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Copyright © 2019 Weibsbilder-Verlag

All rights reserved.

2. überarbeitete Neuauflage: März 2019

ISBN-E-Book: 978-3-96192-142-3

ISBN-Druck:978-3-96192-143-0


Weibsbilder-Verlag Catrin Kaltenborn

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Text: Angie Snow

Lektorat & Korrektur: Bernd Frielingsdorf

und Tanja Bugislaus

Umschlaggestaltung & Buch-Satz: Weibsbilder-Design


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Inhalt

Andy wandert auf Jobsuche als Skilehrer in die USA aus. In den einsamen Wäldern von Arapahoe Basin, 80 km von Denver entfernt, trifft er auf mehr, als er erwartet hatte.

Die Liebe zu seinem Job und die herzliche Aufnahme in der Gastfamilie erleichtern ihm die Trennung von seiner Familie und dem besten Freund Peter.

Neben einem süßen Zimmerkameraden lernt er den verheirateten Barbesitzer Tom kennen, in den er sich verliebt. Und dann begegnet ihm im Wald Sam, ein Schriftsteller, mit seinem Husky Ice. Als dann noch Sams Ex auftaucht und intrigiert, gerät einiges aus den Fugen.



Diese Geschichte ist bereits unter dem Titel "Never Stay Alone - Andy" erschienen. Das vorliegende Buch ist eine überarbeitete Neuauflage.


TITEL1





Mein erstes Buch widme ich meiner Schwester Andrea und ihrem Lebensgefährten Christian.


Kapitel 1

Saisonende! Gott sei Dank. Monate, die sich wie Jahre angefühlt hatten, waren endlich zu Ende. Monate, geprägt von ruhelosen Kindern, deren Eltern glaubten, den nächsten Olympiasieger in der Familie zu haben.

All die Seiltänze zwischen den Talenten des Nachwuchses und die in sie gestellten Erwartungen waren vorbei. Heute noch ein Umtrunk mit den Kollegen und danach kehrte wieder Ruhe im Ort ein.

Die letzten Wintertouris reisen zurück in ihre Heimatländer und die einheimischen Arbeiter fahren in den wohlverdienten Urlaub oder zu ihren Sommerjobs.


Am nächsten Tag um neun Uhr fanden sich die Skilehrer der Skischule Bernsteiner im Büro des Chefs ein. Franz und Julia waren die Ersten, die am runden Holztisch Platz genommen hatten. Sie warteten auf den Rest der verkaterten Kollegen. Nach und nach trudelte das Team ein. Vor allen Dingen Thomas sah man sein Gelage vom Vortag an. Augenringe, die bereits wie Brillenhämatome aussahen, und dieselbe Kleidung wie am Vortag sprachen eine deutliche Sprache. Auch Andreas hatte gerade noch die Kurve gekriegt, denn hinter ihm trafen schon die Chefs ein.

Als jeder auf seinem Platz saß, blieb Ewald stehen und klopfte gegen sein Wasserglas. Sofort war Ruhe.

»Ich möchte mich herzlichst bei euch allen für den reibungslosen Ablauf in dieser Saison bedanken. Es war nicht immer leicht, ich weiß. Die geringe Schneemenge vermasselte uns auch dieses Jahr wieder das Geschäft. Trotzdem haben wir einen positiven Abschluss«, meinte er zufrieden.

»Jo mei, heuer jammern alle. Sogar der Truxbichler hat unter der Saison vier Skilehrer heimgeschickt.« Franz, der Dienstälteste in der Runde, lehnte sich in seinem Sessel zurück.

»Seht ihr, genau das soll uns nicht passieren. Genießt jetzt mal in aller Ruhe euren Urlaub und überlegt euch, was ihr in der nächsten Saison machen wollt. Alle kann ich nämlich nicht mehr übernehmen, so leid es mir auch tut.«

Andreas, mit seinen einundzwanzig Jahren der Jüngste und Unerfahrenste, sagte kein Wort.

