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Adora Belle

Gay Romance



Sämtliche Personen sowie Orte und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck oder eine andere Verwertung, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Genehmigung des Verlages.

Nur in unserer Fantasy ist ungeschützter Sex sicher. Schütze dich und deinen Partner, benutze ein Kondom!

Auch wenn Erotik nur einen kleinen Teil der Handlung ausmacht, ist dieses Buch ausschließlich für Leser, die volljährig sind und keinen Anstoß an der Darstellung sexueller Handlungen zwischen zwei Männern nehmen.


Inhalt


Marius, der Chef von MB-Escorts, ist seit Jahren verliebt – in seinen jüngeren Stiefbruder Konrad. Doch der Mann ist geradezu der Inbegriff oberflächlicher Flatterhaftigkeit. Immer wieder taucht er unangekündigt bei Marius auf, teilt mit ihm für eine Weile Bett und Wohnung und verschwindet dann erneut für unbestimmte Zeit.

Marius ist verzweifelt und sieht schließlich keinen anderen Ausweg mehr, als seinen Stiefbruder endgültig vor die Tür zu setzen und sich von ihm zu distanzieren. Doch kurz darauf steht Konrad in seiner Agentur und will unbedingt als Escort für ihn arbeiten. Nur widerwillig lässt Marius sich darauf ein, vor allem deshalb, weil Konni scheinbar noch andere Schwierigkeiten hat, die er jedoch zu verheimlichen sucht.

Marius will dem geliebten Mann unbedingt helfen, doch dabei stellt sich rasch heraus, dass das für sie beide sogar lebensgefährlich sein könnte …


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Nachdem sich die Tür meines Büros hinter Maxim geschlossen hat, lehne ich mich in meinem Schreibtischsessel zurück und schließe für einen Moment die Augen. Gott, was ist das alles doch für eine verfahrene Scheiße…

Mein Kopf pocht, aber nicht weil ich getrunken oder irgendwelche Ausschweifungen genossen hätte.

Wenn es mal nur so wäre! Nein, es ist nur einfach so, wie mein werter Herr Großpapa immer zu sagen pflegte: Wenn es mal kommt, dann knüppeldick.

Nun war es wahrhaftig nicht mein Jugendtraum, eines Tages eine eigene Escort-Agentur für Homosexuelle zu leiten, das hat sich im Laufe der Jahre einfach so ergeben. Ursprünglich habe ich mal Betriebswirtschaft studiert. Ja, ja, ich weiß, wer nichts wird, wird Wirt und wer gar nichts wird, Betriebswirt. Der Witz ist uralt.

Aber zugegebenermaßen nicht völlig abwegig, zumindest nicht in meinem Fall. Ich hatte nämlich tatsächlich, wie man so schön sagt, null Plan, was ich mit meinem Abschluss mal anfangen wollte. Ich wusste nur, dass ich ein Händchen für Zahlen und den passenden Kopf dazu hatte.

In erster Linie war meine Studentenzeit aber erst mal die Phase meines Lebens, in der ich mich und meine schwule Seite so richtig ausleben konnte. Zu Hause bei meinen Eltern, oder besser: bei meiner Mutter und meinem Stiefvater, war Homosexualität im Allgemeinen und meine im Besonderen kein Thema, über das offen gesprochen wurde. Mein Outing mit siebzehn wurde … sagen wir mal – „zur Kenntnis genommen“. Mehr aber auch nicht.

Mit meinem reichlich konservativen Erzeuger oder meiner ebenfalls ziemlich spießigen Mutter über Dinge wie Liebeskummer oder gar Sex – noch dazu schwulen Sex, igitt! – zu sprechen, kam nicht infrage. Der erste Versuch in dieser Richtung bewirkte bloß, dass meine Mutter mich anschaute, als wäre mir ein zweiter Kopf gewachsen und dann ohne weiteren Kommentar das Thema wechselte. Danach hätte ich mir lieber die Zunge abgebissen, als es noch mal zu versuchen.

Die einzige Person, mit der ich unbefangen über dieses Thema reden konnte, war mein Bruder Konrad oder, besser gesagt, mein Stiefbruder. Obwohl er etwas jünger war als ich und – jedenfalls in seiner Pubertät und so weit ich es damals sagen konnte – nicht die geringsten schwulen Tendenzen aufwies, hörte er mir immer zu und war vollkommen vorurteilsfrei.

Wieso Stiefbruder werden jetzt manche sich wundern. Tja, so verklemmt meine leiblichen Eltern in allem, was mit Sex zu tun hat, auch sein mögen, eins haben sie trotzdem nie geschafft: als Paar miteinander zu leben, geschweige denn, einander zu heiraten.

Stattdessen haben sie sich beide anderweitig gebunden und sprechen, seit ich volljährig bin, ohnehin kaum noch miteinander. Nicht weil sie sich spinnefeind geworden wären oder so, sondern einfach, weil ihnen außer den Gemeinsamkeiten inzwischen auch die Berührungspunkte fehlen. Ohnehin glaube ich, das Einzige, was sie lange genug aneinanderband, um mich, ihren gemeinsamen Sohn zu zeugen, war die gegenseitige körperliche Anziehung. Und für die schämen sich die beiden vermutlich heute noch, so verklemmt wie sie immer drauf waren.

Als ich mich damals ankündigte, war die erwähnte körperliche Anziehung übrigens schon längst nicht mehr groß genug, um auch notwendigerweise in eine Ehe zu münden. Da meine Mutter sich im Gegenzug aber auch nicht mit der Vorstellung anfreunden konnte, die Schwangerschaft abzubrechen, einigte man sich anderweitig.

