image

Marijn Backer

DAS JAHR DER LÜGEN

Aus dem Niederländischen
von Marianne Holberg

image

Mein Dank gilt Sanne, Elske, Annabel

Die Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel

image

Die Übersetzung der zitierten Passagen aus Die Brüder Löwenherz von Astrid Lindgren stammt von Anna-Liese Kornitzky.

ISBN 978-3-8251-6011-1 (epub)

Erschienen 2014 im Verlag Urachhaus

© 2014 Verlag Freies Geistesleben & Urachhaus GmbH

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Der Autor

1

Ich wachte auf und wusste nur: mein Kopf, mein Kopf, mein Kopf.

Ich ging nach unten, drückte zwei Paracetamol aus der Packung in der Küchenschublade, setzte mich auf die Bank und trank ein Glas Saft.

Die Wanduhr tickte, hinter dem Fenster wurde es hell. Die Rosen in der Vase auf dem Tisch im vorderen Zimmer ließen die Köpfe hängen. Auf Zehenspitzen ging ich wieder die Treppe rauf, schob meine Gardinen etwas beiseite und lauschte den Vögeln.

Ich döste ein und träumte, dass mein Bruder Max hinten bei uns im Garten Wichtel entdeckt hatte. Er zeigte mir einen kleinen Pfad, auf dem sie nachts kamen. Er hatte die Existenz von Wichteln bewiesen. Er hatte sie mit seinem Handy gefilmt.

Als ich mir seinen Film ansehen wollte, klingelte es. Ich war sofort wach. Ich hörte an der Art des Klingelns, dass es wichtig war.

Ich öffnete die Tür meines Zimmers. Auf der Diele redete Mama mit einem Mann. Ich hörte das Wort »Polizei«.

Also doch. Polizei.

Sie gingen ins Wohnzimmer. Ich fuhr in meine Kleider, putzte mir die Zähne und machte, dass ich wegkam.

Das hast du nun davon, Toni, dachte ich. Das hast du nun davon.

Es war Pause, als ich mit dem Rad auf den Schulhof fuhr. Ich hatte immer noch Kopfschmerzen. Meine Freundin Eva amüsierte sich über meinen Brummschädel.

»Hattest du Spaß mit Mischa?«, fragte sie.

Mischa? Ich wusste es nicht. Mischa Tukker?

»Oder fandest du den Cousin von Lex netter?«

Lex ist der Freund meiner Schwester Iris.

»Das ist schwierig«, sagte ich. »Ich weiß es nicht mehr.«

Es wurde voll auf dem Flur. Aus dem sonnigen Wetter der letzten Zeit war den ganzen Tag schon Nieselregen geworden. Eva zeichnete mit einem sphinxhaften Lächeln Püppchen auf das beschlagene Fenster. Martin, Evas Klassenkamerad und Freund, rempelte mich an. Martin trägt Tag und Nacht, ob Sommer oder Winter, eine Wollmütze. Seine Augen sahen wässrig aus.

»Was haben wir jetzt?«, fragte ich.

Martin dachte, Englisch, Eva dachte, Niederländisch. Der Flur war von all den Schülern der Orientierungsstufe glitschig geworden. Vor dem Klassenraum entstand ein Stau.

Während wir so dastanden, Martin, Eva, ich und andere, die auf den Lehrer warteten, der nicht kam, und während es nach nassen Mänteln und nach Brot mit Käse stank und das Gewicht meiner Tasche mir in die Schulter schnitt, dachte ich nur immer wieder: Ich will weg, ich will weg. Ich will von vorne anfangen. Aber dann für immer, mit allem.

Aber wie kannst du mit allem von vorne anfangen, wenn du in der Klemme sitzt?

Sich entscheiden, dies oder das zu tun, gibt einem ein gutes Gefühl. Man kann denken: Morgen tu ich es. Und morgen denkst du wieder: Ich tu es morgen.

Und dann vergisst du es.

Aber dies war anders. Morgen wird Mama mit mir zur Polizei wollen.

Wir drängten uns ins stinkende Klassenzimmer. Herr Jacobs, ein Mann mit kleinem Bauch, hatte einen Fettfleck auf der Hose. Ich wich seinem Blick aus.

Ich kramte in meiner Tasche, fand einen Stift und tat, als hörte ich zu. In mein Heft schrieb ich:

The morning after

Ein Auto parkte vor der Schule, ein Mann stieg aus. War es Walter? Von vorne anfangen.

Walter war größer. Walter hatte eine Seehundfigur.

Von vorne anfangen, heißt nicht, mit Lügen anzufangen, dachte ich. Von vorne anfangen, heißt, Worte zu finden, die genau sagen, was ich fühle.

Liebe alle,

Ich habe ein Problem.

Ihr werdet bestimmt böse werden, aber ich kann nicht anders.

»Und was ist mit dir los?«

Über mir hing das Gesicht von Jacobs.

»Bist du krank? Mädchenprobleme?«

Ich wurde wütend. Da war nichts. Und wenn doch etwas wäre, würde er es nicht erfahren.