Ihm war schon klar, wenn er noch einmal dabei sein sollte, dann nur mit einem Gehalt, das ein Witz sein würde. Shit, ausgerechnet jetzt, wo er vorhatte, sich eine eigene Bude zu nehmen und zu Hause auszuziehen. Er wollte seine Vorliebe fürs eigene Geschlecht nicht ewig verstecken müssen.

Dass Franz, Julia und Thomas fix dabeibleiben würden, war klar. Genau das erklärte keine zwanzig Minuten später auch sein Chef – jetzt wohl Ex-Chef.

»Du wirst einmal ein super Skilehrer, Andy, du brauchst halt noch Erfahrung. Läge die Situation anders, könntest du sofort bleiben«, sagte ihm Ewald.

»Tjo, Chef, nur wo soll ich diese Erfahrungen sammeln? Geht ja allen gleich, egal, in welches Skigebiet du schaust. Sogar am Obertauern sind einige während der Saison heim oder erst gar nicht hingefahren, weil vor Januar nichts los war«, erwiderte Andy mit einem Seufzen.

Ewald konnte ihm nur recht geben und überlegte laut: »Wie wäre es denn mit einer Auslandssaison, Andy? Du bist ungebunden, hast hier keine Verpflichtungen und deine Eltern kommen gut allein zurecht. Das wäre eine einmalige Gelegenheit für dich, die Welt kennenzulernen und dir einen Namen zu machen.«

Das Wort »Ausland« ließ Andreas aufhorchen und er setzte sich aufrecht hin. Hoffnung keimte in ihm auf. Ins Ausland gehen, mal etwas ganz anderes sehen und ausprobieren … hm, das klang ja gar nicht so schlecht.

»Überleg es dir! Du musst mir ja nicht gleich Bescheid geben, aber wenn du Interesse hast, könnte ich dir einen Kontakt in Übersee vermitteln. Der Björn, ein alter Freund von mir, hat dort eine Skischule und wir sind immer noch in Kontakt«, stellte Ewald ihm in Aussicht.

»Andy, wie viele Fremdsprachen sprichst du?«, wollte er noch wissen.

»Englisch sehr gut. Französisch reicht für den Hausgebrauch, Chef«, antwortete Andy hocherfreut.

»Na, perfekt. Jetzt gehst heim, besprichst es mit deinen Eltern und übermorgen gibst mir dann Bescheid. Ich werde mal mit dem Björn telefonieren.«


Kapitel 2

Als Andy sich am Abend ins Bett legte, ließ er den ganzen Vormittag noch einmal Revue passieren.

Er war total aufgeregt, aber auch verunsichert und unschlüssig, was er machen sollte. Das Ganze musste erst einmal mit seinem besten Freund Peter besprochen werden. Schnell die Nummer gewählt und gehofft, dass Peter heute Zeit hatte.

»Peter Prammers, Kummernummer«, meldete dieser sich fast sofort.

»Hey, alte Socke, hättest kurz Zeit, um herüberzukommen, wäre wichtig«, fragte ihn Andy.

»Jepp, wir sehen uns in zehn Minuten, meine Alten nerven mich eh nur«, beschwerte sich sein Freund am anderen Ende. Andy grinste in sich hinein. Peters Eltern traktierten ihn immerzu, endlich ein Studium zu beginnen, während der Sohnemann einfach mal ein Jahr lang sein Leben genießen wollte. »Ich komme zu dir! Mach die Tür auf!«, sagte er und legte auf.

Kurz darauf läutete die Türglocke bei den Söllners. Andy zerrte seinen Freund sofort die Stiegen hinauf in sein Zimmer.

»Jo he, was hast du für eine Eile?«, fragte Peter mit einem Keuchen und zeigte damit seine beschissene Kondition.

»Setz dich hin, ich hol uns mal zwei Bier!« Andy verzichtete auf eine Antwort und ging stattdessen in die Küche.


Er bemerkte, dass Peter die Gesichtszüge immer mehr entgleisten, als der realisierte, dass sein bester Freund ihn verlassen und über den großen Teich gehen würde. »Na, was sagst du dazu?«, fragte ihn Andy, nachdem er ihm die Neuigkeiten erzählt hatte. Peter schienen im ersten Moment die Worte zu fehlen.

