Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. 1
  6. 2
  7. 3
  8. 4
  9. 5
  10. 6
  11. 7
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  19. 15
  20. 16
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  22. 18
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  24. 20
  25. 21
  26. 22
  27. 23
  28. 24
  29. 25
  30. 26
  31. 27
  32. 28
  33. 29
  34. 30
  35. 31
  36. 32
  37. 33
  38. 34
  39. 35
  40. 36
  41. 37
  42. 38
  43. 39
  44. 40
  45. 41
  46. 42
  47. 43
  48. 44
  49. 45
  50. 46
  51. 47
  52. 48
  53. 49
  54. 50
  55. 51
  56. 52
  57. 53
  58. 54
  59. 55
  60. 56
  61. 57
  62. 58
  63. 59
  64. 60
  65. 61
  66. 62
  67. 63
  68. 64
  69. 65
  70. 66
  71. 67
  72. 68
  73. 69
  74. 70
  75. 71
  76. 72
  77. 73
  78. 74
  79. 75
  80. 76
  81. Nachwort und Danksagung

Über den Autor

Helge Thielking, 1975 in Bremen geboren, machte seine Reiseleidenschaft zum Beruf und studierte Tourismuswirtschaft und Marketing. Noch während des Studiums entdeckte er seine zweite Leidenschaft: das Schreiben. Nach Zwischenstationen in Wilhelmshaven, Los Angeles und Köln lebt er heute wieder in seiner Geburtsstadt.

Helge Thielking

DAS GUTE KIND

Kriminalroman

1

»Das ist unmöglich, Sie sind seit achtzehn Jahren tot!«

Wie absurd meine Worte klangen, war mir gar nicht aufgefallen. Stattdessen musterte ich teils verblüfft, teils ängstlich die junge Frau, die tropfnass und zitternd vor mir stand und behauptete, eine Tote zu sein.

Über Nacht war ein Tief von Schottland her über die Nordsee gezogen und hatte Teile der Küste mit tobenden Stürmen und kübelweise Regen überzogen. Der ungezügelte Tanz der Naturgewalten war im Winter hier oben nicht unüblich. Was die Touristen zu dieser Jahreszeit fernhielt, zog Romantiker wie Melancholiker magisch an. Ich zählte zwar weniger zur ersten Gruppe, doch seit Pauls Tod verkroch ich mich mit zunehmender Regelmäßigkeit im Ferienhaus meiner Eltern.

Der Unbekannten lief das Wasser in breiten Rinnsalen das Gesicht hinab.

Die Augen. Die Nase. Ich suchte nach etwas Vertrautem. Die Stirn. Das Kinn. Irgendein Hinweis, der die ungeheuerlichen Worte zu untermauern vermochte. Doch da war nichts. Vom Alter einmal abgesehen. Die Frau war fast noch ein Teenager, klein und schmal, mit schulterlangem, kastanienbraunem Haar und blassem Teint. Sie trug eine für diese Jahreszeit viel zu kurze Kunstlederjacke zu groben schwarzen Gummistiefeln. Der Regen hatte ihre hellgraue Jeans dunkel gefärbt.

»Sie sind doch Femke Sundermann?«

Ich nickte skeptisch.

»Ich bin Lena Weitz«, wiederholte die durchnässte Fremde. Vier Worte, die alles über den Haufen warfen, an das ich die vergangenen achtzehn Jahre geglaubt hatte. Irgendwann war die Hoffnung gestorben. Irgendwann hatten sie aufgeklärt, wie Lena ums Leben gekommen war. Es gab einen Ermittlungsbericht. Es gab einen Täter. Es gab ein Urteil. Später, viele Therapiesitzungen später, aber irgendwann, hatte ich Frieden gefunden und konnte meinem Bewusstsein mit Überzeugung verkünden: Lena ist tot. Tot. Tot. Tot!

Weil ich der Standfestigkeit meiner Beine nicht traute, umklammerte ich den Rahmen der morschen Holztür.

»Ich kann verstehen, dass es Ihnen schwerfällt, mir zu glauben …«, stammelte die Frau. »Aber bitte hören Sie mir zu!« Sie wirkte verängstigt. Ihre Augen wanderten unruhig hin und her, sahen abwechselnd flehend auf mich und suchend in die unaufgeräumte Ferienwohnung hinter mir. Wild, fahrig, verschüchtert. Wie ein gehetztes Tier.

Zu meinem Schock gesellte sich eine nervöse Unruhe. »Wie haben Sie mich gefunden?«

»Die Adresse habe ich von Ihrem Mann.«

Jörg! Wir waren nicht verheiratet, aber woher sollte sie das wissen?

»Was wollen Sie?« Ich erschrak angesichts meines barschen Tonfalls, in dem jedoch ein Zittern mitschwang, wie mir auffiel. Normalerweise beherrschte ich die gesamte Klaviatur der Stimmmelodien. Abgebrühte Alphamännchen konnte ich anbellen, bis sie eingeschüchtert gestanden. Und wenn ich wenige Minuten später ein zehnjähriges Mädchen befragte, das den Tod der Eltern hatte mit ansehen müssen, konnte ich mitfühlend und verständnisvoll klingen wie Jürgen Domian. An diesem Februarabend aber versagte mein Repertoire. Meine Nervosität hatte schon im Laufe des Tages stark zugenommen. Einen ungünstigeren Zeitpunkt hätte sich die junge Frau nicht aussuchen können. Doch das konnte sie nicht ahnen. Oder konnte sie?

»Ich wollte Sie nicht erschrecken«, flüsterte sie, als hätte sie meinen Selbstschutz als solchen entlarvt. Ich musste zugeben, dass sie genau das geschafft hatte. Natürlich versuchte ich, es mir nicht anmerken zu lassen. »Sagen Sie, was Sie von mir wollen!«

»Mit Ihnen reden.« Und als ich nicht reagierte, schob sie ein leises »Bitte« hinterher.

Unaufhörlich überflutete Adrenalin meinen Körper. Eine Totgeglaubte stand vor meiner Tür und wollte mit mir reden! Das war nicht möglich. Es war doch alles so klar gewesen … Und doch … Es wäre einfach zu schön … Es würde alles über den Haufen werfen … Alles infrage stellen … Alles wieder hochholen … Mein Leben und das Leben Vieler auf den Kopf stellen … Es würde … Nein. Das war nicht möglich! Ich widerstand dem Drang, das Mädchen in die Arme zu nehmen und an mich zu drücken.

Es – war – klipp – und – klar – nicht – möglich!