Sie hat dann – im Gegensatz zu meinem Erzeuger, der nicht nur bis heute keine weiteren Kinder in die Welt gesetzt hat, sondern noch dazu ledig geblieben ist –, als ich zwölf war, den Antrag eines vermögenden Witwers angenommen, der ebenfalls einen Sohn mit in die Ehe gebracht hat, eben besagten Konrad.

Er ist vier Jahre jünger als ich und zählt damit heute zweiunddreißig Lenze. Ihm bedeutet das vermutlich wenig, denn seit etlichen Jahren pflegt er einen … sagen wir mal wohlwollend, recht unkonventionellen Lebensstil, um den ich ihn manchmal durchaus beneide. Er lebt sozusagen von der Hand in den Mund und – so weit ich es beurteilen kann, plant er kaum etwas im Voraus. Er hat keinen richtigen Beruf erlernt, reist in der Weltgeschichte herum und hatte schon lange keinen festen Wohnsitz mehr. Oft ist er für Monate oder sogar Jahre verschollen, bis er unangekündigt eines Tages wieder vor der Tür steht – meistens ist es übrigens meine Tür –, sich für unbestimmte Zeit ohne zu fragen einquartiert und schließlich wieder ohne jede Vorwarnung verschwindet.

Manche würden ihn vielleicht sogar einen Lebenskünstler nennen, andere, wie beispielsweise mein Stiefvater, haben allerdings weniger schmeichelhafte Bezeichnungen für ihn.

Für mich wäre ein Lebensstil, wie Konrad ihn pflegt, undenkbar, aber das ändert rein gar nichts an dem unwiderstehlichen Reiz, den mein Stiefbruder auf mich ausübt, denn leider ist er nicht nur seit meinem zwanzigsten Lebensjahr der feuchte Traum meiner schlaflosen Nächte, sondern ich gebe mir selbst zumindest eine Teilschuld an seinem unsteten Lebenswandel …

Okay, vielleicht sind es doch eher Albträume, die er mir beschert, aber ich habe es mir auch ganz sicher nicht ausgesucht, mich ausgerechnet in meinen flatterhaften Stiefbruder zu verlieben und diese Gefühle nie wieder loszuwerden.

Nicht, dass ich es nicht versucht hätte. Wie ich ja weiter oben schon erwähnt habe, nutzte ich meine Studienzeit fern der Heimat weidlich aus und trieb mich mindestens genau so oft in der schwulen Szene herum wie in irgendwelchen Hörsälen und Seminaren. Zeitweise sogar öfter.

Ich kann wohl ohne Übertreibung von mir behaupten, dass ich ganz gut aussehe und ich hatte dementsprechend Erfolg damit, andere Kerle abzuschleppen oder wahlweise mich abschleppen zu lassen. Leider war aber nie einer darunter, der mich Konrad hätte vergessen lassen …

Konrad war als junger Mann – und wie ich seit gestern weiß, ist er es noch immer – der Inbegriff eines auf mysteriöse Weise alterslos scheinenden Twinks. Dass er die dreißig bereits hinter sich gelassen hat, sieht man ihm kaum an. Ich schwöre, er hat kein einziges graues Haar, sein Gesicht ist beneidenswert faltenfrei und er wirkt noch immer wie der fröhliche, blonde und blauäugige Lausbub, als den ich ihn vor etwas über vierundzwanzig Jahren kennenlernte.

Na ja, okay, da spricht vermutlich die Vernarrtheit aus mir, aber zumindest kommt es mir so vor, als hätte er sich kein bisschen verändert. Jedenfalls nimmt er für mein Gefühl das Leben noch immer ziemlich auf die leichte Schulter.

Er ist aus unserem Elternhaus ausgezogen, da war er kaum achtzehn. Die Schule warf er auch gleich hin, wo er schon mal dabei war, quartierte sich in einer WG ein und lebte von Gelegenheitsjobs.

Ein knappes halbes Jahr später begab er sich auf seinen allerersten Weltenbummler-Trip, der ihn schon gleich nach Indien führte, und ab diesem Zeitpunkt war er für über drei Jahre komplett von der Bildfläche verschwunden.

Er schrieb keine Postkarten, er rief nicht an und niemand, nicht mal unsere Eltern, wusste, wo er steckte.

Das war die schlimmste Zeit meines Lebens, denn insgeheim gab ich mir selbst die Schuld für Konrads Verschwinden. Was sein Vater und meine Mutter nämlich nicht wussten, war, dass ich ihn kurz vor seiner Abreise noch einmal in der WG besucht, mit ihm zusammen ein paar Joints geraucht und anschließend eine im reinsten Wortsinne rauschhafte und mehr als heiße Nacht verbracht hatte.

Es war die Erfüllung meiner Wunschträume und in meinem bekifften Zustand plus Glückstaumel kam ich im Laufe der Nacht nicht ein einziges Mal auf den Gedanken, mein Handeln zu hinterfragen oder mich zumindest darüber zu wundern, wie selbstverständlich es für Konrad zu sein schien, mit einem Mann Sex zu haben. Das soll jetzt nicht heißen, dass er auf mich einen erfahrenen Eindruck machte, aber die Initiative war eindeutig von ihm ausgegangen und auch während des Ganzen wirkte er nicht einen Moment lang unsicher oder abgestoßen. Ganz im Gegenteil.

Wenn ich jedoch insgeheim darauf gehofft haben sollte, dass das unsere Beziehung auf eine andere Ebene heben und uns quasi einen Paar-Status verleihen würde, sah ich mich getäuscht. Am nächsten Morgen war die Atmosphäre zwischen uns nämlich mehr als angespannt. Konrad war wie ausgewechselt, stand völlig neben sich, beschuldigte mich, seinen Zustand, wie er es nannte, schamlos ausgenutzt zu haben und warf mich in aller Herrgottsfrühe in halb bekleidetem Zustand aus der Wohnung.

