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EWIG LANGE SOMMERFERIEN. Party am Strand. Die heiße Mittelmeersonne genießen. Cola mit frischer Zitrone und zerstampftem Eis an der Strandbar schlürfen. Dabei mit französischen Jungs flirten.

Charlotte rekelte sich in ihrem neuen Bikini und seufzte zufrieden. Noch cooler ging nicht. Ihre Freundin Marie lag neben ihr im Sand und verschlang die letzten Seiten eines Vampirromans. Sie zerkaute aufgeregt ihre Unterlippe. Weiter draußen im Wasser kreischten Kinder. Zwei Surfer ritten elegant über die Wellen ans Ufer und zogen ihre Bretter an Land. Sie unterhielten sich und deuteten mehrmals in Charlottes und Maries Richtung. Dann kamen die beiden Surfer direkt auf sie zu.

Oh no! Charlotte setzte sich ruckartig auf. Die Jungs vom Zeltplatz! Der eine mit den braunen schulterlangen Locken hatte sie heute Morgen total süß angelacht. Jetzt hatte er die Haare zu einem stylishen Zopf gebunden. Dieser Junge war ihr absoluter Traumtyp. Sie spürte, wie es überall auf ihrer Haut zu kribbeln begann. Erwartungsvoll schaute sie in sein braun gebranntes Gesicht. Der Junge strahlte sie an und streckte die Hand nach ihr aus. Charlotte stand mit Pudding in den Beinen auf. Seine knallblauen Augen warfen sie absolut um. Sie strauchelte. Der Junge war sofort bei ihr und fing sie im letzten Moment auf. Seufzend sank Charlotte in seine Arme und schloss glücklich die Augen.

Endlich verliebt! Sie hatte schon befürchtet, es würde nie passieren.

»CHARLOTTE! CHARLOTTE!!!«

Wie lustig. Seine Stimme kam ihr bereits so vertraut vor, also ob sie ihn schon ihr ganzes Leben lang kannte.

»Charlotte! Was ist los? Mach endlich die Augen auf.«

Charlotte schüttelte den Kopf. An seiner Brust zu liegen, war einfach zu schön. So konnte es eine Ewigkeit bleiben. Sie umklammerte ihn noch fester.

»Charlotte! Mann! Du drückst mir voll die Luft ab. Denk dran, ich kann Jiu-Jitsu«, rief der Junge.

In derselben Sekunde fühlte sie einen stechenden Schmerz in ihrem Arm.

»Ahhh«, schrie sie und riss die Augen auf. Ihr Traumboy war wie vom Erdboden verschluckt. Zusammen mit dem leuchtend blauen Mittelmeer und seinem weißen Strand. Auch von Marie weit und breit keine Spur. Stattdessen starrte sie in die erschrockenen braunen Augen von Metin.

»SAG MAL, BIST DU VÖLLIG BESCHEUERT?«, brüllte Charlotte los. »Du hast mir fast den Arm gebrochen, du Nerd.« Sie rieb sich ihren schmerzenden Ellbogen und jaulte auf, als sie dabei den Musikantenknochen berührte. Ihr schossen Tränen in die Augen.

»Sorry!«, sagte Metin. »Ich wusste nicht, wie ich dich sonst aus deinem Albtraum erlösen sollte, ohne dass du mir sämtliche Rippen brichst. Krass, du bist echt stark.« Er betastete seinen Brustkorb. »Wie bei Spiderman, echt unheimlich.«

Charlotte schwang ihre Beine über die Bettkante. »Du bist wirklich der unverschämteste Typ, den ich kenne. Ich hatte gerade den schönsten Traum meines Lebens. Das verzeihe ich dir nie, dass du mich wach gerüttelt hast. Und wieso latschst du einfach in meinem Zimmer herum? Bist du in unsere Wohnung eingebrochen? Ich hoffe, du hast eine richtig gute Ausrede!«

Metin strahlte sie an. »Ah, die Drama-Queen-Nummer. Ich liebe sie einfach.« Er duckte sich unter dem Kissen weg, das Charlotte nach ihm warf. »Ich sollte dich wecken, weil du den Laden machen musst. Deine Mutter hat euren Schlüssel bei meiner Schwester im Friseurgeschäft abgegeben. Im Gegensatz zu dir vertraut deine Mutter mir. Schließlich kenne ich dich jetzt schon fast fünfzehn Jahre.«