Ich war wieder ganz bei mir. Kontrolliert. Überlegt. Nüchtern. »Ich glaube nicht, dass ich Ihnen weiterhelfen kann.«

Leise sagte sie: »Lena Weitz ist mein Name. Ich wurde vor etwas mehr als achtzehn Jahren als Tochter von Anja Weitz in Bremen geboren.«

»Das ist eine Lüge.«

»Nein, das ist die Wahrheit. Ich muss mit Ihnen reden.« Die Frau wiederholte die Worte abwesend wie ein Roboter. »Bitte!«

»Warum mit mir?«

»Sie wissen mehr als alle anderen. Sie sind die Einzige, an die ich mich wenden kann.« Ihre Augen flehten. Sie sah an sich hinab auf die klamme Kleidung. »Darf ich reinkommen?« Allein wegen ihres Zustandes hätte ich sie hereinlassen müssen. Aber weder mein Beruf noch meine Persönlichkeit ließen sentimental motivierte Handlungen zu. Sie konnten tödliche Folgen haben. Menschen konnten Vorwände ersinnen, Fakten zusammensuchen, mit denen sie sich Vertrauen erschlichen. Alles war möglich. Erst recht, nachdem mein Name vor Kurzem in allen Zeitungen stand.

Noch einmal überprüfte ich die Gesichtszüge und verglich sie mit den fernen Überresten einer jahrzehntelang nicht mehr abgerufenen Erinnerung. Etwas Vertrautes war da, ein kleines bisschen. Vielleicht doch …? Nein, nur ein Hoffnungsschimmer, den ich schon vor Jahren hatte ziehen lassen. Zu lange her. Lena Weitz war ein Baby gewesen, als ich sie das letzte Mal gesehen hatte.

Ich blieb dabei: »Ich glaube Ihnen nicht. Lena Weitz ist vor achtzehn Jahren gestorben. Hören Sie auf, mich zu belästigen!« Ich schloss die Tür und ließ die Frau im eisigen Küstenregen stehen.

Eine gefühlte Ewigkeit lehnte ich mit dem Kopf an der Tür. So lange, bis Schritte zu hören waren, die sich erst zögerlich, dann entschlossener entfernten und bald vom Getöse des Gewittersturmes verschluckt wurden.

Mein Atem ging schnell und schwer. Ich ahnte, dies war erst der Anfang. Ich wusste, es waren Entscheidungen zu treffen.

*

Heute, Monate, nachdem es vorbei ist, und fast neunzehn Jahre, nachdem alles begann, schreibe ich diese Geschichte nieder, so vollständig und erschöpfend es geht. Ich werde, so gut ich kann, aus meiner eigenen Erinnerung schöpfen, werde Erzählungen von Ermittlerkollegen, Zeugen, Verwandten und Freunden verwenden und so originalgetreu wie möglich wiedergeben. Dokumente werde ich beilegen, sofern ich Zugriff auf sie habe und sie in den Gesamtkontext passen. Ich will, dass Sie sich ein umfassendes Bild machen. Vielleicht hilft mir das Niederschreiben, einiges zu erklären, plausibel zu machen, anderes zu revidieren. Vielleicht hilft es mir, das, was geschehen ist, endlich zu verarbeiten und meinen Frieden zu finden.

Aber zunächst sollte ich mich vorstellen. Ich heiße Femke Sundermann, in ein paar Wochen werde ich neununddreißig. Fast zwei Jahrzehnte lang habe ich im Polizeidienst gearbeitet. Als Kriminalhauptkommissarin war ich vor sechs Monaten zum letzten Mal auf dem Revier, ein letztes Mal an einem Tatort.

In dieser Rolle ein letztes Mal für immer.

Denn ich habe mein Kind getötet.

2

In der Nacht bevor mich die junge Frau, die ich für eine Hochstaplerin hielt, an meinem Zufluchtsort aufsuchte, fraß sich hundertvierzig Kilometer von Neuharlingersiel entfernt ein Flammensturm durch einen 1998er VW Passat.

Bei einem Pkw-Brand können Temperaturen von eintausend Grad Celsius oder mehr entstehen. Das ist in etwa die Temperatur, der ein menschlicher Körper für ein bis zwei Stunden ausgesetzt sein muss, um zu zerfallen und sich in einen zwei Kilogramm leichten Aschehaufen zu verwandeln.

Die Flammen durchdringen zuerst die oberen Hautschichten, und auf unserem empfindlichen Schutzmantel bilden sich Blasen, die übel riechendes Sekret absondern. Ist erst einmal die gesamte Haut betroffen, sehen die Wunden bereits weiß und lederartig aus. In diesem Stadium empfindet man schon keine Schmerzen mehr, da die Nervenenden längst zerstört sind. Erst ab dem vierten Verbrennungsgrad schreitet die Vernichtung des Gewebes unter der Haut voran. Im fünften und sechsten Grad schließlich zerstören die Flammen Fettgewebe, Knochen und Muskulatur. Der Mensch oder das, was er einmal war, verkohlt.

Bei Bränden in geschlossenen Räumen töten selten die Flammen. Der Sauerstoffanteil der Luft sinkt rapide, im glücklichsten Fall führt schon das Einatmen der Rauchgase zu einer Kohlenmonoxidvergiftung. Das Opfer erstickt schnell. Überlebt es zunächst den Angriff der Flammen, tritt nicht selten ein Schock als Folge des Wasserverlustes ein. Im ungünstigsten Fall aber überlebt das Verbrennungsopfer längere Zeit. Eine Mauer aus Fett und körpereigenem Wasser schützt die Innereien vor der enormen Hitze. Schließlich werden Nieren und Leber vergiftet, die Organe versagen, und das Opfer krepiert qualvoll von innen. Die Flammen besorgen schließlich den Rest und vernichten die Körperhülle.

Dass diese an jenem Winterabend in dem Passat trotz der krematorischen Temperaturen nicht vollständig zerfiel, war auf die geplatzten Scheiben und das gerade einsetzende Unwetter zurückzuführen.

