, sagte er. »Wenn wir die finden würden.«
Er legte den Stein wieder auf den Tisch. »Und damit kann dir vielleicht unser geschätzter Professor McCarter weiterhelfen, wenn er eintrifft.«
McCarter war ein Archäologieprofessor, den sie zur Unterstützung ihrer Suche hinzuzogen. Er war ein Spezialist für die präkolumbianischen Kulturen Amerikas, darunter die Maya, die anscheinend eine Niederlassung im Amazonasgebiet gegründet hatten.
»Und wenn ich du sage«, fuhr Moore fort, »meine ich dich allein.«
Danielle sah ihn finster an, unsicher, ob sie ihn richtig verstanden hatte. »Wovon redest du?«
Er erklärte es. »Es sind Veränderungen im Gang. Gibbs ruft mich nach Washington zurück, und ich konnte es ihm trotz aller Bemühungen nicht ausreden.«
Gibbs war der Director of Operations des NRI. Der Mann, der sie beide hierhergeschickt hatte. Gibbs hatte ein ausgeprägtes Interesse an dem Brasilienprojekt und leider auch eine starke persönliche Abneigung gegen Moore.
»Sag, dass das nicht wahr ist.«
Moore schüttelte den Kopf. »Leider doch. Ich fliege zurück, und du bleibst hier. Von nun an schmeißt du den Laden. Es ist dein Team, wenn alle Spieler hier unten eintreffen.«
Sie starrte ihn aus erschrockenen Augen an. Moore war fast von Beginn an ihr Mentor beim NRI gewesen. Er war außerdem einer der wenigen Menschen, denen sie in der merkwürdigen und gefährlichen Welt traute, in der die Organisation operierte. Der Gedanke, dass ihr mitten in einer schwierigen Unternehmung plötzlich seine Unterstützung entzogen wurde, machte sie wütend.
»Wieso?«, fragte sie. »Und warum ausgerechnet jetzt? Wo wir hier endlich Fortschritte machen.«
Moore holte tief Luft und nahm die Lesebrille ab. »Ich bin dreiundsechzig«, erinnerte er sie. »Verdammt noch mal zu alt, um auf der Suche nach versunkenen Städten im Urwald herumzulatschen. Das ist eine Aufgabe für junge Leute, und für törichte, könnte man anfügen.« Er zog die Augenbrauen in die Höhe. »Du scheinst mindestens in eine dieser Kategorien zu fallen. Ich lasse dich selbst entscheiden, in welche. Abgesehen davon«, fuhr er fort, »weiß Gibbs sehr wohl um meine Abneigung gegen Schlangen, Moskitos und giftige Frösche. Ich nehme an, er will mir das alles einfach ersparen.«
»Das ist doch purer Quatsch«, sagte sie. »Du hast Gibbs vom ersten Tag an hier angebettelt, uns zu den Schlangen und Fröschen hinauszuschicken.« Sie sah ihn scharf an, als wollte sie ihn daran hindern, etwas vor ihr zu verbergen. »Sag mir den wahren Grund.«
Moore setzte ein falsches Lächeln auf und zögerte noch etwas, ehe er nachgab. »Zwei Gründe: Erstens glaubt Gibbs, dass du reif dafür bist, und er hat recht – du bist es. Du bist es schon eine ganze Weile. Ich habe dich nur egoistischerweise zurückgehalten. Und zweitens macht er sich Sorgen. Er glaubt, wir kommen unserem Ziel zwar näher, aber er fürchtet, jemand anderer könnte noch näher dran sein. Er befürchtet, sie könnten schon Leute draußen haben.«
Sie hatte Gibbs und seine Paranoia gründlich satt. Die Operation wurde so lautlos durchgeführt, dass sie über kein Personal und nur ein minimales Budget verfügten, und keine der üblichen Kommunikationskanäle benutzten. »Unmöglich«, sagte sie. »Die einzigen Leute, die die ganze Geschichte überhaupt kennen, sind du, er und ich.«
»Ja«, erwiderte Moore leise. »Die einzigen drei.«
Während sie überlegte, was er damit andeutete, was Gibbs angedeutet hatte, ohne es auszusprechen, verriet ihr Gesichtsausdruck sie einmal mehr. »Das höre ich mir nicht an. Wenn er denkt …«
Moore unterbrach sie. »Er hat es natürlich nicht gesagt, aber er fragt sich. Er ist sich nicht mehr sicher, was mich betrifft. Wir streiten zu viel. Abgesehen davon hält er dich jetzt für den tüchtigeren Gaul. Du bist jung und ehrgeizig. Er glaubt, dass du so gut wie alles tun wirst, damit die Sache läuft. Ich dagegen bin nicht mehr so jung und vielleicht weniger geneigt, meinen Hals oder andere Körperteile für ein Unterfangen zu riskieren, das sehr wohl zu nichts führen könnte. Möglicherweise würde ich das Ganze auch als Chance sehen, mit ein wenig mehr als einer mickrigen Pension in Ruhestand zu gehen. Und das kann er sich auf keinen Fall leisten.«
»Das ist lächerlich«, sagte sie.