Er sei nicht schwul und wäre er nicht bekifft gewesen, es wäre nie etwas zwischen uns passiert, schließlich sei er nicht so pervers, dass er es bei klarem Verstand mit dem eigenen Bruder treiben würde, rief er mir zum Abschied noch hinterher. Dann knallte er die Tür hinter mir zu und ließ mich einfach halb nackt im Treppenhaus stehen. Meine Welt brach unter donnerndem Getöse in sich zusammen. Ich war ein abartiges Monster, ein Schwein, dass den eigenen Bruder … na gut, Stiefbruder, aber trotzdem – also, den eigenen Stiefbruder verführt, dessen Zustand ausgenutzt und ihn dadurch tief verletzt hatte!

Von Scham und Reue zerrissen streifte ich im Hausflur hastig meine Klamotten über und floh vom Ort meiner Schande.

Als ich drei Tage später dann endlich den Mut aufbrachte, Konrad noch einmal zu besuchen und mich zu entschuldigen, erklärte mir einer seiner Mitbewohner reichlich angepisst, dass der Gesuchte seine Siebensachen gepackt hatte und quasi bei Nacht und Nebel abgehauen war, ohne die ausstehende Miete für die letzten drei Monate zu bezahlen oder wenigstens eine Adresse zu hinterlassen, wo man ihn erreichen könnte.

Natürlich beglich ich seine Schulden für ihn. Ich glaubte, ihm wenigstens das schuldig zu sein. Doch anschließend blieb mir nichts weiter zu tun, als zu warten und zu hoffen. Drei lange Jahre.

Dann stand Konrad plötzlich, wie zuvor beschrieben, unangemeldet vor meiner Tür. Braun gebrannt, gut gelaunt und offensichtlich um einige schwule Erfahrungen reicher. Das bewies er mir noch in derselben Nacht, als er unaufgefordert in mein Bett geklettert kam und ohne jede Hemmung bei mir Hand anlegte.

Anfangs war ich überrascht, überrumpelt, ein kleines bisschen bestürzt, aber dann reagierte mein Körper auf das, was der von mir so begehrte Mann da anstellte, und von da an verselbstständigte sich die Sache. Wann immer wir zusammen allein waren, hatten wir Sex, in jeder nur denkbaren Variante, und waren wir nicht allein, fanden wir irgendeinen Weg, uns zumindest so viel Privatsphäre zu verschaffen, dass eine schnelle heiße Nummer möglich war. Ich war buchstäblich selig und schwebte im siebten Himmel.

Die Landung erwies sich allerdings als reichlich unsanft, als ich nach etwa einem Monat voller Sex und Glückseligkeit eines Abends nach Hause kam und Konrad erneut spurlos verschwunden war. Ich rannte wie ein Irrer von einem Raum zum anderen, auf der Suche nach ihm oder wenigstens einer Nachricht, einem Zettel, einer kurzen Notiz, die mir sagte, wo er hingegangen war oder wann er zurückkäme, jedoch vergeblich. Konrad war verschwunden und hatte mir nichts hinterlassen, außer einem Loch in meinem Herzen, meiner Seele und – wenn auch in weitaus geringerem Maße – auf meinem Bankkonto.

Kurz vor seinem Verschwinden hatte er sich Geld von mir geliehen. Keine besonders hohe Summe, denn wie bereits erwähnt war er einer dieser Menschen, die ohne viele materielle Dinge auskamen. Sein einziges Gepäckstück war ein zerschlissener Rucksack gewesen und auch seine Kleider waren offensichtlich oft getragen worden. Doch als ich ihm vorschlagen hatte, ihn mit neuer Garderobe auszustatten, wo er ja nun bei mir lebte, hatte er nur lachend den Kopf geschüttelt und gemeint, dass er alles hätte, was er brauchte.

Schon deshalb hatte ich ihm das erbetene Geld gern gegeben. Insgeheim hatte ich seine Bitte wohl als Anzeichen dafür gesehen, dass Konrad mit mir zusammen sesshaft werden wollte und das war ja haargenau das, was ich mir insgeheim am meisten wünschte. Wie unglaublich naiv von mir!

So erging es mir dann im Laufe der folgenden Jahre immer wieder. Mein Stiefbruder tauchte unerwartet auf, blieb eine Weile und verließ mich schließlich erneut, um für eine unbekannte Zeitspanne vollkommen in der Versenkung zu verschwinden. Wenn er gerade bei mir weilte und ich ihn fragte, wie lange er zu bleiben beabsichtigte, zuckte er lächelnd die Achseln oder gab eine unbestimmte Antwort.

Oft benutzte er auch Sex, um unangenehmen Fragen auszuweichen. Das Einzige, worüber er gern sprach, waren die Dinge, die er auf seinen Reisen gesehen oder erlebt hatte. Er erzählte von fremden Ländern, von Indien, Kuba oder Nepal, Orten, die ich nur aus dem Fernsehen oder Büchern kannte. Von den örtlichen Gepflogenheiten, von skurrilen Traditionen und komischen Begebenheiten. Jedes Mal hing ich an seinen Lippen und hoffte auf das Wunder, von dem ich wusste, dass es nie eintreten würde, darauf, dass er eines Tages zugab, seine eigentliche Heimat bei mir gefunden zu haben. Und obwohl ich bald das Muster in seinem Verhalten erkannte und begriff, dass ein neuerlicher Abschied bevorstand, wenn er mich um Geld bat, konnte ich ihm seine Bitte doch nie abschlagen.