»Willst du einen Schluck Wasser?«

Einen Schluck Wasser, einen Guss Wasser, frische Luft, gern! Und fünf Paracetamol!

Ich ging auf den Flur. Da wurde mir so schwindlig, dass ich mich an der Wand runtergleiten ließ. Ich legte meinen Kopf auf die Arme.

Kurz danach saß Eva neben mir.

»Hör mal«, sagte sie und schob mir einen Stöpsel ins Ohr.

Es war natürlich Eva-Musik, zart und schwebend, als schwebtest du auf dem Rücken eines freundlichen Drachen durch eine Welt von Blumen, Bergen und bunte Ebenen. Sie legte den Arm um mich und lehnte ihren Kopf an meinen Kopf. Es war schön, eine Weile so zu sitzen, zusammen, mit derselben Musik.

Wir gingen zur Toilette und standen vor dem Spiegel. Eva zauberte Tempos aus ihrer Tasche. Ich konnte wieder lachen. Ich umarmte sie und sah ihr durch den Spiegel in die Augen.

2

Du musst jetzt nicht denken, dass ich ein Problemtyp bin oder gern Theater mache, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich bin nämlich unkompliziert. Am liebsten würde ich unauffällig mit meinem Vater Paul und meiner Mutter Linda und mit Max und Iris am Rand von Utrecht in einem Häuschen mit einer Wiese und einem Pony wohnen. Ich gehe gern schoppen, mag neue Kleider, in chilligen Zeitschriften blättern und mit Freundinnen in der Sonne liegen. Ich mag Seifenblasen und Wasserball. Ich will einem Jungen auf den Rücken klettern und in der Brandung in einer hohen Welle zusammen mit ihm umfallen. Ich will kleine rosa Muscheln am Wasser suchen. Ich will einen Freund mit langen Beinen, der knallhart rennen kann und ein großes Herz in den Sand zeichnet und unsere Namen darunter schreibt. Ich mag auf dem Rücken im Gras liegen und nach zarten kleinen Wolken schauen. Ich will auf einem weißen Pferd in die Dünen reiten und auf dem leeren Strand nach Nangijala galoppieren. Was ich überhaupt nicht mag, ist Streit. Aber egal, was ich jetzt mache: Ich werde Streit bekommen.

Früher spürte ich, wenn Streit in der Luft lag.

Zuerst wurde es still im Zimmer. Mama tigerte herum oder starrte nach draußen. Papa seufzte übertrieben und raschelte mit seiner Zeitung. Wenn man in so einem Augenblick ein Regenradarbild von unserem Haus hätte machen können, dann hätte ich es sofort zeigen können. Siehst du, da, die graue Wolke mit diesem größer werdenden roten Fleck in der Mitte, da kommt es, das ist Streit-Unwetter.

Schlimmer war es noch, wenn das Streit-Unwetter nicht losbrach, sondern diese Atmosphäre wie ein übler Kochdunst im Zimmer hängen blieb. Papa lief aus dem Zimmer, ein Stück Wand bröckelte auf den Boden, weil er die Tür zuschlug.

Keiner redete mehr.

Max und Iris macht das nicht so viel aus. Sie können schweigend essen, schweigend abräumen, ein paar bissige Bemerkungen machen und dann in ihre Zimmer gehen.

Früher hatte ich Angst vor Streit. So, wie du manchmal im Wald ein zitterndes Farnblatt siehst – so ein zitterndes Farnblatt, das bin ich dann: Antonia, für manche auch Toni.

Ich verkroch mich hinter einem Donald Duck. Ich versteckte mich in einer Ecke vor mir selbst und wartete, bis es vorbei war. Und wenn alle wieder erleichtert redeten und lachten, dann rannte ich wie ein Hund herum, um froh jeden abzuschlecken. Beigelegter Streit ist was Feines. Beigelegter Streit macht froh. Streit, der bleibt, ist ein Geschwür, das dich langsam krankmacht.

Aber heute musste es sein. Heute wusste ich: dann lieber Streit. Ich werde es doch sagen. Heute Nachmittag, wenn ich keine Kopfschmerzen mehr habe, werde ich Max erzählen, dass ich mich geirrt habe. Ich werde sagen, dass ich manchmal Angst hatte, dass es geschehen würde. Ich will nicht, dass Walters Leben zerstört wird. Ich will nicht, dass Walter die Schuld an meiner Feigheit bekommt.

Und das wäre die Folge, das wäre unvermeidlich die Folge.

3

Vor etwa zwei Jahren, wir waren zwölf und dreizehn, übernachteten Iris und ich bei Oma in Amsterdam. Wir schliefen auf dem Dachboden in einem Doppelbett. Auf der Wäscheleine im Treppenhaus trocknete Bettwäsche. Unten spielte Oma ein Lied auf dem Klavier, das mich an Nangijala erinnerte.

»Weißt du, wo Nangijala liegt?«, fragte ich Iris.

Irgendwo in den Bergen, dachte sie. Sie hatte in der Schule irgendwann von Nangijala gehört.