»Es ist nicht nur schlecht«, beteuerte Moore. »Er hat ein großes Lockmittel für dich in der Hand, mit dem ich nicht mehr zu ködern bin – Beförderung. Wenn du die Sache durchziehst, gibt er dir einen leitenden Posten mit einer Gruppe regionaler Kräfte, die unter dir arbeitet.«
Er hielt inne und sah sie an. »Ich weiß, du wolltest nicht, dass es auf diese Weise geschieht, aber betrachte es als das, was es ist – eine Chance, dich zu beweisen.«
»Das ist doch wieder nur absoluter Quatsch«, sagte sie mit Nachdruck. »Niemand sonst würde für eine Beförderung so etwas tun müssen.«
Moores Miene wurde ernst, blieb aber dennoch freundlich. »Du bist jünger als die anderen Außendienstleute, und du bist die Einzige auf deiner Ebene, die nicht direkt von der CIA kommt. Das sind zwei Nachteile. Die Tatsache, dass wir uns nahestehen, ist ein weiterer. Mit so einem Hintergrund musst du immer mehr tun. Du musst die anderen übertreffen, nur um mit ihnen gleichzuziehen.«
Sie wollte das nicht hören. Trotz ihres schnellen Aufstiegs beim NRI fühlte sie sich immer noch als Außenseiterin. Und schließlich führte Gibbs die Organisation wie einen Privatverein; es gab Leute, die nichts falsch machen konnten, die »Gibbs-Boys«, und andere, die man als potenzielles Problem ansah, Angestellte, deren Loyalität womöglich der Organisation im Allgemeinen galt, nicht Gibbs persönlich. An erster Stelle unter diesen standen Moore und in seinem Gefolge auch Danielle. Außenseiter.
»Du hast also die Wahl«, fügte Moore an und ließ keine Zeit für Selbstmitleid. »Du kannst diese Aufgabe übernehmen und erledigen, oder du kannst hinschmeißen, in die Staaten zurückfliegen und bestätigen, was Gibbs ohnehin von dir denkt: Dass du eine gute zweite Kraft bist, aber keine Führungskraft.«
Sie mahlte mit den Zähnen, wütend über diese Unterstellung. Das Projekt war bestenfalls eine vage Chance, prädestiniert zum Scheitern, ohne echtes Budget, ohne Unterstützung, ohne die Möglichkeit eines Teilerfolgs. Entweder sie fanden, wonach sie suchten, oder sie fanden es nicht. Und Letzteres war kein akzeptables Ergebnis, egal wie sehr man sich angestrengt hatte oder wie viel man erklären konnte.
