Vorwort

Es ist eine Illusion, weiterhin zu glauben, dass sich der vom Menschen verursachte Klimawandel noch aufhalten oder er wenigstens so weit abgemildern ließe, dass die Menschheit sich einigermaßen unbeschadet darin einrichten könnte. Nichts spricht heute dafür, dass die Klimaziele erreicht werden können, die uns vor einer Klimakatastrophe bewahren. Höchste Zeit also, sich der Zukunft des Überlebens der Menschen auf der Erde aus einer realistischen Perspektive zu widmen.

Dieses Buch stellt sich dem Problem des Überlebens im Klimachaos. Es geht davon aus, dass auch dramatische und rasante Veränderungen des Klimas nicht das Ende des menschlichen Lebens auf der Erde überhaupt bedeuten, wohl aber den Untergang der menschlichen Zivilisation und der "Menschheit", wie wir sie heute kennen und zum Selbstverständnis unserer Spezies gemacht haben.

Der Mensch kann sich unter den verschiedensten klimatischen Bedingungen einrichten, und auch die zukünftige Erde wird Bedingungen bieten, unter denen Menschen leben können. Allerdings wird die Phase des Klimachaos die meisten Infrastrukturen und sozialen Mechanismen zerstören, die das zivilisierte Leben in menschlichen Gesellschaften hervorgebracht hat und die dieses zugleich sichern. Es stellt sich die Frage, wie wir uns auf eine solche Zeit vorbereiten können, ohne die genauen Bedingungen heute schon vorhersagen zu können. Dazu gibt dieses Buch wichtige Impulse.

Impressum

Jörg Phil Friedrich
Was kommt nach dem Klimawandel?
Eine Spekulation

Herausgeber der Reihe: Florian Rötzer

Umschlaggestaltung & Herstellung: Michael Schuberthan

ISBN 978-3-95788-179-3 (V1)

Copyright © 2019 Heise Medien GmbH & Co. KG, Hannover

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Heise Medien GmbH & Co. KG
Karl-Wiechert-Allee 10
30625 Hannover

Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort

Verhinderung der Katastrophe ist kaum noch vorstellbar

Was Klimawandel praktisch bedeutet

Die Zeit der Zerstörung

Wie wir leben und sterben werden

Eine neue Erde

Was tun?

Über den Autor

Impressum

      

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Über den Autor

Jörg Phil Friedrich ist Diplom-Meteorologe und Philosoph mit dem Abschluss Master of Arts. Er schreibt zu politischen, gesellschaftlichen und alltäglichen Fragen aus Sicht der Philosophie. Zuletzt erschien sein Buch "Ist Wissenschaft, was Wissen schafft?".

Verhinderung der Katastrophe ist kaum noch vorstellbar

Das Klima wandelt sich dramatisch, so dramatisch, dass die ersten nicht mehr von einem Klimawandel, sondern von einer Klimakatastrophe reden. Es gibt Befürchtungen, dass durch die globale Erwärmung, die sich möglicherweise immer weiter beschleunigen wird, das Leben auf der Erde ausgelöscht werden könnte, dass wenigstens die Existenz der Menschheit bereits in einigen Jahrzehnten zu Ende gehen könnte.

So kommen etwa australische Forscher in einer aktuellen Untersuchung zu dem Ergebnis, dass die Wahrscheinlichkeit einer Erwärmung der Erde um 5 Grad bis Ende dieses Jahrhunderts selbst bei Einhaltung der Klimaziele aus dem Pariser Abkommen von 2015 hoch ist. Bereits bei einer Erwärmung um 4 Grad ist die Erhaltung einer globalen organisierten menschlichen Gemeinschaft jedoch nicht mehr möglich, warnen die Wissenschaftler. Schon 3 Grad wären katastrophal, und dieser Wert kann bereits 2050 erreicht sein. Joachim Schellnhuber, langjähriger Direktor des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung, spricht von einem sehr großen Risiko, dass unsere Zivilisation an ihr Ende kommt. Irgendwie werde die menschliche Spezies zwar überleben, aber wir werden fast alles zerstören, was wir über die letzten zweitausend Jahre aufgebaut haben.