»Ja, ich weiß, dass ich auch studieren könnte, Peter. Es fällt mir ja nicht leicht, meine Familie und Freunde zurückzulassen. Vor allem dich würde ich sehr vermissen, aber anderseits möchte ich noch etwas erleben. Du kennst mich doch, ich fahre gerne Ski und liebe die Natur. Wir sind noch jung. In einem Büro sitzen und Geld scheffeln können wir später auch noch«, meinte Andy.

»Wir? Hörte ich da ein wir?«, fragte Peter erstaunt.

»Na ja, vielleicht hättest du ja auch Lust mitzukommen«, erwiderte Andy. Peter schnaubte.

»Und was soll ich dort machen? Ich habe keinen Abschluss als staatlicher Skilehrer. Auch sonst bin ich skitechnisch gesehen nicht zu gebrauchen. Nein, wenn, dann machst du dein Ding allein und wir warten hier brav, bis du wiederkommst.«


Andy schlief schlecht in dieser Nacht. Seit Peter gegangen war, fühlte er sich unsicherer als zuvor. Sicher, es war ein Risiko, aber doch ein kalkulierbares, oder? Er war einundzwanzig Jahre alt und er wollte sein Leben noch genießen. Wollte mit Menschen arbeiten, ihnen das beibringen, was er am besten konnte und am meisten liebte: Skifahren. Er hatte damit sein Hobby zum Beruf gemacht.

Na gut, die feschen Kollegen waren auch nicht zu verachten, obwohl die meisten seiner Kollegen eher auf Skihaserl standen. Also, auf die mit Airbag vorneweg. Aber bei ihrem letzten Praktikanten Pierre war Andy zweieinhalb Monate lang voll auf seine Kosten gekommen.

Himmel, war das ein heißer Feger gewesen. Sie hatten sich jede Nacht in dessen Zimmer die Seele aus dem Leib gevögelt. Als Pierre wieder in die Schweiz zurückmusste, beschlossen sie Kontakt zu halten, der allerdings nach einem halben Jahr eingeschlafen war. Er erinnerte sich sehr gern an Pierre. Sie hatten sich zwar nicht ineinander verliebt, aber sie waren sehr gute Freunde geworden. Freunde mit … ähm … Zusatzprivilegien.

Kirchberg, Andys Heimatdorf, mit seinen gerade mal fünftausend Einwohnern war eben keine Schwulenhochburg. Man vereinsamte dort sehr schnell. Schwulsein war auch im 21. Jahrhundert noch nicht wirklich etwas, das bei den Einheimischen gern gesehen wurde. Oder gar als etwas Normales galt. Je mehr Andy seine Situation überdachte, umso mehr stand für ihn fest, dass er das große Wagnis eingehen würde. Jetzt musste er morgen früh nur noch seine Eltern davon überzeugen.


Kapitel 3

Gleich beim gemeinsamen Frühstück legte Andy die Karten auf den Tisch und offenbarte den Eltern seine Zukunftspläne.

»Ja spinnst du, Bua ?« Die Stimme seines Vaters konnten sicher die Nachbarn auch noch hören. »Ich habe dir immer gesagt, du sollst was Ordentliches lernen oder studieren. Aber nein, unser Herr Sohn muss ja auf der Piste mit dem Arsch herumwackeln. Skilehrer, pah, das kann doch jeder Trottel machen. Dafür haben wir dir nicht die Matura ermöglicht, das hättest auch gleich nach dem Poly machen können«, donnerte er weiter und sprang auf.


»Geh, Ludwig, jetzt schrei nicht so herum. Komm, setz dich nieder und wir reden vernünftig mit dem Buam«, versuchte Andys Mutter Erika ihren Mann zu beruhigen. Die ewige Schlichterin im Hause Söllner befand sich, wie meistens, in einer sehr unangenehmen Lage. Auch sie wollte Andreas nicht ziehen lassen, ihm aber auch nicht im Weg stehen. Erika selbst war aus Kirchberg nie wirklich hinausgekommen. Na ja, die paar Urlaube in Kroatien und in Italien ausgenommen.