Charlotte nickte. »Oh ja. Fünfzehn Jahre. Das ist eindeutig zu lang. Und warum ist meine Mutter den ganzen Tag weg? Ich wollte später mit Papa und den Zwillingen ins Prinzenbad.«

»Sie hat den Taxijob gekriegt und kann sofort eine ganze Schicht fahren«, antwortete er. »Sie wollte dich nicht wecken.«

Charlotte sprang auf. »Wow! Das ist allerdings cool! Also muss sie die Prüfung nicht noch mal machen? Ihre Taxilizenz ist doch schon uralt.«

Metin schüttelte den Kopf. »Nee. Der Typ hat sich bequatschen lassen. Sind wohl ziemlich viele Fahrer in Urlaub.«

Charlotte suchte auf dem Fußboden ihre Klamotten zusammen. »Das ist die erste gute Nachricht in den Ferien. Warte auf mich. Ich bin gleich fertig.« Sie verschwand eilig ins Bad.

Seit ihre Eltern geschieden waren, lebte Charlotte mit ihrer Mutter alleine in der Kreuzberger Wohnung. Ihr Vater hatte jetzt eine neue Familie mit drei Stiefsöhnen und war in eine riesige Villa im Grunewald gezogen. Vor einem Jahr waren die Zwillinge Leander und Luis geboren worden, Charlottes Halbgeschwister. Charlotte fand die Winzlinge eigentlich ganz süß und war insgeheim sogar froh darüber, dass sie zwei Geschwister bekommen hatte. Auch mit Sabine, der neuen Frau ihres Vaters, verstand sie sich richtig gut. Sabine freute sich nämlich, dass sie neben ihren fünf Söhnen endlich eine Stieftochter hatte. Sabine war immer gut drauf, und Charlotte konnte mit ihr über alles reden, sogar über Jungs.

Ihrer Mutter erzählte Charlotte davon lieber nicht, sie wollte sie nicht noch trauriger machen. Sie hatte nämlich Charlottes Vater immer noch ziemlich gern.

Sooft es ging, spielte Charlotte Babysitter bei den Zwillingen, um ihr Taschengeld aufzubessern. Aber auch das sah ihre Mutter nicht so gerne. Ihr war es lieber, wenn Charlotte in der Sandwich-Bar mithalf, die ihr gehörte. Die lief gerade gar nicht gut, und deshalb konnten sie sich auch keine bezahlte Aushilfe leisten.

Die Bar befand sich im selben Haus, in dem sie wohnten, und war früher eine Bäckerei gewesen, die Charlottes Großvater gehört hatte. Ihre Mutter hatte die Bäckerei zu einer gemütlichen Bar umbauen lassen, in der man Sandwiches essen und Kaffee trinken konnte. Aber nach der Scheidung war alles schiefgegangen, und die Stammgäste waren weggeblieben.

Jetzt stand die Bar kurz vor der Pleite, und ihre Mutter musste sich dringend nach einem weiteren Job umsehen. Bereits während ihres Studiums war sie Taxi gefahren. Das war nun ihre Rettung!

Als Charlotte mit der Zahnbürste in der Hand zurück in ihr Zimmer kam, stand Metin am Schreibtisch und studierte neugierig ihr Zeugnis.

»Oh Mann«, sagte er beeindruckt. »Das hast du dieses Jahr ganz schön vergeigt. Wieso hast du eine Fünf in Sport?«

Charlotte zuckte mit den Schultern. »Wir haben fast nur Geräteturnen gemacht, und ich leide unter Höhenangst. Stufenbarren und Schwebebalken und der ganze Mist jagen mir Todesangst ein. Da bin ich irgendwann einfach nicht mehr hingegangen. Ich habe echt keine Lust, solche Sachen ewig mit den Lehrern zu diskutieren. Dann bleibe ich lieber gleich weg. Ich bin nicht so der Typ für ewig lange Reden.« Sie grinste ihn ein wenig verlegen an. »Meine Eltern waren ein ganzes Jahr bei diesem Eheberatungs-Fuzzi, und am Ende hat Papa eine Großfamilie geheiratet. Aussprachen bringen nicht immer was.«

Metin nickte. »Ich weiß. War bei meinen Eltern genauso. Aber weshalb stehst du in Bio und Erdkunde auf Vier? Das ist doch nur Auswendiglernen. Was klappt denn da nicht?«

Charlotte verdrehte die Augen. »Fang du jetzt nicht auch noch an. Mama macht schon genug Stress. Das sind ausgerechnet die Fächer, die sie studiert hat. Hilf mir lieber beim Sandwichschmieren. Sonst können wir die Bude heute gleich dichtlassen.« Sie seufzte tief und betrachtete kritisch ihre blasse Haut im Spiegel.