Sie schnaufte und wandte den Blick sichtlich frustriert ab; doch so wütend sie über die Umstände der Veränderung war, konnte sie eine freudige Erregung über die Aussicht, endlich Verantwortung zu übernehmen, nicht leugnen. Sie und Moore hatten in den letzten Jahren als nahezu gleichberechtigte Partner gearbeitet. Wenn auch ohne eigenes Zutun hatte Moore den Löwenanteil an Anerkennung eingeheimst, doch andere sahen sie wiederum hauptsächlich als Nutznießerin seiner Erfahrung und Kompetenz. Wenn sie mit dieser Mission Erfolg hatte, wenn sie die Sache irgendwie zu Ende brachte, würde sie ihren Wert beweisen und damit Direktor Gibbs und allen anderen zeigen, dass mit ihr zu rechnen war.
»Du weißt genau, dass ich nicht hinschmeiße«, sagte sie. »Aber eins verspreche ich dir: Wenn ich mit diesem Ding in der Hand nach Washington zurückkomme, marschiere ich in Gibbs’ Büro und schieb es ihm verdammt noch mal in den Rachen.«
»Sorg aber dafür, dass ich dabei bin, wenn es so weit ist«, sagte er.
Moore spielte den braven Soldaten so gut er konnte, aber sie spürte seinen Zorn und Frust; er hasste es eindeutig, beiseitegeschoben zu werden. Nicht mehr lange, dann würde ein noch größerer Schritt folgen: ein erzwungener Abschied aus dem Dienst. An diesem Punkt würde sie dann sein Vermächtnis sein, und es stärkte sie nur in ihrer Entschlossenheit, ihn nicht zu enttäuschen.
Sein Gesichtsausdruck wurde ernster. »Du musst wissen«, begann er, »dass die Sache gefährlicher geworden ist. Und nicht nur, weil du selbst die Operation leiten wirst. Es ist tatsächlich noch jemand im Spiel, ein Akteur von außerhalb. Wir haben heute Morgen unseren Transporteur verloren. Der Kerl sagte, er sei von jemand anderem gechartert worden. Ich sagte, ich würde jedes Angebot überbieten, aber er wollte nichts mehr mit uns zu tun haben. Damit sind wir unsere Träger und unser Beförderungsmittel innerhalb einer Woche losgeworden.«
Mindestens einer ihrer angeheuerten Träger war angegriffen und schwer verprügelt worden, während der Rest der Gruppe einfach verschwunden war. »Offenbar kein Zufall«, sagte Danielle.
»Nein«, sagte Moore und steckte die Brille in die Tasche. »Es spielt aber eigentlich keine Rolle. Gibbs wollte sie ohnehin ersetzen. Er lässt eine handverlesene Mannschaft kommen, und es sind auch keine Einheimischen.«
»Wer dann?«, fragte sie.
»Zuerst ein privater Sicherheitstrupp, angeführt von einem Mann namens Verhoven, ein südafrikanischer Söldner, der einen guten Ruf genießt, soviel ich höre. Er wird übermorgen zusammen mit seinen Leuten eintreffen. Dann gibt es da noch einen Piloten, den du auf Gibbs’ Wunsch treffen sollst, ein Amerikaner, der sich Hawker nennt. Er ist in Manaus bekannt, aber einen großen Teil des Jahres bestäubt er Pflanzen für die Eigentümer einer Kaffeeplantage, ein paar Autostunden entfernt von hier.«
»Was hat ihn hierherverschlagen?«
»Er war früher bei der CIA«, sagte Moore. »Offenbar haben sie ihm die rote Karte gezeigt.«
Sie war immer misstrauisch, aber diesmal hatte sie allen Grund dazu. »Wieso setzen wir ihn dann ein?«
Moore lächelte wie ein Schakal, aber er antwortete nicht. Er brauchte es nicht.
»Ist es wirklich so weit gekommen?«
»Gibbs traut im Augenblick niemandem. Er ist überzeugt, es gibt eine undichte Stelle und will Leute ohne Verbindung zum Institut. Er glaubt, die müssten sauber sein, und er hat recht – jedenfalls zunächst. Es garantiert nicht, dass sich nicht später jemand an sie heranmacht, aber zunächst ist es ein gewisser Schutz.«
Moore trank einen Schluck Wasser, und Danielle kam zu Bewusstsein, dass er wieder in die Rolle des Mentors geschlüpft war. Das war es, dachte sie, die letzte Beratung, die sie für eine Weile bekommen würde.
