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Eckhart Tolle

Eine neue Erde

Bewusstseinssprung
anstelle von Selbstzerstörung

Aus dem Englischen von Erika Ifang

1

Das Aufblühen des menschlichen Bewusstseins

Evokation

Ein Morgen auf der Erde vor 114 Millionen Jahren kurz nach Sonnenaufgang: Die erste Blütenpflanze, die auf dem Planeten erscheint, öffnet ihren Kelch den Strahlen der Sonne. Vor diesem bedeutsamen Augenblick, der eine evolutionäre Verwandlung im Leben der Pflanzen einleitet, war die Erde schon viele Millionen Jahre von Grünpflanzen bedeckt. Die erste Blütenpflanze hat wahrscheinlich nicht lange überlebt, und Blumen müssen über einen langen Zeitraum eine große Seltenheit geblieben sein, da die Umwelt ihre Ausbreitung höchstwahrscheinlich noch nicht begünstigte. Aber eines Tages muss der kritische Punkt überschritten worden sein, und dann gab es plötzlich ein Feuerwerk von Farben und Düften überall auf dem Erdball – nur dass kein wahrnehmendes Bewusstsein da war, um Zeuge dieser Entwicklung zu werden.
Erst viel später sollten die zarten, vergänglichen Gebilde, die wir Blumen nennen, eine wesentliche Rolle für die Evolution des Bewusstseins einer anderen Art spielen. Irgendwann waren Menschen von ihnen fasziniert und fühlten sich immer stärker zu ihnen hingezogen. Sowie sich deren Bewusstsein weiterentwickelte, waren Blumen vermutlich das erste physische Objekt, das sie wertschätzten, obwohl es keinen Gebrauchswert für sie hatte, also nicht mit dem Überleben in Zusammenhang stand. Unzählige Künstler, Dichter und Mystiker haben sich von Blumen inspirieren lassen. Jesus hat uns die Lilien auf dem Felde zur Betrachtung und als Vorbild für unser Leben empfohlen. Buddha soll einmal eine »stille Predigt« gehalten haben, indem er eine Blume hoch hielt und sie ansah. Nach einiger Zeit begann ein Mönch mit Namen Mahakasyapa zu lächeln. Es heißt, er sei der Einzige gewesen, der die Predigt verstanden hat. Der Legende zufolge wurde sein Lächeln (die »Erkenntnis«) von seinen 28 Nachfolgern weitergegeben und begründete schließlich den Zen-Buddhismus.
Einem Menschen, der die Schönheit einer Blume sieht, werden dadurch vielleicht – sei es auch nur flüchtig – die Augen geöffnet für die Schönheit seines eigenen tiefsten Wesens, seiner eigenen wahren Natur. Zum ersten Mal Schönheit zu erkennen war eines der bedeutendsten Ereignisse in der Evolution des menschlichen Bewusstseins. Die Gefühle der Freude und Liebe sind im Innersten mit dieser Erkenntnis verbunden. Ohne dass es uns richtig bewusst war, wurden Blumen für uns zum Form gewordenen Ausdruck des Höchsten, Heiligsten und letztlich Formlosen in uns selbst. Blumen, die flüchtiger, ätherischer und zarter waren als die Grünpflanzen, aus denen sie hervorgingen, wirkten auf uns wie Boten aus einer anderen Welt, wie eine Brücke zwischen der Dimension der physischen Formen und dem Formlosen. Sie verströmten nicht nur einen zarten, dem Menschen angenehmen Geruch, sondern auch Duft aus dem Reich des Geistes. Wenn wir das Wort »Erleuchtung« in einem umfassenderen Sinn begreifen als dem herkömmlichen, können wir Blumen als die Erleuchtung der Pflanzenwelt betrachten.
Von jeder Lebensform auf jeder Stufe – ob Stein, Pflanze, Tier oder Mensch – lässt sich sagen, dass sie eine »Erleuchtung« durchläuft. Allerdings ist diese Erscheinung höchst selten, denn es handelt sich nicht bloß um einen evolutionären Fortschritt, sondern es impliziert darüber hinaus einen Bruch in der Entwicklung, einen Sprung zu einer völlig anderen Seinsebene, vor allem jedoch ein Schwinden der Stofflichkeit.
Was könnte schwerer und undurchdringlicher sein als Felsgestein, die dichteste aller Formen? Und doch vollzieht sich bei manchen Gesteinen eine Veränderung in der Molekularstruktur, sodass sie sich in Kristalle verwandeln und lichtdurchlässig werden. Aus Kohlenstoff werden durch unvorstellbare Hitze und Druck Diamanten, aus einigen schweren Mineralien andere Edelsteine.
Die meisten kriechenden Reptilien, die erdgebundensten aller Tiere, sind über Jahrmillionen unverändert gleich geblieben. Einige hingegen haben Federn und Flügel entwickelt und sich in Vögel verwandelt, sodass sie sich über die Schwerkraft erheben konnten, an die sie so lange gefesselt waren. Sie verbesserten sich nicht etwa im Kriechen oder Laufen, sondern gingen weit über das Kriechen und Laufen hinaus.
 