Aus dieser Einschätzung werden Forderungen nach schnellen und dramatischen Veränderungen in Wirtschaft, Politik und Verbraucherverhalten abgeleitet. Um die Katastrophe und den Untergang der Zivilisation zu verhindern, müssten innerhalb weniger Jahre die Energieproduktion, die Mobilität und der gesamte Konsum überall auf der Welt ökologisch umgestaltet werden, in einer gewaltigen koordinierten Kraftanstrengung aller Regierungen, aller Wirtschaftsteilnehmer und aller Konsumenten müsste eine Neuausrichtung des Umgangs der Menschen mit den natürlichen Ressourcen und der Umwelt erfolgen. Die einzige Hoffnung dieser im Grunde pessimistischen Beurteilung der Lage der Menschheit besteht darin, dass vernünftige Menschen, wenn sie nur deutlich genug sehen, wo ihre Tatenlosigkeit hinführt, bereit und in der Lage dazu sein sollten, einen solchen Wandel in Angriff zu nehmen.

Oder gibt es technische Lösungen?

Dem stehen Optimisten gegenüber. Von denen, die immer noch meinen, dass es gar keinen dramatischen Klimawandel gäbe, wollen wir nicht reden. Aber es gibt auch die, die meinen, die Sache wäre aufzuhalten und am Ende könnte man sie technisch in den Griff bekommen. Das CO2 ließe sich aus der Atmosphäre wieder entziehen, entweder durch chemisch-physikalische Großtechnologien oder durch das Anpflanzen riesiger Wälder.

So hat ein internationales Forscherteam kürzlich gezeigt, dass es möglich ist, CO2 in einem chemischen Prozess wieder in festen Kohlenstoff zurückzuverwandeln. Benötigt werden dazu allerdings Katalysatoren aus Indium, Gallium und Cerium sowie große Mengen Energie, sodass das Verfahren überhaupt nur bei ausreichender Verfügbarkeit von erneuerbaren Energien sinnvoll wäre. Es ist klar: Wenn man Kohlendioxid wieder in Kohlenstoff und Sauerstoff zurückverwandeln will, benötigt man genauso viel Energie, wie bei der Verbrennung der Kohle einst freigesetzt wurde. Man muss quasi all die Energie, die für unsere Mobilität, für elektrisches Licht und für die Industrieproduktion in den letzten anderthalb Jahrhunderten gebraucht wurde, wieder re-investieren, um aus dem CO2 wieder Kohle zu machen.

Einen deutlichen Effekt zur Reduktion des CO2 in der Atmosphäre könnte man auch erreichen, wenn die Menschen beginnen würden, weltweit in großer Zahl Bäume anzupflanzen, das haben zuletzt Schweizer Forscher herausgefunden. So lange die Bäume wachsen, bauen sie in ihr wachsendes Holz Kohlenstoff ein, das sie aus dem atmosphärischen CO2 gewinnen. Etwa eine Milliarde Hektar Wald müsste weltweit angepflanzt werden, das wären 500 Milliarden kleine Bäume, die in den nächsten Jahrzehnten zu mächtigen Bäumen heranwachsen würden und damit natürliche Kohlenstoffspeicher wären. Die weltweite Waldfläche würde sich um rund ein Viertel vergrößern.

Die Forscher haben ermittelt, dass es auf der Erde heute genug Flächen für diese neuen Wälder gäbe, ohne dass landwirtschaftliche oder bewohnte Flächen beeinträchtigt würden. Allerdings schwindet die Größe der nutzbaren Fläche mit dem Klimawandel. Wenn dieser so weitergeht wie bisher, wird sie sich bis zur Jahrhundertmitte um drei Viertel reduzieren.

Forschungsergebnisse wie diese führen die Optimisten gegen die Ängste der Pessimisten ins Feld. Am Ende wäre den Menschen immer noch etwas eingefallen, um die Folgen ihres eigenen unbedachten Handelns beherrschbar zu machen. Man könne, um sich vor Überschwemmungen zu schützen, auch höhere Dämme entlang der Kontinente bauen, man werde neue Technologien finden, um unser schönes Leben auch im Klimawandel zu erhalten.