Ich erklärte ihr, dass Nangijala im äußersten Westen liegt, direkt hinter der Stelle, wo die Sonne am 21. Juni untergeht. Ich erzählte, dass Jonathan Löwenherz mit seinem kranken Bruder Karl Löwenherz in den Armen aus dem Dachfenster des brennenden Hauses sprang und in Nangijala gelandet war.

Iris ist ziemlich nüchtern. Sie mag eigentlich keine Fantasiegeschichten.

»Hör zu«, sagte ich. »Soll ich dir von Jonathan erzählen? Sag nicht nein. Er sieht supergut aus.«

»Okay«, sagte Iris. »Aber du musst es auch spannend erzählen.« »Es wird ganz furchtbar spannend«, sagte ich.

An dem Abend auf dem Dachboden, im Gästebett meiner Oma, habe ich von unserer Wanderung nach Nangijala erzählt. Wir mussten vor dem Mann im Nachtwald aufpassen, der Mädchen entführt. Und es konnten fleischfressende Vögel dort sein. Aber wir waren stark und tapfer, und wir wollten beide nach Nangijala hinter den Bergen zum Kirschtal. Dort war das Häuschen, in dem wir, Iris und Antonia, mit Jonathan und Karl leben würden. Wir sind niemals zusammen in Nangijala angekommen. Iris schlief ein, und später fand sie die Geschichte nicht mehr spannend.

Denn unser Leben änderte sich vollkommen.

Ende Januar war es, zehn Tage nach unserem Geburtstag. Iris und ich sind genau ein Jahr auseinander und haben am selben Tag Geburtstag.

»Hältst du mal eben meinen Mantel?«, bat Papa.

Ich kam grade aus der Schule. Ich wusste genau, was geschehen würde.

Er brachte seine Koffer zum Taxi, kam zurück, zwinkerte mir zu, nahm seinen Mantel und küsste mich auf die Stirn. Dann stieg er ein, öffnete das Fenster und winkte.

Ich stand wie erstarrt im Hauseingang. Das Taxi fuhr langsam aus der Straße.

Sein Auto, unser Auto, der weiße Toyota, stand vor unserem Haus. Max war nicht zu Hause, Iris saß mit Mama im Wohnzimmer. Ich machte die Haustür zu und schlich auf Zehenspitzen in mein Zimmer. Ich war unheimlich ruhig. Ich schloss meine Tür ab, legte mich aufs Bett und lauschte einem Vogel, der draußen sang.

Als ich aufwachte, schien der Mond in mein Zimmer. Ich lag eine Weile wie gelähmt im Bett, stand dann doch auf und ging nach unten.

Im Wohnzimmer saß Mama. Allein.

Ich wollte nicht hineingehen. Ich wollte nicht fühlen, dass es wahr war.

Antonia, vierzehn Jahre, ohne Papa.

Es gibt Kinder, die ihren Papa nicht kennen.

Es gibt Kinder, deren Papa tot ist, bevor sie wissen, dass sie einen Papa haben.

Jedes Kind hat nur einen Papa. Und wie alt du auch sein magst, wenn der nicht da ist, hast du Kummer.

Ich stand vor dem großen Spiegel neben dem Schrank im Flur. Ich habe das Gemüt eines Hundes, ich will, dass alle zusammenbleiben. Ich strich mir das Haar aus dem Gesicht, ich seufzte und verzog keine Miene.

Ich wusste es schon vorher, aber es war komisch, ich wusste es und glaubte es nicht.

Am Tag davor nämlich, am Nachmittag dieses schrecklichen 31. Januar, hatte Papa mich mit dem Auto von der Schule abgeholt. Es wurde dunkel, seine Hand lag auf meinem Knie. Ich hatte die Lehne des Sitzes ein Stück zurückgeschoben. Wald, Wiesen, Häuser und Bauernhöfe, alles flog vorbei, nur der Mond fuhr mit.

»Ich muss dir etwas sagen«, begann er.

Ich spürte, wie mein Magen wie eine Sandburg in sich zusammenfiel.

»Ich bin nicht stolz auf mich«, sagte er.

Scheidung, dachte ich. Meine Eltern also auch. Sie lassen sich scheiden. Meine Ohren rauschten. Es stürmte in meinem Kopf. »Mama sagt es Iris und Max in diesem Augenblick«, hörte ich ihn.

Es war Mittwoch, ich hatte Theater AG gehabt. Ich sollte die Rolle eines Mädchens spielen, dass mit jedem einer Meinung ist und alles gut findet.

»Sie liebt mich nicht mehr.«

Das wusste ich schon. Letzten Sommer fragte ich ihn: »Warum schläfst du eigentlich nicht mehr bei Mama?«

Mama hatte mir erzählt, dass er schnarcht, aber ich wollte es aus seinem eigenen Mund hören. Ich glaubte ihr nicht.

