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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

HEYNE <

DAS BUCH
Der Kalender der Maya ist eines der großen Menschheitsrätsel. Vor mehr als 2.500 Jahren von einem Volk erschaffen, welches das Rad nicht kannte, ist er doch präziser als jener Kalender, den wir heute benutzen. Der Archäologe Julius Gabriel, der seit mehr als 30 Jahren versucht, die geheimen Botschaften des Kalenders zu entschlüsseln, macht eine schreckliche Entdeckung: Eine Prophezeiung sagt das Ende der Menschheit für den 21. Dezember 2012 voraus. Sowohl die ägyptischen Pyramiden, Stonehenge als auch eine geheimnisvolle Pyramide auf der Halbinsel Yucatan sollen Teile eines weltumspannenden Rätsels sein, das die Menschheit vor dem Untergang bewahren könnte. Von seinen Kollegen verlacht stirbt Julius, bevor er das Geheimnis entschlüsseln kann. Jetzt kann nur noch eine Person die Welt vor dem Untergang retten: Julius’ Sohn Michael. Der ist jedoch Insasse einer psychiatrischen Klinik...
 
»Ein ebenso spannender wie exzellent recherchierter Ausflug in die dunkle Vergangenheit des Menschen. Beunruhigend, beängstigend und fesselnd.«
James Rollins

DER AUTOR
Steve Alten wurde in Philadelphia geboren. Der Sportmediziner und Hobby-Paläontologe wurde mit seinem Debütroman Meg – Die Angst aus der Tiefe praktisch über Nacht zum Bestsellerautor. Steve Alten lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Boca Raton, Florida. Besuchen Sie den Autor im Internet unter

Für Ken Atchity,
den Manager,
den Mentor und den Freund

DANKSAGUNG DES AUTORS
Mit Stolz und Dankbarkeit denke ich an die Menschen, die zur Entstehung dieses Buches beigetragen haben.
An erster Stelle danke ich meinem literarischen Manager Ken Atchity und seinem Team für ihre harte Arbeit und ihre Ausdauer. Ein besonderer Dank an Michael Wichman für seine Ideen und Ed Stackler für seine nützlichen Kommentare.
Als Nächstes nennen möchte ich Tom Doherty und seine Mitarbeiter bei TOR Books, meinen Lektor Bob Gleason, Brian Callaghan, Matthew Snyder von der Creative Arts Agency in Los Angeles und Danny Baror von Baror International. Bob und Sara Schwager haben das Manuskript großartig redigiert.
Die folgenden Personen haben besonders mit ihrer Sachkenntnis zu diesem Buch beigetragen: Gary Thompson, Dr. Robert Chitwood und weitere Mitarbeiter des Psychiatrischen Zentrums von Südflorida: Rabbi Richard Agler, Barbara Esmedina, Jeffrey Moe, Lou McKellan, Jim Kimball, Shawn Coyne und Dr. Bruce Wishnov. Drei Autoren, deren Werk die Story vieles zu verdanken hat, sind Graham Hancock, John Major Jenkins und Erich von Däniken.
Bill und Lori McDonald von Argonaut-Grey Wolf Productions (Website: ) verdanke ich die großartigen Zeichnungen in diesem Buch. Auβerdem haben sie bei der Redaktion mitgewirkt. Matt Herrmann von VILLAINDESIGN hat die Fotos bearbeitet.
Dank schulde ich auch Donna und Justin Lahey, die mir mit ihrer Kreativität und ihrem Know-how geholfen haben, Informationen über meine Romane ins Internet zu stellen.
Und schließlich danke ich all meinen Lesern für ihre briefliche Kontaktaufnahme. Ich freue mich immer über ihre Kommentare und Anregungen.
STEVE ALTEN

.. in diesem alten Land, graviert mit Lettern wie ein Grab, bedeckt mit Spuren manch verlorner Hand, und Tagen, die das Unheil gab... verfolge ich die Leben, die sich zu mir neigen... und was sie fühlten, wird mein Eigen.
THOMAS HARDY
 
Das Schönste, was wir erleben können,
ist das Geheimnisvolle. Es ist das Grundgefühl, das an der
Wiege von wahrer Kunst und Wissenschaft steht.
ALBERT EINSTEIN
 
Furcht und Religion; Religion und
Furcht. Historisch sind diese beiden Dinge
untrennbar verwoben, denn sie waren der
Grund für die meisten Gräueltaten, die
der Mensch begangen hat. Furcht vor dem
Bösen nährt die Religion, diese nährt
den Hass, der Hass nährt das Böse und
das Böse nährt die Furcht der Masse.
Das ist ein Teufelskreis – und wir haben
dem Teufel in die Hände gespielt.
JULIUS GABRIEL

