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Inhaltsverzeichnis
 
 
 

EIN WORT VORAUS
ICH WAR am 30. August 2001 auf einem Turm, zufällig und als Besucherin, als man den Türmer in einer dramatischen Rettungsaktion mittels Hubschrauber vom oberen Kranz wegholte.
Davon handelt mein Roman nicht, solche Geschichten gehören in die Berichterstattung der Zeitung.
Aber kann ich dafür, dass ich von dem Tag an einen Turm mit mir herumtrug? So ein Turm, wenn er einmal eingezogen ist, lässt sich kaum ausreißen, dazu ist er einfach zu schwer. Ich fand mich mit seiner Präsenz ab und fragte ihn, warum er mir unbedingt ans Herz wachsen wollte. Er antwortete mit feinen Schwingungen, blieb sonst aber stumm. Er zwang mich, es selbst herauszufinden, er wollte beobachtet und in seiner Stummheit belauscht werden.
Es hat gedauert, doch nun bin ich ihm auf sein Geheimnis gekommen. Auf eines seiner Geheimnisse.
Davon handelt die Geschichte. Irma Krauß

1
Veronika bemerkt den Türmer erst, als er spricht. Er lehnt an einer Wand und schaut sie an. Sie hat die Tür am Ende der Treppe aufgestoßen. Sie keucht. Das sollte es sein, sie sollte es geschafft haben.
Doch nein, wieder eine Etage. Der Türmer ist ihr egal. Sie will nichts als hinauf. Und danach runter, im freien Fall. Etwas Höheres als diesen Turm gibt es weit und breit nicht.
»Nur bis hier, Lady«, sagt der Türmer zum zweiten Mal.
Veronika hat ihn gehört. Doch mit dem Kopf im Nacken kann sie nicht gut nicken. Sie sucht, wo es weitergeht. Irgendwo muss es doch nach ganz oben gehen.
Ein Glöckchen hat gebimmelt, direkt über ihr, es schwingt noch nach. Es ist mit der Tür verbunden, die sie nach einem Nonstop-Lauf und am Ende ihrer Kraft aufgestoßen hat, wie man ein letztes Hindernis beiseitestößt.
Nein, nicht am Ende ihrer Kraft – die Beinmuskeln melden, dass sie wieder können. Das Knarren der Tür noch in den Ohren, ihren Schlag und das wütende Gebimmel, läuft Veronika zu der schmalen Holzstiege, die sie nun entdeckt hat.
Mittags hat sie ihren Lauf begonnen, immer auf den Turm zu. Von weit her, vom Rand der Ebene. Wie auf einer Zielgeraden, trotz Kurven, Kreisverkehr, Umwegen und dem plötzlichen Richtungswechsel nach oben.
Etwas behindert Veronika. Der Reisesack, den sie am Kordelzug hält. Den ganzen himmelhohen Turm ist sie hinaufgelaufen mit dem unhandlichen Ding!
»Lady«, mahnt der Türmer. »Sie müssen eine Karte lösen.«
Veronika dreht sich um, macht die Faust auf und lässt den Sack los. Sie rennt weiter. Endspurt.
Schon von der Treppe aus sieht sie etwas Helles, irgendwo dringt Tageslicht herein wie um eine Ecke, an dicken Mauern vorbei. Eine Tür, ein Fenster, was immer. Noch drei Schritte. Sie hört sich keuchen, erstaunlich, dass sie alles hört, sie stürzt hinein in den schmalen Durchlass, eine Pforte ohne Tür, und hindurch, sie weiß, wohin sie will: hinaus und hinunter und sich hinter sich lassen.
Aber Veronika hat nicht mit sich gerechnet. Sie hat nicht gewusst, dass sie sich nicht abschütteln kann, wenn sie das sieht, dieses wahnsinnige, luftige, helle Garnichts da draußen. Sie hat nicht gewusst, dass sie in dem Moment, in dem sie sich schon fliegen sieht, hui, durch den weiten, freien Raum nach unten, dass sie in dem Moment schwer wird wie ein Wassersack, nicht mehr wegzukriegen. Dass sie sich ansaugt wie eine Nacktschnecke. Bibbernd hängt sie an der Turmwand und macht sich in die Hose, weil sie nicht aufhören kann, sich fallen zu sehen, während sie die Augen zudrückt und ein Stöhnen aus ihrem Hals kommt und die Spucke von ihrem Mund den Stein nass macht, auf den sie das Gesicht presst, als müsste sie da hinein. Schleimig, zäh und schwer.
Es reicht also nicht aus, lebensmüde zu sein, es gehört mehr dazu. Aus ihrem Stöhnen wird ein unbeherrschtes Weinen. Doch da hört sie Schritte auf der Stiege. Sie verstummt sofort.
Es ist der Türmer.
Veronika bleibt am Turm kleben, halb drinnen, halb draußen. Ein Augenzucken lang hat sie geblinzelt, jetzt sind ihre Lider zugepresst und die Lippen auch. Kein Ton kommt mehr aus ihrer Kehle. Nur das Zittern lässt sich so auf Kommando nicht abstellen.
Der Türmer schiebt sich an ihr vorbei.
Veronika rauscht das Blut in den Ohren, sie braucht eine Weile, bis sie überhaupt fähig ist zu horchen. Die Wange am Stein, die Augen geschlossen, konzentriert sie sich aufs Gehör. Doch nicht das leiseste Geräusch verrät ihr, was der Mann macht. Er kann sich da draußen in Luft aufgelöst haben, der völligen Stille nach. Wozu ist er heraufgekommen?
Es kostet sie ungeheuer viel Kraft, sich umzudrehen. Die Augen einen Spalt zu öffnen, durch die Wimpern zu blinzeln, darauf gefasst zu sein, dass sie sich wieder fallen sieht – und schon fährt ihr ein Stich durch Brust und Bauch und nimmt ihr den Atem: Da ist es wieder, das helle Nichts, der Himmel, der leere Raum, nur einen Schritt entfernt. Dazwischen eine Balustrade, eine lächerliche Barriere aus steinernen Ranken, die den Augen nichts nützt, denn man sieht hindurch und hinunter. Veronikas Knie zittern unkontrollierbar.
Fallen, fallen bis zur letzten Konsequenz, dem Aufschlag, sieht sie sich diesmal nicht. Denn da steht der Türmer, genau vor ihr. Er kehrt ihr den Rücken zu, hat die Hände flach auf der Balustrade liegen und studiert den Himmel. Seine Anwesenheit hat mehr Substanz als das steinerne Rankenwerk, ohne das man glatt in die Wolken hinauslaufen könnte.
Ihre Knie kommen langsam zur Ruhe und lassen sich endlich auch wieder halbwegs einrasten. Veronika testet als Nächstes ihre Stimme.
»Ich hab nicht bezahlt«, krächzt sie.
Was für eine Verkleidung er trägt. Mittelalterlich, ein Hemd mit weitem Kragen, eine Kniehose, ein Leibchen oder wie man das nennt. Ein Türmer in Tracht. Ein grauer Turm mitten in einer kreisrunden Stadt. Eine mörderische Höhe. Und eine Angst wie noch nie im Leben.