Seit undenklichen Zeiten haben Blumen, Kristalle, Edelsteine und Vögel eine besondere geistige Bedeutung für den Menschen. Wie alle Lebensformen sind natürlich auch sie flüchtige Manifestationen des allem zugrunde liegenden einen Lebens und Bewusstseins. Ihre besondere Bedeutung und der Grund dafür, dass sie von jeher eine solche Faszination auf den Menschen ausgeübt haben und dass er eine solche Nähe zu ihnen empfindet, muss wohl ihren ätherischen Qualitäten zugeschrieben werden.
Sobald seine Wahrnehmung von einer gewissen Präsenz, einer stillen, wachen Aufmerksamkeit gekennzeichnet ist, spürt der Mensch die göttliche Lebensessenz, das aller Kreatur und allen Formen des Lebens innewohnende eine Bewusstsein, den einen Geist, und erkennt dessen Einheit mit seinem eigenen Wesen, sodass er es lieben kann wie sich selbst. Bis das geschieht, sehen die meisten Menschen allerdings nur die äußere Form, während ihnen das tiefinnere Wesen entgeht, ebenso wie sie sich ihres eigenen wahren Wesens meist gar nicht bewusst sind, sondern sich nur mit ihrer physischen und psychischen Gestalt identifizieren.
Was Blumen, Kristalle, Edelsteine oder Vögel betrifft, so spürt bisweilen sogar jemand, der nur wenig oder gar nicht gegenwärtig ist, dass mehr daran ist als die rein physische Erscheinungsform, und wird, ohne zu wissen, dass dies der eigentliche Grund für die von ihm gefühlte innere Verbindung ist, davon angezogen. Aufgrund ihrer ätherischen Natur kommt der ihnen innewohnende Geist ungehinderter zum Vorschein als bei anderen Lebensformen. Hierzu gehören auch alle neugeborenen Formen des Lebens wie Säuglinge, Welpen, Kätzchen, Lämmer usw. Sie sind zart und zerbrechlich und haben sich noch nicht verfestigt. Eine Unschuld, Süße und Schönheit leuchtet durch sie hindurch, die nicht von dieser Welt ist. Sie entzücken selbst Menschen, die relativ unsensibel sind.
Wenn wir also eine Antenne dafür haben und eine Blume, einen Kristall oder einen Vogel zum Gegenstand unserer Kontemplation machen, ohne sie im Geiste zu benennen, werden sie für uns ein Fenster zum Formlosen. Eine innere Aufgeschlossenheit für das Reich des Geistes stellt sich ein, wenn auch vielleicht kaum wahrnehmbar. Deshalb haben die drei »er-leuchteten« Lebensformen seit undenklichen Zeiten eine so wichtige Rolle bei der Evolution des menschlichen Bewusstseins gespielt, zum Beispiel die Lotosblume als Zentralsymbol des Buddhismus oder die weiße Taube als Sinnbild des Heiligen Geistes im Christentum. Sie haben den Boden bereitet für einen tiefer greifenden Wandel im planetarischen Bewusstsein, der auf die Menschheit zukommt. Es handelt sich um ein spirituelles Erwachen, dessen Zeuge wir gerade werden.
*
Ein Hinweis zur Übersetzung des Wortes egoic Im englischen Originaltext heißt es an dieser Stelle egoic state (of consciousness). Dazu folgende Erklärung des Autors:

»Im vorliegenden Buch verwende ich das Wort ›egoic‹, obwohl es in der englischen Sprache (noch) nicht existiert. Vielleicht können die Übersetzer ein ähnliches Wort erfinden, da alle bereits existierenden Worte (z. B. egoistisch, egotistisch, egozentrisch usw.) ein zu enges Bedeutungsspektrum haben. Fast immer ist damit ›selbstsüchtig‹ gemeint, aber Selbstsucht ist nur ein kleiner Aspekt egomotivierter Verhaltensweisen.«
Der Intention des Autors folgend wurde das englische egoic gelegentlich durch das neu gebildete Adjektiv »egohaft« übersetzt, meist aber – je nach Kontext – durch zusammengesetzte Begriffe wie »egobehaftet«, »egobegründet«, »vom Ego bestimmt« oder durch einfache Komposita wie »Egogeist« für egoic mind, »Egomuster« für egoic patterns usw.

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Zeitgleich mit der deutschen Ausgabe erscheint die
amerikanische Originalausgabe unter dem Titel »A New Earth.
Awakening to Your Life’s Purpose« bei Dutton, einem Imprint
der Penguin Group (USA) Inc., New York.


© 2005 Eckhart Tolle

© 2005 der deutschsprachigen Ausgabe bei Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Lektorat: Gerhard Juckoff