Begleitet werden solche optimistischen Prognosen durch Hinweise darauf, dass radikale Veränderungen des Umgangs der Menschen mit ihrer Umwelt, radikale Umstellungen in Wirtschaft und Konsum, für heutige Gesellschaften gar nicht möglich sind, dass der Klimaschutz sozial verträglich gestaltet werden muss, dass Ökonomie und Ökologie in Einklang gebracht werden müssten. Deshalb müssten technische, ökonomisch sinnvolle und politisch vertretbare Lösungen des Klimaproblems erarbeitet werden, die dann auch nach den Prinzipien erfolgreichen Wirtschaftens und maßvollen politischen Handelns zum Erfolg führen können.

Der Erfindungsreichtum und die Schöpferkraft der Menschen sind in der Tat fast unbegrenzt, wenn es darum geht, Lösungen für selbst verursachte Probleme zu finden. Allerdings deutet derzeit nichts darauf hin, dass es gelingen könnte, den dramatischen Anstieg der Konzentrationen der so genannten Treibhausgase in der Atmosphäre zu stoppen, geschweige denn, diese Konzentrationen wieder zu verringern. Keine Technologie der Energieeinsparung oder der Verbesserung des Wirkungsgrades von Maschinen, Motoren und Anlagen hat bisher dazu geführt, dass tatsächlich weniger Energie verbraucht oder Ressourcen geschont würden. Energiesparlampen und LED-Technik benutzen wir, um die Dunkelheit in den letzten Winkel hell auszuleuchten, und nicht, um Strom zu sparen. Bessere Verbrennungsmotoren erlauben es uns, schnellere, größere und schwerere Autos zu fahren.

Der technische Fortschritt ist zu langsam

Wer seine Hoffnung auf den technologischen Fortschritt setzt und meint, das, was in Forschungslaboren gerade erprobt wird, könnte uns saubere Energie oder sogar Techniken der CO2-Konzentrationsverrringerung in der Atmosphäre bringen, sollte sich einmal mit der Frage beschäftigen, wie lange es in den letzten Jahrzehnten dauerte, physikalische Wirkprinzipien tatsächlich in praxistaugliche Technik zu überführen. An der Energieproduktion durch Kernfusion etwa wird seit einem halben Jahrhundert geforscht, Industrienationen geben in gemeinsamer Anstrengung Milliarden dafür aus - aber eine kommerzielle Nutzung ist nicht in Sicht.

Eine neue Untersuchung britischer Forscher hat gerade gezeigt, dass es zumeist mehrere Jahrzehnte dauert, bis eine technologische Erfindung es zur Reife der breiten kommerziellen Nutzung bringt. Ausgerechnet die heute bekannten Technologien zur alternativen Energieerzeugung (Photovoltaik und Windkraft) brauchten mit rund vierzig Jahren besonders lange. Insgesamt waren für Technologien, die neue Infrastrukturen und Institutionen zu ihrer kommerziellen Nutzung benötigen, jeweils ungefähr vier Jahrzehnte erforderlich, bis aus der nachgewiesenen Möglichkeit eine breite wirtschaftliche Nutzung wurde. Wir müssen also davon ausgehen, dass alle Ideen zur technologischen Abwendung des Klimawandels, die heute entwickelt werden, erst weit nach 2050 zu ernsthaftem Einsatz kommen können - vorausgesetzt, dass der Klimawandel selbst uns bis dahin nicht schon ernsthaft in den Möglichkeiten zur Technologieentwicklung beschränkt.

Insgesamt gibt also schon die Erfahrung der vergangenen Jahrzehnte Grund zu der Annahme, dass die praxisreife Entwicklung von großen Klimaschutztechnologien mit dem Tempo des Klimawandels nicht mithalten wird. Das bedeutet nicht - auch darauf werden wir zurückkommen -, dass man die Entwicklung dieser Technologien einstellen sollte. Hier muss genau differenziert werden. Illusorisch ist aber, dass diese Techniken uns vor den Auswirkungen der Klimakatastrophe im Wesentlichen bewahren können.