Als junges Mädchen hätte sie gerne mehr von der Welt gesehen, doch ihre Eltern waren der Meinung gewesen, dass eine Ehe und Kinder für ihr Dirndl genau das Richtige wären. Tja, dann traf sie auf dem Dorffest Ludwig und ein paar Jahre später kam Andreas. Genau deswegen wollte sie ihrem Sohn helfen, was natürlich mit Ludwig noch zu harten Diskussionen führen würde. Der war nie ein Abenteurer gewesen. Österreich, Tirol, Kirchdorf. Mehr brauchte Ludwig Söllner nicht. Aber Erika wusste, wie man ihren »sturen Esel« nehmen musste. Es dauerte einige Stunden, bis sie ihren Mann weichgeklopft hatte. Am nächsten Tag konnte sich Andy also auf den Weg machen, um bei Bernsteiner nachzufragen, was dieser bei seinem Freund erreicht hatte.


»Guten Morgen, Andy, bist ja schon früh auf«, begrüßte ihn Frau Bernsteiner und bat ihn ins Haus.

»Morgen, Chefin, ja, ich wollte mal nachfragen, ob der Chef schon was erreicht hat bei seinem Freund«, murmelte Andy und zupfte sich nervös die Haube vom Kopf.

»Geh rein ins Arbeitszimmer, ich sage ihm, dass du da bist. Magst einen Kaffee?«, fragte sie und machte sich auf den Weg in die Küche.

»Nein danke, hatte daheim schon einen«, rief Andy ihr nach und ging ins Büro. Er wurde immer unsicherer, konnte sich nicht ruhig hinsetzen. Er marschierte Dellen in das Parkett, bis Ewald Bernsteiner hereinkam.

»Guten Morgen, Andy«, grüßte dieser erfreut und setzte sich hinter den Schreibtisch. Er forderte Andy auf, Platz zu nehmen.

»Morgen, Chef«, antwortete Andy und setzte sich ihm gegenüber.

»Nix mehr Chef, sag Ewald zu mir. Unser Dienstverhältnis ist ja seit gestern beendet«, korrigierte ihn dieser mit einem schiefen Grinsen. »Also, wie schaut es jetzt aus, Andy, hast mit deinen Eltern geredet?« Bernsteiner lehnte sich in seinem Stuhl zurück und musterte ihn.

»Ja, es geht für sie in Ordnung – so irgendwie.« Andy grinste ebenfalls.


Ewald kannte Andys Eltern und vor allem dessen Vater. Dass dieser nicht begeistert von der Idee seines Sohnes war, brauchte er ihm nicht erzählen.

Ein fescher Kerl ist er ja, der Andy Söllner. Groß, schlank mit wohldefinierten Muskeln – Sportler durch und durch. Ein hübsches, ebenmäßig geschnittenes Gesicht und strahlend grüne Augen, dachte er so bei sich. Die hat er eindeutig von der Mutter, stellte Ewald schmunzelnd fest. Die Erika war schon immer ein tolles Weib gewesen. Sie wurde damals von den jungen Männern im Dorf heiß umschwärmt. Auch er war einer ihrer Verehrer gewesen. Lang, lang ist's her. Jetzt saß ihr Bub hier bei ihm, bereit, die große Welt zu entdecken. Björn würde ihn nehmen, hatte er ihm gestern gesagt. Na ja, mal schauen, was Andy dazu meinte.

»Also, Andy«, begann er, »ich habe gestern noch mit meinem Kumpel geredet und aufgrund meiner Empfehlung wäre er sofort bereit, dich zu nehmen. Natürlich sind da noch einige Formalitäten zu erledigen. Weißt eh, unsere hochgeschätzte Bürokratie. Von mir bekommst du ein super Arbeitszeugnis. Du hast die letzten Jahre eine tolle Arbeit bei mir geleistet, von den Touris gab es immer nur Lob. Auch mit irgendwelchen Weibergeschichten bist du nie aufgefallen, was ja in unserem Job schon Seltenheitswert hat«, erklärte Ewald weiter und lachte laut auf.