Covergestaltung: Design Team

Covermotiv: Bill Frymire/Masterfile, Düsseldorf

ISBN : 978-3-641-01107-9
V002


www.goldmann-verlag.de

Der Zweck dieses Buches

Ist die Menschheit reif für eine Transformation des Bewusstseins, für ein inneres Erblühen von solcher Radikalität und Tiefe, dass das Aufblühen einer Blume, mag sie auch noch so schön sein, nur ein schwacher Abglanz davon ist? Können die konditionierten geistigen Strukturen von Menschen ihre Undurchdringlichkeit verlieren und wie Kristalle oder Edelsteine durchlässig werden für das Licht des Bewusstseins? Kann der Mensch sich der niederziehenden Schwere von Materialismus und Stofflichkeit entziehen und sich über die Identifikation mit der Form erheben, die das Ego an seinem Platz hält und ihn zur Gefangenschaft in seiner eigenen Persönlichkeit verdammt?
Die Möglichkeit einer solchen Transformation war und ist das zentrale Thema aller großen Weisheitslehren der Menschheit. Deren Botschafter – Buddha, Jesus und andere, die nicht alle bekannt sind – waren die ersten Blumen der Menschheit. Sie waren Vorboten, seltene und kostbare Wesen. Für ein Blütenmeer war es zu jener Zeit noch zu früh, und so wurde ihre Botschaft oft missverstanden und stark verfälscht. Sie hat offenkundig wenig Einfluss auf das menschliche Verhalten gehabt, außer bei einer kleinen Minderheit.
Ist die Menschheit jetzt eher reif dafür als zur Zeit der alten Lehrer? Und wenn ja, warum? Was können wir, wenn überhaupt, tun, um diesen inneren Wandel einzuleiten oder zu beschleunigen? Was ist bezeichnend für den alten Egozustand* des Bewusstseins, und woran ist das neu erwachende Bewusstsein zu erkennen? Um diese und andere wichtige Fragen geht es in diesem Buch. Vor allem jedoch ist festzuhalten, dass dieses Buch selbst aus dem erwachenden neuen Bewusstsein entstanden und infolgedessen selber ein Werkzeug zur Verwandlung ist. Die darin enthaltenen Ideen und Konzepte mögen wichtig sein, aber sie kommen erst an zweiter Stelle. Sie sind lediglich Wegweiser, die auf das Erwachen hinzeigen. Während du das Buch liest, vollzieht sich in dir eine Veränderung.
Das Buch will dich nicht mit neuen Informationen oder Anschauungen befrachten oder von irgendetwas überzeugen, sondern dich aufwecken und einen Bewusstseinswandel bei dir hervorrufen. So gesehen ist das Buch nicht »interessant«. Etwas interessant finden bedeutet, dass man Abstand hält, im Geiste mit den Ideen und Konzepten herumspielt und ihnen zustimmt oder sie ablehnt. Doch in diesem Buch geht es um dich. Wenn es deinen Bewusstseinsstand nicht verändert, hat es keinerlei Nutzen. Es kann aber nur die erwecken, die dafür bereit sind. Nicht jeder ist schon reif dafür, aber immerhin schon einige, und mit jedem Menschen, der erwacht, kommt das kollektive Bewusstsein mehr in Schwung, und alles wird leichter für die anderen. Falls du nicht weißt, was Erwachen bedeutet, lies einfach weiter. Nur im Erwachen selbst kann die wahre Bedeutung des Wortes erfasst werden. Ein flüchtiger Einblick genügt, um den Prozess des Erwachens einzuleiten, der unumkehrbar ist. Für einige wird dieser Einblick kommen, während sie dieses Buch lesen. Bei vielen anderen hat der Prozess vielleicht schon eingesetzt, ohne dass sie es gemerkt haben. Sie werden es beim Lesen erkennen. Bei manchen mag er durch Verlust und Leid in Gang gekommen sein, bei anderen durch den Kontakt zu einem spirituellen Lehrer oder einer spirituellen Lehre, durch die Lektüre von Leben im Jetzt oder ein anderes spirituell lebendiges und daher die Wandlung unterstützendes Buch – oder durch eine Kombination all dessen, was ich angeführt habe. Hat der Prozess des Erwachens bereits in dir begonnen, wird er durch die Lektüre dieses Buches beschleunigt und intensiviert.
Ein essenzieller Bestandteil des Erwachens ist die Erkenntnis des noch nicht erweckten Selbst, des Ego, wie es denkt, spricht und handelt, und die Einsicht in die kollektiv konditionierten geistigen Vorgänge, die den Zustand des Nichterwachtseins zementieren. Darum zeigt das Buch die Hauptmerkmale des Ego auf und beschreibt, wie sie sowohl beim Einzelnen als auch im Kollektiv wirken. Dies ist aus zwei zusammenhängenden Gründen wichtig: Erstens kannst du, wenn du die Grundmechanismen hinter dem Wirken des Ego nicht kennst, es auch nicht durchschauen, und dann überlistet es dich, sodass du dich immer wieder mit ihm identifizierst. Das heißt, es ergreift Besitz von dir als eine Art Hochstapler, der vortäuscht, du zu sein. Der zweite Grund ist der, dass der Akt der Erkenntnis selbst einer der Wege ist, auf denen das Erwachen stattfindet. Wenn du das Unbewusste in dir erkennst, ist das, was die Erkenntnis möglich macht, das entstehende Bewusstsein, das Erwachen. Du kannst nicht gegen das Ego kämpfen und gewinnen, ebenso wenig wie du gegen die Dunkelheit ankämpfen kannst. Erforderlich ist nur das Licht des Bewusstseins. Du selbst bist dieses Licht.