War er fort und ich wieder allein, kam es freilich mehr als einmal vor, dass ich ihn zum Teufel wünschte, mir fest vornahm, ihm bei seinem nächsten Auftauchen die Tür zu weisen, statt ihn wieder bei mir aufzunehmen, oder mich zumindest nicht mehr auf eine sexuelle Beziehung zu ihm einzulassen, aber es war vergeblich.

Konrad war wie eine Droge für mich. Ich litt wie ein Tier, wenn er mich verließ, brauchte jedes Mal Wochen, um einigermaßen darüber hinwegzukommen, wenn er ohne Abschied gegangen war, aber sobald er wieder auftauchte, verfiel ich ihm erneut innerhalb kürzester Zeit.

So wie gestern.

Am späten Abend hatte es an meiner Haustür geläutet und als ich öffnete, hatte er davor gestanden.

„Hallo Marius“, sagte er und lächelte mich an, als hätten wir uns gestern zuletzt gesehen und nicht vor über zwei Jahren.

„Konrad“, murmelte ich und wich automatisch beiseite, als er sich wie selbstverständlich an mir vorbei ins Innere des Hauses schob. In meinem Bauch mischten sich wilde Freude und heftiges Unbehagen, denn jedes Auftauchen von Konrad setzt bei mir auch unweigerlich eine Art innere Uhr in Gang. Allerdings eine, bei der ich nie im Voraus wusste, wann sie abgelaufen sein würde.

„Hast du was zu essen für mich?“, drang seine Stimme an mein Ohr. „Ich sterbe vor Hunger.“

Tja, was soll ich weiter sagen?

Selbstverständlich bekam Konrad etwas gegen seinen nagenden Hunger und er putzte eine Portion weg, die mir für mindestens drei Tage gereicht hätte. Dabei war er ungewohnt schweigsam und ich sah ihm einfach nur zu. Normalerweise sprudelte er immer über vor Geschichten über all die Dinge, die er wieder erlebt hatte, über Länder, Menschen, Begegnungen, doch diesmal nicht. Er schaufelte einfach nur das Essen in sich hinein. Anschließend packte er seine dreckigen Klamotten in meine Waschmaschine, stellte sich selbst unter die Dusche und krabbelte am Ende mit einem glücklichen, wenn auch reichlich erschöpft klingenden Seufzer in mein Bett.

„Lass uns morgen reden, Marius“, hörte ich ihn noch leise murmeln. „Bin echt todmüde.“

Und schwupps, war er auch schon eingeschlafen. Ich setzte mich auf die Bettkante, betrachtete ihn und war hin- und hergerissen. Einerseits zog sich mir das Herz vor Glück und Sehnsucht zusammen, weil er endlich wieder da war, andererseits fürchtete ich bereits die unweigerlich erneut bevorstehende Trennung. Ich rang mit mir, darum, was ich wollte und was ich fühlte. Streng genommen tue ich es immer noch. Denn so sehr ich Konrad bei mir haben will, ihn im Arm halten, küssen, streicheln, seinen nackten Körper erforschen und an meinem spüren, so wenig will ich diesen Moment erleben, wenn ich mich – wie schon so oft – der Erkenntnis stellen muss, dass er wieder mal ohne ein Wort verschwunden ist.

Konsequent wäre es, einen endgültigen Schlussstrich zu ziehen, ihn vor die Tür zu setzen und unmissverständlich klarzumachen, dass ich für dieses Spielchen, das er da seit fast fünfzehn Jahren mit mir spielt, nicht mehr zu haben bin. Oder besser ausgedrückt: Dass ich zwar zu haben bin, aber entweder ganz oder eben gar nicht.

Vermutlich ist es der Angst geschuldet, ihn nie wiederzusehen, dass ich diese Konsequenz nicht aufbringe.

Die halbe Nacht lag ich wach neben ihm und lauschte seinem Atem. Nachdem ich schließlich doch in einen oberflächlichen Schlaf sank, schreckte ich hoch, sobald Konrad sich neben mir bewegte und war am Ende beinahe froh, als der Wecker losging.

Mein Stiefbruder drehte sich nur murmelnd auf die andere Seite und zog sich die Decke über den Kopf. Ich dagegen musste aufstehen und mich meinem Tag stellen, der noch eine unerfreuliche Überraschung parat hielt. Meine Laune war durch Schlafmangel und Konrads plötzliches Auftauchen schon ohnehin nicht die allerbeste, als Mareike, meine bewährte Sekretärin und gute Seele der gesamten Agentur, mir kurz nach neun Uhr früh ein Schreiben auf den Tisch legte. Ein Kurier hatte es gebracht und sofort schwante mir Übles.

Meine Ahnung bewahrheitete sich leider, denn das Schreiben kam von einem Anwalt, den einer unserer Kunden eingeschaltet hatte, um Schadenersatz und Schmerzensgeld von meiner Agentur einzufordern.

Hintergrund des Ganzen ist eine Buchung seinerseits. Am vorigen Abend ist er mit Nikita, einem meiner Escorts, verabredet gewesen, laut meinen Unterlagen handelte es sich um einen einfachen Termin, Abendessen und anschließender Besuch eines Theaterstücks.

Leider ist die Sache aber wohl aus dem Ruder gelaufen, denn der Kunde beklagt ein blaues Auge und einen ausgeschlagenen Zahn. Und leider muss ich zugeben, dass es nicht die erste Beschwerde dieser Art über Nikita ist, der im wahren Leben allerdings Maxim heißt. Der Kleine hat eine Menge durchgemacht, bevor er eines Tages hier in der Agentur erschien und sich um eine Stellung bewarb. Einer unserer Stammkunden hatte ihn empfohlen, nachdem er ihn irgendwo auf dem Straßenstrich aufgegabelt hatte. Normalerweise ist das nicht der Ort, an dem ich meine Escorts rekrutiere, und ohne diese Empfehlung hätte ich den Jungen vermutlich nicht eingestellt, aber der besagte Stammkunde sang ein regelrechtes Loblied auf ihn. Ich glaube ja, er war ein bisschen verknallt in den Kleinen.