Andys Gesichtsfarbe wechselte in ein Tomatenrot, das sich bis zu seinen Ohren hinzog. Niemand wusste, dass er mit dem weiblichen Geschlecht so gar nichts anfangen konnte – niemand außer Peter. Aber im Moment wollte er eher erfahren, wohin, vor allem zu wem es ihn verschlagen sollte. Darum fragte er Ewald sofort danach, bevor dieser noch mehr über sein Liebesleben wissen wollte. Nicht dass es im Moment eines gegeben hätte. Aber er hatte keine Lust, darüber zu reden.


»Arapahoe Basin heißt das Skigebiet«, begann Ewald zu erzählen, »es ist circa 80 Kilometer von Denver entfernt und liegt auf 3.300 Meter Seehöhe, also höher als die Skigebiete bei uns. Die Liftanlagen gehen rauf bis fast 4.000 Meter. Da wird die Luft schon dünn. Du hast doch Skype daheim, oder?«

»Ja, hab ich, Ewald! Warum?«, wollte Andy wissen.

»Na, über Webcam kannst du dich mit dem Björn in Verbindung setzen, das werten wir dann als persönliches Vorstellungsgespräch. Es ist mit ihm alles schon abgesprochen. Die Reisekosten inklusive Rückflugticket bekommst du von meiner Frau und mir geschenkt«, meinte Ewald abschließend.


Kapitel 4

Drei Monate später und ziemlich müde landete Andy auf dem Denver-International-Airport. Fast zehn Stunden Flug und eine durchwachte Nacht forderten ihren Tribut. Der Zeitunterschied von 8 Stunden war nichts, das er schon mal erlebt hatte. Mit schlurfendem Schritt und kleinen Augen holte er sich sein Zeug vom Band und stapelte es auf einen Wagen. Dann schob er sich in Richtung Ausgang, wo, so Gott wollte, sein zukünftiger Chef auf ihn wartete. Nicht fähig, auch nur einen Schritt zu gehen, setzte er sich auf sein Gepäck und sah dem an ihm vorüberziehenden Menschenstrom nach. Er hatte mit seinem neuen Arbeitgeber in den letzten Monaten ausführlichen Kontakt gehabt. Die Sympathie schien auf beiden Seiten vorhanden zu sein. Andy gähnte verhalten, er kam sich einen Moment lang einsam und verloren vor.


»Andy, Andy!« Irgendjemand rief seinen Namen, sein Blick folgte der Stimme. Er konnte es nicht glauben. Keine zwanzig Meter vor ihm stand Björn, er winkte ihm fröhlich zu.

Er schnappte sich seinen Gepäckwagen, eilte auf ihn zu und wurde sofort in eine herzliche Umarmung gezogen.

»Willkommen in Denver. Du siehst ja total fertig aus, Andy«, begrüßte ihn Björn, löste sich etwas von dem Jungen und hielt ihn eine Armlänge von sich.

»Danke für diese nette Begrüßung«, murmelte Andy etwas verunsichert. Er ließ sich noch mal drücken. Björn war sicher einen Meter fünfundneunzig groß und somit gut zwanzig Zentimeter größer als er selbst, stellte Andy fest. Er wusste, dass sein zukünftiger Chef vor fünfundzwanzig Jahren aus Norwegen in die USA emigriert war. Seine Skischule in Arapahoe Basin hatte er einige Jahre später gegründet. Wie ihm Ewald erzählt hatte, lief sie super.

»Komm, lass uns mal zum Auto gehen. Ich glaube, das Wichtigste ist jetzt ein langer Schlaf für dich.« Björn lächelte wissend und bugsierte Andy zu seinem SUV. Kurze Zeit später waren sie auf dem Highway unterwegs und sein neuer Angestellter schon eingedöst.