AUS DEM TAGEBUCH VON JULIUS GABRIEL
Ich stehe vor der gewaltigen Leinwand mit demselben Gefühl der Einsamkeit, das ihr Schöpfer vor Jahrtausenden empfunden haben muss. Vor mir liegen die Antworten auf Rätsel, die am Ende entscheiden könnten, ob unsere Spezies weiterleben oder zugrunde gehen wird. Die Zukunft des Menschengeschlechts – könnte es etwas Wichtigeres geben? Und doch stehe ich hier ganz alleine. Meine Mission hat mich in dieses Fegefeuer aus Fels und Sand verbannt, in dem ich ein Zwiegespräch mit der Vergangenheit suche, um die Gefahr zu begreifen, die vor uns liegt.
Die Jahre sind nicht spurlos an mir vorbeigegangen. Welch elende Kreatur ich geworden bin! Einst ein bekannter Archäologe, muss ich nun das Gespött meiner Kollegen über mich ergehen lassen. Dass ich einmal ein Ehemann, ein Liebhaber gewesen bin, ist nur noch eine weit entfernte Erinnerung. Bin ich ein Vater? Kaum. Eher ein gequälter Mentor, ein armseliges Lasttier, das sich von seinem Sohn umherführen lassen muss. Bei jedem Schritt über die mit Steinen übersäte Öde schmerzen meine Knochen, während Gedanken, die für immer in meinem Geist eingekerkert sind, das ekelhafte Mantra des Verhängnisses hervorbringen, wieder und wieder. Welch höhere Macht hat gerade meine Familie ausgewählt, um sie zu foltern? Weshalb sind wir mit Augen gesegnet, die die Vorzeichen des Todes sehen, während andere durch die Welt stolpern, als seien sie blind?
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Bin ich wahnsinnig? Dieser Gedanke geht mir nie aus dem Sinn. Jedes Mal, wenn die Morgendämmerung anbricht, muss ich mich zwingen, erneut die Kernpunkte meiner Aufzeichnungen zu studieren – und sei es auch nur, um mich daran zu erinnern, dass ich zunächst einmal Wissenschaftler bin, nein, nicht einfach Wissenschaftler, sondern Archäologe, jemand, der auf der Suche nach der Vergangenheit des Menschen ist. Und nach der Wahrheit.
Aber was nützt die Wahrheit, wenn man sie nicht akzeptieren kann? In den Augen meiner Kollegen bin ich zweifellos kaum mehr als ein Dorftrottel, der die Passagiere der Titanic kreischend vor Eisbergen warnen will, während das unsinkbare Schiff aus dem Hafen ausläuft.
Ist es mein Schicksal, die Menschheit zu retten, oder ist mir einfach nur vorbestimmt, als Narr zu sterben? Ist es denn möglich, dass ich mein ganzes Leben damit verbracht habe, die Zeichen falsch zu deuten?
Das scharrende Geräusch von Schritten auf Kieselerde und Fels lässt den besagten Narren im Schreiben innehalten.
Es ist mein Sohn, dem meine geliebte Frau vor fünfzehn Jahren den Namen eines Erzengels gegeben hat. Michael nickt mir zu und wärmt damit vorübergehend die verdorrte Grube meines Herzens. Michael ist der Grund, weshalb ich beharrlich weitermache, der Grund, weshalb ich meinem elenden Dasein nicht einfach ein Ende setze. Der Wahnsinn meiner Suche hat ihn seiner Kindheit beraubt, doch viel schlimmer war die Freveltat, die ich vor Jahren beging. Es ist seine Zukunft, der ich mich verpflichtet fühle, sein Schicksal, das ich ändern will.
Gott, lass dieses schwache Herz so lange schlagen, bis mir das gelungen ist.
Michael deutet nach vorne, um mich daran zu erinnern, dass dort das nächste Bruchstück des Rätsels winkt. Vorsichtig, um die Grasbüschel nicht zu zertreten, gehen wir weiter, bis wir an dem Ort stehen, den ich für den Anfangspunkt der dreitausend Jahre alten Botschaft halte. Im Mittelpunkt der Hochebene von Nazca, die geprägt ist von geheimnisvollen Linien und gewaltigen Bildern von Tieren, liegt dies vor uns: ein vollkommener Kreis, tief in den von schwarzer Patina bedeckten Fels geschnitten. Von dieser mysteriösen Mitte gehen dreiundzwanzig Linien aus wie Sonnenstrahlen auf dem Bild eines Kindes. Sie sind gleich weit voneinander entfernt und mit einer Ausnahme etwa hundertachtzig Meter lang. Eine der Linien deutet auf den Punkt der Sonnenwende, eine zweite auf den des Äquinoktiums, verschiedene weitere auf die anderen prähistorischen Stätten, die ich Zeit meines Lebens erforscht habe.
Am faszinierendsten jedoch ist die dreiundzwanzigste Linie, die kühn in die wüste Ebene geschnitten wurde. Volle siebenunddreißig Kilometer weit erstreckt sie sich über Felsen und Hügel!
Michael stößt einen Ruf aus. Sein Metalldetektor spielt verrückt, während wir uns dem Zentrum des Kreises nähern. Da ist etwas unter der Oberfläche vergraben! Mit frischer Kraft wühlen wir uns durch Gips und Stein, um die gelbe Erde darunter frei zu legen. Es ist eine schändliche Tat, besonders für einen Archäologen, doch ich sage mir, dass der Zweck am Ende die Mittel heiligen wird.
Und da liegt er gleißend in der glühenden Sonne. Ein hohler Metallzylinder, glatt und weiß, einen halben Meter lang, der genauso wenig in die Wüste von Nazca gehört wie ich. Ein Muster mit drei Enden, das an einen Leuchter erinnert, schmückt das eine Ende des Objekts. Mein schwaches Herz flattert, denn ich kenne das Symbol so gut wie den vom Wetter gegerbten Rücken meiner Hand. Es ist der Dreizack von Paracas – das Zeichen unseres kosmischen Lehrers. In Stein geritzt, schmückt ein ähnliches Bild, hundertachtzig Meter lang und sechzig Meter breit, nicht weit von hier einen ganzen Berghang.
Michael hält seine Kamera bereit, während ich den Behälter öffne. Zitternd ziehe ich etwas heraus, das wie ein Stück ausgedörrte Leinwand aussieht. Meine Finger spüren, wie es sich aufzulösen beginnt, während es sich langsam entrollt.
Es ist eine alte Weltkarte, ähnlich wie jene, die der türkische Admiral Piri Re’is vor fünfhundert Jahren besaß und die Kolumbus als Inspiration für seine wagemutige Expedition im Jahre 1492 gedient haben soll. Bis heute ist die aus dem 14. Jahrhundert stammende Karte des Piri Re’is ein Geheimnis, denn darauf erscheint die damals noch nicht entdeckte Landmasse der Antarktis, und nicht nur dies – auch die gesamte geologische Struktur des sechsten Kontinents ist sichtbar, als habe man ihn ohne seine Eisdecke gezeichnet. Von Satelliten aufgenommene Radarbilder haben inzwischen bestätigt, wie unglaublich genau die Karte ist, sodass sich die Wissenschaft verblüfft fragt, wie man so etwas ohne die Hilfe eines Flugzeugs hat zeichnen können.
Vielleicht auf dieselbe Weise, wie die Figuren hier in Nazca entstanden sind.
Wie die Karte des Piri Re’is, so wurde auch die Zeichnung auf dem Pergament, das ich in der Hand halte, mithilfe des fortgeschrittenen Wissens der sphärischen Trigonometrie hergestellt. War der mysteriöse Kartograf unser prähistorischer Lehrer? Daran zweifle ich nicht. Die eigentliche Frage aber lautet: Weshalb hat er uns gerade diese Karte hinterlassen?
Michael drückt rasch auf den Auslöser seiner Polaroid, während das uralte Dokument Flecken bekommt und in meinen Händen zu Staub zerfällt. Wenige Augenblicke später können wir nur noch auf das Foto blicken. Uns fällt auf, dass etwas eindeutig hervorgehoben ist, offenbar ein Objekt von großer Bedeutung. Es ist ein kleiner Kreis, gezeichnet ins Wasser des Golfs von Mexiko, gleich im Nordwesten der Halbinsel Yukatan.
Die Lage dieses Zeichens lässt mich zusammenzucken. Das ist keine prähistorische Stätte, sondern etwas ganz anderes. Kalter Schweiß tritt mir auf die Haut; eine vertraute Taubheit wandert an meinem Arm empor.
Michael fühlt, dass mir der Tod nahe ist. Er durchsucht meine Taschen, findet rasch eine Pille und legt sie unter meine Zunge.
Mein Puls beruhigt sich, die Taubheit zieht sich zurück. Ich streiche meinem Sohn über die Wange, dann überrede ich ihn dazu, wieder an die Arbeit zu gehen. Stolz beobachte ich, wie er den Metallbehälter untersucht, sehe seine schwarzen Augen, die Tore eines unglaublich beherrschten Geistes sind. Nichts entgeht dem Blick meines Sohnes. Nichts.
Wenige Augenblicke später macht er eine weitere Entdeckung, die erklären könnte, was es mit der im Golf von Mexiko hervorgehobenen Stelle auf sich hat. Die Spektralanalyse, die der Metalldetektor inzwischen durchgeführt hat, lässt die molekulare Zusammensetzung des kompakten weißen Metalls erkennen. Sie birgt ihre ureigene Geschichte.
Der prähistorische Zylinder besteht aus Iridium.
Aus reinem Iridium.
 