»Ich komme oft so spät nach Hause, Toni. Mama will nicht immer wach werden, wenn ich ins Bett gehe.«

Das sagte er damals, und ich wollte, dass diese Antwort wahr war, dass er wirklich schnarchte, dass er ab und an zu spät nach Hause kam und alles in Ordnung war. Wenn deine Eltern solche Sprüche von sich geben, sogar, wenn sie es selbst glauben – glaub ihnen nicht.

Damals hätte ich zu Mama gehen müssen und sagen: Papa ist unglücklich. Vielleicht wäre dann alles anders gekommen.

Scheidung also.

Der Abendhimmel verlor seine Farbe. Ich spürte Papas Hand auf meinem Knie. Ich sah durch meine Tränen die heranstürmende Straße und wollte, dass es nicht wahr war. Dass es nie wahr werden würde. Dass wir noch Stunden und Stunden so auf der Schnellstraße fahren würden, hinter unseren Scheinwerfern her, hinein in die große, dunkle Nacht. Ich wollte zusammen mit Papa nach Nangijala verschwinden. Am letzten Abend briet er Eier mit Speck und schmierte Brote für den nächsten Tag.

Wir saßen am Küchentisch, Mama schaute mit verschränkten Armen zu.

»Warum ziehst du nicht zu deiner Mutter?«, fragte sie. »Warum musst du gleich so drastisch ins Ausland? Warum nach Griechenland? Was ist das für ein pubertärer Wahnsinn?«

Er hatte unsere Campingsachen aus dem Keller geholt und dabei auch sein altes Taschenmesser gefunden.

»Also, damit das klar ist: Wenn du nicht mehr zu Hause wohnst, bist du nicht mehr mein Vater«, sagte Max.

»Ich finde, das kannst du nicht machen«, versuchte es Iris. »Ich finde das voll asozial.«

Ich hörte, dass ihre Stimme zitterte. Sie stand auf und stemmte die Hände in die Seiten. Als Papa nicht reagierte, lief sie aus der Küche und ging nach oben.

Ich blickte auf eine Murmel im Obstkorb. Sie war abgeschabt. Die Sandburg in meinem Bauch fiel immer mehr in sich zusammen.

Max klopfte Papa auf die Schulter und sagte: »Na, Gast, dann geh jetzt mal schön weg, tschau!«

Ich wollte Max zurückhalten, ich wollte Iris zurückrufen, ich wollte, dass es nicht wahr war, aber ich saß ohnmächtig auf meinem Stuhl.

Die Haustür schlug zu.

Mama stand weinend auf der Schwelle. Sie sagte: »Paul, mir wäre lieber, du würdest auf der Stelle tot umfallen, statt einfach wegzugehen.«

Papa kehrte sich nicht einmal um. Er drehte die Flamme unter der Pfanne aus und sagte: »Wie du willst, Linda. Ab heute bin ich für dich gestorben. Ich verschwinde aus deinem Leben und du wirst mich nie wiedersehen.«

Ich hörte meinen Atem pfeifen. Ich hatte unglaubliche Angst.

Lieber tot umfallen. Ich verschwinde aus deinem Leben. Ab morgen wirst du mich nie mehr wiedersehen.

Immer wieder hörte ich diese Sätze. Inzwischen wollte ich auch, dass er wegging, dass er sofort wegging, weg, abhauen, pack deine Koffer und zieh Leine. Ich wollte wütend sein, aber ich konnte nicht wütend sein.

In den ersten Tagen und Wochen ohne Papa froren wir dauernd. Als würde der Wind durch uns hindurchwehen, als hätte unser Haus keine Wände und kein Dach. Jeden Tag lag neuer Schnee auf Mamas sauber gefegtem Weg. Es schneite ganze Tage. Es wurde nicht mehr gestreut. Es schneite und schneite, und dann fing es an zu frieren. Die Morgende waren neblig und kalt, die Seen froren zu. Wir liefen Schlittschuh, bekamen gesunde rote Wangen und wurden wieder warm.

Zuerst dachte ich: Prima, bleib ruhig weg.

Dann dachte ich: Warum rufst du nicht an? Und schließlich: Hör endlich auf mit diesem Unsinn.

Und eines verzweifelten Nachmittags fragte ich mich: Wann ist dieser Film zu Ende? Mir wäre lieber, du würdest auf der Stelle tot umfallen statt wegzugehen … Ich dachte: Dieser Film ist mein Leben. Shit, und doch, ich konnte es aushalten. Ich wollte was draus machen. Ich fand es schön, dass es fror. Ich wurde dadurch stärker. Ich war stark und Iris war stark. Wir erledigten Einkäufe, kochten, saugten Staub in unseren eigenen Zimmern und schliefen gemeinsam in einem Bett.

Nur Max war völlig aus dem Takt. Er schwänzte Schule, baute sich eine Bar mit Flipperkasten und Bierfass in seinem Zimmer, rührte keinen Finger mehr für die Schule und fing Streit mit Onkel Walter an, Mamas Bruder, der einen Schlüssel für unser Haus hatte und bald jeden Nachmittag oder Abend vorbeikam.