*

Als die Regenwolken am nächsten Vormittag weitergezogen waren, wagte sich Caroline Sefzyk ein erstes Mal an diesem düsteren Sonntag vor die Tür. Den Ermittlungsakten hatte ich später entnehmen können, dass sie vierundzwanzig Jahre alt war, auf einem Bauernhof in Mecklenburg-Vorpommern aufgewachsen war und an der Bremer Universität im achten Semester Biologie studierte. Statt im Wohnheim oder in einer Studenten-WG im Steintorviertel war sie bei einer alleinstehenden Bäuerin im Oberblockland untergekommen. Mit dem Fahrrad waren es mit Rückenwind nur etwas mehr als zehn Minuten zur Uni. Ein Teil der ohnehin günstigen Miete erließ die Landwirtin ihr, weil Caroline Sefzyk hin und wieder Arbeiten auf dem Hof verrichtete. Ganz offensichtlich war sie anders als andere junge Frauen ihres Alters und zog die Einsamkeit der Natur dem Stadtleben vor. Ihre tägliche Joggingstrecke führte sie ein kurzes Stück auf dem geteerten Deich entlang, der den Unterlauf der Wümme flussaufwärts begleitete. Dann weite Strecken durch das flache Marschland, das in den ersten Monaten des Jahres häufig überschwemmt war, vorbei an vereinzelten Waldinseln und einsamen Gehöften auf den künstlich aufgeschütteten Wurten.

Ich stelle mir vor, wie sie versuchte, der raschen Auskühlung ihres Körpers entgegenzuwirken und ein durchgehend hohes Tempo zu halten, denn die Temperaturen lagen an diesem Vormittag nur knapp über null. Kurz hinter dem Scheitelpunkt ihrer einsamen Joggingstrecke nahm sie durch die klare, von den nächtlichen Schauern gereinigte Winterluft zum ersten Mal den Geruch wahr. Ein Geruch, ganz anders als der der Öfen, die auf den alten Gehöften in diesen Monaten unter Volllast brannten. Und auch nicht vergleichbar mit dem der Osterfeuer, die hier ein paar Wochen später im Abstand weniger Hundert Meter lodern und die Umgebung mit hölzern verkohltem Mief überziehen würden. Der flüchtige, nur nach kräftigen Windstößen wahrnehmbare Geruch, den Caroline Sefzyk bemerkte, war eine widerwärtige Mischung aus verschmortem Plastik, gegrilltem Steak und verfaultem Obst.

Instinktiv verlangsamte sie ihren Lauf. Als sie die dichte Ansammlung von Schwarzerlengeäst und Hagebuttensträuchern passiert hatte und auf den sandigen Feldweg einbog, entdeckte sie, was eintausend Grad heiße Flammen von geformtem Blech und einem menschlichen Körper übrig gelassen hatten.

*

Um kurz nach eins klingelte das iPhone von Dr. med. Lennart Maaß. An seinem Standby-Wochenende saß er als einer der wenigen Mittagsgäste in einem Pub im alternativ geprägten Ostertorviertel, das die Bremer nur liebevoll »Viertel« nannten, und flirtete mit einer seiner attraktiven, ständig wechselnden Begleiterinnen. Mit seiner Statur und dem kantigen Kinn hätte er für eine Anzugkollektion modeln können. Stattdessen versteckte er seine auf Mainstream-Frauen anziehend wirkende Attraktivität hinter schwarz gefärbten Haaren, Dreitagebart, Piercings und Oberarmtattoos.

Lennart zog das Telefon aus der Lederjacke. »Ja?«

Der Anrufer gab sich als Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft zu erkennen. Diese outeten sich selten als Freunde ausschweifender Worte. »Im Blockland ist in einem ausgebrannten Pkw eine Leiche gefunden worden. Wenn Sie bitte einen Ihrer Mitarbeiter schicken würden?«

Als Oberarzt des Instituts für Rechts- und Verkehrsmedizin vertrat Lennart den schon seit mehreren Monaten erkrankten Institutsleiter. »Keine Chance. Die Kollegen bauen entweder ihren Resturlaub ab oder sind krank.« Lennart war immer wieder aufs Neue verwundert, wie er trotz einer großzügigen Institutsausstattung mit immerhin vier Ärzten und zwei Assistenzärzten und einer ausgefeilten Schichtplanung schon wieder vor diesem Dilemma stehen konnte. So wusste er, was das bedeutete. »Wohin muss ich kommen?«

Der Anrufer gab den genauen Fundort durch.

»In zehn Minuten bin ich da.«

»Das schaffen Sie nicht.«

»Das lassen Sie mal meine Sorge sein.«

Lennart besänftigte seine schmollende Begleiterin, verabschiedete sich von den Kneipenkumpels und lief die wenigen Hundert Meter zu seiner Dachgeschosswohnung gegenüber der Sielwall-Kreuzung, an der sich vereinzelte Dealer und Döner-Wirte von Samstagnacht erholten. Oben in seiner Wohnung schnappte er sich zielstrebig seine Instrumente, stopfte sie in die lederne Motorradtasche, rannte hinunter in den Innenhof und schwang sich auf seine Kawasaki.

Ob er laut fluchte? Bestimmt. War sein Groll von Dauer? Ganz sicher nicht. Lennart Maaß verband eine überaus innige Leidenschaft mit seinem Beruf. Er war erst seit einem halben Jahr in der Stadt, und seine Präsenz war längst so legendär, dass niemand ernsthaft überrascht gewesen wäre, wenn er seine Wohnung nie bezogen und sich stattdessen auf dem Dachboden des Instituts eingerichtet hätte.

Die Strecke von der Stadtmitte ins ländliche Randgebiet wäre mit dem Dienstwagen nicht zu schaffen gewesen. Lennart beschleunigte seine Kawasaki auf hundertfünfzig Stundenkilometer, um Wort zu halten. Zum ersten Mal seit seinem Umzug nach Bremen kam er ins Blockland – ein Gebiet an der niedersächsischen Landesgrenze, das sich noch nicht einmal Stadtteil nennen durfte und in dem nur wenige Hundert Menschen weit verstreut wohnten. Viele Bremer kamen an sonnigen Wochenenden mit ihren Fahrrädern und Inline-Skates hier heraus und setzten sich zum Eisessen vor die Bauernhäuser, deren Besitzer sich mit kleinen Cafés ein Zubrot verdienten.

An der Abzweigung von der Hauptstraße auf den verschlungenen Feldweg stand ein Löschzug der Feuerwehr. Die Einsatzkräfte, die ihre Arbeit offenbar bereits beendet oder gar nicht erst aufgenommen hatten, lieferten Lennart die finale Wegbeschreibung.

Kriminalhauptkommissar Lothar Hemmer sah ungläubig auf die Uhr, als Dr. Lennart Maaß die Maschine vor ihm zum Stehen brachte.

Lennart bockte die Kawasaki auf und streifte den Helm ab. »Schneller ging’s nicht.«

Lothar Hemmer runzelte die Stirn. »Passt schon.« Er reichte ihm die Hand. »Hemmer. Wir sind uns noch nicht persönlich begegnet.«

Böse Kollegen lästerten, dass Hemmer schon mit dreißig das Gesicht eines Fünfzigjährigen gehabt hatte. Er konnte so viele Diäten und Sport machen, wie er wollte: Sein Hitchcock-Profil wurde er nicht los. Mit nun über sechzig sah man ihm an, dass er es schon vor Jahrzehnten aufgegeben hatte, unerreichbaren Idealen hinterherzuhecheln.