Die ererbte Störung

Wenn wir die alten Religionen und spirituellen Traditionen der Menschheit einmal tiefer gehend betrachten, finden wir unter den vielen oberflächlichen Unterschieden zwei grundlegende Einsichten, in denen die meisten von ihnen übereinstimmen. Diese Einsichten mögen mit völlig unterschiedlichen Worten beschrieben werden, aber sie deuten immer auf eine doppelte fundamentale Wahrheit hin. Die erste dieser Einsichten ist die Erkenntnis, dass sich in der »normalen« Geistesverfassung der meisten Menschen ein starker Anteil von etwas bemerkbar macht, das wir Gestörtheit oder sogar Wahnsinn nennen könnten. Gewisse hinduistische Kernlehren kommen der Sache vielleicht am nächsten, wenn sie diese Störung als eine Form kollektiver Geisteskrankheit ansehen. Sie nennen sie Maya, den Schleier der Täuschung. Ramana Maharshi, einer der bedeutendsten indischen Weisen, sagte klipp und klar: »Der Geist ist Maya
Der Buddhismus bedient sich einer anderen Terminologie. Laut Buddha erzeugt der menschliche Geist im Normalzustand Duhkha, was als Leiden, Unzufriedenheit oder Qual übersetzt werden kann. Darin sah Buddha ein Merkmal des Menschseins. Wohin man auch geht und was man auch tut, immer begegnet man Duhkha, und es wird sich früher oder später in jeder Situation manifestieren.
Nach der christlichen Lehre ist die normale kollektive Verfassung der Menschheit der Zustand der »Erbsünde«. »Sünde« ist ein Wort, das zutiefst missverstanden und fehlinterpretiert worden ist. Wörtlich aus dem Altgriechischen übersetzt, der Sprache, in der das Neue Testament abgefasst wurde, bedeutet sündigen »danebentreffen« wie ein Bogenschütze, der sein Ziel verfehlt; sündigen heißt also, das Ziel des menschlichen Daseins zu verfehlen. Es bedeutet, blind und ungeschickt zu leben und deshalb zu leiden und Leiden zu verursachen. Auch dieses Wort deutet also, sobald es von seinem kulturellen Ballast befreit worden ist und nicht mehr falsch ausgelegt wird, auf eine Störung im Menschsein hin.
Die Errungenschaften der Menschheit sind eindrucksvoll und unbestritten. In Musik und Literatur, Malerei, Bildhauerei und Architektur haben wir großartige Werke geschaffen. Wissenschaft und Technik haben in jüngerer Zeit für drastische Veränderungen unseres Lebensstils gesorgt und uns in die Lage versetzt, Dinge zu tun und zu erschaffen, die noch vor 200 Jahren als Wunder betrachtet worden wären. Kein Zweifel: Der menschliche Geist ist hochintelligent. Aber gerade diese Intelligenz ist von der Störung betroffen. Wissenschaft und Technik haben die destruktive Wirkung der Geistesstörung des Menschen auf die Erde erheblich verstärkt. Darum ist die Störung, der kollektive Wahnsinn, in der Geschichte des 20. Jahrhunderts am deutlichsten zu erkennen. Hinzu kommt, dass die Störung tatsächlich zunimmt und sich beschleunigt.
1914 brach der Erste Weltkrieg aus. Grausame Vernichtungskriege, von Angst, Gier und Machthunger motiviert, ziehen sich durch die gesamte Menschheitsgeschichte, ebenso wie Sklaverei, Folter und zunehmende Gewaltbereitschaft aus religiösen und ideologischen Gründen. Die Menschen haben mehr unter ihresgleichen gelitten als unter Naturkatastrophen. Bis 1914 hatte der hochintelligente menschliche Geist allerdings nicht nur den Verbrennungsmotor erfunden, sondern auch Panzer, Bomben, Maschinengewehre, U-Boote, Flammenwerfer und Giftgas. Intelligenz im Dienste des Wahnsinns! Während des Stellungskriegs in Frankreich und Belgien starben Millionen Männer wegen einiger Quadratkilometer schlammiger Erde. Als der Krieg 1918 zu Ende war, blickten die Überlebenden fassungslos und voller Entsetzen auf die verheerenden Folgen: zehn Millionen Tote und noch mehr Verstümmelte und Verkrüppelte. Nie zuvor hatte der menschliche Wahnsinn auf so sichtbare Weise eine so destruktive Wirkung entfaltet. Niemand ahnte, dass das erst der Anfang war.
Bis zum Ende des Jahrhunderts sollte die Zahl der Menschen, die durch die Hand von Mitmenschen eines gewaltsamen Todes starben, auf über 100 Millionen steigen. Sie starben nicht nur durch Kriege zwischen den Völkern, sondern auch durch Massenvernichtung und Völkermord wie die Juden im unsäglichen Grauen des Holocaust in Nazi-Deutschland oder die etwa 20 Millionen »Klassenfeinde, Spione und Verräter« im Sowjetrussland Stalins. Sie starben aber auch bei zahllosen innerstaatlichen Konflikten wie dem Spanischen Bürgerkrieg oder unter dem Regime der Roten Khmer in Kambodscha, das ein Viertel der kambodschanischen Bevölkerung ermordete.
Wir brauchen uns nur die aktuellen Nachrichtensendungen im Fernsehen anzuschauen, um uns darüber klar zu werden, dass der Wahnsinn keineswegs abgeklungen ist, sondern sich im Gegenteil bis ins 21. Jahrhundert fortsetzt. Ein weiterer Aspekt der kollektiven Funktionsstörung, an der die Menschheit krankt, ist die beispiellose Gewalt von Menschen gegenüber anderen Lebensformen und der Erde selbst – die Zerstörung Sauerstoff produzierender Wälder und anderer Vertreter der Fauna und Flora, die Tierquälerei in der industriellen Landwirtschaft, die Vergiftung der Flüsse und Meere und die Verschmutzung der Luft. Von Gier getrieben und ohne ein Gefühl der Verbundenheit mit dem Ganzen, bleiben die Menschen beharrlich bei einem Verhalten, das nur in ihre eigene Vernichtung führen kann (wenn ihm nicht Einhalt geboten wird).
Die sichtbaren Formen des im Menschsein begründeten kollektiven Wahnsinns füllen den größeren Teil der Menschheitsgeschichte. Sie ist weitgehend eine Geschichte des Wahnsinns. Wenn die Geschichte der Menschheit der klinische Zustandsbericht eines einzelnen Menschen wäre, müsste die Diagnose lauten: chronische paranoide Wahnvorstellungen, ein pathologischer Hang zu Mord und anderen extremen Gewalt- und Gräueltaten gegenüber angeblichen »Feinden« – Projektion des eigenen Unbewussten nach außen. Verbrecherischer Wahnsinn im Wechsel mit ein paar kurzen lichten Momenten.
Angst, Gier und Machthunger sind nicht nur die Kräfte, die zu Krieg und Gewalt zwischen Stämmen, Nationen, Religionen und Ideologien motivieren, sondern auch die Ursache unaufhörlicher Konflikte in den persönlichen Beziehungen. Sie führen zu einer Verzerrung des Bildes, das man von sich selbst und anderen hat. Dadurch interpretiert man jede Situation falsch und verhält sich entsprechend falsch, um sich von seiner Angst zu befreien und das Verlangen nach mehr zu stillen, ein Fass ohne Boden.
Wichtig ist jedoch, sich klar zu machen, dass Angst, Gier und Machthunger nicht etwa die Störung sind, von der wir gerade sprechen, sondern selbst durch die Störung entstehen: durch die tief sitzende, im Geist eines jeden Menschen begründete kollektive Täuschung. Etliche spirituelle Lehren raten uns, von Angst und Begierde abzulassen. Aber entsprechende spirituelle Übungen sind im Allgemeinen erfolglos. Sie reichen nicht an die Wurzel der Störung heran. Angst, Gier und Machthunger sind keine Grundursachen. Ein guter oder besserer Mensch werden zu wollen klingt wie etwas, das von hoher Gesinnung zeugt und empfehlenswert ist, dabei ist es ein Unterfangen, das zum Scheitern verurteilt ist, es sei denn, es vollzieht sich ein Bewusstseinswandel. Das liegt daran, dass dieser Wunsch selbst Teil der Störung ist, eine subtilere und raffiniertere Form der Selbsterhöhung, der Gier nach mehr, nach einer Stärkung der eigenen eingebildeten Identität oder des Selbstbildes. Wir werden nicht dadurch gut, dass wir versuchen, gut zu sein, sondern indem wir die Güte wiederfinden, die bereits in uns angelegt ist, und zulassen, dass sie hervorscheint. Sie kann aber nur dann hervorscheinen, wenn eine fundamentale Bewusstseinsveränderung eintritt.
Die Geschichte des Kommunismus, der ja ursprünglich von edlen Ideen inspiriert war, illustriert deutlich, was geschieht, wenn Leute versuchen, die äußere Wirklichkeit zu verändern – eine neue Erde zu schaffen -, ohne zuvor ihre innere Wirklichkeit, ihr Bewusstsein verändert zu haben. Sie machen ihre Pläne, ohne dabei das Grundmuster der Gestörtheit zu berücksichtigen, das jeder Mensch in sich trägt: das Ego.