Dass sie den Mund aufgebracht hat, dass sie schon wieder reden kann! Dass sie überhaupt noch einmal redet, war nicht vorgesehen.
»Wer hinaufrennt wie Sie, Lady...«, sagt der Türmer nach einer geraumen Weile. Er sagt es in den leeren Raum hinaus und eine Antwort ist es sowieso nicht. »Wer so hinaufrennt, ist entweder ein Turmläufer...«
Veronika wartet.
»Oder...« Der Türmer streicht mit seinen Händen über die Balustrade. »Nun, er prallt zurück. So ist das.« Aus der verwitterten Oberfläche des Steins löst sich ein Krümel und er nimmt ihn zwischen zwei Finger. Ein schwindelfreier Mensch könnte auf dieser Balustrade stehen, unter seinen nackten Sohlen wäre es vermutlich rau und warm. Aber Veronika glaubt nicht, dass es einen solchen Menschen gibt.
»Kommt vor, alle paar Jahre einmal, dass einer nicht zurückprallt«, sagt der Türmer. Er betrachtet den Krümel aus der Nähe und steckt ihn ein. »Man sieht es ihm an.«
Eine merkwürdige Stille ist das hier; das Brummen der Autos auf der Umgehungsstraße ist weit weg und überhaupt: Unten ist unten. Oben ist oben. Veronika schaut in den Himmel, wo ein weißer Kondensstreifen langsam zerfließt. Ein Vogel zieht lautlose Kreise, ohne Flügelschlag, als wäre das nichts, zehn Meter höher, hundert Meter tiefer.
Vor ihr der Rücken des Türmers.
»Woran sieht man’s?«, fragt sie.
Der Türmer sieht den Kondensstreifen an. Oder den Vogel. Oder ein Abendwölkchen.
»Woran?«, wiederholt sie.
Sie wartet umsonst. Die nasse Hose fühlt sich furchtbar an, und Veronika faucht plötzlich: »Was ist? Muss ich jetzt bezahlen oder nicht?«
»Bezahlen«, sagt der Türmer. Er wiegt das Wort auf der Zunge. »Bezahlen. To pay – or not to pay.« Er pickt noch ein Krümelchen aus dem porösen Stein und steckt es wieder in die Tasche.
Ihr Zorn ist an ihm abgeprallt. Veronika würde gern an der warmen Mauer hinunterrutschen und den Kopf in den Armen vergraben. Aber sie bleibt stehen, weil sie sich nicht einmal dazu entschließen kann. Die Hose ist kaum das Schlimmste, das ihr heute passiert ist. Auch nicht dieser Neunmalkluge an der Balustrade, der in den Himmel redet. Mit englischem Akzent. Als gehörte Veronika zu der japanischen Reisegruppe, zu diesen Intelligenzlern auf Studienreise, die scharenweise aus dem Turm kamen, bevor sie hineinkonnte.
»Sie müssen nicht auf Englisch machen, für mich nicht«, sagt sie. Lächerlich, in einer deutschen Kleinstadt.
Über ihr tut es drei helle, schnelle Glockenschläge.
Ding-ding. Ding-ding. Ding-ding.
Der Türmer dreht sich um. Er schaut Veronika von oben bis unten an und bemerkt auch ihre Hose. »Zeit zu gehen, Lady. Ich schließe jetzt den Turm«, sagt er.
Veronika verzieht das Gesicht. Hat er nicht gehört, was sie von seinem affigen Akzent hält? Und eine Lady ist sie auch nicht. »Wenn ich aber nicht will?«, sagt sie.
»Sie wollen. Nachts gefällt es Ihnen hier nicht.« Er zeigt mit dem Kinn zur Seite, wo nichts ist als der schmale, steinerne Balkon, der rund um den Turm führt. Kein Ort für die Nacht, unter normalen Umständen, da hat er recht.
»Und wenn ich bezahle?« In der Dunkelheit findet sie vielleicht auf ihre Zielgerade zurück. Sie kann sich beim besten Willen kein anderes Wohin denken.
»Nein«, sagt der Türmer mit einer unmissverständlichen Bewegung zur Tür hin.
Veronika gibt auf; sie ordnet sich dem fremden Willen unter, ihr eigener ist unzuverlässig geworden. Sie geht hinein und die Stufen hinab, in vorsichtigen, zimperlichen Schritten, wegen der Hose. Eine Etage, dann sind sie wieder da, wo sie den Türmer zuerst gesehen hat. Ihr Reisesack, der eigentlich ein Yogasack ist, für Matte und Handtuch gedacht, ist weg. Der Türmer bückt sich hinter seine Theke und holt ihn von dort.
»Nick«, sagt er kühl und reicht ihr den Sack.
Sie zuckt zusammen. Nick ist Mattis’ Name für sie; Mattis war es auch, der die Buchstaben auf die Taschenklappe des Yogasacks geschrieben hat, mit einem Leuchtmarker. In einem unbeschwerten, glücklichen Moment.
»Veronika«, murmelt sie. Und dann: »Ich kann wirklich bezahlen.« Um nicht sagen zu müssen: Ich weiß wirklich nicht, wohin.
Der Türmer scheint sie plötzlich zu verstehen, er öffnet die Tür zu einem Zimmer.
Veronika zerrt sofort am Kordelzug des Yogasacks. Und wenn es das Letzte ist, was sie im Leben macht: Sie zieht sich um, sobald sie allein ist.
Doch das war ein Irrtum, der Mann wirft nur einen prüfenden Blick in das Zimmer. Türmerstube steht über der Tür. Er hakt einen Schlüsselbund vom Gürtel, sperrt die Tür ab und dreht sich zur Theke um. Alles, was dort ausgebreitet liegt – von der Billettrolle und der Kasse über Schreibzeug bis hin zu typischen Fundstücken -, packt er in eine Schublade, die er mit einem weiteren Schlüssel von seinem Bund verschließt. Dann sammelt er Postkarten von einem Ständer und steckt sie in eine Plastiktüte. Die Tüte schlägt er um und legt sie als Paket auf die Theke, die jetzt nur noch ein gewöhnlicher Schreibtisch ist. Er geht an Veronika vorüber zur Treppe und hält ihr die halbhohe Lattentür auf. Das Glöckchen bimmelt. In der Türmerstube antwortet ein zweites.
Veronika folgt ihm stumm die Treppe hinab. Man kann nicht über so viele Stockwerke zimperlich gehen, man gewöhnt sich an eine nasse Hose. Man poltert hinunter, den Sack über die Schulter geworfen.
Einmal muss sie warten, der Türmer kontrolliert einen Verschlag. Als sie schon ein paar Treppen weiter sind, kommt ihr der verspätete Gedanke, das könnte eine Toilette gewesen sein und sie hätte sich umziehen können.
Die Stufen, die Veronika im Aufwärtslauf ohne Probleme genommen hat, sind abwärts fies. Zu hoch, zu schmal für den Fuß, mal breit, mal weniger, je nachdem. Wer die gebaut hat, war ein Sadist. Sie hat sich schon zweimal die Achillessehne geschrammt.
