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Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Epilog

Das Privatleben des Dr. Watson

Der Autor

 

DIE NEUEN FÄLLE DES MEISTERDETEKTIVS

SHERLOCK HOLMES

 

 

 

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In dieser Reihe bereits erschienen:

 

01 – Sherlock Holmes und die Zeitmaschine von Ralph E. Vaughan

02 – Sherlock Holmes und die Moriarty-Lüge von J. J. Preyer

03 – Sherlock Holmes u. die geheimnisvolle Wand von Ronald M. Hahn

04 – Sherlock Holmes und der Werwolf von Klaus-Peter Walter

05 – Sherlock Holmes und der Teufel von St. James von J. J. Preyer

Michael Hardwick

 

DR. WATSON

 

Basierend auf den Charakteren von

Sir Arthur Conan Doyle

 

Aus dem Englischen von
Andreas Schiffmann

 

 

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eBook © 2014 by BLITZ-Verlag

Originaltitel: The Private Life of Dr. Watson

erschienen 1983 bei E.P. Dutton

Redaktion: Jörg Kaegelmann

Titelbildgestaltung: Mark Freier

Satz: Winfried Brand

 

All rights reserved

 

Print ISBN: 978-3-89840-381-8
E-Book ISBN: 978-3-95719-205-9

www.BLITZ-Verlag.de

Prolog

Ohne meinen Boswell wäre ich verloren

 

 

„Wie geht es Ihnen? Sie waren in Afghanistan, wie ich sehe.“ So lauteten die ersten Worte, die Sherlock Holmes am 1. Januar 1881 im Chemielabor des St. Bartholomew’s Hospital an mich richtete. Zu jener Zeit fühlte ich mich in dreifacher Hinsicht schlecht. Ich war niedergeschlagen, plagte mich mit Zukunftsängsten und litt unter Katzenjammer. Dennoch hätte ich selbst auf der Höhe meiner Kräfte nicht vermutet, welche Folgen dieses Treffen nach sich ziehen sollte.

 

James Boswell berichtete über seine erste Begegnung mit dem großen Literaten Samuel Johnson folgendes.

Mr Davies stellte mich ihm vor. Da ich Johnsons tödliche Antipathie gegen die Schotten kannte, sagte ich zu Davies: „Erzählen Sie nicht, wo ich herstamme.“

Dennoch tat er es.

„Mister Johnson“, sagte ich also, „in der Tat komme ich von Schottland, aber ich kann nichts dagegen tun.“

„Sir“, antwortete er mir, „dagegen, finde ich, kann eine große Menge Ihrer Landsleute nichts tun.“

Unsere Unterhaltung hingegen verlief anders. Ich beschrieb meinen jüngsten Aufenthalt in Afghanistan nicht, sondern fragte Holmes, woher er überhaupt davon wisse. Er ging nicht darauf ein, und ich erhielt erst einige Wochen später Aufschluss, als er mir offenbarte, er verdinge sich als beratender Detektiv.

Sein Gedankengang war folgender gewesen, und er hatte ihn in Sekundenschnelle gefasst. Dieser Gentleman arbeitet im medizinischen Bereich, kann seine militärischen Dünkel aber nicht verhehlen, also muss er Feldarzt sein. Er ist gerade aus mindestens subtropischen Gefilden zurückgekehrt, woher auch sein dunkler Teint rühren muss. Es handelt sich um natürliche Bräune, denn die Haut oberhalb der Handgelenke bleibt davon ausgenommen. Er hat Strapazen und Krankheit hinter sich, wie man eindeutig an seinem Gesicht erkennt. Sein linker Arm wurde verletzt, weshalb er ihn verkrampft und starr von sich streckt. In welchem Land mit entsprechendem Klima kann sich ein britischer Armeedoktor im Zuge großer Anstrengungen in jüngster Zeit verletzt haben – außer Afghanistan?

Diesem ersten Zeugnis seiner Kombinationsgabe sollten noch viele weitere folgen, die ich mitvollziehen durfte. Zudem ward ich im Laufe unserer langjährigen Beziehung wiederholt dazu ermutigt, ihm darin nachzueifern. Meine bislang veröffentlichten Geschichten widmen sich seinen besonders denkwürdigen Fällen, derweil noch viele, die er darüber hinaus gelöst hat, niedergeschrieben werden müssen. Seine einzigartige Gabe überraschte mich immer wieder aufs Neue, obwohl er nicht immer ausschließlich ins Schwarze traf, wie die folgenden Memoiren offenlegen werden.

Holmes kam von selbst auf die Idee, mich als seinen Boswell zu bezeichnen, woraufhin sich nicht vermeiden ließ, dass ein Teil der Aufmerksamkeit und Huld, die ihm zuteil wurde, auf mich, seinen Chronisten und Mitstreiter bei zahlreichen Abenteuern, abstrahlte. Falls es nicht zu anmaßend klingt, will ich mich auch als seinen engen Freund bezeichnen, und zwar trotz seines strengen und reservierten Charakters, der Zweisamkeit nicht als zwingend notwendig erachtete. Über seine Persönlichkeit und Herkunft wurde viel – und nicht unbedingt richtig – spekuliert, genauso wie manche meiner Leser versuchten, von den Geschichten auf mein eigenes Leben und Wesen zu schließen, obwohl ich nicht beabsichtigte, viel von mir darin preiszugeben.

Indem ich nun eine ausführlichere Biografie meiner selbst folgen lasse, will ich keine Aufmerksamkeit heischen, sondern wünsche mir zweierlei. Erstens soll die breite Öffentlichkeit bislang nicht angesprochene Einzelheiten erfahren, zweitens muss ein für alle Mal Klarheit herrschen bezüglich der Sachverhalte, die meine besonders kritischen Leser bisher eigenartig beziehungsweise unzureichend erläutert fanden.

Sicherlich werden weder die Bekanntgabe meines Geburtsortes und vollen Namens noch Beschreibungen zu meiner Familie und Erziehung Erdbeben auslösen, genauso wenig wie die Fügungen, die mich Arzt werden ließen, die genaue Beschreibung meiner Kriegswunden oder eben der Zufall, durch den ich Holmes’ Bekanntschaft machte. Andererseits glaube ich nicht, dass die skurrileren Facetten meiner bisweilen aufregenden Reisen und Unternehmen ihr Ziel verfehlen werden. Wie viel Bedeutung man meiner beiläufigen, aber viel diskutierten Bemerkung zumisst, ich halte mir eine Bulldogge, und ob meine Bewunderung für Henry Ward Beecher, dessen Porträt ich mir ohne Rahmen aufgehängt habe, wirklich so sensationell ist, wie Holmes unsinnigerweise annahm, oder mit welchem Recht ich behaupte, in verschiedenen Ländern auf drei unterschiedlichen Kontinenten Frauen beglückt zu haben … nun, ich überlasse es dem Leser, seine Erwartungen bezüglich der Fakten, die er im Folgenden einsehen wird, herunterzuschrauben, oder nicht.

Ich gehe nicht davon aus, mein Ansehen bei den Menschen zu schmälern, die mir stets gewogen waren, indem ich alles über mich erzähle. Samuel Johnson meinte einmal, müsste er sich keine Gedanken über seinen zukünftigen Ruf machen, täte er nichts weiter in seinem Leben, als hübschen Frauen in rasenden Postkutschen Gesellschaft zu leisten. Wenn ich persönlich meine Flegeljahre Revue passieren lasse, kommt es mir vor, als hätte ich nichts weiter getan als ebendies.

