Ingrid Frank

Kira

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Die Autorin

Ingrid Frank hat 2017 mit „Inga. Eine Auszeit in Mayo“ schon einen Roman veröffentlicht, der Leser*innen dazu einlädt, ganz hautnah die ungewöhnliche Geschichte einer Frau zu erleben, die sich weit ab von allem, was „man so tut“ auf die Suche macht … auf die Suche nach Heimat, Wurzeln und Liebe. Wie auch in „Kira“ mit einer ganz eigenen Sprache, einer unverwechselbaren Stimme.

Die Autorin ist Jahrgang 1964, hat Theologie und Sozialpädagogik studiert, mehrere Zusatzqualifikationen erworben und in unterschiedlichen Berufsfeldern gearbeitet.

Derzeit lebt sie in Hannover und arbeitet in einer Jugend- und Familienberatungsstelle.

„Meine Lust zu schreiben mit der Lust an einer Veröffentlichung zu verknüpfen, ist ein Wagnis, das mich reizt. Ich wünsche mir Leser*innen, die Kira mögen.“

Ingrid Frank

KIRA

Für meinen Sohn Hannes, ohne den ich nie auf die Idee gekommen wäre, mir die Traviatainszenierungi anzuschauen, mit der ich Kira so viel nähergekommen bin.

Inhalt

Vorwort

Prolog

Die Traviata

„Was gibt’s?“

„Ihr Freunde auf, schlürfet in vollen Zügen“

„Sagt an, wo bleibt Ihr so lange?“

„Von der Freude Blumenkränzen“

„O Torheit, o Torheit!“

„Fern von ihr, ach, kenn ich keine Freuden“

„Wenn einst die Zeit den flücht‘gen Traum…“

„It`s always difficult in between those things“

„Mir zu folgen, gab ich ihm ein Zeichen“

„‘s ist seltsam!“

„Ach, sie kennen nicht dies Leben“

„O lass uns fliehen“

Zwei im Zug

„Every Body Electric“

Spiel dein Leben

„Fräulein Valéry“

„Wenn einst die Zeit den flücht`gen Traum“

„Gott schenkte eine Tochter mir“

„Hat dein heimatliches Land“

„Sagt Eurer Tochter“

„Oh lasst uns fliehen“

Drei Jahre später

„Was sie besaß, sie gab es hin“

Pachamama

„So hold, so reizend und engelsmild“

Anmerkungen/Quellen

Vorwort

Gespräche der Ich-Erzählerin mit der ihr unbekannten Kira an unterschiedlichen Orten bilden die Rahmenhandlung dieser Geschichtencollage. Die Geschichte setzt sich in den Begegnungen der beiden Frauen aus Erzähltem zusammen.

Das, was entsteht, ist mehr.

Ich habe mitten im Schreibprozess die Verdi-Oper La Traviata in der Inszenierung von Benedikt von Peter gesehen und Nicole Chevalier in der Rolle der Violetta Valéry erlebt. Und habe mir diese Inszenierung drei Mal angeschaut.

Die sich nach Liebe sehnende, zweifelnde Violetta, deren geliebter Alfredo letztendlich zu spät kommt, um mit ihr glücklich werden zu können, ist mit meiner Kira immer mehr verschmolzen – auch, wenn Kira bereits vor der Traviata existiert hat. So wie diese Violetta singt und ihre Seele auf der Bühne zeigt, sehe ich Kira: sehnsüchtig, verletzt, einsam, stark-schwach, liebend, voll Angst, krank – eben ‚La Traviata‘, die vom Weg Abgekommene.

Die meisten Überschriften der Kapitel, in denen Kira aus ihrem Leben erzählt, sind Arientitel“. Sie machen vielleicht neugierig auf die Oper.

Leserinnen und Leser von Kiras Geschichte aber müssen weder Opernfans sein, noch die Traviata kennen, um dieses Buch zu verstehen.

Prolog

Ich betrachtete den ledernen Einband auf meinem Schreibtisch.

Sollte ich mir seinen Inhalt ansehen?

Ich nahm den Stapel Papier nebst Hülle in die Hand und schlug den edlen Umschlag auf. ‚Kira‘, stand auf der ersten Seite.

Ich hatte meine Manuskripte geordnet, manche waren mit schwarzer Tinte geschrieben, andere getippt. So lagen sie nun schon seit einiger Zeit da auf dem Regal, neben meinen Lieblingsbüchern, Muscheln vom Atlantik, einer abgebrochenen Tonfigur und einem schwarz-weißen Foto aus meiner Kindheit.