Eineinhalb Stunden später brachte Björn das Auto vor seiner Blockhütte zum Stehen. Andy öffnete die Augen und kam aus dem Staunen nicht heraus. Das Haus passte perfekt in die Umgebung. Wohin er blickte, sah er nur Wald und Wiesen, einfach Natur pur. Er stieg aus und machte einen tiefen Atemzug. Andy fühlte sich hier sofort wohl. Schnell half er seinem Gastgeber, das Gepäck auszuladen. Währenddessen öffnete sich die Haustür und eine hübsche, dunkelhaarige Frau kam heraus.

»Willkommen in Arapahoe Basin, Andy. Komm rein und fühl dich wie zu Hause. Mein Name ist Lissa, ich bin Björns Frau.« Er nahm seinen Rucksack und ging mit ausgestrecktem Arm seiner zukünftigen Chefin entgegen. Die erwiderte kraftvoll seinen Händedruck und schob ihn ins Haus.

»Lass mal alles liegen und stehen, du hast sicher Hunger. Komm in die Küche, da habe ich schon eine Kleinigkeit vorbereitet. Ich hoffe, du magst Steaks, Pommes und Salat.« Lissa schaute ihn über die Schulter hinweg an und wartete auf seine Zustimmung.

»Ja, super«, meinte Andy, »ich könnt sogar einen Bären essen, so hungrig bin ich.«

»Na, dann alle Mann auf zur Essensschlacht. Keine Ahnung, wie ich Ewald oder deinen Eltern erklären soll, dass du gleich nach der Ankunft verhungert bist«, rief Björn. Schon saßen sie am Tisch und schlugen sich die Bäuche voll.

»Unsere Kinder wirst du morgen kennenlernen«, meinte Lissa, »die übernachten bei Freunden in Keystone. Also kannst du dich etwas einleben und in Ruhe deine erste Nacht hier genießen.« Nach dem Essen wurde ihm sein Zimmer gezeigt, das gemütlich eingerichtet war. Sogar ein eigenes Bad hatte er. Andy wünschte seinen neuen Chefs eine gute Nacht, dann zog er sich in sein Refugium zurück. E packt gleich seine Koffer aus und gönnte sich eine ausgiebige Dusche.

Unter dem heißen Wasserstrahl rekapitulierte er noch einmal die letzten Wochen. Na ja, die Trennung von seinen Eltern und Freunden war nicht einfach gewesen. Vor allem seiner Mutter machte der Abschied schwer zu schaffen. Er selbst hatte nur im Stress gestanden. Die ganzen Behördengänge, das Einkaufen und Packen für eine so lange, weite Reise hatten den Abschiedsschmerz erst gar nicht aufkommen lassen. Allerdings hatte er nicht mit einem so herzlichen Empfang gerechnet und war im Moment einfach rundherum glücklich und müde. Oh Mann, so müde.

Raus aus der Dusche, schlüpfte er sofort unter die warme Decke. Seine Eltern würde er gleich nach dem Frühstück anrufen.


»Aufstehen, Andy, komm frühstücken!« Lissas Stimme riss ihn aus seinen Träumen. Etwas verschlafen blickte er sich um. Ein paar Augenblicke brauchte er, um sich zu erinnern, wo er war.

»Ich komme gleich«, rief er zurück und sprang voller Tatendrang aus den Federn. Rasch noch eine Jeans, Socken und einen Sweater übergezogen, Zähne geputzt. Rein in die Schuhe, und schon rannte er die Treppen runter in die Küche.


»Langsam mit den jungen Pferden, wir haben keinen Stress«, rief Björn und lachte. »Komm, setz dich, nimm dir, was du willst. Stärke dich ordentlich. Wir haben heute noch einiges vor. Den ersten Schnee bekommen wir frühestens in zwei Monaten. Bis dahin müssen wir die Skischule noch auf Vordermann bringen. Zuerst werden wir die Skier und Snowboards begutachten. Ich hoffe, es sind noch ein paar taugliche dabei. Du hast ja deine eigenen Bretter mit, oder?«

Andy nickte.