Nachdem Mareike dann auch noch sofort ihr weiches Mutterherz an den Knirps verloren hatte und wir zu diesem Zeitpunkt ohnehin ein wenig unter Personalmangel litten, hatte ich zugestimmt, es mit ihm zu versuchen.

Im Grunde keine falsche Entscheidung, denn Nikita/Maxim ist nicht nur hübsch, er hat auch was im Köpfchen und bringt für gewöhnlich gutes Geld in die Kasse der Agentur. Leider hat er aber ein zunehmendes Aggressionsproblem und das kann ich mir auf Dauer nicht leisten. Es wirft ein schlechtes Licht auf meine Agentur und sorgt für miese PR.

Manch einer denkt vielleicht, in einer Escort-Agentur wären die Angestellten grundsätzlich dazu verpflichtet, mit ihren Kunden auch ins Bett zu steigen. Ganz im Gegenteil steht aber – jedenfalls auf der Webseite von MB-Escorts – für potenzielle Kunden deutlich sichtbar zu lesen, dass wir nur seriöse Begleiter vermitteln und sexuelle Dienstleistungen nicht Bestandteil einer etwaigen Buchung sind. Schließlich führe ich keinen Online-Puff.

Natürlich ist mir klar, dass etliche unserer Escorts das unterlaufen, indem sie Sex mit Kunden haben und das Geld dafür in die eigene Tasche stecken, ich bin ja nicht blöd. Und dass es im Gegenzug auch genügend Kerle gibt, die in einem Escort tatsächlich nichts anderes sehen als eine besonders teure Hure, ist mir genauso klar. Und in vielen Agenturen ist es ja auch tatsächlich so, dass Sex mit den Kunden dazugehört.

Offiziell weiß ich von all dem aber nichts und ich will auch von den auf diese Weise erzielten Zusatzeinkünften nichts abhaben. Das reine Escort-Geschäft bringt genug ein. Man kann mir sicher einiges nachsagen, aber ich bin weder gierig noch skrupellos.

Wenn ein Escort mit einem Kunden allerdings auf keinen Fall intim werden will, muss er das auf eine Weise vermitteln, die selbigen möglichst nicht vergrätzt, und genau hier liegt der Hund begraben, wie man so schön sagt, denn das fällt Nikita scheinbar immer schwerer.

Vor einigen Monaten hat er schon mal einen Kunden geohrfeigt, als der zudringlich wurde, und ich war mir schon beim Lesen des Schriftstücks ziemlich sicher, dass der Vogel, der mir dieses anwaltliche Schreiben hat zustellen lassen, seine Griffel ebenfalls nicht unter Kontrolle hatte.

Nikita selbst hat mir das soeben bestätigt, was er jedoch nicht hat, sind Zeugen für den Vorfall. Aber selbst wenn er die hätte, würde das am Ergebnis erst mal nichts ändern, denn die Pissnelke von Kunde hat ganz offensichtlich bereits fleißig böse Gerüchte gestreut. Mehrere Buchungen für die nächsten Tage wurden schon heute Morgen storniert und mir wird nichts anderes übrig bleiben, als dem Arschloch zumindest in eingeschränkter Form entgegenzukommen, wenn ich weiteres Ungemach von MB-Escorts abwenden will.

Nikita ist vorerst beurlaubt, bis genügend Gras über die Sache gewachsen ist. Hoffentlich reicht das aus, um Schadensbegrenzung zu betreiben.

Ich zweifle nicht daran, dass der kurzfristige Einbruch schon bald wieder Geschichte ist, wir haben am Markt einen guten Ruf und die Verleumdungen eines Einzelnen werden es nicht schaffen, ihn dauerhaft zu beschädigen, aber ärgerlich ist es trotzdem.

Mit den Fingerspitzen der Hände massiere ich meine Schläfen, während ich mir das Gespräch mit Nikita noch einmal durch den Kopf gehen lasse. War ich zu hart zu dem Kleinen?

Ich meine, er kann ja im Grunde nichts dafür, wenn der Kunde zudringlich wird. Allerdings hätte er ihm nicht gleich ein Veilchen verpassen und einen Zahn ausschlagen müssen.

Seufzend greife ich nach dem Telefon und rufe Heinrich Muldenhauer an, meinen langjährigen Anwalt. Er hat die Interessen von MB-Escorts seit Gründung der Agentur vor rund acht Jahren schon ein paar Mal vertreten und seine Sache bisher gut gemacht. Vielleicht kann er mir auch jetzt einen Rat geben, wie ich am klügsten vorgehe.

Eine Viertelstunde später ist meine Laune nicht mehr ganz so schlecht, denn wie der Zufall es will, ist der Name des klagewilligen Kunden meinem Anwalt nicht unbekannt. Er meinte sich zu erinnern, dass selbiger vor einiger Zeit bereits selbst verklagt worden ist, und zwar von einem ehemaligen Angestellten wegen sexueller Belästigung am Arbeitsplatz. Muldenhauer ist sich nicht sicher, glaubt aber, die Klage sei nach Zahlung einer höheren Geldsumme an den Kläger zurückgezogen worden. Er hat versprochen, sich zu informieren und, sofern ihn seine Erinnerung nicht trügt, meint er, den empörten Kunden durchaus zum Einlenken bewegen zu können.