Wenn sie gesprungen wäre, würde ihr nichts mehr wehtun. Der Stich, der sie bei dieser Vorstellung durchfährt, ist übel, und sie merkt, dass ihre Blase keineswegs leer ist. Bestimmt war das da oben eine Toilette.
Der Türmer dreht sich manchmal halb nach ihr um. Sie muss hinter ihm bleiben, seit er den Verschlag kontrolliert hat. Er sagt nichts und geht auch gleich wieder weiter. Er nimmt die Stufen ohne einen Mucks. Vielleicht hat er keine Achillessehnen.
Wenn er nicht wäre! Wenn sie allein wäre oder wenn er sie wenigstens vorauslaufen ließe, könnte sie sich mit dem Gedanken befassen, dass es im Prinzip gar nicht nötig ist, ganz hinaufzusteigen und sich draußen den uferlosen Himmel anzuschauen. Denn der Turm ist hohl. Mehr oder weniger. Und innen so hoch wie außen. Wenn man hinaufrennt, achtet man kaum darauf. Erst hinunter packt einen der Schwindel, weil man die Tiefe registriert und weil sie mit jedem Blick und jedem Schritt schwankt. Die Treppen führen die Außenmauern entlang. In der Mitte ist das tiefe Loch. Ab und zu gibt es Balken für Akrobaten. Oder es kommt etwas Festes: die Glocken. Ein ausgebleichtes hölzernes Laufrad für einen Riesenhamster. Ein verstaubtes Aufzugsgewinde aus massivem Eisen, das wahrscheinlich noch schwerer ist, als es aussieht. Ein kompliziertes Räderwerk in einem Häuschen. Seile hängen hinab, die man sich nicht erklären kann, denn sie hängen nicht unter den Glocken. Außer den Fenstern in den dicken Mauern sieht Veronika einmal eine Tür in einer Nische, eine Tür ohne Grund.
Als sie an der Nische vorbei sind, verengt sich alles und wird aus Stein, auch die Stufen, die bisher aus Holz waren. Sie winden sich in einer kühlen steinernen Röhre hinab. Manchmal kommt ein Spitzbogenfensterchen und lässt ein wenig Abendlicht herein. Die Stufen sind uralt und ausgetreten. Unten ist die schwere Holztür, die Veronika dem letzten Japaner aus der Hand gerissen hat.
Das kann noch nicht sehr lange her sein. Es dürfte sich seitdem nichts geändert haben. Mattis ist weg, er ist einfach fortgefahren, er hat auf der Straße gewendet, er hat Veronika stehen lassen. Vor ihr lag die Ebene mit der kreisrunden Stadt und dem Turm in der Mitte. Dorthin wollte sie – aber er nicht; nein, mit so einem plötzlichen Wunsch durfte sie Mattis nicht kommen. Sie hat dann das Auto wenden hören und hat dabei betäubt und unverwandt zur Stadt und zum Turm gesehen. Umgedreht hat sie sich erst, als sie nichts mehr hörte, als es zu spät war, als Mattis verschwunden war und nicht zurückkehrte, so verzweifelt sie auch hoffte und horchte und es nicht glauben konnte.
Der Türmer schaut sie forschend an. Dann macht er die höfliche Armbewegung, die einem sagt, man ist entlassen, man soll jetzt verschwinden.
Auf dem Platz sind Abendbummler, hauptsächlich Paare. Und eine Gruppe Radwanderer. Sie studieren Karten oder Fassaden, die Fassadengucker nuckeln an Plastikflaschen.
Der Türmer geht ein paar Schritte auf den Platz hinaus. Dort steht eine Anzeigentafel, die Touristen auf den Turm locken soll. Er macht ein loses Blatt wieder fest und klappt dann die Tafel zusammen. Bevor er sie in den Turm trägt, sucht er mit den Augen Veronika unter den Abendbummlern. Aber er findet sie nicht.
Um sie zu sehen, müsste er woandershin schauen. Zu einem Spitzbogenfensterchen hinter sich und zehn Meter höher. Veronika wird warten, bis der Türmer mit seiner Tafel im Turm angekommen ist. Wahrscheinlich lehnt er sie am Fuß der Wendeltreppe gegen die Wand, einen anderen Platz gibt es nicht. Dann wird er die Tür versperren und endlich nach Hause gehen. Auf der Tafel steht, dass der Turm von neun bis zwanzig Uhr geöffnet ist. Elf Stunden Dienst, da hat er sich den Abend verdient und kann sich eine amerikanische Talkshow reinziehen, um seinen Akzent zu pflegen.
Bis er weg ist, wird Veronika still wie ein Turmgespenst sein. Aber danach gehört ihr der Turm und sie kann ihn zum Beispiel genau bei Sonnenaufgang verlassen. Sie hat bis zum Morgen Zeit, sich immer wieder auszumalen, wie sie ihn verlässt. Da sollte es möglich sein, sich an die Vorstellung zu gewöhnen. Bei Sonnenaufgang, das findet Veronika eine gute Zeit.

2
Der Türmer trägt die zusammengeklappte Tafel hinein. Danach steht er im Turmeingang, im Schatten des tiefgezogenen Vordachs. Er folgt für eine Weile mit müßigen Augen den Paaren und Gruppen, die über den abendlichen Marktplatz bummeln. Radfahrer rasten unweit von ihm, sie schauen sich die historischen Fassaden an. Ihre Räder sind mit buntem Gepäck beladen. Das Mädchen, das der Türmer mit den Augen sucht, ist verschwunden, samt Reisesack.
Zwei Männer spazieren über den Platz und unterhalten sich angeregt. Einer sieht her und hält kurz inne, als käme ihm der Turm als Ziel in den Sinn oder vielleicht auch der Türmer, als könnte er Lust bekommen auf eine kleine Plauderei, es ist der Archivar der Stadt.
Der Türmer tritt ohne Hast zurück ins Halbdunkel des Turms und schließt die Tür von innen. Er steckt den schweren Schlüssel ins Schloss und dreht ihn zweimal um. Dann hakt er den klirrenden Bund wieder an den Gürtel, mit der Selbstverständlichkeit eines Menschen, der seine Haustür für die Nacht abgeschlossen hat. Er macht sich auf den Weg nach oben, Schritt für Schritt, Stufe für Stufe, die Hand am Geländer, er hat keine Eile.
Der Turm wird seit Jahrhunderten für Allgemeinbesitz gehalten und gehört doch nicht allen. Er ist der Ort eines einzigen Menschen. Viele Füße stapfen täglich hinauf, nehmen aber auch wieder den Weg nach unten; viele Neugierige kommen und gehen, und der Türmer teilt seinen Turm mit ihnen, sammelt Bonbonpapier und Taschentücher auf und gibt Auskunft, wenn danach verlangt wird. Doch nachts lebt er in völliger Intimität mit dem Turm, in der stillen, gewaltigen Röhre, dem Luftraum, den Menschen früherer Zeiten aus der Atmosphäre geschnitten haben, indem sie den Turm wie einen Bohrer in die Höhe trieben, nachts ist der Türmer abgeschieden von aller Welt, allein mit den kühlen Mauern, dem Pochen im Holz und dieser Luft, die anders ist als jede Luft draußen.