Es wurde Sommer, Winter. Papa vergaß unsere Geburtstage. Es wurde Frühling. Er rief nicht an, schrieb nicht, mailte nicht. Wir redeten nicht mehr von ihm.

4

Am Tag des Schulfestes war auf einmal der Briefumschlag da. Ich stand an der Anrichte und fummelte an der Lasche eines neuen Margarinebechers.

»Was ziehst du heute Abend an?«, fragte Iris.

Iris hatte Pläne mit einem Jungen, das wusste ich, aber ich hatte schlechte Laune.

Sie nahm mir den Margarinebecher ab und stach mit einem Messer durch die Folie.

»Marmelade oder Käse, was willst du auf dein Brot?«

Ich antwortete nicht. In der Post sah ich einen hellblauen Briefumschlag mit einer Handschrift, die nur Papas sein konnte.

»Weißt du, wer heute Abend alles kommt?«

Iris hielt ihr Messer in die Höhe und kaute auf einem Stück Brot. Sie hatte den Brief noch nicht gesehen. Ich dachte: Der Brief muss weg. Ich will, bitte, kein Gequatsche und Theater. Ich will ein schönes Fest heute Abend.

Ich setzte mich an den Tisch. Auf dem Umschlag sah ich vertraute hakige Buchstaben.

»Ich denke, Mischa, Piss-Doris, Chris, Martin. Wer noch, denkst du?«

Ich sah immer noch nach dem blauen Briefumschlag auf dem Tisch. Er machte mir Angst.

»Ich werde Lena fragen, ob ich ihre Pumps ausleihen darf«, plapperte Iris. »Kennst du den Bruder von Eva?«

»Sommersprossen-Eva?«

»Nein, Nacktläufer-Eva. Ihr Bruder hat so schöne Augen. Er ist ein Freund von Max.«

Meine Hand lag ein kleines Stück von dem Brief entfernt.

»Er heißt Lex. Kennst du ihn?«

Ich kannte Nacktläufer-Eva natürlich. Ihre Eltern campen nackt, und das findet jeder hier witzig. Außer Eva natürlich, die schämt sich zu Tode. Und dass Lex ihr Bruder ist, wusste ich nicht. Und Iris hatte recht, er war nett.

»Kommst du mit zu H&M? Ich brauch noch was zum Anziehen für heute Abend.«

»Ja, gut«, sage ich. »Aber ich habe kein Geld.«

Ich hörte die Kirchturmuhr schlagen.

»Oje«, sagte Iris.

Ich sah, dass ihre Augen groß und rund wurden. Ich dachte: Sie sieht den Brief, sie erkennt die Handschrift, sie erschrickt genau wie ich. Aber sie sagte: »Ich esse hier ganz allein, wo habe ich meinen Kopf!«

»Ob du ein Asi bist oder nicht«, sagte ich lachend. »Ich will Marmelade.«

Während Iris sich umdrehte und zur Anrichte ging, schob ich den Briefumschlag unter meinen Gürtel und das Gummiband meiner Unterhose.

»Hast du das mit Anders und Sara gehört«, quasselte Iris weiter. »Wer nicht?«, sagte ich.

»Weißt du, was er gesagt hat? ›Wo ist da der Unterschied? Mein Gefühl war doch schon weg.‹ Das sagt man doch nicht, wenn man sechzehn Monate zusammen war. Wirklich, ich hätte ihn grün und blau geschlagen. Und du?«

Ich fühlte, wie die Spitze des Briefumschlags unten im Schritt piekste und fragte mich, ob das Verstecken eines Briefes, der auch für deine Schwester bestimmt ist, genauso schlimm ist, wie fremdzugehen.

»Sara ist völlig fertig. Sie fühlt sich benutzt. Und alle wussten es eher als sie selbst.«

»Das hätte sie wissen können bei Anders«, sagte ich.

Iris war anderer Meinung. Ich glaube, ihr selbst ist Anders nicht gleichgültig. Er ist groß, hat Ränder unter den Augen und bewegt sich im Schleichgang, drohend, ungefähr wie eine Hyäne. Mein Brot hatte ich aufgegessen, wir hörten die Haustür.

»Mam! Hast du Geld für uns?«, fragte Iris.

Mama stand im Zimmer, eine Stofftasche über der Schulter, eine Plastiktüte in der einen Hand, den Haustürschlüssel in der anderen.

»Heute Abend ist Schulfest, weißt du noch? Wir brauchen was zum Anziehen, aber wir haben kein Geld.«

Mama stellte ihre Taschen ab und legte mir die Hand auf den Kopf.

»Wie du hier rumgeschmiert hast!« Sie wischte einen Klecks Marmelade vom Tisch.

»Und jetzt sag nichts dazu, wie die Anrichte aussieht, das weiß ich, und das räumt Toni gleich auf«, sagte Iris. »Stimmt doch, oder, Toni? Beeil dich!«

Wir bekamen jeder fünfzig Euro mit. Mama mag es gern, wenn Iris und ich zusammen in die Stadt gehen. Ohne mich kann Iris keine Kleider aussuchen. Sie sieht bei anderen, ob ihnen etwas steht, aber bei sich selbst sieht sie es nicht.