»Was ist mit der kleinen Blonden?«, wollte Lennart wissen.

»Femke Sundermann? Momentan nicht im Dienst.«

Lennart deutete auf das schwarze Fahrzeuggerippe, das sich in einem Baumstamm verkeilt hatte. Der Baum war bis zur Krone ebenfalls verkohlt, der Rasen darunter versengt. Die Fensterscheiben des Autos waren geborsten und die Reifen komplett geschmolzen. »Kein Löschschaum?«

»Der Wagen ist völlig ausgebrannt.« Lothar Hemmer begleitete ihn zu den Überresten.

»Keine Zeugen, was?«

»Im Umkreis von drei Kilometern liegen nur zwei Gehöfte. Niemand dort fährt einen Passat oder kennt jemanden, der einen fährt. Die Bewohner haben weder eine Explosion vernommen noch Flammen gesehen. Angesichts der Abgeschiedenheit des Fundortes und der Jahreszeit kein Wunder. Vermutlich wäre das Wrack tagelang nicht entdeckt worden, hätte es nicht auf der Joggingstrecke der Zeugin gelegen.«

»Wie geht es ihr?«, erkundigte sich Lennart, den das nicht interessieren müsste, der aber eben Arzt war.

»Ein leichter Schock, doch ansprechbar. Denkt rational.«

»Was wisst ihr über sie?«

»Mitte zwanzig, Biologiestudentin.«

»Na, dann sind ihr biologische und chemische Abläufe ja nicht fremd.«

Lothar Hemmer machte keinen Hehl daraus, dass ihn Lennarts altkluge Fragerei nervte. Andere bemühten sich, seinen Ansatz zu verstehen. Es war einfach etwas viel verlangt, isoliert aus den Überresten der Toten lesen zu können.

Sie standen vor dem Wrack, dessen Innenraum von den Brandermittlern und den Kollegen der Spurensicherung untersucht wurde, und betrachteten den bis zur Unkenntlichkeit verkohlten, puppengleichen Leib hinter dem Steuer.

Während sich die Feuerwehr tagaus, tagein mit Bränden beschäftigte, hatte die Mordkommission äußerst selten damit zu tun. Brände mit Todesfolge waren meistens auf Unfälle zurückzuführen. Erst wenn ein Tötungsdelikt nicht mehr auszuschließen war, kamen die Mordermittler hinzu. Ein undankbarer Job. Brandleichen sonderten den mit Abstand unangenehmsten Geruch ab, mit dem man in diesem Beruf konfrontiert wurde. Die erste hatte bisher bei fast jedem Beschauer alle Reflexe außer Kontrolle gesetzt und ihn direkt vor die schwarz verkohlten Füße der Leiche kotzen lassen. Irgendwann lernte man, diesen bestialischen Geruch zu ertragen und die jedes Mal aufs Neue aufwallende Übelkeit zu unterdrücken. Gewöhnen konnte man sich daran kaum.

Auch Hemmer kam mehr schlecht als recht damit klar. »Gut, dass Winter ist«, kommentierte er. »Wäre ich heute Abend zum Grillen eingeladen gewesen, hätte ich abgesagt.«

Lennart sah das entspannter. »Ich grille auch im Februar.«

»Wie bitte?«

»Eisgrillen.«

»Eisgrillen?«

»Egal.« Lennart ging vor dem Fahrersitz in die Knie und sah sich einen schimmernden Gegenstand an, der auf einer Schuttstrecke lag, die mal der Fußraum der Rückbank gewesen war. Die Metallplakette war stark verrußt, hatte dem Feuer aber standgehalten.

Lennart sah zu Lothar Hemmer auf: »Was sagen eure Kaffeesatzleser?«

»Sind noch dabei.« Sie sahen zu, wie die in weiße Ganzkörperanzüge gehüllten Ermittler Brandschuttproben in durchsichtige Plastikröhrchen füllten und diese in ihren Asservatenkoffern verstauten.

»Kanister haben wir keine gefunden«, referierte Hemmer. Damit musste sich das Labor auf die Suche nach möglichen Brandbeschleunigerspuren machen.

»Also die bekannten Fragen?«

»Die bekannten Fragen.«

Und die erste lautete immer: Unfall, Suizid oder Mord?

Lennart deutete auf den mit dem Baum vereinigten Kühler. »Nicht gerade eine Rennstrecke. Wer verfährt sich überhaupt hier?«

Lothar Hemmer antwortete belehrend: »Autos explodieren nur im Fernsehen.«

»Ach?«

Hemmer konnte mit Lennarts ironischer Arroganz, die dieser gern mit einem ernsten Gesichtsausdruck kombinierte, nicht umgehen und geriet schon mal ins Stottern, wenn Antworten nicht seiner Erwartung nach ausfielen.

»Nur f-fürs P-Protokoll«, versuchte er vergeblich zu kontern.

Das gelegentliche Stottern war Folge einer posttraumatischen Störung und hatte mehr Ähnlichkeit mit einem trockenen Husten als mit einer Wortfindungsstörung.

Lennart sagte: »Schon klar, dass die meisten Fahrzeugbrände auf Defekte im Motorraum zurückzuführen sind. Aber bis ein Wagen komplett in Flammen steht, vergehen doch bestimmt fünf bis zehn Minuten. Die Zeit sollte reichen, um sich aus dem brennenden Fahrzeug zu retten.«

»Sollte. Unsere Brandermittler haben den Brandherd im vorderen Fahrgastraum lokalisiert. U-und Ihnen ist … ist s-sicher n-nicht entgangen, dass die Kennzeichen fehlen.«

»Es gibt ja noch die Fahrgestellnummer.«

»Fehlanzeige.«

»Oha.« Lennart blickte auf. »Der Wagen war gestohlen?«

»Das können wir erst beantworten, wenn wir wissen, mit welchem Fahrzeug wir es zu tun haben. Aber eins steht fest: Einen Unfall können wir ausschließen. Jetzt seid ihr an der Reihe. Und damit wären wir bei der zweiten bekannten Frage.«

Und diese lautete: Tod durch Brand oder Brand nach dem Tod?

Mordbrand, also Brandstiftung mit dem Ziel, einen Menschen zu töten, kam äußerst selten vor. Dass ein Mörder sein Opfer nach der Tat verbrannte, um Spuren und Leiche verschwinden zu lassen, dagegen schon häufiger. Aber wer würde sein Opfer dafür umständlich hinter das Steuer eines Autos setzen?