Auszug aus dem Tagebuch von Prof. Julius Gabriel
14. Juni 1990

PROLOG
Vor 65 Millionen Jahren
In der Milchstraße
 
Eine Spiralgalaxie, eine von hundert Milliarden Sterneninseln, die sich durch die dunkle Substanz des Universums bewegen. Wie ein kosmisches Feuerrad, das sich leuchtend in der Weite des Raumes dreht, zieht die Galaxie mehr als zweihundert Milliarden Sterne und zahllose andere Himmelskörper in ihren gewaltigen Wirbel.
Untersuchen wir diese galaktische Drehscheibe einmal genauer. Wenn wir das Gebilde mit unserer begrenzten dreidimensionalen Wahrnehmung betrachten, fällt unser Blick zuerst auf die dickere Nabe. Sie besteht aus Milliarden roter und orangefarbener Sterne in einem Wirbel aus Wolken galaktischen Staubs und hat einen Durchmesser von etwa fünfzehntausend Lichtjahren. Ein Lichtjahr wiederum erstreckt sich über etwa neuneinhalb Billionen Kilometer. Um diese linsenförmige Region dreht sich die flachere, kreisförmige Scheibe der Galaxis, zweitausend Lichtjahre dick und mit einem Durchmesser von hundertzwanzigtausend Lichtjahren. Sie enthält den größten Teil der galaktischen Masse. Um die Scheibe winden sich spiralförmig die Arme der Galaxis. Sie sind die Heimat heller Sterne und leuchtender Wolken aus Gas und Staub, kosmischer Brutstätten, die neue Sterne hervorbringen. Jenseits der Arme erstreckt sich eine gewaltige Halo, eine spärlich bevölkerte Region mit Kugelsternhaufen, die die älteren Mitglieder der galaktischen Familie enthalten.
Kehren wir ins zentrale Herz der Galaxis zurück, in eine komplexe Region, die von wirbelnden Wolken aus Gas und Staub umgeben ist. In diesem Kern verbirgt sich das wahre Kraftzentrum der Himmelsformation – ein ungeheures Schwarzes Loch, ein dichter, kreisender Strudel aus Gravitationsenergie, drei Millionen Mal schwerer als die Sonne. Diese gefräßige kosmische Maschine saugt alles an, was sich in ihrer fast unermesslichen Reichweite befindet: Sterne, Planeten, Materie, ja sogar Licht, das die Himmelskörper der Spiralgalaxie umwirbelt.
Betrachten wir die Galaxis nun aus einer höheren Perspektive, aus einer vierten Dimension von Zeit und Raum. Wie Arterien, Venen und Kapillaren verzweigen sich unsichtbare Energiekanäle im galaktischen Körper. Manche sind so breit, dass sie einen Stern befördern könnten, andere gleichen zarten, mikroskopisch kleinen Fäden. Alle aber erhalten ihre Energie von der unvorstellbaren Schwerkraft des Schwarzen Lochs, das sich im galaktischen Zentrum befindet. Wäre es möglich, durch eine Luke in einen dieser Kanäle zu gelangen, so hätte man Zugang zu einer Straße in der vierten Dimension gefunden, auf der man die Grenzen von Zeit und Raum überschreiten könnte – vorausgesetzt natürlich, man hätte ein Fahrzeug, das diese Reise überstehen würde.
Wie die Galaxis sich um ihren immensen Mittelpunkt dreht, so bewegen sich auch diese schlangengleichen Energieströme. Beständig kreisend, setzen sie ihre zeitlose Reise über die galaktische Ebene fort wie die bizarren Speichen eines ewig rotierenden kosmischen Rades. Wie ein Sandkorn, das in der mächtigen Strömung eines Gravitationsflusses gefangen ist, rast das Projektil durch die vierdimensionale Röhre. Diese Straße durch Zeit und Raum befindet sich momentan in dem Arm der Spiralgalaxie, in dem auch der Große Nebel im Sternbild Orion liegt. Das ovale Objekt, das sie befördert, hat die Größe eines Asteroiden und einen Durchmesser von gut elf Kilometern. Ein smaragdgrünes Antigravitationsfeld schützt es vor der erdrückenden Umarmung des Zylinders.
Der himmlische Reisende ist nicht allein.
Verborgen im magnetisch aufgeladenen Kielwasser des sphärischen Objekts und damit noch geschützt vom hinteren Ende seines Kraftfelds, befindet sich ein zweites Fahrzeug. Es ist kleiner und schlank; seine flache, dolchförmige Hülle besteht aus leuchtend goldenen Sonnenkollektoren.
Auf ihrer Reise durch die Dimension von Zeit und Raum deponiert die kosmische Straße ihre Passagiere in einer Region der Galaxis, die am inneren Rand des Orion-Armes gelegen ist. Vor den Fahrzeugen taucht ein Sonnensystem mit neun Planeten auf, regiert von einem einzelnen, gelblich-weißen Stern.
Das gewaltige Iridiumfahrzeug rast mitten durch das Gravitationsfeld des Sterns und nähert sich rasch seinem Ziel. Es ist die Venus, der zweite Planet von der Sonne aus gesehen, eine Welt extremer Hitze, umhüllt von einer Schale aus dichten schwefelsauren Wolken und Kohlendioxid.
Das kleinere Fahrzeug verringert seine Distanz zum ersten und zeigt sich dadurch seinem Feind.
Sofort ändert der Iridiumfrachter seinen Kurs und steigert sein Tempo, indem er die Schwerkraft des dritten Planeten des Systems anzapft, einer wässrigen blauen Welt mit einer giftigen Atmosphäre aus Sauerstoff.
Aus einer langen, flossenähnlichen Antenne, die sich hinter seinem Bug erhebt, stößt das kleinere Raumschiff einen weiß glühenden Energiestrahl aus. Er rast durch den Ionenstrom um das elektromagnetische Heck des Frachters wie ein Blitz durch einen Blitzableiter.
Die elektrische Ladung flackert in den Farben des Nordlichts um die Iridiumhülle und verursacht einen Kurzschluss im Antriebssystem des Fahrzeugs. Wie von einem Faustschlag getroffen, kommt die gewaltige Kugel von ihrem Kurs ab. Innerhalb weniger Augenblicke wird das defekte Fahrzeug von der tödlichen Umarmung der Schwerkraft gepackt, die die blaue Welt ausstrahlt.
Außer Kontrolle rast das riesige Projektil auf die Erde zu.
Mit einem Überschallknall tritt die Iridiumkugel in die gefährliche Atmosphäre ein. Die spiegelnde Auβenhülle bekommt Risse und Löcher, dann flammt das Fahrzeug kurz zu einer blendenden Feuerkugel auf, bevor es in ein seichtes tropisches Meer stürzt. Durch die Wasserschicht nur minimal gebremst, trifft es in einem Sekundenbruchteil auf dem Boden auf. Einen surrealen Augenblick lang entsteht mitten im Meer ein gewaltiges rundes Loch.
Eine Nanosekunde später detoniert das fremde Fahrzeug mit einem leuchtend weißen Blitz, der eine Energie von hundert Millionen Megatonnen freisetzt.
Die gewaltige Explosion erschüttert den gesamten Planeten und erzeugt Temperaturen von über siebzehntausend Grad Celsius, heißer als die Oberfläche der Sonne. Sofort entzünden sich zwei von Gasen gespeiste Feuerbälle. Der erste ist eine Staubwolke aus heißem, pulverisiertem Gestein und Iridiumpartikeln, die von der zerborstenen Außenhülle des Fahrzeugs stammen; ihr folgen aufquellende Wolken aus unter starkem Druck stehendem Dampf und Kohlendioxid. Die Gase bilden sich, während das Meer und sein Kalksteinbett verdampfen.
Trümmer und extrem heiße Gase schießen in die verwüstete Atmosphäre hoch, emporgezogen von dem Vakuum, das der Absturz des Objekts geschaffen hat. Gewaltige Druckwellen durchzucken das Meer und lassen monströse Flutwellen entstehen, die eine Höhe von hundert oder mehr Metern erreichen, wenn sie auf seichtes Wasser treffen und aufs Land zurasen.