Adieu, Mittelmeer. Nicht einmal für das Prinzenbad ist Zeit. Und der süße Franzose mit den blauen Augen wird wahrscheinlich für immer ein schöner Traum bleiben. So ein Mist.

Übermorgen hatte sie Geburtstag. Sie wurde fünfzehn. Und sie hatte sich fest vorgenommen, diesen besonderen Geburtstag an einem wunderschönen Strand in Frankreich zu verbringen. Stattdessen hing sie in einer muffigen Sandwich-Bar in Berlin Kreuzberg fest.

»Hast du schon was von Marie gehört?«, fragte Metin, als sie die Treppen hinunterliefen.

Charlotte schüttelte den Kopf. »Nee, nicht mal eine SMS

Marie hatte eine reiche Tante in Frankreich. Sie wohnte ganz in der Nähe von Nizza an der Côte d’Azur und hatte Marie und Charlotte für die Sommerferien zu sich eingeladen. All-inclusive.

Aber ihre Mutter ließ sich nicht erweichen, und ausnahmsweise war ihr Vater derselben Meinung. Ihre Mutter brauchte sie jetzt. Und in einer Familie musste man zusammenhalten, meinte er. Das sagte gerade der Richtige. Zum ersten Mal nach der Scheidung ihrer Eltern war Charlotte richtig sauer auf ihren Vater. Total ungerecht fand Charlotte alles. Ihre Eltern dachten wirklich nur an sich.

Sie kramte den Schlüssel für den Laden aus ihrer Hosentasche.

Vor der Eingangstür standen drei mit Lebensmitteln prall gefüllte Plastiktüten.

»Wer hat die denn abgestellt?«, fragte Charlotte verwundert.

»Die hab ich mitgebracht. Von zu Hause«, sagte Metin. »Ich glaube, deine Mutter hatte gar keine Zeit mehr, einzukaufen, und Sibel war erst gestern in der Metro und hat den halben Laden mit nach Hause gebracht. Das kriegen wir gar nicht alles auf, bevor es schlecht wird.« Er drehte den Kopf zur Seite, damit Charlotte nicht merkte, wie schlecht er flunkerte.

Metins Familie wohnte direkt nebenan. Er hatte fünf ältere Schwestern, die sahen alle so schön aus wie Schneewittchen. Seiner Mutter gehörte der Friseurladen im selben Haus. Sie war noch hübscher als ihre Töchter und hatte wunderschönes lockiges Haar, das ihr bis über die Hüften reichte. Metins Vater lebte wieder in der Türkei, aber seine Kinder besuchten ihn regelmäßig. Bei den Meleks waren die Vorratsschränke immer rappelvoll. Im Gegensatz dazu lachten Charlotte und ihre Mutter manchmal nur abgelaufene Joghurts und Fertigpizzas aus dem Kühlschrank an.

»Das ist so lieb von dir. Du bist der Beste«, sagte Charlotte gerührt. »Ich glaube, wir müssen erst mal Aufstriche zaubern, damit ich überhaupt was auf die Sandwiches schmieren kann. Wetten, ich habe recht?«

Sie drehte den Schlüssel im Schloss um und stieß die Tür auf.

DIE SANDWICH-BAR sah aus wie ein gemütliches Wohnzimmer, in dem man eine Weile nicht aufgeräumt hatte.

Tische und Stühle stammten noch aus der alten Bäckerei, auch die Theke aus dunklem Eichenholz und die Registrierkasse; man konnte sie öffnen, indem man an einer verschnörkelten Kurbel drehte. In der Ecke stand ein Sofa mit riesigen dunkelroten Rosen auf dem verschlissenen Bezugsstoff. Darüber hing ein Bücherregal, in das mehrere Dutzend abgegriffene Bücher sortiert waren.