Nachdem das erledigt und mir damit ein bisschen leichter ums Herz geworden ist, wandern meine Gedanken zurück zu Konrad. Ob der immer noch in meinem Bett liegt? Oder hat er vielleicht schon wieder das Weite gesucht?

Er sah erschöpft aus gestern Abend. Mehr als sonst, wenn er aufgetaucht ist. Noch niemals vorher ist er ohne mit mir Sex gehabt zu haben, einfach so eingeschlafen. Erst recht nicht mit den Worten, dass wir am nächsten Tag reden. Alles sehr seltsam.

Konrad ist eigentlich ein unglaubliches Energiebündel, von daher passt dieses Verhalten gar nicht zu ihm.

Ich rufe mir seinen Gesichtsausdruck ins Gedächtnis, wie er vor meiner Tür stand. Er lächelte, so wie immer, aber wenn ich jetzt so drüber nachdenke, wirkte er vor allem unglaublich müde. Nicht nur wie jemand der eine lange Reise hinter sich hat, sondern … als steckte ihm die Erschöpfung tief in den Knochen.

Ob er krank ist? Vielleicht hat er sich auf einer seiner Reisen irgendwas eingefangen? So abwegig ist der Gedanke nicht. Keine Ahnung, ob er sich irgendwo impfen lässt, ehe er nach Indien oder weiß der Teufel wohin fährt.

Plötzlich lässt mir die Sache keine Ruhe mehr. Ich muss nach Hause und nachsehen, ob mit Konrad alles in Ordnung ist … ob er überhaupt noch da ist.

Rasch überschlage ich im Kopf meinen geplanten Tagesablauf und meine Termine. Es ist zum Glück nichts dabei, was sich nicht verschieben ließe, also schnappe ich mir Wagenschlüssel und Laptoptasche und verlasse hastig mein Büro.

„Mareike?“, setze ich an, halte dann aber überrascht inne, denn Nikita steht neben meiner Vorzimmerdame und schaut ihr über die Schulter, während sie eine Hand auf seinen Arm gelegt hat und ihn mitfühlend anblickt. In seiner Anfangszeit hat der Kleine bei ihr gewohnt, das weiß ich, ebenso wie ich weiß, dass er für sie so was Ähnliches ist wie ein zusätzlicher Sohn, trotzdem gibt es in meiner Agentur gewisse Regeln und die werden hier gerade missachtet.

„Nanu, Maxim? Du bist noch hier?“, frage ich.

„Ja, Chef“, springt Mareike ihm rasch bei. „Wir haben noch kurz ein bisschen geplaudert. Weiter nichts.“

„Aha“, brumme ich mit gerunzelter Stirn. „Du weißt, dass ich es nicht mag, wenn meine Escorts dir am Computer über die Schulter schauen.“

Zwar vertraue ich meinen Angestellten eigentlich, allerdings könnte falsche Nachlässigkeit in dieser Hinsicht rasch für einen Skandal sorgen und letztlich sogar das Ende für MB-Escorts bedeuten. So seriös wir uns auch geben mögen, das Escort-Gewerbe hat in den Augen der meisten Menschen doch immer noch etwas Anrüchiges. Und natürlich möchten die weitaus meisten unserer Kunden nicht, dass ihre geschäftlichen Verbindungen mit uns in der Öffentlichkeit irgendwie ruchbar werden. Diskretion ist das höchste unserer Gebote und auch wenn ich nicht glaube, dass Nikita irgendwelche zwielichtigen Absichten hegt, kann ich es nicht riskieren, ihn Einblick in sensible Kundendaten nehmen zu lassen.

Der Junge zieht rasch den Kopf ein und verabschiedet sich, worauf ich Mareike mitteile, dass ich außer Haus zu tun habe und für eine Weile fort sein werde.

„Kein Problem, Chef“, sagt sie lächelnd. „Ich halte hier solange die Stellung und im Notfall rufe ich dich auf dem Handy an.“


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Als ich die Tür zu meinem Haus aufsperre, rührt sich drinnen nichts. Lag ich also mit meinen Befürchtungen richtig und Konrad ist längst wieder fort?

„Kon?“, rufe ich halblaut, doch niemand antwortet. Ich mache einen Bogen um das Schlafzimmer und steuere stattdessen die Küche an. Alles bietet sich meinen Blicken so dar, wie ich es am Morgen verlassen habe, sogar meine Kaffeetasse steht noch ungespült auf dem Tisch.

Mein Blick wandert zur Uhr an der Mikrowelle, es ist nach elf Uhr vormittags. Konrad war nie ein Langschläfer, so gut wie immer früh auf und voller Tatendrang. Soll ich also glauben, dass er noch schläft oder mich innerlich darauf einstellen, dass er bereits wieder das Weite gesucht hat? Es ist auch in der Vergangenheit schon vorgekommen, dass er nach einer einzigen Nacht wieder abgehauen ist, allerdings nie, ohne dass wir mindestens einmal miteinander geschlafen hätten.

Ich stelle meine schmutzige Tasse in den Geschirrspüler und bemerke dabei, dass meine Finger zittern. Meine Kehle ist wie zugeschnürt, das Herz klopft schnell und laut.

Das Badezimmer kommt in Sichtweite, ich schlucke und drücke die Tür auf, spähe hinein. Da! Da liegt Konrads Rucksack. Erleichtert atme ich auf. Die Waschmaschine ist schon seit einer Ewigkeit fertig, wurde aber nicht ausgeräumt. Die Gelegenheit wäre doch günstig, in den Rucksack zu schauen und ein bisschen zu stöbern. Vielleicht hat Konrad ja irgendwas dort drin …

Nein!