Den Leuten ist das nicht bewusst. Sie kommen und schauen und gehen wieder. Manchmal allerdings stören sie. Das Mädchen heute, Nick. Oder Veronika. Sie ist noch nicht gegangen. Er hat sie zwar hinausbegleitet, und wer weiß, wo sie jetzt ist und was sie macht, aber aus seinem Kopf ist sie noch nicht verschwunden. Aus dem Herzen, korrigiert sich der Türmer mit einem Anflug von Zorn. Das Herz folgt einer anderen Logik. Der Kopf orientiert sich über Auge und Ohr, ordnet die Menschen ein und richtet sich dann auch danach; die Nöte der Menschen sind vielfältig und gehen einen Türmer nichts an, sie werden auch nicht auf den Turm getragen und dort zur Schau gestellt, oder nur in Ausnahmefällen.
Das Mädchen Veronika sollte ihn nicht länger beschäftigen und ihm am Ende vielleicht gar den Schlaf rauben. Einen Menschen, der entschlossen ist, kann auch kein Türmer aufhalten, so oder so wird der Mensch zum Ziel gelangen. Er wird einen Weg, einen Moment finden. Wenn er es wirklich will. Veronika ist viel zu heftig und lebendig hinaufgerannt und hat dann voller Erdenschwere an der Turmmauer geklebt. Welchen Kummer einer Schülerin sie auch immer abschütteln wollte, sich selbst wollte sie jedenfalls nicht loswerden. Der Türmer darf sie vergessen.
Stufe um Stufe erklimmt er seinen Turm. Der Abend schaut zu den Fenstern herein, er streckt seine rosigen Lichtfinger aus und berührt die mächtigen Quadersteine und hier und dort das geheimnisvolle Zeichen eines Steinmetzgesellen. An das Geländer gelehnt, sucht der Türmer seine Zeichen, die die meisten Besucher gar nicht wahrnehmen oder für zufällige Krakel halten. Zu jeder Stunde ist das Licht anders, zu jeder Jahreszeit auch. Zwei, drei Abende gibt es, im Sommer, bei günstiger Witterung, an denen ein Zeichen zu sehen ist, das danach wieder für ein Jahr verborgen bleibt. Davon wissen die Historiker nichts, von den Jahreszeiten des Turms, sie richten ihre grellen Scheinwerfer auf die Wände und streiten sich über Zahlen. Ob es sechsundneunzig unterschiedliche Zeichen sind oder hundert.
Der Türmer steigt weiter, um anderswo stehen zu bleiben. Das hölzerne Innenstützwerk, das die Treppe trägt, hindert den freien Blick. Jedoch nicht überall, große Flächen Quadermauer, unerreichbar für die Hände der Besucher, sind dem Auge zugänglich. Der Türmer weiß, was die Zeichen, die wie Krakel aussehen, bedeuten. Jedes Einzelne ist der in Stein gehauene, Jahrhunderte überdauernde Beweis, dass ein Mensch, ein Mann, atmete, aß, schlief, liebte, lachte und seine Not mit dem Leben hatte. Seine Gebeine sind verfallen, seine Nachkommen wissen nichts mehr von ihm, gar nichts ist von ihm geblieben als der Beweis, den er eines Abends in den frisch gemeißelten Steinblock schlug, zufrieden mit seiner Arbeit, müde, hungrig und mit der Aussicht, sich am nächsten Tag und das ganze Jahr über und alle Jahre seines Lebens dem Behauen von Steinen zu widmen. Worüber er aber vermutlich nicht weiter nachdachte, denn im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot verdienen, hat Gott schon zu Adam gesagt.
Der Türmer sieht den Mann hinter seinem Zeichen. Er nickt ihm zu. Und dann noch einem. Und einem Dritten, ehe er weitersteigt.
Oben schließt er seine Türmerstube auf. Das Mädchen Veronika kommt ihm wieder in den Sinn, ist also noch immer nicht verschwunden. Der Türmer macht seine abendlichen Verrichtungen und spürt den Stachel. Das ist ja nun nicht das erste Mal. Aber hartnäckig ist es diesmal. Als finge ein Organ an, einen ungeliebten Fremdkörper zu umschließen und nicht mehr herauszugeben. Er steigt vor der üblichen Zeit zum Kranz hinauf und geht ohne jeden Grund um den Turm herum. Fünfmal kehrt er wieder und kommt dabei seiner Pflicht nach, bis er Schlag Mitternacht zum letzten Mal den historischen Ruf ausgestoßen hat, den der Türmer dieses Turms alle halbe Stunde ab zweiundzwanzig Uhr auszustoßen hat.
Danach legt er sich schlafen.
Die alte Uhr im Turm teilt die Nacht säuberlich in Viertelstunden, ihr Schlag begleitet den Schlaf des Türmers wie sonst auch. Dass er häufiger davon erwacht als in anderen Nächten, liegt an einer bestimmten, ihm gut bekannten Bangigkeit. Wenn sein Gemüt lange Zeit ruhig war und unbewegt wie der Spiegel eines dunklen Teiches, so ist jetzt ein Wind darübergegangen.

3
Veronika sitzt in der Dunkelheit auf ihrem Reisesack und ist so lebensmüde, dass es nicht mehr schlimmer werden kann. Wütend ist sie aber auch und das ist das Gegenteil von müde. Warum kann sie nicht allein sein und sich in aller Ruhe vorbereiten, verabschieden, darauf einstellen, gelassen werden oder was immer man sonst noch braucht? Warum hat sie diesen verfluchten Turm nicht für sich und kann darin auf- und ablaufen, wie es ihr passt, und vielleicht in dem Hamsterrad herumtrampeln, das so ausweglos ist wie ihr Leben, seit Mattis sie verlassen hat? Nein! Lautlos muss sie sein, leiser als ein Holzwurm, und nichts ist hier schwerer als das.
Als sie gemerkt hat, dass der Mann gar nicht weggeht, sondern im Turm bleibt, ist sie so erschrocken, dass sie momentan nicht wusste, wohin. Sie ist auf Zehenspitzen die Steinspindel hochgehuscht und hat unten seine Schritte gehört. Sie hatte einen guten Vorsprung, und auch die unzähligen Holztreppen nach oben wären kein Problem gewesen – wenn die Stufen nicht so entsetzlich geknarrt hätten, dass Veronika sofort zurückfuhr. Sie hat sich in die Mauernische geduckt, die mit einer Tür endet, sie hat die Tür probiert, aber die war abgeschlossen; verständlich, bei einer Tür in die Luft hinaus, in dieser Höhe. Es könnte ja jemand kommen und sich den Weg nach ganz oben sparen wollen.
Die Nische, die Tür, das alles ist so alt wie der Turm und stammt aus einer Zeit, als die Menschen angeblich kleiner waren. Veronika hat sich tief in die Ecke geduckt und die Luft angehalten, als der Türmer vorüberging.