»Puh, das mufft hier wieder …«, sagte Charlotte. Sie riss die Fenster weit auf und ließ die warme Sommerluft herein.

Gemeinsam rückten sie die Tische und Stühle zurecht, fegten den Laden in Windeseile durch, polierten die Vitrine, bis sich Charlotte darin spiegeln konnte, und wuschen das angetrocknete Geschirr ab, das Charlottes Mutter in der Spüle stehen gelassen hatte.

»Ich habe das Gefühl, Mama hat gar keine Lust mehr auf den Laden«, meinte Charlotte. »Sie ist doch sonst nicht so verpeilt. Das regt mich total auf.«

Sie begann, die Büschel Petersilie und den Knoblauch zu zerhacken, die Metin mitgebracht hatte, und bereitete einen deftigen Kräuterquark zu. Erwartungsvoll schmeckte sie den Quark mit Paprika ab. »Lecker«, sagte sie. »Probier mal!« Sie ließ ihn den Löffel abschlecken.

Metin nickte anerkennend. »Jetzt noch einen mit Kichererbsen«, sagte er. »Den macht meine Mutter immer.« Er öffnete eine Dose Kichererbsen, mengte Olivenöl, Zitrone und frische Minze darunter, zerkleinerte alles im Mixer und schmeckte mit Salz und Kreuzkümmel ab. Dann nahm er sich die Auberginen vor. Nach einer knappen Stunde war die Vitrine mit verlockenden Aufstrichen gefüllt.

Charlotte röstete zwei Scheiben Weißbrot im Sandwich-Toaster, bestrich sie mit dem Kichererbsenaufstrich und schnitt sie zum Probieren in kleine Häppchen.

»Hoffentlich kommt heute überhaupt jemand«, sagte sie und ließ die Eingangstür weit offen. »Die meisten Leute trinken ihren Kaffee bei so einem Wetter doch lieber draußen.«

»Wieso stellen wir die Tische nicht einfach raus?«, schlug Metin vor.

»Mama hat vergessen, die Straßenlizenz zu verlängern. Deshalb dürfen wir in diesem Sommer keine Stühle vor der Bar aufstellen.«

Charlotte setzte sich auf die Eingangsstufen und schloss genervt die Augen.

Metin schaltete den Samowar ein und bereitete einen starken türkischen Teesud. Er goss zwei Teegläser randvoll und setzte sich mit den Kichererbsen-Häppchen neben Charlotte auf die Stufen.

»Iss mal«, forderte er sie auf. »Du hattest ja nicht mal Frühstück heute.« Er stellte den Teller zwischen sie und verschlang drei Stück hintereinander. »Was genau hast du denn eigentlich geträumt in deinem Albtraum, der gar keiner war?«

Charlotte holte tief Luft und schaute sehnsuchtsvoll in den wolkenlosen blauen Himmel über den Dächern von Kreuzberg. »Ach, das ist zu kompliziert. Kann ich dir nicht erklären. Und ist im Grunde auch ganz egal. Träume werden sowieso niemals wahr.«

 

Leider behielt Charlotte recht, was die Sandwich-Bar betraf. Nur eine Handvoll Gäste verirrte sich an diesem heißen Sommertag zu ihnen. Drei davon nahmen nur einen Coffee to go mit. Ein Fahrradkurier kaufte schließlich die komplette Schale Kichererbsenaufstrich für eine Fete und füllte seine Thermoskanne mit Zitronentee.

»Ich stelle dich als Chef de Cuisine ein«, witzelte Charlotte, als sie die Aufstriche in Frischhaltedosen füllte und sorgsam im Kühlschrank verstaute.

Sie zählte das eingenommene Geld. »Achtundzwanzig Euro und fünfzig Cent. Davon sind zwei Euro Trinkgeld.« Sie steckte die zwei Euro in ein Sparschwein. »Wenn es weiter so abwärtsgeht, ist es billiger, wenn wir die Bar für drei Wochen dichtmachen. Dann könnte ich doch noch zu Marie nach Frankreich fahren.«

Ja, genau. Das war die beste Lösung für alle. Die wollte sie ihrer Mutter gleich heute Abend schmackhaft machen. Drei Wochen Betriebsferien. Inzwischen würde sich Charlotte von der stressigen Schule erholen und voll entspannt an einem französischen Strand chillen und mehr, während ihre Mutter nach Lust und Laune Doppelschichten einfahren konnte, um ihr überzogenes Bankkonto wieder auf null zu bringen und die ausstehenden Rechnungen zu bezahlen.

