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Renate Welsh

Vor Taschendieben wird gewarnt

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Renate Welsh, geboren 1937 in Wien, gehört zu den anerkanntesten deutschsprachigen Kinder-und Jugendbuchautorinnen. Ihre Bücher wurden vielfach übersetzt, sie erhielt zahlreiche Preise: u. a. den Österreichischen Staatspreis, den Österreichischen Würdigungspreis für Kinder- und Jugendliteratur, den Großen Preis der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur Volkach, den Friedrich Bödecker Preis und den Deutschen Jugendliteraturpreis.

Renate Welsh

Vor Taschendieben
wird gewarnt

Mit Illustrationen
von Stefanie Scharnberg

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Neue Rechtschreibung 2006

www.obelisk-verlag.at

Inhalt

Aus dem wird nie ein anständiger Taschendieb

Mrs Morris und ihr Darling

Ein eingeschriebener Brief

Percy als Hundeführer

Tohuwabohu in Portobello Road

Rabenväter und Bärenväter

Bring etwas Schönes

Familienfest

Entführt!

Kuddelmuddel

Woher nehmen …

Alles Übungssache

Schulfest

Ein toller Laden

Weiber!

Und weiter?

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Aus dem wird nie ein anständiger Taschendieb

Sogar seine Lehrer mussten zugeben, dass Percy McFinger ein lieber Kerl war. Nur fanden sie es unmöglich, ihm etwas beizubringen.

„Es tut mir schrecklich leid“, sagte Percys Klassenlehrer zu seiner Mutter, „aus ihrem Sohn wird nie ein anständiger Taschendieb. Er ist total unbegabt.“

Percys Mutter rang die Hände. „In unserer Familie hat es so etwas noch nie gegeben“, klagte sie. „Meine Urgroßmama hat einem General den goldenen Nachttopf unterm Hintern weggestohlen, meine liebe Mama hat bei einem Ball nicht weniger als sieben Diamanthalsbänder geklaut. Nachher hat sich zwar herausgestellt, dass fünf davon nicht echt waren, aber das konnte sie nun wirklich nicht wissen. Ich selbst …“

Der Lehrer unterbrach sie. „Wir müssen nun einmal bedauernd zur Kenntnis nehmen, dass gerade in den besten Familien mit alter Tradition hin und wieder ein Mitglied ganz untalentiert ist. Traurig aber wahr.“

„Könnten Sie es nicht doch noch einmal mit ihm versuchen? Ich bin sicher, er würde sich Mühe geben“, bettelte die Mutter.

Der Lehrer schüttelte den Kopf. „Bei ihm ist Dietrich und Brechstange verloren. Wenn wir anschleichen üben, fängt er an zu niesen. Beim Griff in die Tasche läuten nicht nur sämtliche Glöckchen an der Puppe, Percy singt noch dazu. Seit ich ihm das verbot, pfeift und brummelt er. Es kann ja sein, dass er für irgendetwas anderes taugt, zum Doktor vielleicht oder zum Bankdirektor.“

Percys Mutter schluchzte. „Wenigstens hat meine liebe Mama, seine Großmama, das nicht mehr erleben müssen. Die Schande hätte ihr das Herz gebrochen.“

Der Lehrer tätschelte ihre Schulter. „Nehmen Sie es nicht zu schwer, Bankdirektoren sind auch Menschen, es muss solche und solche geben. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte.“ Mit fliegenden Rockschößen rauschte er aus dem Zimmer.

Percys Mutter lächelte unter Tränen. Als er ihr die Schulter tätschelte, hatte sie ihm den Geldbeutel und die Autopapiere aus der Tasche gezogen. Sie putzte sich die Nase, tupfte die Augen vorsichtig ab, um die Wimperntusche nicht zu verschmieren, sprühte Parfum hinter ihre Ohren und stiefelte den Korridor entlang zu Percys Klasse. Sie klopfte kurz mit ihrem großen Ring an die Tür, öffnete sie, ohne auf eine Antwort zu warten und reichte dem Lehrer mit großer Geste Geldbeutel und Autopapiere.

„Percy“, sagte sie streng, „du kommst sofort mit mir nach Hause. Ich lasse dich nicht bei einem Lehrer, der so unfähig ist, dass er es nicht einmal merkt, wenn man ihn bestiehlt.“

Der Lehrer starrte sie an und rang nach Luft. Die Kinder kicherten. Percy riss seine Tasche aus dem Pult und verstreute den Inhalt auf dem Boden. Als er endlich alles verstaut hatte, packte ihn seine Mutter an der Hand und zog ihn aus der Klasse.

Sie schleifte ihn die Treppe hinunter und die Gasse hinauf. Nicht einmal eine prall gefüllte Brieftasche, die einladend aus einer Gesäßtasche ragte, konnte sie reizen.