»Wir haben immer wieder Aushilfsskilehrer, die erwarten von uns, dass wir ihnen das Arbeitsgerät zur Verfügung stellen. Sie bleiben meist nicht sehr lange und nehmen ihre eigene Ausrüstung erst gar nicht mit. Den wenigsten gefällt es bei uns so gut, dass sie eine oder gar mehrere Saisons durchhalten. Wie dir auffallen wird, sind wir ein eher kleines Skigebiet. Bei uns steppt nicht gerade der Bär. Auch was den Après-Ski betrifft. Da sind Beaver Creek sowie Aspen schon andere Kaliber und reizvoller. Trotzdem sind wir jeden Winter ausgebucht«, erzählte Björn weiter. Er beobachtete Andy von der Seite, um seine Reaktion zu sehen. Immerhin war dieser ja auch noch ein junger Bursche mit Bedürfnissen.

»Ich will den Leuten Skifahren beibringen, das ist mir am wichtigsten. Sie sollen Spaß haben, wenn sie die Pisten herunterwedeln. Saufen, Mädels abschleppen 'lernen sie eh von allein, da brauchen sie meine Hilfe nicht«, antwortete der junge Mann mit fester Stimme.

»Okay, Andy, dann lass uns mal fertig essen und ich zeige dir deinen zukünftigen Arbeitsbereich.«


Fünf Minuten vom Wohnhaus entfernt stand die Blockhütte, in der die Skischule untergebracht war. Björns Ski School, stand in Großbuchstaben über der Ladentür. Björn sperrte auf und Andy bemerkte die abgestandene Luft.

»Reiß einfach die Fenster auf, wir brauchen dringend frische Luft«, sagte Björn zu Andy.

»Komm, ich zeige dir die Pausenräume und den Skistall, Andy.« Björn tippte ihm auf die Schulter und ging voran. Andy folgte seinem Chef und lugte neugierig in alle Ecken. Na, das sah ja nicht so schlimm wie befürchtet aus. Mit Wasser und Lappen wäre in kurzer Zeit wieder alles wie neu. Nur als er die Skier und Boards begutachtete, schwante ihm Übles. Björn bemerkte seinen Blick und schüttelte betrübt den Kopf.

»Jedes Jahr dasselbe. Nur weil sie ihnen nicht gehören, passen sie nicht darauf auf. Ich war bereits so weit, ihnen die kaputten Teile in Rechnung zu stellen. Keine Chance, die meisten sind so schnell weg, da habe ich die Ruinen, die sie hinterlassen haben, noch gar nicht gesehen. Traurig, aber wahr«, wetterte Björn. Andy bemerkte, wie sehr dieser Vandalismus Björn an die Nieren ging – er selbst würde ausrasten.

»Weißt du was, mein Junge, wir suchen die, die noch zu retten sind, heraus, den Rest schmeißen wir weg. Hilft eh nichts«, meinte Björn, nachdem sie eine Zeit lang das Dilemma betrachtet hatten.

Stunden später waren nur noch vier Paar Carver und ein Board übrig, alles andere lag vor der Hütte und wartete auf den Abtransport.

»Tja, so schnell ist man knapp siebentausend Dollar los.« Björn seufzte betrübt. »Also, ich mache vorne noch etwas Klarschiff, kümmere du dich um den Aufenthaltsraum. Wenn du etwas vermisst, schreib es einfach auf. Ich muss die Tage noch mal nach Denver, da besorge ich dann den Rest.«

Stolz klopfte Björn seinem Mitstreiter auf die Schulter, nachdem sie am Abend und mit vereinten Kräften ihr Vorhaben beendet hatten.

»Ich wusste von Anfang an, dass du für uns ein Glücksgriff bist«, lobte er ihn. Andy errötete bei diesem Lob. Er platzte fast vor Stolz.


Mit müden Schritten ging es Richtung Haus zurück. Einem warmen Essen entgegen. Lissa hatte einen leckeren Eintopf gekocht.