Lennart öffnete die Heckklappe eines Streifenwagens und begann, seine Arzttasche auf der Ladefläche des Kombis zu entleeren.

Lothar Hemmer hatte die Hände in den Taschen der für seinen Bauchumfang viel zu engen Jeans versenkt. »Wenn unsere Jungs keine weiteren Spuren finden – und davon können wir angesichts des reinigenden Unwetters ausgehen, und wenn in den nächsten vierundzwanzig Stunden kein Passat-Fahrer oder keine -Fahrerin als vermisst gemeldet wird, sehe ich schwarz, was Identifizierung und Rekonstruktion des Tathergangs angeht.«

Lennart gab sich unbeeindruckt: »Das wollen wir doch erst einmal sehen.«

Seine als Arroganz getarnte Coolness hatte einen Grund, den nur wenige kannten. Zum Zeitpunkt des Auffindens der Blockländer Brandleiche wusste kaum jemand etwas über Lennart Maaß – außer dass er sich mit zahlreichen wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen einen Namen gemacht hatte. Mit Mitte dreißig – einem Alter, in dem die meisten noch auf Assistenzarztstellen um die Aufmerksamkeit ihrer Oberärzte buhlten, war Lennart Maaß bereits selbst einer.

Später hat er immer wieder von seinen ersten Eindrücken und Empfindungen beim Bergen und Beschauen der Brandleiche erzählt. Fast so, als wollte er durch endlose Wiederholungen das Unbegreifliche begreifbar machen. Als könnte er in den hintersten Windungen seines Gedächtnisses Anhaltspunkte finden, die ihm Gewissheit gaben, lediglich etwas Elementares übersehen zu haben.

Doch damals, an jenem stürmischen, kalten Sonntagnachmittag im Nordbremer Marschland konnte weder Lennart Maaß noch irgendjemand sonst die fürchterliche Tragweite dieser routinemäßigen Entdeckung auch nur annähernd einschätzen.

3

Etwas später fanden die ersten klaren Gedanken ihren Weg zurück. Meine Hände zitterten nicht mehr. Panik und Entsetzen verschwanden und mit ihnen die Übelkeit. Vergeblich versuchte ich, das Gesicht der jungen Frau zurückzuholen. Nicht mehr als diffuse Schattierungen waren geblieben. Und ein Gefühl, das irgendwo zwischen Hoffnung und Furcht angesiedelt war.

Ich verließ den Ohrensessel vor dem Kamin, ging zur Garderobe, zog einen Regenmantel über und trat vor die Tür.

Das Ferienhaus stand auf dem Festland, in Neuharlingersiel, einem alten Fischerdorf, nur wenige Schritte von der Harlebucht entfernt. An Sommerwochenenden ging ich am Innenhafen mit seinen altertümlichen Krabbenkuttern spazieren und schaute den nach Spiekeroog auslaufenden Schiffen im neuen Fährhafen nach.

An sonnigen Tagen sah es hier aus, als stünde die Welt seit der Dorfgründung vor dreihundert Jahren still. Ein idyllisches Fleckchen Erde, wie aus einer Postkartenvorlage erbaut.

Trotzdem stand der Bungalow die meiste Zeit des Jahres leer. Er gehörte meinen Eltern, die vor mehr als dreißig Jahren während eines Kurzurlaubs an der Küste das Zu verkaufen-Schild im Vorgarten entdeckt und sich innerhalb einer Woche zum Kauf entschlossen hatten. Die Nachbarn waren distanziert, aber freundlich, das Meer war in Laufnähe, und in den pittoresken Gassen fand man alles, was man in den Sommermonaten benötigte. Die Ferien meiner halben Kindheit verbrachte ich in Neuharlingersiel.

Mittlerweile hatten meine Eltern die siebzig überschritten. Nach zwei Schlaganfällen traute sich mein Vater die Autofahrt nicht mehr zu, auch wenn es nicht einmal zwei Stunden Fahrtzeit waren. Zum Verkauf konnten sie sich nicht durchringen, was mir nicht unrecht war. Seit Pauls Tod und meiner Suspendierung vom Polizeidienst verbrachte ich trotz der Wintermonate mehr Zeit an der Küste als in unserer Bremer Wohnung.

*

Es war dunkel geworden in Neuharlingersiel. Der Sturm war in einen Orkan übergegangen. Die Nachbarn hatten sich in ihren Häusern verbarrikadiert. Der Wind peitschte mit sich steigernder Wucht um den Bungalow und schien kein Höchstmaß zu kennen. Ich hörte, wie wenige Hundert Meter entfernt Mülltonnen die Straße entlanggetrieben wurden und Blumenkübel zersprangen.

Das Mädchen konnte noch nicht weit gekommen sein.

*

Heute weiß ich nicht mehr genau, was mich bewogen hatte, mich auf die Unbekannte einzulassen. Bestimmt hatte es mit Verantwortungsgefühl zu tun, das mir schon von Berufs wegen auferlegt war. Sehr wahrscheinlich auch mit den Selbstvorwürfen und dem quälenden Wunsch nach Wiedergutmachung, der mich befallen hatte, seit ich für Pauls Tod verantwortlich war.

Der Schmerz über den Verlust des eigenen Kindes lähmt bis zur Bewegungsunfähigkeit. Wortwörtlich. Zentnerschwere Gewichte lasten auf meinen Gliedmaßen. Jede Bewegung tut weh – sofern ich überhaupt in der Lage bin, mich unter der Last zu regen. Wie eine unsichtbare Kralle legt sich die Trauer um meinen Hals. Mit jeder Trauerwelle wird er ein Stück mehr zusammengepresst, bis ich fast nicht mehr fähig bin zu atmen und mein Kreislauf kurz vor dem Zusammenbruch steht.

Das alles vollzieht sich nicht nur im Kopf. Das sind reale Empfindungen, Schmerzen, wie sie ein in den Eingeweiden rotierendes Messer nicht intensiver verursachen könnte. Echte körperliche Schmerzen.

Zweimal habe ich sie erfahren.

Zum ersten Mal vor fast neunzehn Jahren, als Anja starb, meine beste Freundin, und mit ihr ihre erst wenige Wochen alte Tochter. Mein Patenkind, Lena.

Zum zweiten Mal vor einem halben Jahr, als Paul ums Leben kam. Mein einziger Sohn. Mein Wunschkind. Mein Engel.