»Wie sieht ihre Tarnung aus?« »Es gibt keine. Hawker ist bereits hier, und Verhoven und seine Leute kommen durch den Vordereingang, nicht hintenherum.«
»Und was dürfen sie wissen?«
Moore schüttelte den Kopf. »Niemand darf wissen, was du weißt«, sagte er. »Sie können von den Steinen erfahren, den Ruinen, von der Stadt, die du suchst. Alles, was offensichtlich ist. Aber darüber hinaus: keine Informationen.«
Und da lag der Hase im Pfeffer – bei der Last der Führungsrolle auf dieser besonderen Expedition. Sie beabsichtigten angeblich, Blackjack Martins Spuren in den Regenwald zu folgen, weil sie eine erstaunliche Entdeckung zu machen hofften: ein Stamm der Maya, der Tausende von Kilometern entfernt vom Rest der Maya-Zivilisation im Amazonasgebiet gelebt hatte. Aber hinter diesem Ziel lag ein anderes, etwas das nur zufällig damit zusammenhing und wovon die anderen nie erfahren durften.
»Und wenn ich in Schwierigkeiten gerate?«, fragte sie.
»Du darfst mit den brasilianischen Behörden keinen Kontakt aufnehmen«, sagte er rundheraus. »Im Fall einer Entführung, bei Gewaltanwendung oder anderen Umständen, die dich zum Handeln zwingen, ist der Verlust des gesamten Teams einer Offenlegung unserer Ziele vorzuziehen.« So lautete der schriftliche Befehl. Moore fügte eine persönliche Klarstellung an: »Wenn etwas passiert, tu, was du kannst. Aber wenn du keine andere Wahl hast, dann sieh zu, dass du abhaust, und lass sie zurück.«
Sie hatte gewusst, dass so etwas kommen würde, seit Gibbs angefangen hatte, ihnen Zivilisten aufzudrängen. Ohne Frage war Moore nicht weniger empört über diesen Befehl als sie, aber sie hatten eine Aufgabe zu erledigen.
Als würde er ihr Zögern spüren, sagte Moore: »Ich muss dich bestimmt nicht daran erinnern, wie wichtig diese Sache ist.«
»Wie wichtig sie nach Gibbs’ Meinung ist«, korrigierte sie ihn. »Falls er recht hat.«
»Er hat recht«, sagte Moore ohne Umschweife. »Auf die eine oder andere Weise hat er recht. Man hat bisher von dir verlangt, dass du es einfach glaubst, aber nachdem du jetzt die Leitung übernimmst … Die Testergebnisse der Martin-Kristalle waren eindeutig. Sie haben bestätigt, dass Tritiumgas in der Quarzstruktur eingeschlossen ist.«
Tritium ist ein radioaktives Abfallprodukt, das sich nur im Umfeld einer wie immer gearteten Nuklearreaktion bildet. Und das konnte nur eines bedeuten, wie Moore erklärte.
»An irgendeinem Punkt müssen diese Kristalle an einer schwachen Nuklearreaktion beteiligt gewesen sein«, sagte er. »Kalte Fusion, ziemlich sicher.«
»Und die Quelle dieser Reaktion?«, fragte sie. »Gibt es dazu neue Überlegungen?«
Moore blickte mit zusammengekniffenen Augen in die Ferne. »Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass das, was wir suchen, da draußen ist«, sagte er schließlich. »Ich könnte nicht erklären, wie oder warum, aber ich glaube, es existiert. Und wenn wir es finden – wenn du es findest -, dann haben wir buchstäblich die Chance, die Welt zu verändern.«

Zweites Kapitel
Der rostige Hangar stand am Ende eines selten benutzten Flugfelds am Rand der kleinen Bergstadt Marejo. Unkraut wuchs ungehindert entlang seinen Wänden, und Tauben nisteten im Dach, doch so verlassen das Gebäude auch aussah, wurde es ebenso wie die verwitterte Betonlandebahn noch sporadisch genutzt.