 

John H. Watson

Kapitel 1

Die menschliche Natur ist doch ein recht wunderliches Gemisch

 

 

Dass wir unsere stolzen Kriegsschiffe seit Jahrhunderten auf Namen taufen, die eher zu Wirtshäusern passen, ist für die britische Seele bezeichnend, bloß weiß ich nicht, in welcher Hinsicht, auch wenn mir dieser Gedanke schon oft durch den Kopf gegangen ist. Rose, Distel oder Bär sind Stilblüten aus dem Elisabethanischen Zeitalter, falls sie nicht noch weiter zurückreichen, wobei ich mir gut vorstellen kann, dass es einmal Ihrer Majestät Schiff Rose & Krone oder Edler Landwirt gegeben hat.

Keinen solchen Namen trug indes die Galeone, die in einer finsteren Septembernacht des Jahres 1588 von einem gnadenlosen Sturm bei tosender See in den Nordkanal zwischen Irland und der Westküste Schottlands getrieben wurde, an deren schroffen Klippen sie zerschellte. Ihr Name lautete Galeón del Gran Duque di Florencia del Nombre San Juan. Wie viele Passagiere überlebten, verschweigen uns die Historiker. Mr Ashby von der englischen Botschaft in Schottland schrieb seinem Herrn Sir Francis Walsingham, dem Chef des Geheimdienstes von Königin Elisabeth folgendes. Ein riesiges Schiff aus Spanien, das ein Soldatenheer beförderte, ist in der Nähe von Black Head an Eurer Küste gekentert. Es gibt große Verluste zu beklagen. Wir gehen davon aus, dass seine Fracht sehr wertvoll war.

Ich weiß noch, dass Vater an jener Küste oft mit mir und meinem Bruder Henry zu einer Bucht ein Stück nördlich vom Leuchtturm bei Black Head spazierte. Die Kulisse an sich sowie Gedanken an das tragische Unglück und die Verzweiflung der Opfer beflügelten unsere Phantasie. Im unaufhörlichen, obschon im Vergleich zum damaligen Unwetter wohl gediegeneren Rauschen des Meeres lauschte ich immerzu angestrengt nach den geisterhaften Hilfeschreien ertrinkender Spanier und dem Knarren der Planken, bis ich zu hören glaubte, wie der Schiffsrumpf an den erbarmungslosen Felsen zerbarst.

„Wird man es je bergen?“, wagte ich zu fragen. Ich konnte nicht glauben, dass mein alter Herr seelenruhig Pfeife schmauchend nach unten in die wirbelnde Gischt schaute, und verstand nicht, warum wir keine Wathosen, Schaufeln sowie andere Ausrüstungsgegenstände mitgebracht hatten, um nach Dublonen zu graben.

„Nein, nein“, antwortete Vater meistens in seinem unverkennbaren Tonfall, einem nahezu akzentfreien Englisch, das fast so rein war wie Single Malt Whisky und kaum erahnen ließ, dass er aus Schottland stammte. „Die See wird nicht zurückgeben, was sie in jener Nacht nahm. Es war ein Tribut, den sie einforderte und an sich riss.“

Mit seiner poetisch klingenden Begründung gaben wir Jungen uns allerdings nicht zufrieden. Von Zeit zu Zeit waren Münzen und andere kleine Gegenstände angespült worden, also wollte es der Zufall, dass man vielleicht irgendwann dort stand, wenn ein kleines Vermögen an Land schwappte. Gerade mein Bruder, der von jeher ein ungeduldiges Gemüt hatte, pochte ständig auf eine Ausgrabung, und so bemühten wir einmal tatsächlich unsere Blechspaten, während sich Vater auf die Felsen setzte und gemütlich weiterrauchte. Wir verstanden nicht, weshalb er völlig ruhig blieb, wo doch große Reichtümer auf uns warteten … oder auch nicht. Nach einer Weile gaben wir schließlich auf und kletterten zurück zu Vater. Nachdem wir uns links und rechts neben ihm niedergelassen hatten, starrten wir ebenso versonnen wie er auf das Wasser, das an jenem Tag sehr still blieb. Nie hätte man geglaubt, dass es an dieser Stelle einmal zu einer solchen Tragödie gekommen war.

„Falls wirklich ein Schatz an Bord war“, sagte Vater irgendwann, „hat er auf ewig ein nasses Grab gefunden. Wisst ihr, es gibt andere Dinge im Leben, die wertvoll sind. Was eines Nachts vor langer Zeit hier geschah, hat sich letztlich auch auf die Beschaffenheit des Blutes ausgewirkt, das in euren Adern fließt.“

Auf dem Kamin seines Arbeitszimmers in der Hanover Street stand ein hölzernes Modellschiff, eine spanische Galeone. Ein Matrose hatte es zum Zeitvertreib während einer langen Überfahrt gebaut, doch nach seinem Tod war es beim Ausräumen seines Hauses von den Hinterbliebenen weggeworfen worden. Vater, über dessen Maklerbüro das Anwesen weiterveräußert worden war, hatte das Modell aus dem Müll gerettet. Es stellte nicht die San Juan selbst dar, gab aber einen trefflichen Eindruck von ihr und allen anderen Schiffen jener mächtigen Flotte, die das formidable Dreigespann aus Sir Francis Drake, Lord Charles Howard Effingham und Gott allen Erwartungen zum Trotz bezwungen hatte.

Der Grund dafür, dass er es behalten hatte, ließ sich aus Vaters Zügen ablesen. Er hatte ein langes, schmales Gesicht mit hoch stehender Nase, pechschwarzes Haar und einen ebensolchen Schnurrbart sowie braune Augen, was ihm zusammengenommen ein melancholisches Erscheinungsbild verlieh. Ich bewunderte seine hochgeschossene, schlanke Figur, die er in einen schwarzen Zweireiher, Kniehosen und weiße Hemden mit dem damals üblichen Rüschenkragen kleidete. Dieser Aufzug stellte zugegebenermaßen einen Kontrast zu seinem Vornamen John Henry dar, der geschichtlich schon damals nicht wenige Assoziationen weckte.

Ich selbst habe mich über die Jahre hinweg körperlich kaum verändert, bin untersetzt und galt immer als durchschnittlich groß für mein jeweiliges Alter. Meine Augen sind eher grau, und ich habe ein kantiges Kinn, aber vom Gemüt her bin ich meiner Mutter nachgeschlagen, wohingegen mein Bruder Henry Vaters Sinnesart geerbt hat. Ich darf froh sein, keine seiner Neigungen mit auf den Weg bekommen zu haben, obschon ich ihn oft um sein anmutiges Aussehen beneidete.

Um auf seine Bemerkung über unser Blut zurückzukommen: Einer der Schiffbrüchigen lebte noch lange genug in der Gegend, um sich mit einer Schottin zu vermählen. Jene Seeleute und Soldaten, die an unserer Küste an Land gekrochen waren, konnten von Glück reden, dass die Einheimischen sie zu sich nahmen und aufpäppelten. Man betrachtete sie nicht als feindselige Fremdgläubige, sondern schlicht als arme Seelen, die den Turbulenzen der See entronnen waren. Wen es von ihnen hingegen nach Irland oder England verschlug, der wurde rigoros dahingerafft.