Zu Hause ließ sie sich in einen Sessel fallen. „Wie komme ich dazu, zum Gespött der ganzen Familie zu werden? Wenn das deine Tanten erfahren … Gestern erst rief mich Mabel an und prahlte damit, dass deine Kusine Miranda mit einem schweren Goldarmband nach Hause gekommen ist, ganz zu schweigen von Prudence, die praktisch den ganzen Familieneinkauf erledigt und nur für die Spaghetti bezahlt, die sogar den neuen Laptop besorgt hat und jetzt darauf Buch darüber führt, wo welches Familienmitglied wann tätig geworden ist. Nimm dir ein Beispiel an deinen Kusinen, die machen ihren Müttern Ehre! Ab sofort ist es aus mit dem Schlendrian, jetzt übernehme ich dein Training! Wenn ich denke, was ich damals alles in deinem Kinderwagen mitgehen ließ, um dir frühzeitig das richtige Gefühl zu vermitteln. Undank ist der Welt Lohn.“

Hätte in diesem Augenblick nicht das Telefon geklingelt, so wäre hier noch lange nicht Schluss gewesen.

Percy schlich in sein Zimmer, holte das Buch über die Geschichte der Raumfahrt aus seinem Versteck und begann zu lesen. Er vergaß den Lehrer, er vergaß den Ärger seiner Mutter. Er war unterwegs zu einem Mondkrater.

Da wurde ihm das Buch weggerissen.

„Pfui!“, kreischte seine Mutter. „Wie kannst du in meinem Haus solche Schweinereien in die Hand nehmen?“

„Das sind keine Schweinereien“, sagte Percy.

„Alle Bücher sind Schweinereien“, erklärte seine Mutter. „Lesen ist aller Laster Anfang, merk dir das.“

Sie riss Seite um Seite aus dem Buch, faltete sie zu Papierfliegern und ließ sie aus dem Fenster schweben.

Schon am nächsten Tag besorgte sie bei einem Trödler eine Schneiderpuppe, der die Holzwolle aus dem Leib quoll. Dieser Puppe zog sie eine Jacke mit vielen Taschen an. Sie benähte die Jacke über und über mit Glöckchen und kleinen Spiegeln. Percy sollte Dinge aus den Taschen holen, dabei durfte kein einziges Glöckchen erklingen und sich kein Spiegel bewegen. Es gelang ihm fast nie. Er schaffte es allerdings, auf den Glöckchen kleine Melodien zu spielen. Seine Mutter raufte sich vor Wut und Verzweiflung die Haare, bis sie in alle Richtungen von ihrem Kopf abstanden.

Zwei Tage vor dem nächsten Familientreffen rief ihre Schwester Mabel an. „Ceciiilia, meine Liebe, bist du das?“

„Nachdem du meine Nummer gewählt hast, ist anzunehmen, dass ich es bin“, antwortete Percys Mutter.

„Was bist du denn schon wieder so missmutig?“, fragte Mabel tadelnd. „Du bist regelrecht ungenießbar, sauer wie dreimal aufgekochter Kaffee!“ Doch dann erzählte sie ausführlich von den großartigen Fischzügen ihrer Tochter Mabel, und das würde sie zweifellos übermorgen bei Tee und Torten wieder tun.

Cecilia hatte ganz und gar keine Lust, sich wiederum anzuhören, wie tüchtig ihre Nichten waren, und noch weniger Lust auf mitleidige Blicke, wenn sie nach Percy gefragt wurde.

Als Mabel schließlich fragte, wie es ihr so gehe, antwortete sie: „Gut, danke! Ich habe nur seit ein paar Tagen einen grässlichen Ausschlag auf Gesicht und Händen. Der Doktor behauptet, es ist enorm ansteckend. Ich war so wütend, dass ich beim Hinausgehen sein Stethoskop geklaut habe.“

Mabel räusperte sich. Sie hüstelte. Sie schwieg einen Augenblick, was bei ihr selten vorkam, dann sagte sie: „Es ist natürlich bei unserem Beruf gar nicht günstig, die Aufmerksamkeit auf unsere Hände zu ziehen, nicht wahr? So gerne wir dich sehen möchten, Cecilia, Liebste, ich glaube, es wäre besser, wenn wir diesmal darauf verzichten. Ist das in deinem Sinne?“

Percys Mutter gelang es, einen gekränkten Unterton in ihre Stimme zu legen. „Gut, wenn ihr mich nicht dabei haben wollt, will ich mich selbstverständlich nicht aufdrängen.“

„Sei doch nicht gleich beleidigt!“, rief Mabel empört. „Du musst wirklich einsehen, dass es verrückt wäre, unseren Lebensunterhalt aufs Spiel zu setzen! Wie kann man so egoistisch sein?“

Jetzt hüstelte Percys Mutter. „Ist schon in Ordnung. Ich habe verstanden.“

Als sie den Hörer auflegte, wusste sie, dass Mabel richtig böse war auf sie. Es würde mindestens vier Wochen dauern, bis sie wieder zum Telefon griff. Vier Wochen müssten genügen, um aus Percy endlich einen anständigen Dieb zu machen.