Einer dieser Nutzer war ein vierzigjähriger, dunkelhaariger Amerikaner, Eigner und Pilot eines betagten olivgrauen Hubschraubers – eines Bell UH-1, gemeinhin Huey genannt.
Nach drei Stunden Arbeit in dem schwülwarmen Hangar machte er sich einerseits Sorgen um die Flugtauglichkeit des Huey und staunte andererseits, dass er überhaupt noch funktionierte. Während seine Augen von einem Abschnitt des Hubschraubers zum anderen huschten, fragte er sich, wie viele Teile er wohl noch notdürftig zusammenflicken konnte, bis das Ding endgültig den Geist aufgab. Er würde es bald wissen, dachte er mit grimmiger Heiterkeit.
Als er gerade einen Werkzeugkasten wegräumen wollte, drang das Geräusch eines sich nähernden Fahrzeugs durch das offene Hangartor, eines gut eingestellten, teuren Motors, der an einem Ort wie Marejo völlig fehl am Platz war.
Froh um jeden Vorwand, an die frische Luft zu gehen, schlenderte er zum Eingang und wischte sich die Hände an einem zerschlissenen Lappen ab. Ein staubiger Landrover näherte sich langsam über die Zufahrtsstraße auf der gegenüberliegenden Seite der Rollbahn. Er nahm an, das Ganze hing mit dem Anruf vom Vorabend zusammen, einem Angebot, das er ohne zu zögern abgelehnt hatte. Dann kamen sie jetzt also, um persönlich mit ihm zu reden. Diesmal mussten sie wirklich etwas brauchen.
Der schwarze SUV schwenkte in seine Richtung und parkte am Rand des Rollfelds. Die Tür ging auf, und zu seiner Überraschung stieg eine Frau aus. Attraktiv und modisch gekleidet, die Augen hinter einer Schildpattsonnenbrille verborgen, schritt sie entschlossen auf den Hangar zu, beinahe streitlustig in ihrem Gang, wie ein Tiger, der auf einen Kampf aus ist.
Während sie näher kam, wurde ihm seine eigene schmuddlige Erscheinung bewusst, verschwitzt und voller Schmiere, wie er war, und mit einem Dreitagebart. »Na, großartig«, murmelte er, ehe er wieder nach drinnen ging, um sich wenigstens ein bisschen Wasser ins Gesicht zu spritzen.
Er hatte noch sein Gesicht über das Waschbecken gebeugt, als er die Sohlen ihrer Stiefel über den Betonboden klappern hörte.
»Com Licenca«, sagte sie auf Portugiesisch. »Entschuldigen Sie. Ich suche nach einem Piloten namens Hawker. Man hat mir gesagt, ich könnte ihn hier finden.«
Er drehte den Wasserhahn zu, trocknete sich das Gesicht mit einem Handtuch ab und schaute in den fleckigen Spiegel – eine unerhebliche Verbesserung. Er drehte sich um. »Sie sprechen Portugiesisch«, sagte er.
»Und Sie sprechen Englisch«, erwiderte sie. »Amerikanisches Englisch. Sie müssen Hawker sein.« Sie streckte die Hand aus. »Ich heiße Danielle Laidlaw, ich bin vom NRI, dem National Research Institute, aus den Staaten.«
Er nickte und schüttelte ihr vorsichtig die Hand. »Vom NRI?«
»Wir sind eine von der Regierung geförderte Forschungseinrichtung. Wir beschäftigen uns mit Hightech-Projekten in Zusammenarbeit mit Universitäten und Unternehmen. Allerdings bin ich nicht direkt aus diesen Gründen hier.«
Er hatte schon Gerüchte über das NRI gehört. Und wie unzuverlässig diese Quellen auch gewesen sein mochten, hinter dem Institut steckte mehr, als es ihr kleiner PR-Text nahelegte. »Ihr seid hartnäckig, das muss man euch lassen.«
»Sie sollten sich geschmeichelt fühlen«, sagte sie und lächelte.