An der Südküste von Nordamerika

Mit tödlichem Schweigen umzingelt das Rudel Velociraptoren seine Beute, einen neuneinhalb Meter langen weiblichen Corythosaurus. Das Pflanzen fressende Reptil spürt die Gefahr, stellt seinen gewaltigen, fächerförmigen Kamm auf, hebt den Kopf mit dem Entenschnabel und saugt die feuchte Luft ein. Sofort nimmt es den Geruch des Rudels wahr, trompetet dem Rest seiner Herde einen warnenden Schrei zu, bricht durch den Wald und galoppiert zum Meer hinüber.
Unvermutet blendet ein gleißender Blitz das flüchtende Reptil. Taumelnd schüttelt es den dicken Kopf, um sich wieder orientieren zu können. Kaum hat es sein Sehvermögen wiedererlangt, als schon zwei seiner Verfolger aus dem Gebüsch springen und sich kreischend vor ihm aufbauen. Sie schneiden dem Corythosaurus den Fluchtweg ab, während der Rest des Rudels sich auf seinen Rücken stürzt und ihm mit den tödlichen, sichelförmigen Klauen der Füße das Fleisch zerfetzt. Einer der ersten Jäger schnappt nach dem Hals seines Opfers und verbeißt sich in seiner Kehle, während er die Klauen in das weiche Fleisch unter dem Brustbein schlägt. Das verwundete Reptil stößt einen erstickten Schrei aus und würgt an seinem eigenen Blut; schon schlägt ein zweiter Räuber die Zähne in seine flache Schnauze und gräbt die Krallen der Vorderglieder in seine Augen. Ächzend sinkt das schwere Tier zu Boden.
Nach wenigen Momenten ist es vorbei. Mit wütendem Knurren schnappen die Räuber nacheinander, während sie große Fleischfetzen aus ihrer noch zitternden Beute reißen. Mit ihrer Mahlzeit beschäftigt, achten die Velociraptoren nicht auf den bebenden Boden unter ihren Füβen und auf den heranrollenden Donner.
Ein Schatten verdunkelt den Himmel. Gleichzeitig heben die Dinosaurier die Köpfe. Blut tropft von ihren Lefzen, während sie die gewaltige Wasserwand anknurren.
Die riesige Flutwelle bricht und stürzt in sich zusammen, prasselt direkt auf die erschrockenen Jäger nieder. Mit einem donnernden Knall werden ihre Leiber in den Sand gepresst. Dann schäumt die Welle nordwärts und vernichtet mit ihrer Wucht alles, was ihr im Weg steht.
Die Welle überschwemmt die ganze Region, reißt Pflanzen, Sedimente und Tiere donnernd mit sich. Über Hunderte von Kilometern versinkt die tropische Küste in den Fluten. Die wenigen Waldstücke, die dem Pfad der Verwüstung entkommen, gehen in Flammen auf, als Schockwellen die Luft in einen Glutofen verwandeln. Ein Pteranodon-Paar versucht vergeblich, der Hölle zu entkommen. Als es sich über die Bäume erhebt, fangen seine Schwingen Feuer und verglühen im heißen Wind.
Hoch oben treten die Bruchstücke aus Iridium und Fels, die in den Himmel geschleudert wurden, als glühende Meteoriten wieder in die Atmosphäre ein. Wenige Stunden später ist der gesamte Planet von einer dichten Wolke aus Staub, Rauch und Asche umhüllt.
Die Wälder werden noch Monate brennen. Fast ein Jahr lang wird keinerlei Sonnenlicht durch den schwarzen Himmel dringen und die Oberfläche der einst tropischen Welt erreichen. Aufgrund der vorübergehend extrem reduzierte Photosynthese gehen Tausende von Pflanzen- und Tierarten an Land und im Meer zugrunde. Als die Sonne sich schließlich wieder zeigt, folgt ein jahrelanger strenger Winter.
Im Katastrophenchaos eines einzigen Augenblicks hat die hundertvierzig Jahrmillionen dauernde Herrschaft der Dinosaurier ein jähes Ende gefunden.
 
Tagelang bleibt das schlanke goldene Fahrzeug hoch über der verwüsteten Erde in einer Umlaufbahn. Unablässig untersuchen seine Sensoren den Ort des Einschlags. Die Straße in der vierten Dimension ist schon lange verschwunden, da das zu ihr führende Tor durch die Rotation der Galaxis jetzt mehrere Lichtjahre weit entfernt ist.
Am siebten Tag bildet sich ein smaragdgrünes Leuchten unterhalb des zerborstenen Meeresbodens. Sekunden später schießt ein kraftvolles Funksignal in den Raum. Es ist ein Notruf, gerichtet an einen Ort im Auβenbereich der Galaxis.
Die Wesen in dem Fahrzeug, das die Erde umkreist, versuchen, das Signal zu stören – zu spät.
Wieder hat das Unheil Wurzeln in einem himmlischen Garten geschlagen. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann es erwachen wird.
Das goldene Raumschiff positioniert sich in einer geosynchronen Umlaufbahn direkt über seinem Feind. Ein mit Sonnenenergie gespeistes automatisches Hyperwave-Signal wird aktiviert, das alle abgehenden und ankommenden Übertragungen blockiert. Dann wird das Fahrzeug in den Schlafzustand versetzt. Die Kraft seiner Energiezellen wird zu den Ruhekapseln umgeleitet.
Für die Insassen des Raumschiffs steht die Zeit nun still.
Und für den Planeten Erde hat die Uhr zu ticken begonnen...

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8. September 2012 Miami, Florida