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Mrs Morris und ihr Darling

Es wurden schwierige Wochen für Percy. Jeden Tag weckte ihn seine Mutter kurz vor sechs Uhr. Jeden Tag musste er üben, bis es ihm endlich gelang, alle Taschen der Schneiderpuppe zu leeren, ohne ein einziges Glöckchen zu berühren.

Seine Mutter strich ihm über den Kopf. „Siehst du, es geht alles, wenn man nur will. Jetzt lauf hinunter und besorge Gebäck fürs Frühstück. Für mich drei Croissants, du kannst dir aussuchen, was du willst.“

Percy zog seine Jacke an, in die seine Mutter drei tiefe Innentaschen genäht hatte. Er streckte die Hand aus. „Gibst du mir deine Börse?“

Die Mutter verdrehte die Augen, hob die Hände zum Himmel, schüttelte den Kopf. „Du sollst etwas besorgen, nicht kaufen! Siehst du, das kommt vom Bücherlesen, die verstopfen dir nur den Kopf für alle wichtigen Dinge. Be-sor-gen sollst du etwas fürs Frühstück.“ Sie klopfte mit dem Finger an seine Stirn. „Kapierst du endlich? Womit habe ich das verdient?“

Sie gab ihm einen Klaps und schob ihn aus der Wohnung.

Percy trottete die Straße hinunter. Er ließ den Kopf hängen.

Vor ihm trippelte eine alte Frau mit einem Einkaufskorb und einem Pudel an der Leine. Der Pudel zog und zerrte sie hierhin und dorthin.

„Aber Darling“, schimpfte sie, „was bist du für ein schlimmer Liebling! Deine alte Mami kann nicht mehr so wie früher!“

Der Pudel beschnüffelte ausführlich einen Laternenpfahl. Der Korb hing schiefer und schiefer am Arm der alten Frau. Eine Brieftasche rutschte bis zum Rand, plumpste auf die Pflastersteine. Die alte Frau und der Pudel gingen weiter.

Percy hob die Brieftasche auf. Sie war abgegriffen und alt, aber ziemlich dick. Er warf einen Blick hinein. Links steckte ein Foto von einem jungen Mann, daneben eines, auf dem der Pudel mit hoch erhobenem Kopf eine Pfote vorstreckte. Das rechte Seitenfach war prall gefüllt mit Geldscheinen.

Percy lief vor. „Das ist Ihnen runtergefallen!“, rief er.

Die Frau drehte sich nicht um. Erst als er neben ihr stand, wandte sie sich ihm zu.

„Das ist Ihnen runtergefallen!“, wiederholte er.

Die Frau grabschte nach der Brieftasche. „Du lieber Himmel! Und gerade heute, wo ich so viel Geld abgehoben habe, weil ich doch den Tischler bezahlen muss und die Fahrkarten abholen … Was bist du für ein braver Bub! Meine Nachbarin behauptet immer, es gibt keine guten Kinder mehr heutzutage, aber ich hab immer mit ihr gestritten, und siehst du, wer hat Recht gehabt? Ich hab Recht gehabt! Deine Mama kann stolz auf dich sein!“

Das, dachte Percy, stimmt nun leider überhaupt nicht.

Die alte Frau zog eine Fünfpfundnote aus ihrer Börse. „Das ist für dich! Und vielen, vielen Dank.“

Der Pudel zerrte wild an der Leine.

„Darling! Jetzt wird deine Mami aber bald wirklich böse auf dich! Wenn du so weitermachst, gibt’s heute keinen schönen Knochen“, drohte sie.

Der Pudel kläffte.

Percy steckte den Geldschein in die innerste Jackentasche und lief zum Bäcker. Es roch köstlich nach warmem Brot. Mit fünf Croissants und zwei Semmeln in einer Tüte schlenderte er zurück.

Vor dem Haustor fiel ihm ein, dass es vielleicht keine gute Idee war, das Gebäck in einer Tüte zu bringen. Er verstaute alles einzeln in seinen Taschen, blies die Tüte auf und ließ sie zerplatzen. Der Knall war schön laut.

Seine Mutter staunte, als er Stück um Stück aus seinen Taschen holte. Sie umarmte ihn und gab ihm einen Kuss.