Wir suchten ein paar Klamotten aus, gingen in eine Umkleidekabine und machten kleine Stapel.

Einen NEIN-Stapel und einen Zweifelstapel. Die Sachen vom Zweifelstapel probierte sie noch einmal an. Iris ist ziemlich eigensinnig. Dieses Mal wollte sie ein Kleid mit Rot und Schwarz, nicht sehr gelungen, aber es ging. Eine Freundin rief an, ob sie ein Shirt ausleihen dürfe, eine andere Freundin wollte bei uns übernachten, hatte aber keine Luftmatratze, und noch eine andere Freundin, Lena, wollte sich Schuhe ausleihen.

»Nur, wenn ich deine roten Pumps kriege«, sagte Iris.

Ich stand nach vorn gebückt. Ich probierte eine weiße Hose an. »Was hast du da in deiner Unterhose?«, fragte sie.

»Was sagst du?«, hörte ich Lena fragen.

»Hast du einen Brief in deiner Unterhose? Von wem?«

Iris drückte Lena weg.

Ich wurde rot.

»Los, Antonia, von wem steckst du einen Brief in deine Unterhose?«

Iris wollte meine Unterhose runterziehen, aber ich war schneller. »Es ist geheim«, sagte ich. »Ich erzähl es dir nachher.«

»Wow, Schwesterchen, dich hat’s ja richtig erwischt«, sagte Iris. »Bestimmt von Mischa. Hab ich recht? Ich will es wissen, okay? Steht mir das hier?«

Sie hatte eine schwarze Leggins an, gut gewählt.

Unterwegs nach Hause quengelte Iris dauernd wegen des Briefes. Ich spielte das Spiel mit. Ich hatte keine Lust zu lügen. Ich wollte keinen Brief von Papa mehr kriegen. Immerhin war es inzwischen einigermaßen ruhig bei uns zu Hause. Iris benahm sich Mama gegenüber normal, Max schwänzte nicht mehr so viel, Mama selbst arbeitete wieder.

»Ist es ein Brief von Mischa?«

»Du kennst ihn nicht, Iris. Glaub mir.«

Wir fuhren zusammen auf einem Fahrrad, ich hinten drauf. Iris schlingerte.

»Aber warum steckst du dir seinen Brief in die Unterhose? Ist das nicht, gelinde gesagt, ein seltsamer Platz? Darf ich ihn lesen?«

»Morgen«, sagte ich. »Vielleicht.«

Diese Antwort genügte ihr. Wir kamen am Supermarkt vorbei, und Iris hatte sich mit Lena und anderen Freundinnen verabredet. Sie wollte Cool Up kaufen. Nicht viel, ein paar Flaschen, um beim Anziehen zusammen zu trinken. Die anderen waren schon im Supermarkt. Iris vergaß den Brief. Wir fuhren nach Hause. Die Freundinnen hatten eine Tasche voller Shirts, Leggins, Kleidern, Schuhen, Tops und Make-up dabei.

Mama steckte immer wieder ihre Nase um die Ecke.

»Soll ich euch Pizza holen«, fragte sie.

»Pizza? Prima, Mama! Ja, hol mal Pizza!«

Iris schnappte sich Mamas Haarlack und Frisierstab aus dem Schrank, für mich hatte sie den Föhn genommen.

Wir aßen in Jogginganzügen.

»Man könnte meinen, euer Leben würde nur aus Partys bestehen.«

»Partys und Jungs, Mama, wir sind jung.«

Mama gab sich ein bisschen kumpelhaft. Sie sei auch mal jung gewesen, sagte sie. Sie wollte alles wissen von Iris’ Freundinnen. Sie wollte gern dazugehören. Sie gehörte auch dazu, es war gemütlich.

Nach dem Essen musste ich dann immer sagen, ob jemandem etwas gut stand, welche Schuhe dazu passten, ob es nicht zu nuttig war und so weiter und so weiter. Wir tranken zwei Flaschen Cool Up.

Aber auf einmal sagte Iris: »Wisst ihr, was Antonia in ihrer Unterhose versteckt hat?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Darf ich es erzählen, Toni?«

Ich sah die roten Pumps von Lena da liegen und rief: »Stylish! Die ziehe ich an.«

Es klappte. Iris wurde wütend. Die Pumps hatte Lena extra für sie mitgebracht. Ich könne doch die schwarzen anziehen.

»Nein«, sagte ich ruhig. »Die roten sind einfach perfekt! Das siehst du doch selbst! Du kannst doch genauso gut die schwarzen Pumps anziehen, die passen auch dazu. Und die schwarzen sind mir ein bisschen zu eng.«

Iris schwieg. Sie fing mit ihrem Make-up an.

»Antonia hat sich einen Liebesbrief von Mischa in ihre Unterhose gesteckt!«, schrie sie aus dem Badezimmer.

Es kam durch das Cool Up, ihre Stimme überschlug sich.