Das Psychiatrische Zentrum von Südflorida ist ein siebenstöckiger weißer Betonbau, der sich, umgeben von immergrünen Hecken, inmitten eines verwahrlosten Minderheitenviertels westlich der City von Miami erhebt. Ebenso wie bei den meisten Geschäftsbauten der Gegend sind der Rand der Flachdächer und die Mauerkronen mit Rollen aus Stacheldraht geschützt. Hier dient der Draht allerdings nicht dazu, Eindringlinge fern zu halten; er soll die Insassen an der Flucht hindern.
Dominique Vazquez, einunddreißig Jahre alt, wechselt ständig die Fahrspur, um rascher durch den dichten Berufsverkehr zu kommen. Laut fluchend rast sie auf Route 441 nach Süden. Es ist der erste Tag ihres Praktikums, und schon kommt sie zu spät. Kaum hat sie die Einfahrt zum Besucherparkplatz erreicht, als sie das Steuer herumreißen muss, um einem Teenager auszuweichen, der ihr auf motorbetriebenen Skates in der falschen Richtung entgegenkommt. Sie stellt den Wagen ab und zieht ihr pechschwarzes, bis zur Hüfte reichendes Haar zu einem engen Knoten zusammen, während sie auf den Eingang zutrabt.
Magnetische Türflügel teilen sich und geben den Zugang zu einer klimatisierten Rezeption frei.
Eine Kubanerin Ende vierzig sitzt hinter dem Empfangstisch und studiert an einem millimeterdünnen Monitor von der Größe eines Telefonbuchs die Morgennachrichten. Ohne aufzublicken, fragt sie: »Kann ich was für Sie tun?«
»Ja. Ich habe eine Besprechung mit Margaret Reinike.«
»Na, da irren Sie sich wohl. Dr. Reinike ist hier nämlich nicht mehr tätig.« Die Frau drückt auf eine Taste, um den nächsten Artikel aufzurufen.
»Das verstehe ich nicht. Ich hab erst vor zwei Wochen mit Dr. Reinike gesprochen.«
Endlich hebt die Empfangsdame den Kopf. »Ihr Name?«
»Vazquez, Dominique Vazquez. Ich bin Doktorandin an der FSU und will hier ein einjähriges Praktikum machen. Dr. Reinike sollte mich betreuen.«
Die Frau greift nach dem Telefonhörer und tippt die Nummer einer Nebenstelle ein. »Dr. Foletta, eine junge Frau namens Domino Vass...«
»Vazquez. Dominique Vazquez.«
»Tschuldigung. Dominique Vazquez. Nein, Sir, sie ist hier unten an der Rezeption und behauptet, sie soll bei Dr. Reinike ein Praktikum machen. Ja, Sir.« Die Empfangsdame legt auf. »Setzen Sie sich doch da drüben hin. Dr. Foletta kommt in ein paar Minuten runter.« Sie dreht Dominique den Rücken zu, um sich wieder ihrem Nachrichtenmonitor zu widmen.
Zehn Minuten vergehen, bis ein großer Mann Ende fünfzig einen Flur entlangkommt.
Anthony Foletta sieht nicht so aus, als würde er in den Flur einer staatlichen Einrichtung gehören, die geisteskranke Kriminelle beherbergt. Besser könnte man ihn sich als Trainer der Verteidigerriege eines Footballteams vorstellen. Eine Mähne aus dichtem grauem Haar bedeckt einen Quadratschädel, der direkt auf den Schultern zu sitzen scheint. Zwischen schläfrigen Lidern und fleischigen Backen blinzeln blaue Augen hervor. Trotz seines Übergewichts ist der Oberkörper muskulös; der Bauch ragt nur ein kleines Stück aus dem offenen weißen Arztmantel.
Mit gezwungenem Lächeln streckt er Dominique seine Pranke entgegen.
»Anthony Foletta. Ich bin der neue Chefarzt der Psychiatrie.« Die Stimme ist tief und rau und erinnert an einen alten Rasenmäher.
»Was ist mit Dr. Reinike passiert?«
»Persönliche Gründe. Es heißt, bei ihrem Mann sei Krebs im Endstadium diagnostiziert worden. Da hat sie offenbar beschlossen, sich ein paar Jahre früher pensionieren zu lassen. Reinike hat Sie schon angekündigt. Falls Sie keine Einwände haben, werde ich Ihr Praktikum betreuen.«
»Keine Einwände.«
»Gut.« Er dreht sich um und marschiert wieder den Flur entlang. Dominique muss sich anstrengen, um Schritt zu halten.
»Dr. Foletta, wie lange sind Sie hier schon tätig?«
»Zehn Tage. Bisher war ich bei einer staatlichen Anstalt in Massachusetts beschäftigt.«
Sie nähern sich dem Wärter an der ersten Sperre. »Geben Sie dem Mann ihren Führerschein.«
Dominique kramt in ihrer Handtasche und überreicht dem Wärter die laminierte Karte, für die sie einen Besucherausweis erhält. »Benutzen Sie den vorläufig«, sagt Foletta. »Wenn Sie abends gehen, geben Sie ihn einfach wieder ab. Bis zum Wochenende besorgen wir Ihnen eine codierte Praktikantenmarke.«
Sie klemmt den Ausweis an ihre Bluse und folgt Foletta in den Aufzug.
Der Chefarzt hält drei Finger an eine Kamera über seinem Kopf. Die Türen schließen sich. »Sind Sie schon mal hier gewesen? Kennen Sie sich im Gebäude aus?«
»Nein. Dr. Reinike und ich haben nur telefonisch miteinander gesprochen.«
»Das Gebäude hat sieben Stockwerke. Im Erdgeschoss sind die Verwaltung und die Sicherheitszentrale untergebracht. Von dort aus werden auch die Aufzüge fürs Personal und die Insassen überwacht. Auf der zweiten Ebene befindet sich eine kleine Station für die Alten und unheilbar Kranken. Darüber liegen unsere Kantine und die anderen Aufenthaltsräume fürs Personal. Außerdem kommt man von hier aus zum Außengang, auf den Hof und in die Therapieräume. Auf den Ebenen vier, fünf, sechs und sieben wohnen die Patienten.« Foletta gluckst. »Dr. Blackwell bezeichnet sie als >Kunden<. Eine nette Umschreibung, wenn man daran denkt, dass man sie in Handschellen hier reinschleppt.«
Sie verlassen den Aufzug und kommen an einem Checkpoint vorbei, der genauso aussieht wie der im Erdgeschoss. Foletta winkt und geht einen kurzen Flur entlang, der zu seinem Arbeitszimmer führt. Hier stapeln sich überall Pappkartons, voll gestopft mit Unterlagen, gerahmten Diplomen und persönlichen Gegenständen.
»Entschuldigen Sie das Durcheinander, ich bin noch am Einräumen.« Foletta nimmt einen Computerdrucker von einem Sessel und fordert Dominique mit einer Geste auf, sich darauf niederzulassen. Dann zwängt er sich mühsam hinter seinen Schreibtisch und kippt den Ledersessel nach hinten, um seinem Bauch mehr Raum zu lassen.
Er schlägt ihre Akte auf. »Hmm... Sie promovieren also an der Florida State, sehe ich gerade. Gehen Sie da oft zum Football?«
»Eigentlich weniger.« Nutz deine Chance. »Sie sehen so aus, als hätten sie früher selbst ein wenig Football gespielt.«
Offenbar hat sie den richtigen Einstieg gefunden, denn Folettas pausbäckige Miene hellt sich auf. »Bei den >Fighting Blue Hens of Delaware<, Class of ’79. Ich hab als Tackle angefangen. Wenn ich mir gegen Lehigh nicht das Knie ruiniert hätte, wäre ich womöglich in die NFL vorgedrungen.«
»Wie sind Sie zur forensischen Psychiatrie gekommen?«
»Mein älterer Bruder hat unter einer pathologischen Obsession gelitten. Ist ständig mit dem Gesetz in Konflikt gekommen. Sein Psychiater hatte an der Uni von Delaware studiert und war ein großer Footballfan. Nach den Spielen hat ihn mein Bruder immer zu uns in die Umkleide mitgebracht, und als ich mir das Knie verletzt hatte, war er so nett an ein paar Strippen zu ziehen, um mir den Weg zum Medizinstudium zu ebnen.« Foletta beugt sich vor und legt Dominiques Akte auf den Tisch. »Aber jetzt sprechen wir mal ein wenig über Sie. Ich bin recht neugierig. Schließlich gibt es mehrere andere Institutionen, die näher an Ihrer Uni liegen als unsere. Wie sind Sie auf uns gekommen?«