Auch weil sich unsere Ahnenbücher über jene frühe Zeit ausschwiegen, war ich fasziniert von meinem Stammbaum, weshalb ich Vater ständig dazu nötigte, die Familienlegende abermals zu erzählen.

„Ich bin mir ziemlich sicher, dass er zur Armee gehörte.“

„Als Admiral?“

„So hochrangig war er wohl leider nicht, eher ein einfacher Matrose.“

„Aber doch wenigstens General?“

„Diese Position war in der spanischen Marine zu jener Zeit nur Männern aus dem Hochadel vorbehalten, und als solcher hätte er sich nicht hier abgekapselt, sondern wäre in seine Heimat zurückgeführt worden.[1] Er hieß Henriques, soviel wir wissen.“

„Woher, Papa?“

„Der Name hielt sich ungefähr bis zum Anfang dieses Jahrhunderts in unserer Familie. Mein Großvater trug ihn zuletzt ebenfalls an zweiter Stelle. Ich glaube, er fand ihn zu ausgefallen für seinen eher verstockten Charakter, also anglisierte er ihn irgendwann zu Henry.“

„Ich hätte ihn gern getragen“, erwiderte ich, denn der Klang gefiel mir. „John Henriques Watson.“

Mein Vater lachte. „Du kannst immer noch einen deiner Söhne so taufen, obwohl er dir für einen so aparten Namen bestimmt nicht danken wird.“

„Ach was“, wiegelte ich ab. „Er klingt besser als Hamish. Pfui!“

„Jetzt ist aber gut, John! Du musst Mutters Mädchennamen achten.“

„Verzeihung, Papa. Was weißt du noch über den spanischen Matrosen?“

„Er muss beim Untergang des Schiffs arg in Mitleidenschaft gezogen worden sein, da er hinterher monatelang bettlägerig war, auf einer der Burgen in der Nähe, wie es heißt, möglicherweise Castle Kennedy. Die Tochter des Vogts pflegte ihn gesund, und wie es eben geschieht, traf Amors Pfeil auch diese beiden.“

„Was ist Amors Pfeil, Papa?“

„Das wirst du früh genug alleine herausfinden. Bald, mein Junge.“

„Tat es weh?“

„Nein. Sie heirateten und bekamen Kinder mit sowohl schottischem als auch spanischem Blut. Was glaubst du, bedeutet es, dass seine Nachfahren Watson heißen?“

„Darauf weiß ich keine Antwort, Papa.“

„Ach komm, dir ist doch klar, dass eine Lady den Nachnamen ihres Mannes annimmt, wenn sie ihn heiratet.“

„So wie Mama, die früher Miss Hamish war?“

„Richtig. Und als wir uns trauten, wurde sie Misses Watson. Zu welcher Annahme verleitet dich das?“

„Dass … eine Miss Henriques auch einen Mister Watson geheiratet hat?“

„Genau. Man muss bisweilen rückwärts denken, wenn man Herkunftsfragen erörtert. Falls du je einen Grabstein findest, auf dem etwas zum Gedenken an irgendeinen Henriques und seine Frau soundso steht, lasse ich einen halben Sovereign springen, wenn du meine Behauptung widerlegst, er und seine Gattin hätten nur Töchter gezeugt. Eine von ihnen heiratete eben einen Watson, woraufhin der Name Henriques so plötzlich aus dieser Gegend verschwand, wie er aufgetaucht war.“

„Klingt spannend, Papa.“

„Papperlapapp! Zeige mir einen oder eine Henriques in unserer Gegend, und du bekommst Geld.“

Während ich noch in Wigtownshire wohnte, begab ich mich wiederholt auf die Suche, indes stets ohne Erfolg. Die Spuren unseres Spaniers waren genauso gründlich verschwunden wie der Schatz, den sein Schiff möglicherweise befördert hatte. Sein Vermächtnis trugen nichtsdestoweniger sowohl Vater als auch Henry in ihren Zügen und Veranlagungen weiter.

Mutter stammte von Engländern und Schotten ab, die jeweils unterschiedlichen Gesellschaftsschichten angehört hatten und verschiedenen Berufen nachgegangen waren. Diese Sippe, die Hamishs aus Garbeg, brüstete sich als Nachkommen der MacKenzies von den Hebriden. Roderick MacKenzie, so hieß es, sei in der Schlacht bei Culloden ehrenvoll für seinen Prinzen in den Tod gegangen. In meiner Generation lebte noch ein Wildhüter aus jener Familie, der zwei gänzlich unterschiedliche Söhne hatte. Donald, der ältere, war Baumeister, wohingegen sein Bruder Angus in den häuslichen Dienst trat und sich zum Butler aufschwang, den die erlauchten Kreise der Londoner Gesellschaft kannten und schätzten.

Mutters Vorname lautete Violet. Ihr Vater hatte als Arzt in Bagshot in Surrey praktiziert. Als ich alt genug war, um mich in zunehmendem Maße für unser Paarungsverhalten sowie die Hintergründe zu interessieren, die zur Fortpflanzung führten, fragte ich, wie sie Vater kennengelernt hatte, auch weil ich wissen wollte, welche Rolle das Schicksal oder der Zufall (oder wie auch immer man es nennen wollte) dabei gespielt haben mochte.

Das Gespräch fand während der 1860er-Jahre statt, als Mutter und ich weit weg von Vater und Henry in Amerika weilten und einander infolgedessen näher denn je standen. Während wir uns unterhielten, saßen wir auf einer Bank im damals gerade fertig gestellten Central Park und schauten zu, wie die Eichhörnchen ihrem Tagewerk nachgingen, derweil reiche New Yorker Gentlemen mit ihren gewaltigen Hengsten eine Runde nach der anderen auf der Sandbahn drehten.

„Es war ziemlich romantisch, wenn ich heute darüber nachdenke“, gestand sie. „Deine Großeltern fuhren im Frühjahr ’46 mit uns Mädchen, also auch deinen Tanten Flora und Verbena, in den Urlaub. Wir sollten in Stranraer übernachten und tags darauf mit dem Dampfer nach Coleraine übersetzen.“

„Und Papa lebte schon in Stranraer?“

„Zum Glück für mich, ja. Ich machte einen Spaziergang am Ufer, um die Küstenluft zu genießen und die Boote zu beobachten. Da es sehr laut war, hörte ich nicht, dass jemand rief, ich solle aus dem Weg gehen. Ehe ich mich versah, stieß etwas gegen meine Kniekehlen, und ich taumelte vorwärts.“

„Um Himmels willen! Du wärst beinahe ins Hafenbecken gefallen?“

„Ja … aber vorher schlang jemand seine Arme um meine Taille. Ich befürchtete trotzdem, ins Wasser zu stürzen. Du kannst dir ja vorstellen, wie tief hinunter es ging. Umso froher war ich, dass ich rechtzeitig festgehalten und schließlich behutsam zurückgezogen wurde. Der Retter war dein Vater. Hätte er nicht gesehen, wie ich angerempelt wurde, und so rasch reagiert, wärst du wohl nie zur Welt gekommen, und ich könnte nicht davon erzählen.“

Ein religiöser Mensch mag glauben, Gott habe seine schützende Hand über Mutter gehalten, aber ich bezweifle stark, dass der Allmächtige sie bewahrt hatte, nur damit ich einmal auf seiner Erde wandeln würde.