»Was sagst du dazu?«, fragte sie Metin.

»Keine Meinung. Musst du selber wissen«, murmelte Metin vor sich hin.

Charlotte runzelte die Stirn. »Wie? Freust du dich gar nicht für mich? Das wäre doch toll. Ist ja nicht jeder so ein Ferienmuffel wie du. Man sagt schließlich nicht umsonst Leben wie Gott in Frankreich. Glaub mir, das Mittelmeer ist echt cool.«

Metin zuckte mit den Schultern. »Möglich. Ich könnte meine Mutter ja fragen, ob ich mit dir mitfahren kann. Türkei fällt diesen Sommer nämlich aus. Sibels Hochzeit ist zu teuer.«

Charlotte fuhr schockiert herum. »AUF GAR KEINEN FALL! Das ist ein Mädchen-Urlaub. No Jungs …«

Metin grinste. »Jetzt hast du einen echten Schrecken gekriegt, oder? Glaubst du, ich bin irre und fahre mit dir nach Frankreich? Außerdem bin ich immer noch Muslim, auch wenn ich nicht ständig in die Moschee gehe. Nach einem gemeinsamen Urlaub müsste ich dich wahrscheinlich heiraten, zumindest wenn meine Oma davon wüsste.« Er wurde rot.

Charlotte kicherte. »Wie süß. Dann müsste ich aber vorher noch schnell einen Bauchtanzkurs belegen, damit ich in eure Familie passe.«

Metin schlug die Hände vor sein Gesicht. »Charlotte, du bist echt unmöglich. Das sind doch alles Klischees. Nicht auszuhalten. Warum bist du eigentlich meine beste Freundin …« Er guckte zwischen seinen Fingern hindurch.

»Weil es sonst niemand mit dir aushält«, erwiderte Charlotte und grinste.

»Nein, umgekehrt«, sagte Metin. »Andere Mädchen hängen mit fünfzehn schon längst knutschend mit Jungs im Kino ab. Interessiert sich wohl keiner für dich?«

Charlotte schluckte. Metin hatte einen wunden Punkt getroffen.

»Das geht dich gar nichts an«, fauchte sie. »Manchmal solltest du eine Tausendstelsekunde nachdenken, bevor du solchen Müll redest.« Sie funkelte ihn böse an.

Metin wich erschrocken zurück. »’tschuldigung«, sagte er und hob die Arme. »Wir machen doch beide nur Spaß.«

Charlotte drehte sich weg. »Sehr witzig. Auf meine Kosten. Ich lache mich immer noch tot.«

Sie drehte das Licht ab, zog die Geldlade aus der Kasse und ging zur Ladentür. Ungeduldig wippte sie mit dem Fuß hin und her. »Ich schließ jetzt ab. Willst du hier anwachsen?«

Metin bewegte sich nicht vom Fleck. »Ich hab Karten für die Hasenheide geholt … Freiluftkino. Mit Liegestühlen und so. Die Getränke sind heute frei«, sagte er. Er sah sie unsicher an.

»Schön für dich«, sagte Charlotte. »Viel Spaß. Bestimmt wirst du dort noch ein paar von deinen coolen Sprüchen los. Hängen ja genug Mädchen rum, wie du schon sagst.«

Metin trabte unglücklich auf den Bürgersteig. »Hör mal, Charlotte …«

»Schon okay«, sagte sie abweisend. »Wir sehen uns. Ich sag dir rechtzeitig Bescheid, bevor ich nach Frankreich fahre. Dort gibt es ja auch Kinos.«

Sie verschwand grußlos im Treppenhaus.

»… und dein Geburtstag? Was ist denn mit deinem Geburtstag übermorgen?«, rief er Charlotte hinterher. Er horchte in den Flur hinein. »Charlotte?«

Keine Antwort.

»Charlotte!« Als immer noch keine Antwort kam, ging er schließlich.