*

Die Verhandlung stand mir noch bevor. Mein Anwalt nahm sein Mandat sehr ernst. Alles andere als ein Freispruch würde er als Niederlage verbuchen, behauptete er. Für ihn war es ein tragischer Unfall. Einige Verwandte und ein paar sogenannte »Freunde« sahen die Sache etwas anders, auch wenn niemand sich traute, es offen auszusprechen. Die Anfeindungen waren subtil. Zumindest nahm ich sie so wahr; vielleicht bildete ich sie mir auch nur ein. Aber selbst dann hatte ich mit ihnen zu leben. Denn auch wenn sie nicht der Wahrheit entsprachen, so waren sie in ihrer Wirkung gerecht. Ich brauchte keinen Prozess, ich hatte mich längst schuldig bekannt.

Das Urteil hatte ich lange vor der Gerichtsverhandlung zu ertragen. Jede Sekunde, in der ich an Paul dachte, ergriffen Schmerz und Dunkelheit Besitz von mir. Ein schwarzes Loch, das mich umgab, in das ich hinuntergezogen wurde. Ein Verlies, in das ich eingesperrt war, um für meine Schuld zu büßen.

In diesen Momenten – und sie konnten Tage andauern – nahm ich nichts und niemanden um mich herum wahr. Nichts existierte. Dann war ich allein mit Paul und meiner Trauer. Nichts würde mehr so sein wie früher. Kein Lachen mehr, kein Ärger, keine Freude.

Die Dunkelheit, die Bewegungsunfähigkeit und die Schmerzen holten mich mehrmals am Tag ein. Nicht immer gleich häufig und nicht immer von gleicher Intensität. Aber an jedem einzelnen Scheißtag. Und wenn sie jede noch so winzige Pore erreicht hatten, wenn kein Platz mehr in mir war, weil die Traurigkeit meinen ganzen Körper eingenommen hatte, kamen endlich die Tränen.

*

Ich zog die Kapuze bis zur Nase herunter, um den Sprühregen, der von allen Seiten kam, abzuwehren, und versuchte, die Eiseskälte, die sich durch die nasse Kleidung in meine Haut biss, so gut es ging, zu ignorieren. Der Orkan blies so stark, dass ich mich gegen den Wind lehnen musste, um überhaupt ein paar Schritte vorwärtszukommen. Ich lief in Richtung Hafen, der einzig nachvollziehbare Weg, den eine Fremde nehmen würde. Doch sie war verschwunden. Keine Spur von dem Mädchen. Zwei Feuerwehrmännern, die von ihrem Löschzug sprangen, um einen der vollgelaufenen Keller leer zu pumpen, war sie nicht begegnet. Gerade noch konnte ich mich selbst davon abhalten, laut ihren Namen zu rufen. Der war ja sehr wahrscheinlich noch nicht mal echt. Was tat ich hier? War ich jetzt vollkommen durchgeknallt?

Nach einer halben Stunde war meine Kleidung vollends durchweicht, und ich beschloss, die Suche abzubrechen und in den Bungalow zurückzukehren.

Ich war mir absolut sicher, dass die schlammigen Fußspuren vor der Haustür frisch sein mussten. Sie waren deutlich kleiner als meine. Auf dem gepflasterten Weg folgte ich den Schlammfladen, die noch weit vor dem Rasen aufhörten. Trotzdem ging ich weiter, sah auf die Terrasse, rief einmal: »Sind Sie noch da?«, blieb aber mit mir und dem strömenden Regen allein.

Wahrscheinlich war das Unwetter schuld, vielleicht war ich jedoch einfach nicht gründlich genug.

Ich ließ die Haustür ins Schloss fallen, drehte den Schlüssel zweimal um und entledigte mich der durchnässten Kleidung. Nachdem ich heiß geduscht hatte, schlüpfte ich in meinen Pyjama und einen viel zu großen Norweger-Pullover, den mir einer meiner Exfreunde bei seinem überhasteten Auszug hinterlassen hatte, machte mir einen heißen Tee und setzte mich zurück vor den Kamin. Die mich wie Fliegen umschwirrenden Gedanken versuchte ich mit einem imaginären Insektennetz in Schach zu halten.

Eine halbe Stunde zuvor hatte es für mich nur zwei Alternativen gegeben, mit meiner Situation umzugehen: Entweder suchte ich mir einen Therapeuten und begann, mit seiner Unterstützung ins Leben zurückzufinden. Oder ich schluckte endlich die Benzodiazepine, die ich mir im Laufe mehrerer Monate bei verschiedenen Ärzten und Online-Apotheken besorgt hatte und die seit fünf Tagen, in ausreichender Dosis auf dem Küchentisch verteilt, auf eine Entscheidung warteten.

Gab es Alternativen?

Nein.

Meine Dienstwaffe hatten sie mir abgenommen.

4

Obduktionsprotokoll

Nr. 1783

Obduzent: Dr. med. Lennart Maaß

Präparatoren: Nadine Gebhardt & Meike Kohrs

Personalien

Name, Vorname: unbekannt

Geburtsdatum: unbekannt

Anschrift: unbekannt

Krankenvorgeschichte: unbekannt

Äußere Leichenschau

Todesursache: nicht natürlich

Feststellung des Todes:

Der Körper ist nahezu vollständig verkohlt und damit mit dem Leben nicht vereinbar zerstört.

Die stark fortgeschrittenen Leichenveränderungen durch Brandzehrung lassen eine Identitätsfeststellung nicht zu.

Das Geschlecht des Leichnams ist äußerlich nicht mehr zu erkennen; Brüste oder Penis/Hodensack sind rückstandslos verbrannt.

Die Beschaffenheit des Skeletts lässt darauf schließen, dass die Person zwischen 35 und 45 Jahre alt und ca. 1,75 Meter groß war. Das Körpergewicht betrug ungefähr 70 Kilogramm. Der Umfang der Oberschenkel und Oberarme lässt Rückschlüsse auf einen durchschnittlichen Körperfettanteil zu. Die Zähne befinden sich in einem guten Zustand. Der Zahnstatus soll neben einer DNA-Analyse zur weiteren Identitätsfindung hinzugezogen werden.

Die Schädelkapsel ist geborsten, eventuell in Folge der Hitzeeinwirkung. Ring- und Mittelfinger der rechten Hand wurden neben der Leiche im Fußraum des Beifahrersitzes des ausgebrannten Pkw gefunden. Vermutlich wurden die Gliedmaßen infolge der Gewebeverkochung abgesprengt. Der Hals ist normal beweglich, Strangulationsfurchen oder Würgemale sind äußerlich nicht erkennbar.