Dann wusste sie nicht, was sie machen sollte. Sie ist hinuntergeschlichen zum Ausgang, der natürlich versperrt war. Sie hat überlegt, ob sie gegen die Tür trommeln soll. Aber von außen hätte ihr niemand helfen können. Sie hat begriffen, dass die enge Steintreppe ein eigener Turm ist, ein Treppenturm, der einen in den dicken Hauptturm bringt. Und dass man von dort weiter hinaufsteigt, dass aber kein gangbarer Weg hinunterführt in das hohle Innere des Turms. Der Spindelturm muss, von außen gesehen, wie ein dünner kleiner Bruder am Hauptturm kleben. Veronika hat sich gefragt, warum die Menschen damals derart gigantische Türme bauen mussten. Was hatten sie davon?
Mit dem letzten Tageslicht ist sie hinaufgeschlichen. Ist aufs Klo gegangen, hat aber nicht gespült. Hat die Hose gegen ihre zweite getauscht und hat nicht gewusst, wo sie die nasse Hose hintun soll. Es kann ihr ja egal sein, was man findet, wenn sie nicht mehr da ist, aber trotzdem hat sie die Hose zum Trocknen über einen Balken gehängt, den Slip auch, und nun sind beide Teile in ihrer Yogatasche, auf der sie sitzt und die statt der vorgesehenen Matte ihre Kleidung und Wäsche für einen Urlaubstrip enthält. Die auch ihr Handy enthielt – aber das ist weg, und sie hat keine Ahnung, wo sie es verloren haben könnte.
Der Türmer ist in der ersten Hälfte der Nacht immer wieder nach oben gestiegen und hat etwas vom Rundbalkon gerufen, und Veronika hat schon gedacht, das hört die ganze Nacht nicht auf. Anscheinend muss er das tun, denn freiwillig würde es doch keinem einfallen, die halbe Nacht von einem Turm zu schreien, anstatt zu schlafen. Er hat ihr schon fast leidgetan – und das bei ihrer Wut.
Sie hat lange am Turmschacht gestanden, an einer guten Stelle. Sie hat sich an der Geländerstange festgehalten und das Grauen angekostet. Aber es war nicht der richtige Ort, sie konnte es sich nur draußen vorstellen und bei Sonnenaufgang.
Als der Türmer endlich Ruhe gab, hat sie noch lange gewartet und sich dann zu seiner Etage hinaufgetastet. Mondlicht fiel zu den Fenstern herein. Sie ist äußerst vorsichtig über die Glöckchentür geklettert, hat es geschafft, ohne dass das Glöckchen anschlug. Auch die knarrende Stiege zum Balkon hat sie praktisch geräuschlos hinter sich gebracht.
Oben hat sie sich aber gewünscht, dass der Türmer sie hören soll. Dass er heraufkommt, sie packt und in den Turm zerrt und sie hinunterbefördert. Denn sie war da draußen in der schwindelnden Höhe plötzlich so allein, wie kein Mensch allein sein darf.
Das Universum ist ein kalter Partner. Veronika hat nicht einen Stern gesehen, der ihr zugezwinkert hätte, keiner ist ein paar Lichtjahre näher herangekommen und hat sich für sie interessiert. Keiner hätte auch nur mit der Wimper gezuckt, wenn sie nicht mehr bis Sonnenaufgang hätte warten wollen. Sie hat zitternd in der Türöffnung gesessen, in dieser lauen Sommernacht, und die dicken Steinmauern, die sie in ihre Mitte genommen haben, sind wärmer gewesen als das Universum.
Aber warm waren sie gar nicht. Veronika hat gefroren und war schwach vor Angst und Hunger und Müdigkeit. Viel zu schwach, um zu tun, was sie sich vorgenommen hat. Auch viel zu schwach zum Denken. Sie ist hinuntergetapst, eine Etage, bis zum Vorraum vor der Türmerstube. Sie hat neben der Tür eine Männerjacke oder einen Mantel an einem Haken ertastet. Den trägt sie jetzt, während sie auf ihrem Gepäck sitzt und darüber nachzudenken versucht, ob sie den Yogasack bei Sonnenaufgang mitnehmen soll. Oder ob er hier liegen bleibt. Oder ob sie ihn in den Schacht wirft, in den keine Treppe hinabführt. Es ist nicht ganz gleichgültig, denn den Sack hat ihr Mattis geschenkt, als sie einmal Hand in Hand durch eine Ladenpassage liefen und sie vor der Auslage eines Sportgeschäfts zum Spaß rief: Den Yogasack da, den will ich! Ohne zu zögern, ist Mattis hineingegangen und hat ihn gekauft. Und ohne zu fragen: Seit wann machst du Yoga? Denn Tatsache ist, dass Veronika sich überhaupt nicht für Yoga interessiert. Sie hat durch die Scheibe gesehen, wie Mattis einen anderen Yogasack ablehnte, den man ihm geben wollte und der eigentlich genauso aussah. Hartnäckig hat er auf das Exemplar in der Auslage gezeigt. Draußen hat Veronika gegrinst und den Kopf geschüttelt und über die gebeugte Gestalt des verwirrten Angestellten hinweg haben sie sich verliebte Zeichen gemacht.
Es ist ziemlich übel, sich daran zu erinnern. Und es nützt gar nichts, an andere Gelegenheiten zu denken, bei denen Mattis eben nicht spontan war. Sondern sagen konnte, hey, krieg dich wieder, wenn sie etwas Albernes wollte. Nein, jetzt sieht sie ihn nur durch die Scheibe in diesem Laden, wo er großzügig einen viel zu teuren Yogasack für sie kauft.

4
Diesmal ist es hell, als der Türmer aufwacht. Wie oft ist er in den letzten paar Stunden wach geworden? Alle zehn oder zwanzig Minuten, so kommt es ihm vor. Er steht auf. Zeit für den Gang zur Toilette. Zum Inventar der Türmerstube gehört auch ein historischer Nachttopf – der Einarmige hat ihn benützt -, aber er zieht es vor, die eine Etage hinab- und wieder hinaufzusteigen.
Die Fenster der Türmerstube gehen nach Westen und Norden. Der Widerschein des Sonnenaufgangs liegt am Horizont, am Hügelrand der tellerrunden Ebene, ein grelles, stechendes Licht, das nicht lange währen wird. Der Türmer zieht sich an. Eine Sporthose, einen leichten Pullover; für die nächsten drei Stunden gibt es noch keine Repräsentationspflicht. Er öffnet die Tür und durchquert den Vorraum. Einen Schritt vor dem Treppenabgang bleibt er aber plötzlich stehen. Er dreht sich um.
In der Ecke hinter dem alten Schrank, in dem er seine wenigen Kleidungsstücke und sonstigen Besitztümer verwahrt, liegt jemand am Boden und trägt seinen Wettermantel.
Das Einzige, was den Türmer überrascht, ist, dass er nicht überrascht ist. Also doch, sagt er sich sofort, ich wusste, sie ist nicht weg. Das sagt er sich, obwohl er nie daran gezweifelt hat, dass Veronika der Bewegung seines Arms gefolgt und gegangen ist.