Das illusorische Ich

Das Wort »ich« verkörpert den größten Irrtum und die tiefste Wahrheit, je nachdem, wie es verwendet wird. Bei herkömmlichem Gebrauch ist es (zusammen mit den Ableitungen »mir, mich und mein«) eines der am häufigsten verwendeten Worte der Sprache und darüber hinaus eines der irreführendsten. Im normalen Alltagssprachgebrauch verkörpert das »Ich« den Urfehler, das falsche Bild, das man sich von sich selbst macht, ein trügerisches Identitätsgefühl. Das ist das Ego. Dieses trügerische Ichgefühl bezeichnete Albert Einstein, der nicht nur ein tiefes Verständnis für die Wirklichkeit von Raum und Zeit hatte, sondern auch für das Wesen des Menschen, als »optische Täuschung des Bewusstseins«. Dieses illusorische Ich muss jedoch als Basis für alle weiteren Interpretationen oder vielmehr Fehlinterpretationen der Wirklichkeit, für alle Denkvorgänge sowie alle Interaktionen und Beziehungen herhalten. Die Wirklichkeit wird zum Spiegelbild der ursprünglichen Täuschung.
Und jetzt die gute Nachricht: Wenn du die Illusion als Illusion erkennst, löst sie sich auf. Die Erkenntnis der Illusion ist zugleich ihr Ende. Ihr Fortbestand hängt davon ab, ob du sie für Wirklichkeit hältst. Sowie du erkennst, was du nicht bist, kommt das zum Vorschein, was du wirklich bist. Das geschieht, während du langsam und aufmerksam dieses und das nächste Kapitel liest, in denen es um die Mechanik des falschen Selbst geht, das wir Ego nennen. Wie ist dieses illusorische Selbst seinem Wesen nach beschaffen?
Worauf du dich beziehst, wenn du »ich« sagst, ist normalerweise nicht das, was du bist. Durch einen monströsen Akt der Reduktion wird die unendliche Tiefe dessen, was du bist, fälschlich mit einem Geräusch gleichgesetzt, das die Stimmbänder erzeugen, oder mit einem gedachten Ich und allem, womit sich dieses Ich identifiziert. Was aber ist dann mit dem gewöhnlichen Ich und seinen Ableitungen mir, mich und mein gemeint?
Wenn ein kleines Kind begreift, dass eine Folge von Geräuschen, die seine Eltern mit ihren Stimmbändern erzeugen, sein Name ist, beginnt es ein Wort, das im Geist zum Gedanken wird, mit dem gleichzusetzen, was es ist. In diesem Entwicklungsstadium sprechen manche Kinder von sich selbst in der dritten Person. »Johnny hat Hunger.« Wenig später lernen sie das magische Wort »ich« und setzen es mit ihrem Namen gleich, den sie schon mit dem, wer sie sind, gleichgesetzt haben. Weitere Gedanken entstehen und verschmelzen mit dem ursprünglichen »Ich«-Gedanken. Der nächste Schritt sind Gedanken des »mir« und »mein«, mit denen Dinge gekennzeichnet werden, die irgendwie zum Ich dazugehören. Das ist die Identifikation mit Objekten: Den Dingen, eigentlich sogar nur den Gedanken, die diese Dinge repräsentieren, wird ein Ichgefühl zugeordnet, sodass man aus ihnen seine Identität bezieht. Wenn »mein« Spielzeug kaputtgeht oder mir weggenommen wird, leide ich. Nicht, weil dieses Spielzeug einen eigenen Wert hat – ein Kind verliert schnell das Interesse daran, außerdem ist es leicht durch anderes Spielzeug, andere Gegenstände zu ersetzen -, sondern wegen des Gedankens »mein«. Das Spielzeug ist ein Teil des sich entwickelnden Selbst- oder Ichgefühls des Kindes geworden.
Während das Kind heranwächst, zieht der ursprüngliche Ich-Gedanke weitere Gedanken an: Es identifiziert sich mit seinem Geschlecht als Mädchen oder Junge, mit Besitz, mit dem durch die Sinne erfahrenen Körper, mit einer Nationalität, einer Rasse, einer Religion oder einem Beruf. Des Weiteren identifiziert sich das Ich mit Rollen – Mutter, Vater, Ehemann, Ehefrau usw. -, mit erworbenem Wissen, Meinungen, Vorlieben und Abneigungen, aber auch mit Dingen, die »mir« in der Vergangenheit widerfahren sind und an die ich »mich« in Gedanken erinnere, sodass ein Gefühl von »ich und meine Geschichte« entsteht. Dies ist nur einiges von dem, woraus die Menschen ihr Identitätsgefühl beziehen. Dabei handelt es sich im Grunde bloß um Gedanken, die lose durch die Tatsache zusammengehalten werden, dass ihnen allen ein Ichgefühl zugeordnet wurde. Dieses mentale Konstrukt ist normalerweise gemeint, wenn wir »ich« sagen. Genauer gesagt: Die meiste Zeit sind wir es gar nicht, der spricht, wenn wir »ich« denken oder sagen, sondern es ist ein Aspekt dieses mentalen Konstrukts – des Egogeistes. Sobald wir erwachen, benutzen wir zwar noch das Wort »ich«, aber dann kommt es aus einer ganz anderen Tiefe unseres Innern.
Die meisten Menschen identifizieren sich noch immer mit dem unaufhörlichen Strom der Gedanken, dem zwanghaften Denken, wovon das meiste sinnlose Wiederholungen sind. Außerhalb ihrer gedanklichen Prozesse und der damit einhergehenden Emotionen gibt es kein Ich. Das ist mit spiritueller Unbewusstheit gemeint. Wenn den Leuten gesagt wird, dass unablässig eine Stimme in ihrem Kopf redet, sagen sie: »Was für eine Stimme?« und leugnen sie einfach ab, obwohl genau das natürlich die Stimme ist, der Denker, der unbeobachtete Verstand. Sie kann fast als ein Wesen betrachtet werden, das von ihnen Besitz ergriffen hat.
Einige Menschen vergessen nie, wie es war, als sie sich das erste Mal nicht mit ihren Gedanken identifizierten und so einen kurzen Identitätswandel erlebten vom Inhalt ihres Denkens zur Bewusstheit, die dessen Hintergrund bildet. Bei anderen geschieht es auf so subtile Weise, dass sie es kaum bemerken, oder sie spüren nur ein Mehr an Freude oder innerem Frieden, ohne den Grund dafür zu erkennen.