Der Körper befindet sich in der für Brandleichen typischen »Fechterstellung«. Eine hitzebedingte Verkürzung der Beugemuskulatur hat zu einem Anwinkeln von Armen und Beinen in halb gebeugter Haltung geführt.

Da die Fechterstellung die Totenstarre verfälscht, wären Rückschlüsse auf den Todeszeitpunkt verfrüht.

Die Bestimmung der Todeszeit kann durch Gegenüberstellung der Temperaturmessung der Umgebung des Auffindeortes und der Körpertemperatur erfolgen. Zu diesem Zeitpunkt kann jedoch noch nicht zweifelsfrei bestätigt werden, dass es sich bei dem Auffindeort auch um den Sterbeort handelt.

Gesicht, Rumpf und Extremitäten sind vollständig verkohlt. Totenflecken sind daher nicht mehr erkennbar.

Die von einer schwarzen Kohleschicht überzogene Haut weist glattrandige Risse auf, die den Blick auf rötliches Fleisch freigeben. Im Bereich des Bauches führten die Risse zu einem Aufplatzen der Bauchhöhle. Die Risse könnten auf Schnittverletzungen hinweisen, aber ebenso postmortal durch die hitzebedingte Schrumpfung der Haut entstanden sein.

Weitere Erkenntnisse werden durch die innere Leichenschau gewonnen werden.

5

Die Nacht, die die letzte meines Lebens werden sollte, wollte weder beginnen noch enden. Ich kannte das und wusste, dass ich nicht länger als drei Stunden durchschlafen würde, falls mir doch noch irgendwann die Augen zufielen. Doch in jener Nacht gelang mir nicht einmal das.

Die junge Frau und ihr unerwartetes Auftauchen gingen mir nicht mehr aus dem Kopf. Alles verselbstständigte sich irgendwie. Ich rief Szenen auf, Erlebnisse und Unterhaltungen aus früheren und neueren Begegnungen, altbekannte Angstgefühle. Intensiver und plastischer als in allen Nächten zuvor hatten sich die Gesichter des Todes in den Vordergrund gedrängt und ließen sich nicht mehr vertreiben.

Beruflich war der Tod kein täglicher, aber ein zuverlässiger Begleiter. In meinem knapp vierzigjährigen Leben hatte ich deutlich mehr Leichen zu Gesicht bekommen als Ted Bundy. Verkehrsunfallopfer. Selbstmörder. Wasserleichen. Verbrannte Körper. Satanisch Missbrauchte. Vergessene Greise. Unglücklich gestolperte Hausfrauen. Vergewaltigte Mädchen. Herzinfarkt bei Managern. Enthauptete Kinder.

Erzwungenermaßen hatte ich meine Empathie im Laufe der Zeit im Griff. Jedes noch so brutale, an die Nieren gehende Tötungsdelikt hatte ich nach Abschluss oder Einstellung der Ermittlungen hinter mir lassen können. Das eine schneller, das andere weniger schnell. Die Gesichter der Toten habe ich aus meinem Gedächtnis gelöscht. An ihre Namen hatte ich mich schon wenige Monate nach Aufklärung der Tat nur noch vage erinnern können. Irgendwann verschwanden sie. Garantiert. In meinem Beruf konnte ich Emotionen fortschließen und den Schlüssel sicher vor meinen inneren Reflexen verlegen. Das waren Fälle. Akten. Reiner Selbstschutz. Sonst wird man verrückt.

Tagsüber war der Tod ein abstrakter Begleiter. Wir fuhren auf derselben Straße, aber wir saßen in unterschiedlichen Fahrzeugen, waren in andere Richtungen unterwegs.

Anders nach Feierabend: In den Abendstunden nahm er vor meinem inneren Auge Gestalt an, befeuerte schmerzlich-süße Melancholie. Lange Zeit hatte der Tod für mich nur zwei Gesichter: Anjas und Lenas.

Seit diesem Jahr kam ein drittes hinzu: Pauls.

*

Nach Anjas und Lenas gewaltsamem Tod wollte ich Gerechtigkeit nicht weiter denen überlassen, auf deren Wirken ich keinen Einfluss hatte. So brach ich mein Linguistikstudium ab und absolvierte den Einstellungstest der Polizeihochschule Bremen, die sich auf die Ausbildung von Beamten im Gehobenen Dienst spezialisiert hatte.

Da das Berufsziel der Kriminalkommissarin für mich alternativlos war, setzte ich alles daran, die Prüfungen mit Bestnoten zu bestehen – was mir meistens gelang. Die Ausbildung schloss ich als Jahrgangsbeste ab. Meine Aufklärungsrate zählt zu den höchsten in Norddeutschland. Nichts, worauf ich stolz wäre, aber ich finde, ich darf es erwähnen.

Nur deshalb hatten sie mir so lange den Rücken frei gehalten. Nur deshalb hatten sie so lange gezögert, mich zu suspendieren. Meine Dienstmarke musste ich ihnen freiwillig auf den Tisch knallen.

*

Anja und Lena hatten mich dazu getrieben, Polizistin zu werden. Der Grund, den Beruf an den Nagel zu hängen, war Paul.

Relativ spät war ich Mutter geworden. Zu lange war die Erinnerung an Anja und ihre tödlich endende Mutterschaft präsent gewesen. Zu sehr war ich mit meiner Karriere beschäftigt, während Jörg seine Kanzlei aufbaute. Eigentlich waren wir uns einig, dass wir als eines jener kinderlosen Paare mit großem Freundeskreis und ausschweifenden Hobbys alt werden wollten, viermal im Jahr um den Globus reisen und unsere Eigentumswohnung mit weißen, kinderunverträglichen Designermöbeln einrichten würden. Aber dann wurde ich schwanger. Es fühlte sich gut und richtig an. Schon von der zweiten Minute an war alles anders, und wir konnten es nicht erwarten, Eltern zu werden. Da meine Stelle nicht nachbesetzt wurde, stieg ich nach drei Monaten mit verkürzter Arbeitszeit wieder in meinen Beruf ein, während Jörg einen weiteren Nachwuchsanwalt einstellte und seine Arbeitszeit herunterfuhr.

*

Am Morgen des Tages, an dem Paul starb, hatte ich die Nacht durchgearbeitet und nicht mehr als zwei Stunden geschlafen.

Nach einem zweimonatigen Ermittlungsmarathon war uns endlich ein Serienvergewaltiger und Mörder ins Netz gegangen.