Aufatmend warf Charlotte die Wohnungstür ins Schloss und drückte ihr heißes Gesicht gegen das kühle Holz. Gerade ging ihr Metin unheimlich auf die Nerven. Was bildet sich dieser Typ eigentlich ein? Es ging ihn wirklich nichts an, wo und mit wem Charlotte beschloss, herumzuknutschen. Besser gesagt, wann sie sich endlich verlieben würde.

Plötzlich vermisste sie Marie ganz schrecklich. Erschöpft warf sie sich auf das Sofa und schnappte sich die Fernbedienung vom Fernseher. Müde zappte sie sich durch das Vorabendprogramm.

Auf einem privaten Kanal lief ein bekannter französischer Film aus den Achtzigern. La Boum – Die Fete. Der Film spielte ausgerechnet in Frankreich. Charlotte fiel ein, dass ihre Mutter mal davon erzählt hatte. War tatsächlich ganz lustig, die Story. Zumindest schien das Mädchen in diesem Film dasselbe Problem zu haben wie Charlotte. Sie wollte sich unbedingt verlieben, fand aber nicht den richtigen Typen dafür.

Neugierig verfolgte Charlotte, was das Mädchen alles dafür anstellte. Sie hatte Charlotte gegenüber allerdings einen entscheidenden Vorteil: Ihre Großmutter war ihre Verbündete. Tja, so ein Glück hatte Charlotte leider nicht. Sie musste sich ganz alleine um alles kümmern. Und sich noch dumme Sprüche anhören. Wenn sie an Metin dachte, wurde sie gleich wieder sauer.

In diesem Moment ging die Wohnungstür. »Hallo, mein Schatz!«, rief ihre Mutter aus dem Flur. Charlotte lief ihr entgegen und umarmte sie.

»Wie war deine erste Tour, Mama?«, fragte sie gespannt.

»Anstrengend«, antwortete ihre Mutter und ließ sich erschöpft in den Fernsehsessel fallen. Sie warf einen kurzen Blick auf den Bildschirm. »Ah, La Boum«, sagte sie. »Toller Film. Aber ich bin sogar zum Fernsehen zu müde. Echt hart, nach so vielen Jahren wieder in der Droschke zu sitzen.«

»Droschke?«, wiederholte Charlotte. »Ich denke, du fährst Taxi.«

Ihre Mutter lachte. »Das ist so ein Insider-Wort für Taxi. Die Zeiten haben sich ziemlich geändert. Gut, dass es Navis gibt. Meine Kunden waren alle sehr nett, bis auf einen Typen, dem es nicht schnell genug gehen konnte und der wollte, dass ich über eine rote Ampel fahre. Aber die Kollegen stressen. Die kämpfen um jede Fuhre.« Sie nahm Charlottes Hände und zog ihre Tochter an sich. »Ich bin so froh, dass du den Laden schmeißt. Ich war gerade noch schnell gucken, ist ja alles tipptopp. Und die Aufstriche sind einfach köstlich. Wenn ich erst mal eine Weile auf Tour bin, gehen wir zwei richtig schön shoppen, ohne jeden Cent dabei umzudrehen. Versprochen, meine Süße.«

Charlotte atmete tief durch. »Das musst du gar nicht, Mama. Ich habe eine viel bessere Idee. Hör zu. Jetzt in den Ferien kommen doch kaum Leute, die sitzen lieber draußen oder in Gartencafés. Außer ein paar Flaschen Wasser und zwei, drei Sandwiches verkaufen wir praktisch nichts. Da ist es doch viel schlauer, wir machen gleich drei Wochen zu und legen dann wieder im Herbst voll los. Dann kann ich wie abgemacht nach Frankreich fahren, und du hast deine Ruhe. Super Idee, oder?«

Sie sah ihre Mutter erwartungsvoll an.