»Geschmeichelt ist nicht ganz das richtige Wort«, entgegnete er, auch wenn er das Lächeln unwillkürlich erwiderte. »Ich habe Ihrem Freund am Telefon eine Absage erteilt. Offenbar hat man Ihnen nichts davon gesagt.«
Sie nahm die Sonnenbrille ab. »Doch. Aber nach allem, was ich gehört habe, kam er nicht einmal dazu, Ihnen ein Angebot zu machen.«
Er warf das Handtuch in das Waschbecken. »Das hatte seinen Grund.«
»Hören Sie«, sagte sie, »ich bin auch nicht gerade begeistert darüber, dass ich hier sein muss. Vier Stunden auf einer Schotterpiste – das ist nicht meine Vorstellung von einem angenehmen Nachmittag. Aber ich habe diesen weiten Weg auf mich genommen, um mit Ihnen zu sprechen. Sie könnten mir also wenigstens zuhören. Was kann es schaden?«
Er sah sie an. Sie war eine kühne und attraktive Frau, die für einen fragwürdigen Zweig der US-Regierung arbeitete und im Begriff war, ihm einen Vertrag anzubieten, der ohne Frage irgendwelche illegalen, verdeckten oder sonst wie gefährlichen Aktionen beinhaltete. Und sie fragte, was es schaden konnte. Trotzdem wollte er sie nicht wegschicken. »Haben Sie Durst?«, fragte er. »Ich nämlich schon.«
 

Sie nickte, und Hawker führte sie zu einer Seite des Hangars, wo ein schäbiger Kühlschrank neben einem Tisch mit einer Kaffeekanne stand. Er löffelte Eis aus dem Gefrierschank und goss eine Tasse schwarzen Kaffee darüber. »Das oder Wasser?«
Sie blickte argwöhnisch auf das zerkratzte Glas mit der schwarzen Flüssigkeit darin. »Ich nehme den Kaffee.«
»Sie sind mutig«, sagte er, stellte das Glas vor sie hin und goss sich selbst ein Glas Wasser ein. »Und Sie haben einen weiten Weg auf sich genommen«, fügte er an und setzte sich ihr gegenüber. »Von Manaus herauf, nehme ich an, da mich Ihr Freund dazu überreden wollte, dorthin zu kommen. Offenbar haben Sie eine einträgliche Anstellung zu bieten. Also lassen Sie hören, erzählen Sie mir von dem Job.«
Sie trank einen Schluck und verzog keine Miene. Er war beeindruckt. Der Kaffee war absurd bitter.
»Das NRI finanziert eine Expedition in eine abgelegene Region des westlichen Amazonasbeckens«, sagte sie. »Das genaue Ziel wurde noch nicht ermittelt, aber wir sind uns ziemlich sicher, dass es nur auf dem Fluss oder aus der Luft zu erreichen ist. Wir suchen nach einem Piloten und einem Hubschrauber für bis zu zwanzig Wochen, mit einer Option auch für die nächste Saison. Sie würden bezahlt fürs Fliegen, für Ihre Kenntnis der örtlichen Verhältnisse und für alle etwaigen anderen Aufgaben, die Sie in gegenseitigem Einvernehmen noch übernehmen.«
Seine Augenbrauen gingen in die Höhe. »Gegenseitiges Einvernehmen«, sagte er. »Hört sich gut an.«
»Ich dachte mir, dass es Ihnen gefällt.«
»Woraus besteht die Fracht?«
»Normales Expeditionszubehör«, sagte sie. »Dazu Personal unserer Forschungsabteilung und ein paar Experten von Universitäten in den Staaten.«
Er musste ein Lachen unterdrücken. »Klingt nicht so übel. Was lassen Sie aus?«
»Nichts, was wichtig wäre.«
»Was tun Sie dann hier?«
Eine perfekte Pause, einstudiert. »Ich kann Ihnen nicht folgen.«
Er war überzeugt, dass sie ihm sehr wohl folgen konnte. »Wieso kommen Sie den weiten Weg hier herauf, obwohl Sie jemanden in Manaus hätten engagieren können? Wozu die lange Fahrt, um mich zu besuchen? Wieso der mitternächtliche Anruf von einem Mann ohne Namen?«
Ihre Antwort war wohl überlegt, mit einem Ernst in der Stimme, den er aus seiner Vergangenheit kannte. »Wir sind daran interessiert, nicht groß aufzufallen, ein Ansinnen, dem sich lokale Kräfte nicht immer aufgeschlossen zeigen. Wir suchen jemanden, der keine Fragen stellt und keine beantwortet, wenn sie ihm gestellt werden.« Sie zuckte mit den Achseln. »Und was den Anruf betrifft: Wir mussten sichergehen, dass Sie tatsächlich Sie sind.«
Der Anruf hatte eine Menge Fragen beinhaltet, die er lieber nicht beantwortet hatte. Wahrscheinlich war das Bestätigung genug gewesen.