Aber da liegt sie nun. Sie hat die Arme über den schwarzen Sack gebreitet, auf dessen Taschenklappe ihr Name steht, Nick, von Hand mit einem grünen Stift gemalt. Ihr Kopf ist hinabgerutscht, ihr Gesicht halb verdeckt von den spröden Haaren, deren Orangerot so unecht ist wie das Licht an diesem Morgen.
Der Türmer sieht auf. Die Sonne sticht zum Ostfenster herein und durchdringt den Turm auf ihrem Weg nach Westen, wo eine dunkle Wolkenwand hinter dem Kesselrand heraufkommt. Ein Gewitter am Morgen ist nichts Gutes.
Das schlafende Mädchen da ist genauso unerfreulich; der Türmer, der sie auf den ersten Blick für eine Zwanzigjährige und später wegen ihrer patzigen Antworten für eine älter aussehende Fünfzehnjährige gehalten hat, entscheidet sich für irgendetwas dazwischen; trotz ihrer pubertären Patzigkeit ist das hier eher eine Frau. Ihr Körper ist ausgewachsen, er erkennt es an der Hand, die der zurückgerutschte Mantel-ärmel freigibt, und an dem wenigen, das von Gesicht, Hals und Nacken zu sehen ist. Ein Bein ragt abgespreizt unterm Mantel hervor, vom zweiten, angewinkelten Bein schaut nur der Fuß heraus. An der Stämmigkeit ihres Körpers wird sich nicht mehr viel ändern; die Hose, die sie trug, saß stramm auf den Hüften und ließ oben ein Stück Bauch und Rücken frei, unvorteilhaft, wie er gefunden hat. Inzwischen scheint sie die Hose gewechselt zu haben, diese hier hat eine andere Farbe.
»Guten Morgen, Lady«, sagt er.
Dann beobachtet er, wie das Mädchen langsam zu sich kommt. In dieser Haltung und auf hartem Boden zu schlafen, das bringt nur die Jugend fertig. Oder die völlige Erschöpfung.
Veronika ertastet den Sack, schiebt matt die Haare aus dem Gesicht, streckt das angewinkelte Bein, stemmt sich auf die Arme und kommt auf die Knie. Ihr Kopf bleibt unten, als sei er zu schwer, oder als sträube er sich, die Wirklichkeit zur Kenntnis zu nehmen. Sie erfasst in dieser Haltung ihre Umgebung, den fremden Mantel, auch ihn, den Türmer – oder zumindest seine Beine -, sie gibt einen Wehlaut von sich und bewegt sich dann nicht mehr, ihr Hinterteil ist der höchste Punkt, der Mantel umgibt sie wie ein Zelt.
Als der Türmer von der Toilette zurückkommt, liegt ihr Reisesack noch am Boden, quer darüber der Mantel. Veronika sitzt auf der Bank in der Fensternische und hat Arme und Gesicht auf dem Fensterbrett liegen, unter der Sonne, die jetzt nicht mehr blendend hell, sondern ungesund rötlich scheint, eine schwimmende Scheibe.
Der Türmer kümmert sich nicht um sie, er geht in seine Stube, das sind von der Treppe aus zehn Schritte. Oder dreißig Jungenfüße.
Dreißig Jungenfüße? Daran hat er lange nicht mehr gedacht. Dass der Junge die Angewohnheit hatte, den Turm mit seinen nackten Füßen auszumessen.

5
Es gibt Tee«, hört Veronika die barsche Stimme des Türmers.
Tee, ein komisches Wort, eine komische Sache. Da ist sie nun in einem Turm gefangen und zugleich frei, ihn zu verlassen, ist hinterher allerdings tot, was sie ja eigentlich will; da hockt sie zwischen Himmel und Erde einer widerlich roten Sonnenscheibe gegenüber, so widerlich wie ihr eigenes Versagen – aber jemand kocht Tee.
Tee ist ein Ding wie das Hamsterrad. Solange Tee gekocht wird, solange Tee getrunken wird, geht die sinnlose Runde weiter.
Wenn ein Hamster stehen bleibt, steht auch das Rad.
Veronika weiß nicht, ob sie stehen geblieben ist. Sie ist auch nicht in der Stimmung, der Frage zu sehr nachzugehen. So oder so, sie muss jetzt hinunter, hinter die Tür mit der Aufschrift WC. Und links hinein, bei D. Wenn sie das hinter sich hat, kann sie aber vielleicht genauso gut Tee trinken.
Sie lässt den Reisesack liegen und geht die Treppe hinab, hinter ihr fällt die Glöckchentür zu und lärmt.
Die Toilette ist eine Kabine mit dem Nötigsten. Im Vorraum ein einfaches Waschbecken aus weißem Porzellan und ein Spiegel. Veronika kneift die Augen halb zu, damit sieht sie immer noch genug. Sie fächert mit den Fingern durch ihre Haare, die vom Färben spröd und strohig sind. Das Färben war ein Missgriff und wurde stümperhaft gemacht. Aber es war auch ein Protest gegen Dianas gepflegtes Seidenhaar und insofern schon wieder gut.
Veronika bürstet mit gespreizten Fingern von hinten durch die Strähnen, bis sie ihr ins Gesicht stehen. Dann geht sie wieder nach oben. Sie lächelt nicht, als sie die Tür zur Türmerstube aufdrückt.
Der Türmer macht eine knappe Geste, die wohl einladend sein soll. Ein Tisch unterm Fenster ist gedeckt. Mit einer Teekanne, zwei Bechertassen, zwei Tellern, Toast und Butter. Veronikas Blick irrt ab. Links steht eine Tür halb offen, dahinter muss eine kleine Küche sein. Die Türmerstube hat drei Fenster, jedes ist in einer Nische in der dicken Turmmauer. Ein Fenster blickt auf das Bett des Türmers, das zweite ist frei zugänglich, in der dritten Nische steht dieser Tisch mit je einer Bank rechts und links. Veronika setzt sich, ohne etwas zu berühren. Im Rücken fühlt sie die Kühle der Mauer.
Der Türmer schiebt sich ihr gegenüber auf seinen Platz. Er gießt Tee in die Tassen und bestreicht seinen Toast mit Butter. Es kracht, als er hineinbeißt. Die Zeitung, die er aufschlägt, knistert.
Veronika wendet sich ab. Sie zieht die Beine herauf. Die Tasse in beiden Händen, schaut sie durchs offene Fenster hinaus zum Hügelrand am Horizont und zu den Wolken darüber. Sich hinausbeugen, nach unten schauen, senkrecht am Turm hinab – sie stellt es sich vor, aber es drängt sie nicht dazu.
Der Geruch des gebutterten Toasts steigt ihr unangenehm in die Nase. Aber er macht ihr auch Appetit. Allein von der Widersprüchlichkeit der beiden Empfindungen sollte ihr übel werden, wenn ihr nicht bereits übel wäre.