„Siehst du“, sagte sie, „man kann alles, wenn man nur will. Vielleicht wird doch noch was aus dir, und dann können mich deine Tanten …“ Sie hielt inne. Vor ihrem Sohn schimpfte sie nur in Notfällen, und dies war keiner. Natürlich konnte man mit ein paar Croissants ihre Schwestern nicht beeindrucken, aber es war immerhin ein Anfang.

Nach dem Frühstück ging sie mit Percy ins Kaufhaus und übte mit ihm, sich unauffällig zwischen den Ladentischen durchzuschlängeln und im Zickzack davonzulaufen. Er musste mögliche Verstecke erkennen und sich merken, wo die Notausgänge waren.

Auf dem Heimweg prüfte sie, ob er sich auch alles gemerkt hatte. Sie war nicht unzufrieden. Zur Belohnung bekam er ein Eis, das sie ausnahmsweise bezahlte. Eis lässt sich schlecht klauen. Sie beschloss, dass sie beide einen freien Nachmittag verdient hatten. Im Fernsehen lief ihre Lieblingsserie.

„Darf ich runtergehen?“, fragte Percy.

Sie nickte. „Du kannst dir ja noch einmal alles einprägen, was du heute gelernt hast. Wiederholen ist immer gut.“

Wenn sie gewusst hätte, dass Percy in die Bücherei rannte und dort den ganzen Nachmittag in einer Nische las, hätte sie nicht so ruhig und vergnügt ihre Zehennägel lackiert und Karamellbonbons gelutscht.

Am nächsten Tag schickte sie ihn wieder zur Bäckerei, und da er ja noch genug Geld hatte, kam er bald mit dem Gewünschten zurück.

„Aus dir wird noch was!“, rief sie glücklich.

Sie verdoppelte ihre Anstrengungen, nach all den Fehlschlägen doch noch einen tüchtigen Dieb aus ihm zu machen. Sie stellte sich vor, wie ihr Sohn etwas heimbringen würde, das keine der Nichten je auch nur im Traum angefasst hätte, und dann würde sie ihre Kusinen zum Kaffee einladen und die beiden würden zur Abwechslung einmal vor Neid erblassen.

Drei Tage später beschloss sie, einen zweiten Versuch im Kaufhaus zu machen.

Kaum hatten sie die Haustür hinter sich geschlossen, sah Percy die alte Frau mit ihrem Pudel.

Darling zerrte die Frau hinter sich her, zog nach links, zog nach rechts, und kümmerte sich nicht um ihr lautes: „Darling, bitte, sei doch einmal ein guter Junge!“

Percy wollte ins Haus zurücklaufen, aber Darling hatte ihn schon gesehen, riss sich los und stürmte auf Percy zu. Er sprang an ihm hoch und schleckte ihn ab.

„Darling!“, rief die Frau, „Darling!“

Da erkannte sie Percy und kam mit einer Geschwindigkeit die Straße herauf, die ihr niemand zugetraut hätte.

„Ist das Ihr Junge?“, fragte sie.

Percys Mutter nickte.

Die alte Frau packte ihre Hand und pumpte sie auf und ab. „Gratuliere!“, rief sie. „Ich gratuliere Ihnen!“

Percys Mutter wusste nicht, wie ihr geschah. Darling umtänzelte Percy und rieb seinen Kopf an Percys Bein.

„Sie müssen eine wunderbare Mutter sein“, sagte die alte Frau. „Es wäre mir ein großes Vergnügen, wenn Sie mich einmal besuchen kämen mit Ihrem lieben Sohn. Meine Nachbarinnen können es gar nicht glauben, sie behaupten, so etwas gibt es heutzutage nicht mehr. Aber ich sage immer, wie man in den Wald ruft, so schallt es zurück, man muss an das Gute glauben, dann erlebt man es auch. Ich habe mir solche Vorwürfe gemacht, dass ich nicht einmal nach seinem Namen gefragt hatte, ich war ja ganz durcheinander, und ich hab ihm viel zu wenig Finderlohn gegeben …“

Percy hätte zu gerne den Kanaldeckel hochgehoben und wäre hinuntergeklettert, egal wie es da roch, aber Darling hörte nicht auf, ihn zu umkreisen und zu stupsen. Hinter ihm stand seine Mutter und vor ihm die alte Frau, die immer noch redete.

„Was hat er denn getan?“, fragte seine Mutter, als die alte Frau kurz Atem holen musste.

„Was?“, rief sie und Darling kläffte dazu. „Hat er es Ihnen nicht erzählt? Das sieht ihm ähnlich! Ach, Sie wissen ja gar nicht, wie stolz Sie sein müssen, wie froh!“