Anrufe wie diesen oder Anfragen, die auf andere Weise erfolgten, hatte es in den letzten zehn Jahren viele gegeben, besonders während seines Exils in Afrika, nach der Trennung von der CIA. Sie kamen von Rebellengruppen, ausländischen Regierungen sowie Firmen und Vertretern genau jener westlichen Interessen, von denen man ihn angeblich ausgeschlossen hatte. Wenn ein Mann von seinem eigenen Land als Gefahr eingestuft wird, gehen andere davon aus, dass er für Angebote von allen Seiten offen ist.
Je nachdem, wer sie stellte, kamen die Fragen in unterschiedlichem Gewand daher. Die Diktatoren, Generäle und Kriegsfürsten waren erfrischend – allerdings auch erschreckend – direkt. Die Agenten der verschiedenen westlichen Regierungen waren weit weniger klar, ihre Anliegen stets in hypothetische Form gekleidet. Würde diese Person verschwinden, könnte das Töten in der Region ein Ende haben. Sollte dieser Mann in unsere Hände fallen – falls diese Partei diese Waffen erhielte -, dann könnten auf diesem Nummernkonto Geldmittel bereitgestellt werden. Jahrelang hatte er sich diese Vorschläge angehört und aus einer endlosen Reihe von Angeboten entlang der westafrikanischen Küste und in Teilen Asiens ausgewählt.
Er sagte sich, dass er alle abgelehnt hatte, die offenkundig unmoralisch waren, aber in Gegenden, wo der Wahnsinn regierte, war der Unterschied oft schwer auszumachen. Waffen hatten stets noch mehr Waffen im Schlepptau, ein toter Kriegsfürst wurde durch zwei neue ersetzt, zwischen denen eine blutige Fehde ausbrach. Ein Ölhafen, der einem wahnsinnigen Diktator Geld einbrachte, brachte den Menschen, die in und um ihn arbeiteten, auch Arbeit und Brot – war es moralisch oder unmoralisch, so ein Ding in die Luft zu jagen? Irgendwann konnte er es nicht mehr sagen. Er verließ Afrika und kam nach Brasilien, bereit, für alle Zeit zu verschwinden. Eine Weile sah es so aus, als wäre es ihm gelungen, aber dann war der Anruf doch gekommen. Manchen Leuten war es offenbar nicht erlaubt zu verschwinden.
Hawker betrachtete die Frau ihm gegenüber und begriff zuletzt, dass ihr Angebot nicht im Konjunktiv formuliert gewesen war. »Sie haben Sicherheitsprobleme.«
»Anonyme Drohungen und ein Einbruch in unserem Hotel. Es wurden Dinge gestohlen, andere zerstört. Dinge von geringem Wert, aber die Botschaft war klar: Jemand will nicht, dass wir da rausgehen.«
»Irgendwelche Kandidaten?«