Für einen Augenblick sagte niemand ein Wort. Dann holte ihre Mutter Luft. »Auf gar keinen Fall. Sei doch nicht so unvernünftig, Charlotte. Wenn ich den Laden jetzt schließe, dann kann ich gleich aufgeben. Ich grüble schon eine ganze Weile über ein neues Konzept für die Bar. Ich will nicht meine letzten Stammkunden verlieren. Ich bin enttäuscht, dass du so egoistisch bist.«

Charlotte sprang auf. »WIESO BIN ICH EGOISTISCH? Du bist doch genauso egoistisch, Mama. Ich brauche meine Ferien einfach, weil die Schule mich total stresst. Und ich habe mich so auf Frankreich gefreut. Und Stammgäste hast du sowieso keine mehr. Die hast du selber vergrault, weil du dich nach der Scheidung viel zu lange nicht um die Bar gekümmert hast – sagt Papa.«

Charlottes Mutter wurde blass. »SO, SAGT DAS DEIN VATER? Das ist ja wirklich sehr nett von ihm, mich bei meiner eigenen Tochter schlechtzumachen.« Ihre Stimme wurde ganz schrill vor Empörung.

»TUT ER GAR NICHT!«, brüllte Charlotte zurück. »Er macht sich einfach Sorgen um mich. Weil ich ein mieses Zeugnis habe und trotzdem so viel im Laden bin. Und zu wenig Freizeit habe.« Sie bemühte sich, nicht zu heulen, und hielt die Luft an.

»Ha!«, sagte ihre Mutter heiser. »Die schlechten Noten hast du nur, weil du faul bist. Und verantwortungslos. Sonst hättest du Sport nicht das ganze Schuljahr geschwänzt. Du tust ja gerade so, als würde ich dich einsperren. War dein lieber Vater schon auf dem Jugendamt und hat mich wegen Kinderarbeit angeschwärzt?«

Das war wirklich zu viel. Charlotte begann zu zittern. »Du bist echt total gemein«, schluchzte sie und flüchtete sich in ihr Zimmer. Dort warf sie sich auf das Bett und weinte in ihr Kissen.

Es dauerte eine ganze Weile, bis sie sich beruhigte. Der Kopf tat ihr höllisch weh, und ihre Augen brannten wie Feuer. Sie setzte sich auf und starrte vor sich hin. Ja, es war fies, ihrer Mutter unter die Nase zu reiben, was Papa von der Bar hielt. Aber Mama war genauso ungerecht zu ihr gewesen. In diesem Moment ging die Tür so leise auf, dass Charlotte es erst bemerkte, als ihre Mutter im Schlafshirt vor ihr stand. Sie hatte ganz rote Augen.

»Es tut mir so leid, Charlotte«, sagte sie mit einer ganz kleinen Stimme. »Ich hab richtig viel dummes Zeug geredet. Aber wenn dein Vater etwas Doofes über mich sagt, flippe ich immer noch völlig aus. Ich weiß, es stimmt nicht, dass du unzuverlässig bist. Du machst das mit der Bar so toll. Ich bin dir sehr, sehr dankbar. Und dass du in der Schule schlechter geworden bist, ist sicher auch meine Schuld. Weil ich mich nicht ausreichend um die kümmere. Ich verspreche dir, dass wir ab jetzt jeden Tag eine Stunde üben, okay?« Sie setzte sich neben Charlotte auf die Bettdecke.

»Oh nein, Mama. Bloß nicht«, stöhnte Charlotte. »Ich schaff das alleine. Ich nehme mir den Erdkundeordner einfach mit in die Bar. Kommt ja eh keiner.« Sie schlug sich auf den Mund. »’tschuldigung«, sagte sie kläglich. »Hab’s nicht so gemeint.«

»Weiß ich doch, mein Lottilein. Ich hab dich doch so lieb«, flüsterte ihre Mutter und nahm ihre Tochter ganz fest in ihren Arm. So saßen die beiden eine halbe Ewigkeit. Schließlich kroch ihre Mutter zu Charlotte unter die Decke, und sie schliefen eng aneinandergekuschelt in derselben Minute ein.

ALS CHARLOTTE am nächsten Morgen aufwachte, war es schon fast Mittag.

»Mist! Verschlafen!« Hastig fuhr sie in ihre Jeans und rannte in die Küche, um wenigstens schnell ein Glas Saft zu trinken. Der Küchentisch war üppig gedeckt mit allem, was man für ein leckeres Frühstück brauchte. Sogar frische Brötchen gab es und Charlottes Lieblingsmarmelade mit ganzen Himbeeren. Auf dem Frühstücksbrettchen lag ein Brief an sie.

Meine Süße,

Deine Mama