„Papa ging ganz zufällig vorbei?“

„Kommt darauf an, was du mit zufällig meinst.“ Mutter war zu jener Zeit sehr gottesfürchtig. „Er kam zum Hafen, um eine Fahrkarte für denselben Dampfer zu lösen, den wir am nächsten Morgen nehmen wollten. Dann sah er, wie ein Gepäckträger auf dem Pflaster ausrutschte, wobei ihm sein Karren aus den Händen glitt und auf mich zurollte. Just als er mich erreichte, bekam mich dein Vater zu fassen. Andernfalls …“

Den Rest malte ich mir blumig aus. „Er bestand darauf, dich ins Hotel zurückzubringen, wo du ihn der Familie vorgestellt und erklärt hast, wie er dein Leben rettete. Großvater schüttelte seine Hand und gab zu, keine Worte zu finden, um ihm angemessen danken zu können. Am folgenden Tag habt ihr alle gemeinsam den Kanal überquert. Als ihr in Larne getrennter Wege gegangen seid, wart ihr schon eng miteinander befreundet.“

Mutter schaute mich lächelnd an. „Du bist auch sehr romantisch, mein Junge. Vielleicht wirst du später Schriftsteller … der nächste Walter Scott.“

Schließlich standen wir auf und flanierten weiter durch den Park, wobei andere Themen zur Sprache kamen. Die beiden heirateten im Herbst 1847. Mein Vater kam dazu nach Bagshot und nahm Mutter hinterher mit nach Stranraer, wo er zuvor zum jüngeren Teilhaber des Immobilienhandels gekürt worden war, in dem er Zeit seines Lebens arbeiten sollte. Mein Bruder kam zwei Jahre später zur Welt, ich selbst am 7. Juli 1852.

Unsere heitere kleine Familie lebte an einem hübschen Fleck gleich an der Spitze des Loch Ryan. Wir hatten ein bescheidenes Häuschen, in dem man Steine der Burgruine verbaut hatte, und zwei Diener, die bei uns wohnten. Unser Laufbursche hingegen kam aus dem örtlichen Waisenheim. Als Henry und ich alt genug waren, besuchten wir eine Privatschule, die von einer netten betagten Dame geleitet wurde, einer Engländerin durch und durch. Sie legte großen Wert auf gepflegte Aussprache und trieb uns den schottischen Akzent gänzlich aus, was ich heute mitunter als Verlust empfinde.

In einem Teil der Welt, wo die Menschen eher sesshaft waren und ihre Güter weitervererbten, florierten Geschäfte mit Grundstücken nicht unbedingt. Es gab keine Baulöwen, die Prachtvillen aus dem Boden stampften, und von Tourismus konnte noch keine Rede sein. Als ich ungefähr zehn war, bestand Vaters Arbeit größtenteils darin, sich um die Angelegenheiten von Grundbesitzern in Irland zu kümmern, die nicht ortsansässig waren. Mindestens einmal wöchentlich nahm er die Fähre nach Larne, wo er auf einigen Abstechern auch ein- oder zweimal übernachtete. In der Stadt gab es schöne Golfplätze, auf denen er gewissermaßen süchtig nach diesem Sport wurde.

Bedauerlicherweise entwickelte er auch andere Abhängigkeiten. Larne war berühmt für seine Brennerei, die einen bemerkenswerten Irish Whiskey herstellte, und einer der Leiter dort knüpfte freundschaftliche Bande mit Vater, sowohl beim Golfen als auch abseits der Grünflächen. Wie so oft darf man sich fragen: Musste es so kommen, war es Fügung oder etwas anderes?

Kapitel 2

Dass bei ihm schlimme Einflüsse am Werk sind – vermutlich Alkohol

 

 

„Klingt spannend, Papa.“

„Papperlapapp!“

Mein Freund Sherlock Holmes musste mir oft wieder vergegenwärtigen, dass man rückwärts denken muss, um Ursachenforschung zu betreiben. Diese Erinnerung war zugleich lehrreich und erheiternd, zumal ich nicht selten glaubte, hinter seinen schneidenden Worten den sanfteren Tonfall zu hören, mit dem mein Vater auf mich eingeredet hatte. Daraus zog ich für mich den unheimlichen Schluss, dass Vater in Holmes nachklang oder ihn vorwegnahm, je nachdem.

Denke ich genauer darüber nach, stelle ich fest, dass die beiden nicht nur auf ähnliche Weise argumentierten, sondern einander auch äußerlich glichen. Der hohe Wuchs und die schlanke Figur, eine spitze Nase und wachsame Augen in einem hellhäutigen, glatt rasierten Gesicht, darüber eine breite Stirn und schwarzes Haar, das nach den Seiten zurückwich. Zudem sah man Vater wie Holmes selten ohne Pfeife, wenn er die Seele baumeln ließ oder in meditativer Stimmung war. Morgens, bevor er ins Büro aufbrach, zog er einen nüchternen Cutaway an, wohingegen zum Ausgehen ein erdfarbener Überwurf sowie eine Mütze herhielten. Der Paletot und die karierte Schirmmütze mit zusätzlicher Krempe hinten, die Holmes auf vielen unserer Erkundungen außerhalb Londons trug, waren in meiner Kindheit noch nicht gebräuchlich gewesen, aber ich kann mir denken, wie trefflich beides meinem Vater gestanden hätte.

Weiterhin waren die Interessen der beiden breit gefächert. Sie trennten sich ungern von bestimmten Schriftstücken und Andenken jeglicher Art, bewahrten sie aber dennoch nur leidlich geordnet auf. Dazu führten sie Notizblöcke, auf deren Seiten sie allen möglichen Themen nachhingen, die sie gerade beschäftigten. Eine Zeit lang verfiel Vater einem Sammlertrieb, wobei er Muscheln, Blätter und andere Pflanzenteile bevorzugte. Vorübergehend pflegte er jede Kollektion mit großem Eifer, doch nicht lange, und er versteifte sich auf etwas anderes, genauso sprunghaft wie Holmes im ständigen Hadern mit der Langeweile, die ihm der Müßiggang verhieß.

Mittlerweile begreife ich, dass dieser auch Vaters größter Feind war, obgleich er immer sehr gelassen wirkte. Ich entsinne mich einer frühen Unterhaltung, die ich seinerzeit nicht richtig deuten konnte, weil mir die Reife dazu fehlte. Das Gespräch erfolgte während eines unserer vielen Besuche in jener kleinen Bucht nördlich von Black Head. Henry war davon überzeugt, er stoße diesmal auf Gold, und wir buddelten eine Weile in den Sandadern zwischen den Felsen. Ich warf meine Schaufel jedoch bald hin und kehrte zu Vater zurück. Er nippte gerade an einem Flachmann, aber als er mich kommen sah, verschraubte er ihn schnell, steckte ihn weg und klemmte stattdessen wieder seine Pfeife zwischen die Zähne.