Ich rannte in mein Zimmer, griff mir Ohrringe, steckte sie in einen Briefumschlag und leckte ihn zu. Vor meinem Schrank standen meine neuen grauen Nikes.

Iris kam in mein Zimmer, sie hatte ihre Kleider wieder ausgezogen.

»Hier«, bot ich ihr an. »Du darfst meine Nikes anziehen. Und das hier ist der sogenannte Liebesbrief von Mischa. Willst du ihn lesen? Hier.«

»Ich darf die Nikes haben?« Ich machte sie glücklich, meine Nikes fand sie schön. Sie riss den Briefumschlag auf.

»Du kriegst Ohrringe von Mischa?«, fragte sie.

»Es sind meine eigenen«, sagte ich. »Ich hatte sie einer Freundin geliehen, aber du bist ein bisschen betrunken, denke ich. Stimmt doch, oder nicht, Iris?«

5

»Wow, guck dir die Schlange an!«, rief Iris.

Wir waren wie die Verrückten gerast, um nicht zu spät zu kommen, aber wir hätten uns nicht zu beeilen brauchen. Vor dem Club stand eine fett lange Schlange.

»Oh, mein Gott, guck dir mal den süßen Typ da an!«

Iris hatte einen Schwips. Sie redete furchtbar aufgeregt und warf ihren Ausweis auf die Straße, in der Hoffnung, dass der Typ ihn aufsammeln und ihren Namen sehen würde. Und dass sie dann sagen könnte: Danke. Sehen wir uns gleich?

Ich lief in eine andere Richtung und hatte Augenkontakt mit Sanne, einer Freundin, die vorn in der Schlange stand.

»Komm!«, winkte sie.

Durch die Tür drang ein Schwall von Hitze und Schweiß. Wir wurden gefilzt, gaben unsere Mäntel an der Garderobe ab und gingen zu den Tanzräumen.

»Wow, guckt mal, wie betrunken der Typ da ist! Das gibt’s ja nicht«, rief jemand.

Betrunkener Typ?

Einer dieser Momente, in denen ich nicht Max’ Schwester sein wollte. Ein Lehrer stand neben ihm. Ich wollte tanzen, ich wollte nicht meinen betrunkenen Bruder nach Hause bringen müssen. Ich sah Iris hereinkommen. Ihr Blick glitt über mich hinweg, als würde sie mich nicht kennen. Das ist meistens unsere Verabredung auf Partys.

Ich wollte tanzen. Aber ich war nicht relaxed. Ich dachte an den Brief. Ich hatte Angst, dass darin stehen würde: Ich werde wieder in den Niederlanden leben. Ich möchte euch sehen.

Oder: Ich habe eine Freundin, wir werden heiraten, ich möchte, dass ihr dabei seid.

Oder: Liebe Kinder, ihr habt lange nichts mehr von mir gehört, aber ich muss euch etwas sagen, ich bin krank. Ich werde nicht mehr lange leben.

Kein cooler Gedanke.

Max saß in der Ecke auf dem Fußboden. Der Lehrer bemühte sich, ihn hochzuziehen.

Sanne legte mir ihre Hände auf die Schulter und wiegte mich im Takt der Musik.

»Hi, Mädels!«

Es war Marianne, ein Mädchen mit Kaninchenzähnen und einer protzigen Tasche. Und einer Flasche.

»Schlückchen?«

Sanne nahm einen Schluck aus der Flasche, also tat ich es auch, ich wollte mich relaxed fühlen.

»Oh, da ist deine Schwester!«, schrie Marianne. Sie rannte zu ihr, denn sie himmelte Iris an. Ich wollte in einen anderen Raum gehen. Sanne hatte einen Jungen entdeckt und wollte bleiben. Aber dann spielte der DJ unser Lieblingslied, also blieben wir doch, zum Glück. Es wurde richtig schön, alle sangen mit, alle tanzten mit, alles stimmte, wir konnten uns richtig gehen lassen.

Als das Lied zu Ende war, stand Iris neben mir.

»Siehst du Lex? Er ist wirklich ein toller Typ, oder?«

»Er ist perfekt für dich!«, sagte ich. »Tanzt du jetzt mit ihm? Er sieht wirklich gut aus.«

»Aaaah!«, schrie Iris. »Findest du ihn toll? Jaaaa! Du findest ihn nett, was? Du, er ist zum Anbeißen!«

»Nein, ich weiß nicht, ich kenne ihn nicht«, sagte ich, aber dann sah ich ihn auf uns zukommen. »Er will mit dir tanzen!«, sagte ich schnell.

Aber er ging an Iris vorbei und begann mit mir zu tanzen. Mit mir, Antonia – hahaha, er hielt mich einfach fest. Ein Witz.

Iris sah wütend zu mir rüber und lief weg.

Ich gestikulierte und wollte ihr klarmachen, dass ich nichts dafür konnte, aber Lex zog mich mit, sah mich an und auf einmal fing er an, mich zu küssen.

Ich dachte: Oh, mein Gott! Was mache ich da? Ich küsse einen Jungen, den Iris will.