Ich ziehe die Hand zurück, die ich schon nach dem abgewetzten Segeltuch ausgestreckt habe, richte mich auf und verlasse das Bad. Ich will nicht schnüffeln. Was ich mir wünsche, ist, dass Konrad sich mir von allein anvertraut, sich mir öffnet, mir erzählt, warum er nie bleibt, was ihn immer wieder von mir wegtreibt und mit wem er zusammen ist. Aber weil er es will, nicht weil ich irgendwas herausfinde und ihm dann die Pistole auf die Brust setze.

Meine Schlafzimmertür ist noch so angelehnt, wie ich sie heute Morgen hinterlassen habe. Dahinter scheint gedämpfte Helligkeit durch den Türspalt. Ich habe keine Rollos vor den Fenstern, mir reicht das Vorziehen der Gardinen.

Vorsichtig schiebe ich die Tür auf, sehe mit angehaltenem Atem nach drinnen und richtig: Da liegt er im Bett und schläft offenbar noch immer tief und fest. Konrad, mein Stiefbruder, Liebe meines Lebens …

Er liegt auf dem Rücken, beide Arme über dem Kopf, die blonden, schulterlangen Haare verwuschelt auf dem Kopfkissen ausgebreitet. Die dünne Decke ist ihm bis zur Hüfte gerutscht und seine schmale Brust, ebenso wie der Ansatz seiner noch schmaleren Taille, liegen blank. Die glatte Haut leuchtet im Dämmerlicht meines Schlafzimmers wie poliertes Elfenbein.

Konrad ist braun gebrannt, nicht so blass wie damals, als wir halbwüchsige Jungs waren und uns ein Zimmer teilten, das habe ich gestern Abend noch gesehen. Es hat mich daran erinnert, dass er als Kind immer nur wenig Farbe annahm, was vermutlich auch daran lag, dass er kaum je in die Sonne ging und stattdessen lieber in seinem Zimmer hockte und las. Das hat sich offenbar geändert. Sein Hautton erinnert mich jetzt meistens an einen Latte macchiato und wahrscheinlich ist das deshalb auch mein liebstes Kaffeegetränk geworden.

Er regt sich, als spürte er meinen musternden Blick körperlich, dreht sich langsam auf die Seite und die Decke rutscht noch etwas tiefer. Mehr Haut wird sichtbar und offenbart, dass seine Bräune keinerlei Brüche oder Nähte aufweist. Ist er etwa nackt herumgelaufen?

Mein Blick wandert an seiner nun freigelegten Rückseite abwärts, streichelt seine kleinen, festen Pobacken und saugt sich an den straffen Murmeln fest, die ich gerade so noch zwischen seinen Schenkeln erahnen kann. Ich weiß, wie sie sich anfühlen, sowohl in meinen Händen als auch in meinem Mund und wende den Kopf zur Seite, weil sich in meiner Hose eine zunehmende Versteifung bemerkbar macht.

Hier herumzustehen und meinen schlafenden Stiefbruder anzustarren, als wäre er ein saftiges Steak und ich am Verhungern, bringt rein gar nichts. Ich werde warten müssen, bis er aufwacht, wenn ich mehr Informationen von ihm haben will. Doch kaum wende ich mich ab, raschelt es hinter mir und ich höre Konrad leise lachen.

„Haust du jetzt einfach ab? Nachdem ich mir solche Mühe gegeben habe, mich dir von meiner besten Seite zu präsentieren?“

Ich drehe mich wieder zu ihm um, sehe, dass er sich halb im Bett aufgesetzt hat und mit schief gelegtem Kopf rückwärts auf beide Arme stützt. Sein Mund lächelt, die blauen Augen funkeln mich unter schlafschweren Lidern heraus an und seine blonde Mähne steht um den Kopf wie der Heiligenschein eines Engels. Eines reichlich verdorbenen Engels, wenn man seinen lüsternen Gesichtsausdruck mit einrechnet.

Also hat er sich nur schlafend gestellt und es war alles Berechnung? Das Zurschaustellen seiner Kehrseite und seiner Kronjuwelen? Wieso? Um mich scharfzumachen?

Wundern würde es mich nicht.

Ich seufze, gehe zum Bett und lasse mich, allerdings in gebührendem Abstand von Konrad, auf der Bettkante nieder. Sein Lächeln wächst in die Breite und er streckt mir eine Hand entgegen.

„Was denn?“, fragt er. „Bist du neuerdings schüchtern? Komm her!“

Zögernd fasse ich seine Finger, leiste allerdings Widerstand, als er mich zu sich ziehen will.

„Wir … wir müssen reden, Kon“, sage ich und schüttle den Kopf. „So geht das nicht weiter.“

„Was denn?“, fragt er, lehnt sich nach vorn, ohne meine Hand loszulassen, und bettet den Kopf auf seinen Unterarm, den er zuvor auf dem Knie abgelegt hat. Dabei schaut er mich von unten herauf an, mit diesem verspielten Gesichtsausdruck, der mich immer so fatal an einen Hundewelpen erinnert. „Was geht so nicht weiter?“

Wieder versucht er mich näher zu sich zu ziehen und wieder halte ich dagegen.

„Das mit uns“, erkläre ich. Konrad hält einen Augenblick inne und ich meine, kurz so etwas wie Bestürzung in seiner Miene zu erkennen. Dann aber verschwindet der Eindruck und er rappelt sich geschmeidig auf die Knie hoch. Mit schlangengleichen Bewegungen rutscht er noch näher zu mir, lässt meine Hand los und schlingt mir dafür beide Arme um den Hals.