Ich ließ mich neben ihm nieder und schaute zu, wie er sie anzündete. „Bist du je übers Meer gesegelt, Papa?“

„Du weißt doch, dass ich häufig nach Larne fahre.“

„Ich meinte nach Übersee. Ins Ausland.“

„Nein, ich habe noch keine weite Reise gemacht.“

„Willst du das irgendwann nachholen?“

„Dass sich eine Gelegenheit dazu auftut, bezweifle ich. Dieser Zug ist abgefahren. Aber früher spielte ich mit dem Gedanken. Bloß …“

„Was, Papa?“

Er trotzte sich ein kurzes Lachen ab, das für mich nicht gänzlich aufrichtig klang. „Ja, damals träumte ich davon, mich in der Welt herumzutreiben.“

„Das tue ich auch.“

„Bestimmt wirst du die Möglichkeit erhalten.“

„Du selbst hattest nie eine, oder?“

„Doch … aber sie war vertan, noch ehe ich sie ergreifen konnte.“

„Wie meinst du das?“

Er tätschelte eines meiner Knie, ohne die Augen von der See abzuwenden. „Sagen wir einfach, ich habe eine Frau kennengelernt und geheiratet. Dann traten zwei liebe Buben in Erscheinung, um sich zu uns zu gesellen, und für einen Mann, der auf seine Familie achtgeben muss, schickt es sich nicht, ein Dasein als Streuner zu wählen.“

Wäre er also nicht vorbeigekommen, als Mutter beinahe ums Leben kam, hätte Vater wohl einen völlig anderen Weg eingeschlagen. Er kam nie dazu, sich die Hörner abzustoßen, wie man so sagt, weil er die Chance dazu schon früh ausgeschlagen hatte, indem er heiratete und Nachkommen zeugte. Die Parallele zu Sherlock Holmes ist wiederum frappant. Als mein Freund noch Drogen nahm, schlug er meine Warnungen und Proteste vornehmlich mit dem Einwand in den Wind, er könne es nicht ertragen, auf der Stelle zu treten. „Das Leben ist banal, die Zeitungen sind geistlos, Wagemut und Romantik scheinen auf immer aus der Welt des Verbrechens entschwunden zu sein.“ Im Bann solch trister Erwägungen kam es dazu, dass er auf die Schatulle aus Saffianleder zurückgriff, in der er sein Spritzbesteck aufbewahrte, aber kaum erhielt er einen Brief, ein Telegramm oder Besuch von einem Klienten, verwandelte er sich wieder in einen Tatmenschen und konzentrierte seine herausragenden Fähigkeiten auf ein Rätsel, das zu lösen ihm die einzige Befriedigung verschaffte, die er in Wirklichkeit brauchte.

Mein Vater hatte keine Aussicht auf eine solche Art von Linderung. „Freiheit und Whiskey gehören zusammen“, frotzelte mein Landsmann Robert Burns dereinst, und dementsprechend suchte mein Erzeuger sein Heil in der Flasche.

Vielen Erwachsenen – und erst recht kleinen Jungen – entgeht, dass sie es mit einem Säufer zu tun haben, es sei denn, die Person stürzt vor ihren Augen, aber ich habe meinen Vater kein einziges Mal in der tragikomischen Rolle des betrunkenen Schotten erlebt, der abwechselnd aggressiv und weinerlich ist. Erst eines Morgens 1863, kurz vor meinem elften Geburtstag, fiel es mir auf, nachdem er von einem seiner Abstecher nach Larne zurückgekehrt war.

Er und Mutter stritten sich laut hinter verschlossener Wohnzimmertür. Ich verharrte auf dem Flur und wusste nicht, ob ich Mäuschen spielen oder weggehen sollte, damit ich das peinliche Wortgefecht nicht mitbekam. Wie ich noch mit mir haderte, flog plötzlich die Tür auf, und Mutter stürmte heraus. Sie hielt sich ein Küchentuch vor die verweinten Augen und lief laut schluchzend an mir vorbei, packte das Treppengeländer und eilte hinauf ins Schlafzimmer. Gleich darauf ließ sich Vater blicken. Sein ungewöhnlich rotes Gesicht war wie erstarrt, als er mich anschaute. Dann schüttelte er heftig den Kopf, wie um einen klaren Blick zu fassen, und verschwand ebenfalls ins Obergeschoss.

Jetzt erst bemerkte ich, dass mein Bruder hinter mir auf die Diele getreten war, unauffällig wie so oft. Er schnitt eine Grimasse und beschrieb eine ruckartige Geste mit einer geschlossenen Hand, als trinke er aus einem Becher. „Stinkbesoffen“, sagte er.

„Mama? Besoffen?“

„Nein, du Dummkopf! Der Alte.“

Henry war cleverer, nicht so naiv wie meine Wenigkeit. Immerzu nahm er in Kauf, dass ich handgreiflich wurde, wenn er sich darüber lustig machte, dass ich mich nicht für Musik erwärmen konnte und Abenteuergeschichten las, aber Shakespeares Stücke oder Byrons Gedichte verschmähte. Zudem befremdete ihn, dass ich mich nicht für griechische und römische Mythologie interessierte, also sah er geringschätzig auf mich herab, vermutlich genauso wie unser spanischer Urahn im Angesicht niederer Bauern.

„Du hattest keine Ahnung davon?“, höhnte er. „Mama meinte, ich solle die Klappe halten, aber eigentlich ging ich davon aus, du wärst von alleine daraufgekommen.“

Ich mochte drei Jahre jünger sein als Henry, doch körperlich nahm ich es spielend mit ihm auf und fackelte normalerweise nicht lange, seine Beleidigungen zu ahnden. Diese Situation stellte eine der wenigen Ausnahmen dar, denn ich war verwirrt und bekam Angst. „Ich glaube dir nicht. Der Schluckspecht Hudson benimmt sich ganz anders.“

Damit bezog ich mich auf einen bekannten Trinker, der am Hafen herumlungerte. Er war ein Seebär von echtem Schrot und Korn, den das Alter und eine Krankheit, über die ich nichts Genaueres wusste, heruntergewirtschaftet hatten. Er soff unverhohlen und zwanghaft, derweil sich seine Kumpane an aberwitzigen Liedern über die leichten Mädchen von Rio und Frisco, Sydney und anderen Küstenstädten erfreuten, in die es diese bedauernswerte Gestalt einst verschlagen hatte.

„Du bist so blöde, dass du als Engländer durchgehst“, entgegnete Henry. Er wähnte sich wohl im Vorteil, weil ich noch vor den Kopf gestoßen war, und erörterte Vaters Verfassung weiter. „Hast du nicht gesehen, wie er torkelt? Er ziert sich davor, fest aufzutreten, als würde er auf Eiern laufen.“

Ich fragte mich, wie ich meinem alten Herrn je wieder in die Augen schauen sollte. Als ich ihn danach traf, saß er im Wohnzimmer und frönte entspannt wie üblich dem Tabak. Er erwiderte meinen verhaltenen Gruß, als habe sich nichts zugetragen, aber in gewisser Weise war ja auch alles wieder normal. Allerdings erkannte ich nun, dass seine Stille nichts mit Gelassenheit zu tun hatte, sondern mit Stumpfsinn.

Als er am nächsten Tag im Büro war, während Mutter Besorgungen im Ort machte, weihte mich Henry gänzlich ein. Nie werde ich vergessen, wie mich der Rundgang entsetzte, den er mit mir machte; gut ein Dutzend Plätze im Haus zeigte er mir, an denen man nichts Böses wähnte, doch überall waren halbvolle Flaschen versteckt.