Dominique räuspert sich. »Meine Eltern wohnen drüben in Sanibel. Das sind von hier aus nur zwei Autostunden. Bisher konnte ich leider nicht so oft nach Hause fahren.«
Foletta streicht mit seinem dicken Zeigefinger über ihre Akte. »Hier steht, Sie stammen ursprünglich aus Guatemala.«
»Stimmt.«
»Wie hat es Sie nach Florida verschlagen?«
»Meine Eltern – meine richtigen Eltern – sind gestorben, als ich erst sechs war. Da hat man mich zu einem Cousin nach Tampa geschickt.«
»Aber das ist nicht lange gut gegangen?«
»Ist das so wichtig?«
Foletta hebt den Kopf. Seine Augen sehen nicht mehr schläfrig aus. »Ich stehe nicht besonders auf Überraschungen, Ms. Vazquez. Bevor ich meinen Leuten Patienten zuweise, will ich über ihren psychischen Zustand Bescheid wissen. Die meisten Insassen machen uns nicht viel Probleme, aber man muss immer im Hinterkopf behalten, dass manche von ihnen gewalttätig werden könnten. Die Sicherheit meiner Leute steht für mich an erster Stelle. Was ist in Tampa vorgefallen? Weshalb sind Sie in einem Waisenhaus gelandet?«
»Sagen wir mal, die Sache mit meinem Cousin hat nicht allzu gut geklappt.«
»Hat er Sie vergewaltigt?«
Dominique ist verblüfft von seiner Direktheit. »Wenn Sie es unbedingt wissen müssen – ja. Da war ich gerade mal zehn Jahre alt.«
»Und dann kamen Sie in psychiatrische Behandlung?«
Sie erwidert seinen forschenden Blick. Bleib cool, er stellt dich auf die Probe. »Ja, bis zu meinem achtzehnten Lebensjahr.«
»Fällt es Ihnen schwer, darüber zu sprechen?«
»Es ist nun mal passiert, aber jetzt ist es vorbei. Bestimmt hat es meine Berufswahl beeinflusst, wenn Sie darauf hinauswollen.«
»Ihre Hobbys hat es offenbar auch beeinflusst. Hier steht, sie haben den zweiten Dan in Taekwondo. Wenden Sie Ihre Fähigkeiten manchmal an?«
»Nur bei Turnieren.«
Die Lider öffnen sich weit; die Intensität der blauen Augen zieht sie in den Bann. »Sagen Sie mal, Ms. Vazquez, taucht eigentlich das Gesicht Ihres Cousins vor Ihnen auf, wenn Sie Ihren Gegnern einen Tritt versetzen?«
»Manchmal.« Sie streicht eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Wen hatten Sie denn im Sinn, als Sie Football bei den >Fighting Blue Hens< gespielt haben?«
»Eins zu null für Sie.« Der Blick kehrt zu ihren Unterlagen zurück. »Gehen Sie oft aus?«
»Mein gesellschaftliches Leben interessiert Sie also auch?«
Foletta lehnt sich zurück. »Traumatische sexuelle Erfahrungen, wie Sie sie gemacht haben, führen oft zu sexuellen Störungen. Ich will einfach nur wissen, mit wem ich zusammenarbeite.«
»Ich habe keine Abneigung gegen Sex, wenn Sie das vermuten. Allerdings hab ich tatsächlich ein gesundes Misstrauen gegenüber zudringlichen Männern.«
»Das ist kein Reha-Zentrum hier, Ms. Vazquez. Um mit kriminellen Insassen umzugehen, brauchen Sie eine dickere Haut, als Sie womöglich meinen. Wir haben hier Männer, die sich einen Namen gemacht haben, weil sie nicht allzu zart mit hübschen Studentinnen wie Ihnen umgesprungen sind. Da Sie von der FSU kommen, wissen Sie wohl, was ich meine.«
Dominique atmet tief durch, um ihre angespannten Muskeln zu lockern. Verdammt, sei nicht so empfindlich und pass endlich auf. »Sie haben Recht, Dr. Foletta. Entschuldigung.«
Foletta klappt die Akte zu. »Ehrlich gesagt, hab ich eine spezielle Aufgabe für Sie im Sinn, aber ich muss mir absolut sicher sein, dass Sie dafür geeignet sind.«
Dominique horcht auf. »Probieren Sie’s mal.«
Foletta zieht einen dicken braunen Aktendeckel aus der obersten Schreibtischschublade. »Wie Sie wissen, hält man in dieser Anstalt viel von multidisziplinärer Teamarbeit. Jedem Patienten werden ein Psychiater, ein klinischer Psychologe, ein Sozialpädagoge, ein psychiatrischer Pfleger und ein Rehabilitationstherapeut zugeteilt. Als ich hier angekommen bin, hab ich zuerst gedacht, das wäre etwas übertrieben, aber das Ergebnis hat mich überzeugt – besonders in den Fällen, in denen es um Drogenabhängige geht und um Leute, die wir auf ein anstehendes Gerichtsverfahren vorbereiten müssen.«
»In diesem Fall liegt die Sache aber anders?«
»Genau. Der Insasse, den Sie betreuen sollen, ist ein Patient von mir. Er stammt aus der Anstalt, in dem ich als Chef der psychologischen Betreuung fungiert habe.«
»Das versteh ich nicht. Sie haben ihn einfach mitgebracht?«
»Die Institution, von der ich komme, erhält seit sechs Monaten keine öffentlichen Gelder mehr. Für ein Leben in der Gesellschaft ist er keinesfalls geeignet, weshalb er irgendwohin verlegt werden musste. Da ich mich mit seiner Geschichte besser auskenne als irgendjemand anders, hab ich gedacht, es wäre weniger traumatisch für alle Betroffenen, wenn er weiter in meiner Obhut bleibt.«
»Wer ist das?«
»Haben Sie schon mal von Professor Julius Gabriel gehört?«
»Gabriel?« Der Name klang vertraut. »Moment mal – war das nicht der Archäologe, der vor ein paar Jahren bei einem Vortrag in Harvard tot umgefallen ist?«
»Vor über zehn Jahren.« Foletta grinst. »Nachdem er drei Jahrzehnte lang von Forschungsgeldern gelebt hatte, ist Julius Gabriel in die Staaten zurückgekehrt, hat sich vor einen Saal voller Kollegen gestellt und behauptet, die alten Ägypter und Maya hätten ihre Pyramiden mit Unterstützung von Außerirdischen gebaut – und zwar, um die Menschheit vor der Vernichtung zu bewahren. Können Sie sich das vorstellen? Das Publikum hat ihn mit brüllendem Gelächter einfach von der Bühne getrieben. Wahrscheinlich ist er an der Demütigung gestorben.« Folettas Wangen zittern, während er vor sich hin gluckst. »Julius Gabriel war ein echtes Musterbeispiel für paranoide Schizophrenie.«
»Und wer ist der Patient?«
»Sein Sohn.« Foletta schlägt die Akte auf. »Michael Gabriel, vierunddreißig Jahre alt. Wird lieber Mick genannt. Die ersten fünfundzwanzig Jahre seines Lebens hat er damit verbracht, seine Eltern bei archäologischen Ausgrabungen zu begleiten. So was hätte wahrscheinlich ausgereicht, um jedes Kind psychotisch zu machen.«
»Weshalb hat man ihn eingesperrt?«
»Beim letzten Vortrag seines Vaters ist er ausgerastet. Das Gericht hat die gestellte Diagnose – paranoide Schizophrenie – anerkannt und ihn ins psychiatrische Gefängnis von Massachusetts geschickt, wo ich als klinischer Psychiater tätig war. Dort ist er auch geblieben, als man mich vor sechs Jahren zum Direktor befördert hat.«
»Dieselben Wahnvorstellungen wie sein Vater?«
»Natürlich. Vater und Sohn waren – beziehungsweise sind – beide davon überzeugt, dass irgendeine furchtbare Katastrophe alles menschliche Leben auf der Erde auslöschen wird. Außerdem leidet Mick am üblichen Verfolgungswahn, der hauptsächlich vom Tod seines Vaters und seiner eigenen Haft ausgelöst wurde. Er behauptet, eine politische Verschwörung sei Schuld daran, dass man ihn seit so vielen Jahren unter Verschluss hält. Aus seiner eigenen Perspektive ist Mick Gabriel ein Opfer par excellence, ein unschuldiger Mensch, der die Welt retten will, sich aber in den unmoralischen Ambitionen eines selbstsüchtigen Politikers verfangen hat.«
»Tut mir Leid, den letzten Satz hab ich nicht ganz kapiert.«
Foletta blättert in der Akte und fischt eine Reihe Polaroid-Aufnahmen aus einem braunen Umschlag. »Das ist der Mann, über den er hergefallen ist. Schauen Sie sich das Bild hier gut an, Ms. Vazquez, aber passen Sie auf, dass Ihnen nicht schlecht wird.«