„Das mit uns?“, wiederholt er, beugt sich zu mir und platziert kleine Küsschen auf meine Stirn, meine Wangen, die Nase – wohin er gerade trifft. Sein eigentliches Ziel ist wohl mein Mund, aber den versuche ich aus seiner Reichweite zu halten. Es wäre viel zu gefährlich, ihm das zu gestatten. Gleichzeitig greife ich nach seinen Handgelenken und will seine Arme von meinem Hals lösen, doch Konrad klammert sich an mich wie eine Klette, drängt sich im Gegenteil immer noch dichter an mich.

Die Decke bleibt endgültig auf dem Bett zurück, als er schließlich rittlings auf meinen Schoß klettert, beide Hände um mein Gesicht legt und es mit sanfter Gewalt zu sich empor zwingt.

„Was geht denn nicht so weiter mit uns?“, wispert er. „Ich fang doch gerade erst an.“

Hilflos sehe ich hoch zu ihm und bin verloren, machtlos gegen seinen Blick, das nackte Begehren in seinen Augen, seinen Geruch und das Gefühl der weichen Haut unter meinen Fingern. Seine Haare weben ein luftiges Gespinst um uns herum, als er den Kopf neigt und mich küsst, gierig, verzehrend, leidenschaftlich und so voll unverhohlener Lust, dass mir schwindlig wird. Ich sehe den Abgrund nur zu deutlich, aber wie schon jedes einzelne Mal vorher stürze ich mich schließlich doch Hals über Kopf hinein.

Dann soll er eben über kurz oder lang wieder verschwinden, mich wieder ohne ein Wort verlassen, und vermutlich auch ohne jeden Gedanken, jetzt ist er aber hier und er will mich ebenso sehr wie ich ihn …

Nun sind es meine Arme, die seinen schmalen Körper umklammern, ihn an mich gepresst halten, ist es mein Mund, der nach seinem sucht, mein Herz, das wild in meiner Brust trommelt, als säße dort ein gefangener Vogel in einem Käfig, der verzweifelt mit den Flügeln schlägt. Ich lasse es zu, dass Konrad mich geschickt aus meinen Kleidern schält, jeden Zentimeter meines Körpers erkundet wie schon unzählige Male zuvor und ihn neu für sich in Besitz nimmt.

Warum auch nicht? Ich gehöre ihm doch längst, und daran wird sich auch nie etwas ändern.

Damals, in dieser allerersten Nacht, hat Konrad mir sein Brandzeichen aufgedrückt und selbst wenn es äußerlich nicht sichtbar ist, prägt es mich in Leib und Seele. Er ist der einzige Mann, dem ich je erlaubt habe, mich zu nehmen, und auch heute ist er es wieder, der in mich eindringt, anstatt umgekehrt, der die Richtung ebenso vorgibt wie den Takt. Noch dazu ohne jeden Schutz.

Im Grunde ist das Wahnsinn und das weiß ich auch, ganz im Gegensatz zu dem, was er wo mit wem anstellt, wenn er nicht hier ist. Denn dass er lebt wie ein Mönch, wenn wir getrennt sind, das kann ich nicht erwarten und glaube es auch nicht. Aber unsere ganze Beziehung ist schließlich nichts anderes als purer Wahnsinn, also kommt es darauf auch nicht mehr an.

Wie ein Besessener stößt er in mich, treibt mich vor sich her, jagt mich in riesigen Sätzen dem Höhepunkt entgegen. Sein Schweiß tropft auf mein Gesicht und meine Brust, während sein Anblick mehr und mehr vor meinen Augen verschwimmt. Ich stöhne und wimmere wie ein Tier, lasse mich gehen, steige in atemlose Höhe auf und falle im nächsten Moment wieder ins Bodenlose, während Konrad mit meinem Körper spielt, als wäre der nichts anderes als ein Instrument, das er meisterlich beherrscht.

Aber auch das war schon immer so zwischen uns. Kein anderer Mann hat mir jemals eine solche Lust verschafft, bei keinem anderen habe ich mich jemals so angenommen und begehrt gefühlt wie bei Konrad. Er ist beim Sex nicht nur körperlich nackt, er zeigt alles von sich, geht vollkommen auf in diesem Akt, gibt sich bedingungslos hin, aber entreißt seinem Liebhaber – in diesem Fall mir – ebenso viel, wie er gibt.

Dieser Sex fühlt sich an wie Elektrizität, die zwischen uns fließt, wie irgendeine Art von abgedrehter, heidnischer Magie, verboten, ursprünglich, wild, animalisch und gleichzeitig zutiefst gefühlvoll. Es macht mir Angst, aber trotzdem kriege ich nicht genug davon und als ich komme, ohne dass er oder ich selbst meinen Schwanz auch nur berührt hätten, befürchte ich einen Moment lang, das Bewusstsein zu verlieren.

Doch das passiert nicht, stattdessen ist es mir vergönnt, Konrads Orgasmus mit allen Sinnen mitzuerleben, ihm dabei ins Gesicht zu sehen, zu hören, wie er stöhnt, als hätte er Schmerzen und, wie immer, fühle ich mich dadurch beschenkt.

Zumindest so lange, bis die Ernüchterung einsetzt …


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Verdammt. Ich habe es wieder getan! Mich von meinem Körper betrügen lassen, von meiner Sehnsucht, meinem Verlangen, meiner Besessenheit. Denn genau das ist es, Liebe kann man das ja schon gar nicht mehr nennen.

Plötzlich habe ich das Bedürfnis zu weinen, und auch das ist etwas, was nur Konrad schafft. Mich in ein Wechselbad der Gefühle zu stürzen, dass ich im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr weiß, wo mir der Kopf steht.