„Ich hätte Lust, sie kaputtzumachen!“, bekannte ich. „Machst du mit?“

„Was soll das bringen? Wo auch immer er sie gekauft hat, gibt es noch mehr.“ Wie er so sprach, war mir, als nähme mich Henry ernster als sonst. „Was weiß ich? Kann nicht sagen, was wird, aber lange wird das nicht mehr gut gehen.“

Er sollte recht behalten.

 

Noch im gleichen Monat verlor Vater seinen Posten. Da er als Partner fungiert hatte, konnte er wohl nicht gefeuert werden, weshalb man ihn bat, seinen Hut aus eigenen Stücken zu nehmen. Er erhielt eine Abfindung, also stürzte uns dieses Debakel nicht sofort ins Elend, wenngleich mich kalte Angst packte.

Mutter verbarg ihren Kummer wacker. Sie sah nicht besonders Ehrfurcht gebietend aus und war eher schmächtig gebaut, bewies aber innere Stärke. Eingedenk ihrer recht geringen Größe mutete sie fast schwerelos an, abgesehen von den bauschigen Röcken vielleicht, die sie wie alle Frauen gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts trug. Sie kämmte ihr sehr helles Haar stets an den Seiten zurück und flocht es manchmal auch zu mädchenhaften Zöpfen. Ihr schmaler Hals war außerordentlich lang und so weiß wie ihre zierlichen Hände. Die frische Luft in unserem Landstrich rötete ihre Wangen, was sich in makellos runden Flecken äußerte, die etwa so groß waren wie ein Penny und ihre leuchtend blauen Augen kontrastierten. Ihr Teint oder besser gesagt überhaupt ihr Aussehen und Auftreten hätte sie nicht drastischer von Vater und Henry abheben können. Mit knapp zwölf Jahren war ich nicht nur schon genauso groß wie Mutter, sondern auch breiter und bildete mir etwas darauf ein, dass ich ihr vom Gesicht her glich.

Mittlerweile wusste sie, dass ich von Vaters Sucht Wind bekommen hatte, aber zwischen uns fiel kein Satz darüber. Wenn wir allein waren, ging ich oft zu ihr und berührte sie in der Art eines treuen Hundes, der seinem Frauchen zur gegenseitigen Erbauung eine Pfote hinhält. Dann drückte sie mich an sich, und wir umarmten uns einige Momente lang schweigend, um Empfindungen zu teilen, die sich nicht mit Worten ausdrücken ließen.

Einmal nahm sie mich dabei mit ins Elternschlafzimmer und ließ mich neben sich auf der Bettkante Platz nehmen, bevor sie wieder einen Arm um mich legte. „John, du musst jetzt tapfer sein und Verständnis haben. Ich weiß, das kannst du.“

Ich bekam sofort Angst. „Was ist los, Mama? Bitte, sag schnell, auch wenn es schlimm ist.“

„Wir … wir wandern vielleicht nach Amerika aus.“

„Amerika!“

„Oh, mein armer Schatz!“ Sie klammerte sich an mich. „Verzeih, wenn ich dich erschreckt habe. Ich hätte es dir schonend beibringen müssen.“

Während sie mich in ihren Armen vor und zurück wiegte, schnaufte sie angestrengt. Ihre Sorge war jedoch umsonst, denn zum ersten Mal seit Wochen sah ich einen Lichtstreif am Horizont. Schon oft hatte ich mir den weiten Kontinent ausgemalt, von dem die Winde und Wellen herrührten, die für das Aussehen unserer Küstenlandschaft verantwortlich waren. Ich kannte die Geschichten von den ersten Reisen dorthin, hatte von den Siedlern gehört, Hinterwäldlern und Trappern, den Rothäuten und tapferen Rebellen, wie sich diejenigen nannten, die in Lexington, Bunker Hill, Yorktown und Saratoga gegen unsere Truppen antraten. Das Seemannsgarn der Leute am Hafen – ausgenommen die Räuberpistolen aus dem Munde des alten Hudson – hatte meine Sehnsucht nach diesem Land geschürt, in dem das Leben ein großes Wagnis darstellte, doch hier saß nun meine ahnungslose Mutter und weinte sich meinetwegen fast die Augen aus.

„Beruhige dich bitte, Mama.“

„Könnte ich es doch bloß vermeiden! Mein Ein und Alles einfach in die Fremde zu schleifen … Nein, du darfst nicht gehen. Du sollst hier in deiner Heimat bleiben, bei Opa und Oma Hamish.“

„Ich würde aber lieber Amerika sehen“, entgegnete ich.

Daraufhin verstummte Mutter eine Weile und geriet augenscheinlich ins Grübeln. Nachdem sie ein Mal tief durchgeatmet hatte, fuhr sie in ernstem Ton fort: „Den Grund dafür zu erfahren, ist dein gutes Recht. Weißt du, Papa … ging es eine Zeit lang schlecht. Er ist wieder ein wenig genesen, aber nachdem ihm Doktor Grieves zu einem Ortswechsel geraten hat, meint er leider, dazu über den Ozean reisen zu müssen.“

„Ich finde die Idee fabelhaft.“

„Der Doktor hatte aber wohl etwas anderes damit im Sinn.“

Ich wollte sie schnell zuversichtlich stimmen. „Die vielen Bilder, die ich von Amerika habe …“, begann ich und dachte sofort an deren Motive. Wagenburgen, die von mit Speeren bewaffneten Indianern belagert wurden, von Wölfen verfolgte Trapper in verschneiter Einöde und vergleichbare Szenen, die kaum zu Mutters Begeisterung beigetragen hätten. „Ich bin mir sicher, wir könnten dort glücklich werden.“

„Wir werden sehen, was am besten ist“, räumte sie ein. „Ich fahre nach Bagshot, um mit deinen Großeltern darüber zu sprechen.“

„Darf ich dich begleiten?“

„Nein, ich fürchte, das geht nicht, obwohl ich dich eigentlich mitnehmen sollte. Aber ich muss in Ruhe nachdenken.“

„Du weißt ja, dass sie in Amerika Gold gefunden haben.“

„Ja, man hört davon. Warten wir ab.“

So fand unsere Unterredung einen unverbindlichen Abschluss. Wie hätte ich damals vorhersehen können, dass Mutter diejenige war, die sich am meisten auf die Reise freute, als die Zeit kam, sie anzutreten?

Kapitel 3

„Wir streben nach etwas, wir ergreifen es.“

 

 

Um zu verdeutlichen, welche Einstellung Mutter zu jener Zeit vertrat und wie sie sich änderte, werde ich auszugsweise ihre Tagebücher zitieren, die mir nach ihrem Tod zukamen. Sie schrieb ohne literarische Vorüberlegungen und hatte demzufolge bestimmt keine Veröffentlichung im Sinn, also ist davon auszugehen, dass ihre Aufzeichnungen die unverschleierte Wahrheit widerspiegeln.

 

1. Juli. (1863) Kam schweißgebadet und erschöpft nach einer langen Zugfahrt in Bagshot an. Die Verpflegung war armselig und das Personal unfreundlich, aber es tut gut, Surrey wiederzusehen. Stranraer und die Probleme dort erscheinen mir weit weg, wiewohl ich beim Auspacken fast erwartete, einige von ihnen im Koffer zu finden. Gänzlich zurücklassen kann man solche Lasten nicht.