Die Dringlichkeit einer Transformation

Wenn eine einzelne Lebensform – oder eine Spezies – mit einer tief greifenden Krise konfrontiert ist, wenn die alte Seinsweise, die alte Art des Umgangs miteinander und mit der Natur nicht mehr funktioniert und das Überleben von schier unüberwindlichen Problemen bedroht scheint, verendet sie und stirbt aus, oder sie geht mit einem evolutionären Sprung über die Grenzen dieses Zustands hinaus.
Es wird angenommen, dass sich die ersten Lebensformen der Erde im Meer entwickelten. Während an Land noch keine Tiere zu finden waren, wimmelte es im Meer bereits von Leben. Irgendwann muss sich dann ein Meereslebewesen auf trockenes Land gewagt haben. Vielleicht ist es zuerst nur ein paar Zoll an Land gekrabbelt, um erschöpft von der enormen Anziehungskraft der Erde wieder ins Wasser zurückzukehren, wo die Schwerkraft fast nicht zu spüren ist und das Leben leichter fällt. Aber es muss immer wieder ein Geschöpf einen Versuch gemacht haben, bis es sich viel später an ein Leben auf dem Land anpasste und aus seinen Kiemen eine Lunge bildete und aus seinen Flossen Füße. Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass sich eine Spezies in solch eine feindliche Umgebung vorwagt und eine evolutionäre Verwandlung durchmacht, ohne durch eine bestimmte Krisensituation dazu gezwungen worden zu sein. Vielleicht ist ein großer Teil des Meeres vom Hauptozean abgeschnitten worden und sein Wasser über die Jahrtausende allmählich verdunstet, sodass die Fische ihr früheres Habitat hinter sich lassen und sich weiterentwickeln mussten.
Auf eine tief greifende Krise, die das Überleben aller bedroht, zu reagieren – das ist die Herausforderung, vor der die Menschheit jetzt steht. Die Gestörtheit des menschlichen Egogeistes, die schon vor über 2500 Jahren von den alten Weisheitslehrern erkannt wurde und die jetzt durch Wissenschaft und Technik überdeutlich zu Tage tritt, bedroht erstmalig das Überleben der Erde. Bis vor kurzem war die Transformation des menschlichen Bewusstseins – auf die ebenfalls die alten Lehrer schon hingewiesen haben – nichts als eine Möglichkeit, die einige wenige Menschen hier und da ungeachtet ihres kulturellen oder religiösen Hintergrundes ergriffen. Zu einem weit verbreiteten Aufblühen des menschlichen Bewusstseins kam es noch nicht, weil es noch nicht zwingend erforderlich war.
Ein bedeutender Teil der Weltbevölkerung wird bald erkennen – falls er das nicht schon getan hat -, dass die Menschheit jetzt nur noch eine Wahl hat: Weiterentwicklung oder Tod. Ein noch relativ kleiner, allerdings schnell wachsender Prozentsatz der Menschheit erlebt bereits im eigenen Innern den Zusammenbruch der alten Egodenkmuster und das Erscheinen einer neuen Bewusstseinsdimension.
Was jetzt im Entstehen begriffen ist, ist kein neues Glaubensbekenntnis und keine neue Religion, keine neue spirituelle Ideologie oder Mythologie. Wir stehen vor dem Ende nicht nur der Mythologien, sondern auch der Ideologien und Glaubenssysteme. Der Wandel geht tiefer und weit über den Verstand und das Denken hinaus. Tatsächlich ist im Kern des neuen Bewusstseins die Transzendenz des Denkens bereits angelegt, die neu zugängliche Fähigkeit, sich über das Denken zu erheben und eine Dimension in sich selbst zu entdecken, die unendlich viel umfassender ist als das Denken. Dann beziehen wir unsere Identität, den Sinn für uns selbst und für das, was wir sind, nicht länger aus dem unablässigen Strom des Denkens, das wir in dem alten Bewusstsein für uns selbst halten. Welch eine Befreiung, sich darüber klar zu werden, dass die »Stimme im Kopf« gar nicht ich bin! Wer bin ich dann? Der, der dieses erkennt. Die Bewusstheit, die dem Denken vorausgeht, der Raum, in dem das Denken – bzw. die Emotion oder Sinneswahrnehmung – auftritt.
Das Ego ist nichts weiter als die Identifikation mit der Form, und zwar in erster Linie mit Form im Sinne von Gedankenformen. Wenn das Böse eine Realität ist – und es besitzt eine relative, wenn auch keine absolute Wirklichkeit -, dann ist das auch seine Definition: die vollständige Identifikation mit Form – physischen Formen, Gedankenformen, Gefühlsformen. Durch diese Identifikation sind wir blind für unsere Verbundenheit mit dem Ganzen, für unser essenzielles Einssein mit allem »anderen« und mit dem Ursprung. Diese Blindheit oder Vergesslichkeit ist die Erbsünde, das Leiden, die Täuschung. Und wenn diese eingebildete Getrenntheit alles, was wir denken, sagen und tun, beeinflusst und regiert, was für eine Welt erschaffen wir dann? Um darauf eine Antwort zu finden, brauchen wir bloß einmal darauf zu achten, wie die Menschen miteinander umgehen, oder ein Geschichtsbuch zu lesen oder die Tagesnachrichten im Fernsehen anzuschauen.
Wenn die Strukturen im Geist des Menschen unverändert bleiben, werden wir im Wesentlichen die gleiche Welt, die gleichen Übel, die gleiche Störung stets neu erschaffen.