Eine gebutterte Scheibe Toast erscheint in ihrem Blickfeld und hält sich dort in der Schwebe. Veronika greift endlich zu. Krümel rieseln beim Essen auf ihre Beine. Als sie mit dem Toast fertig ist, dreht sie sich um. Sie nimmt die Beine von der Bank und trinkt von ihrem Tee.
»Danke«, murmelt sie, die Lippen am Tassenrand.
Der Türmer nickt nur.
Veronika stellt unter seinem forschenden Blick, der alles andere als freundlich ist, die leere Tasse weg und senkt den Kopf. Sie fährt sich nach ihrer Gewohnheit mit den Händen von hinten in die Haare und kämmt sie alle nach vorn. Dann legt sie die Stirn auf die gekreuzten Arme. Er soll sie bloß nichts fragen. Er soll sie bloß in Ruhe lassen.

6
Das Mädchen ist jetzt schon eine Nacht, einen Tag, eine weitere Nacht und einen weiteren Tag hier. Bisher hat der Türmer seinen Turm noch nie mit einem Besucher geteilt. Warum Veronika nicht geht, weiß er nicht. So wenig wie er die Frage beantworten könnte, warum er sie nicht wegschickt, hinauswirft, abholen lässt.
Den ersten Morgen verbrachte sie mit dem Kopf auf dem Tisch, bis er sie verließ. Das Gewitter, das sich angekündigt hatte, löste sich seltsamerweise auf, anstatt sich zu entladen. Bis zum Mittag wurde es dann so heiß wie alle Tage; allerdings nicht auf dem Turm, eine unerträgliche Hitze gibt es nicht auf dem Turm. Die dicken Mauern saugen die Kälte des Winters an, bis sie davon durchdrungen sind, und geben sie fein dosiert den ganzen Sommer lang ab. Bevor der letzte Hauch von Kühle verbraucht ist, kommt ein neuer Winter.
Der Türmer gab die tägliche Wettermeldung durch, überprüfte die Kontrollleuchten für Licht und Rauchwarner, brachte sein Lager in Ordnung, rasierte sich, schaffte das Geschirr in die Miniküche, gestaltete draußen den Schreibtisch zur Theke um, indem er alles Notwendige bereit legte, befüllte den Postkartenständer, schloss die Fenster. Das alles, ohne dass das Mädchen auch nur einmal den Kopf gehoben hätte, soweit er das sehen konnte.
Er ging hinunter, um den Turm aufzuschließen. Er holte beim Bäcker Brot und vom Laden nebenan Obst. Als er in die Türmerstube zurückkam, lag Veronika auf seinem Bett. Auf seinem Bett!
Sie verschlief den ganzen Tag.
Sie aß am Abend von seinem Brot und bereitete sich aus den Decken, die er ihr gab, ein Lager im Vorraum, wo sie ihre zweite Nacht verbrachte. Fünfmal stieg er, wie jede Nacht, zum Kranz hinauf, um der alten Tradition Genüge zu tun und den Wächterruf über der schlafenden Stadt erschallen zu lassen; fünfmal lag das Mädchen unverändert da.
So schlafen zu können!
Der Türmer selbst schlief unruhig. Wie ein Gallenstein hatte sich Veronika bei ihm eingenistet, und er wusste keine Medizin dagegen, denn den Griff zum Skalpell brachte er aus irgendeinem Grund nicht fertig.
Gesprächig ist sie bisher auch nicht gewesen. Die Kommunikation zwischen ihnen beiden beschränkt sich auf ein paar dürre Höflichkeitsformeln, die man auch einsparen könnte, in letzter Konsequenz. Heute hat sie fast den ganzen Tag über in einer Ecke der Türmerstube gelegen, nicht auf seinem Bett, sondern am Boden auf den Decken, die er ihr für ihr Nachtlager überlassen hatte und die sie natürlich tagsüber nicht im Vorraum lassen konnte. Die vielen Besucher hinderten ihn daran, öfter als drei-, viermal die Tür zu öffnen und einen prüfenden Blick in seine Stube und auf das Mädchen am Boden zu werfen. Die letzten Gäste hat er nun hinausbefördern, ja, buchstäblich hinausdrängen müssen, um ordnungsgemäß abschließen zu können.
Als er in die Türmerstube kommt, liegt Veronika nicht mehr zusammengerollt in ihrer Ecke. Sie steht mitten im Raum, die Arme leicht angehoben, die Augen geschlossen, den Mund lauschend geöffnet – wie jemand, der vielleicht auf einem Grat balanciert und dazu alle Konzentration braucht. Sie hebt warnend den Finger.
Der Türmer wendet sich ab. Warum bist du nicht in die Küche gegangen und hast dich umgesehen und hast eine Kleinigkeit gekocht, würde er gern sagen, du hattest doch den ganzen Tag Zeit dazu. Aber er tut es nicht. Solche Worte könnten ihr eine Art Gastrecht einräumen.
Er holt aus Brotkasten und Kühlschrank, was fürs Abendessen geeignet scheint. Butter, Käse, Obst. Dazu gibt es kalten Pfefferminztee, den er schon am Morgen als Tagesvorrat gekocht hat, einen großen Topf voll. Er fragt Veronika nicht, ob sie Pfefferminztee will. Er gießt ihr einfach ein.
Sie beendet ihre Balanceübung und öffnet die Augen.
»Der Turm schwankt«, sagt sie.

7
Veronika rutscht auf ihren Platz am Tisch, den der Türmer fürs Abendbrot gedeckt hat. Zwei Nächte und zwei Tage lang hat sie fast nur geschlafen. Geschlafen, um nicht denken und nicht entscheiden zu müssen, geschlafen, um sich zu entziehen. Doch nun fängt der Schlaf an, löchrig zu werden wie uralter Stein, er fängt an zu lecken und Gedanken einsickern zu lassen. Veronika braucht eine neue Strategie. Wenn der Schlaf nicht mehr zuverlässig ist, müssen die Gedanken abgeleitet werden, egal in welche Richtung, nur weg von der einen, die so furchtbar wehtut.
»Darf ich das Fenster öffnen?«, fragt sie ohne wirkliches Interesse. Da draußen sollte ein Wind gehen, obwohl es nicht danach aussieht. Aber woran würde man hier oben schon einen Wind erkennen, an jagenden Wolken vielleicht, an sonst nichts. Zu spüren ist er vielleicht, wenn man die Hand hinaushält, selbst dann, wenn er nicht kräftig genug ist, Wolken zu jagen.
»Warum fragst du plötzlich? Du hast mich doch auch nicht gefragt, ob du mein Bett benützen darfst«, sagt der Türmer, ohne zu lächeln.