Nach dem Abendessen langes Gespräch mit Papa und Mama, Florie und Verbie. Alle zeigten sich bestürzt über H.s Alkoholismus (schlimm, dass ich so ein Wort schreiben muss!). Meine Schwestern waren besonders entsetzt, weil sie sich mittlerweile bei der Gesellschaft Band Of Hope für Abstinenz starkmachen. Demnächst wird in London eine Kundgebung dazu stattfinden, zu der ich sie unbedingt begleiten muss, wie sie meinen. Bin jetzt zu müde und bedrückt, überlege es mir aber noch.

Was Amerika angeht, glaubt Mama zu wissen, in einigen Staaten sei Alkohol verboten. Warum nimmt sich Schottland kein Beispiel daran? Papa macht sich Sorgen darüber, wie die Kinder den Umzug verkraften und was geschehen soll, falls sich H. nicht bessert. F. erzählte eine schaurige Geschichte von einem armen Mädchen aus Wales, das irgendwo dort in der Wildnis verwitwete und ihren Mann eigenhändig begraben musste. Außerdem herrscht Krieg in Amerika! Warum bloß bin ich damals nicht ins Hafenbecken gefallen und ertrunken?

 

2. Juli. Gut ausgeruht nach einer sehr erholsamen Nacht in meinem alten Zimmer. Begleitete Mama und Papa zu Base Heliotrope. Percy (ihr Mann) musste ausgerechnet wegen einer wichtigen Geschäftssache aufbrechen, als wir auf die Fortschritte des Verbandes der Church Of England für Enthaltsamkeit zu sprechen kamen, den es seit dem vergangenen Jahr gibt. Helio unterstützt die Bewegung ebenfalls und hat vor, das Treffen in der Hauptstadt zu besuchen. Ein komischer Gedanke, dass so viele aus unserer Familie dort sein werden. Sie wollten mich wieder zum Mitkommen überreden, aber ich glaube, das würde mich zu sehr belasten. Helio ist recht dick geworden; sie bekommt bald ihr vierzehntes Kind.

 

3. Juli. Kann die Kundgebung morgen Abend kaum erwarten! Heute Morgen war ich mit Mama bei Miss Dobbs, deren Vater einer der Mitbegründer der United Kingdom Alliance ist. Auch diese Verbindung ist darauf bedacht, die Produktion und den Verkauf von Alkohol zu verbieten. Sie helfen bei der Organisation des Treffens und haben Reverend Henry Ward Beecher für eine Ansprache gewonnen. Der berühmte Amerikaner weilt gerade in unseren Gefilden, um sich von seinem anstrengenden Amt in New York zu erholen. Base Pansy dient ihm ja dort. Er ist einer der größten Männer seines Landes und der Bruder von Harriet Stowe, die Onkel Toms Hütte geschrieben hat. Mein kleiner Schatz John weinte bitterlich, als ich ihm daraus vorlas.

Fand es immer schon schade, dass die Jungen Mr Beechers eigenes Werk nicht lesen wollten, sein Benimmbuch für junge Männer, das Pansy zu Henrys zehntem Geburtstag schickte.[2] Es war wohl noch ein bisschen schwierig für sie, aber vielleicht hätten sie sich doch noch dafür erwärmt, wäre es nicht ihres Vaters wegen im Kamin gelandet. Es gibt keinen Mann auf der Welt, den ich lieber anhören würde als Mr Beecher. Papa mag ihn einen schmierigen Yankee nennen; ich habe meinen eigenen Kopf.

 

5. Juli. Was ich gestern erlebte, lässt sich kaum in Worte fassen! Die Exeter Hall auf dem Strand, dieser umtriebigen Straße, platzte aus allen Nähten. Mir kam es vor, als sei der halbe Klerus Englands gekommen. Miss Dobbs meinte, die führenden Vertreter der Abstinenzbewegung hätten sich eingefunden.

Wie soll ich diese Lichtgestalt beschreiben? Er mag ungefähr fünfzig sein, strotzt aber noch vor Energie und frohem Mut. Darüber hinaus ist er mittelgroß und sieht stattlich aus, obwohl er recht wohlbeleibt ist und einen gedrungenen Hals hat, dazu eine hohe Stirn, die ihn erhaben aussehen lässt. Er hatte sich frisch rasiert, aber sein Gesicht neigt wohl generell zur Röte, während seine dunklen Haare auf die Schultern fallen und teilweise von grauen Strähnen durchzogen sind. Seine Augen bewegen sich forsch und scheinen alles zu erfassen, der Mund zeigt stets den Anflug eines Lächelns, das sich auch regelmäßig einstellt, aber all dies ist nichts im Vergleich zu seiner Stimme! Ich hatte damit gerechnet, dass er als einer von drüben nuschelt, aber stattdessen erklang die reinste Musik. So etwas habe ich bisher nur bei Sängern gehört.

Seine Gebärden entsprachen denen eines Schauspielers, der auf der Bühne den Ton angibt, anmutige Bewegungen, ausdrucksvolle Gesten, wechselhaftes Mienenspiel zwischen Sonnenschein und Donnerwetter, aber vor allem eben die Stimme. Er findet immerzu den perfekten Sprechrhythmus und Tonfall. Darum stellte ich hinterher fest, dass ich zu gebannt gelauscht hatte, um den Inhalt seiner Worte zu erfassen. Ich bin aber froh, am Ende doch mitgegangen zu sein.

 

Als Mutter nach Hause zurückkehrte, war sie immer noch unschlüssig darüber, was am besten zu tun sei. Überraschend traf ich sie im Schlafzimmer an, wo sie auf einem Stuhl vor dem Fenster saß und die Wolken betrachtete, die draußen am Himmel vorbeizogen. Dabei stützte sie das Kinn auf eine Hand und neigte den Kopf ein wenig zur Seite. Sie schien verbissen zu lauschen. Auch ich spitzte die Ohren, bemerkte aber nichts Außergewöhnliches. Wie ich mich räusperte und aufmerken wollte, schüttelte sie verärgert den Kopf, als hätte ich sie bei etwas unterbrochen. Also verschwand ich mit unbeantworteten Fragen auf den Lippen und wandte mich an Henry. „Was wird wohl passieren?“

Er schaute mich herablassend an. „Was tun, wenn Papa weggeht?“, erwiderte er zögerlich.

„Ohne Mama? Das würde er nie tun.“

„Ich glaube aber doch, falls sie sich nicht dazu durchringt.“

„Väter lassen ihre Frauen und Kinder nicht einfach so im Stich.“

„Und was ist mit Captain Buchanan?“

Dieser ehemalige Armeeoffizier aus Stranraer hatte seine Gattin mitsamt einer Schar Kinder zurückgelassen, um nach Australien zu segeln, und die Köchin der Familie mitgenommen, eine hagere Frau mit roter Nase, die gut zehn Jahre älter war als er. Selbst die Gerüchteküche hatte keine Affäre zwischen den beiden aufkochen können, aber der Mann war dafür bekannt gewesen, dass er großen Wert auf anständig zubereitetes Essen legte.