Das Erwachen eines neuen Bewusstseins

Die meisten Religionen und spirituellen Traditionen gehen also von der gemeinsamen Erkenntnis aus, dass unsere »normale« Geistesverfassung durch einen fundamentalen Defekt gestört ist. Diese Einsicht in das Wesen des Menschseins – wir können sie die »schlechte Nachricht« nennen – führt jedoch zu einer zweiten Einsicht: der »guten Nachricht« von der Möglichkeit einer radikalen Transformation des menschlichen Bewusstseins. Im Hinduismus (manchmal auch im Buddhismus) wird diese Transformation Erleuchtung genannt. In der Lehre Jesu ist es die Erlösung und im Buddhismus die Aufhebung des Leidens. Befreiung und Erwachen sind weitere Begriffe, mit denen diese Verwandlung beschrieben wird.
Die größte Leistung der Menschheit ist nicht die Kunst, Wissenschaft oder Technik, sondern die Erkenntnis dieser Störung, des eigenen Wahnsinns. In ferner Vergangenheit sind bereits ein paar Menschen zu dieser Einsicht gekommen. Ein Mann mit Namen Gautama Siddharta, der vor 2600 Jahren in Indien lebte, war vermutlich der Erste, der es mit absoluter Klarheit erkannte. Später wurde er der »Buddha« genannt. Buddha bedeutet »der Erwachte«. Ungefähr zur selben Zeit betrat in China ein weiterer erwachter Menschheitslehrer die Bühne. Er hieß Laotse. Seine Lehre ist uns in einem der grundlegendsten aller spirituellen Werke überliefert worden: dem Tao Te King.
Mit der Einsicht in den eigenen Wahnsinn war natürlich die Gesundung gekoppelt, die zu Heilung und Transzendenz führte. Eine neue Bewusstseinsdimension zeigte sich auf der Erde, eine erste zaghafte Blüte. Dann predigten die Betreffenden und belehrten ihre Zeitgenossen. Sie sprachen von Sünde, vom Leiden, von der Selbsttäuschung. Sie sagten: »Seht doch, wie ihr lebt. Seht, was ihr tut, wie viel Leid ihr verursacht.« Und sie zeigten ihnen die Möglichkeit des Erwachens aus dem kollektiven Alptraum des »normalen« Menschseins auf und wiesen ihnen den Weg.
Wenn auch die Welt noch nicht reif für sie war, waren sie doch ein wichtiger, notwendiger Baustein für das menschliche Erwachen. Zwangsläufig wurden sie meist von ihren Zeitgenossen ebenso missverstanden wie von nachfolgenden Generationen. Ihre ebenso einfachen wie kraftvollen Lehren wurden verzerrt und fehlinterpretiert, in manchen Fällen schon durch die Niederschriften ihrer Anhänger. Im Lauf der Jahrhunderte wurde vieles hinzugefügt, was nichts mit der ursprünglichen Lehre zu tun hatte, sondern bloß ein fundamentales Unverständnis widerspiegelte. Einige Lehrer wurden lächerlich gemacht, andere geschmäht und getötet, wieder andere wie Götter verehrt. Lehren, die den Weg aus der Geistesgestörtheit und dem kollektiven Wahnsinn heraus wiesen, wurden verfälscht und flossen schließlich selbst in die Geistesgestörtheit ein.
So wurden die Religionen weitgehend zu Kräften, die Uneinigkeit statt Einigkeit stifteten. Statt Gewalt und Hass durch die Erkenntnis der grundsätzlichen Einheit allen Lebens zu beenden, lösten sie weiteren Hass und Gewalt aus, entzweiten die Menschen noch mehr und vertieften die Zwietracht zwischen den Religionen und sogar innerhalb einer Religion. Sie wurden zu Ideologien und Bekenntnissen, mit denen die Leute ihr falsches Selbstgefühl nähren und sich identifizieren konnten. Mit ihrer Hilfe konnten sie sich selbst ins »Recht« und andere ins »Unrecht« setzen, um so die eigene Identität im Gegensatz zu den Feinden, den »anderen«, zu definieren, zu den »Ungläubigen« oder »Ketzern«, zu deren Tötung sie sich oft berechtigt fühlten. Der Mensch schuf »Gott« nach seinem Bilde. Das Ewige, Unendliche und Namenlose wurde auf ein mentales Götzenbild reduziert, an das man glauben und das man als »meinen« oder »unseren« Gott verehren sollte.
Und doch … und doch leuchtet im innersten Kern der Religionen – allen Wahnsinnstaten, die in ihrem Namen begangen wurden, zum Trotz – noch immer ein Funken der Wahrheit, auf die sie verweisen. Er schimmert noch schwach durch die vielen Schichten der Verfälschungen und Fehlinterpretationen hindurch. Es ist wohl unwahrscheinlich, dass man ihn sieht, wenn man nicht schon im eigenen Innern einen flüchtigen Blick auf diese Wahrheit erhascht hat. In der Geschichte hat es immer einzelne Menschen gegeben, die einen Bewusstseinswandel erlebten und so das in sich selbst verwirklichten, worauf alle Religionen hinweisen. Um diese unfassbare Wahrheit zu beschreiben, bedienten sie sich dann der Begriffssprache ihrer jeweiligen Religion.
Einige dieser Männer und Frauen begründeten »Schulen« oder Bewegungen in den großen Hauptreligionen, die nicht nur zur Wiederentdeckung der ursprünglichen Lehre führten, sondern manchmal auch deren anfängliche Leuchtkraft verstärkten. Auf diese Weise sind im frühen und mittelalterlichen Christentum die Gnostik und die Mystik entstanden, im Islam der Sufismus, im Judaismus der Chassidismus und die Kabbala, im Hinduismus der Advaita-Vedanta und im Buddhismus Zen und Dzogchen. Die meisten dieser Schulen waren bilderstürmerisch. Sie entfernten die erstickenden geistigen Begriffssysteme und erstarrten Glaubensstrukturen Schicht um Schicht und wurden deshalb von der herrschenden religiösen Hierarchie mit Argwohn oder gar Feindseligkeit betrachtet. Im Gegensatz zur Mainstream-Religion legten ihre Lehren besonderen Wert auf Erkenntnis und innere Wandlung. Nur durch diese esoterischen Schulen oder Bewegungen vermochten die Hauptreligionen die transformative Kraft ihrer ursprünglichen Lehren wiederzugewinnen, obwohl in den meisten Fällen nur eine kleine Minderheit Zugang dazu hatte. Ihre Zahl war nie groß genug, um einen starken Einfluss auf das tiefe kollektive Unbewusste der Mehrheit auszuüben. Im Lauf der Zeit erstarrten einige dieser Schulen selbst wieder im Formalismus und in leeren Begriffen und verloren so ihre Wirksamkeit.