Es ist die Nahaufnahme eines übel zugerichteten männlichen Gesichts. Die rechte Augenhöhle ist mit Blut bedeckt.
»Mick hat das Mikrofon aus dem Pult gerissen und das Opfer damit bewusstlos geschlagen. Dabei hat der arme Mann ein Auge verloren. Ich glaube, Sie kennen den Namen des Opfers. Pierre Borgia.«
»Borgia? Wollen Sie mich auf den Arm nehmen? Der Außenminister?«
»Das war vor fast elf Jahren, noch bevor Borgia zum Vertreter der USA bei den Vereinten Nationen ernannt wurde. Damals wollte er gerade Senator werden. Manche Leute meinen, der Angriff habe ihm bei der Wahl geholfen. Bekanntlich hatte die Familie, aus der er stammt, schon immer großen politischen Einfluss, aber bevor man ihn auf die politische Bühne geschoben hat, war Borgia offenbar ein respektabler Wissenschaftler. Er und Julius Gabriel haben gemeinsam in Cambridge promoviert und – ob Sie’s glauben oder nicht – anschließend fünf oder sechs Jahre lang Seite an Seite in alten Ruinen gestöbert, bis es zu einem üblen Zerwürfnis kam. Irgendwann hat die Familie Borgias ihn dazu gebracht, in die Staaten zurückzukehren, um in die Politik zu gehen, aber das hat den Konflikt zwischen ihm und Gabriel keineswegs beendet.«
Foletta macht eine kleine Pause, dann fährt er fort. »Interessanterweise war es Borgia, der den Vortrag von Gabriel eingeleitet hat. Dabei hat er wahrscheinlich ein paar Dinge gesagt, die er nicht hätte sagen sollen und die das Publikum zusätzlich aufgestachelt haben. Julius Gabriel hatte ein schwaches Herz. Als er hinter dem Podium tot umgefallen ist, hat Mick sich gerächt. Es hat sechs Cops gebraucht, um ihn von seinem Opfer abzubringen. Steht alles in den Akten.«
»Eigentlich klingt das mehr nach einem isolierten Gefühlsausbruch, verursacht von...«
»Eine derartige Wut braucht Jahre, um sich aufzustauen, Ms. Vazquez. Michael Gabriel war wie ein Vulkan, der darauf wartete, auszubrechen. Er war ein Einzelkind, das von zwei führenden Archäologen in den entlegensten Gebieten der Welt aufgezogen wurde. Tatsächlich hat er weder eine Schule besucht noch die Gelegenheit gehabt, mit anderen Kindern umzugehen. All das hat zu einem extremen Fall von antisozialer Persönlichkeitsstörung geführt. Teufel, Mick ist wahrscheinlich nie mit einem Mädchen auch nur ausgegangen. Alles, was er je gelernt hat, haben ihm seine einzigen Gefährten beigebracht – seine Eltern. Und von denen war mindestens ein Teil unzurechnungsfähig.«
Foletta überreicht ihr die Akte.
»Was ist aus seiner Mutter geworden?«
»Die ist an Bauchspeicheldrüsenkrebs gestorben, als die Familie in Peru lebte. Aus irgendeinem Grund geht ihr Tod ihm immer noch nach. Ein oder zwei Mal im Monat wacht er schreiend auf. Üble Albträume.«
»Wie alt war Mick, als seine Mutter gestorben ist?«
»Zwölf.«
»Irgendeine Vermutung, weshalb ihr Tod noch immer ein derartiges Trauma für ihn darstellt?«
»Nein. Mick weigert sich, darüber zu sprechen.« Foletta setzt sich zurecht. Auf dem zu kleinen Sessel fühlt er sich sichtlich unbehaglich. »Ehrlich gesagt, Ms. Vazquez, mag Michael Gabriel mich nicht besonders.«
»Übertragungsneurose?«
»Nein. Die Beziehung zwischen Mick und mir war nie wirklich die von Arzt und Patient. Ich bin zu seinem Gefängniswärter geworden, zu einem Teil seiner Paranoia. Teilweise hat das zweifellos mit den ersten Jahren seiner Haft zu tun. Mick ist es sehr, sehr schwer gefallen, sich daran zu gewöhnen. Eine Woche vor der Untersuchung, bei der die ersten sechs Monate ausgewertet werden sollten, ist er über einen unserer Wärter hergefallen. Er hat ihm beide Arme gebrochen und ihm wiederholt in die Leisten getreten. Dabei hat er so viel Schaden angerichtet, dass beide Hoden entfernt werden mussten. Irgendwo in der Akte ist ein Foto, falls es Sie interessiert...«
»Nein, danke.«
»Als Strafe für diesen Übergriff hat er den größten Teil der vergangenen zehn Jahre in Einzelhaft verbracht.«
»Das hört sich ein bisschen streng an, nicht wahr?«
»Nicht da, wo ich herkomme. Mick ist wesentlich schlauer als die Männer, die wir einstellen, um ihn zu bewachen. Es ist am besten für alle Betroffenen, wenn er isoliert bleibt.«
»Wird er hier an Gruppenaktivitäten teilnehmen dürfen?«
»Hier hat man strenge Regeln für die Eingliederung der Insassen, aber vorläufig lautet die Antwort: nein.«
Dominique betrachtet noch einmal die Polaroid-Aufnahmen. »Inwiefern muss ich mir Gedanken darüber machen, ob dieser Kerl mich angreift?«
»In unserem Beruf, Ms. Vazquez, muss man sich immer Gedanken machen. Stellt Mick Gabriel eine Gefahr dar? Immer. Glaube ich, dass er Sie angreifen wird? Eher nicht. Die letzten zehn Jahre waren nicht leicht für ihn.«
»Wird man ihm je erlauben, ins normale Leben zurückzukehren?«
Foletta schüttelt den Kopf. »Nie. Dies ist die letzte Station auf Mick Gabriels Lebensweg. Er wird nie in der Lage sein, mit den Anforderungen fertig zu werden, die das Leben draußen mit sich bringt. Mick hat Angst.«
»Angst wovor?«
»Vor seiner eigenen Schizophrenie. Mick behauptet, er könne spüren, wie die Gegenwart des Bösen immer stärker wird. Sie nährt sich, meint er, von dem Hass und der Gewalt, die in der Gesellschaft herrschen. Seine Phobie erreicht immer dann ihren Höhepunkt, wenn wieder mal irgendein wütender Knabe sich die Waffe seines Vaters schnappt und in seiner Highschool Amok läuft. So was nimmt ihn wirklich mit.«
»Mich nimmt so was auch mit.«
»Aber nicht so. Mick wird zu einem Tiger.«
»Wird er sediert?«
»Wir geben ihm Zyprexa, zweimal täglich. Das reicht, um seine Aggression weitgehend zu beherrschen.«
»Und was soll ich nun mit ihm anfangen?«
»Nach dem Gesetzbuch dieses Staates muss er therapiert werden. Nutzen Sie die Gelegenheit, um ein paar wertvolle Erfahrungen zu sammeln.«
Er verbirgt etwas vor mir. »Ich freue mich über diese Chance, Dr. Foletta. Aber warum haben Sie ausgerechnet mich ausgesucht?«
Foletta drückt sich vom Schreibtisch ab und steht auf. Das Möbelstück ächzt unter seinem Gewicht. »Man könnte es für einen Interessenkonflikt halten, wenn ich – als Direktor dieser Anstalt – ihn ganz allein behandle.«
»Aber weshalb weisen Sie ihm nicht ein komplettes Team zu?«
»Unmöglich.« Foletta verliert sichtlich die Geduld. »Michael Gabriel ist immer noch mein Patient, und welche Therapieform am besten für ihn geeignet ist, bestimme ich, nicht irgend Kuratorium. Sie werden bald selbst herausbekommen, dass Mick ein ziemlicher Verstellungskünstler ist – recht clever, sehr redegewandt und sehr intelligent. Sein IQ beträgt fast hundertsechzig.«
»Das ist ziemlich ungewöhnlich für einen Schizophrenen, nicht wahr?«
»Ungewöhnlich, aber nicht ohne Präzedens. Worauf ich hinaus will: Mit einem Sozialarbeiter oder einem Reha-Spezialisten würde er nur spielen. Es braucht jemand mit Ihrer Ausbildung, um ihm auf die Schliche zu kommen.«
»Na schön. Wann lerne ich ihn kennen?«
»Jetzt gleich. Man bringt ihn gerade in einen Beobachtungsraum, damit ich Ihre erste Begegnung observieren kann. Ich hab ihm heute Morgen schon von Ihnen erzählt. Er freut sich darauf, mit Ihnen zu sprechen. Aber passen Sie auf.«
 