Als ich aus dem Verhörzimmer kam, rief Jörg an. Ein Notfall. Die Tagesmutter war im Urlaub, und ein Mandant brauchte ihn dringend in Hamburg. Ich müsse Paul nehmen. Es folgte das übliche Rumgezicke und Angemaule, an das ich mich in Situationen wie dieser schon viel zu sehr gewöhnt hatte. Jörg gab gern damit an, dass er eine Frau an seiner Seite hatte, die beruflich unabhängig war und einer Tätigkeit nachging, die seiner Meinung nach so viel aufregender und bewundernswerter war als seine. Nur sobald sich unsere Jobs in die Quere kamen, sortierte er die Prioritäten nach seinem Gusto um. Schließlich war ich ja verbeamtet und trug nicht wie er das Risiko eines Selbstständigen auf meinen Schultern. Sein selbstgerechter Egoismus brachte mich regelmäßig auf die Palme. Nur selten knickte ich ein – ein nicht ungefährlicher Außeneinsatz reichte meist als Totschlagargument.

Anders an diesem Morgen. Mein Dienstschluss war zum Greifen nahe. Also stand Jörg zwanzig Minuten später mit Paul auf dem Arm in meinem Büro. Ich breitete die Spieldecke auf dem Boden aus, stellte Paul die Playmobil-Kiste hin und beeilte mich, den Abschlussbericht fertig zu schreiben, damit wir nach Hause fahren konnten.

Verbeamtung hin oder her – unsere Kundschaft kümmert sich nicht um Dienst- und Ruhezeiten.

In der Zwischenzeit hatte auf der anderen Seite des Ganges ein durchgedrehter Kleindealer seinen Komplizen als Geisel genommen. Ich weiß nicht mehr, warum ich überhaupt rübergestürmt bin. Sehr wahrscheinlich hätten die Kollegen die Situation selbst in den Griff bekommen, aber das ohrenbetäubende Geschrei über den Flur hatte mich alarmiert. Immer wieder der Schrei: »Ich breche ihm das Genick!«

Paul weinte und war nicht zu beruhigen. Ich redete ihm gut zu, versprach, dass seine Mama nach dem Rechten sehen und für Ruhe sorgen würde. Sicherheitshalber schloss ich mein Büro ab. Als ich das gegenüberliegende Zimmer betrat, schleuderte der Dealer den Kopf seines Kumpans mit voller Wucht gegen die Fensterbank. Sofort entsicherte ich meine Walther, schoss ihm ins Knie und entsicherte erneut.

Meine Kollegen kümmerten sich um den Rest.

Ich lief zurück zu Paul und legte die Waffe auf den Schreibtisch.

Warum ich sie nicht wieder gesichert und verstaut hatte? Ich weiß es nicht. Glauben Sie mir, diese Frage stelle ich mir jeden Tag. Ich weiß aber, dass ich auch am Ende meines Lebens keine Antwort darauf gefunden haben werde.

Meiner Schuld bin ich mir bewusst; keine rationale Erklärung dieser Welt kann die Tragödie rückgängig machen. Ich war übermüdet, gestresst, wütend auf Jörg, wütend auf den Dealer, der meinen Feierabend zu ruinieren drohte, genervt von Paul, der nicht aufhören wollte zu weinen. Und genervt von meinen Kollegen, die mich über den Flur zurückriefen, nur um mich daran zu erinnern, einen weiteren Bericht zu verfassen. Als ich maulte, sie könnten ihren Scheißbericht gefälligst selbst schreiben, hörte ich den Schuss. Trotz meiner Übermüdung wusste ich sofort, was passiert war. Ich weiß nur noch, dass ich schrie und lief. Und schrie. Und schrie. Und schrie.

Wahrscheinlich sitzen Sie nun da und schütteln den Kopf. Halten mich für unfähig, meinetwegen für überfordert. Eine Rabenmutter, die die essenziellste Lebensregel nicht beherrscht: die Gesundheit und das Leben ihrer Kinder zu schützen. Vielleicht haben Sie recht. Ich weiß nur, dass ich mein Kind abgöttisch geliebt habe und dass ich mein eigenes Leben dafür opfern würde, alles, was passiert ist, ungeschehen zu machen.

*

Sie kennen jetzt die Bilder. Sie verfolgen mich jeden Abend vor dem Einschlafen. Zwei Flaschen Rotwein können sie nicht verdrängen, auch Tabletten nicht, erst recht nicht die Fernsehsendungen im Nachtprogramm. Die Bilder werden mich bis an mein Lebensende verfolgen und meine Nächte beherrschen. Damit habe ich mich abgefunden. Das bin ich Paul schuldig.

*

In jener Nacht im Ferienhaus meiner Eltern beschäftigten mich wieder einmal nur Paul, Lena und Anja. Lena, Anja und Paul. Anja, Paul und Lena. Ich sehe ihre Gesichter, höre ihr Lachen, ich rieche ihre Haare.

Es war weit nach Mitternacht, als ich die Geräusche auf der Terrasse bemerkte. Längst war ich so zermürbt von Depression, Angst und Erschöpfung, dass ich nicht einzuschätzen vermochte, ob die Laute real waren. Zuerst nur ein Schlurfen. Dazwischen immer wieder der Donner des Gewitters, das über die Harlebucht gezogen war und näher kam.

Ich verscheuchte die trübsinnigen Gedanken, die mich vom Schlafen abhielten, schlug die Bettdecke zur Seite und sprang auf die kalten Holzdielen.

Wieder das Schlurfen. Jemand machte sich an der Terrassengarnitur zu schaffen! Ich zog den grauen Kapuzenpulli über und ging barfuß ans Fenster. Die schweren dunklen Vorhänge schob ich beiseite, konnte aber nichts erkennen. Die Terrasse lag völlig im Dunkeln. Dahinter erhoben sich die schemenhaften Umrisse der Bäume und Hecken, die das Grundstück umgaben. Der Blitz verwandelte die ineinander verschlungenen grauschwarzen Konturen schlagartig in eine taghelle Szenerie. Angespannt tasteten meine Augen durch die sofort wieder einsetzende Dunkelheit.

Beim nächsten Blitz erkannte ich sie. Beide Beine unters Kinn gezogen, saß sie unter dem Vordach, auf dem einzigen verbliebenen Gartenstuhl. Als ich die Fenstertür öffnete und beiseiteschob, sprang sie auf. Ihre Augen ließen nicht eine Sekunde von mir ab. Angst und Furcht waren nicht aus ihrem Blick gewichen. Ich sah sie mit ernster Miene an und forderte sie mit stummen Zeichen auf hereinzukommen. Ohne zu zögern, stand sie auf und trat ein. Sie war noch stärker durchnässt als bei unserer ersten Begegnung an der Haustür. Kein einziges trockenes Kleidungsstück hing an ihrem Körper.