„Der gilt nicht“, widersprach ich. „Wenn es hart auf hart kommt, bleibe ich bei Mama und dir.“

„Das kannst du vergessen. Ich würde mich Vater anschließen.“

„Würdest du nicht!“

„Wir werden sehen.“

Ich spielte mit dem Gedanken, Vater ins Gebet zu nehmen, traute mich dann aber doch nicht. Nachdem die Frage, ob man auswandern solle, erstmalig zur Sprache gekommen war, hatte er sich vorübergehend umtriebig gezeigt, doch jetzt wirkte er lethargisch wie zuvor. Rückblickend zähle ich jene Zeit zu einer der unglücklichsten in meinem Leben.

Mit elf ging ich gemeinsam mit meinem Bruder zur Schule im Ort, wo der ehrenwerte Pastor P. J. Kennedy und seine Frau lehrten, ein einigermaßen angenehmes Paar, das sich um meine im Vergleich zu Henry eher durchschnittliche Begabung sorgte. Dass die beiden dies nicht in seinem Beisein anmerkten, dankte ich ihnen. Davon abgesehen war der Schulalltag trübe, weshalb ich mich umso mehr freute, Mutter mit ihrer glockenhellen Stimme singen zu hören, als ich eines Tages nach Hause kam. Sie hatte ein erbauliches Lied aus ihrem Fundus gewählt und strahlte über das ganze Gesicht.

„Du bist glücklich“, erkannte ich.

„Überglücklich, Schatz, oh ja!“, betonte sie und hüpfte geradezu von dannen und tirilierte dabei weiter.

Um dies zu erklären, kehre ich zu ihren Tagebüchern zurück.

 

2. Oktober. Wunderbare Neuigkeiten! Er ist zurück! Heute Morgen kam ein Brief von Miss Dobbs, die erzählt, er sei nach seinem Ausflug aufs Festland wieder in England und gedenke, eine Reihe öffentlicher Ansprachen zu halten. Am 13. tritt er im Glasgower Bürgerhaus auf, und ich habe gleich zurückgeschrieben, sie solle Karten für uns sichern. Will versuchen, H. zum Mitkommen zu überreden. Er braucht ihn nur zu hören und wird beeindruckt sein. Ich bete darum, dass Beecher ihn von seinen Nöten erlöst.

 

7. Oktober. Es hat keinen Zweck. H. lässt sich nicht überzeugen und beharrt darauf, dass kein Yankee ihm eine Gardinenpredigt halten wird. Gleichzeitig betont er, wir sollten nach Amerika fahren, um sein Problem in den Griff zu bekommen. Ich weiß nun, dass er es allein wagen wird oder hierbleibt und vor die Hunde geht, wenn ich nicht zustimme und mitkomme. Mein armer kleiner John sieht mich an, wie um zu sagen: Mama, ich würde dir gerne helfen, bin aber bloß ein Kind. So etwas bricht einer Mutter das Herz. Trotzdem will ich Mister Beecher sehen, auch wenn ich allein nach Glasgow fahren muss.

 

11. Oktober. Mein Liebling John macht mich sprachlos! Mama, ich begleite dich nach Glasgow, falls ich darf. Dieses wackere Kerlchen ist völlig anders als sein Bruder, der die Unterlippe vorschob, als ich ihn fragte, ob er mitkommen wolle. John und ich brechen gleich morgen früh auf.

 

Sofort als wir in Glasgow ankamen, war die Aufregung spürbar. Überall hörte man Beechers Namen, ich las ihn auf Spruchbändern und Plakaten in allen Größen. Schotten! Bereitet ihm einen gebührenden Empfang!, entdeckte ich auf einem, woraufhin ich Mutter anstieß, sie möge hinsehen. Der restliche Text darunter erwies sich jedoch als Schmähung. Man ächtete den Mann dafür, dass er den salbungsvollen Prediger mimte und die Bürger im Königreich zur gleichen Zeit gegeneinander aufstachelte, indem er sie dazu nötigte, für eine der beiden Seiten im amerikanischen Bürgerkrieg Partei zu ergreifen. Am Ende des Pamphlets stand: Kommt bewaffnet und zeigt ihm, was anständige Schotten von seinesgleichen halten!

Mein Interesse an der Versammlung wuchs weiter.

Vor dem Rathaus herrschte reges Gedränge, sodass es lange dauerte, bis wir auf unseren Plätzen saßen. Sie befanden sich in der dritten Reihe vor dem breiten Podium, und der Lärm hinter uns war ohrenbetäubend. Ein Teil der Menge stimmte Robert Burns’ patriotische Hymne über die Schlacht von Bannockburn auf eine Art an, die mir Jahre später wieder einfiel, wann immer ich die Zuschauer eines Rugby-Spiels grölen hörte. Als ein schlanker Gentleman im Gehrock mit Kollar erschien und versuchte, ein paar einleitende Worte an den Pulk zu richten, übertönten ihn Buhrufe und wütendes Zischeln. Letztlich winkte er verzweifelt ab und verwies auf die Seitenbühne, wie man es im Theater genannt hätte. Von dort trat prompt und voller Elan ein strahlender Mann hervor. Auch er trug Schwarz, aber kein Priestergewand, und eine dunkle Halsbinde, die kunstvoll um seinen aufgestellten weißen Kragen drapiert war. Er lief beinahe zum Pult, weshalb ich nicht überrascht gewesen wäre, hätte eine unsichtbare Kapelle einen kecken Tusch gespielt, um ein heiteres Gesangs- oder Tanzstück einzuleiten.

Doch im Gegenteil – die Begleitung, die ihm zuteil wurde, manifestierte sich als immenser Krach. Pfiffe und Schreie, Heulen und nachgestellte Tiergeräusche, Kläffen oder Quaken. Mutter hielt meine Hand fest, und ich wollte sie mit einem Blick ermutigen, aber ihre Augen waren wie verzaubert auf den Mann gerichtet, der sich vor allen Anwesenden verbeugte und jede Ecke des Hauses mit einem Nicken bedachte, als sei er ein Komödiant wie Dan Leno oder George Robey in späteren Jahren.

Inmitten dieser tumultartigen Zustände legte er einen Stoß Blätter auf dem Pult zurecht, wobei er gelegentlich kurz aufschaute, um die lautesten unter den Leuten breit grinsend mit einer neuerlichen Kopfbewegung zu bedenken.

„Atemberaubend!“, flüsterte mir Mutter ins Ohr.

Das Getöse flaute nicht ab, auch weil sich die feinere Gesellschaft auf ihren Plätzen umgedreht hatte und den Störenfrieden Paroli bot, indem sie ihrerseits schimpften und brüllten. Ich sah, wie Geistliche die Fäuste reckten, während ihre Frauen mit Taschentüchern herumfuchtelten. Ein Bischof, den ich an seinem purpurnen Talar zu erkennen glaubte, stocherte mit einem Schirm in der Luft.

Der Vorsitzende hatte Platz genommen und rutschte nun unruhig auf der Sitzfläche seines Stuhls, als müsse er gleich um sein Leben rennen. Er beugte sich nach vorn, um dem Redner etwas zu sagen, doch dieser legte ihm bloß eine Hand auf die Schulter und lächelte nachsichtig. Beecher wies den Vorschlag, zu kapitulieren, eindeutig ab. Wir in den ersten Reihen applaudierten vehement, was er noch einmal mit einem Nicken und hochgezogenen Mundwinkeln belohnte.

„Keine Sorge, Freunde“, flötete er, und Mutter musste sich mit beiden Händen an meinem Arm festklammern. „Ich werde mir heute Abend Gehör verschaffen.“