»Ja... Aber kann ich jetzt das Fenster aufmachen?«
»Ich zweifle nicht daran, dass du es kannst. Ich allerdings öffne die Fenster am Morgen, wenn es kühl ist.«
Veronika runzelt die Stirn, als sie das Nein begriffen hat. Sie fängt an, ein Brot mit Käse zu beschmieren, sehr sorgfältig, sehr genau. Sie besieht sich das Ergebnis, nimmt eine Birne, dreht sich vom Türmer weg und zieht die Beine auf die Bank, wie sie das immer macht. Sie beißt abwechselnd vom Brot und von der Birne ab und starrt durchs Fenster zum fernen Talrand hinüber. Der Hügelzug sieht geschlossen aus, eine Straße ist nicht zu erkennen. Doch dürfte dort die Stelle sein, an der sie eine Rast erzwungen hat. Von der aus sie die Stadt in der Ebene und mittendrin den Turm gesehen hat. Wo sie ganz und gar unvernünftig gesagt hat: Ich will auf den Turm da, lass uns hierbleiben. Und Mattis gesagt hat: Wir wollten nach Italien. Und wo es dann zu gar keiner Rast kam. Es kam zum Schnitt. Mit einem Hieb getrennt. Zu spät für Reue.
Der plötzliche Druck in Veronikas Brust nimmt ihr fast die Luft. Ihr Ausweichmanöver hat nicht funktioniert, schon sind die Gedanken entgleist. Sie legt den Birnenrest auf ihren Teller und wischt sich die zitternde Hand am T-Shirt ab. Der Türmer schiebt wortlos eine Serviette über den Tisch. Als hätte er mit seiner Bewegung das Nein aufgehoben, streckt sich Veronika nach dem Fensterriegel. Sie macht das Fenster einen Spalt auf, schiebt die Hand hinaus und konzentriert sich auf die Empfindung ihrer Haut da draußen. Der akute Schmerz in ihrer Brust ebbt ab. Nach einer Weile schließt sie das Fenster wieder. Sie setzt sich umständlich gerade, nimmt einen Schluck aus ihrem Glas und sieht den Türmer an.
»Wieso schwankt der Turm, obwohl es völlig windstill ist?« Sie räuspert sich nachträglich, sie hat nun, ohne es eigentlich zu wollen, ihr Schweigen aufgegeben.
»Er schwankt auch, wenn die Glocken läuten«, sagt der Türmer.
»Jetzt läuten aber keine Glocken«, sagt Veronika. »Ich habe hier überhaupt erst einmal Glocken gehört.«
»Eben deshalb«, sagt der Türmer.
Völlig unverständliche Antwort. Veronika verzieht das Gesicht. Sie stößt hervor: »Diesen amerikanischen Akzent, brauchen Sie den bei mir? Können Sie den nicht vielleicht weglassen?«
Sein Tonfall und seine Sprache versetzen sie in hilflose Wut; einen solchen Akzent hatte Mattis’ Austauschpartnerin, die letztes Schuljahr für ein paar Monate in Deutschland war. Diana besaß allerdings nicht den Wortschatz des Türmers. Nicht annähernd. Ich allerdings öffne die Fenster am Morgen, wenn es kühl ist. Wie gewählt. Diana sprach ein gebrochenes, dürftiges, fehlerhaftes Deutsch. Doch mit unnachahmlichem Akzent. Über den Mattis lächeln konnte wie ein Idiot.
»Ich bin Amerikaner«, sagt der Türmer.
Veronika glotzt. Wer noch lebt, bekommt Hunger. Wer noch lebt, wird von Reue gepackt, das ist schlimmer, es ist vielleicht das Schlimmste. Wer noch lebt, kann aber auch überrumpelt werden und staunen.
»Was? Amerikaner? Auf diesem Turm? In so einer mittelalterlichen... ich meine, in so einer... richtig deutschen Stadt?«
»In so einer richtig deutschen Stadt.« Der Türmer lächelt amüsiert.
»Das ist aber kein normaler Job für einen Amerikaner!« Er schält bedächtig einen Apfel. »Für wen dann?«, will er wissen.
»Das ist überhaupt kein normaler Job! Aber warum gerade Sie?«
»Mein Vorgänger«, sagt er, »wurde mit seinem Einverständnis und einer Rente, die ich teilfinanziere, in den Ruhestand geschickt.«
Veronika starrt ihn an. »Aber warum? Kein Mensch geht freiwillig für immer auf einen Turm!« Wahrscheinlich hat er eine Europareise gemacht und sich in den Turm verguckt; bestimmt ist er stinkreich und kann sich jede Verrücktheit leisten. Ist vielleicht auf einem Urlaubstrip hier hängen geblieben. Was nicht dazu passt, ist seine Sprache, der Amerikaner spricht Deutsch nicht nur besser als die unnachahmliche Diana, sondern auch besser als sie, Veronika, oder zumindest gewählter, den Akzent mal beiseitegelassen.
»Sie sind vielleicht auf einem Urlaubstrip hier hängen geblieben?«, fragt sie zweifelnd.
Der Amerikaner reagiert nicht. Er scheint vergessen zu haben, dass sie mit ihm am Tisch sitzt. Tief in Gedanken beginnt er, eine Scheibe Brot in Krümel zu zerlegen.
Nun gut, es geht sie ja nichts an. Eine mürrische Bemerkung liegt ihr auf der Zunge. Doch da fällt ihr auf, dass sich seine Haltung unmerklich verändert hat, straffer geworden ist, und dass seine Finger sich plötzlich gezielt bewegen: Sie ordnen die Brotkrümel zu unterschiedlichen Mustern an, zu Spiralen, Kreisen, Quadraten. Mit der linken Hand wischt er die Figuren zu einem Krümelhäufchen zusammen, aus dem er mit drei Fingern der rechten Hand sogleich etwas anderes formt. Zuletzt entsteht in Sekundenschnelle der Umriss eines fliegenden Vogels. Der Amerikaner schaut nicht auf. Er pickt den Vogel Krümel für Krümel vom Tisch und kaut das Brot mit entrücktem Gesicht.
Veronika fühlt eine Gänsehaut über ihre Arme huschen. Sie bewegt sich und stößt dabei ihr Glas um.
Der Amerikaner hört auf zu kauen. Er wirft einen Blick auf das Glas, es war bereits leer, dann studiert er die restlichen Krümel zwischen seinen Händen. Ein halber Vogel, wenn man weiß, dass es einmal ein ganzer war. Er runzelt die Stirn.
Veronika nimmt das Glas und stellt es auf. Sie muss nicht mehr unbedingt wissen, warum dieser schrullige Mensch hier Turmwächter spielt. Vielleicht ist er nicht ganz richtig im Kopf. Oder einfach nur ein Wichtigtuer. Alle Wichtigtuer machen etwas und haben ihre Gründe dafür. Genau wie Mattis. Mattis sowieso. Er will etwas, tut etwas und tut es ohne Rücksicht auf andere. Er hat sein Abitur geschafft und geht jetzt nach Amerika für ein ganzes Jahr. Sie dagegen hat das Abi versiebt, geniale Leistung, und darf wiederholen. Für Amerika war sie sowieso nicht eingeplant. Und er nimmt sie auch nicht mit, wenn sie die Schule hinwirft.
Sie schaut mit brennenden Augen zum Fenster hinaus. Dorthin, wo sie ihren letzten Fehler gemacht hat.
Da sagt der Amerikaner: »Du hast gefragt, ob ich hier hängen geblieben sei. Ja, das bin ich.«
Sie dreht sich verdrossen zu ihm um.