„Fertig. Und jetzt?“

Ich blätterte.

„Fast vollendet. Am Anfang hatte ich nur Fragen im Gepäck. Am Ende eine neue Welt.“

Noch gehörte Kira mir. Ich legte den Umschlag wieder auf meinen Tisch.

Es war an der Zeit, sie herzugeben.

Die Traviata

Sie stand in diesem übergroßen schwarzen Mantel auf dem Vorplatz der Oper und rauchte. Ihre an diesem Tag leuchtend rot gefärbten Haare hoben sich von der Menge ab. Die rechteckige Tasche, ein Ungetüm, hing an einem langen Lederriemen an ihr herunter und zog sie in die Tiefe.

Offensichtlich hatte sie sich, genau wie ich, die Vorstellung allein angeschaut. Ich mochte es nicht, von irgendeiner Art Begleitung gestört zu werden, mochte niemanden, der mich womöglich vom Sehen, Hören, Fühlen abhalten konnte.

„Guten Abend“, ich stellte mich neben sie und zog ebenfalls eine Zigarettenpackung aus meiner Tasche, „ich hab mein Feuerzeug vergessen …“

Sie nickte und reichte mir ihres hin. Ich sah, dass sie geweint hatte.

„Die Traviata?“ fragte ich vorsichtig, Sie nickte wieder. „Die Ouvertüre … da ist schon alles drin.“

„Ja, das verstehe ich. Ich sehe das Stück jetzt schon zum dritten Mal.“ Es bedurfte keiner Worte, das weiter zu erläutern – ich tat es trotzdem, „Ja alles. Sehnen, Lieben, Enttäuschen, Sterben … Addio del Passato – Un Di, Felice, Eterea …“

Ein paar Besucher hatten die Vorstellung vorzeitig verlassen. Die, die bis zum Schluss geblieben waren, tobten, weinten, applaudierten exzessiv. Die Intensität der Musik hatte sie erfasst. Die Inszenierung hatte Ballkleider, Anzüge, Krawatten, Schuhe, Körper durchdrungen, sich in die Poren der Haut bis tief in die Seelen gegraben. Die Frau neben mir zeigte ein Beben der Haut, der Nasenflügel, der Stimme, mit dem sie mir zu sagen schien, dass offensichtlich eine ganz besondere Form der Berührung stattgefunden hatte.

„Kira“, stellte sie sich vor.

Ich lächelte, „ich schreibe, manchmal journalistisch, manchmal literarisch, kleine Essays, Porträts.“ Ich wusste plötzlich, dass ich über sie schreiben wollte. Etwas an dieser Frau zog mich in Bann, in das kindliche Gesicht waren Spuren eingegraben, wie Kinder sie nicht mehr haben. Ihr Blick sprach von etwas, was ich ebenso ergründen wollte wie ihr Äußeres, das eine Form zu verbergen schien, die mein Interesse weckte.

„Diese verzehrende Sehnsucht, diese Ungerechtigkeit am Ende …“, Kira war bei der Traviata, „vermeintliche Liebe … Krankheit … diese Stimme, die sich aufbäumt, das Innere nach außen kehrt.“

Es fiel mir schwer, die Intensität aufzufangen, etwas zu entgegnen, um den Moment in ein Gespräch zu verwandeln. Dass das „wollen wir etwas trinken gehen?“ der Beginn einer langen Kette von Begegnungen sein würde, wusste ich damals noch nicht.

„Beim Ausruhen möge sich die Genussfähigkeit wieder stärken“, zitierte sie aus der Traviata. Ich lächelte, „den Rest der Nacht lasst uns von anderen Freuden aufhellen.“

Ich wollte sie kennenlernen, finden, sie beschreiben. Verstand ich mich doch lang schon als ‚Menschensammlerin‘: Damals als ich Journalismus und Religionsgeschichte studierte hatte und auch dann in dem Job, der mir eher zugefallen war und jetzt irgendwie an mir klebte: Station 53, depressiv Erkrankte betreuen. Seit 15 Jahren verdiente ich da meinen Unterhalt, seit zwei Jahren mit verringerter Stundenzahl und stattdessen neuen, journalistischen Ideen im Gepäck. Trotzdem müde.

Und nun hatte Kira sich mir in den Weg gestellt.