Die obersten vier Stockwerke der Anstalt, von deren Personal als >Einheiten< bezeichnet, beherbergen jeweils achtundvierzig Insassen. Jede Einheit ist in einen Nord- und einen Südflügel unterteilt und jeder Flügel in drei Stationen. Eine Station besteht aus einem kleinen Aufenthaltsbereich mit Sofas und einem Fernseher, um den sich acht Einzelzellen gruppieren. Jedes Stockwerk ist mit einer eigenen Sicherheitszentrale und einer Station für die Pfleger ausgestattet. Fenster gibt es keine.
Foletta und Dominique fahren im Personalaufzug in den sechsten Stock. An der Zentrale unterhält sich ein schwarzer Wärter mit einer Pflegerin. Der Beobachtungsraum liegt zu seiner Linken.
Der Direktor begrüßt den Wärter und stellt ihm die neue Praktikantin vor. Er heißt Marvis Jones und hat freundliche braune Augen, die ein durch Erfahrung gewonnenes Selbstvertrauen ausstrahlen. Dominique fällt auf, dass er unbewaffnet ist. Foletta erklärt, dass auf den Wohnebenen keinerlei Waffen zugelassen sind.
Marvis führt die beiden durch die Zentralstation zu einem einseitig verspiegelten Fenster, durch das man in den Beobachtungsraum blicken kann.
Michael Gabriel hockt auf dem Boden und hat sich mit dem Rücken an die hintere Wand gelehnt, direkt gegenüber dem Fenster. Er trägt ein weißes T-Shirt und passende Hosen. Mit seinem muskulösen Oberkörper sieht er erstaunlich fit aus. Er ist hoch gewachsen, einen Meter fünfundneunzig groß, und wiegt etwa hundert Kilo. Sein dunkelbraunes, relativ langes Haar geht an den Spitzen in Locken über; sein hübsches Gesicht ist glatt rasiert. Eine acht Zentimeter lange Narbe verläuft nahe des Ohrs über den rechten Unterkiefer. Den Blick hat er auf den Boden geheftet.
»Der sieht aber nett aus.«
»Das war bei Ted Bundy auch der Fall«, sagt Foletta, »und der hat sechzig Frauen umgebracht. Also, ich beobachte Sie von hier aus. Bestimmt wird Mick seinen Charme spielen lassen, weil er Eindruck auf Sie machen will. Wenn ich das Gefühl habe, dass es reicht, schicke ich die Schwester rein, um ihm sein Medikament zu verabreichen.«
»Okay.« Ihre Stimme zittert. Bleib locker, verflucht noch mal.
Foletta lächelt. »Sind Sie nervös?«
»Nein, nur ein bisschen aufgeregt.«
Sie tritt aus der Zentrale und gibt Marvis mit einem Zeichen zu verstehen, dass er die Tür zum Beobachtungsraum aufschließen soll. Als die Tür aufgeht, regt sich ein flaues Gefühl in ihrem Magen. Sie bleibt einen Moment stehen, bis ihr Puls sich beruhigt hat, dann tritt sie ein. Mit einem Schauder registriert sie, wie die Tür mit einem zweifachen Klicken hinter ihr verschlossen wird.
Der Beobachtungsraum ist drei mal vier Meter groß. Direkt vor Dominique ist ein eisernes Bettgestell an Boden und Wand befestigt. Eine dünne Auflage dient als Matratze. Gegenüber dem Bett steht ein einzelner Stuhl, der ebenfalls am Boden befestigt ist. Eine Rauchglasscheibe an der Wand zu ihrer Rechten lässt keinen Zweifel daran, dass es sich um das Beobachtungsfenster handelt. Das Zimmer riecht nach Desinfektionsmitteln.
Mick Gabriel ist aufgestanden und hält den Kopf leicht geneigt, sodass sie ihm nicht in die Augen blicken kann.
Dominique streckt ihm die Hand entgegen und zwingt sich zu einem Lächeln. »Dominique Vazquez.«
Mick hebt den Kopf und lächelt ebenfalls. Tierhafte Augen werden sichtbar, so unergründlich schwarz, dass nicht zu erkennen ist, wo die Pupillen enden und wo die Iris beginnt.
»Dominique Vazquez. Dominique Vazquez.« Der Patient spricht jede Silbe bedächtig aus, als wolle er sie in sein Gedächtnis schweißen. »Es ist wirklich schön, Sie...«
Mit einem Mal verschwindet das Lächeln und der starre Gesichtsausdruck wird leer.
Dominique spürt das Blut in ihren Ohren pochen. Bleib ruhig. Beweg dich nicht.
Mick schließt die Augen. Etwas Unerwartetes geschieht mit ihm. Dominique sieht, wie sein Kiefer sich leicht hebt, wobei die Narbe hervortritt. Seine Nasenlöcher beben wie die eines Tieres, das seine Beute verfolgt.