Sehr lange dauerte es nicht, wir tanzten wieder und, tatsächlich, er bewegte sich gut, er sah gut aus, er roch verdammt gut. Wir küssten uns, ich machte mit, ich wollte ihn gern küssen, ich wurde warm.

Etwas später sah ich Iris wieder. Lex war zu seinen Freunden gegangen.

»Was hast du gemacht?«, schrie Iris. »Ich sage, dass ich ihn toll finde, und du tanzt mit ihm!«

»Ja, sorry«, sagte ich. »Ich konnte nichts dafür. Er hat einfach mit mir getanzt.«

»Ist nichts passiert?«

»Nein, natürlich nicht!«, antwortete ich schreiend. »Er gehört dir!«

Iris sah mich eigenartig an. Ich fing an zu tanzen. Sommersprossen-Eva legte ihren Kopf auf meine Schulter. Ich schwitzte, ich sah immer mehr küssende Pärchen, aber Lex sah ich nicht mehr. Wo war er? Ich schob mich durch die tanzende Menge, irgendwer kniff mich, mir wurde schwindlig, aber ich fand Lex. Autsch. Er stand in einer Ecke, mit Marianne.

Ich begriff es schon. Er hatte gewettet.

Du bist der Trottel, Toni! Du bist der Loser. Lex und seine Freunde hatten gewettet.

Ich fühlte mich schwer und müde, vor allem in den Beinen und Füßen. Dass ein so gut aussehender Junge mich küsste, das war schon eigenartig. Er wusste, dass er mich haben konnte. Und Iris dachte, dass er auf sie fliegt. Pech gehabt. Ich dachte: Wetten, dass sie ihn auch geküsst hätte?

In der Nacht schliefen wir alle zusammen bei uns zu Hause auf dem Fußboden. Auf Matratzen. Meine Ohren sausten, alles klebte an mir, und ich hatte Hunger. Der Mond schien durchs Dachfenster. Neben mir lag eine schnarchende Lena, Iris lag auf einer anderen Matratze, Sanne schlief in meinem Bett. Der Mond machte ihr Gesicht bleich, sie atmete fast nicht.

Ich liebe den Mond, der Mond und ich sind uns ein bisschen ähnlich. Wir brauchen eine Sonne, um existieren zu können. Iris ist meine Sonne, das weiß ich, ohne Iris kann ich nicht sein. Iris ist klüger, hübscher. Ich bin ruhiger. Bei mir weiß keiner, was ich denke. Das liegt daran, dass ich es selbst oft nicht weiß. Ich will gern in etwas gut sein, aber andererseits finde ich das nicht wirklich wichtig. Denn ich kann alles ein bisschen.

Iris wird wütend und regt sich über Sachen auf, die mir egal sind, über Lex zum Beispiel, der eine andere küsst, oder über Onkel Walter, wenn er Max als dumm bezeichnet.

Früher wollte ich wie Iris sein. Sie nimmt alles so ernst, sie will die besten Zeugnisse. Ich kriege keine besonders guten und keine besonders schlechten Noten. Ich fühle mich manchmal wie eine Raupe, die sehr viele Beinchen braucht, um irgendwohin zu kommen, aber ich finde mich selbst okay. Ich mag kein Gequatsche, aber Geselligkeit. Wenn alles von selber geht und jeder macht, was er will und nicht beleidigt ist oder depri, bin ich zufrieden. Ich bin nicht streitsüchtig. Streit finde ich überflüssig und unnötig. Den einen Tag ist man böse, den anderen weiß man nicht mehr, warum man böse war. Also, was soll’s?

Papa ist mehr wie Iris. Die Dinge müssen genau so sein, wie sie es wollen. Max und ich sind anders. Max vor allem. Er ist immer höflich und freundlich. Unsere Freundinnen finden ihn süß. Er ist ein zu verrückter Bruder. Er regelt Sachen. »Ich deichsel das für dich.« Das sagt er oft. Frag nicht, wieso, aber jeder kennt Max, und Max kennt jeden. Aber wehe, jemand kritisiert ihn. Dann wird er blass und jähzornig.

In der Nacht nach der Party konnte ich nicht einschlafen. Ich dachte an Lex und an die Bakterien all der Mädchen, die er geküsst hatte. Diese Bakterien steckten jetzt auch in meinem Mund.

Ich drehte mich um und um. Mein Kissen lag nicht richtig, überall juckte es, ich bekam Kopfschmerzen. Und ich wollte Papas Brief lesen. Ich ging die Treppe hinunter, die knarrenden Stufen vermied ich. Ich schlitzte den Umschlag mit einem Brotmesser auf und machte Tee. Dann holte ich mir eine Decke, legte die Kissen auf der Couch zurecht und schaltete den Fernseher an.

Ich gehe öfter nachts nach unten. Ich liebe es, wenn das Haus dunkel und still ist. Ich habe keine Angst. Und ich lese gern, wenn leise MTV läuft.

Dies war der Brief. Ich las ihn zweimal.

Mädels, Max, liebe Kinder

Wie geht es Euch?

.