Die Identifikation mit den Dingen

Die Werbebranche weiß sehr genau, dass sie die Menschen, denen sie Dinge verkaufen will, die diese nicht unbedingt brauchen, davon überzeugen muss, dass diese Dinge dem etwas hinzufügen, wie sie sich selbst sehen oder von anderen gesehen werden, mit anderen Worten: dass ihr Selbstgefühl eine Aufwertung erfährt. Das tut die Werbung zum Beispiel, indem sie ihnen erzählt, dass sie sich durch das betreffende Produkt von der Menge abheben und infolgedessen mehr sie selbst sind. Oder sie stellt einen geistigen Zusammenhang zwischen dem Produkt und einer berühmten Persönlichkeit oder einer jugendlichen, attraktiven oder glücklich aussehenden Person her. Selbst Bilder von alten oder auch verstorbenen Stars aus deren Glanzzeit erfüllen noch ihren Zweck. Die unausgesprochene Annahme dahinter ist die, dass wir ihnen oder vielmehr ihrem äußeren Image durch den Kauf dieses Produkts, durch den gewissermaßen magischen Akt der Aneignung, gleich werden. Und so kaufen wir in vielen Fällen kein Produkt, sondern einen »Identitätsverstärker«. Designermarken sind in erster Linie kollektive Identitäten, in die man sich einkauft. Sie sind teuer und daher »exklusiv«. Wenn jeder sie kaufen könnte, würden sie ihren psychologischen Wert verlieren, sodass nichts als ihr materieller Wert bliebe, der wahrscheinlich nur einen Bruchteil dessen ausmacht, was man dafür bezahlt hat.
Womit man sich identifiziert, das ist von Mensch zu Mensch verschieden und richtet sich nach Alter, Geschlecht, Einkommen, Gesellschaftsstatus, Mode, Kulturkreis usw. Das, womit man sich identifiziert, sind ausschließlich Inhalte, während der unbewusste Zwang zur Identifikation strukturell bedingt ist. Es ist die grundsätzliche Art und Weise, wie der Egogeist funktioniert.
Paradoxerweise wird die so genannte Konsumgesellschaft dadurch bei der Stange gehalten, dass der Versuch, sich in Dingen zu verwirklichen, scheitert: Das Ego lässt sich nur kurzfristig zufrieden stellen, und so braucht man bald wieder etwas, kauft erneut, konsumiert weiter.
Natürlich sind materielle Dinge in der physischen Dimension, in der unser vordergründiges Ich weilt, notwendig und gehören zwangsläufig zu unserem Leben. Wir brauchen ein Obdach, Kleidung, Mobiliar, Werkzeug und Transportmittel. Wahrscheinlich gibt es auch Dinge in unserem Leben, die wir wegen ihrer Schönheit oder anderer besonderer Qualitäten schätzen. Wir dürfen die Welt der Dinge nicht verachten, sondern sollten sie würdigen. Jedes Ding hat sein Dasein, ist eine flüchtige Form, die ihren Ursprung im formlosen einen Leben hat, im Ursprung aller Dinge, aller Körper und aller Formen. In den meisten alten Kulturen haben die Menschen geglaubt, allem, auch den angeblich unbelebten Gegenständen, wohne ein Geist inne, und sie waren in dieser Hinsicht der Wahrheit näher als wir heute. Wenn man in einer durch mentale Abstraktionen gefühllos gewordenen Welt lebt, spürt man die Lebendigkeit des Universums nicht mehr. Die meisten Menschen weilen nicht in einer lebendigen Wirklichkeit, sondern in einer Begriffswelt.
Wir können aber Dinge nicht wirklich würdigen, wenn wir sie nur als Mittel zur Selbsterhöhung benutzen, das heißt, wenn wir versuchen, uns selbst in ihnen zu finden. Genau das tut das Ego. Die Egoidentifikation mit Dingen bewirkt ein Hängen an den Dingen, ein Besessensein von den Dingen, das seinerseits wieder unsere Konsumgesellschaft und die Wirtschaftsstrukturen begründet, wo das einzige Maß für Fortschritt das Mehr